Ist die Kommunikation in digitalen Medien nur virtuell? Was ist dann real?

In der Diskussion über die digitalen Medien ist es in bestimmten Kreisen beliebt, das Eigentliche, das Reale von dem Virtuellen, dem Scheinbaren zu unterscheiden. Das Eigentliche ist dann natürlich das, worin wir unseren Alltag fristen, wo wir anderen Menschen face to face begegnen, wo wir uns miteinander austauschen, wo wir essen und uns bewegen. Das Virtuelle dagegen ist in den künstlichen Räumen, die digitale Medien produzieren. Es ist in gewisser Weise immer nur eine „Schein“-Welt, weil die Töne und Bilder nahelegen, dass da etwas sei, wo es doch nur elektronisch simuliert wird.

Das Eigentliche und das Uneigentliche

Die Vorstellung lautet: Wenn wir mit einem Menschen face to face intensiv kommunizieren, dann sind wir wirklich mit ihm verbunden. Wir teilen miteinander den Raum, in dem wir uns treffen. Schon der gemeinsame Raum verbürgt, dass das Treffen real ist, denn es findet an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit statt. Dagegen ist ein Treffen in den digitalen Medien uneigentlich. Auch dort kann eine Kommunikation stattfinden, wir können Bilder austauschen und die Sprache nutzen. Doch findet das Treffen nur im „digitalen Raum“ statt. Doch was ist der „digitale Raum“? Eigentlich ist er nur ein Kommunikationskanal, der durch bestimmte Technologien bereitgestellt wird. Damit ist klar: Der Raum wird in gewisser Weise vorgetäuscht, er ist ortlos. Durch Austausch von Bildern und von Tönen mag es den Anschein haben, man sei miteinander in einer direkten Kommunikation, aber das ist nicht der Fall. Es ist nur eine durch die Technik vermittelte Kommunikation. Diese Unterscheidung hat Folgen, für viele führt das zu einer eindeutigen Bewertung digitaler Medien. Sie suggerieren nach dieser Meinung einen unmittelbaren Austausch, der eigentlich aber so gar nicht stattfindet. Die Kommunikation mag funktional sein, sie entbehrt aber der Aura eines direkten Gegenübers und eines direkten Austauschs.

Diese Argumente werden nicht selten in der kirchlichen Diskussion um digitale Medien von den Skeptikern vorgebracht. Digitale Medien wird damit gleich ein mehrfacher Vorwurf gemacht. Der erste Vorwurf ist, dass sie nur eine reduzierte Wirklichkeit wiedergeben. Der zweite Vorwurf ist, dass sie dies mit den Mitteln moderner Technik zu kaschieren versuchen, dass sie in gewisser Weise täuschen. Der dritte Vorwurf ist schließlich der weitest gehende: Digitale Medien bieten die Möglichkeit zur Weltflucht. Wenn man schon mit der realen Wirklichkeit nicht gut umgehen kann, dann hilft es, sich in virtuelle Welten zu flüchten, die vor der Konfrontation mit der Wirklichkeit schützen.

Was ist dran an dieser Unterscheidung? Eine Unterscheidung ist in der Tat notwendig, es gibt offenkundig einen Unterschied zwischen dem Realen und dem Virtuellen, aber die Angedeutete setzt falsch an und führt zu falschen Bewertungen.

Die Virtualität des Realen

Das Wichtigste ist: Woher wissen wir, was die eigentliche Realität ist? Wir sind als leibliche Wesen in diese Welt geworfen und können uns nur mit unvollkommenen Mitteln in ihr orientieren. Es gibt viele gute philosophische Gründe, warum wir keinen privilegierten Zugang zur Wirklichkeit haben können. Es gibt sie nicht einfach so, die originale, reale Welt. Selbst wenn es sie gäbe, könnten wir nichts davon wissen. Was wir wissen, ist immer sprachlich und kulturell vermittelt, aber jede Sprache und jede Kultur verzerrt. Die Verzerrung – wenn man denn davon sprechen will, weil das etwas Unverzerrtes nahelegt – hat erhebliche virtuelle Anteile. Jeder sprachliche Ausdruck, jeder Begriff hat eine schwer zu kontrollierende Konnotation. Jede Äußerung ist eingebunden in einen Strom kultureller Äußerungen, von denen aus man nicht mehr zu einem Original der Realität zurückkommt.

Im Alltag glauben wir als nüchterne moderne Zeitgenossen, dass wir schon wissen, wo wir sind und woran wir sind. Im Alltag mag das funktionieren, doch jede kritische Nachfrage lässt die Annahmen wackeln. Zu meinen, wir stünden auf dem Boden der Tatsachen, ist mit Sicherheit eine Täuschung.

Tatsächlich müssen wir jederzeit mit Ambivalenzen umgehen. Nehmen wir das Gespräch zwischen zwei Menschen face to face: Natürlich kann man den Raum, in dem sie sich treffen, ausmessen: 3x5x4 Meter. Doch das ist für das Treffen nahezu irrelevant. Relevant ist aber die Atmosphäre des Raumes. Doch was genau ist in diesem Zusammenhang eine Tatsache? Atmosphären können hoch ambivalent sein, sie haben immer etwas Virtuelles, sie lassen sich nicht auf physikalische Realia reduzieren. Ähnliches gilt auch für die Menschen, die sich so treffen: Was sehen sie im Gegenüber? Sicherlich keine Fakten, keine bloßen Tatsachen, sondern unendlich viele Überlagerungen von virtuellen Anteilen: Gesellschaftlichen Rollen, Symbolen, Anspielungen, Sehnsüchten, Ängsten, Hoffnungen usw. usf. Kurz: Jedes Gespräch face to face hat in entscheidenden Anteilen an kulturell vermittelten virtuellen Welten teil.

Das Reale des Virtuellen

Ebenso ist demgegenüber ein virtuelles Gespräch durch digitale Medien vermittelt sehr real: Geschäfte können abgeschlossen werden, Beziehungen können angebahnt oder auch beendet werden. Es gibt keine virtuelle Kommunikation in digitalen Medien, die nicht auch in die Realität durchschlägt. Schlachten in Computerspielen können reale Werte zerstören, in einer live Schaltung kann man Augenzeuge eines schrecklichen Vorfalls werden, wie bei dem Terror-Attentat in Christchurch. Und die darauf folgende Kommunikation schafft wiederum reale Verhältnisse.

Mehr und weniger, wahrscheinlich und unwahrscheinlich…

Wenn die Realität aber von Virtuellem durchsetzt ist und das Virtuelle immer auch real ist, kann man dann nicht mehr unterscheiden zwischen dem Virtuellen und dem Realen? Es macht aber tatsächlich Sinn, aber nicht in der großen zwischen Sein und Schein, zwischen Original und Kopie. Eher ist es die Unterscheidung zwischen Mehr und Weniger. Die face to face Kommunikation lässt vielfältigere Sinneserfahrungen zu. Die Kommunikation über digitale Medien ist immer eingeschränkt. Das kann negative Folgen haben, muss es aber nicht. Wenn man aber zwischen Mehr und Weniger unterscheidet, dann gibt es keinen klaren Schnitt. Dann kann eine Kommunikation zwischen zwei Menschen in einem Raum vernebelter sein als die achtsame Kommunikation über Skype. Allerdings: wahrscheinlich ist das nicht. Es ist wahrscheinlicher, dass die face to face Kommunikation mehr Zugänge ermöglicht, da sie umfassender ist.

Es gibt also Unterschiede zwischen der „direkten“ Kommunikation zwischen Menschen und der Kommunikation über digitale Medien. Sie sind nur nicht eindeutig, nicht festgeschrieben, sie befinden sich in einem Feld des Mehr und Weniger und lassen lediglich Tendenz- und Wahrscheinlichkeitsaussagen zu.

Zu dem Thema findet übrigens in diesen Tagen eine Tagung an der Bischöflichen Akademie des Bistums Aachen statt in Kooperation mit der Evangelischen Akademie im Rheinland.

Ein Plädoyer für das Unperfekte – unsere leibliche Existenz und die digitalen Technologien

Wir sind leibliche Wesen

Menschen sind leibliche Wesen. Wir sind ebenso durch unseren Körper bestimmt wie auch durch geistige Fähigkeiten. Wir sind weder auf das eine noch auf das andere zu reduzieren. Das ist im Kern die Bedeutung des philosophischen Ausdrucks „Leib“: Er weist darauf hin, dass wir eine eigentümliche und schwer zu definierende Mischung sind von Materie und Bewusstsein, von Körper und Geist. Die philosophische Schule der Phänomenologie hat Methoden entwickelt, mit diesem irreduziblen Gemisch, mit dieser ständigen Doppelbestimmung umzugehen. Sie setzt bei unserer Lebenswelt an, also bei unseren alltäglichen Erfahrungen und Handlungen. Denn unsere alltäglichen Handlungen und Erfahrungen sind stets von beidem bestimmt. Die Haltungen, alles auf den materiellen Körper zu beziehen oder alles auf das begriffliche Bewusstsein zu beziehen, führen zu Abstraktionen: Der objektive Körper, die reine Vernunft. Jede Handlung, jede Erfahrung in der Lebenswelt haben aber Anteile von beidem, sie geschehen bewusst und sind zugleich körperliche Vorgänge. Im Alltag unterscheiden wir auch nicht zwischen beiden Seiten, wir leben in den undefinierten Zuständen dazwischen.

Wenn wir von unserer leiblichen Existenz ausgehen, wie ist dann die Entwicklung digitalen Technologien zu beurteilen? Am Rande einer Tagung in Aachen hatte ich Gelegenheit, mit Bernhard Waldenfels, dem prominentesten Vertreter der phänomenologischen Philosophie im deutschsprachigen Raum, ein Gespräch zu führen (siehe hier). Seine Haltung gegenüber den digitalen Technologien ist durchaus kritisch. Es steht etwas auf dem Spiel in einer Kultur, die immer stärker durch diese Technologien geprägt ist. Die Erfahrungen der leiblichen Existenz, die lebensweltlichen Orientierungen können verzerrt werden.

Digitale Technologien arbeiten mit definierten Zuständen

Hinlänglich bekannt ist, dass das Digitale die Virtualität betonen, also die geistige Seite des Menschen zulasten der körperlichen. Viele Stereotype der kritischen Diskussion weisen in die Richtung: Sitzen nicht viele körpervergessen stundenlang vor Bildschirmen oder beschäftigen sich mit ihrem Smartphone? Vernachlässigen sie dann nicht den Körper und befinden sich rein geistig in virtuellen Welten? Hier existiert offenkundig die Möglichkeit, aus der Balance zu geraten. Doch das Gegenteil stimmt auch: Digitale Technologien betonen ebenso einseitig den Körper als materiellen Organismus! Waldenfels weist auf bestimmte Technologien, die der Losung „Quantify yourself!“ folgen. Man joggt dann mit einem digitalen Gerät, das die Körperzustände exakt abbildet, Durchschnittswerte ermittelt und Vergleichszahlen anbietet. Der Körper befindet sich in einer kontinuierlichen Überwachung. Durch die Hilfsmittel reduziert sich der Mensch auf einen objektiven Körper.

Die digitalen Technologien befördern also nicht so sehr die Bevorzugung des Bewusstseins gegenüber dem Körper, sie betonen vielmehr beide Extreme, den virtuellen Geist einerseits und den objektiven Körper andererseits. Auf der einen Seite ist unser Leib der Zugang zu einem virtuellen Raum, in dessen Weiten wir uns verlieren können. Auf der anderen Seite erscheint unser Leib in der digitalen Welt als ein genau beobachtetes und kontinuierlich vermessenes Objekt. Die Extreme werden gefördert, der Leib, der die Extreme vermittelt, dagegen wird gering geschätzt.

Die Lebenswelt als das Undefinierbare

Die große Herausforderung besteht künftig darin, auch in und mit den digitalen Technologien den Leib als solchen immer wieder zu entdecken. Der Leib zeigt sich in der Lebenswelt. Bernhard Waldenfels gab in der Diskussion der Tagung ein Beispiel, das in die Richtung weist: Besonders akrobatische Leistungen von Robotern beeindrucken ihn nicht. Das ist berechenbar. Beeindrucken würde ihn dagegen, so sagte er, wenn ein Roboter in einem Handlungsablauf innehalten würde, wenn er zögern  würde!

Dies ist ein wichtiger Hinweis auf die Lebenswelt, denn sie ist eine Sphäre jenseits perfekter Funktionsabläufe (des Körpers) und jenseits perfekter Illusionswelten (des Geistes). In der Lebenswelt regiert das Imperfekte, das, was ins Stolpern bringt, das, was undefinierte Situationen ermöglicht. Im Alltag können wir uns oft nicht so gut entscheiden, wir zweifeln, wir haben Bedenken oder wir haben nicht den notwendigen Überblick.

Plädoyer für das Unperfekte

Wenn wir auch in einer Welt mit digitalen Technologien unsere leibliche Existenz in der Lebenswelt erhalten wollen, müssen wir auf das achten, was sich nicht genau messen oder definieren lässt. Hierzu gehört nebenbei auch die Fantasie. Virtuelle Welten etwa über VR (Virtual Reality) Brillen mögen beeindruckende Spielumgebungen schaffen, aber sie lassen kaum Raum für die Fantasie. Was sich zeigt, ist immer schon definiert. Das ist bei klassischen Rollenspielen von Kindern (Räuber und Gendarm) eben nicht der Fall. Hier braucht es die ausgeprägte Fähigkeit, das, was sich zeigt, anders zu deuten. Hier ist nichts perfekt, hier ist nichts genau vorgegeben. Die Fantasie eröffnet einen Freiraum undefinierter Zustände. Ein Großteil unseres Lebens findet aber tatsächlich genau in dieser unperfekten Sphäre statt. Die wertvollsten Erfahrungen machen wir in einer solchen Umgebung. Sie gilt es zu erhalten auch in einer digitalen Welt. Das heißt: Wir müssen Umgangsformen mit den digitalen Medien und Technologien finden, die das Undefinierte undefiniert sein lassen.

 

Wie gehen wir mit existentieller Unsicherheit um?

In Kooperation mit der Akademie für säkularen Humanismus führt die Evangelische Akademie im Rheinland in Essen regelmäßig kontroverse Diskussionen zu Fragen der Weltdeutung durch. Die Veranstaltung am 13. Dezember steht unter der Frage, wie man bei Unsicherheit handeln kann. Wie gehen wir mit existentieller Unsicherheit um? An der Diskussion haben der Physiker Helmut Fink und der Unternehmer Reinhard Wiesemann teilgenommen. Ihre Thesen finden sich hier: www.mensch-welt-gott.de

Meine grundlegende These lautet:

Sich auf jemanden oder etwas zu verlassen, bedeutet Vertrauen zu haben. Nur so gibt es eine Grundlage für ein Handeln in der Welt. Der christliche Glaube ist Ausdruck eines existentiellen Vertrauens.

  1. Zunächst muss man unterscheiden: Es gibt Handlungen, bei denen man sich absichern kann und es gibt Handlungen, bei denen auch die größte Absicherung ins Leere weist. Beispiel einer Handlung, bei der man sich absichern kann: Man prüft, ob die Reifen fest angezogen sind, bevor man mit einem Auto eine längere Fahrt auf einer unwegsamen Strecke unternimmt. Beispiel einer Handlung, bei der man sich nicht gut absichern kann: Man geht die Ehe mit dem Menschen ein, den man liebt.
  2. Bei jenen Handlungen, bei denen man sich absichern kann, sollte man alle Prüfkriterien beachten, die sinnvoll sind. Nicht alles kann man vor einer Handlung nachprüfen und absichern. Hier entsteht schnell unsinniger Aufwand, der das Leben erschwert. Aber es gibt Nachprüfungen und Absicherungen, die sinnvoll sind. Hierzu gehört, sich über den Zustand von technischen Geräten zu versichern, auf die man sich verlassen muss.
  3. Bei jenen Handlungen, bei denen man sich nicht absichern kann, hat oft schon der Versuch, sich abzusichern, kontraproduktive Effekte. Ob sie, er mich wirklich liebt? Sollte man nicht Nachforschungen bei Freundinnen und Freunden anstellen, Tests durchführen? Man kann sich leicht ausmalen, wie eine solche Haltung auf die Partnerin, den Partner vor einer Hochzeit wirken würde.
  4. Welches sind die Handlungen, bei denen man sich nicht absichern kann? Es sind solche Handlungen, die mit existentiellen Entscheidungen verbunden sind. Wer möchte ich sein? Mit wem möchte ich leben? Worauf will ich in meinem Leben wirklich setzen? Diese Handlungen lassen sich durch mehrere Kriterien näher beschreiben.
  5. Erstens haben die Handlungen ohne Absicherungsmöglichkeit die Eigenschaft, nicht beliebig wiederholbar zu sein. Technische Handlungen (Fahrt mit einem Auto) lassen sich beliebig variieren. Handlungen wie eine Hochzeit lässt sich zwar auch wiederholen, aber nicht beliebig oft. Denn ansonsten wird die Handlung selbst abgewertet. Es gibt biographische, existentielle Handlungen, wo ich hier und jetzt entscheiden muss. Dies zeigt, dass das Leben nicht eine beliebig variierbare Versuchsanordnung ist, sondern jedes Leben ebenso einmalig ist wie begrenzt.
  6. Zweitens sind Handlungen ohne Absicherungsmöglichkeit oft verbunden mit intensiven sozialen Kontakten. Der Lebenszusammenhang mit anderen Menschen ist ebenfalls keine Versuchsanordnung und lässt sich nicht beliebig variieren. Besonders deutlich ist das bei dem Verhältnis zu den eigenen Eltern.
  7. Handlungen ohne Absicherungsmöglichkeit sind in der Philosophie als existentielle Handlungen beschrieben worden. Die Existenzphilosophie hat immer wieder die Notwendigkeit, sich entscheiden zu müssen, betont. Die allermeisten existentiellen Entscheidungen fallen aber unter Unsicherheit.
  8. Hier kommt ein Grundvertrauen zum Tragen, das im Christentum sich auf Gott bezieht. Ich muss mein Leben nicht allein und unabhängig von allem verantworten. Ich kann auf Gott vertrauen, der mich geschaffen hat und mich am Leben erhält. Der christliche Glaube ist so etwas wie ein Grundvertrauen, das sich im Leben immer wieder bewährt. Auch hier kann eine Unsicherheit mitschwingen, der Glaube kann angefochtener Glaube sein. Dennoch ist die Erfahrung, die der christliche Glaube zum Ausdruck bringt, dass es eine Grundlage für Vertrauen inmitten einer Welt existentieller Unsicherheiten gibt.

Ein Kommentar zur politischen Lage, auch aus theologischer Sicht

Wir leben in erstaunlichen Zeiten. Wenn man einmal von der Aufregung der tagespolitischen Ereignisse ein wenig zurück tritt und sich einen Überblick über die Lage verschafft, kann man sich eigentlich nur die Augen reiben. Die Bundesrepublik Deutschland befindet sich in einer wirtschaftspolitisch beneidenswerten Lage. Hinter uns liegen fast 10 Jahre ungebrochenen Wachstums. Die Exporte überwiegen bei weitem die Importe, in einigen Jahren war Deutschland Exportweltmeister. Wir haben uns gewöhnt an die jährliche Nachricht, dass die Zahlen der Steuerschätzer wiederum übertroffen wurden und der Staat deutlich mehr Geld zur Verfügung hat als die ohnehin schon positiven Prognosen ausgewiesen haben. Die Arbeitslosenstatistik weist jedes Jahr rückläufige Zahlen aus, „gegenüber dem Vorjahr sank die Arbeitslosenzahl um …“.

„Uns geht es gut!“

Nun gibt es in der Tat einige Unruhe und Unsicherheit durch die sich rasch verändernde geopolitische Lage. Das Lager des „Westens“, bislang klar dominiert durch die USA droht sich aufzulösen. Multinationale Wirtschaftsabkommen werden mehr und mehr in Frage gestellt. Es wird viel über Zölle geredet und der Brexit schwebt wie ein Damoklesschwert über der Europäischen Union. Das ist aber bislang eher mit einem nahenden Gewitter vergleichbar, dessen Wolken sich bedrohlich aufbauen, aber noch hat kein Regen eingesetzt. Ob es vielleicht noch vorbeizieht? Man weiß es nicht. Klar ist aber, dass die Stimmung im Lande bislang kaum durch diese atmosphärischen Störungen beeinträchtigt ist. Die Wirtschaft läuft auf vollen Touren und es scheint sie bislang nichts zu stören. Das Konsumklima ist gut, Umfragen zeigen, dass die Stimmung durch Zufriedenheit geprägt ist.

Der Politik geht es schlecht!

Ganz anders ist das Bild der Politik! Ganz egal, wie man zu der Maaßen Affäre steht: Hier zeigt sich, dass die Volksparteien an den Rand ihrer Kräfte geraten. Hier herrscht Ausnahmezustand. Die Umfragewerte der traditionellen Volksparteien SPD, CDU und CSU sind im freien Fall. Wer hätte solche Zahlen vor 5 Jahren zu prognostizieren gewagt: SPD 17 % und CDU/CSU 28 % (Infratest Dimap 20.9.)? Für beide Parteien historische Tiefststände! Und es ist nicht absehbar, dass sich das bald ändert.

Nun haben CDU/CSU und SPD die längste Zeit der letzten 10 Wachstumsjahre regiert. Wie passen die Werte mit der wirtschaftlichen Situation des Landes, dem damit einhergehenden Wohlstand zusammen? Was ist geschehen, dass diese Parteien derart desolat dastehen, dass ihnen die Kraft fehlt, eine Affäre um einen Amtsleiter, zugegebenermaßen eines bedeutenden Amtes, nicht geräuschlos zu lösen? Vordergründig kann man als einen Faktor die Flüchtlingspolitik anführen. Denn die ehemaligen Volksparteien als Parteien waren und sind nicht in der Lage, bei diesem hochemotionalen Thema eine eindeutige Position zu beziehen. Sie changieren zwischen Willkommenskultur und pragmatischer Abschottungspolitik. Doch ist das meiner Ansicht nach nur ein vordergründiges Argument, weil andere westliche Industrieländer andere politische Wege gegangen sind und doch sich die gleichen Effekte zeigen: eine dramatische Schwäche der etablierten Parteien.

Hier nun ein Versuch, einen tieferliegenden Grund zu benennen: Mag es nicht daran liegen, dass die früher homogeneren gesellschaftlichen Milieus zerfallen? Die Volksparteien waren dann stark, wenn sie Milieus repräsentieren konnten, die eine erkennbare politische Agenda hatten, seien es Arbeiterinnen und Arbeiter oder konservativ katholische Kreise. Als Volksparteien waren sie immer daran interessiert, auch andere Kreise zu gewinnen, aber ihre Identität hing an der Ausrichtung auf bestimmte Milieus. Doch wenn diese zerfallen, ist es für die Parteien nicht mehr möglich, klar zu sagen, wofür sie stehen.

Der Zerfall der Milieus, eine kontinuierliche Vereinzelung

Der Zerfall der Milieus geht mit einem Zerfall bzw. der Schwächung von gesellschaftlichen Großorganisationen einher. Es trifft eben nicht nur die Volksparteien, sondern auch viele Vereine, große Medienhäuser wie die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten oder auch die Kirchen. Solche Großorganisationen haben es in einer immer stärker individualisierten Gesellschaft immer schwerer, ihre Bedeutung zu bewahren.

Wenn das so ist, wenn die Politik sozusagen nur das sichtbarste Zeichen eines grundlegenden Wandels der Individualisierung der Gesellschaft ist, dann ist das auch ein eminent theologisches Thema! Ist es nicht so, dass Gesellschaften ein Mindestmaß an Zusammenhalt, an gesellschaftlicher Solidarität brauchen, die über alltägliche Erfahrungen von Gemeinschaft und Verbundenheit bestätigt und immer wieder neu erfahrbar gemacht werden müssen?

Der Mensch als Beziehungswesen

Das rührt an die Grundfragen der Anthropologie. Ist der Mensch zunächst und vor allem ein Einzelwesen, das selbstbestimmt seinen Lebensweg geht oder ist es nicht vielmehr so, dass Menschen stets aufeinander angewiesen sind und auch in komplexen modernen Gesellschaften es Orte und Symbole geben muss, die die Erfahrung von Gemeinschaft und Solidarität ermöglichen? Ist der Mensch nicht vielmehr ein Beziehungswesen, das mehr braucht, als ein Leben in materieller Absicherung und der Möglichkeit zur Selbstoptimierung? Angebote zur Erfahrung von Gemeinschaft sind in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich karger und dürftiger geworden. Möglicherweise ist sogar ein Anteil jener neueren restaurativen Tendenzen auf dieses Bedürfnis zurückzuführen. Verklärende und verzerrende Blicke in die Vergangenheit suggerieren, dass es dort eine Gemeinschaftserfahrung durch nationale Homogenität gab.

Wenn die Vermutung stimmt, dann wird uns dieser Prozess noch lange Zeit beschäftigen. Denn Abhilfe ist nicht so schnell in Sicht. Weder kann man das Problem moralisieren („Tut mehr gemeinsam!“) noch gibt es eine gesellschaftliche Institution oder Organisation, die die Fähigkeit hätte, hier einen anderen Weg einzuschlagen und gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Auch die Kirchen nicht. Wenn aber weiterhin die Vermutung stimmt, dass der Mensch immer auch notwendigerweise ein Gemeinschaftswesen ist, dann wird sich die politische und gesellschaftliche Entwicklung auch nicht einfach wieder auf einem neuen Niveau als hochgradig individualisierte Gesellschaft stabilisieren. Dieser Beitrag endet mit offenen Fragen. Aber vielleicht ist es schon einmal wichtig, die richtigen Fragen zu stellen und nicht die, ob die eine oder andere Parteivorsitzende oder der eine oder andere Parteivorsitzende zu ersetzen sei…

Das erklärt alles! Gedanken zum Tag der Schöpfung

Gott als Schöpfer der Welt ist eine zentrale Vorstellung.

Die Rede von der Schöpfung fristet im kirchlichen Alltag ein ambivalentes Dasein. Auf der einen Seite ist sie außerordentlich zentral. Das apostolische Glaubensbekenntnis nennt im ersten Artikel „den Schöpfer des Himmels  und der Erde“. Immer dann, wenn von Gott als dem „Allmächtigen“ gesprochen wird, ist auch das Schöpfungshandeln angesprochen. Was kann denn besser die Allmacht zum Ausdruck bringen, als die Tatsache, dass Gott alles geschaffen hat, was ist? Im Vaterunser heißt es: „Denn Dein ist die Macht.“ Schließlich findet auch im kirchlichen Alltag die Schöpfung immer dann Erwähnung, wenn es um umweltpolitische Fragen geht: Die „Schöpfung bewahren“ ist ein eingängiger Slogan, der es weit über die kirchlichen Kreise hinaus in die allgemeine gesellschaftliche Debatte geschafft hat. „Wir müssen die Schöpfung bewahren und dürfen die Erde nicht zerstöre!“ ist eine Aussage, auf die sich auch viele verständigen können, die sonst nicht dazu neigen, an Gott zu glauben.

Die Vorstellung von der Schöpfung ist heute aber sehr blass.

All dies steht aber in einer eigentümlichen Diskrepanz zu einer gewissen Verzagtheit, wenn es darum geht, einmal genauer zu sagen, was denn mit Schöpfung gemeint ist. Gott hat die Welt geschaffen – was meint das? Die Welt ist das große Ganze. Die Physiker nennen es auch das Universum. Was meint dann die Aussage, Gott habe das Universum geschaffen, genau, wie kann man sich das vorstellen? In der Tradition wurde dann stets auf die erste Schöpfungserzählung verwiesen, denn hier wird der Schöpfungsvorgang detailliert und in einzelne Schritte gegliedert vorgestellt  – Gott hat die Welt in sieben Tagen geschaffen. Doch diese Erzählung steht derart quer zu allen heute geteilten Überzeugungen von der Entstehung des Universums. Die so genannte „Urknall-Theorie“ ist die allgemein akzeptierte kosmologische Theorie. Deren Vorstellungen stimmen mit den biblischen Erzählungen von der Schöpfung in keinem Punkt überein.  Man muss sich also fragen, was der Sinn der Erzählung aus heutiger Sicht ist.

Strategien im Umgang mit der modernen Kosmologie

Eine beliebte Strategie ist es, die Schöpfungserzählung historisch zu relativieren, immerhin entstand sie etwa 500 Jahre vor Christi Geburt. Doch hilft das hier nicht weiter, denn es ist ja die Frage, was wir heute unter Schöpfung verstehen. Nun gibt es solche, die sagen, genau das, was die Physik lehrt, sei Gottes Schöpfung und eigentlich meine die Bibel genau den Vorgang, den wir physikalische beschreiben können!  Doch dann ist der Einwand nicht so ganz abwegig, dass die Physik auch ohne die Rede von Gott ganz gut auskommt und dass die Rede von Gott dem auch nichts Neues hinzufügt. Warum dann nicht gleich vom Urknall reden, statt von einer Schöpfung? Das gilt im Übrigen auch für den Versuch, die Schöpfung Gottes im Urknall selbst zu verankern. Diese Erklärung gilt im Übrigen nur so lange, wie die Theorie vom Urknall gibt. Was aber, wenn dereinst kosmologische Theorien sich wieder wandeln und das Urknall-Modell verworfen wird? Dann muss man andere Orte suchen, wo man Gottes Schöpfung unterbringen kann. Es ist ziemlich deutlich, dass sich hier die theologische Rede von der Schöpfung unter Wert verkauft, sie wird ein Anhängsel an die jeweils geltenden physikalischen Theorie ohne eigenen Deutungsanspruch. Zudem will die moderne kosmologische Erklärung mit der Erzählung von den 7 Tagen nicht zusammen passen.

Die Wirklichkeit ist nur für endlicher leibliche Wesen als Schöpfung erfahrbar

Mein Vorschlag ist, von all diesen Spekulationen zu lassen. Steht bei der theologischen Rede von der Schöpfung  wirklich eine Theorie über das Ganze des Universums im Mittelpunkt? Gäbe es nicht die erste Schöpfungserzählung auf der ersten Seite der Bibel, würde niemand bei den vielen anderen Stellen in der Bibel an eine geschlossene Theorie denken und meinen, der Glaube an Gott hänge von einer bestimmten Sichtweise der Entstehung des Universums ab. Den entscheidenden Punkt der biblischen Rede von der Schöpfung hat Martin Luther erkannt, lange bevor es eigenständige physikalische Theorien über den Kosmos gab.  Luther war klar: Was auch immer Schöpfung im christlichen Sinne meint, wir werden den Begriff nur dann verstehen, wenn wir nicht in die weite Welt hinaus schauen, sondern auch auf uns selbst schauen und die Art und Weise, wie wir in der Welt leben.

Menschen sind endliche und verletzliche Wesen.

Martin Luther hat den Artikel des Glaubensbekenntnisses im Kleinen Katechismus strikt auf unsere endliche leibliche Existenz bezogen:

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Was ist das? Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was nottut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohne all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.“

Es ist so leicht, sich deutlich zu machen, wie verletzlich und bedürftig wir sind, wie abhängig von unserer Umwelt wir sind. Was geschieht, wenn wir einmal eine Minute nicht atmen, zwei Tage nicht trinken oder fünf Tage nichts essen? Schöpfung heißt also, dass wir als lebende Wesen auf eine lebensfreundliche Umwelt angewiesen sind, ganz unabhängig von einer physikalischen Beschreibung des Kosmos. Was die Rede von der Schöpfung meint, erleben wir, wenn wir auf die Abhängigkeit von unserer Umgebung und die Abhängigkeit von anderen Menschen schauen.

Vom Kleinen zum Großen

Wenn man also im christlichen Sinne von der Schöpfung redet, dann redet man nicht von einer wie auch immer gearteten Erklärung der Welt, sondern von unserer Bedürftigkeit und der Dankbarkeit für die Grundlagen des eigenen Lebens. So kann man die Bedeutung von Schöpfung auch in Zeiten moderner kosmologischer Theorien verstehen lernen. Es wird auch deutlich, welche Botschaft in dem Slogan „Schöpfung bewahren“ steckt. Der Slogan zeigt, dass wir mit allem Leben auf Bedingungen angewiesen sind, die wir nicht ungestraft zerstören dürfen.

Ein Letztes bleibt: Die Welt kann nur am eigenen Leib als Schöpfung erkannt werden. Aber darüber hinaus gibt es noch eine zweite Komponente der biblischen Rede von der Schöpfung und die weist über die eigene Existenz hinaus. Was auch immer uns in dieser Welt begegnen mag – alles kann auf die Schöpfung Gottes zurückgeführt werden. Anders ausgedrückt: Die Welt mit allem in ihr ist nur deshalb die Welt, weil sie von Gott geschaffen ist. Hier erst, in dieser  Ausweitung der eigenen Erfahrung, mit allen Dingen in der Welt macht die Rede von Gott als dem Schöpfer der ganzen Welt Sinn.

Bieten die Neurowissenschaften die Grundlage für ein neues Menschenbild?

„Das menschliche Gehirn ist das Maß aller Dinge.“ So oder ähnlich mögen viele gedacht haben, die in den letzten Jahren die öffentlichen Debatten verfolgt haben. Die Neurowissenschaften haben immer wieder überraschende Erkenntnisse über das menschliche Gehirn produziert.

Das Jahrzehnt der Gehirnforschung

Anfang des Jahrtausends haben führende Wissenschaftler die Dekade des Gehirns ausgerufen, ein Manifest der Hirnwissenschaft wurde in Deutschland 2004 intensiv diskutiert. Viele Disziplinen schienen sich in der Folge neu zu erfinden, indem sie ein „neuro-“ vor ihren Namen setzten: So entstanden Neuro-Psychologie, Neuro-Pädagogik, Neuro-Ökonomie usw. Wir wissen heute deutlich mehr über das menschliche Gehirn, aber auch über das menschliche Verhalten. Doch scheint es so, dass der anfängliche Hype etwas abgeklungen ist, von revolutionären Veränderungen der Neurowissenschaften redet heute keiner mehr.

Das Gehirn als Schlüssel zu allem?

Die Euphorie vor etwas mehr als einem Jahrzehnt war nicht zuletzt auch dadurch bestimmt, dass die Diskussion über das menschliche Gehirn  in hohem Maße ideologieanfällig ist. Dies gilt in geringem Maße für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die im Bereich der Neurowissenschaften forschen. Denn diese wissen ja genug um die Randbedingungen ihrer Messungen und um die Einschränkungen, die für die Messungen gelten. Die weltanschauliche Ausweitung wurde eher von wenigen wissenschaftlichen Akteuren und vielen Medien betrieben, die auf eine breite gesellschaftliche Resonanz stieß. Hier verdichtet sich die Vorstellung,  der Mensch sei vollständig verstanden, wenn man erst einmal sein Gehirn verstanden hat. Für alles, was ein Mensch bewusst erlebt oder tut, gibt es eine Repräsentation in seinem Gehirn. Bietet damit nicht das Gehirn den Schlüssel zu Verständnis des Menschen?

Das Eldorado der Neuropädagogik

So entstand der Eindruck, dass das, was bisher nur ungenau verstanden war, durch die Neurowissenschaften genau beschrieben werden konnte. Gerade in der Neuro-Pädagogik wurden viele Verheißungen ausgesprochen und von Lehrerenden ebenso wie von besorgten Eltern intensiv rezipiert. Manche Buchveröffentlichungen konnten ihren Absatz dramatisch steigern, indem sie neurowissenschaftliche Expertise für sich behaupteten. Es reichte dann auch für die Empfehlungen die kleine unspezifische Ergänzung „Die Neurowissenschaften haben herausgefunden, dass…“ Letztlich blieben aber die Empfehlungen zumeist in dem Spektrum der gute alten humanistischen Pädagogik. Es kamen nicht viele wirklich neue Erkenntnisse hinzu. Seitdem ist das Interesse für Neuro-Pädagogik auch wieder stark abgeflaut.

Ein mereologischer Fehlschluss

Will man die wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnisse von der ideologischen Überhöhung unterscheiden, kommt es auf die richtige Gewichtung an. Wir lernen durch die Neurowissenschaften viel über den Menschen, aber das heißt nicht, dass wir alles, was den Menschen ausmacht, durch das Gehirn verstehen können. Der Körper ist nicht nur einfach ein Appendix des Gehirns, das Gehirn ist nicht der Kern des Menschen. Eine genauere Betrachtung zeigt, dass das Gehirn ein in hohem Maße vernetztes Organ ist. Es zu isolieren, würde bedeuten, es auch seiner Funktionalität zu berauben. Ein zerebraler Zentrismus begeht einen argumentativen Fehler, mereologischer Fehler genannt, weil er einen Teil für das Ganze setzt. Dies haben der Philosoph Peter Hacker und der Neurowissenschaftler Maxwell Bennett klar herausgearbeitet.

Es gibt gute Argumente dafür, dass nur ein in einem Körper situiertes Gehirn sehen kann, dass nur ein Mensch und nicht ein Gehirn denken kann. Bei den Gefühlen ist das ganz offenkundig. Das Gehirn ist eher ein System, das nicht nur mit vielen anderen Organen in einem Körper vernetzt ist. Darüber hinaus ist es auch mit anderen Gehirnen vernetzt – über die Sprache, die Menschen miteinander teilen.

Eine differenzierte neurowissenschaftliche und kulturelle Betrachtung

Führende Neurowissenschaftler weisen den Weg: Nicht die Konzentration auf das Gehirn allein wird zukünftig wichtig sein, sondern ein besseres Verständnis des Gehirns als ein Teil im Organismus Mensch und als ein Teil im komplexen kulturellen Kontext. Ich habe ein Akademiegespräch mit Prof. Dr. Christian Elger geführt. Elger zeigt zum Beispiel auf, dass ein und derselbe Belohnungsmechanismus im Gehirn in unterschiedlichen kulturellen Umgebungen sehr unterschiedliche Folgen haben kann.

Das Gehirn determiniert nicht das menschliche Verhalten, aber es hat einen großen Einfluss auf das menschliche Verhalten. Hier werden auch künftig die Neurowissenschaften eine wichtige Rolle spielen. Nur in seltenen Fällen kann das menschliche Verhalten eindeutig auf Prozesse im Gehirn zurückgeführt werden, wenn etwa durch einen Tumor oder eine äußere Verletzung sozial deviantes Verhalten eintritt. Auch die Demenz oder Formen der Epilepsie gehören zu jenen Bereichen, in denen die Neurowissenschaften täglich dazu lernen.

Das Gehirn in der Regel in hohem Maße plastisch und kann oft Störungen selbst kompensieren. Komplexes menschliches Verhalten lässt sich nicht einfach auf Gehirnprozesse reduzieren. Damit bieten die Neurowissenschaften keine Grundlage für ein neues Menschenbild, aber sie bieten die Grundlage für ein genaueres und differenzierteres Menschenbild!

 

 

Pränataldiagnostik – die schleichende Revolution?

In der öffentlichen Diskussion von bioethischen Themen gibt es eine Konzentration auf spektakuläre Themen. Wenn die Forschung einen Durchbruch in gentechnischen Methoden erringt, findet das über die Fachkreise hinaus große Aufmerksamkeit. Das ist auch gut so. So fand vor kurzem die Methode „CRISPR Cas“ einige Aufmerksamkeit, mit der präzise Veränderungen am Genom vorgenommen werden können. Neue Methoden ermöglichen in der Regel neue Handlungsoptionen. Im Falle von „CRISPR Cas“ stellt sich die Frage, ob man nicht auch in das menschliche Genom eingreifen sollte, etwa wenn bei einem Embryo eine monogenetische Erkrankung festgestellt wird. Der Eingriff in die Keimbahn ist bislang ein Tabu und in Deutschland per Gesetz verboten. Doch welche Richtung wird die Entwicklung nehmen, wenn erbliche Erkrankungen verhindert werden können? Wenn man aber diesem begrenzten Eingriff zustimmt, stellt sich schnell die weitergehende Frage, welche Krankheiten zu einem solchen Eingriff berechtigen. Und schon befindet man sich mitten in einer gravierenden bioethischen Debatte.

Spektakuläre Durchbrüche und schleichende Entwicklungen

Diese Diskussionen werden auch mit einiger Aufmerksamkeit öffentlich geführt. Anders ist es dagegen, wenn  die Veränderungen nicht mit spektakulären wissenschaftlichen Durchbrüchen verbunden sind. Dennoch können auch konventionellere neue Technologien weitreichende gesellschaftliche Folgen haben. Das ist im Bereich der Pränataldiagnostik der Fall. Worum geht es hier? Vorgeburtliche Untersuchungen gehören zu dem Umfang einer jeden medizinischen Betreuung einer Schwangerschaft. Es geht dann zum Beispiel um die Frage, ob in der Schwangerschaft Komplikationen zu erwarten sind. Etwas anderes ist es aber, wenn der Fötus daraufhin untersucht wird, ob das Kind schon vor der Geburt erkennbare Anzeichen für eine Erkrankung hat. In früherer Zeit ist eine solche Untersuchung eher im Ausnahmefall gemacht worden, weil die Amniozentese oder die Chorionzottenbiopsie mit einem Eingriff, einer Gewebeentnahme verbunden war.

Der neu entwickelten genetischen Bluttest

Doch hier haben neuere Technologien den Eingriff wesentlich erleichtert. Zuletzt sind Untersuchungen des Blutes der Mutter etabliert worden, die es ermöglichen, auch das Genmaterial des Kindes zu untersuchen, von dem es geringe Spuren in dem Blut der Mutter gibt. Die fortschreitende Entwicklung dieser Tests bringt es mit sich, dass die genetische Untersuchung ihrerseits wesentlich genauer und auch preiswerter geworden sind. Beide Faktoren zusammen geben die Möglichkeit, dass nun sehr viel mehr schwangere Frauen untersucht werden, die zuvor in keine Risikogruppe gefallen wären. Es ist im Gespräch, dass diese Untersuchungen eine kassenärztliche Leistung werden.

Gesellschaftliche Implikationen

Die Untersuchungen sind je und je Einzelfälle, in denen sich die Betroffenen individuell entscheiden müssen. Doch kann diese Entwicklung weitreichende und gravierende Auswirkungen auf die Gesellschaft haben.  Wie reagieren die werdenden Eltern bzw. die schwangeren Frauen auf die Nachricht, dass eine genetische Erkrankung bei dem Kind diagnostiziert wurde? Die Zahlen, die zur Verfügung stehen, zeigen, dass die weit überwiegende Mehrheit (bei manchen Merkalen bis zu 9/10) dann einen Abbruch vornehmen lassen. Das heißt aber, dass die weite Verfügbarkeit der Tests, ihre geringen Kosten und ihre immer besser werdende Prognosefähigkeit in der Tendenz dazu führen, dass Kinder mit bestimmten genetischen Dispositionen kaum noch geboren werden.

Über den Einzelfall kann man nur schwer ein Urteil fällen, weil es sich je und je um Gewissensnöte handelt und eine sehr schwierige Entscheidung. Doch die gesellschaftlichen Folgen von sehr zahlreichen gleichlautenden Entscheidungen für den Abbruch sind, dass die Vielfalt abnimmt. Damit wächst aber auch der gesellschaftliche Druck auf die Minderheit, die sich trotz Diagnose für das Kind entscheidet. Es entsteht in diesem Automatismus einer gesellschaftlichen Ausgrenzung von Menschen mit genetischen Erkrankungen.

Inklusive Gesellschaft?

Die Kirchen haben in den letzten Jahren den Gedanken der Inklusion mit Nachdruck befördert. Wer eine inklusive Gesellschaft will, muss insbesondere jene stärken, die von einer gesellschaftlichen Norm abweichen. Da geht es bei weitem nicht nur um die Pränataldiagnostik, sondern es geht um die Versorgung von Kindern, um die Unterstützung von Eltern, um die Ermöglichung von Bildungswegen, es geht um die Gestaltung eines möglichst eigenständigen Lebens von Menschen mit Behinderung. Hier liegen die gesellschaftlichen Herausforderungen. Wenn das gelingt, kann eine Gesellschaft inklusiver werden, das heißt, auch offener gegenüber Abweichungen. Dann ist es vielleicht auch möglich, dass sich mehr werdende Eltern für ein Kind mit genetischen Krankheiten entscheiden. Das Ziel der Inklusion ist nicht nur ein hehres Ziel von Gutmeinenden. In einer Gesellschaft, die Abweichungen von der Norm nicht toleriert, wird eine harte Gesellschaft. Die Gestaltungs- und Eingriffsmöglichkeiten werden in der Zukunft mit Sicherheit zunehmen. Welche Abweichungen nehmen wir dann noch hin und was halten wir dann nicht mehr für tolerierbar? Von dieser Entwicklung wird abhängen, in welche Richtung wir das gesellschaftliche Miteinander gestalten – als inklusive Gesellschaft oder als Gesellschaft vorgegebener Gesundheitsnormen!

Hier finden Sie ein Akademiegespräch zwischen Frau Prof. Graumann, Mitglied im Deutschen Ethikrat und Präses Manfred Rekowski zu dem Thema.