Zum Ansatz einer „offenen Wirklichkeit“

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Was bedeutet es heute, an Gott zu glauben? Welche Behauptung stellt man auf, wenn man in unserer naturwissenschaftlichen Kultur sagt, dass Gott existiert? Diese Fragen begleiten meinen Lebensweg und haben mich zu einer langfristigen Beschäftigung mit philosophischen, mit naturwissenschaftlichen und theologischen Ansätzen geführt. Wie kann, wie muss man die Wirklichkeit beschreiben, so dass die Behauptung der Existenz Gottes nicht wie ein Überbleibsel aus voraufklärerischen Zeiten wirkt? 

Es geht also zentral um die Deutung der Wirklichkeit. Viele zeitgenössische Konzepte neigen zu Verkürzungen und Reduktionen. Aus einer naturalistischen Perspektive etwa, die allein die Ergebnisse der Naturwissenschaften akzeptiert, ist der Rahmen für die Wirklichkeit scheinbar abgesteckt. Aus dieser Perspektive mutet es komisch an, eine weitere Größe hinzuzufügen, die man „Gott“ nennt.

Doch ist dieser reduzierte Zugang zur Wirklichkeit weder natürlich noch einfach vernünftig. Er basiert auf einer bestimmten Weltsicht, die sich im Laufe der letzten Jahrhunderte immer stärker ausgebaut hat und die zwei zentrale Thesen kennt: Die Welt lässt sich erstens mit Hilfe objektiver Beschreibungen wiedergeben. Zweitens sind Menschen in ihren Körper eingekapselte Wesen, Individuen, die das Ziel haben, ihre innewohnenden Potentiale zu entfalten. 

Anders stellt sich die Wirklichkeit dar, wenn man sie mit Hilfe einer Phänomenologie beschreibt, die beim Leib ansetzt. Dieser philosophische Ansatz kann die Erfolge der wissenschaftlichen Forschung aufnehmen, ohne die Wirklichkeit darauf zu reduzieren. Er folgt dem zentralen aufklärerischen Prinzip, stets darauf zu achten, unter welchen Voraussetzungen wir Aussagen über die Welt, den Menschen machen können. Diese Voraussetzungen sind aber durch unsere leibliche Existenz bestimmt. Mir haben die philosophischen Ansätze von Maurice Merleau-Ponty, von Paul Ricoeur und Bernhard Waldenfels geholfen, diese Voraussetzungen genauer zu beleuchten.

Dies führte vor allem zu der Einsicht, dass Menschen nicht in erster Linie abgegrenzten Individuen sind, sondern als leibliche Wesen aus einer elementaren Verbundenheit leben, einer Verbundenheit mit anderen Menschen, mit der Umwelt, mit Gott. Die Verbundenheit ist es aber, die in der Moderne eher gering geschätzt wird. Die moderne Sicht auf die Wirklichkeit ist vielmehr durch ein Gegenüber geprägt, symbolisiert durch das Gegenüber zweier paralleler Striche: I I. Zentral ist etwa das Gegenüber von Subjekt und Objekt, das schon vom Konzept her keine vermittelnden Größen kennt.

Anders ist es, wenn man die Verbundenheit voraussetzt Der Chiasmus (X) entsteht dadurch, dass die Linien des Gegenübers zueinander gekippt, miteinander verschränkt sind. Das X weist darauf hin, dass auch jedes Gegenüber aus einer ursprünglichen Verbundenheit, aus einer Verschränkung stammt. Der christliche Glaube kann unter diesen Bedingungen als ein Ausdruck dafür verstanden werden, aus einer radikalen Verbundenheit zu leben. Die Wirklichkeit wird zu einer offenen Wirklichkeit, weil wir als leibliche Wesen keine Möglichkeit haben, einen vollständigen Überblick zu erlangen. Die Wirklichkeit ist unüberschaubar, weil sie uns zu nah ist. Wir kennen immer nur Ausschnitte, die wir methodisch interpretieren, deren Deutung aber auch immer wieder in Frage gestellt werden kann.

Die Frage der Wirklichkeitsdeutung begleiten meinen Lebensweg. Parallel zum Ingenieurstudium haben mich philosophische und theologische Texte beschäftigt, im Theologiestudium ging es vor allem um ein Verständnis von Wissenschaft und Technik. An der Evangelischen Akademie im Rheinland beschäftigt mich der Dialog zwischen Naturwissenschaften und Theologie.

In drei aufeinander aufbauenden Monographien, erschienen im Alber Verlag, bin ich den Fragen nachgegangen. 1. Was wissen wir über die Welt? 2. Was ist die Identität des Mensch? 3. Was zeigt sich, wenn wir von Gott reden? –Die beiden ersten Veröffentlichungen haben sich allein auf die philosophische Diskussion konzentriert, die letztere hat theologische Fragestellungen in den Mittelpunkt gestellt.

Schließlich habe ich aktuell in einer weiteren Veröffentlichung sozialphilosophische Folgerungen aus dem Ansatz elementarer Verbundenheit in einer offenen Wirklichkeit gezogen.

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1.Offene Wirklichkeit. Ansatz eines phänomenologischen Realismus nach Merleau-Ponty, Freiburg, München 2011, 3. Auflage 2014.

Cover_offene_WDie Untersuchung zeigt die grundsätzliche Offenheit der Wirklichkeit, die man zwar erfolgreich naturwissenschaftlich erforschen, die man aber nicht in einer geschlossenen und vollständigen Darstellung abbilden kann. Sie knüpft an die phänomenologischen Arbeiten von Merleau-Ponty an, der eine Beschreibung der Wirklichkeit jenseits eines Subjekt-Objekt-Dualismus anstrebte. Aufgrund ihrer leiblichen Existenz können Menschen sich von der Wirklichkeit distanzieren, aber nicht vollständig aus ihr lösen. Weder monistische noch dualistische Ansätze können deshalb überzeugen. Einerseits werden die objektivierend arbeitenden Naturwissenschaften bestätigt, andererseits werden zugleich jene irreduziblen Erscheinungsweisen der Wirklichkeit freigelegt, die etwa in bestimmten Sinnerfahrungen, Emotionen und Intuitionen einen Ausdruck finden. Ein Schema, das sich aus der Metapher des Chiasmus ableitet, ist Grundlage für die Entwicklung eines phänomenologischen Realismus. Aus dieser Analyse der Wirklichkeit folgt die Forderung nach einer Kultur, die die lebensweltlichen und die wissenschaftlichen Erkenntnisse in eine fruchtbare Beziehung setzt. Dem gemäß ist eine offene Erkenntnishaltung, die die Anstrengungen des Verstehens mit einer Achtsamkeit auf die unverstandenen und unverstehbaren Anteile der Wirklichkeit verbindet.

 Inhaltsverzeichnis und Einleitung „Offene Wirklichkeit“

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2. Identität in einer offenen Wirklichkeit. Eine Spurensuche im Anschluss an Merleau-Ponty, Ricœur und Waldenfels, Freiburg, München 2014.

Frank Vogelsang: Identität in einer offenen WirklichkeitIn der Moderne kommt der Frage nach der Identität eine besondere Bedeutung zu. Antworten auf die Frage „Wer bin ich?“ sind immer weniger durch kulturelle Traditionen geprägt. Dieser Verlust kann philosophisch als Gewinn gedeutet werden, wenn er den Blick für unsere menschliche Situation öffnet. Der gegenwärtig populäre Ansatz beim Individuum als Ausgangspunkt für die Frage nach der Identität verkennt jedoch die Bedingungen der leiblichen Existenz. Arbeiten von Merleau-Ponty und Waldenfels zeigen, dass wir als leibliche Wesen immer schon auf die Wirklichkeit, die uns umgibt, und auf die Anderen, die mit uns leben, ausgerichtet und mit ihnen verbunden sind. Identität erweist sich so als verflochten in eine Dynamik, die immer auch über sie hinaus geht. Nie sind wir ganz bei uns selbst, Eigenes und Fremdes lassen sich nicht trennen. Die phänomenologische Analyse legt dar, dass Verbundenheit ebenso zu unserer Identität gehört wie Getrenntsein. Identität in einer offenen Wirklichkeit zeigt sich in unterschiedlichen Spuren, die je ihre eigene Qualität, Stärke und Begrenzung haben, sie zeigt sich als Verflechtung, als narrative Identität, als Individualität. Die Studie zeichnet diese Spuren nach.

Inhaltsverzeichnis und Einleitung „Identität in einer offenen Wirklichkeit“

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3. Die Rede von Gott in einer offenen Wirklichkeit. Phänomenologisch-hermeneutische Untersuchungen nach Merleau-Ponty, Ricœur und Waldenfels, Freiburg, München 2016.

a_werbung_u1_2016_3_h 94a_werbung_u1_2016_3_h 95a_werbung_u1_201Die Rede von Gott ist eine Weise, Wirklichkeit zu erschließen. Diese Aussage erscheint in einer Zeit verwunderlich, in der die Naturwissenschaften zu der maßgebenden Autorität der Wirklichkeitsdeutung avanciert sind. In weit verbreiteten Reaktionen auf deren Erfolg wird der Aussagebereich einer Rede von Gott eher auf ein unspezifisches Jenseits oder auf das subjektive Empfinden und moralische Handeln von Individuen eingeschränkt. Die phänomenologische Analyse weist aber auf, dass die Wirklichkeit, mit der der leiblich existierende Mensch immer schon verbunden ist, weiter ist als das, was objektivierende Darstellungen zeigen können. Narrative Formen und metaphorische Ausdrücke erschließen die Wirklichkeit in einer gegenüber den Naturwissenschaften eigenständigen Erscheinungsweise. Die Auslegung von Texten mittels hermeneutischer Methoden zeigt fragile und von Spannungen gekennzeichnete Ordnungen einer kontingenten und geschichtlichen Wirklichkeit. Dazu gehört auch die christliche Rede von Gott, die an die Erzählungen des biblischen Kanons anknüpft. Darüber hinaus gibt es eine Erscheinungsweise der Wirklichkeit mit nur indirekt beschreibbaren Phänomenen, die aber eine große Relevanz für das Wirklichkeitsverständnis hat. Die Rede von Gott erhöht mit Hilfe einer Vielzahl von Grenzausdrücken die Aufmerksamkeit auf die Phänomene dieser Erscheinungsweise. Einige Grenzausdrücke wie „Reich Gottes“, „Gott der Vater“, „In Christus sein“ sollen mit phänomenologischen Methoden interpretiert werden.

 Inhaltsverzeichnis und Einleitung „Die Rede von Gott in einer offenen Wirklichkeit“

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4. Soziale Verbundenheit. Das Ringen um Gemeinschaft und Solidarität in der Spätmoderne, Freiburg München 2020.

Eine weitere Publikation erscheint im Frühjahr 2020. Sie befasst sich mit der Frage, welche sozialphilosophischen Bedeutung die existentielle Verbundenheit zwischen Menschen hat. Die Untersuchung kritisiert den zurzeit hegemonialen Diskurs der Gesellschaft, der sich auf Individuen und gegenwärtige soziale Systeme konzentriert. Sie fordert eine größere Beachtung der Formen sozialer Verbundenheit, die sich im Laufe der Geschichte kontinuierlich ändern.

31k5R60ir-L._SX312_BO1,204,203,200_In der Gegenwart verlieren die gesellschaftlichen Formen der Verbundenheit, politische Parteien, Gewerkschaften, Vereine oder Kirchen, an Bedeutung. Eine leibphilosophische Analyse zeigt, dass Menschen aber nicht nur selbstbestimmte Individuen, sondern immer auch existentiell miteinander verbundene Wesen sind. Das spiegelt sich in ihrer Suche nach Gemeinschaft und Solidarität. Welche Formen der Verbundenheit können in der Zukunft Bedeutung erlangen? Diskutiert werden traditionelle Gemeinschaften, die Solidarität in emanzipatorischen Kämpfen, die Verbundenheit in Religionsgemeinschaften und in digitalen Netzwerken.

Inhaltsverzeichnis und Einleitung „Soziale Verbundenheit“

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(Foto oben: Andrea Zmrzlak)