Sitzen wir nicht in demselben Boot? Anmerkungen am Tag der deutschen Einheit

Am 30. Jahrestag der deutschen Einheit wurden viele Reden gehalten, die eine Bilanz zogen: Was hat sich in den letzten 30 Jahren geändert? Die Antworten konzentrierten sich vor allem auf innerdeutsche Verhältnisse, die Angleichung von Ost und West, der Aufbau Ost, die Ab- und Zuwanderung der Bevölkerung usw. Diese Fokussierung liegt nah, weil im Hintergrund die zentrale Frage steht, wie die Entwicklung sich für die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, den Ossis und den Wessis, ausmacht.

Ein Boot im Meer des globalen Kapitalismus

Aus dem Blick gerät dabei aber, dass Deutschland keine Insel ist und im Jahr 2020 mehr denn je in internationale Verflechtungen von Wirtschaft und Kultur eingebunden ist. Es ist nicht einfach so, dass sich der Lebensstil der einen, der Wessis, sich gegenüber dem Lebensstil der anderen, den Ossis, durchgesetzt hat. Vielmehr hat sich beider Lebensbedingungen deutlich verändert. Beide sitzen im demselben Boot. Dies hat mit globalen gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun, die zumindest in allen westlichen Industrieländern parallel verläuft und die zurzeit gravierende Auswirkungen vor allem in den „Kernlanden des Kapitalismus“ zeigt, in England und in den USA.

Moderne und Spätmoderne

Soziologen unterscheiden gerne zwischen der Moderne und der Spätmoderne. Was kennzeichnet unsere Zeit, die Spätmoderne? Hegemonial, das heißt herrschend sind vor allem zwei zentrale Gedanken: Erstens ist der Mensch vor allem ein Individuum, das sich aus sich selbst entfaltet, das sich selbst verwirklicht. Alles, was seine Selbstverwirklichung befördert, ist gut, alles andere dagegen, was sie einschränkt, ist schlecht. Die Individualisierung konnte über lange Zeit als emanzipatorische Entwicklung beschrieben werden, die war Ausdruck der Freiheit, des ersten Wertes der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, „Brüderlichkeit“, also Solidarität) Zweitens wird die Gesellschaft auf die gegenwärtigen Verhältnisse, auf die Steuerungen von Systemen wie dem Markt reduziert. An die Vergangenheit kann man sich erinnern, aber sie spielt in der Gegenwart eine untergeordnete Rolle. Auch die Zukunft wird abgewertet. Starke Bilder von einer besseren Zukunft haben wir verloren. Zukunft ist eher die Fortschreibung der Gegenwart mit den Mitteln von Prognosen, die zudem meist negativ sind. Doch negative Prognosen sind in der Regel wenig hilfreich für die Förderung neuer kultureller Entwicklungen, die wir aber dringend brauchen. In der ökologischen Krise leben wir in einem scheinbar unbeirrbaren Double-Bind: Wir wollen das Klima retten und wir wollen unseren Wohlstand und unsere Lebensweise bewahren. Beides geht nicht.

Auf Kosten der Solidarität

Durch die Faktoren von Individualisierung und Gegenwartsfixierung geht vor allem der Sinn für soziale Verbundenheit verloren, einerseits von Verbundenheit der Menschen untereinander und andererseits von Verbundenheit durch die Zeit hindurch, in Richtung auf Vergangenheit aber auch in Richtung auf Zukunft. Nun ist aber jede Solidarität ein Ausdruck von sozialer Verbundenheit und eine politische Solidarität auch eine Ahnung einer besseren Zukunft. Jede Vorstellung einer besseren Zukunft lebt von der Hoffnung, dass man in und durch die Geschichte gesellschaftliche Verbesserungen erreichen kann. Es ist gerade der dritte Wert der Französischen Revolution, die Brüderlichkeit bzw. die Solidarität, der heute zu kurz kommt!

Was hat die Entwicklung zu der individualistischen Spätmoderne befördert? Zuerst ist der wirtschaftspolitische Wandel zum Neoliberalismus zu nennen. Maßgebliche Verfechter dieses Wandels waren in den 80er Jahren Ronald Reagan und Margret Thatcher. Doch sie allein hätten keine langfristigen Wirkungen gehabt, wenn nicht ihre Nachfolger im Amt der eingeschlagenen Richtung gefolgt wären, also Politiker des linksliberalen Spektrums wie Bill Clinton, Tony Blair und Gerhard Schröder. Die Globalisierung nahm in den 90er Jahren Fahrt auf, Finanzmärkte wurden geöffnet und alle Arten von Handelsbeschränkungen abgebaut.

Dieser Neoliberalismus erhebt normative Ansprüche an die Menschen. Der ideale Mitarbeiter von Konzernen ist ein gut ausgebildetes, vielsprachiges und flexibles Individuum, jederzeit bereit, auch ins Ausland zu gehen. Weiterhin sollte jeder Mensch mit seinem noch so kleinen Vermögen an Börsen handeln, ganz nach dem Vorbild großer Investmentgesellschaften, die in dieser Zeit entstanden. Die Leitideen des Neoliberalismus haben erhebliche gesellschaftliche Folgen. Große soziale Organisationen sind hier grundsätzlich verdächtig, sie verzerren im Zweifel die Märkte. Bekannt ist, wie Thatcher die Gewerkschaften in den 80er Jahren niedergerungen hat. Der Soziologe Robert Putnam hat im Jahr 2000 die US amerikanische Gesellschaft analysiert und dies in dem Buch „Bowling alone“ veröffentlicht. Seine Diagnose: Seit den 80er Jahren nehmen Intensität und Umfang von Vereinsleben in den USA massiv ab.

Gesellschaftliche Zerrüttung

Die Folgen spüren heute alle westlichen Demokratien. Wenn man auf die größeren Zusammenhänge schaut, zeigt sich, dass die gegenwärtige Entwicklung kein Zufall ist. England war im 19. Jahrhundert die führende Nation der Globalisierung, die USA waren es im 20.Jahrhundert. Beide Länder sind Standort der beiden größten Börsen der Welt, London und New York. In beiden Ländern hat die neoliberale Wende in den 80er Jahren begonnen. Und nun sind es gerade diese beiden Länder, die zurzeit eine derart nationale Orientierung suchen und eine starke gesellschaftliche Zerrüttung aufweisen! Über die Person Donald Trumps kann man viel sagen, Trump ist aber vor allem ein Symptom, ein Symptom für eine tiefgreifende gesellschaftliche Spaltung.

Das neoliberale Wirtschaftssystem kann auch meritokratisch genannt werden. Es herrscht die Ideologie der Leistung: Die, die etwas leisten, gelten etwas. Alle messen sich mit allen. Der amerikanische Philosoph Michael Sandel hat in diesen Tagen ein neues Buch veröffentlicht, in dem er dieser Gesellschaft vorwirft, die Orientierung an dem Gemeinwohl vergessen und gerade dadurch die Wahl von Trump befördert zu haben.

Die 68er und der Niedergang des real existierenden Sozialismus

Doch die neoliberale Wende in der Wirtschaft, so bedeutend sie ist, kann nicht allein die Macht des herrschenden Zeitgeistes in der Spätmoderne erklären. Andere, kulturelle und technische Faktoren kommen hinzu. So etwa der Authentizitätsgedanke der 68er Bewegung. Er verstärkt die Wertschätzung des sich selbst verwirklichenden Individuums. Die Haltung war in den 60er Jahren ein emanzipatorischer Fortschritt gegen die verknöcherten und autoritären Strukturen der Nachkriegszeit. Doch ist die Geschichte oft dialektisch: Das, was damals Emanzipation war, wurde dann im weiteren Verlauf zu einer Verstärkung neoliberaler Grundgedanken, des sich in selbständiger Produktion verwirklichenden Individuums. Die Soziologen Luc Boltanski und Richard Sennett haben den Zusammenhang eindrucksvoll dargestellt.

Last not least muss als Faktor auch der epochale Wandel genannt werden, der gerade zu dem Ausgangspunkt für die deutsche Einheit wurde: der Niedergang des real existierenden Sozialismus. Die Zukunft war in den 70er und 80er Jahren noch offen, es galt, sie zu erringen. Es gab eine Debatte um einen dritten Weg jenseits von Kommunismus und Kapitalismus. All diese Vorstellungen aber brachen in den 90er Jahren zusammen. Autoren wie Francis Fukuyama riefen damals das Ende der Geschichte aus. Die Zukunft wurde opak und unzugänglich, die Gegenwart der gesellschaftlichen Systeme dominierte.

Und die Corona Krise?

All diese Faktoren stützen den hegemonialen Diskurs in unserer Gesellschaft. Ändert an all dem die aktuelle Corona Krise etwas? Es mag tatsächlich sein, dass die Zeit des Neoliberalismus dem Ende zugeht. Ein Impresario der globalen Wirtschaft, Klaus Schwab, Direktor des World Economy Forums, hat jüngst in der „Zeit“ das Ende des Neoliberalismus ausgerufen. Doch ist das allein in keiner Weise die Lösung der bestehenden Probleme. Es ist doch deutlich, dass die Krise die gesellschaftlichen Gräben eher vertieft, dass  wiederum die Armen und Marginalisierten am meisten leiden werden. Ob die riesigen Summen, die die Zentralbanken in Umlauf bringen, die Regelsätze der sozialen Transferleistungen erhöhen oder doch nicht eher helfen, die Vermögen der Immobilien-und Aktienbesitzer abzusichern?

Der Weg zu einer großen Transformation

Der Text hier endet mit offenen Fragen. Er will eine Problemanzeige sein. Aber vielleicht muss man erst einmal die Fragen aushalten und sollte nicht vorschnell Antworten suchen. Technokratische Lösungen, die schnell in das eine oder andere Gesetz gegossen werden könnten, werden den Weg nicht weisen. Es geht um eine grundlegende kulturelle und auch gesellschaftspolitische Transformation. Es wird wohl wieder eine große Transformation sein müssen, wie Karl Polanyi sie im 19.Jahrhundert analysierte. Sie wird auf jeden Fall viel umfangreicher sein, als das, was innerdeutsch zwischen Ost und West in den letzten 30 Jahren stattgefunden hat.

Weil ich es mir verdient habe! Rezension des Buches „Vom Ende des Gemeinwohls“ von Michael Sandel

Der amerikanische Philosoph Michael Sandel hat in seinem neuen Buch „Vom Ende des Gemeinwohl. Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratie zerreißt“ (S.Fischer Verlag 2020) auf packende Weise den gegenwärtigen Zustand der amerikanischen Gesellschaft diagnostiziert als eine Gesellschaft, die den Leistungsgedanken in den Mittelpunkt stellt. Er gebraucht für den Zustand den Begriff der „Meritokratie“.

Die meritokratische Ideologie und ihre Folgen

Eine Meritokratie ist eine Gesellschaft, in der die Leistung des Einzelnen in den Mittelpunkt gestellt wird, in der sich der gesellschaftliche Rang allein nach der Leistung ermittelt (meritus – würdig, verdient).  In einer solchen Gesellschaft haben die viel, die viel leisten und umgekehrt, die wenig, die wenig leisten.  Hier mag man stutzen: Welche Gesellschaft ist schon allein nach Leistung strukturiert? Es ist doch offenkundig, dass es in jeder gegenwärtigen Gesellschaft Reiche gibt, die wenig leisten und Arme, die viel leisten. Das ist auch Sandel klar, er selbst bietet dafür immer wieder Hinweise. Ihm geht es aber um die Vorstellung und die Behauptung, man lebe in einer leistungsorientierten, in einer meritokratischen Gesellschaft. Diese Vorstellung, ja man kann sagen, diese Ideologie selbst hat aber gravierende gesellschaftliche Folgen. Sandel zeigt das anhand genauer Analysen der US-amerikanischen Gesellschaft.

Die Vorstellung, dass es allein auf die Leistung der Einzelnen ankomme, dass der gesellschaftliche Erfolg, dass Einkommen und Wohlstand sich nach der Leistung des Einzelnen auszurichten haben, führt nach Sandel, kurz gesagt, zur Zerrüttung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, zu einer Auflösung des Gemeinwohl-Gedankens. In den USA ermöglichte die meritokratische Ideologie seiner Ansicht nach 2016 den Wahlerfolg von Donald Trump. Dies galt vor vier Jahren, ob es immer noch gilt? Dass das Buch jetzt erscheint, kurz vor der Wahl 2020, ist wohl kein Zufall.

Der Wandel zu einer „meritokratischen“ Gesellschaft

Sandel ist Hochschullehrer in Havard und so wurde er auf einen gravierenden Wandel in der Gesellschaft auch dadurch aufmerksam, dass seine Studierenden in den letzten Jahrzehnten immer mehr dazu neigten, die Auszeichnung, an einer Ivy League Universität wie Harvard studieren zu können, ihrer eigenen Leistungsfähigkeit zuzuschreiben. Tatsächlich, so zeigt der Autor, ist der Zugang zu den Spitzenuniversitäten aber mehr denn je von dem Vermögen der Eltern abhängig.

In der Betonung der eigenen Leistung zeigt sich der Mainstream der  amerikanischen Gesellschaft, die in den letzten 4 Jahrzehnten die Orientierung an Leistung in den Mittelpunkt ihres Selbstverständnisses gestellt hat. Die Studierenden interpretieren ihre Position in der Gesellschaft nur so, wie es der Zeitgeist nahe legt. Entstanden ist dieser Zeitgeist vor allem durch die neoliberale Wende von Ronald Reagan in den 80er Jahren. Aber erst die Fortsetzung der dort angelegten Grundgedanken durch die Spitzenvertreter der demokratischen Partei, durch Bill und Hilary Clinton und Barack Obama hat den Gedanken hegemonial werden lassen.

Hier zeigt sich ein zentrales Ziel der Argumentation von Sandel. Er hält der Elite der Demokratischen Partei den Spiegel vor und konfrontiert sie mit der Erkenntnis, dass sie selbst einen erheblichen Beitrag dazu geleistet haben, dass ein Präsident wie Trump möglich werden konnte. Es sei zu leicht, sich über Trump zu empören, ohne zu berücksichtigen, welchen Anteil man selbst an der gesellschaftlichen Situation hat, die Trump möglich machte.

Aspekte der meritokratischen Ideologie

Sandel untersucht im Detail viele Aspekte der meritokratischen Idee. Da ist etwa der Umgang mit gesellschaftlicher Ungleichheit. Aus meritokratischer Perspektive gibt es eine einfache Antwort: Gesellschaftliche Ungleichheit existiert, weil die einen mehr leisten, die anderen weniger. Nun mag man einwerfen, dass kaum jemand einer solchen plakativen Aussage zustimmt. Doch Sandel zeigt, dass es viele öffentliche Aussagen gerade auch von Repräsentantinnen und Repräsentanten der Demokratischen Partei gibt, die die meritokratische Einstellung durchscheinen lassen. Nur ein Beispiel: Hilary Clinton hat ihre Niederlage 2016 etwa dadurch zu interpretieren und zu relativieren versucht, dass sie von jenen Menschen gewählt worden sei, die 80 % des BIP der USA zu verantworten haben. Eine solche Aussage ist aus meritokratischer Sicht folgerichtig, aber aus demokratietheoretischer Sicht desaströs, denn sie hinterfragt das Prinzip der Demokratie, dass jede Stimme gleichviel zählt. Hier gilt eben nicht das Leistungsprinzip.

Besonders verheerend aber sind meritokratische Interpretationen der  Ungleichkeit für jene, die am Rande der Gesellschaft stehen. Sie werden durch die Zuschreibung in ihrer ohnehin schwierigen Lage zusätzlich gedemütigt. Zwar geht es in den seltensten Fällen direkt um sie, die meritokratischen Aussagen konzentrieren sich ja immer wieder um das Verhältnis von Leistung und Verdienst. Doch hat dieser Zusammenhang unweigerlich auch eine negative Wertung: Wer arm ist, ist es selbst schuld, denn wer hart arbeitet, kann auch etwas erreichen.

Zentral für die meritokratische Ideologie ist das Bildungssystem. Nicht von ungefähr beginnt Sandel seine Beobachtungen im universitären Alltag und er kommt immer wieder auf die Bildungschancen zurück. Bildung scheint doch der Ausweg aus der Falle der Ungleichheit zu sein. Sozialdemokratischen Verfechter einer meritokratischer Einstellung wie Clinton, Blair und Schröder haben deshalb auch immer wieder die Bedeutung von Bildung betont. Allerdings, so Sandel, sind die Zugänge zum Bildungssystem noch nicht einmal vorrangig von der Leistung der Einzelnen abhängig. Der soziale Status der Eltern hat einen erheblichen Einfluss. Zudem fördert die Konzentration auf die Bildung die Vorstellung von Konkurrenz auf dem Ausbildungsmarkt, der Kampf um begehrte Studienplätze wird immer härter.

Das gesellschaftliche System, das am leichtesten mit dem meritokratischen Grundgedanken verbunden werden kann, ist das Wirtschaftssystem. Am Markt setzen sich die Leistungsfähigen durch, so die herrschende Vorstellung. Doch was genau leisten jene Banker, die zu den Spitzengruppen der Verdiener gehören und die mit Finanzderivaten handeln, fragt Sandel. Wenn Arbeit nach Leistung bezahlt wird, was genau macht dann Leistung aus? Man braucht nur in Deutschland auf die Diskussion um die schlecht bezahlten Pflegeberufe zu blicken, um zu erkennen, wie sehr die Annahme einer leistungsbezogenen Bezahlung ideologisch ist.

Auswege

Was führt nun heraus aus diesem gesellschaftlichen Zustand, in den wir vor etwa 4 Jahrzehnten eingetreten sind? Sandel plädiert dafür die Arbeit in der Gesellschaf neu zu gewichten. Jede Arbeit muss in der Lage sein, ein Leben in Würde und Anerkennung in der Gesellschaft zu garantieren. Der Autor plädiert nicht für eine absolute Gleichheit, aber doch für ein Mindestmaß an Einkommen für alle. Hierin sieht er eine Quelle für sozialen Zusammenhalt und Solidarität. Die Einkommensarten müssen wieder anders gewichtet werden: Die Arbeit sollte geringer besteuert werden, die Finanzeinkünfte dagegen wesentlich stärker.

Soziale Verbundenheit statt Meritokratie

Die Stärke des Buches von Sandel liegt in der Aufdeckung einer heute verbreiteten Ideologie. Die Beschreibung der Meritokratie lässt sich mit den beiden zentralen Eigenschaften der gesellschaftlich herrschenden Vorstellungen in Beziehung setzen, die ich in „Soziale Verbundenheit“ beschrieben habe: Individualismus und Konzentration auf die gegenwärtigen Systeme, vor allem dem Markt. Die Meritokratie setzt das Individuum in den Mittelpunkt: Nicht Gruppen oder Gemeinschaften leisten etwas, es ist der Einzelne auf den es ankommt. Das Individuum soll sich frei entfalten und dann auch angemessen entlohnt werden. Doch wer so denkt, setzt alle Formen der sozialen Verbundenheit aufs Spiel. Das ungehemmte Leistungsdenken konzentriert alles auf das Individuum und vernachlässigt völlig all jene sozialen und kulturellen Ressourcen, von denen das Individuum lebt. Sandel geht auch auf die Bedeutung der Kultur ein: Von der Werbung bis zu Kochrezepten, überall spiegeln sich in der heutigen Gesellschaft meritokratische Formeln („Ich bin es mir selbst wert“). Es ist eine politische, eine wirtschaftliche, aber auch eine kulturelle Alternative vonnöten, um den meritokratischen Gedanken zu wehren. Das fängt auch bei einer Relativierung der Alleinstellung des Individuums an und der Suche nach neuen, zukunftsweisenden Formen sozialer Verbundenheit.

Künstliche Intelligenz – auf dem Weg zu einem neuen Menschen?

Der Umgang mit digitalen Daten ist heute im Alltag nahezu unausweichlich: Wer ein Auto fährt, nutzt ein Navigationssystem. Wer Informationen zu einem beliebigen Thema erhalten möchte, nutzt die Funktionen der stets zugänglichen Suchmaschinen oder „schlägt“ bei Wikipedia „nach“. Telefonate, Fotografien und Filme, schriftliche Notizen: alles geschieht fast ausschließlich mit Hilfe digitaler Technologien. Durch die alltäglichen Aktivitäten entsteht weltweit eine unglaublich große Menge an Daten.

Wer beherrscht die moderne Datenflut?

Wer kann mit dieser schier unübersehbaren Menge von Daten umgehen? Menschen sind dazu nicht mehr in der Lage. Aber es gibt immer bessere Computerprogramme, die so schnell lernen wie neue Datensätze entstehen. Diese Computerprogramme haben hochspezialisierte Fähigkeiten, in denen sie den Menschen weit überlegen sind. Ist all das der Anfang vom Ende des Menschen? Werden künstliche Intelligenzen irgendwann die Herrschaft übernehmen, beherrschen uns dann Algorithmen, ja sind wir Menschen dann nur noch Algorithmen und vielen anderen, wie etwa der Erfolgsautor Noah Yuval Harari mutmaßt? Entsteht ein neues Wesen, eine künstliche Intelligenz, die für den Menschen selbst eine Bedrohung darstellt oder ihn in ganz neue Zeiten führt?

Der alte Traum vom künstlichen Menschen

Der Traum, dass der Mensch in der Lage sei, menschenähnliche Wesen zu schaffen, ist schon alt: Nach einer Sage soll der bekannte Rabbi Löw im 16. Jahrhundert in Prag mit kabbalistischer Kunst einen Golem, ein menschenähnliches Wesen aus Lehm geschaffen haben. Hier wird dem bekannten Gelehrten also eine gottähnliche Fähigkeit zugesprochen. Das Wesen wird, nachdem es seinen Zweck erfüllt hat, wieder zerstört. Im 18. Jahrhundert macht ein Automat, ein schachspielender Türke Furore. Allein aus mechanischen Elementen soll er menschliche Spieler schlagen. Natürlich war dies ein Betrug, ein versteckter Mensch in der Apparatur musste nachhelfen. Anfang des 19. Jahrhunderts hat Mary Shelley die Geschichte von Frankenstein erfunden, hier ging die Schöpfung schon neben alchemistischen Künsten auch mit den damals bekannten Naturwissenschaften vonstatten. Im 20. Jahrhundert schließlich wächst in der Science Fiction Literatur mit zunehmenden technischen Fähigkeiten auch die Zahl der künstlichen, von Menschen geschaffenen Wesen. So bevölkern Menschen-Maschine Mischwesen, die Cyborgs Romane und Filme. In dem Film „2001 Odyssee im Weltraum“ kämpft der Computer HAL gegen die Astronauten eines intergalaktischen Raumschiffes.

Die rasante technologische Entwicklung der letzten Jahrzehnte

Auch wenn man weltanschauliche Erwartungen oder Befürchtungen relativieren muss, so ist dennoch richtig, dass die Entwicklung der Technik in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hat. Maschinen erwerben eine immer komplexere Intelligenz und Roboter gewinnen immer mehr Freiheitsgrade in der Bewegung. Der Rechner Deep Blue von IBM hat 1997 den Weltmeister Kasparov im Schachspiel geschlagen, das Programm  Watson von IBM hat es 2011 geschafft, ein komplexes Wissensspiel, „Jeopardy“ im Fernsehen gegen gut gebildete Menschen zu gewinnen, das Programm AlphaGo von Google hat es 2016 geschafft, den weltbesten Go Spieler zu schlagen.

Allein diese Erfolge sind schon aufsehenerregend. Fundamental neu ist dabei zudem die Technik, die AlphaGo verwendet. Anders als in den vorigen Maschinen wird nun nicht mehr ein Programm Schritt für Schritt vorgedacht und abgearbeitet, sondern die Maschine „programmiert sich selbst“, indem sie mit immer neuen Daten gefüttert wird, die sie analysiert und daraus weitere Schritte abgeleitet werden. Die Technik, die hier verwendet wird, nennt sich „neuronales Programmieren“. Programmeinheiten des Rechners simulieren Neuronen, die zu einem Gitter verbunden werden. Diese Gitter werden über mehrere Ebenen gestapelt, die „Neuronen“ sind miteinander verkoppelt. Ihre Verbindungen zueinander gestalten sie wie biologische Neuronen durch Rückkoppelungsprozesse, Erfolge stärken bestehende Verbindungen, Misserfolge schwächen bestehende Verbindungen oderstärken alternative Wege. Die Technik, die neuronalen Netze zu gestalten nennt sich Deep Learning, der Begriff des „Lernens“ wird hier vom Menschen auf Maschinen übertragen. Das radikal Neue ist nun, das Maschinen mit solchen Netzwerken, die viele Millionen Mal gegen sich selbst Go oder Schach gespielt haben, was in kurzer Zeit möglich ist, eine Kombinationsfähigkeit besitzen, die auch für Programmierer nicht mehr nachvollziehbar ist. Das unterscheidet sie von Maschinen, die wie die klassischen Computer Rechenoperationen Schritt für Schritt nachvollziehbar abarbeiten. So hat AlphaGo in den Partien Züge gewählt, die alle menschlichen Spieler erstaunten und die doch letztlich zum Erfolg führten. Hier wird der Computer zu einer Blackbox, die in gewisser Weise ein eigenes, unvorhergesehenes Verhalten entwickeln kann, ähnlich wie die Geschöpfe aus dem Science Fiction.

Thesen zur Diskussion: Ist ein Künstlicher Mensch, ein transhumanes Wesen zu erwarten?

Was gilt nun: Reden wir von einem alten Traum unserer Kultur, den man getrost illusionär nennen kann oder stehen wir durch die digitalen Technologien vor der Erfüllung dieses Traums? Hier sind fünf Thesen, die auch die Grundlage für eine Debatte um KI am 17. September 2020 in der Kreuzeskirche in Essen gewesen sind.

(Die Thesen des Gesprächspartners Helmut Fink, Akademie für säkularen Humanismus, finden sich hier)

(Vorbemerkung: Die folgenden Thesen beziehen Intelligenz auf „Maschinen“. Entscheidend für intelligente Fähigkeiten sind natürlich eher die Programme und Programmarchitekturen, die auf Maschinen laufen. Beide können nicht aufeinander reduziert werden. Jedoch ist es immer das Aggregat, also eine Maschine, ein Computers, ein Roboters oder ein Netzwerke dieser Einheiten, auf den und die sich die Zuschreibung von Intelligenz bezieht. Der allgemeinste Begriff ist der der Maschine. So ist ja auch von einer Von-Neumann-Maschine die Rede.)

1. These

Menschen werden sich dauerhaft von Maschinen unterscheiden. Das wichtigste Kriterium: Menschen finden sich immer schon vor, sind Teil einer menschlichen Umgebung und entwickeln sich von dort aus. Maschinen werden von Menschen, nicht von Maschinen gemacht. Ihre Entwicklung wird von ebenso von Menschen, nicht von Maschinen geplant. Theologisch lässt sich das deuten als die Unterscheidung des Schöpfungshandelns Gottes und des Gestaltungshandelns des Menschen. So wie die Menschen nicht die Ebene Gottes erreichen können, so Maschinen nicht die Ebene des Menschen.

2. These

Die Intelligenz von Maschinen ist in allen Realisierungen bislang streng begrenzt und auf bestimmte Leistungen fokussiert. In den begrenzten Spezifikationen haben Maschinen leicht übermenschliche Fähigkeiten. Dies gilt schon für einen konventionellen Taschenrechner, der schneller und exakter multiplizieren kann als jeder Mensch. Den Menschen zeichnet dagegen eine generalisierte Intelligenz aus. Er kann rechnen, Fahrrad fahren, jonglieren, malen, musizieren und in vielfältigster Weise kommunizieren. Die Intelligenz ist sowohl kognitiv wie auch emotional, beide Seiten lassen sich nicht trennen. Damit ist die generalisierte Intelligenz eine Eigenschaft des Leibes. Bislang gibt noch nicht einmal in Ansätzen eine Definition für diese allgemeine Intelligenz.

3. These

Entscheidend für ein Verständnis des Menschen ist, dass er nicht in Einzahl existiert. Es kann also nicht ein Mensch mit einer Maschine verglichen werden, da ansonsten entscheidende Eigenschaften des Menschen aus dem Blick gerieten. Menschen leben in Verbundenheit. Kultur und das, was man traditionell den „Geist“ oder die „Vernunft“ nennt, sind Produkte von Kollektiven. Man kann menschliche Verbundenheit als eine nahezu unendliche Überlagerung von kommunikativen Rückkopplungen beschreiben.

4. These

Der Anthropologe Michael Tomasello beschreibt die menschliche Verbundenheit auch als geteilte Intentionalität: Zwei Menschen können sich auf etwas Drittes beziehen und wissen, dass sie sich beide auf etwas Drittes beziehen. Diese Eigenschaft ist schon bei Menschenaffen in ihrem Verhalten nicht zu entdecken. Diese unscheinbare Fähigkeit ist aber die Wiege der menschlichen Kultur. Sie schweißt die Menschen auf der kognitiven Ebene zusammen, etwas, was sich im Tierreich nicht findet. Noch weniger ist es bei Maschinen zu erwarten: Es ist völlig unklar, was eine Maschine leisten muss, so dass man ihr Intentionalität zuschreiben kann.

5. These

Mit der Intentionalität hängen mehrere grundlegende menschliche Vermögen zusammen. Ein Mensch kann einem anderen vertrauen. Das bedeutet aber auch, dass man sich täuschen kann, dass Vertrauen gebrochen werden kann. Kann eine Maschine Vertrauen brechen oder verhält sie sich nicht einfach nur anders als erwartet? Kann eine Maschine ein Versprechen abgeben? Ist das mehr als eine Prognose?

Die Ambivalenz von Moral in politischen Fragen

Eine Klarstellung sei dem Folgenden vorangestellt: Eine emanzipatorische Politik ist ohne moralische Ausrichtung, ohne eine klare Wertorientierung nicht möglich. Das galt für die Französische Revolution (Freiheit, Gleichheit, Solidarität), das galt für alle weiteren gesellschaftlichen Veränderungen und wird auch für künftige gelten. Moralische Orientierung ist nicht etwas, das einer progressiven und demokratischen Politik äußerlich ist, sondern etwas, das sie im Kern ausmacht. Es gibt politische Positionen, die meinen, ohne eine solche Wertorientierung auskommen zu können. Für sie geht es in der Politik um das alleinige Ringen um Macht, es geht um Interessen und die Durchsetzung von Interessen. Doch stehen sie in Gefahr, zynisch oder auch belanglos zu werden: Die Sieger haben immer Recht. Das ist zynisch, weil auch nicht ein Mindestmaß an Gerechtigkeitsforderungen erhoben wird. Das ist aber auch banal, weil es auf die einfache Aussage zuläuft: Wer siegt, der siegt. Geschichte kann dann nur rückblickend interpretiert werden. Wer morgen siegt, wird sich erst noch zeigen.

Die Bedeutung der geschichtlichen Entwicklung

Eine emanzipatorische Politik, die Erwartungen an ein Morgen hat, das gesellschaftliche Verbesserungen bereithält, die Veränderungen zum Besseren ersehnt, braucht notwendigerweise einen moralischen Kompass. Der moralische Kompass erfüllt dann seine Funktion, wenn die Handelnden sich in einer geschichtlich sich verändernden Gesellschaft erfahren, wenn es darum geht, Impulse für Verbesserungen auszulösen. Entscheidend ist aber, dass die Moral hier gebunden ist an ein starkes Geschichtsbild. Es gab gesellschaftliche Veränderungen und es wird gesellschaftliche Veränderungen geben, Gesellschaft und Geschichte lassen sich nur künstlich trennen, der französische Philosoph Cornelius Castoriadis spricht deshalb konsequent nur von dem Gesellschaftlich-Geschichtlichen. Im Rahmen dieser steten Veränderungen, die alle Gesellschaftsmitglieder erfasst, hat die Moral eine große Bedeutung, sie hilft, Veränderungen zum Besseren auszuzeichnen.

Der offene Brief von 153 Intellektuellen

Nun gibt es aber in diesen Tagen eine weitreichende Debatte um die Funktion von Moral in der gegenwärtigen Politik. Politische Positionen, die vor allem moralisch argumentieren und die Argumente mit der Frage nach Identität verbinden, haben eine Tendenz zur Eindeutigkeit, die kaum noch Differenzierungen zulässt. Hieran gibt es zu Recht viel Kritik. Die 153 Intellektuellen, deren offener Brief im Harper‘s Magazine veröffentlicht wurde, beklagen die drohende Verengung der Debattenkultur. Ein wichtiger Satz lautet: „The way to defeat bad ideas is by exposure, argument, and persuasion, not by trying to silence or wish them away.” Die Haltung, gegen die sich die Autorinnen und Autoren des Briefes wenden, ist einerseits durch eine enge Verbindung von moralischer Position und Identität gekennzeichnet, andererseits aber auch von den geringen Erwartungen an kulturelle Veränderungen in einem gesellschaftlich-geschichtlichen Prozess. Nicht ein Wandel aller Beteiligten soll zum Besseren führen, eher eine Ausgrenzung von unmoralischen Störern.

Ist eine Reduktion auf Individuen in der Politik möglich?

Eine starke Betonung der Moral hat so die Eigenschaft, Geschichte abzublenden, weil sie die Veränderung von Institutionen, von Formen der Verbundenheit gar nicht in Betracht zieht. Das Gesellschaftlich-Geschichtliche besteht aber aus einer ständigen Veränderung der Institutionen und Formen der Verbundenheit, sei es zum Besseren, sei es zum Schlechteren. Große gesellschaftliche Institutionen vereinen mit der Vielzahl von Mitgliedern aber notwendiger Weise ein Spektrum unterschiedlicher moralischer Positionen. Das gilt selbst für so moralisch orientierte Institutionen wie die Kirchen. Eine starke Betonung von Moral konzentriert deshalb auf das handelnde Individuum und lässt Institutionen weitgehend außen vor.

Aus der Konzentration auf Individuen und auf ihre moralische Position lässt den Schluss zu, dass es im Kampf um die Durchsetzung der eigenen moralischen Position vor allem darauf ankommt, sich gegen jene Individuen durchzusetzen, die abweichende Positionen haben und weniger darauf, gesellschaftliche Institutionen und Formen der Verbundenheit zu verändern, die man gegebenenfalls sogar auch mit jenen durchsetzen kann, die andere moralische Positionen haben. Mark Siemons hat in der FAS vom 19.7. zu Recht festgestellt: „Diese Kritik läuft erst einmal nicht auf die Vorstellung einer allen gemeinsamen Gesellschaft hinaus, sondern auf die Herstellung eines individuellen und sich dann ausbreitenden Bewusstseins.“ Es ist ein Prozess, bei dem “sich am einen Ende die Vorstellung einer allen gemeinsamen Gesellschaft auflöst“. Entscheidend ist allein, wie man die moralische Position eines Individuums einschätzt, darauf konzentriert sich die Diskussion. Dies kann leicht destruktive Folgen haben. Der Theologe Ulrich Körtner hat deshalb schon 2017 darauf hingewiesen, dass es eine herausragende „Aufgabe der Ethik ist, vor zu viel Moral und ihren Ambivalenzen zu warnen“.

Wer oder was hat Trump möglich gemacht?

Die Konzentration bestimmt auch die Auseinandersetzung mit Donald Trump. Seine persönliche Haltung und Gebaren erhält in der politischen Diskussion außerordentlich viel Aufmerksamkeit. Das entspricht im Übrigen genau Trumps Selbstbild, hier gibt es eine gewisse Reziprozität. Er hat offenkundig den hoch narzisstischen Eindruck, er könne aus eigener Vollmacht als Individuum handeln. Doch, was außen vor bleibt, ist die Frage, wer und was überhaupt möglich gemacht hat, dass das Individuum Trump Präsident der USA werden konnte. Das aber sollte in einem progressiven Politikentwurf im Mittelpunkt stehen: Das Individuum Donald Trump ist doch eher Symptom für einen beklagenswerten gesellschaftlichen Zustand. Robert Putnam hat hierzu mit seiner Analyse „Bowling Alone“ schon im Jahr 2000 den Weg gewiesen, die Schwächung der Zivilgesellschaft und langfristiger Formen der Verbundenheit ebnet dieser Individualisierung die Bahn.

Der Mensch als Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse

Die alleinige Konzentration auf individuelle Moral im den politischen Debatten ist ein Symptom für eine Blindheit gegenüber der gesellschaftlichen Vermitteltheit menschlicher Existenz. Da kann es hilfreich sein, auch Altvordere wie Karl Marx wieder stärker zu beachten, der in der 6. These zu Feuerbach schrieb: „Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ Eine politische Moral, die sich auf Individuen konzentriert, steht in Gefahr, diese entscheidenden gesellschaftlichen Dimensionen zu übersehen, die nicht nur ökonomische sind. Die gesellschaftliche Vermittlung über Kultur, Institutionen, im weitesten Sinne Formen der Verbundenheit geht viel weiter.

Das Problem mit den Fakten und den „fact news“

Es findet in den letzten Jahren eine bedenkliche Verschiebung in der gesellschaftlichen Debatte statt. Es wird oft eine Zweiteilung vorgenommen. Danach gibt es zwei grundlegende Strömungen: Einerseits ist da eine Seite, die sich modern, weltoffen und rational verhält. Sie vertraut den „fact news“ und hört auf „die Wissenschaft“. Andererseits ist da eine andere Seite, die bereit ist, „fake news“ zu folgen.

Im Hintergrund dieser Debatte steht ein gravierendes Problem. Gesellschaften stabilisieren sich über Ressourcen, die Vertrauen ermöglichen. Das sind in erster Linie langfristig aufgebaute Formen der Verbundenheit, Institutionen und Organisationen, auf die sich Menschen über viele Jahre, wenn nicht sogar lebensbegleitend beziehen können. Solche Institutionen sind Volksparteien, Vereine, Gewerkschaften, Kirchen und Verbände. Jedoch sind all diese Institutionen und Organisationen in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich schwächer geworden. Damit schwindet aber auch die durch die unterschiedlichen gesellschaftlichen Institutionen vermittelte Ressource des Vertrauens, die Attraktivität von Verschwörungstheorien wird größer.

Die Gefahr, die von Verschwörungstheorien ausgeht

Diese Situation verschärft sich in Krisenzeiten wie in der aktuellen Corona Krise. Welche Maßnahme ist in dieser neuartigen Pandemie angemessen? Wem kann man trauen? Wer spricht und handelt in wessen Interesse? Die Unsicherheit, die in einer Krise entsteht, ist so etwas wie ein Humus Boden für Verschwörungstheorien. Wenn man nicht mehr den handelnden gesellschaftlichen Akteuren traut, ist der Verdacht schnell zur Hand, dass sie in einem anderen Interesse handeln, dass es eine verschwiegene Motivation gibt, die sie nicht offen legen. Hierin steckt eine nicht zu unterschätzende Gefahr für eine demokratische Gesellschaft. Es gab und es gibt immer Verschwörungstheoretiker, die eine alternative Wahrheit anbieten, die sich jeder kritischen Nachprüfung entzieht. Doch wenn diese in den größeren Kreisen der Mehrheitsgesellschaft Gehör finden, kann das die Gesellschaft auf Dauer destabilisieren. Die Evangelische Akademie im Rheinland thematisiert deshalb aktuell in einer Vielzahl von spannenden Veranstaltungen die Wirkungen und Mechanismen von gegenwärtigen Verschwörungstheorien.

Aber auch die Rede von den „fact news“ ist hoch problematisch

Die gesellschaftliche Debatte hat aber neben einer stärkeren Resonanz von „fake news“ noch eine weitere problematische Folge, über die auch gesprochen werden muss: die Auszeichnung von „fact news“. Was sollte an den „fact news“ schwierig sein? In dem Gegenüber zu den Verschwörungstheorien ist scheinbar klar, was gemeint ist. Zugleich aber verselbstständigt sich die Rede von den „fact news“ und fällt dann auf eine gefährliche Weise hinter den aufklärerischen Standards zurück, die wir schon erlangt haben.

„Fact news“ werden oft mit der Stimme „der Wissenschaft“ identifiziert. Waren wir da nicht in der gesellschaftlichen Interpretation von Wissenschaften schon einmal viel weiter? Hier werden Identifizierungen vorgenommen, die auch den aufklärerischen Umgang mit den Wissenschaften in der Gesellschaft gefährden und die langfristig sehr negative Folgen auch für die Wissenschaften haben können.

1. Wissenschaften produzieren nicht einfach Fakten

Es gehört zu den grundlegenden Standards der Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts, dass die Wissenschaften als ein offener Forschungsprozess zu beschreiben sind. „Fakten“ sind immer Teil einer Theorie, die jederzeit problematisiert werden kann. Die Auszeichnung wissenschaftlicher Theorien gegenüber Verschwörungstheorien ist es ja gerade, dass sie sich kritischen Nachfragen stellen müssen, dass sie falsifizierbar sind. Keine Theorie steht einfach für die Wahrheit. Natürlich gibt es eine Vielzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse, die nach menschlichem Ermessen kaum revidiert werden können. Wer sie kritisiert, muss schon sehr, sehr gute Argumente haben. Man darf in keiner Weise leichtfertig mit dem Erreichten umgehen. Aber keine Theorie ist unumstößlich. Das ist auch eine Lehre aus der Entwicklung der Wissenschaften im 20. Jahrhundert.

2. Die Stellung der Wissenschaft in der Gesellschaft ist nicht die einer Wahrheitsagentur

Hier muss man sich am stärksten wundern. Es gehörte zu dem Grundbestand jeder progressiven, gesellschaftskritischen Theorie vor wenigen Jahrzehnten, einer positivistischen Rede von den „wissenschaftlichen Fakten“ zu wehren. Damals hätte es einen Aufschrei gegeben, hätte jemand eine gesellschaftliche Position mit unumstößlichen wissenschaftlichen Fakten untermauern wollen. Doch die Positivismus Debatte scheint vergessen, heute redet, wer modern sein will und etwas auf sich hält, von den unbestreitbaren Fakten der Wissenschaft. Die Wissenschaften erscheinen als Wahrheitsagentur innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses. Das ist äußerst heikel. Einerseits, weil wissenschaftliche Forschung sich auch irren kann, etwa auch die beste Virologie. Zum anderen sind „wissenschaftliche Wahrheiten“ IN den gesellschaftlichen Verhältnissen IMMER gedeutete Aussagen. Schon gar sind Folgerungen, die man aus wissenschaftlichen Erkenntnissen zieht, Deutungen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich in der Öffentlichkeit äußern und für sich in Anspruch nehmen, DIE Stimme der Wissenschaft zu sein, bewegen sich auf dünnem Eis. Dem mahnenden Ausruf von Thea Dorn an öffentlich auftretende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf zeitonline ist deshalb sehr zuzustimmen: „Nicht predigen sollt ihr, sondern forschen!“ Man muss ergänzen: Und auch öffentlich von der Forschung reden, aber nicht im Habitus der Wissenden, sondern der Forschenden!

3. Der problemtatische Singular „Wissenschaft“

Auf die Spitze getrieben wird diese Entwicklung immer dann, wenn nur noch von dem Singular „Wissenschaft“ die Rede ist: „die Wissenschaft sagt,…“, „wir sollten auf die Wissenschaft hören…“, „die Wissenschaft hat da eine klare Position“. Hier ist der Schritt zur Ideologisierung einer vermeintlich Wahrheit sprechenden Instanz mit Namen „Wissenschaft“ nicht mehr fern. Mit der wissenschaftlichen Forschung hat das nur noch begrenzt zu tun. Die Wissenschaft als Instanz ist immer wieder missbraucht worden. So hat man sich in den finsteren Zeiten der UDSSR auf die Wissenschaft berufen, um parteipolitische Positionen abzusichern. So hat man im 19. Jahrhundert rassistische Positionen mit der Wissenschaft (damals die beginnende Evolutionsforschung) abzusichern versucht. Das hohe Gut der Wissenschaften bestehtaber darin, dass es hier keinen Singular gibt, sondern eine offene Gemeinschaft von selbstkritischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Es gibt in der Summe also viele Gründe, warum man die Rede von den „fact news“ und „DER Wissenschaft“ für sehr problematisch halten sollte. Die Wissenschaften waren darin unschlagbar stark, dass sie einen selbstkritischen Erkenntnisprozess organisiert und in Bewegung gehalten haben. Hoffen wir, dass das auch die künftigen gesellschaftlichen Verhältnisse diese Bewegung weiter unterstützen!