Zur Gelassenheit (1)

Ein Fortschreiten im Leben, das nicht einfach einer Fortschrittsorientierung folgt, braucht die Fähigkeit zur Unterscheidung, zur Unterscheidung zwischen dem, was veränderbar ist und dem, was unveränderlich ist, zur Unterscheidung zwischen dem, was technisch gestaltet werden kann und dem was sich der technischen Gestaltung entzieht.

Martin Heidegger?

Die Haltung, die diese Unterscheidung möglich macht, kann Gelassenheit genannt werden. Hier ist ein Philosoph Kronzeuge, dessen Philosophie in der Regel nicht mit Gelassenheit in Verbindung gebracht wird: Martin Heidegger. Aber wie bei allen Philosophierenden von Rang ist auch das Denken von Heidegger nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen. Es gibt viele Aussagen von ihm, die sich heute verbieten, es gibt weiterhin solche, die philosophisch fragwürdig sind, etwa immer dann, wenn das Wort „eigentlich“ mitschwingt.

Ja und Nein zur technischen Welt

1955 aber hat Heidegger eine Rede in Meßkirch, seinem Geburtsort gehalten. In dieser Rede beschäftigt er sich mit dem Stellenwert der Technik in der modernen Gesellschaft. Er kritisiert die Technik und will sie gleichzeitig nicht einfach ablehnen. Eine zentrale Aussage in dem Text lautet: „Ich möchte diese Haltung des gleichzeitigen Ja und Nein zur technischen Welt mit einem alten Wort nennen: die Gelassenheit zu den Dingen.“ (Heidegger, Gelassenheit 2014, 23)

Die Offenheit für das unauflösbare Geheimnis

Gelassenheit ist hier eine Grundhaltung gegenüber der Welt, die damit rechnet, dass sie etwas regeln kann, aber Entscheidendes auch nicht. Die Welt ist hier kein einfacher Gestaltungsraum, sie bleibt bei aller wissenschaftlichen Durchdringung geheimnisvoll. „Die Gelassenheit zu den Dingen und die Offenheit für das Geheimnis gehören zusammen.“ (Heidegger, Gelassenheit 2014, 24)

Das Geheimnis bleibt immer, in der Haltung der Gelassenheit können wir das akzeptieren. Doch das heißt nicht, in Untätigkeit zu verfallen. Dort, wo es möglich ist, sollten wir die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Technologien nutzen. Doch wir sollten uns nicht mit ihnen identifizieren.

Die Suggestivkraft der Technik: Atomkraft und KI

Die Entwicklung der Technik hat eine hohe Suggestivkraft. Das galt zurzeit, da Heidegger schrieb, alle Welt redete von den künftigen Erfolgen der Atomkraft, das ist heute so, alle Welt redet von den künftigen Erfolgen der Künstlichen Intelligenz. Ja, der technische Fortschritt ist in hohem Maße relevant, aber nein, eine einlinige Fortschreibung seiner Entwicklung und die damit verbundenen Erwartungen gehen zumeist in eine falsche Richtung.

Gelassenheit als existentielle Grundhaltung

Gelassenheit ist aber mehr als ein Umgang mit den Erwartungen an Technik. Sie ist eine existentielle Grundhaltung gegenüber der Welt und dem Leben.  Sie ist wach und gegenwärtig, aber sie legt sich nicht fest, sie schöpft aus der Weisheit der Unterscheidung zwischen dem, was wir können und dem, was wir nicht können

(2) Vertrauen und Risiko

Zwischenmenschliches Verhalten ist von Vertrauen bestimmt. Das ist zunächst eine positive Aussage über die zwischenmenschliche Kooperationsbereitschaft. Es ist aber auch eine Aussage über ein nicht zu beseitigendes Risiko. Vertrauen ist möglich, aber Vertrauen ist auch notwendig. Alltägliches Verhalten kann nicht ohne Vertrauen auskommen. Risiken treten nicht nur im Ausnahmefall auf.

Vertrauen im Alltag

Die Bedeutung des Vertrauens für die Gesellschaft wird deutlich, wenn alle Lebensbereiche einmal daraufhin befragt werden, was geschähe, wenn Misstrauen statt Vertrauen herrschen würde. Ich hole das Auto aus der Werkstatt ab, die Reifen wurden gewechselt. Vertraue ich, dass die Radmuttern fest angezogen sind? Ich gehe zu einer medizinischen Vorsorgeuntersuchung. Vertraue ich, dass die Untersuchung wirklich sorgsam durchgeführt wird? In der Bäckerei kaufe ich ein Brot und bekomme Wechselgeld zurück. Vertraue ich darauf, dass das stimmt oder zähle ich nach? Ich bringe ein für mich persönlich sehr wichtiges Paket zur Post. Vertraue ich darauf, dass es auch ankommt? Am Morgen steige ich in einen Bus, um zur Arbeit zu fahren. Vertraue ich darauf, dass der Busfahrer nicht übernächtigt oder gar alkoholisiert ist? Ich nutze eine digitale App, die mir das Leben erleichtert. Vertraue ich darauf, dass meine Daten nicht missbraucht werden? Diese Liste kleinerer oder größerer Vertrauensakte im Alltag ließe sich erkennbar beliebig fortsetzen.

Risiken in unserem Leben

Das Ergebnis ist deutlich: Ohne Vertrauen würden wir kaum unser Leben gestalten können. Das gilt im Übrigen auch für eigenes Handeln. Wir brauchen Selbstvertrauen, so dass wir beherzt handeln können. Darüber hinaus gilt: Zwischenmenschliches Verhalten geht immer mit einem Risiko einher. Es gibt leichtfertiges Verhalten von Menschen, es gibt böswilliges Verhalten von Menschen. Das Risiko ließe sich nur dann ausschließen, wenn andere Menschen keinen Einfluss auf mein Leben haben. Doch das ist in einer menschlichen Gesellschaft unmöglich. Das gilt für alle Gesellschaften, besonders aber für moderne Gesellschaften. Der Soziologe Ulrich Beck hat dafür auch den Begriff der Risikogesellschaft geprägt.

Umgang mit Risiken

Wie gehen wir mit den unvermeidlichen Risiken um? Vertrauen und Misstrauen schließen sich gegenseitig nicht aus. In allen, oben genannten Beispielen kann es sein, dass man dem anderen Menschen vertraut und doch genauer hinsieht. Wer einem anderen Menschen vertraut, kann immer auch zu einem bestimmten Grad noch misstrauisch sein. Auch sich selbst gegenüber kann bei allem Selbstvertrauen auch ein Rest Zweifel und Misstrauen existieren. Es kommt oft auf die Einschätzung des Risikos an, in welchem Verhältnis Vertrauen und Misstrauen zueinanderstehen.

Mischverhältnisse von Vertrauen und Misstrauen

So ist der Alltag von Mischungen von Vertrauen und Misstrauen bestimmt. Das Wechselgeld in der Bäckerei wird nicht nachgezählt, aber doch kurz im Augenwinkel abgeschätzt. Bei der digitalen App lesen wir aufmerksam die kritische Presse, ob etwas Negatives über sie zu lesen ist. Bei Risiken, die die eigene Gesundheit betreffen, sind wir besonders vorsichtig. Bei dem nächsten Stopp an einer Tankstelle, überprüfen wir die Radmuttern. Bei einer Arztdiagnose holen wir noch eine zweite Meinung ein.

Vertrauen ist auch bei Risikobewusstsein notwendig

Dennoch gilt: Es geht nicht ohne Vertrauen, reines Misstrauen wäre das Ende der zwischenmenschlichen Interaktionen, wir würden handlungsunfähig und damit umso mehr die Integrität unseres Lebens gefährden. Es ist nicht möglich, Risiken allein durch Misstrauen zu begegnen.

Ist es vielleicht gerade ein Alarmzeichen unserer Zeit, dass wir uns in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit so sehr darum bemühen, Risiken auszuschließen? Die Zahl von Warnmeldungen nimmt in den letzten Jahren deutlich zu. Hier zeigt sich vielleicht eine Folge der Diagnose von Ulrich Beck.

Link zum vorangegangenen Beitrag zum Thema Vertrauen

(0) Konjunkturen der Hoffnung

Die hier beginnende Reihe von Blog-Beiträgen zu den Wegen der Hoffnung möchte ich mit einer eher anekdotischen Beobachtung beginnen: Es gab offensichtlich Zeiten, in denen es einfacher, ja, populärer war, von Hoffnung zu reden. Das waren zum Beispiel die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Diese Jahre waren geprägt von einem außerordentlichen Zukunftsoptimismus. Es war leicht, von Hoffnung zu reden, Hoffnungsbilder zu entwerfen.

Am wichtigsten war wohl ein Abstand zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und die Erfahrungen eines stetigen Wirtschaftsaufschwungs. Im Rückblick werden die 30 Jahre zwischen dem Ende der 40er und den 70er Jahren in der Ökonomie auch „trente glorieuses“ genannt. Es gab ein kontinuierliches Wachstum in der westlichen Welt, es ging aufwärts, dieser Trend erfasst alle Menschen, die Ärmeren ebenso wie die Reicheren. Eine Metapher, die dieses Phänomen eines kollektiven Aufschwungs zum Ausdruck bringt, ist der „Fahrstuhleffekt“, ein von dem Soziologen Ulrich Beck geprägter Begriff. Die schmerzliche Aufarbeitung der Katastrophe der Shoah wurde dagegen in dieser Zeit weitgehend vermieden. Erst Ende des Jahrzehnts gab es immer mehr Stimmen, die auf das geschehene Unrecht hinwiesen und die eine gesellschaftliche Befassung erzwangen.

Zu dem wirtschaftlichen Aufschwung gesellte sich ein spürbarer technologischer Fortschritt.  Zu Beginn der 60er Jahre rief der amerikanische Präsident John F. Kennedy dazu auf, den Mond zu erreichen, 1969 wurde dies durch den berühmten Schritt des Astronauten Neil Armstrong in die Wirklichkeit umgesetzt. Die Computertechnik wurde vorangetrieben, die Rechenkapazität der Geräte stieg merklich an, auch wenn diese Zahlen für uns heute sehr klein erscheinen. Eine erste Simulation einer Künstlichen Intelligenz wurde durch das Computerprogramm Eliza von Joseph Weizenbaum realisiert. Die Atomspaltung schien eine unerschöpfliche Energiequelle zu verheißen, Proteste gab es in den 60er Jahren nur vereinzelt.

Science Fiction eroberte die Populärkultur. In den USA begeisterten die ersten Ausstrahlungen der neuen Serie „Star Trek“, in Deutschland wurde die Serie „Raumschiff Orion“ produziert. Die Eroberung des Weltalls schien eine logische Konsequenz des technischen Fortschritts auf der Erde.

In dieser Zeit traf das zentrale Werk von Ernst Bloch „Das Prinzip Hoffnung“ auf große Resonanz. Bloch erschließt in dem Werk auf vielschichtige Weise das Thema Hoffnung. Er bot neben einer tiefgreifenden philosophischen Analyse einen umfassenden Überblick über Utopie Entwürfe und „Tagträume“ der europäischen Kulturgeschichte. Das Werk war so umfassend, dass eine Behandlung des Themas Hoffnung ohne Referenz auf Ernst Bloch heute nicht mehr möglich ist.

Eng verbunden mit diesem Ansatz war eine politische Hoffnung, dass es nach der Aufteilung der Welt in zwei Blöcke, in einen kapitalistischen Block und einen sozialistischen, kommunistischen Block, möglich sein könne, auf einem dritten Weg die Vorteile beider miteinander zu kombinieren und einen freiheitlichen Sozialismus zu schaffen. Die politischen Diskussionen der Linken führten schließlich zu der eruptiven Entwicklung des Jahr 1968. Bis heute steht das Jahr als Kennzeichen für eine progressive politische Bewegung, einen politischen und kulturellen Aufbruch, der damals alle Länder des Westens erfasste.

Auch in der Theologie fand das Thema Hoffnung große Aufmerksamkeit. Der Theologe Jürgen Moltmann wurde schnell berühmt durch seinen Entwurf „Theologie der Hoffnung“. Aber auch andere Theologen wie Wolf-Dieter Marsch befassten sich mit einer theologischen Interpretation von Hoffnung.

Kurz, die 60er Jahren waren ofenkundig eine hoffnungsvolle Zeit. Es war leicht, von Hoffnung zu reden. Wäre es da nicht sehr attraktiv, an diese Zeit umstandslos anknüpfen zu können? Doch das ist nicht möglich. Wer heute an die Hoffnung appelliert, ist nicht zu Unrecht vielen kritischen Fragen ausgesetzt. In der Tat, kann der Appell „Seid hoffnungsvoll!“ schnell schal werden. Was unterscheidet eine solche Hoffnung von einem oberflächlichen Optimismus, der der Devise folgt: Besser Optimist sein als Pessimist?!

Der Kontrast der damaligen Zeit zu der unseren heute ist sehr auffällig. Aber was lässt sich daraus ableiten? Gibt es heute keinen Grund zur Hoffnung mehr? Oder war vielleicht der damalige Gebrauch des Wortes fahrlässig? Was meint Hoffnung genau? Hat Ernst Bloch die abschließende Antwort gegeben? Wir können wir heute uns wieder auf Hoffnung ausrichten, ohne einem Zweckoptimismus zu verfallen? Meint der Begriff „Hoffnung“ in jeder Zeit dasselbe oder je etwas anderes? Fragen über Fragen, die Anlass für die folgenden Beiträge in diesem Blog sind. Ob am Ende befriedigende Antworten stehen, muss offenbleiben. Sich mit Hoffnung zu befassen, scheint mir angesichts der gegenwärtigen Situation aber aller Mühe wert.

Zum folgenden Beitrag zum Thema Hoffnung

In welche gesellschaftliche Zukunft führen die KI Systeme?

Die Diskussionen um die Entwicklung neuer Generationen von Künstlicher Intelligenz nehmen immer mehr an Fahrt auf. Der entscheidende Durchbruch war die Entwicklung eines leistungsfähigen Sprachmodells ChatGPT, das die Firma OpenAI im letzten Herbst der staunenden Weltöffentlichkeit präsentierte.

Dynamik der Entwicklung nimmt stark zu

Seitdem sind viele weitere leistungsstarke KI Angebote hinzugekommen, große Firmen wie Google (LaMDA; Bard), Meta (LLaMA) und Microsoft (Azure) präsentieren eigene Varianten großer, leistungsfähiger KI. Hinzu kommen viele Entwickler, die mit Open Source Programmen wie LAION arbeiten. Die Dynamik der KI Entwicklung ist sehr hoch, es ist zu erwarten, dass eine Vielzahl von Anwendungen und Produkten demnächst verfügbar sein werden.

Welche Richtung schlagen die KI Entwicklungen ein?

Doch welche Richtung nimmt diese Entwicklung? Sind die KI Systeme einfach nur eine weitere Stufe der vielen Entwicklungen des Silicon Valley? Reihen sie sich ein in die Produktentwicklungen, die in den vergangenen Jahrzehnten die Welt verändert haben? Natürlich kann es nach dem jetzigen Stand keine eindeutige Antwort geben. Aber es gibt Indizien, die zeigen, dass mit der Entwicklung starker KI eine neue Richtung der Technikentwicklung eingeschlagen wurde, die sich definitiv von der vorigen unterscheidet. Diese Aussage möchte ich mit zwei Beobachtungen unterstützen.

Erste Beobachtung

Die erste Beobachtung betrifft die „Philosophie“, die Wertorientierung, die die Entwicklungen des Silicon Valley bislang getrieben haben. Gleich vorab muss ich einschränken, dass es nicht um die realen gesellschaftlichen Auswirkungen der Technologien geht. Die sind, das ist hinreichend bekannt, zum Teil höchst ambivalent. Es geht vielmehr um die Ideen, die die Entwicklungen getrieben haben.

Freiheit und Individualisierung

Die zentralen Ideen sind die der Freiheit und der Individualisierung und weltweite Vernetzung. Die Technologien des Silicon Valley sollten die freie Verfügbarkeit von Informationen fördern, sie sollten die Kommunikation unter den Menschen erleichtern. Die Menschen sollen frei entscheiden, mit wem sie wann und wo kommunizieren. Die traditionellen Bindungen und der soziale Nahraum sollten nicht mehr die entscheidende Rolle spielen. Zugleich zielten die Entwicklungen auch auf einen leichten Zugang zu Waren. Mit einem Klick soll jede und jeder die gewünschten Waren im Internet bestellen, Reisen buchen, Geld anlegen usw.

Diese Ideen sind in der Entwicklung eines Personal Computers zur individuellen Nutzung, in der Entwicklung des World Wide Web, in der Entwicklung unzähliger Internetseiten und der Suchmaschinen, die sie zugänglicher machen, in der Entwicklung der Social Media und in der Entwicklung des Smartphones und unzähliger Apps angelegt.

KI Systeme aggregieren Daten

Bei der Entwicklung der neuen leistungsstarken Formen der Künstlichen Intelligenz ist das anders. Hier werden im Kern Daten aggregiert, nicht distribuiert. Nun kann man sagen, dass auch die Leistungen der KI wie die Suchmaschinen allen verfügbar gemacht werden können. Doch bleiben die wertvollen Erkenntnisse wenigen vorbehalten.

Eine wichtige Einschränkung des Arguments weist darauf, dass Suchmaschinen wie Google und Plattformen wie Amazon auch in der Vergangenheit von der Aggregation von Daten gelebt haben, die nicht allen zugänglich sind. Das stimmt, hier gibt es eine kontinuierliche Entwicklung von den Plattformen und den Suchmaschinen zur KI. Aber die KI ist die erste Technologie, die von Beginn an darauf ausgerichtet ist.

Zweite Beobachtung

Die zweite Beobachtung, die das Argument stützt, ist die Art und Weise, wie die Entwickler der KI öffentlich kommunizieren.

Große Gefahren durch KI?

Statt in der für der Silicon Valley üblichen Weise Verheißungen für die Menschheit zu verkünden, warnten die Entwickler zunächst einmal im letzten Jahr und forderten den starken und regulierenden Staat, forderten ein Moratorium der Entwicklung.

Weltweites Grundeinkommen durch KI?

Besonders misstrauisch macht nun die Tatsache, dass Sam Altman, der an der Entwicklung von OpenAI zentral beteiligt war und der einen dystopischen Aufruf mit Warnungen vor wenigen Monaten unterschrieb, nun ins Gegenteil verfällt und eine Art Menschheitsbeglückung propagiert. Alle Menschen sollen ihre Identität über das Scannen der Augen sichern und fälschungssicher nachweisen (World ID) und dann ein weltweites Grundeinkommen in einer digitalen Währung (Worldcoin) erhalten. Dazu werden weltweit Millionen Augenscanner aufgestellt.

Neben der grundlegenden Frage, wie das ökonomisch bewertet werden kann, bleibt die Frage, warum die Entwickler von KI so wechselhaft agieren. Es liegt die Vermutung nah, dass sie selbst nicht wissen, wie sie eine Technologie, die definitiv demokratische Entwicklungen und Kulturen der Freiheit NICHT unterstützt, öffentlich vermarkten sollen. So schwanken sie zwischen öffentlichen Warnungen und einer Haltung der Menschheitsbeglückung.

KI als Herausforderung freier und demokratischer Gesellschaften

Fazit: die KI Technologien werden gerade die demokratischen und offenen Gesellschaften erheblich herausfordern. Politische und kulturelle Entwicklungen finden immer in Korrelation mit der technischen Basis einer Gesellschaft statt. Wie wird die Gesellschaft aussehen, in denen KI Systeme allgegenwärtig geworden sind?

Zur Leitidee der Künstlichen Intelligenz

KI als Sprachentwerter

Die Sprache ist ein Medium, aus dem Menschen schon immer ihr Selbstbewusstsein geschöpft haben. Menschen sind vor allem soziale Wesen und ihre Verbundenheit zeichnet sich durch nichts deutlicher aus als durch das gemeinsame Sprachvermögen. Kein Mensch spricht eine „Eigensprache“, die nur ihr oder ihm zugänglich wäre. Es ist konstitutiv für Sprache, dass sie von mehreren Menschen geteilt wird.

Die Bedeutung von Sprache

Sprache verbindet die Menschen miteinander und Sprache ist zugleich das Medium, in dem Menschen ihre Unterschiede deutlich machen können. Auch „Nein“ sagen geschieht in der Sprache. Sprache ist so fundamental, dass sie zugleich die Verbundenheit und Angewiesenheit von Menschen zum Ausdruck bringt, wie auch ihre gegenseitige Abgrenzung.

KI als Sprachmaschine

Sprache ist nicht irgendein menschliches Vermögen, sondern ein sehr zentrales, konstitutiv für jede menschliche Gesellschaft. Mitten in diese Sphäre ist nun sehr erfolgreich mit neuen Sprachmodellen versehene Künstliche Intelligenz gedrungen. Die Dynamik der Entwicklung ist hoch, schnell entwickeln diese Sprachprogramme übermenschliche Fähigkeiten. Sie verarbeiten Texte in unglaublicher Geschwindigkeit, verfügen in kurzer Zeit über ein immenses Wissen, können ohne Zeitverzögerung Sätze und lange Texte formulieren. Das wird erhebliche kulturelle Folgen haben, wie sind sie einzuschätzen?

Computer können rechnen

Wir haben schon so etwas wie eine Vorerfahrung. In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts waren allmählich Taschenrechner allgemein verfügbar, deren Rechenleistung menschliches Vermögen weit überstieg. Das war zunächst erstaunlich, aber schnell trat eine Gewöhnung ein. Computer waren schnell als exzellente Rechenmaschinen anerkannt mit übermenschlichen Fähigkeiten. Kopfrechnen wurde entwertet, niemand rechnet komplexere Rechnungen, die Arithmetik wird ganz dem Computer überlassen. Wird das bei den KI Aggregaten mit Sprachprogrammen wie ChatGPT nicht ganz ähnlich ablaufen?

Wahrscheinlich, jedoch ist der Unterschied zwischen der allgemeinen Verfügbarkeit von Sprache und der Beherrschung arithmetischer Fähigkeiten riesig. Die Arithmetik ist ein leicht eingrenzbarer Bereich menschlicher Fähigkeiten. Sprache ist ein viel stärker generalisiertes Medium ist als die Mathematik, viel stärker mit der Gesellschaft, ihrer Entwicklung und der menschlichen Identität verbunden.

Funktionale Sprache

Wir werden wohl dennoch ebenso alltägliche, routinierte Sprechakte und das Verfassen von Texten immer mehr den KI Aggregaten überlassen. Jede Form telefonischer Beratung kann künftig von Maschinen erledigt werden. Die Maschinen verfügen über ein nahezu ideales Wissen und sind unendlich geduldig und präzise, vielleicht auch bald einfühlsam. Ebenso wird die Abfassung von alltäglichen Texten und Gebrauchstexten künftig einer KI überlassen. Auch hier ist das instantan verfügbare Wissen nahezu perfekt.

Medial vermittelte Sprache wird als soziale Form entwertet

Vor allem medial vermittelte Sprache (Texte, Telefon, digitale Medien, soziale Medien) wird entwertet werden. Mit zunehmendem Gebrauch ist immer unklarer, wer oder was die Quelle der Äußerungen ist. Spricht eine KI mit mir? Antwortet auf meinen Post eine KI? Unterhalte ich mich nur mit Avataren? Hat das Buch ein Mensch geschrieben?

Die Folge: Die medial vermittelte Sprache wird entwertet. Wir werden sie weiterhin nutzen, doch ohne großes Engagement, sie hat keine soziale, eher noch funktionale Bedeutung. Die Folgen für die in unserer Gesellschaft sehr prominenten digitalen Medien werden dann erheblich sein. Wir antworten nur noch auf die Accounts, die wir persönlich kennen und hoffen, dass sie keine KI Avatare beschäftigen.

Der Nahbereich wird wieder bedeutender

Digital vermittelte Kommunikation zur sozialen Vernetzung verliert dadurch massiv an Bedeutung. Viele Menschen werden sich stärker auf den Nahbereich zurückziehen, dorthin, wo sichergestellt ist, dass echte Menschen Urheber der Sprache sind. In dem Nahbereich funktionieren dann auch digitale Medien, aber nicht mehr als weltumspannendes Kommunikationsmittel. Oder irre ich mich da?

Zur Leitidee der Künstlichen Intelligenz

KI – großes Mysterium und gesellschaftliche Herausforderung