Wer entscheidet, wenn der „Einzelne“ entscheidet? Kritische Anmerkungen zu der ARD Sendung „GOTT“

Gestern, am 23.11.2020 ist zur besten Sendezeit ein für das Fernsehen inszeniertes Theaterstück von Ferdinand von Schirach ausgestrahlt worden mit dem etwas reißerischen Titel „GOTT“. In ihm wird der Wunsch eines gesunden, älteren Menschen verhandelt, selbstbestimmt aus dem Leben scheiden zu wollen mit Hilfe von anderen, so dass das Risiko von Leiden minimiert wird. Dieser Wunsch wird von einem fiktiven Ethikrat verhandelt, eine Juristin, eine Ärztin, ein Arzt und ein Theologe kommen zu Wort. Nun kann man etliche Fragen an das Stück, den Titel und seine Inszenierung stellen. Am Ende sollen auch ein paar Fragen aufgelistet werden. Doch die berechtigte Kritik an vielem soll nicht ablenken von dem zentralen Problem, das mit dem Stück und seiner fernsehgerechten Inszenierung einhergeht: Wer entscheidet, wenn der Einzelne entscheidet?

Diese Frage richtet sich nicht nur an das Stück von Schirach, sondern auch an das Urteil des Bundesverfassungsgerichts und an einen breiten Strom öffentlicher Meinung. Das Thema geht weit über die Frage nach der Begleitung beim Suizid hinaus und spiegelt sich in vielen gesellschaftlichen Debatten. Im Kern geht es darum: Die Selbstbestimmung ist ein zentraler gesellschaftlicher Wert, die Instanz des Einzelnen ist deshalb von größter Bedeutung. Ein zentraler Satz des Urteils des Bundesverfassungsgerichts bringt die Haltung so auf den Punkt: „Die Entscheidung des Einzelnen (…) ist (…) von Staat und Gesellschaft zu respektieren.“

Wer ist der Einzelne?

Doch was oder wer ist dieser Einzelne? Man stellt sich paradigmatisch einen einzelnen Menschen, erwachsen, im Vollbesitz der eigenen körperlichen und geistigen Kräfte vor. Nun ist die Leitidee, dass jede und jeder ihres bzw. seines Glückes Schmied ist und deshalb die eigenen Lebensgeschicke selbst bestimmt, sehr plausibel. Das gilt für zahllose Entscheidungen, die jede und jeder im Leben fällen muss. Dabei gilt aber: Je stärker die Entscheidung sich dem alltäglichen Leben nähert, desto plausibler ist das Konzept. Welches Auto man gerne fährt, mit welcher Kleidung man sich zeigt, welche Freizeitvorlieben man hat, kann und soll jede und jeder selbst entscheiden. Es ist sehr plausibel, dass die Instanz der Entscheidung klar benennbar ist, nämlich jene Person, die die Entscheidung trifft. Es gibt keine klare Grenze zu den Personen des sozialen Umfeldes und die Person wird in der Regel dazu neigen, die Entscheidung in ähnlicher Form zu wiederholen. Sie kann sie aber auch revidieren und künftig eine andere Automarke bevorzugen oder sich ganz gegen das Autofahren entscheiden.

Der Einzelne im Alltag

Je grundlegender und je irreversibler aber eine Entscheidung wird, desto schwieriger wird es, die Instanz der Entscheidung eindeutig auszumachen. Man kann die Instanz von zwei Seiten problematisieren und beide Seiten können durch gute Argumente gestärkt werden. Man nach der inneren Seite hin fragen, ob ein Mensch überhaupt so selbsttransparent sein kann, dass da eine eineindeutige Entscheidung möglich ist. Entscheiden wir nicht zu oft unter Unsicherheit? Und sind wir nicht oft erst im Nachhinein in der Lage, zu sagen, ob eine Entscheidung richtig war oder falsch? Gibt es nicht bei sehr vielen Entscheidungen konfligierende innere Stimmen und Stimmungen, so dass es schwer fällt, einer dieser Stimmen und Stimmungen den Vorzug zu geben? Diese Stimmen weisen zugleich auch auf die äußere Seite, denn sie sind natürlich nicht unabhängig von den Menschen, mit denen wir leben.

Der Einzelne als Konstrukt

Und hier setzt die grundlegende Kritik an der Instanz des Einzelnen an: Menschen sind nicht einfach aus sich heraus einzelne Wesen. Der Mensch ist ein homo socialis, ein zoon politikon. Wir sind immer mehrere. Menschen wachsen in der Begleitung und in der Obhut mit anderen Menschen auf. Menschen beeinflussen einander in ihren Meinungen und Wertorientierungen. Kein Mensch denkt sich die Werte aus, denen sie oder er folgt. Menschen sind auf elementare Weise miteinander verbundene Wesen. Der menschliche Geist erwächst aus dieser Verbundenheit. Die wirkmächtigste Form der Verbundenheit ist die menschliche Sprache. Ebenso wichtig sind zentrale Werte, die wir miteinander teilen. Wenn man also auf Entscheidungen schaut, die von großer Bedeutung sind, die nicht leicht revidierbar sind, kann man immer weniger davon ausgehen, dass ein einzelner Mensch als unabhängige Instanz gelten kann.

Der Einzelne als Errungenschaft

Nach dieser grundlegenden Kritik gilt es, einen Schritt zurückzutreten. Denn tatsächlich hat die Instanz des Einzelnen, so wie sie sich in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat, große gesellschaftliche Vorteile und Errungenschaften mit sich gebracht. Das lässt sich leicht an dem Gegenüber von Selbstbestimmung und Fremdbestimmung erläutern. Die Instanz des Einzelnen bewährt sich dann, wenn es darum geht, Fremdbestimmung abzuwehren. Eine Gesellschaft, für die Freiheit ein zentraler Wert ist, muss darauf bedacht sein, dass Fremdbestimmung möglichst gering gehalten wird.

Das Arbeitsprogramm

Doch ist diese Vorstellung vom Einzelnen für das zoon politikon nicht die Feststellung einer gegebenen Wirklichkeit, sondern eher ein ständiges Arbeitsprogramm! Der Mensch bleibt als soziales Wesen von anderen abhängig und kann sich nicht von ihnen vollständig lösen. Wir sind immer von anderen abhängig, gerade auch in grundlegenden Entscheidungen. Das, was wir für lebenswert ansehen, ist auch stark davon bestimmt, was unser soziales Umfeld als lebenswert erachtet. Wie viel dieser Entscheidung ist unsere Entscheidung, wie viel davon ist Spiegelung unseres sozialen Umfeldes? Aus diesem Dilemma kommen wir nicht heraus. Im Fazit also gilt: Die Meinung des Einzelnen ist eine sehr wichtige Kategorie, aber sie ist keine absolute.

Was heißt das im Fall des begleiteten Suizids? Man soll, man muss die Stimme des einzelnen Menschen hören. Sie hat im Zweifel das größte Gewicht. Eindrucksvoll wurde in der Sendung „Hart aber fair“ der Fall einer älteren Frau dargestellt, die sterben wollte. Aber hier bewegt man sich nicht auf sicherem Grund, sondern auf wackeligem Boden. Deshalb ist es notwendig, die Stimme des Einzelnen immer wieder zu befragen. Könnte es nicht sein, dass der Mensch, der sich äußert, nur vorweg nimmt, was andere ihm subtil nahe gelegt haben? Wer will sich vom Zeitgeist frei sprechen? Diese Mühe hat sich aber in dem Stück von Schirach und in der Verfilmung niemand so recht gemacht. Da tritt ein Einzelner auf, verkündet seine Meinung und dieses wird als gegeben und gesetzt genommen, das zunächst einmal nichts mit den anderen zu tun hat. Das ist ein gravierender Fehler, der vor allem eines zum Ausdruck bringt: den aktuell geltenden Zeitgeist. Thomas E. Schmidt formuliert in „Die Zeit“: „Ferdinand von Schirach will aber, dass der Zeitgeist entscheide. Wie in seinen anderen Büchern fühlt er sich auch in Gott ganz einig mit ihm.“

Ärgerliche Randbemerkungen

Dann noch eine Reihe von ärgerlichen Dingen nur angemerkt: Warum heißt das Stück, die Sendung GOTT? Folgt man dem Inhalt weist der Titel ins Leere. Ist es nur das Reißerische, das Verkaufsfördernde?

Warum tritt lediglich ein Vertreter der katholischen Kirche auf? Weil man sich von einem normativen Naturrecht so leicht absetzen kann, weil es so definitiv vormodern wirkt? Warum dieser komische Exkurs, Parforceritt durch die Geschichte der Dogmatik? Soll das allen Ernstes jemand verstehen? Nein, wahrscheinlich nicht, aber das alles klingt so hübsch antiquiert: Es lächelt der moderne Mensch in Gestalt des Anwalts überlegen und ein wenig nachsichtig und wendet sich SELBSTgewiss ab.

Der Mensch als Egoist. Politische Analysen von Erik Flügge. Eine Rezension

Erik Flügge hat ein Buch veröffentlicht, das den kurzen und prägnanten Titel „Egoismus“ trägt. (Egoismus. Wie wir dem Zwang entkommen, anderen zu schaden, Dietz Verlag, Bonn 2020) Das Buch ist mit 111 Seiten von überschaubarer Länge, der Preis, den der Verlag angesetzt hat, ist aber auch nicht hoch, er beträgt 10 Euro.

Der Egoismus lässt sich nicht durch Moral einhegen

Der Egoismus hat nach Flügge in unserer Gesellschaft eine zwiespältige Rolle: Auf der einen Seite prägt er den Alltag und viele gesellschaftliche Strukturen, auf der anderen Seite aber wird er von den meisten als eine zu verurteilende Haltung abgelehnt. Flügge macht zu Beginn klar, dass er in dieser Ambivalenz ein Problem sieht. Er fragt pointiert: „Sind Sie ein Egoist? Ich hoffe doch. Alles andere wäre die blanke Unvernunft.“ (S. 13) Es ist hier und auch an vielen anderen Stellen des Buches eindeutig, was Flügge auf jeden Fall ablehnt, das ist eine Moralisierung des Problems. Im Text bezieht er sich immer wieder auf Moralisten, die für ihn  an der Oberfläche hängen bleiben, die nicht erkennen, wie fundamental der Egoismus für unsere Gesellschaft ist. Das zeigt sich auch bei politischen Wahlen: „Die moralische Rede vom Zusammenhalt erhält Applaus, weil sie eine Sehnsucht befriedigt, aber sie erhält keine Stimme,weil sie nicht mehr ist als eine hohle Phrase.“ (S. 20) Es steht seiner Ansicht nach außer Frage, dass man den verbreiteten Egoismus nicht mit moralischen Vorhaltungen einhegen kann. Immer wieder scheint durch, dass er eine solche Haltung verlogen findet, denn tatsächlich dominiert der Egoismus in vielen unserer Handlungen. Zwischen Egoismus und Zusammenhalt liegt die Freiheit

Ist der Egoismus nun ein Verhängnis? Nein, das ist er nicht, er ist für Flügge in gewisser Weise ein Pol eines Spektrums. Die Extreme des Spektrums sind problematisch:Der unbegrenzte Egoismus führt zu einer Ordnung der Unterdrückung. Der andere Pol ist bestimmt von absoluter Gleichheit und Gemeinschaft. Hier gilt zwar die Norm des Zusammenhalts, aber: „Egal wie sehr man behauptet, die Gemeinschaft sei offen für alle, so wird der Gedanke vom Zusammenhalt doch immer eine so starke innere Norm entfalten (…) eine Gesellschaft, in der Gleichheit zementiert wird und echte individuelle Freiheit stirbt.“ (S. 16) Beide, Egoismus und Zusammenhalt im Sinne der Anerkennung durch andere möchte Flügge gerne zusammen denken: „Nur zwischen diesen beiden Polen gibt es echte Freiheit für jedermann.“ (S. 15)

Die kluge Ordnung fördert beides, Egoismus und Zusammenhalt

Wie aber soll man mit der ständigen Gefahr eines Überhangs an Egoismus umgehen, wie soll man ihn eindämmen, so dass die Gesellschaft sich nicht in dieses eine Extrem entwickelt? Hierzu gibt Flügge die Losung aus, systemisch zu denken. Gesellschaften bestehen aus Regeln, wenn diese Regeln egoistisches Verhalten nicht eindämmen können, so muss man die Regeln ändern. Aber anders als es die von Flügge so zu Recht gescholtenen Moralisten tun. Es geht nicht darum, mehr Verbote zu erlassen oder das Handeln zu erschweren, vielmehr geht es darum, die Regeln auf kluge Weise so zu gestalten, dass sie den Egoismus nicht absolute Freiheit lassen, dass Zusammenhalt auch möglich ist: „Es geht also darum, systemisch gedacht, den Menschen in möglichst vielen organisierbaren Situationen zur Kooperation zu bringen (…).“ (S. 29)

Flügge unternimmt das Wagnis, in den folgenden kurzen Kapiteln des Teils „Die kluge Ordnung“ konkrete Vorschläge für Regeländerungen auf ganz unterschiedlichen politischen Feldern zu entwickeln. So macht er Vorschläge zur Finanzierung der Gewerkschaften, zu einer Linderung der kontinuierlichen Mietsteigerungen, zu einer gerechteren Bildung, zu mehr Ökologie und Verbraucherschutz. All diese Gedanken sind kurz ausgeführt und leuchten mehr oder weniger ein. Alle sind sicherlich innovativ gedacht, sie hangeln sich nicht entlang einer liberalen Doktrin der Freiheit des Einzelnen oder einer dogmatischen Doktrin der Umverteilung von Vermögen.

Institutionen müssen ihre Eigenart erkennen, um überleben zu können

In einem letzten Teil befasst sich Flügge mit großen gesellschaftlichen Institutionen, vor allem den Kirchen und den politischen Parteien. Der zentrale Satz zu den Kirchen lautet. „ Überall dort, wo Kirchengemeinden sich nicht um sich selbst, sondern um andere drehen, da sind sie stark.“ (S. 97) Flügge sieht die latente Gefahr der Selbstbeschäftigung der Kirchen. Die Gefahr ist in den kommenden Zeiten schwindender Mittel in der Tat manifest. Den Parteien empfiehlt er nicht luftige Visionen, sondern eine klare Gegnerschaft: „ Wer nicht weiß, wogegen man antritt, verliert auch alle Überzeugungskraft.“ (S: 107)Politik hat es in der Tat mit Konflikten zu tun. Auch hier zeigt Flügge, dass er aus guten Gründen einer Moralisierung von Politik wehren möchte.

Die Kritik: Auch der Egoismus setzt immer schon eine grundlegendere Verbundenheit von Menschen voraus.

In manchem  kann ich Flügge folgen, an entscheidenden Punkten aber möchte ich ihm widersprechen. Er ist offenkundig der Auffassung, dass die Gegenwart und auch die Zukunft von den gegenwärtigen gesellschaftlichen Systemen bestimmt sind, die Formen der Gemeinschaft und des Zusammenhalts veraltet sein lassen. „Unser System liefert keinen Gewinn aus Gemeinsinn mehr. Uns gingen Gott und Tradition verloren.“ (S. 22) So oder ähnlich formuliert er auch an anderen Stellen. Doch hier kommt mir die philosophische Analyse zu kurz. Flügge neigt dazu, den Status quo zu zementieren. Doch die gesellschaftliche Gegenwart, die wir erleben, ist in einer gesellschaftlichen und kulturellen Formation entstanden und sie wird sich weiter entwickeln. Das Gleiche gilt für das vorherrschende  Menschenbild. Der Mensch ist nicht einfach ein egoistisches Individuum. Natürlich gab es und gibt es immer egoistische Beweggründe. Man darf dies aber weder moralisieren, noch überhöhen. Bestimmte gesellschaftliche und kulturelle Strömungen der Gegenwart legen letzteres nah. Um aber ein vollständigeres Bild zu zeichnen, ist es meiner Ansicht nach unerlässlich, Zusammenhalt – ich würde ja den Begriff der sozialen Verbundenheit bevorzugen – auch analytisch genauer zu bestimmen. Er ist weit mehr als Anerkennung. Die Verbundenheit konstituiert den Menschen und gibt ihm die Grundlage, überhaupt erst einmal Individuum werden zu können: Aus der Verbundenheit heraus lernen wir sprechen. Aus der Verbundenheit heraus, eignen wir uns Werte an. Aus der Verbundenheit heraus, empfinden wir Treue zu manchen Menschen. Das sind keine veralteten Kategorien, schon gar nicht haben wir sie einfach verloren. Gerade die moderne Anthropologie (Michael Tomasello: „Mensch werden“) weist dies im Detail nach, hier ist es die geteilte Intentionalität. Theologisch: Gerade die Verbundenheit mit Gott bringt sich im Glauben zum Ausdruck. So sehr ich also in der Skepsis gegenüber kurzschlüssigen Moralisierungen übereinstimme, so sehr beschreibt Flügge eine ganze Dimension menschlicher Realität, die Verbundenheit, nur unzureichend. Mehr dazu: https://frank-vogelsang.de/soziale-verbundenheit/

Der Impfstoff, eine gute Nachricht für Europa und ein weltweites Problem

Noch in der vergangenen Woche habe ich in diesem Blog mit großer Skepsis darüber nachgedacht, warum wir eine mögliche Impfung herbeisehnen. Sie ist die „technische Lösung“ des Problems der Pandemie, das heißt, sie erfordert sehr geringe Veränderungen im gesellschaftlichen Abläufen und Strukturen und  in dem eigenen Verhalten. Skeptisch war ich, weil das Ersehnte nicht nur deshalb, weil es ersehnt wird, auch schon eintritt. Nun, wenige Tage später, scheint nun aber ein Impfstoff der Unternehmen Biontech/Pfizer zum Greifen nah zu sein! Das ist eine sehr gute Nachricht!

Technische Lösungen haben Nebenwirkungen

Allerdings haben auch technische Lösungen Nebenwirkungen.  Denn zugleich stellt sich ein gravierendes, ein riesiges Problem: Das Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Denn der Impfstoff muss für die ganze Welt in ausreichender Menge produziert werden. Es geht dabei nicht nur um die Verteilung an sich, die auf längere Sicht möglich sein wird. Es geht vor allem auch um den Zeitfaktor, denn die Pandemie wütet in vielen Ländern und alle ersehnen ein Ende. Das Problem wird auch nicht dadurch behoben, dass einige weitere Kandidaten für Impfstoffe sich in der Erprobungsphase III befinden. Denn auch mehrere Pharmaunternehmen werden Schwierigkeiten haben, die Produktion so großer Mengen von Impfstoff bereit zu stellen.  Die Verteilung wird also zwangsläufig dauern, möglicherweise viele Monate. Ein weiterer Faktor sind die Verteilungswege, es müssen Infrastrukturen aufgebaut werden, die die Impfungen fachgerecht durchführen können. Auch das ist eine große logistische Herausforderung, die die bestehenden Gesundheitssysteme vieler Länder nicht noch nebenher erledigen können. Auch hier haben jene Länder einen Vorteil, die über ein besser ausgestattetes Gesundheitssystem verfügen. Technische Lösungen setzen Infrastrukturen voraus. Wenn die nicht gegeben sind, ist auch eine technische Lösung gefährdet.

Das Problem der Zeit

Es also entstehen unausweichliche Verzögerungen: Die einen bekommen den Impfstoff schnell, die anderen müssen noch warten. Doch sind auch schon einige Monate in einer Pandemie eine sehr lange Zeit – in Deutschland ist sie erst seit etwa 8 Monaten! Man stelle sich vor, der Impfstoff sei von Beginn an verfügbar gewesen, aber erst nach 8 Monaten in Deutschland eingesetzt worden! Diese Differenz mehrerer Monate wären nicht nur für die Menschen deshalb schlecht, weil sie weiterhin in einem mehr oder minder starkem Lockdown mit dem ständigen Risiko der Ansteckung leben müssen, sondern weil sie zugleich Bilder aus Ländern sehen können, in denen schon geimpft wird und die die Befreiung von dem Virus feiern können!

Die gute Nachricht für Europa

Es wird weltweite Verteilungsschwierigkeiten geben. Dennoch ist es eine gute Nachricht, die gestern aus Brüssel kam. Die EU hat mit ihrer Verhandlungsmacht bei den Herstellern Biontech und Pfizer mindestens 300 Mio. Impfdosen vorbestellt. Dies ist eine gute Nachricht für die Menschen in Europa, es ist aber auch eine gute Nachricht für Europa! Das erste Mal seit dem Beginn der Pandemie zog nicht der nationale Reflex. Der war ja zu Beginn der Pandemie zu beobachten. Jede Regierung verfügte über eigene Maßnahmen.

Es wäre extrem schwierig geworden, hätten hier die Mitgliedsländer der EU eigenständig agiert. Das geschah im Verlauf der Corona Pandemie ja schon mehrfach. Erst ging es um Masken, dann um Reisefreiheit, dann um die Bettenkapazitäten in den Krankenhäusern. In all diesen Fragen stand nicht Europa im Vordergrund, sondern die jeweilige nationale Einheit. Das hätte nun wieder passieren können: Deutschland etwa hätte aufgrund seiner geringen Verschuldung einfach etwas mehr bieten können als andere Länder. Ein destruktiver Wettbewerb hätte stattfinden können, der der europäischen Idee großen Schaden zugefügt hätte. Das ist nun abgewendet. Und das ist eine gute Nachricht.

Das Problem im weltweiten Maßstab

Was aber geschieht im weltweiten Maßstab? Hier zeigt sich wiederum, wie gut es wäre, wenn die Vereinten Nationen und damit auch die Weltgesundheitsorganisation, die WHO, besser aufgestellt und mit mehr Befugnissen ausgestattet wäre! Leider findet darüber hierzulande in der Öffentlichkeit kaum eine Debatte statt. Auch die Kürzungen unter der Trump-Regierungen sind nur zur Kenntnis genommen worden. Wenn der Eindruck nicht täuscht, waren es nicht die Europäer, die in die Bresche gesprungen sind, sondern China. Um eine Stärkung der UN wird in the long run kein Weg vorbeiführen!