Der kurzatmige Umgang mit einer langfristigen Herausforderung – Die Debatte um das Ende der Corona Krise

Seit Januar wird über das Virus SARS CoV 2 geredet und debattiert. Seit Anfang März ist die Diskussion der deutschen Öffentlichkeit als existentielles Problem bewusst. Das ist spät, wenn man bedenkt, dass schon Mitte Januar in China eine partielle Quarantäne ausgerufen wurde. Nun ist es Mitte April. Schon aber wächst der Chor jener Stimmen täglich, die in der einen oder anderen Weise den Ausstieg aus den Pandemie-Maßnahmen und den Rückkehr zur „Normalität“, zu „unserem gewohnten Leben“ fordern. Ich möchte mich hier auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen der Krise beschränken. Die Krankheit selbst kann sehr schreckliche Folgen haben und es muss alles getan werden, um sie zu bewältigen und zurückzudrängen. Doch geht das leider nicht so einfach und eine Eindämmung hat weitreichende gesellschaftliche Folgen. Darum soll es im Folgenden gehen.

Viele leiden existentiell unter der Krise

Fatal ist, dass in vielen Beiträgen der Eindruck entsteht, in absehbarer Zeit ließe sich ein Normalzustand wieder herstellen. Der Wunsch zur baldigen Veränderung der Situation ist offenkundig, wenn man an den immensen wirtschaftlichen Schaden denkt, der durch die Einschränkungen in der Corona-Krise entsteht. Vielen Akteuren gerade im Dienstleistungssektor und in der Kultur bricht in diesen Wochen die Existenzgrundlage weg. Die gesundheitspolitischen Ziele widersprechen hier eklatant den existentiellen wirtschaftlichen Bedürfnissen vieler Menschen. Die Abwägung zwischen beiden Zielen fällt auch darum nicht leicht, weil starke wirtschaftliche Einbußen ebenfalls gesundheitliche Folgekosten für viele der Betroffenen haben. Für diese Betroffenen bedeutet die Rückkehr zum Normalzustand die Sicherung der eigenen Existenz. Staatliche Hilfsprogramme sind sehr segensreich, sie können aber auf Dauer die selbständige wirtschaftliche Existenz nicht ersetzen. Dennoch werden weitere staatliche Hilfsprogramme notwendig werden, um die gröbste Not zu lindern.

Die Rede vom schnellen Aufbruch

Doch nicht nur aus Not sehnt man sich nach Normalität. Die Börsenkurse nehmen den zu erwartenden Aufschwung nach der Krise schon vorweg. Das Dogma ist, dass steigende Börsenkurse den Normalzustand der Wirtschaftswelt kennzeichnen. Auch seriöse Zeitungen und Magazine spekulieren heute, Mitte April, also vier Wochen nach dem Beginn schon wieder über die Gestalt des neuen Aufbruchs. Ist es realistisch, auf ein baldiges Ende der Krise zu setzen? Ist es ratsam, dass führende politische Stimmen nahe legen, man müsse auf Sicht fahren und damit implizieren, hinter der nächsten Kurve könnte es schon wieder bergauf gehen?

Wie realistisch ist eine schnelle Rückkehr zur Normalität?

Die Argumente für eine langfristige Krise sind schwerwiegend. Ein Video von Mai Thi Nguyen-Kim hat alle wichtigen Faktoren zusammen getragen, um eine Abschätzung vornehmen zu können, wie sich die Pandemie weiter entwickeln wird. (hier) Es ist zu Recht sehr gelobt und oft geteilt worden. Frau Nguyen-Kim zeigt, dass es aus epidemiologischer Perspektive keinen Grund gibt, auf ein baldiges Ende der Pandemie zu spekulieren. Gerade dann, wenn es gelingt, die Zahl der Neuinfektionen gering zu halten, so dass die Gesundheitssysteme nicht überfordert sind, wird die Pandemie auf absehbare Zeit zu einer dauerhaften Herausforderung und Begleiter unseres Alltags. Viele Forscherteams  suchen weltweit nach einem Impfstoff. Doch bevor man ihn massenhaft einsetzen kann, müssen sorgsame Tests durchgeführt werden. Und das braucht Zeit, optimistische Prognosen gehen von dem Frühjahr 2021 aus.

Aber kann man nicht wenigstens auf einen baldigen wirtschaftlichen Aufschwung hoffen? Tatsächlich aber sind die Störungen des weltweiten Wirtschaftssystems aber gravierend und lassen sich wohl nicht schnell beheben. Es ist noch nie vorgekommen, dass weltweit sowohl die Produktion als auch die Nachfrage nach Waren zur gleichen Zeit eingebrochen sind. Die größten Irritationen mögen die wohlhabenderen Staaten mit viel staatlichem Geld für eine gewisse Zeit kompensieren können. Aber auch sie können die Störungen nicht aufheben und mittelfristig werden sie ihrerseits erhebliche Auswirkungen haben. Ein längerfristiger wirtschaftlicher Aufschwung ist trotz aller staatlicher Förderprogramme erst dann zu erwarten, wenn die Pandemie durch einen Impfstoff beendet wird.

War vorher alles gut?

Das alles sollte die Rede von der Rückkehr zur Normalität leiser werden lassen. Die voreilige Rede von einem baldigen Ende der Krise hat aber vor allem eine gravierende langfristige Nebenwirkung: Je schneller wieder die vertrauten Zustände eintreten, desto geringer ist die Chance, einen Neuaufbruch zu wagen. Die bedingungslose Rückkehr zur den gewohnten Verhältnissen ist nur für die sinnvoll, die der Meinung sind, dass vor der Krise alles weitgehend gut war. Doch war alles vorher gut?

Schon jetzt, im April, deutet sich ein trockener Somme an. Der Klimawandel ist in den Hintergrund der Aufmerksamkeit geraten. Doch ist er dadurch nicht gestoppt. Nun ist die unmittelbare Folge der Corona Krise, dass der Luftverkehr stark zurückgegangen ist. Der Absatz von Automobilen ist ebenso eingebrochen. Bedeutet die Rückkehr zur Normalität auch wieder eine Vollauslastung der Flughäfen, eine Emporschnellen der Automobilproduktion? Dann wird die sich abzeichnende Wirtschaftskrise erst einmal nicht so schlimm, die Klimakrise mit ihren weitreichenden Folgen aber nimmt ihren Lauf.

Die zurückliegende Phase des Wachstums der Weltwirtschaft hatte sehr unterschiedliche Auswirkungen. Einige Länder, wie Deutschland, haben stark gewonnen, andere wie Italien sind stagniert, wiederum andere wie viele südamerikanische Länder haben Jahre mit wachsenden sozialen Spannungen hinter sich. Kann es das Ziel sein, wieder möglichst schnell zu dieser Entwicklung zurückzukehren? Noch immer sind die langfristigen Folgen der Finanzkrise 2008 in vielen Ländern zu spüren. (Erstaunlich ist auch das bleibende Unbehagen vieler organisierter Fangruppen gegenüber einem durchkapitalisierten Fußball, der riesige Summen umsetzt und eine überschaubare Zahl von Profiteuren kennt.)

War also wirklich vorher alles gut? Kann man folgern, dass die möglichst rasche Rückkehr in den status quo ante, in den Zustand vor der Krise, der beste Weg ist? Die Rhetorik der raschen Erholung klingt zunächst einmal gut. Wer möchte sich nicht möglichst rasch von einer Krankheit erholen! Doch was, wenn der Zustand vor der Krankheit nur der einer tiefer gehenden, langsamer sich entwickelnden Krankheit war? Was, wenn die schnelle Rückkehr vor allem jenen dient, die schon vorher überproportional profitiert haben, wenn sie aber für die meisten langfristige Belastungen bedeuten?

Die Chance, die gesellschaftlichen Zielsetzungen zu überdenken

Die Corona Krise wird wahrscheinlich schon aus epidemiologischen und aus wirtschaftspolitischen Gründen nicht so schnell vorbei sein. Sie wird wahrscheinlich noch mindestens in diesem Jahr andauern. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, uns neu zu orientieren und die Determinanten von Politik und Wirtschaft zu überdenken! Wir sollten kritisch Alternativen diskutieren, mit denen ein Neustart auch langfristig gelingen kann. Welche wirtschaftspolitischen, welche ökologischen Ziele sollen im Mittelpunkt stehen? Wir sollten die Chance zu einem gesellschaftlichen Diskurs nutzen, uns langfristig zu neu orientieren und nicht das Ziel einer kurzfristigen Erholung in den Zustand vor der Krise anstreben!

Europa braucht Solidarität! Die Corona-Krise als Europa-Krise?

Die Entwicklung der letzten Wochen drängt nur den Eindruck auf, dass sich Europa zum Zentrum der Krise entwickelt. Das stellt insbesondere die Länder der EU vor massive Herausforderungen. Es steht viel auf dem Spiel. Eine EU-weite Politik ist zurzeit kaum zu entdecken. Grenzen werden geschlossen, jedes Land agiert in der Krise, als ob es die EU nicht gäbe. Die Krise hat zwei Seiten, die Pandemie und die tiefgreifenden wirtschaftlichen Konsequenzen. Die EU kann die weitere Entwicklung der Krise nur bestehen, wenn erhebliche Kräfte der Solidarität frei gesetzt werden!

Europa als gegenwärtiges Zentrum der Pandemie

Zunächst einige Beobachtungen zu dem Verlauf der Pandemie: Alle Daten deuten auf einen deutlichen Wandel hin, die Krise um das SARS CoV 2 Virus begann in China und blieb die ersten zwei Monate fast ausschließlich dort. Die Zahl der Erkrankungen schnellte nach oben. China ergriff Ende Januar drakonische Maßnahmen. Mit 6 Wochen Verzögerung entspannte sich die Situation wieder. Wie die offiziellen Zahlen zu bewerten sind, ist aber offen. Während des Februars verteilte sich das Virus, Infektionen wurden in vielen Ländern der Welt gemeldet, Schwerpunkte waren Ende Februar Südkorea, Iran und Italien. Peu à peu wurden dann immer mehr Infektionen auch in anderen europäischen Ländern entdeckt, in Deutschland nach der Karnevalzeit vor allem im Rheinland. Seitdem wachsen die Zahlen in vielen europäischen Ländern rasant, gab es nach der Zählung der John-Hopkins-University am 1.März etwa 2000 Infizierte, so sind es jetzt schon über 150000 (Stand 22.3.).

Fast überall auf der Welt gibt es steigende Infektionszahlen, jedoch sind die Zahlen in den meisten Ländern mit Ausnahme der USA noch relativ klein. Wenn man einmal die USA auslässt, so erscheint Europa, genauer gesagt, Westeuropa zurzeit als Epizentrum der Pandemie. Das ist auch schon in einer Äußerung der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, so benannt worden. Wenn man die Vorgeschichte nicht kennt und sich allein heute einen Überblick über die Zahl der Infektionen mit dem SARS CoV 2 Virus verschaffte, könnte man auf die Idee kommen, die Quelle des Virus sei in Europa zu suchen. Die europäischen Länder sind in den kommenden Monaten in besonderer Weise herausgefordert, die weitere Ausbreitung der Krankheit zu bekämpfen.

Die Bekämpfung der Pandemie mit nationalen Mitteln

Innerhalb der EU findet eine Koordination der Bekämpfung der Pandemie von Brüssel aus so gut wie nicht statt. Dies ist auch nicht überraschend, weil Gesundheitspolitik und Seuchenbekämpfung offenkundig eine Sache der Mitgliedsländer ist. Das offenbart eine erhebliche Schwäche. Dadurch agiert jedes Land auf eigene Weise, oft, ohne sich selbst mit den Nachbarländern abzustimmen. Die Maßnahmen betreffen aber nicht nur die Regulierungen innerhalb der Mitgliedsländer. Es gibt in vielen Ländern nicht miteinander koordinierte Grenzschließungen. Die Koordination des Schengen-Raums aber gehört zu den zentralen Kompetenzen der EU, die sie jetzt nicht ausüben kann. Auch eine Solidarität zwischen den Mitgliedsländern funktioniert in dieser Phase der Krise kaum. Deutschland hat etwa im Vergleich zu anderen europäischen Ländern weit ausgebaute medizinische Kapazitäten. Von einer europaweiten Koordination der Hilfeleistungen, bei der etwa besonders stark betroffene Gebiete in Italien oder im Elsass Hilfen aus Deutschland bekämen, ist erst an dem letzten Wochenende (22.3.) zu lesen.

Die Wirtschaftskrise als mittelfristige Folge

Die aktuelle wirtschaftliche Krise ist engstens mit der Pandemie verflochten. Die Pandemie bewirkt eine zeitgleiche Krise der Produktion wie auch der Nachfrage. Kaum noch jemand würde gerne Konsumgüter kaufen angesichts der bedrückenden Entwicklung, es ist nicht die Zeit zum Geldausgeben. Die Produktion wiederum ist durch gestörte Lieferketten und Ausfälle von Mitarbeitenden unter Druck. Eine entscheidende ökonomische Frage ist, wie lange die Krise andauert. Wenn es nur wenige Wochen sind, sind die Produktionsbedingungen nicht nachhaltig gestört. Anders aber ist es, wenn die Einschränkungen durch die Pandemie länger andauern.

Die Mitgliedsstaaten der EU müssen als solidarische Gemeinschaft agieren

In der begleitenden Wirtschaftskrise ist die Solidarität der europäischen Länder mindestens ebenso gefordert wie im Bereich der Epidemie-Bekämpfung. Doch scheint auch hier jedes Land der EU die wirtschaftlichen Folgen auf eigene Weise bekämpfen zu wollen. Die Bundesregierung legt in dieser Woche ein umfangreiches Hilfsprogramm für die Wirtschaft auf. Keine Äußerung gibt es bislang zur europäischen Situation. Doch es ist nur zu deutlich, dass hier noch mehr als im medizinischen Raum sich die Frage der Solidarität stellen wird. In Italien und in Spanien wird der Tourismus mindestens noch im Sommer ausfallen. Italien war schon vor der Krise hochverschuldet und ist jetzt am stärksten betroffen, auch wirtschaftlich. Wie soll es dort weiter gehen? Eigentlich ist nur denkbar, dass eine gemeinsame Schuldengarantie ausgesprochen wird, ob sie nun Eurobonds heißen oder anders.

Europa steht also vor einer entscheidenden Zeit. Viele Programme haben in ruhigen Zeiten die Einheit und die gemeinsamen Werte Europas beschworen. Diese Werte müssen sich jetzt bewähren. Es muss in Deutschland deutlich werden, dass die Krise in Italien und in Spanien auch Teil der deutschen Krise ist, unabhängig von der besseren Ausgangslage Deutschlands. In der Krise dürfen nicht die „mentalen“ Grenzen hochgezogen werden, so dass man beginnt, allein nach nationalen Kategorien zu urteilen. Es ist deshalb dringend, dass eine gemeinsame europäische Stimme wieder vernehmbar wird. Das kann auch die Kommission nicht allein, auch nicht der Europäische Rat, es ist wichtig, dass in den kommenden Monaten die zivilgesellschaftlichen Kräfte die Bedeutung Europas hervorheben! Nur mit sichtbaren und nachhaltigen Zeichen der Solidarität kann für die EU eine langfristige Perspektive für die Zeit nach dieser tiefgreifenden Krise entstehen.

Jürgen Habermas stellt die Gretchenfrage – Anmerkungen zu seiner Geschichte der Philosophie

Jürgen Habermas hat vor wenigen Monaten mit über 90 Jahren ein sehr umfangreiches Werk in zwei Bänden  vorgelegt: „Auch eine Geschichte der Philosophie“, Berlin 2019. Habermas hat sich in seinen bisherigen Veröffentlichungen fast ausschließlich auf die philosophische Diskussion der Neuzeit bezogen, seine Beiträge suchten stets die aktuelle gesellschaftliche Debatte und hatten eine große Bedeutung in der philosophischen Selbstverständigung der Bundesrepublik Deutschland. Nun, in dem aktuellen Werk blickt der Philosoph weit zurück, lässt seine Geschichte der Philosophie in der so genannten Achsenzeit, einige hundert Jahre vor Christi Geburt beginnen und verfolgt die Entwicklung der Philosophie über die Spätantike, das Mittelalter, die Renaissance und Reformationszeit bis ins frühe 19. Jahrhundert. Im Grunde liegt dadurch eine Rechenschaft über den Gang der Philosophie des Okzidents über mehr als 2000 Jahre vor.

Die Rolle der Lebenswelt in der gegenwärtigen Philosophie

Es geht Habermas aber nicht um eine einfache chronologische Darstellung historischer philosophischer Ansätze. Er ist zu diesem umfangreichen Werk wiederum durch eine Frage motiviert, die sich aus der philosophischen Debatte der Gegenwart speist. Er teilt die gegenwärtigen Ansätze der Philosophie in zwei Richtungen, in eine solche, die bei dem vereinzelten erkennenden Subjekt ansetzt und im Großen und Ganzen einer (natur-)wissenschaftlichen, einer szientistischen Orientierung folgt und in eine solche, die bei intersubjektiv geteilten Symbol- und Regelsystemen ansetzt und die die Bedingungen von lebensweltlicher Vermittlung nicht außen vor lässt. (vgl. Bd.1, S. 10) Es ist unschwer zu erkennen, dass sich Habermas selbst der zweiten Richtung philosophischer Ansätze zuordnet.

Ich finde diese erneute Hinwendung zur Lebenswelt in dem Denken von Habermas überraschend und wichtig. Es hat eine Zeit gegeben, in der er sich nach der „Theorie des kommunikativen Handelns“, wo sie eine zentrale Rolle hatte, sehr weit von einem Bezug auf die Lebenswelt entfernt hat. Die Beschäftigung mit dem Recht („Faktizität und Geltung“) und die Verankerung seiner Diskurstheorie mit dem Universalisierungsgrundsatz U haben ihn davon distanziert. Das war aus meiner Sicht sehr bedauerlich, weil die Lebenswelt ja gerade jenes Reservoir bezeichnet, in dem Menschen in elementarer Verbundenheit miteinander existieren. Die Lebenswelt war im Frühwerk bei Habermas immer das Gegenüber und kritische Korrektiv zu seiner modernen systemisch organisierten Gesellschaft. Die Abwendung von der Lebenswelt hat insbesondere ein ihm nahe stehenden Kritiker, der Philosoph Albrecht Wellmer bemängelt. Es scheint mir ein deutliches Zeichen zu sein, dass Habermas sein spätes Werk nun gerade diesem befreundeten kritischen Begleiter widmet.

Die Wegscheide bei Hume und Kant

Die beiden  philosophischen Richtungen, die heute miteinander konkurrieren, führt Habermas auf zwei herausragende Philosophen des 18. Jahrhunderts zurück, auf Hume und Kant. Während Kant die reiche Tradition der Philosophie mit einem umfassenden Ansatz, der auch die praktische und ästhetische Vernunft umfasst, bewahren möchte, ist Hume auf die Dekonstruktion aller Deutungsansprüche aus, die über eine methodisch erschlossene Empirie hinaus gehen: „Die Alternative (scil. zwischen Kant und Hume, FV) ist klar: Entweder muss die erkennende subjektive Vernunft um ein Vermögen der praktischen Vernunft ergänzt werden (…) oder die normativen Gehalte der transzendierenden Begriffe des Gerechten, Guten und Schönen müssen (…) im buchstäblichen Sinne ‚dekonstruiert‘, also auseinandergenommen und ‚reduziert‘, das heißt via empirischer Erklärung auf beobachtbare Phänomene zurückgeführt werden.“ (Bd. 2, S. 207)

Habermas will mit Hilfe seiner weit ausholenden Geschichte des philosophischen Denkens prüfen, welche der konkurrierenden Richtungen durch sie gestützt wird. Er stellt die Geschichte der Philosophie als eine Genealogie dar, neuere Entwürfe entwickeln sich aus älteren, indem sie neue Erkenntnisse aufnehmen oder auf veränderte gesellschaftliche Konstellationen reagieren. Diese Genealogie interpretiert Habermas also als einen Lernprozess. Welche der beiden konkurrierenden Richtungen ergeben sich zwangloser als fortgesetzter Lernprozess aus der vorangegangenen Entwicklung? Der erste Band stellt die „Okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen dar und endet mit den Ansätzen des Spätmittelalters und der Renaissance. Der zweite Band folgt der Diskussion von Glauben und Wissen seit der Reformation und der Neuzeit bis zu den Positionen der Junghegelianer im 19. Jahrhundert.

Die Gretchenfrage: Wie hältst Du es mit der Religion?

Das Spannende und auch Überraschende gerade auch aus der Perspektive christlicher Theologie ist nun, dass Habermas diese Geschichte der Philosophie Europas so erzählt, dass er sie als einen ständige Neubestimmung des Verhältnisses von Glauben und Wissen darstellt! Das ist in der durch und durch säkularen Diskussion der gegenwärtigen Philosophie überraschend. „Die Frage, was sich die Philosophie noch zutrauen kann und soll, entscheidet sich heute, ungeachtet ihres unverhohlen säkularen Charakters, in jenem transformierten Erbe religiöser Herkunft.“ (Bd. 1, S. 15) Diese These im Kern seiner Ausführungen ist erstaunlich. Man kann die Situation in zugespitzter Form so beschreiben: Der säkulare Philosoph Jürgen Habermas möchte sich in einer Auseinandersetzung mit konkurrierenden säkularen philosophischen Ansätzen seine Position dadurch argumentativ stärken, dass er auf die sehr lange Geschichte des Wechselspiels von Glaube und Wissen, von christlicher Theologie und griechischer Philosophie verweist. Was heute so ungewöhnlich wirkt, war nach dem Zweiten Weltkrieg noch Grundlage einer lebhaften Diskussion. Damals hatte es im deutschsprachigen Raum eine breite Debatte um das Verhältnis der Philosophie zur christlichen Tradition gegeben. Habermas erinnert an sie, um sich zugleich davon abzugrenzen. Weder will er der Nostalgie eines Carl Schmitt folgen, noch der Abgrenzung eines Hans Blumenbergs (vg. Bd. 1, S. 42; Bd. 1, S. 67).

Letztendlich doch Säkularisierung der Religion?

Klar ist, dass Habermas die Geschichte von Glauben und Wissen nicht als Dialog zweier gleichberechtigter Partner konzipiert. Letztlich obsiegt die Philosophie und es ist für den säkularen Philosophen Habermas klar, dass vor der Prüfinstanz der Philosophie nur rationale Gründe gelten können. Jedoch fasst er sie weiter als eine Einschränkung auf wissenschaftliche Methoden. Er bezieht sich insbesondere auf das Reservoir der Lebenswelt, um einen anspruchsvolleren Begriff von Vernunft ableiten zu können: „Was wir ‚Vernunft‘ nennen, ist nur die subjektive Spiegelung einer soziokulturellen Lebensform sprachlich vergesellschafteter Subjekte (…).“ (Bd. 1, S. 174). Mit dieser Vernunft müssen sich Gründe für normative Aussagen finden lassen.

Die theologischen Gehalte werden und müssen säkularisiert werden, da ist sich Habermas sicher. Aber die säkulare Position der Philosophie zehrt als solche von ihrer Loslösung von der Theologie. Er versucht „den Prozess der ‚Einwanderung‘ theologischer Gehalte ins profane Denken als einen philosophisch nachvollziehbaren Lernprozess darzustellen.“ (Bd. 2, S. 806) Auch am Ende der umfangreichen Arbeit über diesen Lernprozess ist dem Autor nicht deutlich, ob es noch nicht abgegoltene Gehalte religiöser Erfahrung gibt, die darauf harren, in die säkulare philosophische Sprache übertragen zu werden.

Der Entwurf kann und wird sicherlich noch lebhaft kritisch diskutiert werden. Hans Joas und Otfried Höffe haben das schon in ersten Rezensionen begonnen. Man kann und muss die Annahme von Habermas hinterfragen, die religiösen Gehalte ließen sich über einen Lernprozess einer säkularen Vernunft zuführen. Wichtig finde ich aber unabhängig von der konkreten Ausführung auf jeden Fall sein deutliches Plädoyer für die Ressourcen der Lebenswelt und für eine neue Beurteilung des viele Jahrhunderte währenden Dialogs zwischen Glauben und Wissen, der die okzidentale Geistesgeschichte geprägt hat! Man muss die Arbeit von Habermas auch als Hinweis lesen, dass in dem scheinbar Vergangenen und Veralteten der Diskussionen der letzten Jahrhunderte und Jahrtausende für die Gegenwart noch so manche Schätze zu bergen sind!

Gottes Schöpfung – Produkt der Evolution?

Die folgenden Thesen sind eine nachträgliche Dokumentation der Grundlage einer Diskussion zwischen Helmut Fink, Akademie für säkularen Humanismus und mir in Essen im letzten Jahr. Die Diskussion ist auch in einem Video dokumentiert worden:

https://www.youtube.com/watch?v=2jQMmSDsPgY

Die Veranstaltung war schon die fünfte der Reihe „Lasst uns reden!“ zwischen der Akademie für säkularen Humanismus und der Evangelischen Akademie im Rheinland. Im Folgenden werden die Thesen von Helmut Fink und mir dokumentiert.

Ich habe versucht, Schöpfung als eine Referenz auf unsere Verbundenheit mit der Wirklichkeit zu deuten. Diese Verbundenheit führt dazu, dass sie nicht zu einem neutralen Gegenüber wird, dass man für sie danken, dass man für sie bitten kann. Elementare Verbundenheit weist immer auch auf eine Grundpassivität. In der Rede von der Schöpfung wird das darin deutlich, dass die Schöpfung nicht sich selbst verdankt, sondern auf den Schöpfer weist. Damit kann die christliche Rede von der Schöpfung eine fundamentale Dimension der Wirklichkeit zum Ausdruck bringen.

Thesen von Helmut Fink:

  1. Leben in Evolution

Die Geschichte des Kosmos, unserer Erde und die Entstehung und Entwicklung des Lebens auf ihr sind naturwissenschaftlich erforschbar und naturalistisch verstehbar. Als überaus fruchtbar hat sich dabei das evolutionäre Erklärungsschema aus Ressourcenknappheit, Reproduktion, Mutation und Selektion erwiesen. Alle Lebensformen sind Produkt der Evolution.

  1. Ganzheitliches Menschenbild

Nicht nur die intellektuellen und praktischen, sondern auch die ethischen, ästhetischen nd sozialen Fähigkeiten des Menschen sind evolutionsbiologisch erklärbar: Empathie und Kooperation boten und bieten entscheidende Überlebens- und Fortpflanzungsvorteile.

  1. Kein Gott

Evolution braucht keinen Gott. Nichts spricht für eine planende personale Intelligenz hinter dem Evolutionsgeschehen, aber Unvollkommenheiten und „Designfehler“ in der Natur sprechen dagegen. Die Vorstellung eines Schöpfergottes wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet.

  1. Überholte Mythen

Ebenso wie die Schöpfungsmythen anderer Kulturkreise haben sich auch die biblischen Erzählungen als Spekulationen unwissender Zeitalter erwiesen. Sie drücken menschliche Bedürfnisse und Sehnsüchte nach Geborgenheit und Lebenssinn aus, und zwar im kulturellen und politischen Kontext ihrer Zeit, nicht unserer Zeit.

  1. Theologie im Rückzug

Die christliche Theologie hat auf den Druck der Aufklärung mit mannigfachen Rücknahmen und Umdeutungen reagiert. Der Anschein einer Kontinuität der Verkündigung ist jedoch brüchig geworden. Übrig bleibt oftmals ein Bekenntnis ohne Faktenbasis.

  1. Weltanschauliche Wunschbilder

Viele Versuche, religiöse Aussagen und evolutionäre Naturbeschreibung miteinander zu vereinbaren, klingen zunächst sympathisch, weil sie sich vom Fundamentalismus abgrenzen. Meist stülpen sie dem wissenschaftlichen Naturverständnis aber lediglich metaphysische Deutungen über und ersetzen Gottesbilder durch Naturbilder als Projektionsfläche menschlicher Wünsche.

  1. Der Mensch in der Natur

Selbstverständlich ist die Natur größer als der Mensch, deren Teil er ist. Unsere essentielle Abhängigkeit von einer intakten Umwelt ist Ausdruck unserer evolutionären Anpassung an diese Umwelt. Nach humanistischer Auffassung tragen wir Verantwortung für deren Bestand und Lebensfreundlichkeit, jedoch nicht vor einer äußeren Instanz, sondern im eigenen Interesse der Menschheit und zukünftiger Lebensformen.

 

Thesen von Frank Vogelsang

  1. Die Welt als Schöpfung Gottes

Die biblischen Texte beschreiben die Welt als Schöpfung Gottes. Der Schöpfungsglaube ist ein unverzichtbarer Teil des christlichen Glaubens. Er besagt im Kern, dass nichts, was existiert, einfach aus sich heraus existiert. Der christliche Glaube führt alles, was existiert, auf die Schöpferkraft Gottes zurück.

  1. Menschen sind leibliche und endliche Wesen

Menschen sind endliche, verletzliche und bedürftige Wesen. Der Mensch kann Bereiche der Welt objektivieren, er kann auch sich selbst objektivieren und sich als Exemplar einer Spezies beschreiben. Doch ist diese Beschreibung unvollständig, denn der Mensch ist als leibliches Wesen immer auch das, was nicht objektivierbar ist, weil er es zugleich ist, der objektiviert.

  1. Evolution als Ergebnis wissenschaftlicher Theorie

Die wissenschaftliche Erkenntnis über die Entwicklung des Lebens hat in den letzten 200 Jahren große Fortschritte gemacht. Viele vormalige Rätsel konnten auf schlüssige Weise durch vielfach abgesicherte Theorien erklärt werden. Insbesondere das interdisziplinäre Zusammenwirken von Evolutionsbiologie, Genetik, Paläontologie, Physiologie und Geowissenschaften haben ein dichtes Bild von der Entwicklung des Lebens auf der Erde ermöglicht.

  1. Offene Fragen in der Evolutionstheorie

Zur Wahrheit gehört aber auch: Auch heute ist bei weitem nicht alles verstanden. Die Evolutionsbiologie besteht heute nicht aus einer einzigen, geschlossenen Theorie und es gibt unterschiedliche, miteinander konkurrierende Ansätze (z.B. Simon Conway Morris versus Stephen Jay Gould). Auch in den Grundlagen sind Fragen offen, etwa die Grundfrage: Was ist eine biologische Art? Diese Feststellung bezweifelt nicht die Erkenntniskraft der Wissenschaft, sie verhindert aber deren Mystifizierung.

  1. Die Rede von der Schöpfung ist keine wissenschaftliche Theorie über die Welt

Die biblischen Texte dürfen aber nicht als theoretische Weltdeutung missverstanden werden. Gott ist keine Variable für Unverstandenes. Die biblischen Texte bieten keine alternativen Theorieangebote zu den naturwissenschaftlichen Theorien, sie sind dafür zu vielfältig und bilden keine konsistente Theorie. Schon der zweite Schöpfungsbericht ist völlig anders als der erste. Wer auch immer die Texte zusammengestellt hat, hatte keine Absicht, eine geschlossene Theorie zu bieten. Eher deuten die unterschiedlichen Erzählungen auf unterschiedliche Aspekte der Wirklichkeit, ohne einen Vollständigkeitsanspruch zu erheben.

  1. Die Rede von der Schöpfung setzt Beteiligung voraus

Die christliche Rede von der Schöpfung versteht man nicht, wenn man objektiv, wie ein Roboter unbeteiligt auf die Welt schaut. Man kann sie verstehen, wenn man sich selbst als abhängiges Wesen erkennt, das auf Nahrung, auf Wasser, auf eine intakte Umwelt angewiesen ist. Menschen sind abhängige Wesen. Die Rede von der Schöpfung ist eng verbunden mit Dankbarkeit für das Leben, das man hat oder auch mit der Klage, wenn Leben bedroht ist.

  1. Die Rede von der Schöpfung weiß um die Grenzen objektiver Erkenntnis

Die Wirklichkeit als Schöpfung ist gerade auch dann erkennbar, wenn man mit dem Geheimnis von Leben konfrontiert ist. Ein Mensch, der alle genetischen, biochemischen und physiologischen Dinge verstanden hat, kann trotzdem Ehr-furcht bei der Geburt eines Kindes empfinden. Ein Kind ist immer mehr als nur ein Exemplar einer Gattung. Die Wirklichkeit kann in solchen Momenten zu einem Ort der Offenbarung des Handeln Gottes werden.

 

 

Diskurse in Zeiten des Gebrülls – Vom Schwinden des Vertrauens

Dieser Beitrag ist ein Impulsvortrag im Rahmen des theologischen Kolloquiums der Evangelischen Akademien in Deutschland im Januar 2020 in Berlin

Das Gebrüll kann überall entstehen

In den Tagen um Weihnachten ist in Deutschland Unerhörtes geschehen. Ein Skandal erschüttert die Republik. Ein kleiner Chor aus etwa 20 Kindern im Grundschulalter singt das bekannte Nonsenselied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ mit umgedichteten Textzeilen, unter anderem der Zeile: „Meine Oma ist ne alte Umweltsau!“ Die Kids sind sichtbar übermütig und beschwingt, das Lied macht ihnen Spaß. Doch die Republik steht Kopf: In den sozialen Medien schwappt die Wut über. Die Hashtags „#Umweltsau“ und „#Umweltsaugate“ explodieren. Innerhalb kurzer Zeit äußern sich der Ministerpräsident des Landes und weitere führende Politiker. Der Intendant der größten Sendeanstalt der ARD formuliert in einem hastig arrangierten Pressetermin ein öffentliches Meaculpa. Es gibt eine Sondersendung am folgenden Tag. Das gesellschaftsgefährdende Video wird sofort von allen Internetseiten des Senders gelöscht. Alles geht rasend schnell. Der betroffene Chorleiter erinnert sich: „Am Freitagabend war bei uns alles noch relativ ruhig und am Samstag entwickelte sich für uns das Thema in unerwartete Richtungen. Am Nachmittag war schließlich klar, dass das Thema bundesweit diskutiert werden würde.“ Am Samstag berichteten alle Zeitungen und Medien, von Skandal ist die Rede, von Entsetzen. Die Empörungswelle hielt für mehrere Tage an.

Diskurse in Zeiten des Gebrülls? Das Beispiel zeigt: Der Anlass für das Gebrüll kann sehr trivial sein. Ich bin gebeten worden, aus einer theologischen/philosophischen Perspektive auf das Thema zu schauen. Ich werde mich dem Thema so nähern, dass ich danach frage, was die beiden Begriffe repräsentieren: Wofür steht der Begriff „Diskurs“? Wofür wiederum steht der Begriff „Gebrüll“? Und welche Rolle spielt die Gesellschaft, in der das „Gebrüll“ bzw. der „Diskurs“ stattfinden?

Die Motivation, die beiden Begriffe einander gegenüber zu stellen, ist offenkundig. Wir erleben in unserer Zeit einen deutlichen Verfall der öffentlichen und semiöffentlichen Kommunikation. Neu ist der Einfluss digitaler Medien und dort insbesondere der so genannten sozialen Netzwerke, also jener von privaten Unternehmen betriebenen Plattformen, auf denen sehr viele Menschen tagtäglich kommunizieren. Diese Kommunikation steht immer in Gefahr, bei unterschiedlichen Meinungen nicht die Verständigung zu suchen, sondern die Polemik, den persönlichen Angriff, die Verunglimpfung bis hin zur Drohungen gegen Leib und Leben.

Keine monokausalen Erklärungen (die digitalen Medien sind Schuld)

Wichtig ist mir hier die Formulierung „steht in Gefahr“. Denn es gibt tatsächlich auch nach wie vor substantielle und auch fachlich anregende Diskussionen in den digitalen Medien. Eine simple Technikkritik greift zu kurz, insbesondere eine einfache Gegenüberstellung von der guten „face to face“ Kommunikation und der üblen Kommunikation mit digitalen Technologien. Die Technologien haben nicht über Nacht alles geändert. Man braucht nur an das Gebrüll im Faschismus zu denken, um zu sehen, dass schon sehr viel einfachere Technologien Gebrüll gesellschaftlich relevant sein lassen können.

Wenn das Gebrüll nicht erst durch digitale Medien entstanden ist, so ist auf der anderen Seite aber auch die Annahme falsch, dass sich nichts geändert hat, dass es Phänomene wie „hate speeches“ immer schon gegeben hat, dass die Eckkneipe nur durch das Facebook-Kommunikation ersetzt wird. Tatsächlich sind die digitalen Technologien für die aktuelle Entwicklung der Gesellschaft in hohem Maße relevant. Eine Kommunikation auf Facebook etwa ist in einem entscheidenden Sinne offener, von größerer, oft unvorhersehbarer Dynamik bestimmt als die Kommunikation im Kreis von Bekannten. Das Gebrüll kann durch die Technologien im Nu anschwellen. Dagegen ist die Eckkneipe doch eher mit geschlossenen Foren vergleichbar.

Interessierte Kreise können, das macht das Problem noch gewichtiger, die Dynamik des Gebrülls mit Hilfe der digitalen Technologien gezielt anfachen. So waren es offenkundig rechte Kreise, die das umgedichtete Oma Lied als Resonanzverstärker genutzt haben. Grundsätzlich gilt: Zugespitzte und eindeutige Meinungen werden durch die digitalen Medien schneller verstärkt als abwägende.

Das Gebrüll als Indikator für gesellschaftliche Risse – Vertrauen als immer knapper werdende Ressource

Mit guten Gründen kann man manches, von dem, was in den digitalen Medien stattfinden, „Gebrüll“ nennen. So wie jemand einen anderen Menschen in direkter Kommunikation von Angesicht zu Angesicht niederbrüllen kann, so bedienen sich nicht wenige Menschen der Kommunikationsoberfläche der digitalen Medien, um Menschen mit anderer Meinung ins Aus zu stellen.

Wofür steht das „Gebrüll“ aus theologischer bzw. philosophischer Perspektive? In dem Gebrüll zeigen sich ein offenes Desinteresse und ein fundamentales Misstrauen gegenüber der Gesellschaft und den Mitmenschen. Gelingende Kommunikation setzt zumindest ein basales Vertrauen voraus, die Erwartung, dass das Gegenüber etwas Wichtiges zu sagen hat und wiederum ein echtes Interesse an dem hat, was man selbst zu sagen hat. Doch genau diese Relevanzerwartung existiert bei dem nicht, der brüllt. Man rechnet nicht mit Verständigung und man sucht auch keine Verständigung.

Macht das Gebrüll in den digitalen Medien nur bestehende Risse in der Gesellschaft deutlicher oder erzeugen sie diese Risse selbst? Wahrscheinlich ist beides richtig. Unabhängig vom Henne-Ei-Problem gilt: Das Gebrüll ist auf jeden Fall ein Indikator für einen bestimmten gesellschaftlichen Zustand. Die Bindungskräfte in unserer Gesellschaft lassen nach. Das lässt sich leicht nachvollziehen, wenn man auf die Entwicklung der großen Institutionen, Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Vereine usw. schaut: Sie verlieren allesamt an Prägekraft. In einer Gesellschaft ohne hohe soziale Integration, ohne gemeinsame kommunikative Standards können leicht Kommunikationsverwerfungen entstehen. Gesellschaftliche Kommunikation über das eigene engere Milieu hinaus wird voraussetzungsreicher, sie kann schnell misslingen. Was kann mit der Zeile: „Meine Oma ist ne alte Umweltsau“ gemeint sein? Wenn auch absurd, Verdächtigungen lassen sich schnell konstruieren: Die Entmündigung von Menschen im fortgeschrittenen Alte, eine Instrumentalisierung von unschuldigen Kindern zur Durchsetzung bestimmter Gesellschaftsziele.

Eine vielleicht nicht unwichtige Randbemerkung: Das Gebrüll ist nicht nur von Verständigung, sondern auch von der Austragung gesellschaftlicher Interessenkonflikte zu unterscheiden. Bei letzteren haben die Protagonisten klare konfligierende Ziele und sie artikulieren diese. Es geht darum, die eigenen Ziele durchzusetzen, nicht darum, sich von anderen abzusetzen. Akteure in Interessenkonflikten suchen andere Ausdrucksformen, zumeist  und regelmäßig auch ganz klassisch die Demonstration auf der Straße. Das gilt etwa für die Gelbwesten, die Vertreterinnen und Vertreter von Fridays for Future. Wer brüllt, will nichts Bestimmtes durchsetzen, sondern sich hörbar machen und andere verunsichern. Gebrüll ist immer auch eine Form der Selbstversicherung.

Diskurse brauchen einen gesellschaftlichen Rahmen – Vertrauen durch institutionelle Garantien

Wofür steht wiederum der „Diskurs“ aus theologischer bzw. philosophischer Perspektive? Hier geht es um eine verständigungsorientierte, wenn auch niemals konfliktfreie Kommunikation. Die Relevanz der Kommunikation basiert auf einer grundlegenden Gemeinsamkeit zwischen Ego und Alter. Nun weiß man: Jede menschliche Kommunikation ist auch in guten Zeiten heikel, sie ist immer dem Risiko ausgesetzt, zu misslingen. Wer kommuniziert, riskiert etwas, insbesondere dann, wenn ein Konflikt zwischen den kommunizierenden Parteien deutlich wird. Auch im Diskurs ist man dem Risiko des Missverständnisses ausgesetzt. Ein Diskurs hat zur Absicherung vor kommunikativen Verwerfungen einen expliziten oder impliziten formalen Rahmen, er folgt vorgegebenen Regeln. Ein Argument von A darf von B kritisiert werden. A muss wiederum versuchen, das ursprüngliche Argument zu verteidigen. B muss wiederum in der Lage sein, die geäußerte Kritik zu begründen. Die gegenseitige Verpflichtung auf diese Regeln schafft ein institutionalisiertes Grundvertrauen. In besonders strittigen Diskussionen im Rahmen der Arbeit evangelischer Akademien gibt es immer auch Versuche, die Regeln aufzuweichen, zu umgehen. Es kann dann polemisch werden, unfaire rhetorische Mittel werden angewendet, ein Missverstehen vorgetäuscht, eine Zuspitzung oder Übertreibung genutzt. Doch ist auch diese Kommunikation in den Akademien eingebunden in ein institutionelles Setting, die den Vorrang des Arguments fordert und zumeist auch ermöglicht.

Das Ideal des rein verständigungsorientierten Diskurses im Habermasschen Sinne ist vor allem eines: Ein Ideal. Tatsächlich finden gesellschaftliche Diskurse immer unter Verzerrungen statt, bestimmt durch informationelle Asymmetrien, durch Machtgefälle, durch Ressourcendifferenzen. Kein Diskurs ist rein und ausschließlich verständigungsorientiert, immer spielen strategische Aspekte in den Kommunikationsakten eine Rolle. Nicht von ungefähr haben sich die evangelischen Akademien 2012 in dem Positionspapier „Diskurskultur“ auch eher auf den Diskursbegriff von Foucault bezogen. Das Entscheidende aber auch eines machtorientierten Diskurses ist dennoch vor allem eines: Die Fähigkeit, immer wieder an das Ideal zu appellieren und die Diskutanten auf ein gemeinsames Verständnis des Gesagten zu verpflichten.

Der Diskurs als verständigungsorientierte Kommunikation setzt eine Gemeinsamkeit voraus, die, frei nach dem Diktum von Ernst-Wolfgang Böckenförde, der Diskurs selbst nicht garantieren kann. Das ist die zentrale These, die ich hier vortragen möchte. Beide, Gebrüll wie Diskurs leben von gesellschaftlichen Voraussetzungen, die sie selbst im Wesentlichen nicht schaffen. Die Risse in der Gesellschaft werden durch Gebrüll verstärkt und durch gelingende Diskurse gekittet. Aber die Risse sind nicht einfach durch Gebrüll entstanden. Die Gesellschaft ist über die Kommunikationsformen hinaus durch eine Vielzahl von weiteren Faktoren bestimmt, neben kulturellen vor allem aber durch sozioökonomische Faktoren.

Hier sei ein kurzer Blick auf den Konsultationsprozess „Politik in Rheinland-Pfalz im Jahr 2030“ erlaubt, den Christoph Picker, Thorsten Latzel, der Beauftragte der Landeskirchen in Mainz Thomas Posern und ich durchführen und deren Ergebnisse im Sommer 2020 der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die bisherige Arbeit hat eine Dreiteilung zum Vorschein gebracht. Zur Beurteilung der Lage und der künftigen Entwicklung sind drei Faktoren wichtig: die Wirkungen der digitalen Medien ebenso wie Repräsentationsdefizite im politischen System und kulturelle und sozioökonomische Entwicklungen. In allen drei Bereichen zeigen sich Risse, die nicht aufeinander reduziert werden können.

Insofern sind beide, der Diskurs wie auch das Gebrüll, Indikatoren für einen weiteren und schon zuvor bestehenden gesellschaftlichen Zustand. Die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland ist wie die anderer westlicher Industrienationen in einem Wandel begriffen von recht hoch integrierten Nachkriegsgesellschaften hin zu Gesellschaften mit deutlich geringeren Bindekräften. Die Entwicklung der Wirtschaft hin zu dem, was man „Neoliberalismus“ nennt, liefert dazu einen wichtigen Anteil, aber auch die Entstehung einer Kultur der Singularitäten, wie sie Andreas Reckwitz beschreibt. Zurzeit sind die Gesellschaften in einem labilen Zustand, Risse nehmen zu und es ist nicht so leicht abzusehen, wann und wodurch die Kohäsionskräfte wieder wachsen.

Die Grenzen des Gebrülls und die langfristige Bedeutung von Diskursen

Das Gebrüll hat zugenommen. Welche Chance hat da der Diskurs? Besteht die Gefahr, dass das Gebrüll überhandnimmt, dass es die Diskurse verdrängt? Ja, die Gefahr besteht meiner Ansicht nach, weil es niemanden in der Gesellschaft gibt, der über die Mittel verfügt, entstandenes Gebrüll wieder abzustellen. Aber es gibt neben dem Katastrophenszenario auch die Möglichkeit, dass sich neue gesellschaftliche Möglichkeiten auftun. Diskurse haben eine eigene Kraft. Sie können vor allem langfristige Standards setzen anders als das Gebrüll. Eines ist offenkundig: Das Gebrüll kann niederreißen und zerstören, aber sicherlich nicht etwas dauerhaft neue gesellschaftliche Verhältnisse aufbauen. Auch die Gesellschaft der Zukunft wird deshalb in jedem Fall von Diskursen abhängig sein, insbesondere weil moderne Gesellschaften von hoher Komplexität bestimmt sind. In The Long Run also wird der Diskurs mit einiger Sicherheit obsiegen. Ein besonderes Augenmerk sollte dabei der Entwicklung der kleineren und überschaubareren politischen Einheiten, der Kommunen zukommen. Es ist wahrscheinlich, dass die Kommunen bei der Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse künftig eine herausragende Rolle spielen werden. Dies kann gerade auch mit Hilfe der digitalen Medien geschehen, die eine Vielzahl von Initiativen und Beteiligungsformen ermöglichen können. Hier kann man etwa ein effizientes kommunales Beschwerdeverfahren oder eine digital unterstützte Stadtteilarbeit denken. Hier können neue Formen der Verbundenheit entstehen, die auch in der Lage sind, Vertrauen zu generieren und Prozesse transparent zu gestalten. Dieses Vertrauen wiederum kann dann eine Ressource sein für die Gestaltung landes- und bundesweiter politischer und gesellschaftlicher Prozesse.

 

Zur Diskussion der Widerspruchslösung bei der Organspende – Der Mensch ist mehr als ein Organismus

In diesem Herbst wird der Bundestag ein Gesetzentwurf zur Organspende diskutieren, der die so genannte „Widerspruchslösung“. Sie soll einen Ausweg aus dem Problem der zu geringen Zahl von Organspendern in Deutschland weisen. Doch geht es bei dem Wechsel der jetzt geltenden erweiterten Zustimmungslösung zur Widerspruchslösung nicht einfach nur um eine Änderung in einer Prozedur. Die Änderung gegenüber der bisher bestehenden Regelung ist tatsächlich weitreichend, weil sie die Grundbedingungen für eine „Organspende“ ändert.

Die erweiterte Zustimmungslösung und ihre Probleme

Nach der bislang geltenden so genannten erweiterten Zustimmungsregelung muss die mögliche Spenderin, der mögliche Spender schon vorab die Bereitschaft zur Organspende dokumentiert haben, etwa durch einen Organspendeausweis. Liegt eine solche Dokumentation des Willens nicht vor, werden die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen gefragt.

Dieses Verfahren ist alles andere als ideal. Insbesondere kann es besondere Härten schaffen, wenn die Angehörigen gefragt werden. Dies ist durch die Situation einer möglichen Organspende bedingt. Als Organspender kommen ja nur solche Menschen in Betracht, bei denen während einer intensivmedizinischen Behandlung der Hirntod festgestellt wird, deren körperlicher Zustand aber noch in einem solchen Zustand ist, dass spendefähige Organe entnommen werden können. Das ist zum Beispiel bei Unfallopfern der Fall. Ist eine mögliche Spenderin, ein möglicher Spender erst einmal identifiziert, kann der folgende Prozess der Organentnahme nicht beliebig hinausgezögert werden. Zum einen warten mögliche Empfänger auf ein Spendeorgan, zum anderen kann eine intensivmedizinische Behandlung nicht unbegrenzt fortgeführt werden.

In dieser Situation entsteht also ein großer Druck auf alle Beteiligten. Ärztinnen und Ärzte sehen sich zu schnellem Handeln veranlasst. Wenn nun eine eindeutige Willensbekundung in Form eines Organspendeausweises vorliegt, wird die weitere Prozedur zügig abgewickelt. Das Krankenhaus meldet die Organe, die Entnahme kann vorbereitet werden. Äußerst problematisch ist die geltende Regelung aber, wenn kein Organspendeausweis vorliegt. Dann müssend die nächsten Angehörigen gefragt werden. Das aber geschieht in einer denkbar belasteten Situation. Hier kommt die existentielle Verbundenheit zur Geltung, die zwischen nahen Verwandten besteht. Wenn denn die möglichen Spender durch einen schweren Unfall in diese Situation geraten sind, so liegt zwischen der Nachricht der Unfallfolgen, der Nachricht, wie schwer die Verletzungen sind und der Frage, ob Organe entnommen werden können, nur sehr wenig Zeit. Die Angehörigen können also nicht in Ruhe entscheiden, sondern sind mit der Frage unmittelbar nach der Erkenntnis konfrontiert, dass der mit ihnen verbundene Mensch irreparable Verletzungen erlitten hat und nach keine Möglichkeiten hat, zu einem stabilen Leben zurückzukehren. Sie oder er liegt im Sterben. In dieser Situation wird nun eine weitreichende Entscheidung der Angehörigen notwendig. Hier kommt es immer wieder zu Entscheidungen, die von den Angehörigen im Nachhinein bitter bereut wurden. Dies kann zu langanhaltenden traumatischen Erlebnissen führen, so dass die Angehörigen im Nachhinein urteilen, dass sie den ihnen nahe stehenden Menschen in einem entscheidenden Moment verlassen, ja verraten haben. Die existentielle Verbundenheit kann zu tiefen Verletzungen auch der Angehörigen führen.

Der Wechsel zur Widerspruchslösung

Was ist nun die doppelte Widerspruchslösung? Nun kommt jede Bürgerin, jeder Bürger zunächst einmal für eine Organspende in Frage. Der von der staatlichen Gesetzgebung vorgesehene Standardfall ist also der, dass einem  Mensch im Falle der Diagnose des Hirntodes Organe entnommen werden können. Die behandelnden Ärzte, die den Hirntod feststellen, fragen bei einem Zentralregister nach, ob von der fraglichen Person ein Widerspruch vorliegt. Wenn das nicht der Fall ist, müssen noch die Angehörigen gefragt werden, ob sie von einem Dokument mit einem Widerspruch wissen oder ob sie von einem solchen klar geäußerten Willen Kenntnis haben. Wenn beides nicht der Fall ist, können die Organe entnommen werden.

Der Wechsel von der Zustimmung zum Widerspruch ist weitreichend. In dem ersten Fall ist ein Patient zunächst einmal kein Organspender, kann sich aber zu einem solchen erklären, wenn er aktiv einer Organspende zustimmt. In dem zweiten Fall ist jede Bürgerin, jeder Bürger Organspender. Diejenigen, die widersprechen, bilden nun die Ausnahme. Das heißt, die Patienten in der Intensivmedizin, bei denen der Hirntod festgestellt wurde, sind zunächst einmal Spender. Doch stellen sich in dieser neuen Konstellation grundlegende Fragen. Kann man einen Menschen in dieser Prozedur noch als „Spender“ ansehen? Es ist immer ein Akt von Nächstenliebe, wenn man sich als Spenderin, als Spender zu erkennen gibt. Doch was ist, wenn dieser Akt durch einen Automatismus ersetzt wird? Dann fehlt die die Geste des Gebens, die Spenderin, der Spender zeigt sich nicht mehr mit der Empfängerin, den Empfänger verbunden, sondern wird als objektiver Körper „verwendet“. Wenn man von Staatswegen davon ausgehen kann, dass jeder Bürgerin, jedem Bürger in dem spezifischen Fall der Hirntoddiagnose Organe entnommen werden können, ist dieser Vorgang dann noch eine Spende? Diese ist doch gerade ein ungezwungener und freier Akt! Statt von Organspende müsste man dann von einer regulierten Organentnahme reden. Diese terminologische Differenz zeigt schon an, dass hier ein grundlegender Wechsel vorliegt und nicht nur eine Veränderung einer Prozedur.

Erhebliche praktische Probleme der Widerspruchslösung

Neben der fundamentalen Anfrage stellen sich auch organisatorische Probleme, die eine erhebliche Reichweite haben. Eine Widerspruchslösung setzt voraus, dass jede und jeder vollumfänglich informiert ist und nach reiflicher Überlegung frei entscheidet. Doch wie will man das angesichts der gesellschaftlichen Verwerfungen, der Milieuunterschiede und des unterschiedlichen Umgangs mit Medien sicherstellen? Wie will man verhindern, dass die für eine Widerspruchslösung notwendige Auseinandersetzung nicht in sehr unterschiedlichem Maße in den unterschiedlichen Schichten stattfindet und etwa stark mit dem Bildungsgrad korreliert? Hier tun sich erhebliche Gerechtigkeitsfragen auf. Die unterschiedlichen Grade der Informiertheit in der Gesellschaft lassen erwarten, dass es eine sehr unterschiedliche Intensität in der Beschäftigung mit dem Thema gibt.

Weiterhin wird die problematische Rolle der Angehörigen, die ja schon bei der Zustimmungslösung besteht, nicht gemindert. In der vorgesehenen Widerspruchslösung müssen die Angehörigen sogar gefragt werden. Wer will verhindern, dass nicht noch mehr Menschen im Nachhinein ihre Entscheidung bereuen und sich Vorwürfe machen, weil sie in einer entscheidenden Situation falsch entschieden haben?

Andere Auswege aus der geringen Zahl von Spenderorganen

Es ist unbestritten, dass die geringe Zahl von Spendern ein Problem darstellt und man darf das Problem nicht kleinreden. Es gibt sehr viele schwer kranke Menschen in diesem Land die vergeblich auf Spenderorgane warten. Das ist umso bitterer, als es nach dem Stand der Medizintechnik möglich gewesen wäre, ihnen zu helfen. Jedoch sollte man zunächst alle weiteren Optionen innerhalb des Systems der Zustimmungslösung ausschöpfen bevor man zu so einer drastischen Maßnahme greift wie des Systemwechsels zur Widerspruchslösung. Dazu gehören etwa die Verbesserung der Infrastruktur, etwa eine bessere Ausstattung der Krankenhäuser, so dass sie adäquat reagieren können. Diese Veränderungen kosten Geld und sind keine schnelle Lösung. Aber schnelle Lösungen haben oft im Nachhinein weitreichende und vielleicht auch nicht intendierte Folgen.

Wissenschaft oder Weltanschauung oder…? Glaubensaussagen zeugen von der Verbundenheit mit der Wirklichkeit

Dieser Vorwurf wird im Dialog zwischen Naturwissenschaften und Theologie von Vertreterinnen und Vertretern einer naturalistischen Position oft erhoben: Gläubige Menschen argumentieren weltanschaulich, weil sie sich nicht mit einer (natur-)wissenschaftlichen Beschreibung der Welt zufrieden geben. Der Vorwurf impliziert, dass man entweder die Welt wissenschaftlich beschreibt oder, wenn man die Grenzen der Wissenschaften überschreitet, weltanschaulich argumentiert.

Zwei getrennte Bereiche?

Zunächst legt sie nah, es gäbe zwei säuberlich abgetrennte Bereiche, den der Wissenschaft und den der Weltanschauung. Der eine Bereich ist von Aussagen bestimmt, die empirisch bestätigt sind, der andere von Aussagen, die auf Wünschen, Fantasien, Glaubensvorstellungen und so weiter beruhen. Etwas Drittes ist nicht möglich, Aussagen über die Welt sind entweder wissenschaftlich oder weltanschaulich. Da aber weltanschauliche Aussagen vermieden werden sollten, ist man als vernünftiger Mensch gehalten, sich auf die wissenschaftlichen beschränken. Meiner Ansicht nach aber ist diese Unterscheidung, auf die der Vorwurf beruht, nicht zu halten.

Ein Beispiel aus der Kultur

Was macht man mit der Aussage: „Bertold Brecht war ein begnadeter Dichter.“? Es ist offenkundig, dass diese Aussage über Bertold Brecht keine wissenschaftliche Aussage ist. Es gibt kein Verfahren, keine Methode, die die Aussage bestätigen oder widerlegen kann. Nun werden die Verfechter des Naturalismus einschränken, dass die Aussage über Bertold Brecht als begnadeter Dichter ja eine Wertung beinhaltet. Das ist der Fall. Und doch ist es keine Aussage über fantastische Begebenheiten, über Einhörner oder Fantasiewelten. Vielmehr ist dies eine Aussage über jemanden, der unbezweifelbar Teil der wissenschaftlich beschriebenen Welt war, nämlich das Individuum Bertold Brecht mit einer bestimmten DNA, einem bestimmten, historisch nachvollziehbaren Lebensweg. Folgt man dieser Einschränkung, dass alle wertenden Aussagen nicht wissenschaftlich sind, dann sind sie notwendigerweise nach der obigen Unterscheidung weltanschaulich.

Nicht wissenschaftliche Aussagen sind sogar notwendig

Nun aber kann kein Mensch wertende Aussagen vermeiden. Niemand kann sich ohne wertende Aussagen in der Welt orientieren, dementsprechend machen in der obigen groben Unterscheidung alle Menschen notwendigerweise immer auch weltanschauliche Aussagen. Die Vorstellung zweier in sich geschlossener Bereiche ist damit hinfällig. Wertende und damit weltanschauliche Aussagen durchdringen den Alltag. Dann aber geht der Vorwurf, Christinnen und Christen würden weltanschaulich argumentieren, ins Leere, da doch alle Menschen, sofern sie Wertungen vornehmen, notwendigerweise weltanschauliche Aussagen vertreten.

Nicht wissenschaftliche Aussagen sind nicht nur subjektiv

Nun können die Verfechter des Naturalismus weiterhin einschränken, dass die Aussage „Bertold Brecht war ein begnadeter Dichter“ als wertende Aussage eine subjektive Aussage ist, die nicht den Anspruch erhebt, objektiv gültig zu sein. Doch was heißt das? Könnte man genauso gut das Gegenteil behaupten? Diejenigen, die Brecht für einen guten Dichter halten, werden vehement widersprechen, auch jene, die zugleich Naturalisten sind. Denn eine solche wertende Aussage soll nicht nur für den Menschen gültig sein, der sie ausspricht, sondern für möglichst viele, wenn sie denn zustimmen. Wenn nur ein einziger Mensch etwas mit einer Aussage anfangen kann, braucht er sie gar nicht erst zu äußern. Sie ist so inhaltsleer wie irgendein unverständiger Laut. Vielmehr erwartet der Mensch, der die Aussage macht, dass andere ihr oder ihm zustimmen. „Ja in der Tat, Brecht war ein begnadeter Dichter, man denke nur an seine Kunst, mit sprachlich kargen Mitteln so treffende Ausdrücke zu finden!“ An die erste Aussage mit einem wertenden Gehalt schließt sich im Dialog eine weitere, ebenfalls mit einem wertenden Gehalt an. Deshalb werden wertorientierte Aussagen gemacht. Sie appellieren an andere Menschen, zuzustimmen.

Nicht wissenschaftliche Aussagen sind wichtig für das Zusammenleben

Das heißt aber, dass solche wertenden Aussagen in zahlreicher Form existieren und menschliche Gemeinschaften durchdringen. Diese Aussagen sind nicht wissenschaftlich, das sei zugestanden und doch sind sie für keinen Menschen, der in einer sozialen Umwelt lebt, verzichtbar. Dann aber ist es nicht entscheidend, dass man wertende Aussagen macht, sondern, wie man mit ihnen umgeht. Nun steht der anfangs geäußerte Vorwurf der Weltanschauung im Raum. Doch eine Weltanschauung ist eine geschlossene Theorie über die Welt, allerdings eine, die auch auf nicht wissenschaftliche Aussagen ruht.

Glaubensaussagen jenseits von Wissenschaft und Weltanschauung

Es wäre in der Tat gefährlich, weltanschauliche Aussagen mit den wissenschaftlichen Aussagen gleichzusetzen. Überhaupt ist die Vorstellung, es gäbe so etwas wie die eine und richtige Anschauung von der Welt für eine offene Gesellschaft bedrohlich. Und ja, es gab Zeiten, in denen christliche Aussagen über die Welt wie weltanschauliche Aussagen behandelt wurden. Aber es gibt ein tertium datur. Man kann die christlichen Aussagen über die Welt als Schöpfung Gottes vielleicht besser verstehen, wenn man sie mit wertenden Aussagen vergleicht. Sie sind nicht einfach subjektive Eindrücke, schon gar nicht sind sie Aussage über Fantasiewelten. Sie sind Aussagen über die Welt, die um Zustimmung werben. Sie verweisen auf eine existentielle Verbundenheit, die nur die übersehen, die allein wissenschaftlich-objektivierenden Beschreibungen folgen. Sie hegen die Hoffnung, dass möglichst viele andere diesen Aussagen zustimmen. Und doch sind sie keine geschlossene Weltanschauung. Denn Christinnen und Christen wissen, dass man Gott nicht in geschlossene Theorien fassen kann. Der christliche Glaube bezeugt die Wahrheit des Glaubens, sie hat sie aber nicht verfügbar. Dieser Unterschied ist entscheidend. Wer ihn berücksichtigt findet sich in größerer Nähe zu jenen, die Bertold Brecht einen großen Dichter nennen als zu jenen, die sich allein auf Wissenschaftliches reduzieren und jenen, die geschlossene Weltbilder verkünden.