Wie verbesserungsfähig ist der Mensch?

Es ist ein alter Menschheitstraum: Eines Tages mag es gelingen, dass wir Menschen uns Menschen weiter perfektionieren können. Viele Science Fiction sind mit solchen Wesen bevölkert, die körperlich leistungsfähiger sind, die weniger emotional sind und über höhere analytische Fähigkeiten verfügen. (Ob das wirklich Verbesserungen sind, kann man gerne diskutieren). Es ist dabei einerlei, ob diese Fähigkeiten durch genetische Veränderungen entstehen (wie in dem kritischen Film „Gattaca“) oder ob es sich um Mensch-Maschine-Mischwesen handelt (wie im Film „Terminator“). Aber das sind nur neue Formen eines alten Traums. Schon in der Renaissance gibt es die Geschichte von dem Prager Rabbi Löw, der den Golem, ein menschähnliches Wesen, schaffen kann. Nicht zu vergessen natürlich der wohl die berühmteste Kreatur unter allen Schaffensfantasien, jenes Wesen, das in der Erzählung von Mary Shelley der Schweizer Frankenstein konstruiert.

Dieser Traum hat von Beginn an starke Ambivalenzen und geht oft nicht gut aus. Ist es nicht vielmehr ein Albtraum? Die alten Erzählungen gehen oft in diese Richtung. Was ist, wenn wir Menschen unsere Gestaltungsmöglichkeit so stark erweitern können? Was macht das mit uns, mit unserem Menschenbild? Ein amerikanischer Theologe, Philip Hefner, nennt den Menschen einen „created co-creator“. Diese Formulierung ist hilfreich, weil sie die ganze Ambivalenz deutlich macht: Wir sind Geschöpfe, aber solche, die über eine erhebliche Schaffensmacht verfügen. Und diese Schaffensmacht wächst zusehends.

Neue Technologien – künstliche Intelligenz

Wir leben nun in einer Zeit, in der die Forschung in vielen Bereichen rasante Fortschritte macht. Da sind zum einen die neuen Erkenntnisse in der Erforschung der künstlichen Intelligenz. Die Vorstellung eines Supercomputers, den die Erbauer programmieren und ihn so in die Lage versetzen, Ungeahntes zu leisten, gehören der Vergangenheit an. In dieser Linie funktionierte noch Deep Blue, jener Computer von IBM, der den Schachweltmeister Garri Kasparow besiegte. Heute geht es vielmehr um selbstlernende Systeme, die keine klare vorgegebene Hierarchie mehr kennen, die sich adaptiv der wechselnden Umwelt anpassen.  Auf diese Weise ist gelungen, was für einen konventionellen Computer unmöglich schien, nämlich, dass die Maschine auch bei dem noch komplexeren Go Spiel  den weltbesten menschlichen Spieler besiegen (so geschehen im März 2016: AlphaGo besiegte Lee Sedol) Der Unterschied zu Deep Blue ist aber gravierend: Wir wissen nicht mehr so genau, warum die Maschine diesen oder jenen Zug machte, denn die Vorgänge in den selbstlernenden Systemen sind nicht mehr transparent!

Neue Technologien – Gentechnik

Ein anderes Forschungsgebiet, der ähnliche rasante Fortschritte macht, ist die Gentechnik. Seit 2012 ist bekannt, dass man mit einem bestimmten Enzym, Crispr Cas9 genannt sehr zielgenau bestimmte Sequenzen eines Genoms ausschneiden und durch andere ersetzen kann. Damit wird es zum Beispiel möglich, monogenetische Erkrankungen auszuschalten. Doch nicht nur Erkrankungen lassen sich als Anwendungsbereich denken. Warum sollte es nicht möglich sein, bei steigendem Wissen über das menschliche Genom, wünschenswerte Eigenschaften eines Menschen zu verbessern? Sollte es also denkbar sein, dass eines Tages eine künstliche Befruchtung, eine In Vitro Fertilisation vorgenommen werden kann, die das Ziel hat, bestimmte Eigenschaften des so erzeugten Embryos zu verbessern?

Was ist, was werden kann

Noch ist es nicht so weit. Noch sind die Technologien nicht so beherrschbar, dass man sie direkt anwenden könnte. Die Einführung künstlicher Intelligenz in unseren Alltag ist aber nur noch eine Frage der Zeit. Über selbstfahrende Autos wird schon viel diskutiert. Im Übrigen muss die Veränderung des Menschen nicht allein dadurch stattfinden, dass etwa künstliche Mensch-Maschine-Schnittstellen geschaffen werden. Dazu reichen auch die gewöhnlichen Interfaces, zum Beispiel das handelsübliche Smartphone. Das entwickelt sich immer mehr zu einer Kommunikationszentrale des Menschen. Was ist aber, wenn es demnächst nicht nur auf Wunsch reagiert, sondern seinerseits Empfehlungen ausspricht und schon einmal selbsttätig handelt (Kühlschrank füllen, den Weg zum nächsten erwarteten Ziel berechnen, etc).

Es ist offenkundig: Die Zukunft hat hier schon begonnen. Das, was als Erleichterung daher kommt, mag schon bald auch tonangebend sein. Warum widersprechen, wenn die Maschine es besser weiß und wir so schneller zum Ziel kommen?

Zwei Pfade in die Zukunft

Es gibt also, wie die Dinge stehen, zwei Pfade, auf denen wir mit den Technologien stärker verbunden sein werden. Der erste Weg ist der einer durch und durch berechneten Umwelt, die als Verbesserung gegenüber einer wilden und ungezähmten Umwelt erscheint, in der aber die Maschinen und Algorithmen einen zunehmenden Raum einnehmen und immer mehr Einfluss nehmen.  Der zweite Weg ist der der Verbesserung einzelner Individuen durch Gentechnik oder Interfaces. Möglicherweise konvergieren beide Wege auch in Zukunft. Ein Unternehmen in Norddeutschland hat seinen Mitarbeitern auf freiwilliger Basis subkutan einen Chip installieren lassen, so dass lästige Kontrollen (an der Tür, beim Computer) wegfallen. Aber wo endet Bequemlichkeit und wo beginnt die Fremdbestimmung?

Welche Bilder vom Menschen haben wir?

Es ist also hohe Zeit, dass wir darüber nachdenken, wie wir unser Verhältnis zu den Maschinen gestalten wollen. Es gibt viele Pfade und nicht alle sind einfach schlecht. Aber keiner ist auch einfach nur gut. Wir müssen die Ambivalenzen genau prüfen. Dahinter steht die grundlegende Frage: Wie wollen wir leben? Und diese Frage ist mit der noch grundlegenderen verbunden: Wer wollen wir sein? Die Tatsache, dass die Fantasien schon lange vor den Technologien da waren, zeigt, dass es um eine tiefliegende menschliche Sehnsucht geht. Diese Sehnsucht war immer schon auch ein theologisches Thema. Der Mensch greift über sich selbst hinaus. Das ist Teil seiner Würde und Gottebenbildlichkeit und zugleich auch Ausdruck seiner Sünde und Eigenmächtigkeit. In dieser Ambivalenz werden wir unseren Weg suchen müssen. Entscheidend ist wohl, welche Bilder vom gelingenden Menschsein uns leiten. Die Bemerkung am Anfang zeigte schon: In Science Fiction kommt wohl ein bestimmtes Bild vom Menschen zum Zuge, das man mit guten Gründen in Frage stellen kann. Aber welche anderen Bilder haben wir? Hier hat die Theologie eine wichtige Aufgabe. Die biblischen Texte bieten einen großen Fundus. Sie zeigen den Menschen als barmherzigen, als mitleidenden Menschen, als Menschen, der sich verbunden fühlt mit der in umgebenden Natur, die er eben gerade nicht beherrscht. Ein Mensch, der seine fundamentale Begrenztheit vor Gott erfährt. Es ist hohe Zeit, solche Seiten des Menschseins wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Sie sind wichtig, wenn es darum geht, die Technologien der Zukunft zu gestalten!

Warum beziehen wir uns im Alltag so selten auf Gott?

Im Alltag verlassen wir uns auf Routinen. Das sind solche Handlungsabläufe, über die wir nicht viel nachdenken müssen, die fast von selbst stattfinden. Die Dinge, mit denen wir umgehen, sind uns vertraut. Doch was passiert, wenn etwas Außergewöhnliches geschieht? Das Außergewöhnliche ist erst einmal eine Unterbrechung des Alltags. Die Routine greift nicht mehr, etwas gerät ins Stocken.

Unterbrechungen des Alltags

Wir müssen uns dann neu orientieren. Warum funktioniert das Licht im Keller nicht? Warum springt das Auto nicht an? Warum habe ich keinen Empfang mit meinem Handy? Es gibt tausend Gründe dafür, dass die Routinen unterbrochen werden. Nun haben wir moderne Menschen auch für solche Momente eine Routine entwickelt.  Wenn etwas fragwürdig wird, gehen wir mit der Situation in einer bestimmten Weise um. „Was ist los?“ Wenn wir die Frage zu beantworten versuchen, nehmen wir eine bestimmte Haltung ein und machen uns auf die Suche.

Wir suchen nach Indizien für die Ursachen der Unterbrechung und beziehen uns auf Hintergrundannahmen, die wir als sicher annehmen. Diese Hintergrundannahmen bestehen für uns  in der Regel aus dem Wissen über die objektive Welt. Wir akzeptieren in der Regel keine Erklärungen, in denen die Naturgesetze außer Kraft gesetzt sind. Eine Formulierung, die dieser Haltung Ausdruck gibt, lautet: „Es muss alles mit rechten Dingen zugehen.“

Ist das UFO wirklich gelandet?

Nehmen wir einmal die folgende Situation an: Ein Freund stürzt durch die Tür herein und behauptet aufgeregt, vor dem Haus sei ein UFO gelandet. Wir glauben ihm nicht, aber lassen uns mitreißen und laufen vor das Haus: Wir sehen nichts. Der Freund will sich nicht beruhigen, wir untersuchen mit ihm den Rasen vor dem Haus nach Spuren, wir finden wiederum nichts. Auch gibt es keine weiteren Zeugen im Umfeld. An Bäumen, an Strommasten oder Hausfassaden sind keine Spuren zu sehen, die auf die Landung eines UFOs schließen lassen. Unser Freund bleibt hartnäckig, um ihn zu beruhigen, gehen wir in der Überprüfung vielleicht noch weiter: Wir fragen in der Nachbarschaft, ob es irgendwo Stromausfälle oder andere außergewöhnliche Indizien gab, telefonieren mit Bekannten in der Nähe, ob sie etwas gesehen haben. Schließlich rufen wir bei der Leitwarte des nahe gelegenen Flughafens an. Doch auch da werden keine besonderen Vorkommnisse auf den Radarschirmen gemeldet. Was bleibt uns dann anderes übrig, als diese Erfahrung des Freundes als einen persönlichen subjektiven Eindruck einzuordnen, die eher einer Halluzination gleicht? Wir mögen immer noch ihn entschuldigen wollen, aber klar ist, dass seine Behauptung über die Wirklichkeit nicht zutrifft.

Das Objektive und das Subjektive

Was haben wir nun mit unserem Prüfprozess getan? Wir haben ein bestimmtes Programm durchgearbeitet, das auf ein allgemeines Verständnis von einer objektivierbaren Welt ausgerichtet ist. Wenn ein UFO gelandet sein sollte, so die Vermutung, dann hat es sicherlich auch objektive Spuren hinterlassen, die dem einen oder anderen Überprüfung zugänglich sind. Wenn es solche Spuren nicht gibt, müssen die Ursachen für die Erscheinung beim Freund selbst zu suchen sein. Dann war das UFO nur ein subjektiver Eindruck, ein Schein, dem aber kein Sein entspricht. Der Freund mag „innerlich“ überzeugt sein, aber seiner Überzeugung entspricht keine äußere Wirklichkeit.

Dieses Urteil ist gut begründet. Wenn wir unreflektiert einer Behauptung über die Wirklichkeit Glauben schenken, setzen wir uns dem Verdacht der Leichtfertigkeit, zumindest aber der Leichtgläubigkeit aus. Die objektivierende Beschreibung der Welt ist ein hohes Gut, das wir in den letzten Jahrhunderten errungen haben. Nicht nur bei einer so skurrilen Behauptung wie der Landung eines UFOs ist die Orientierung an dem objektiv Nachweisbaren von großer Bedeutung. Denn sie beruht auf einer Beschreibung der Wirklichkeit, die größtmögliche Allgemeinheit anstrebt.

Was hat all das mit der Rede von Gott zu tun? Um es klar zu sagen: Es wäre natürlich fatal, nun anzunehmen, Gott habe vor allem mit solchen unerklärlichen Ereignissen zu tun und sei an Wunder gebunden, also an Ereignisse, bei denen es nicht mit rechten Dingen zugeht. Dann würde sich der Glaube an Gott kaum vom Glauben an UFOs unterscheiden. Die Frage aber ist, ob unsere Routine der Unterscheidung zwischen Sein und Schein, zwischen subjektiven Eindrücken und objektiven Geschehnissen so gut begründet ist. Für Erfahrungen mit Gott bliebe nur die Kategorie „subjektiver Eindruck“ und da haben wir gelernt, misstrauisch zu sein.

Jenseits des Objektiven UND jenseits des Subjektiven – irgendwo dazwischen

Doch was ist, wenn diese Unterscheidung gar nicht so gut begründet ist? Was ist, wenn sie unterschlägt, dass die Wirklichkeit viel differenzierter ist, dass sie sehr viele Schattierungen kennt zwischen dem rein Objektiven und dem rein Subjektiven? Wie interpretieren wir dann die diffusen Zwischenzustände? Die sind nun gar nicht so selten, im Grunde leben wir in ihnen. Wenn ich sage „Das Wetter ist schön!“  – ist das eine subjektive Aussage? Eigentlich nicht, denn ich sollte solch eine Aussage auch begründen können, etwa, indem ich auf den Sonnenschein verweise. Ist es eine objektive Aussage? Eigentlich nicht, denn es steckt in ihr immer auch etwas von meiner persönlichen Wahrnehmung.

Die meisten Dinge um uns herum sind wie das Wetter weder objektiv noch subjektiv. Doch weil wir gelernt haben, im Zweifelsfall klar unterscheiden zu wollen, fällt es uns schwer, die Eigenständigkeit dieser Zwischenzustände zu akzeptieren. In diesen Zwischenzuständen aber zeigt sich die Wirklichkeit in einer Weise, die nicht auf etwas anderes reduziert werden kann. Wenn ich anderen Menschen begegne, ist das dann subjektiv oder objektiv? Wenn ich bestimmte Erfahrungen mit der Natur mache, ist das subjektiv oder objektiv? Erfahrungen mit Musik, sind sie subjektiv oder objektiv? Wir werden all diesen Erfahrungen nicht gerecht, wenn wir sie als eigentlich objektive Vorgänge beschreiben. Noch werden wir ihnen gerecht, wenn wir sie als subjektive Eindrücke einordnen.

Diese Zwischenzustände sind es, auf die eine leiborientierte Phänomenologie aufmerksam macht. Es sind auch diese Zwischenzustände, in denen Gott sich zeigt. Es sind zwischenmenschliche Konstellationen, die weder objektiv noch subjektiv sind, es sind Erzählungen, die weder objektiv noch subjektiv sind. Die biblischen Texte sind voller Hinweise auf solche Konstellationen. Es geht also darum, zunächst einmal wahrzunehmen, dass unser Leben von Verhältnissen geprägt ist, die ebenso wirklich sind wie die objektiven Dinge der Naturwissenschaften und doch sich nicht eindeutig fixieren lassen. Wenn wir stärker darauf aufmerksam würden, könnten wir auch unsere Erfahrungen stärker auf Gott beziehen. Erfahrungen mit Gott sind weder subjektiv noch sind sie objektiv.

In welcher Sprache ist eine Rede von Gott möglich?

Die Sprache hat in der Religion, allzumal im Christentum, eine zentrale Bedeutung. Sie muss allgemein verständlich sein und sie muss in der Lage sein, feine Nuancen zum Ausdruck zu bringen. Im Jahr des Reformationsjubiläums wird auch an die Übersetzung der Bibel durch Martin Luther erinnert. Seine Fähigkeiten, treffende Formulierungen zu finden, haben die Rezeption der biblischen Texte erhöht und ganz nebenbei die Entwicklung der Deutschen Sprache stark beeinflusst.

Kann man sagen, dass eine Sprache, je präziser sie ist, desto besser für die Rede von Gott geeignet ist? Tatsächlich ist das nicht der Fall. Wenn wir von Gott reden, gehen wir eine persönliche Verpflichtung ein. Die Rede von Gott ist immer auch Zeugnis, ein Zeugnis, das nicht von der Zeugin oder dem Zeugen getrennt werden kann. Die Sprache, in der die Rede von Gott möglich wird, muss also eine Sprache sein, die die persönliche Verpflichtung und das persönliche Engagement zum Ausdruck bringen kann.

Das schränkt den Gebrauch zum Beispiel von wissenschaftlichen Sprachen in der Rede von Gott stark ein. Denn die wissenschaftliche Sprache ist als solche gezwungen, verallgemeinerungsfähige Ausdrücke zu verwenden. In der Wissenschaft darf es gerade nicht sein, dass die wissenschaftliche Erkenntnis an die Person der Wissenschaftlerin, des Wissenschaftlers gebunden ist.

Deshalb kann eine wissenschaftsorientierte Sprache nur in den Anfangsgründen einer Rede von Gott eine Rolle spielen. Innerhalb des wissenschaftlichen Sprachspiels kann vielleicht verhandelt werden, ob es grundsätzlich denkbar ist, dass Gott existiert. Es kann verhandelt werden, ob es allgemeine Bedingungen gibt, die für oder gegen die Existenz Gottes sprechen. Doch die konkrete Rede von Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, erfordert eine andere Sprache.

Werner Heisenberg hat in seiner Schrift „Ordnung der Wirklichkeit“ die Sprache in das Zentrum seiner Überlegungen gestellt. Seine Grundidee ist die folgende: Die Wirklichkeit besteht aus mehreren Schichten, die mehr oder weniger objektiv und mehr oder weniger subjektiv sind. Für jede dieser Schichten gibt es eine adäquate Sprache. Weitgehend objektiv ist die Sprache der Physik.  Schon in der Quantentheorie aber zeigen sich Komplikationen, die eine eindeutige Rede erschweren. (Die Erfahrungen der Quantentheorie waren es ja auch, die Heisenberg zu solchen Überlegungen motivierten). Noch weniger objektiv sind die Darstellungen der Biologie. Heisenberg denkt darüber nach, dass wir Lebewesen nur deshalb als etwas Besonderes ansehen, weil wir selbst am Leben teil haben.

Am Ende stehen schließlich die Kunst, die Poesie und die Religion. Hier ist der Anteil der Subjektivität am größten. Dies deckt sich damit, dass die Sprache einer Rede von Gott die oder den Redenden in irgendeiner Form mit erfassen muss. Dies geht aber nur in einer Sprache, die metaphorisch ist, die bildreich ist, die viele Aspekte des eigenen Erfahrungsraums darstellen kann.

Ich glaube, dass Heisenberg die Situation sehr gut wiedergibt. In den Anfangsgründen, in den Prolegomena kann mit Hilfe der Sprache der Wissenschaften etwa die Behauptung ausgeschlossen werden, es gäbe nichts als Materie. Diese Behauptung ist mit vielen Ergebnissen der Quantenphysik nicht kompatibel.

Doch wenn es darum geht, zu sagen, was Schöpfung, was Sünde, was Gnade, was Erlösung ist, kommt man mit einer wissenschaftlichen Sprache nicht weit. Hier ist es notwendig, Bilder, Metaphern und Erzählungen zu finden, die die eigene Beteiligung an dem Thema auch deutlich machen.

P.S. Eine Sequenz des Gesprächs mit dem Astrophysiker Harald Lesch hat gerade das Verhältnis von Alltagssprache und Wissenschaftssprache thematisiert! https://www.youtube.com/watch?v=Op6wV8-PY2E

 

Warum hat Jesus nicht über das Große und Ganze gepredigt?

Wenn man sich mit der Frage beschäftigt, wie der christliche Glaube und die moderne Vorstellung von der Welt zusammen passen, dann werden zumeist Grundfragen der Astrophysik diskutiert oder auch der Evolutionstheorie. Manche dieser Fragen waren auch ein Thema in dem Akademiegespräch mit Prof. Harald Lesch. In dem Gespräch kam aber auch eine Beobachtung zur Sprache, die diese Diskussionen mit einem nachdrücklichen Fragezeichen versieht. (Video)

Die Lebenswelt in den Predigten des Neuen Testaments

Wenn man die neutestamentlichen Texte betrachtet, rückt doch das, was uns modernen Menschen so wichtig ist, die Fragen nach dem Großen und Ganzen, nach dem Bild von der Welt als Ganzer, völlig in den Hintergrund! Außer einigen apokalyptischen Aussagen, von denen man nicht weiß, ob sie wirklich von dem historischen Jesus stammen, ist von dem Großen und Ganzen gar nicht die Rede! Die Predigten Jesu haben im Gegenteil nur die Welt des Alltags im Blick. Es geht hier um das Aussäen der Saat, um den Fang von Fischen im See Genezareth, um die Verrichtung der Gebete, um die Arbeit in einem Weinberg und vieles andere mehr.

Warum hat Jesus nicht über das Große und Ganze gepredigt, wenn es doch so wichtig ist? Warum hat er in den meisten seiner Predigten nicht in etwa so angesetzt: „Gott, der Vater hat Himmel und Erde geschaffen! Was heißt das? Gott hat zunächst das Licht von der Dunkelheit getrennt. Dann hat Gott das Feste von dem Urmeer getrennt, so dass die Menschen auf sicherem Boden leben können. Der sichere Boden gibt unserem Leben Halt, hier können wir unser Dasein fristen und das Land erschließen… usw. usf.“ Doch nichts davon. Keine Betrachtung der Welt im Ganzen. Wenn im Johannes Evangelium von Welt die Rede ist, dann ist eher die menschliche Welt gemeint, eben die Welt jener Menschen, die fern von Gott sind.

Wir kommen Gott im Nahen auf die Spur

Könnte es nicht sein, dass Betrachtungen des Großen und Ganzen für ein Verständnis von Gott gar nicht so bedeutend ist? Könnte es sein, dass man dem Verständnis, wer Gott ist, nicht dann näher kommt, wenn man die Welt im Ganzen zu verstehen sucht, sondern vielmehr dann, wenn man sich dem Nächsten zuwendet? Das kann das Nächste der Natur sein, die Blume auf dem Acker, die Vögel unter dem Himmel oder der nächste Mensch, vor allem der, der Hilfe benötigt.

Wenn man der Predigt Jesu folgt, dann ist es das Nahe, in dem Gott zu finden ist. Aber ist das Nahe uns nicht allzu vertraut, ist es nicht alltäglich und in gewisser Weise banal? Hierauf hat eine andere Sequenz in dem Gespräch mit Harald Lesch Bezug genommen: Vielleicht ist die Alltagswelt, unsere Lebenswelt eine Wirklichkeit ganz eigener Art, die nicht reduziert werden kann auf die Kenntnis von Elementarteilchen und die auch nicht einfach eingeordnet werden kann in unser Wissen vom Universum! (Video) Dann wäre es ganz und gar nicht trivial, sich der Alltagswelt zuzuwenden, so wie Jesus das getan hat. Es gibt eine Tradition der phänomenologischen Philosophie, die tatsächlich (auch unabhängig von christlichen Erwägungen) genau dies nahe legt! (Weitere Informationen unter: www.mensch-welt-gott.de/philosophische-positionen-479.php)

Die Erschließung des Nahbereichs

Wenn Gott in dem Nahen zu finden ist, so heißt das nicht, dass er nicht Himmel und Erde geschaffen hat. Doch es heißt, dass das Nachdenken darüber uns vielleicht nicht allzu viel weiter hilft, um ihm auf die Spur zu kommen. Wir sind, so auch Harald Lesch, ganz gut darin, das Universum zu berechnen, wir haben auch schon recht viel über die Elementarteilchen verstanden, aus dem die Welt besteht. Die großen Geheimnisse der Welt bestehen aber gerade vielleicht darin, was uns ganz nah ist: Wie genau bezieht sich unser Denken auf die Welt? Was bedeutet es, sprechen zu können? Wie können wir unsere Wahrnehmung verstehen? Wie verbinden sich Innen und Außen? Wie können wir bewusst und zielgerichtet in die uns umgebende Welt eingreifen, wie können wir intentional handeln? Für all diese scheinbar einfachen Fragen gibt es aber noch nicht einmal grobe allgemein akzeptierte Modelle!

Kann man unsere Alltagswelt mit den klassischen physikalischen Gesetzen beschreiben?

In dem schon in anderen Beiträgen erwähnten Gespräch mit Harald Lesch (www.mensch-welt-gott.de) gab es eine Gesprächssequenz  (Teil 2), die eine weitreichende Bedeutung für die Interpretation der Welt hat. Üblicherweise nehmen wir an, dass die Welt von Grund auf zunächst einmal eine physikalisch beschreibbare Welt ist. Was auch immer existiert, lässt sich auf die physikalischen Grundbestandteile reduzieren. Was auch immer uns in unserer Alltagswelt begegnet, es ist letztlich aus den Grundbestandteilen der Elementarteilchenphysik zusammengesetzt. Doch lohnt hier ein zweiter Blick, den Lesch in dem Gespräch einfordert. Er warnt vor einer „Substanzmetaphysik“, also vor der Meinung, dass es eine Substanz gäbe und dass es auf sie allein ankomme, wenn man die Welt beschreiben will.

Physik komplexer Prozesse

Ein wesentlich komplexeres Bild zeigt sich, wenn man sich gerade auf die Erkenntnis der modernen Physik einlässt! Hiernach sind es nicht nur die „Teilchen“, auf die es ankommt, sondern auch auf die Prozesse, in die sie verwickelt sind. Allein die Tatsache, dass man alle an einem Prozess beteiligte „Teilchen“ kennt, heißt noch nicht, dass man den Prozess im Prinzip berechnen kann. Schon in makroskopischen Verhältnissen kann man einigermaßen komplexe Vorgänge nicht mehr mit Hilfe von Gesetzen beschreiben (Vielkörperproblem). Und hier kommt unsere Alltagswelt ins Spiel. Wenn wir die Alltagswelt so beschreiben wollen, wie sie tatsächlich abläuft, dann müssen wir uns hochkomplexen Prozessen stellen, die wir nicht ansatzweise berechnen können.

Das unterscheidet die Alltagswelt von dem ganz Großen, dem Universum, und dem ganz Kleinen, den Elementarteilchen. In diesen Bereichen ist es möglich, Vereinfachungen einzuführen, um die Berechenbarkeit zu verbessern. So nimmt man beispielsweise an, dass die Masse im Universum annähernd gleichverteilt ist. Dadurch erst sind viele Berechnungen möglich. Natürlich ist die Masse nicht gleich verteilt, aber in den großen Dimensionen des Universums spielt das keine Rolle.

Doch in unserer Alltagswelt interessiert uns ja nicht, was wir berechnen können, wenn wir ähnliche Vereinfachungen vornehmen, sondern wir wollen doch wissen, wieso genau das geschieht, was geschieht! Und dann muss man feststellen, dass die Prozesse so komplex sind, dass sich gleich mehrere fundamentale Schwierigkeiten stellen.

Grenzen der physikalischen Beschreibung der Alltagswelt

Erstens kann man die Vorgänge nicht berechnen („Warum öffne ich gerade ein Fenster?“) Es handelt sich ausnahmelos um nichtlineare Prozesse mit einer Unzahl von Variablen. Schon bei dem ganz einfachen Drei-Körper-Problem kommt die physikalische Berechenbarkeit an seine Grenze, erst recht aber bei der Beschreibung unseres hochkomplexen Körpers, der mit den Dingen der Umwelt interagiert.

Zweitens kommen die konkreten Prozesse („Ich öffne jetzt ein Fenster“) immer nur in der Fallzahl 1 vor. Jede Situation mit der Vielzahl von Faktoren ist einmalig, die mich dazu bringt, das Fenster zu öffnen. Eine solche Situation wird niemals wieder eintreten. Also lassen sich so gut wie keine allgemeinen Gesetzmäßigkeiten für den Alltag ableiten. Ein „Gesetz“ müsste für jeden Fall neu geschrieben werden: „Am 28. Juni 2017 lässt sich gegen 11 Uhr für die Person Frank Vogelsang an dem Ort XY durch Berechnung eindeutig die Prognose ableiten, dass er das Fenster öffnen wird.“ Das ist eben nicht möglich.

 

Das bedeutet drittens, dass die Reproduzierbarkeit weg fällt, eine wichtige Voraussetzung zumindest der experimentellen Physik. Niemand kann die Konstellation rekonstruieren, nach der ich in genau dem Moment entschied, das Fenster zu öffnen.

Nun kann man entgegnen, dass das für den Einzelfall richtig sei, dass man aber trotzdem „im Prinzip“ alles beschreiben könne und nichts die physikalischen Gesetze bricht. Das ist richtig, aber es bleibt die Frage, wem die prinzipielle Aussage nützt? Wunder im Sinne der Durchbrechung allgemeiner physikalischer Gesetze können ausgeschlossen werden, das ist wahr, aber deshalb ist die Alltagswelt dennoch nicht berechenbarer geworden.

Die Alltagswelt ist eine Wirklichkeitsform, die nicht reduzierbar ist

Harald Lesch sagt in dem Interview deshalb: Die Vorgänge der Alltagswelt sind nicht reduzierbar. Es macht wenig Sinn, zu sagen, dass sie eigentlich nichts anderes sind als das, was die Bewegung der unendlich vielen beteiligten Elementarteilchen. Denn über dieser Aussage liegt der Schleier der fundamentalen Unberechenbarkeit. Eine genauere Analyse zu diesem Thema nimmt übrigens der Physiker und Philosoph Jan C. Schmidt vor in seinem Buch „Das Andere der Natur“, in dem er ausführlich die Physik nichtlinearer Prozesse und chaotischer Systeme behandelt.

Wenn wir aber an unserer Alltagswelt interessiert sind, dann brauchen wir also andere Beschreibungsformen als die der physikalischen Gesetze. Anders gesagt: Eine Physik der hochkomplexen Prozesse der Alltagswelt kommt schnell an ihre Grenzen. Da ist es dann eine hochrationale Folgerung, einen Methodenwechsel für die Beschreibung vorzunehmen: Wir fangen an zu erzählen, um das Vergangene zu beschreiben und Vermutungen zu äußern, um das Kommende zu beschreiben. Diese Verfahren in den Geisteswissenschaften und auch in der Theologie sind also in keiner Weise defizitär. Sie gehorchen nicht den Objektivitätsstandards wie die Gesetze der Physik, aber sie sind in hohem Maße sachadäquat!

Zu den Grenzen physikalischer Weltmodelle

Die Astrophysik arbeitet mit einer erfolgreichen kosmologischen Theorie, die so etwas wie einen „Stand der Wissenschaft“ darstellt, eine Übereinkunft unter den führenden Astrophysikerinnen und Astrophysikern. Dieses Modell beschreibt ein expandierendes Universum. Es nimmt an, dass das Universum in einer extrem kurzen Zeit nach dem „Urknall“ mit Über-Lichtgeschwindigkeit expandiert ist, die so genannte Inflationsphase. Danach expandiert es mit deutlich geringerer Geschwindigkeit bis heute.

Warum ist das Universum so wie es ist?

Soweit das vorherrschende Modell in der Kosmologie. Doch unter der Oberfläche lauern tiefgreifende ungelöste Fragen, die an die Grundfeste des erfolgreichen Modells rühren. Zum einen ist vollkommen unklar, warum das Universum zu Beginn des Prozesses in der Inflationsphase so schnell expandiert ist. Nun gibt es eine beliebte „Erklärung“, die beliebte „Multiversentheorie“. Danach existiert nicht nur das uns bekannte Universum, sondern es existiert eine Vielzahl anderer, in denen es keine Inflationsphase gab. Es ist in gewisser Weise Zufall, dass wir in dem Universum leben, in dem es die Inflation gab. Andererseits ist es nicht zufällig, denn in einem Universum ohne Inflation könnten wir nicht existieren. Es ist nicht so erstaunlich, dass auch das uns bekannte Universum existiert. Es ist nur eines unter vielen.

Nun hat diese „Erklärung“ allerdings einen riesigen Nachteil: Um zu erklären, dass die Inflationsphase stattgefunden hat, wird der Bestand der Welt kurzerhand extrem ausgeweitet um eine Vielzahl weiterer Universen. Das Fatale dieser Vorstellung ist: Wir werden niemals die Chance haben, die Behauptung der Multiversen empirisch nachzuprüfen. Denn wir sind auf unser Universum beschränkt. Ist damit aber nicht eine der wichtigsten Grundlagen moderner Physik verlassen, nämlich die Forderung, dass physikalische Modelle auch empirisch überprüfbar sein müssen?

Die Grenzen der bisher bekannten physikalische Theorien

Das Fehlen einer Erklärung für die inflationäre Phase ist nicht das einzige Krisensymptom in der Physik. Lesch weist in dem Gespräch auf noch ein gravierenderes Problem hin: Bislang ist es nicht gelungen, die Relativitätstheorie und die Quantentheorie zu vereinigen. In der Vereinigung der beiden physikalischen Großtheorien gibt es bislang unüberwindbare physikalische und mathematische Hindernisse. Zugleich aber gibt es immer mehr empirische Befunde, die nahe legen, dass jede der beiden Theoriekomplexe in sich richtig und stimmig ist. Welcher Ausweg ist hier denkbar?

Sollte man daraus ableiten, dass es hier etwas gibt, was eine definitive Grenze der wissenschaftlichen Forschung darstellt? Nun hat die Vergangenheit gezeigt, dass fast alle Prognosen, etwas sei wissenschaftlich nicht nachweisbar, irgendwann gefallen sind. Man sollte mit solchen Prognosen äußerst vorsichtig sein. Zunächst einmal ist die Situation eine Herausforderung für die Wissenschaft und kein Mangelsymptom! Doch zugleich ist es eben auch nicht so, dass man angesichts der Lage sagen kann, dass die Welt weitgehend verstanden sei. Auf jeden Fall sollte man vorsichtig sein, von einem festen Bestand des Weltverständnisses auszugehen, dafür sind die Fundamente zu fragil. Sind grundstürzend neue Theorien denkbar?

Physik in einer offenen Wirklichkeit

Das wirft uns auf die Frage zurück, ob es überhaupt denkbar sein kann, dass es DIE eine und umfassende physikalische Theorie über die Welt geben kann. Möglicherweise müssen wir Menschen uns damit begnügen, dass wir nur kontextabhängige Modelle mit beschränkter Reichweite haben und kein umfassendes Wissen von der Welt. Es gibt gute philosophische Argumente, die diese Interpretation stützen. Als leibliche Wesen sind wir immer schon mit der Welt verbunden. Ein Überblickswissen ist uns verwehrt. (weitere Informationen zum Konzept einer offenen Wirklichkeit: http://www.mensch-welt-gott.de/offene-wirklichkeit-1574.php)

Wir mögen dank wissenschaftlicher Forschung die Welt immer besser verstehen können, doch die Erwartung einer letztgültigen Theorie, der TOE, der Theory of Everything, zielt dann ins Leere. Das entwertet die Wissenschaft nicht, wer könnte mit Verstand all das Wissen, das wir erlangt haben, gering schätzen! Aber das Argument zielt kritisch auf eine bestimmte philosophische Haltung, die dem Menschen zuspricht, ein letztgültiges und umfassendes Wissen über die Welt erlangen zu können. In einer offenen Wirklichkeit bleiben immer offene Fragen, immer neuer Ansporn für den Versuch, sie zu bearbeiten!

Dahinter steht ein grundlegendes philosophisches Problem: Diejenigen, die Physik betreiben, sind endliche Menschen. Kein Mensch aber kann „die Welt“ als Ganze zum Objekt machen.  Die Welt ist kein Objekt, weil wir uns nicht genügend distanzieren können. Wir sind Teil der Welt, die wir betrachten wollen. Diese Grundbedingung für alle Erkenntnis können wir nicht aufheben. Wenn wir die Welt als Ganze betrachten wollen, müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass wir immer schon verbunden sind. Wir können durch Distanzierung manches aufhellen, aber nicht alles!

Über die Rolle von moralischen Werten in der Politik

In den letzten Jahren hat die Rede von moralischen Werten in der deutschen Politik dramatisch zugenommen. Wenn man den öffentlichen Verlautbarungen glaubt, geht es in der politischen Auseinandersetzung vor allem darum, welchen Werten man folgt. Oft hat die Rede von den Werten appellativen Charakter: Man müsse sich auf die gemeinsamen Werte besinnen, es gehe darum, den richtigen Werten zu folgen, im Ernstfall geht es darum, die gemeinsamen Werte zu verteidigen.

Die Politik als Mechanismus zur kollektiven Ausrichtung auf gemeinsame Werte? Für mich ist diese Beschreibung in keiner Weise überzeugend. Zunächst einmal vorab, damit keine Missverständnisse entstehen: Natürlich spielen Werte eine wichtige Rolle in politischen Handlungen. Das gilt aber nicht nur für die politischen Handlungen, sondern ebenso auch für alle anderen menschlichen Handlungsweisen. Auch wirtschaftliches, unternehmerisches, wissenschaftliches, kulturelles und religiöses Handeln sollte wertorientiert sein. Es ist eine Auszeichnung aller menschlichen Handlungen, dass sie Werten folgen können. Und es ist weiterhin eine Auszeichnung, dass wir diese Werte diskutieren, dass wir über Wertkonflikte reden und bestehende Wertorientierungen in Frage stellen können.

Politik ist der Ort der Aushandlung gesellschaftlicher Konflikte

Doch gilt das für alle menschlichen Handlungen, da hat die Politik keine Sonderstellung. Ich bezweifle aber, dass die Politik als ein herausragender Ort für wertorientiertes Handeln beschrieben werden kann. Politik ist in der Tradition doch viel überzeugender als ein Ort der Aushandlung von Interessenskonflikten beschrieben worden. Es geht in der Politik nicht darum, wer den besseren oder richtigen Werten folgt, sondern darum, auf wertorientierte Weise Konflikte zwischen unterschiedlichen Interessen zu bearbeiten. Das war nicht nur in der Vergangenheit richtig, sondern hat auch heute eine große Bedeutung. Eine moderne offene Gesellschaft ist zu kompliziert, als dass ein Mastermind eine für alle gleichermaßen gültige und zufrieden stellende Lösung finden könnte. Geschichtliche Entwicklungen sind kontingent, zufallsbestimmt und oft nicht „systemlogisch“.

Es gibt in einer offenen Gesellschaft unterschiedliche kollektive Erinnerungen, unterschiedliche ökonomische Interessen, es gibt technische Innovationen mit unübersehbaren sozialen Folgen. Wenn es also nicht die eine Position gibt, von der aus die Problemlösungen dirigiert werden können, bleibt es bei der pragmatischen Aushandlung von je und je entstehenden Konflikten. Die Interessensgruppen können sich in der Gesellschaft mehr oder weniger gut hörbar machen und ihre Interessen vertreten. Es gibt Gewinner und Verlierer. Nicht alle haben gleichen Zugang zu Ressourcen.

Die biblische Geschichte ist voller Konfliktdarstellungen

Zum Verständnis der aktuellen politischen Diskussion kann es auch hilfreich sein, einmal in die Bibel zu schauen. Die biblischen Darstellungen von Geschichte legen ein Verständnis von Geschichte nah, das von Konflikten und immer wieder neu entstehenden Verwerfungen geprägt ist. Die Geschichte ist hier eher eine turbulente Entwicklung mit immer wieder neuen Herausforderungen. Scheint einmal alles einigermaßen gut geordnet wie im Königreich David und Salomon (das aber auch durch nicht enden wollende Konflikte gekennzeichnet ist), entstehen alsbald neue Probleme und Verwerfungen. Immer wieder intervenieren Seher und Propheten, die situationsbezogen handeln. Eine dauerhafte Lösung von Konflikten zeichnet sich nicht ab. Das gilt für das Verhältnis der Menschen zueinander. Das gilt im Übrigen aber auch für ihr Verhältnis zu Gott. Wenn die christliche Botschaft davon redet, dass die Konflikte zwischen Mensch und Gott aufgehoben sind, dann lag das nicht an der richtigen Wertorientierung der Menschen…

Kann es einen Zustand weitgehender Konfliktlosigkeit geben?

Es gibt allerdings eine Tradition der politischen Theorie, die die Beschreibung von Politik durch Interessenkonflikte eher gering schätzt. Das ist die liberale Tradition. Sie legt nah, dass es ein harmonisches Miteinander der vielen Menschen in einer komplexen Gesellschaft geben kann, wenn nur die richtigen Randbedingungen gesetzt sind. Richtige Randbedingungen sind solche, die die freie Entfaltung von Individuen befördern. Dann stellt sich ein Zustand ein, der den größten Nutzen für alle erzeugt. Doch hat diese Tradition den Nachteil, dass sie auf keine historische Erfahrung verweisen kann, in der die Bedingungen erfüllt gewesen wären. Die Geschichte der Menschheit ist aus dieser Perspektive eine fortgesetzte Folge von Störungen und Abweichungen von dem idealen Zustand. Ist man aber nah dem idealen Zustand, dann kann man sich in der Politik auf die Werte konzentrieren und an die Individuen appellieren, sich entsprechend der gemeinsamen Werte zu verhalten.

Aber vielleicht sind die Störungen gar keine Abweichungen von einem an sich idealen Zustand, vielleicht sind die immer neuen geschichtlichen Konstellationen mit immer neuen Herausforderungen der Normalfall der menschlichen Existenz in der Geschichte! Dann ist es nicht so einfach, globale Rezepte zu dekretieren. Erst in den Mühen der Ebene, bei dem Aushandeln der vielen kleineren und größeren Konflikte, mag sich herausschälen, welche politische Entscheidung gerechtfertigt ist und welche nicht.

Die Rede von den Werten wirkt strukturkonservativ

Welche Funktionen hat die ausufernde Rede von den Werten in der Politik, die man in den letzten Jahren beobachten kann? Wer Werte immer wieder thematisiert, zeigt, dass es ihm an ihrer Aufrechterhaltung der Werte gelegen ist. Im Grunde ist die Rede, so wie sie bei uns geführt wird, aber nicht nur wertkonservativ, sie ist auch strukturkonservativ. Sie legt nah, dass politischen Rahmenbedingungen schon mehr oder minder gut eingerichtet ist. Es kommt nur darauf an, dass die Menschen auch den „richtigen“ Werten folgen.

In der öffentlichen Darstellung geht es den politisch Tätigen anscheinend vor allem darum, darauf zu achten, dass die gemeinsamen Werte eingehalten werden. Der Appell an die gemeinsamen Werte betont aber die Gemeinsamkeit und lässt gesellschaftliche Konflikte gering erscheinen. Der Rest von Politik besteht aus untergeordneten technischen Fragen, wie man das gemeinsam Bestätigte am besten erhalten kann. Diese öffentliche Darstellung kaschiert damit die Konflikte, die in jeder offenen Gesellschaft, besonders aber in einer modernen Gesellschaft bestehen. Wer Werte thematisiert, braucht nicht so sehr über Interessenskonflikte zu reden, es geht schließlich um das Gemeinsame.

Die politische Exekutive kann sich durch den Appell an die gemeinsamen Werte den Anstrich einer präsidialen Rolle geben. Dass die Exekutive in der Politik in „westlichen“ Gesellschaften eine problematische zentrale Machtstellung gewonnen hat, dass die Legislative, das Parlament, nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, hat etwa der Historiker Pierre Rosanvallon klar herausgearbeitet. Doch das Parlament ist der eigentliche Ort, um Konflikte öffentlichkeitswirksam zum Ausdruck zu bringen.

Die deutschen Konflikte werden zurzeit nach Europa exportiert

Für unser politisches Gemeinwesen wäre viel gewonnen, wenn es gelänge, Interessenskonflikte wieder deutlicher zur Geltung zu bringen. Denn das bildet besser ab, was in der Gesellschaft tatsächlich stattfindet: Eine unausgesetztes Ringen um Ressourcen und Interessenseinflüssen. Diese Interessenskonflikte gibt es innerhalb der nationalen Gesellschaften, aber auch im internationalen Kontext. Es scheint so, als habe die deutsche Gesellschaft die Konflikte externalisiert: in der aktuellen europäischen Situation profitiert Deutschland als stärkster Produktionsstandort von der gemeinsamen, eher schwachen Währung, während andere Länder in einer wirtschafts- und sozialpolitisch prekären Situation sind. Das ist dann eine gute Voraussetzung, die Werte in der politischen Rhetorik nach vorne zu kehren, an gemeinsame Werte zu appellieren, die Konflikte sind ja im eigenen Land gemildert.

Es ist aber äußerst wahrscheinlich, dass die Interessenkonflikte sehr bald wieder hervorbrechen werden: In der Europäischen Union gibt es eine Vielzahl tiefgreifender struktureller Konflikte, die bislang kaum in unser Bewusstsein gedrungen sind. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis sie offen thematisiert werden. Dann stehen Entscheidungen an und dann werden wir wohl auch in der deutschen Politik wieder stärker von Konflikten reden müssen.