Zur Fragilität sozialer Verbundenheit: das Beispiel Fußballbundesliga

Die Corona Krise öffnet die Augen, viele sehen manche der  gesellschaftlichen Bedingungen klarer, unter denen wir leben. Das gilt zum Beispiel für den Profifußball. Die Bundesliga nimmt ihre Spiele nach der Zwangspause des Lockdowns wieder auf, der Betrieb geht weiter. Diese Nachricht ist für viele ein Grund zur Freude und doch zeigte die öffentliche Diskussion im Vorfeld, dass das Geschehen vor allem auch einem ökonomischen Kalkül folgt. Funktionäre großer Vereine haben in den Wochen zuvor die Alarmglocke geschlagen: Wenn die Spiele nicht mehr weiter gehen, stehen schnell einige Vereine am Rande des finanziellen Abgrunds. Die aktuelle Saison wird also nicht vorzeitig beendet, sondern fortgeführt. Wie sehr dies einem ökonomischen Imperativ folgt, zeigt sich auch in den Kommentaren, dass nun der deutsche Fußball besondere, ja weltweite Beachtung findet. Die Marke Bundesliga gewinnt an Bedeutung unter den großen nationalen Ligen. Das heißt: Die Marktanteile für die Fernsehübertragungen können deutlich vergrößert werden, der Fernsehsender, der die Vermarktungsrechte in der Hand hat, zeigt sich zufrieden.

Geisterspiele können die soziale Verbundenheit nicht herstellen

Johannes Schneider kommentierte  auf ZEIT ONLINE am 17.5., dass diesem Fußball sichtbar etwas Entscheidendes fehle. Das Spiel ist nicht mehr länger eine kollektive Erfahrung. Profifußballer spielen auf dem Platz nach wie vor mit athletischem Körpereinsatz, sie zeigen ihre technischen Künste, es gibt schöne Spielzüge, aber es bleibt eine Form der Präsentation. „Artistik war schon immer eine eher hohle Form von Virtuosität, und Virtuosität war seit jeher eine hohle Form des Kulturschaffens. Mehr aber haben die Geisterspiele, ohne die kollektive Konstitution von Bedeutung, offenbar nicht zu bieten.“

Fußball ist ein kollektives Geschehen, das sich nicht nur auf die aktiv Spielenden beschränkt. Das Spiel verbindet die Spielenden auf dem Platz mit den Zuschauenden im Stadion. In dieser Ausnahmesituation zeigt sich deutlich: Diese Form sozialer Verbundenheit ist fragil. Schneider: „Und während es seltsam unbegründet blieb, warum das irgendjemanden stärker interessieren sollte als die inneren Zwänge anderer Wirtschaftszweige, konnte man sich durchaus fragen, was einen mit diesen Gesellen eigentlich verbindet. Und ob einen jemals wieder etwas mit ihnen verbinden sollte.“

Soziale Verbundenheit gestaltet sich in der Aktivität vieler

Soziale Verbundenheit muss sich immer wieder aktualisieren. Nun waren auch in den Spielen vor der Corona Zeit nur ein Bruchteil der Fans tatsächlich im Stadion. Die Fans vor Ort waren aber so etwas wie die Stellvertreter für all jene, die nicht im Stadion sein konnten, sich aber dem Verein zugehörig fühlten. Die vielen tausend Fans, die lautstark mitfieberten, garantierten die Authentizität der Gefühle, sie agierten stellvertretend für ein größeres kollektives Ereignis.

Zeigen die Geisterspiele, dass das Geschäftsmodell Fußball Vorrang hat vor der Verbundenheit mit den Fans hat? Der Fanforscher Jonas Gabler hat auf die bedeutende Rolle der organisierten Fangruppen, der Ultras, hingewiesen. Sie sehen sich aber als Teil des Geschehens, nicht nur als Konsumenten eines professionell gestalteten Produkts. Die Fangruppen der Ultras unterstützen ihre Fußballvereine nach Kräften und verstehen sich doch auch als ein kritisches Gegenüber zu ihnen. Schon vor Corona haben sich in der Fanszene des deutschen Profifußballs deutliche Risse gezeigt. Die Diskussionen waren mit der polarisierenden Person des Fußballmäzens Dietmar Hopp verbunden, eine Auseinandersetzung, die wohl vor allem die Funktion eines Blitzableiters hat. An der Person von Hopp haben die Ultras auch deutlich zu machen versucht, dass sie große Zweifel gegenüber einem Fußball haben, der vor allem auf das große Geld ausgerichtet ist.

Fußball zwischen sozialem Geschehen und Geschäftsinteressen

Die Corona Krise macht viele gesellschaftliche Verhältnisse deutlicher. Das gilt auch für den Profifußball der Bundesliga. Die Logik des hoch kapitalisierten Unternehmens kann die  Erwartungen nach sozialer Verbundenheit, die viele Fans mit ihrer Mannschaft leben wollen, nicht aus eigener Kraft erfüllen. Interessant wird sein, ob und wie hier ein Weg zurück gefunden wird.

„Mein Leib für Dich gegeben“ auch auf digitalem Wege? Zur Diskussion um die digitale Vermittlung beim Abendmahl

Durch die Corona Pandemie ist eine lebhafte Diskussion um die Praxis der Feier des Abendmahls entstanden. Kann man das Abendmahl auch digital feiern? Kann das folgende Szenario ein Abendmahl genannt werden: Jemand steht oder sitzt vor einem Rechner mit Kamera, spricht die Einsetzungsworte über Brot und Wein, Ton und Bild werden an einen anderen Ort übertragen, zu einem Bildschirm, vor dem jemand, ebenfalls mit Brot und Wein ausgestattet, nach den Einsetzungsworten davon isst und trinkt?

Die zentrale Frage

Eine zentrale Frage lautet: Hängt die Möglichkeit einer Abendmahlfeier an der räumlichen und zeitlichen Einheit oder können diese durch die digitalen Medien aufgelöst, zumindest gelockert werden? Die Frage nach einer angemessenen Feier des Abendmahls ist nicht nebensächlich, das Sakrament gehört zu den zentralen gottesdienstlichen Vollzügen der christlichen Gemeinde. Ich plädiere in einem Beitrag, der auf der Internetseite 2komma42.de veröffentlicht ist, dafür, dass das Abendmahl nicht auf die geschildete Weise durchgeführt werden sollte.

Die Bedeutung unserer materiellen Existenz

Im Zentrum des christlichen Glaubens steht die Aussage, dass Gott Mensch wurde. Gott ist in einem Menschen mit „Haut und Haar“ inkarniert. Das hat eine große Bedeutung für die Interpretation von „Haut und Haar“, also für das Verständnis der menschlichen leiblichen Existenz, sie wird auf unschätzbare Weise aufgewertet. Es ist deshalb aus theologischer Perspektive in keiner Weise nebensächlich, dass wir auf die materiellen Bedingungen des Lebens angewiesen sind.

Was also machen wir, wenn wir in dieser durch Klimawandel und Corona Krise gezeichneten Situation als feiernde christliche Gemeinde danach streben, im liturgischen Vollzug von der körperlichen Präsenz möglichst unabhängig zu werden? Müssten wir nicht vielmehr sagen, dass wir mitleiden, dass der Leib Christi auch im Abendmahl von den materiellen Bedingungen betroffen ist?

Die christliche Gemeinschaft bezeugt sich auch in der materiellen Gabe

Eine mediale Vermittlung zwischen einzelnen Menschen über Fernsehen, Video, digitale Medien kann die materielle Bedingtheit der Gemeinschaft nicht in gleicher Weise bezeugen. Hier nimmt jede und jeder selbst von dem Brot, das sie oder er sich selbst bereit gelegt hat. Das Empfangen der materiellen Gabe wird nicht erfahrbar. Auch digitale Medien vermitteln Gemeinschaft, aber eben auf andere Weise. Das Spezifische des Abendmahls, die Bedeutung der materiellen Grundlage der Existenz und der Gemeinschaft, aber auch der Inkarnation Gottes kommt aber nicht ausreichend zur Geltung.

Wer in die Diskussion einsteigen möchte: Eine ausführlichere Version dieser Argumentation findet sich auf der Internetseite 2komma42.de auf der die Evangelische Akademie im Rheinland ihr Jahresprojekt zur christlichen Existenz in den digitalen Medien dokumentieren.

Wer trägt die Schuld? Eine Warnung in der Corona Krise

Die Verhältnisse ändern sich in dieser Zeit rasend. Wir lernen Tag für Tag unsere Welt neu kennen. Das, was vertraut schien, wirkt mit einem Mal fremd, das, was sicher schien, ist in Gefahr. Alle spüren, dass sich etwas Grundlegendes ändert, etwas, das langfristige Wirkungen für das eigene Leben, aber auch für das Zusammenleben haben kann. Das größte Problem unserer Zeit ist nicht die aktuelle Not, sondern, dass wir inmitten in dieser Krise um das Corona Virus nicht wissen, wie es in der Zukunft weiter geht. Die Verunsicherung ist grundlegend: Ist die Gegenwart eine Ausnahmesituation, die in wenigen Wochen beendet ist? Setzt hier eine Leidenszeit an, die uns das kommende Jahr oder auch darüber hinaus begleiten wird? Soeben (17. März) hat das Robert Koch Institut angedeutet, dass die Corona Krise sogar noch zwei Jahre dauern kann. Angesichts der dramatischen wirtschaftlichen Bedeutung verheißt das für die absehbare Zukunft nichts Gutes. (Eine theologische Einordnung der Situation von Andreas Losch findet sich hier)

Das Bedürfnis nach Klarheit

Die Unklarheit und die Ungewissheit werden uns noch einige Zeit begleiten. In dieser Zeit entsteht ein starkes Bedürfnis, die Dinge zu deuten und sie so in den Griff zu bekommen. Das, was man benennen kann, was man deuten kann, ist auch potentiell beherrschbar. Klare Ursachenzusammenhänge und klare Wirkungszusammenhänge schaffen Orientierung. Sie bieten die Grundlage für Vertrauen. Nicht zuletzt sind deshalb in Krisenzeiten jene Politikerinnen und Politiker beliebt, die klare Ansagen machen. Man kann beobachten, dass diese Aussagen von Tag zu Tag dramatischer werden: „Wir sind im Krieg“ (Macron), „Es geht um Leben und Tod (Laschet). Ob diese Tendenz hilfreich ist? Die Grenze zur unnötigen Dramatisierung ist schnell überschritten. Dennoch wirken diese Aussagen, sie brauchen nicht positiv sein, aber sie erscheinen in ihrer Eindeutigkeit als etwas, auf das man vertrauen kann. Dieser Reflex ist natürlich, kann aber politisch sehr heikel sein. Krisenzeiten sind auch solche, in denen politische Autorität auf unangemessene Weise Macht gewinnen kann.

Schuldzuschreibung als scheinbare Klärung

Eine weitere Strategie, Orientierung zu gewinnen, ist die Schuld-Frage zu stellen. Wenn nun eine solch große Krise über uns kommt, wer trägt die Schuld? Wenn man die Schuldige, den Schuldigen ausmachen kann, ist wiederum etwas mehr Klarheit gewonnen. Diese Strategie ist in der Vergangenheit immer und immer wieder auf desaströse Weise missbraucht worden. Schuld hat immer der Gegner, der Feind, der andere. Und so deutet es sich heute auch wieder an. Wir leben zwar im 21. Jahrhundert, die Reflexe sind aber auch heute genauso wie in früheren Zeiten. Die chinesische Regierung legt nahe, dass das Virus möglicherweise von einem US-amerikanischen Bürger in das Land gebracht worden sei. Der amerikanische Präsident redet von einem „ausländischen“ Virus. Die deutsche Regierung verbietet heute Flüge von China nach Deutschland, heute, wo mehr aktuell Infizierte in Europa leben als in China. In Italien wird breit darüber diskutiert, ob der wichtige Patient „0“, der das Virus nach Italien gebracht hat, aus Bayern stammt. Die polnische Regierung schottet sich gegenüber den Deutschen ebenso ab wie die deutsche Regierung gegenüber den Franzosen aus dem Elsass.

Man ahnt, wie die Diskussion weiter gehen kann. Wenn die Schäden steigen, wird der Reflex eher größer werden als kleiner. Das hat auf die Dauer eine desaströse Wirkung auf die internationalen Verbindungen. Vorwürfe, die hin und wieder erklingen, sind nicht entscheidend. Entscheidend ist die Bereitschaft, nach einem Schuldigen zu suchen. Nüchtern betrachtet wird man wohl von einer Verkettung unglücklicher Umstände, von einer multifaktoriellen Entwicklung reden müssen. Doch das will in Krisenzeiten kaum noch jemand wissen. Denn es hieße, sich mit dem eigenen Anteil an der Entwicklung auseinander zu setzen.

Ist die Krise ein Strafgericht Gottes?

Es gibt auch eine religiöse Variante der Schuldzuschreibung. Dann ist Gott der Verursacher, die Virus Krise ist dann so etwas wie eine Strafe für Fehlverhalten. Schuldig sind jene Menschen, die von dem rechten Weg abgekommen sind. Diese Interpretation ist ebenso problematisch, wie der Versuch, den Schuldigen bei fremden Mächten zu suchen. Doch darüber hinaus ist dieser Versuch, die Sünder zu identifizieren, die die Ursache der Krise sind, theologisch falsch. In der Rede von Gott spielt es eine entscheidende Rolle, wie man selbst auf die Sache schaut. Wer selbst betroffen ist und die Widerfahrnisse auf seine Beziehung zu Gott reflektiert, tut etwas, was jeder religiöse Mensch in der einen oder anderen Weise immer tut: Man steht vor Gott, kann sein Anliegen zum Ausdruck bringen, in Bitten, Klagen, im Dank. Aber dann hat man keinen Zugang zu einem Masterplan, man kann nicht die Perspektive Gottes einnehmen. Himmelweit davon entfernt aber ist es, scheinbar „objektiv“, „neutral“ auf das Geschehen zu blicken, in gewisser Weise Gott über die Schulter zu schauen. Das ist verbunden mit der Haltung, mindestens so viel zu wissen wie Gott. Diese Haltung steht uns Menschen aber in keiner Weise zu, weil wir allesamt endliche Wesen sind, die manches verstehen, vieles aber eben auch nicht. Wir sind mitten in den Geschehnissen, wir haben keinen Überblick. Es ist wie in der Politik: Wer sich anmaßt, den Überblick zu haben, überschreitet Grenzen. In religiösen Fragen ist die Überschreitung in gewisser Weise noch schlimmer: Wer in dieser Haltung auf die Geschehnisse der Welt blickt, spricht sich eine göttliche Weitsicht zu, kennt Gut und Böse und kann die Schuldigen genau ausmachen. Christlich ist eine solche Haltung nicht.

Resilienz durch Erfahrungen der Verbundenheit

Was bleibt? Wir müssen gerade auch in Krisenzeiten aushalten, dass wir nicht den Überblick haben. Kein Mensch kann vorhersehen, wie es weiter geht. Das gilt für die Verheißungspropheten ebenso wie für die Untergangspropheten. Das gilt besonders für diejenigen, die irgendwo die Schuldigen suchen. Mit Sicherheit gibt es viele Faktoren, die die Entwicklung befördert haben. Schuldzuweisungen versprechen nur eine vorläufige und nur eine scheinbare Sicherheit. Vielmehr kommt es darauf an, den Blick nach vorne zu richten: Wer kann was tun, um die Krise zu mildern. Christinnen und Christen können in Klage und Bitte und auch im Dank für die Dinge, die uns trotz allem geschenkt sind, reagieren. Sie maßen sich damit nicht an, Weltrichter zu spielen. Sie haben aber vielleicht die Fähigkeit, die schwierigen Situationen in dem Grundvertrauen zu durchstehen, dass sie auch in der Krise nicht allein sind. Die Verbundenheit zu Gott und damit auch die Verbundenheit zu den anderen Menschen bricht auch in einer Krise nicht ab. Sie ist gerade in der Krise einerseits eine Quelle der Beruhigung und der Bestätigung, sie ist andererseits auch immer eine Aufforderung, sich für das Menschenmögliche, für jene Verbesserungen einzusetzen, die unsere Welt auch in schweren Zeiten lebenswerter machen!

 

Diskurse in Zeiten des Gebrülls – Vom Schwinden des Vertrauens

Dieser Beitrag ist ein Impulsvortrag im Rahmen des theologischen Kolloquiums der Evangelischen Akademien in Deutschland im Januar 2020 in Berlin

Das Gebrüll kann überall entstehen

In den Tagen um Weihnachten ist in Deutschland Unerhörtes geschehen. Ein Skandal erschüttert die Republik. Ein kleiner Chor aus etwa 20 Kindern im Grundschulalter singt das bekannte Nonsenselied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ mit umgedichteten Textzeilen, unter anderem der Zeile: „Meine Oma ist ne alte Umweltsau!“ Die Kids sind sichtbar übermütig und beschwingt, das Lied macht ihnen Spaß. Doch die Republik steht Kopf: In den sozialen Medien schwappt die Wut über. Die Hashtags „#Umweltsau“ und „#Umweltsaugate“ explodieren. Innerhalb kurzer Zeit äußern sich der Ministerpräsident des Landes und weitere führende Politiker. Der Intendant der größten Sendeanstalt der ARD formuliert in einem hastig arrangierten Pressetermin ein öffentliches Meaculpa. Es gibt eine Sondersendung am folgenden Tag. Das gesellschaftsgefährdende Video wird sofort von allen Internetseiten des Senders gelöscht. Alles geht rasend schnell. Der betroffene Chorleiter erinnert sich: „Am Freitagabend war bei uns alles noch relativ ruhig und am Samstag entwickelte sich für uns das Thema in unerwartete Richtungen. Am Nachmittag war schließlich klar, dass das Thema bundesweit diskutiert werden würde.“ Am Samstag berichteten alle Zeitungen und Medien, von Skandal ist die Rede, von Entsetzen. Die Empörungswelle hielt für mehrere Tage an.

Diskurse in Zeiten des Gebrülls? Das Beispiel zeigt: Der Anlass für das Gebrüll kann sehr trivial sein. Ich bin gebeten worden, aus einer theologischen/philosophischen Perspektive auf das Thema zu schauen. Ich werde mich dem Thema so nähern, dass ich danach frage, was die beiden Begriffe repräsentieren: Wofür steht der Begriff „Diskurs“? Wofür wiederum steht der Begriff „Gebrüll“? Und welche Rolle spielt die Gesellschaft, in der das „Gebrüll“ bzw. der „Diskurs“ stattfinden?

Die Motivation, die beiden Begriffe einander gegenüber zu stellen, ist offenkundig. Wir erleben in unserer Zeit einen deutlichen Verfall der öffentlichen und semiöffentlichen Kommunikation. Neu ist der Einfluss digitaler Medien und dort insbesondere der so genannten sozialen Netzwerke, also jener von privaten Unternehmen betriebenen Plattformen, auf denen sehr viele Menschen tagtäglich kommunizieren. Diese Kommunikation steht immer in Gefahr, bei unterschiedlichen Meinungen nicht die Verständigung zu suchen, sondern die Polemik, den persönlichen Angriff, die Verunglimpfung bis hin zur Drohungen gegen Leib und Leben.

Keine monokausalen Erklärungen (die digitalen Medien sind Schuld)

Wichtig ist mir hier die Formulierung „steht in Gefahr“. Denn es gibt tatsächlich auch nach wie vor substantielle und auch fachlich anregende Diskussionen in den digitalen Medien. Eine simple Technikkritik greift zu kurz, insbesondere eine einfache Gegenüberstellung von der guten „face to face“ Kommunikation und der üblen Kommunikation mit digitalen Technologien. Die Technologien haben nicht über Nacht alles geändert. Man braucht nur an das Gebrüll im Faschismus zu denken, um zu sehen, dass schon sehr viel einfachere Technologien Gebrüll gesellschaftlich relevant sein lassen können.

Wenn das Gebrüll nicht erst durch digitale Medien entstanden ist, so ist auf der anderen Seite aber auch die Annahme falsch, dass sich nichts geändert hat, dass es Phänomene wie „hate speeches“ immer schon gegeben hat, dass die Eckkneipe nur durch das Facebook-Kommunikation ersetzt wird. Tatsächlich sind die digitalen Technologien für die aktuelle Entwicklung der Gesellschaft in hohem Maße relevant. Eine Kommunikation auf Facebook etwa ist in einem entscheidenden Sinne offener, von größerer, oft unvorhersehbarer Dynamik bestimmt als die Kommunikation im Kreis von Bekannten. Das Gebrüll kann durch die Technologien im Nu anschwellen. Dagegen ist die Eckkneipe doch eher mit geschlossenen Foren vergleichbar.

Interessierte Kreise können, das macht das Problem noch gewichtiger, die Dynamik des Gebrülls mit Hilfe der digitalen Technologien gezielt anfachen. So waren es offenkundig rechte Kreise, die das umgedichtete Oma Lied als Resonanzverstärker genutzt haben. Grundsätzlich gilt: Zugespitzte und eindeutige Meinungen werden durch die digitalen Medien schneller verstärkt als abwägende.

Das Gebrüll als Indikator für gesellschaftliche Risse – Vertrauen als immer knapper werdende Ressource

Mit guten Gründen kann man manches, von dem, was in den digitalen Medien stattfinden, „Gebrüll“ nennen. So wie jemand einen anderen Menschen in direkter Kommunikation von Angesicht zu Angesicht niederbrüllen kann, so bedienen sich nicht wenige Menschen der Kommunikationsoberfläche der digitalen Medien, um Menschen mit anderer Meinung ins Aus zu stellen.

Wofür steht das „Gebrüll“ aus theologischer bzw. philosophischer Perspektive? In dem Gebrüll zeigen sich ein offenes Desinteresse und ein fundamentales Misstrauen gegenüber der Gesellschaft und den Mitmenschen. Gelingende Kommunikation setzt zumindest ein basales Vertrauen voraus, die Erwartung, dass das Gegenüber etwas Wichtiges zu sagen hat und wiederum ein echtes Interesse an dem hat, was man selbst zu sagen hat. Doch genau diese Relevanzerwartung existiert bei dem nicht, der brüllt. Man rechnet nicht mit Verständigung und man sucht auch keine Verständigung.

Macht das Gebrüll in den digitalen Medien nur bestehende Risse in der Gesellschaft deutlicher oder erzeugen sie diese Risse selbst? Wahrscheinlich ist beides richtig. Unabhängig vom Henne-Ei-Problem gilt: Das Gebrüll ist auf jeden Fall ein Indikator für einen bestimmten gesellschaftlichen Zustand. Die Bindungskräfte in unserer Gesellschaft lassen nach. Das lässt sich leicht nachvollziehen, wenn man auf die Entwicklung der großen Institutionen, Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Vereine usw. schaut: Sie verlieren allesamt an Prägekraft. In einer Gesellschaft ohne hohe soziale Integration, ohne gemeinsame kommunikative Standards können leicht Kommunikationsverwerfungen entstehen. Gesellschaftliche Kommunikation über das eigene engere Milieu hinaus wird voraussetzungsreicher, sie kann schnell misslingen. Was kann mit der Zeile: „Meine Oma ist ne alte Umweltsau“ gemeint sein? Wenn auch absurd, Verdächtigungen lassen sich schnell konstruieren: Die Entmündigung von Menschen im fortgeschrittenen Alte, eine Instrumentalisierung von unschuldigen Kindern zur Durchsetzung bestimmter Gesellschaftsziele.

Eine vielleicht nicht unwichtige Randbemerkung: Das Gebrüll ist nicht nur von Verständigung, sondern auch von der Austragung gesellschaftlicher Interessenkonflikte zu unterscheiden. Bei letzteren haben die Protagonisten klare konfligierende Ziele und sie artikulieren diese. Es geht darum, die eigenen Ziele durchzusetzen, nicht darum, sich von anderen abzusetzen. Akteure in Interessenkonflikten suchen andere Ausdrucksformen, zumeist  und regelmäßig auch ganz klassisch die Demonstration auf der Straße. Das gilt etwa für die Gelbwesten, die Vertreterinnen und Vertreter von Fridays for Future. Wer brüllt, will nichts Bestimmtes durchsetzen, sondern sich hörbar machen und andere verunsichern. Gebrüll ist immer auch eine Form der Selbstversicherung.

Diskurse brauchen einen gesellschaftlichen Rahmen – Vertrauen durch institutionelle Garantien

Wofür steht wiederum der „Diskurs“ aus theologischer bzw. philosophischer Perspektive? Hier geht es um eine verständigungsorientierte, wenn auch niemals konfliktfreie Kommunikation. Die Relevanz der Kommunikation basiert auf einer grundlegenden Gemeinsamkeit zwischen Ego und Alter. Nun weiß man: Jede menschliche Kommunikation ist auch in guten Zeiten heikel, sie ist immer dem Risiko ausgesetzt, zu misslingen. Wer kommuniziert, riskiert etwas, insbesondere dann, wenn ein Konflikt zwischen den kommunizierenden Parteien deutlich wird. Auch im Diskurs ist man dem Risiko des Missverständnisses ausgesetzt. Ein Diskurs hat zur Absicherung vor kommunikativen Verwerfungen einen expliziten oder impliziten formalen Rahmen, er folgt vorgegebenen Regeln. Ein Argument von A darf von B kritisiert werden. A muss wiederum versuchen, das ursprüngliche Argument zu verteidigen. B muss wiederum in der Lage sein, die geäußerte Kritik zu begründen. Die gegenseitige Verpflichtung auf diese Regeln schafft ein institutionalisiertes Grundvertrauen. In besonders strittigen Diskussionen im Rahmen der Arbeit evangelischer Akademien gibt es immer auch Versuche, die Regeln aufzuweichen, zu umgehen. Es kann dann polemisch werden, unfaire rhetorische Mittel werden angewendet, ein Missverstehen vorgetäuscht, eine Zuspitzung oder Übertreibung genutzt. Doch ist auch diese Kommunikation in den Akademien eingebunden in ein institutionelles Setting, die den Vorrang des Arguments fordert und zumeist auch ermöglicht.

Das Ideal des rein verständigungsorientierten Diskurses im Habermasschen Sinne ist vor allem eines: Ein Ideal. Tatsächlich finden gesellschaftliche Diskurse immer unter Verzerrungen statt, bestimmt durch informationelle Asymmetrien, durch Machtgefälle, durch Ressourcendifferenzen. Kein Diskurs ist rein und ausschließlich verständigungsorientiert, immer spielen strategische Aspekte in den Kommunikationsakten eine Rolle. Nicht von ungefähr haben sich die evangelischen Akademien 2012 in dem Positionspapier „Diskurskultur“ auch eher auf den Diskursbegriff von Foucault bezogen. Das Entscheidende aber auch eines machtorientierten Diskurses ist dennoch vor allem eines: Die Fähigkeit, immer wieder an das Ideal zu appellieren und die Diskutanten auf ein gemeinsames Verständnis des Gesagten zu verpflichten.

Der Diskurs als verständigungsorientierte Kommunikation setzt eine Gemeinsamkeit voraus, die, frei nach dem Diktum von Ernst-Wolfgang Böckenförde, der Diskurs selbst nicht garantieren kann. Das ist die zentrale These, die ich hier vortragen möchte. Beide, Gebrüll wie Diskurs leben von gesellschaftlichen Voraussetzungen, die sie selbst im Wesentlichen nicht schaffen. Die Risse in der Gesellschaft werden durch Gebrüll verstärkt und durch gelingende Diskurse gekittet. Aber die Risse sind nicht einfach durch Gebrüll entstanden. Die Gesellschaft ist über die Kommunikationsformen hinaus durch eine Vielzahl von weiteren Faktoren bestimmt, neben kulturellen vor allem aber durch sozioökonomische Faktoren.

Hier sei ein kurzer Blick auf den Konsultationsprozess „Politik in Rheinland-Pfalz im Jahr 2030“ erlaubt, den Christoph Picker, Thorsten Latzel, der Beauftragte der Landeskirchen in Mainz Thomas Posern und ich durchführen und deren Ergebnisse im Sommer 2020 der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die bisherige Arbeit hat eine Dreiteilung zum Vorschein gebracht. Zur Beurteilung der Lage und der künftigen Entwicklung sind drei Faktoren wichtig: die Wirkungen der digitalen Medien ebenso wie Repräsentationsdefizite im politischen System und kulturelle und sozioökonomische Entwicklungen. In allen drei Bereichen zeigen sich Risse, die nicht aufeinander reduziert werden können.

Insofern sind beide, der Diskurs wie auch das Gebrüll, Indikatoren für einen weiteren und schon zuvor bestehenden gesellschaftlichen Zustand. Die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland ist wie die anderer westlicher Industrienationen in einem Wandel begriffen von recht hoch integrierten Nachkriegsgesellschaften hin zu Gesellschaften mit deutlich geringeren Bindekräften. Die Entwicklung der Wirtschaft hin zu dem, was man „Neoliberalismus“ nennt, liefert dazu einen wichtigen Anteil, aber auch die Entstehung einer Kultur der Singularitäten, wie sie Andreas Reckwitz beschreibt. Zurzeit sind die Gesellschaften in einem labilen Zustand, Risse nehmen zu und es ist nicht so leicht abzusehen, wann und wodurch die Kohäsionskräfte wieder wachsen.

Die Grenzen des Gebrülls und die langfristige Bedeutung von Diskursen

Das Gebrüll hat zugenommen. Welche Chance hat da der Diskurs? Besteht die Gefahr, dass das Gebrüll überhandnimmt, dass es die Diskurse verdrängt? Ja, die Gefahr besteht meiner Ansicht nach, weil es niemanden in der Gesellschaft gibt, der über die Mittel verfügt, entstandenes Gebrüll wieder abzustellen. Aber es gibt neben dem Katastrophenszenario auch die Möglichkeit, dass sich neue gesellschaftliche Möglichkeiten auftun. Diskurse haben eine eigene Kraft. Sie können vor allem langfristige Standards setzen anders als das Gebrüll. Eines ist offenkundig: Das Gebrüll kann niederreißen und zerstören, aber sicherlich nicht etwas dauerhaft neue gesellschaftliche Verhältnisse aufbauen. Auch die Gesellschaft der Zukunft wird deshalb in jedem Fall von Diskursen abhängig sein, insbesondere weil moderne Gesellschaften von hoher Komplexität bestimmt sind. In The Long Run also wird der Diskurs mit einiger Sicherheit obsiegen. Ein besonderes Augenmerk sollte dabei der Entwicklung der kleineren und überschaubareren politischen Einheiten, der Kommunen zukommen. Es ist wahrscheinlich, dass die Kommunen bei der Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse künftig eine herausragende Rolle spielen werden. Dies kann gerade auch mit Hilfe der digitalen Medien geschehen, die eine Vielzahl von Initiativen und Beteiligungsformen ermöglichen können. Hier kann man etwa ein effizientes kommunales Beschwerdeverfahren oder eine digital unterstützte Stadtteilarbeit denken. Hier können neue Formen der Verbundenheit entstehen, die auch in der Lage sind, Vertrauen zu generieren und Prozesse transparent zu gestalten. Dieses Vertrauen wiederum kann dann eine Ressource sein für die Gestaltung landes- und bundesweiter politischer und gesellschaftlicher Prozesse.

 

Das Virtuelle digitaler Medien ist nie nur virtuell. Es ist Teil der menschlichen Realität.

In der Diskussion über die digitalen Medien ist es in bestimmten Kreisen beliebt, das Eigentliche, das Reale von dem Virtuellen, dem Scheinbaren zu unterscheiden. Das Eigentliche ist dann natürlich das, worin wir unseren Alltag fristen, wo wir anderen Menschen face to face begegnen, wo wir uns miteinander austauschen, wo wir essen und uns bewegen. Das Virtuelle dagegen ist in den künstlichen Räumen, die digitale Medien produzieren. Es ist in gewisser Weise immer nur eine „Schein“-Welt, weil die Töne und Bilder nahelegen, dass da etwas sei, wo es doch nur elektronisch simuliert wird.

Das Eigentliche und das Uneigentliche

Die Vorstellung lautet: Wenn wir mit einem Menschen face to face intensiv kommunizieren, dann sind wir wirklich mit ihm verbunden. Wir teilen miteinander den Raum, in dem wir uns treffen. Schon der gemeinsame Raum verbürgt, dass das Treffen real ist, denn es findet an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit statt. Dagegen ist ein Treffen in den digitalen Medien uneigentlich. Auch dort kann eine Kommunikation stattfinden, wir können Bilder austauschen und die Sprache nutzen. Doch findet das Treffen nur im „digitalen Raum“ statt. Doch was ist der „digitale Raum“? Eigentlich ist er nur ein Kommunikationskanal, der durch bestimmte Technologien bereitgestellt wird. Damit ist aus Sicht der skizzierten Position klar: Der Raum wird in gewisser Weise vorgetäuscht. Durch Austausch von Bildern und von Tönen mag es den Anschein haben, man sei miteinander in einer direkten Kommunikation, aber das ist nicht der Fall. Es ist „nur“ eine durch die Technik vermittelte Kommunikation. Diese Unterscheidung hat Folgen, für viele führt das zu einer eindeutigen Bewertung digitaler Medien.

Diese Argumente werden nicht selten von Skeptikern in der Diskussion um digitale Medien vorgebracht. Digitale Medien wird damit gleich ein mehrfacher Vorwurf gemacht. Der erste Vorwurf ist, dass sie nur eine reduzierte Wirklichkeit wiedergeben. Der zweite Vorwurf ist, dass sie dies mit den Mitteln moderner Technik zu kaschieren versuchen, dass sie in gewisser Weise täuschen. Der dritte Vorwurf ist schließlich der weitest gehende: Digitale Medien bieten die Möglichkeit zur Weltflucht. Wenn man schon mit der realen Wirklichkeit nicht gut umgehen kann, dann hilft es, sich in virtuelle Welten zu flüchten, die vor der Konfrontation mit der Wirklichkeit schützen.

Was ist dran an dieser Unterscheidung? Eine Unterscheidung ist in der Tat notwendig, es gibt offenkundig einen Unterschied zwischen dem Materiellen und dem Virtuellen, aber die angedeutete Bewertung setzt falsch an und führt zu falschen Folgerungen.

Die Virtualität des Realen – die Realität des Virtuellen

Das Wichtigste ist: Woher wissen wir, was die „eigentliche“ Realität ist? Wir sind als leibliche Wesen in dieser Welt und können uns nur mit unvollkommenen Mitteln in ihr orientieren. Als leibliche Wesen sind wir immer zugleich materiell und virtuell: Wir sehen die Farbe und die Leinwand eines Bildes und wir sehen das Abgebildete. Die Welt lässt sich nicht auf das eine oder andere reduzieren. Die Welt als Ganze können wir aus einem philosophisch fundamentalen Grund nur unvollkommen beschreiben: Sie ist uns zu nah, weil wir als leibliche Wesen auch ein Teil von ihr sind, weil wir elementar mit ihr verbunden sind. Als Teil des Ganzen können wir keinen privilegierten, keinen neutralen oder objektiven Zugang zur Wirklichkeit im Ganzen haben. Es gibt für uns also nicht einfach eine „originale“, „reale“ Welt, die wir beschreiben könnten wie eine Kaffeetasse, die wir von uns distanziert halten können. Was auch immer wir wissen, ist sprachlich und kulturell vermittelt, auch wenn mit Hilfe der Methoden der Wissenschaften wir viele Aspekte und Dinge relativ objektiv beschreiben können. Jede Sprache und jede Kultur aber hat auch verzerrende Effekte.  Jeder sprachliche Ausdruck, jeder Begriff hat eine schwer zu kontrollierende Konnotation. Jede Äußerung ist eingebunden in einen Strom weiterer kultureller Äußerungen. Über die Sprache der Wissenschaften kommen wir nur in definierten Ausschnitten zu so etwas wie einer objektiven Realität. Der Fehler, der oft gemacht wird, ist, diese Ausschnitte für das Ganze der Welt zu nehmen. Wenn wir das Ganze als physikalisches Universum beschreiben, lässt sich daraus weder Sinn, noch Schönheit, noch Liebe noch Vertrauen, noch Haß noch all das ableiten, in dem wir alltäglich leben. All das hat in dem physikalischen Universum keinen definierten Ort. Zu meinen, wir stünden sicher auf dem Boden der „Tatsachen“, ist mit Sicherheit eine Täuschung.

Wir müssen also als leibliche Wesen in unserer Orientierung in der Wirklichkeit jederzeit mit Ambivalenzen umgehen, mit einer Wirklichkeit, die größer ist als unsere Modelle von ihr. Nehmen wir das Gespräch zwischen zwei Menschen face to face: Natürlich kann man den Raum, in dem sie sich treffen, ausmessen: etwa 3x5x4 Meter. Doch das ist für das Treffen nahezu irrelevant. Relevant ist aber zum Beispiel die Atmosphäre des Raumes. Doch was genau ist in diesem Zusammenhang eine „Tatsache“? Atmosphären können hoch ambivalent sein, sie haben immer etwas Virtuelles, sie lassen sich nicht auf physikalische Dinge zurückführen. In Atmosphären kann man eintauchen, man ist mit ihnen verbunden, sie umhüllen und durchdringen. Ähnliches gilt auch für die Menschen, die sich so treffen: Was sehen sie im Gegenüber? Sicherlich keine Fakten, keine bloßen Tatsachen, sondern unendlich viele Überlagerungen von virtuellen Anteilen: Gesellschaftlichen Rollen, Symbolen, Anspielungen, Sehnsüchten, Ängsten, Hoffnungen usw. usf. Kurz: Auch jedes Gespräch face to face hat in entscheidenden Anteilen an kulturell vermittelten „virtuellen“ Welten teil, die wir nie so ganz überblicken, weil wir immer schon in sie eingetaucht sind.

Das Reale des Virtuellen

Andererseits ist ein virtuelles Gespräch durch digitale Medien zugleich sehr real: Handelsgeschäfte können abgeschlossen werden, Beziehungen können angebahnt oder auch beendet werden. Es gibt keine virtuelle Kommunikation in digitalen Medien, die nicht auch Teil der menschlichen „Realität“ wäre. Weltraumschlachten in Computerspielen können reale Werte zerstören. In live Übertragungen kann man durch digitale Medien Augenzeuge eines schrecklichen Vorfalls werden, wie bei dem Terror-Attentat in Christchurch. Und auch die darauf folgende Kommunikation schafft wiederum reale Verhältnisse und ist voll und ganz Teil unserer Realität.

Mehr und weniger, wahrscheinlich und unwahrscheinlich…

Wenn die Realität aber von Virtuellem durchsetzt ist und das Virtuelle immer auch real ist, kann man dann nicht mehr unterscheiden zwischen dem Virtuellen und dem Realen? Es macht aber tatsächlich Sinn, aber nicht in der großen zwischen Sein und Schein, zwischen Original und Kopie. In der Regel gibt es zwischen beiden immer wieder ein Mischverhältnis mit einem Mehr und Weniger. Wenn man aber zwischen Mehr und Weniger unterscheidet, dann gibt es keinen klaren Schnitt. Es lässt sich keine „eigentliche“ Realität aussondern. Eine Kommunikation zwischen zwei Menschen in einem festen Raum kann „vernebelter“ sein als eine achtsame Kommunikation über Skype. Allerdings: Es ist wahrscheinlicher, dass die face to face Kommunikation mehr Zugänge ermöglicht, da sie umfassender ist.

Es gibt also Unterschiede zwischen der „direkten“ Kommunikation zwischen Menschen und der Kommunikation über digitale Medien. Diese Unterschiede sind nur nicht eindeutig, nicht festgeschrieben, sie befinden sich in einem Feld des Mehr und Weniger und lassen lediglich Tendenzsaussagen zu. Es gibt nicht die eine ausgezeichnete Realität, sondern unterschiedliche kulturell vermittelten Zugänge zu ihr. Nicht alles ist digitalisierbar, aber das Digitale ist ebenso Teil der Realität wie materielle Dinge.

Wer Überlegungen hierzu vertiefen möchte: Die hier vorgebrachten Gedanken resultieren aus einem philosophischen Konzept der Wirklichkeit, das die Wirklichkeit in seiner Vieldimensionalität darstellen möchte. Die landläufigen Vorstellungen sind zumeist von Verkürzungen geprägt: Die eigentliche Wirklichkeit ist materiell oder das, was die Vernunft zeigt. Ein phänomenologischer Ansatz kann hier besser differenzieren und führt zu dem Konzept einer „offenen Wirklichkeit“ .

Ein Plädoyer für das Unperfekte – Unsere leibliche Existenz und die digitalen Technologien

Wir sind leibliche Wesen

Menschen sind leibliche Wesen. Wir sind ebenso durch unseren Körper bestimmt wie auch durch geistige Fähigkeiten. Wir sind weder auf das eine noch auf das andere zu reduzieren. Das ist im Kern die Bedeutung des philosophischen Ausdrucks „Leib“: Er weist darauf hin, dass wir eine eigentümliche und schwer zu definierende Mischung sind von Materie und Bewusstsein, von Körper und Geist. Die philosophische Schule der Phänomenologie hat Methoden entwickelt, mit diesem irreduziblen Gemisch, mit dieser ständigen Doppelbestimmung umzugehen. Sie setzt bei unserer Lebenswelt an, also bei unseren alltäglichen Erfahrungen und Handlungen. Denn unsere alltäglichen Handlungen und Erfahrungen sind stets von beidem bestimmt. Die Haltungen, alles auf den materiellen Körper zu beziehen oder alles auf das begriffliche Bewusstsein zu beziehen, führen zu Abstraktionen: Der objektive Körper, die reine Vernunft. Jede Handlung, jede Erfahrung in der Lebenswelt haben aber Anteile von beidem, sie geschehen bewusst und sind zugleich körperliche Vorgänge. Im Alltag unterscheiden wir auch nicht zwischen beiden Seiten, wir leben in den undefinierten Zuständen dazwischen.

Wenn wir von unserer leiblichen Existenz ausgehen, wie ist dann die Entwicklung digitalen Technologien zu beurteilen? Am Rande einer Tagung in Aachen hatte ich Gelegenheit, mit Bernhard Waldenfels, dem prominentesten Vertreter der phänomenologischen Philosophie im deutschsprachigen Raum, ein Gespräch zu führen (siehe hier). Seine Haltung gegenüber den digitalen Technologien ist durchaus kritisch. Es steht etwas auf dem Spiel in einer Kultur, die immer stärker durch diese Technologien geprägt ist. Die Erfahrungen der leiblichen Existenz, die lebensweltlichen Orientierungen können verzerrt werden.

Digitale Technologien arbeiten mit definierten Zuständen

Hinlänglich bekannt ist, dass das Digitale die Virtualität betonen, also die geistige Seite des Menschen zulasten der körperlichen. Viele Stereotype der kritischen Diskussion weisen in die Richtung: Sitzen nicht viele körpervergessen stundenlang vor Bildschirmen oder beschäftigen sich mit ihrem Smartphone? Vernachlässigen sie dann nicht den Körper und befinden sich rein geistig in virtuellen Welten? Hier existiert offenkundig die Möglichkeit, aus der Balance zu geraten. Doch das Gegenteil stimmt auch: Digitale Technologien betonen ebenso einseitig den Körper als materiellen Organismus! Waldenfels weist auf bestimmte Technologien, die der Losung „Quantify yourself!“ folgen. Man joggt dann mit einem digitalen Gerät, das die Körperzustände exakt abbildet, Durchschnittswerte ermittelt und Vergleichszahlen anbietet. Der Körper befindet sich in einer kontinuierlichen Überwachung. Durch die Hilfsmittel reduziert sich der Mensch auf einen objektiven Körper.

Die digitalen Technologien befördern also nicht so sehr die Bevorzugung des Bewusstseins gegenüber dem Körper, sie betonen vielmehr beide Extreme, den virtuellen Geist einerseits und den objektiven Körper andererseits. Auf der einen Seite ist unser Leib der Zugang zu einem virtuellen Raum, in dessen Weiten wir uns verlieren können. Auf der anderen Seite erscheint unser Leib in der digitalen Welt als ein genau beobachtetes und kontinuierlich vermessenes Objekt. Die Extreme werden gefördert, der Leib, der die Extreme vermittelt, dagegen wird gering geschätzt.

Die Lebenswelt als das Undefinierbare

Die große Herausforderung besteht künftig darin, auch in und mit den digitalen Technologien den Leib als solchen immer wieder zu entdecken. Der Leib zeigt sich in der Lebenswelt. Bernhard Waldenfels gab in der Diskussion der Tagung ein Beispiel, das in die Richtung weist: Besonders akrobatische Leistungen von Robotern beeindrucken ihn nicht. Das ist berechenbar. Beeindrucken würde ihn dagegen, so sagte er, wenn ein Roboter in einem Handlungsablauf innehalten würde, wenn er zögern  würde!

Dies ist ein wichtiger Hinweis auf die Lebenswelt, denn sie ist eine Sphäre jenseits perfekter Funktionsabläufe (des Körpers) und jenseits perfekter Illusionswelten (des Geistes). In der Lebenswelt regiert das Imperfekte, das, was ins Stolpern bringt, das, was undefinierte Situationen ermöglicht. Im Alltag können wir uns oft nicht so gut entscheiden, wir zweifeln, wir haben Bedenken oder wir haben nicht den notwendigen Überblick.

Plädoyer für das Unperfekte

Wenn wir auch in einer Welt mit digitalen Technologien unsere leibliche Existenz in der Lebenswelt erhalten wollen, müssen wir auf das achten, was sich nicht genau messen oder definieren lässt. Hierzu gehört nebenbei auch die Fantasie. Virtuelle Welten etwa über VR (Virtual Reality) Brillen mögen beeindruckende Spielumgebungen schaffen, aber sie lassen kaum Raum für die Fantasie. Was sich zeigt, ist immer schon definiert. Das ist bei klassischen Rollenspielen von Kindern (Räuber und Gendarm) eben nicht der Fall. Hier braucht es die ausgeprägte Fähigkeit, das, was sich zeigt, anders zu deuten. Hier ist nichts perfekt, hier ist nichts genau vorgegeben. Die Fantasie eröffnet einen Freiraum undefinierter Zustände. Ein Großteil unseres Lebens findet aber tatsächlich genau in dieser unperfekten Sphäre statt. Die wertvollsten Erfahrungen machen wir in einer solchen Umgebung. Sie gilt es zu erhalten auch in einer digitalen Welt. Das heißt: Wir müssen Umgangsformen mit den digitalen Medien und Technologien finden, die das Undefinierte undefiniert sein lassen.

 

Wie gehen wir mit existentieller Unsicherheit um? Warum Vertrauen grundlegend ist.

In Kooperation mit der Akademie für säkularen Humanismus führt die Evangelische Akademie im Rheinland in Essen regelmäßig kontroverse Diskussionen zu Fragen der Weltdeutung durch. Die Veranstaltung am 13. Dezember steht unter der Frage, wie man bei Unsicherheit handeln kann. Wie gehen wir mit existentieller Unsicherheit um? An der Diskussion haben der Physiker Helmut Fink und der Unternehmer Reinhard Wiesemann teilgenommen. Ihre Thesen finden sich hier: www.mensch-welt-gott.de

Meine grundlegende These lautet:

Sich auf jemanden oder etwas zu verlassen, bedeutet Vertrauen zu haben. Nur so gibt es eine Grundlage für ein Handeln in der Welt. Der christliche Glaube ist Ausdruck eines existentiellen Vertrauens.

  1. Zunächst muss man unterscheiden: Es gibt Handlungen, bei denen man sich absichern kann und es gibt Handlungen, bei denen auch die größte Absicherung ins Leere weist. Beispiel einer Handlung, bei der man sich absichern kann: Man prüft, ob die Reifen fest angezogen sind, bevor man mit einem Auto eine längere Fahrt auf einer unwegsamen Strecke unternimmt. Beispiel einer Handlung, bei der man sich nicht gut absichern kann: Man geht die Ehe mit dem Menschen ein, den man liebt.
  2. Bei jenen Handlungen, bei denen man sich absichern kann, sollte man alle Prüfkriterien beachten, die sinnvoll sind. Nicht alles kann man vor einer Handlung nachprüfen und absichern. Hier entsteht schnell unsinniger Aufwand, der das Leben erschwert. Aber es gibt Nachprüfungen und Absicherungen, die sinnvoll sind. Hierzu gehört, sich über den Zustand von technischen Geräten zu versichern, auf die man sich verlassen muss.
  3. Bei jenen Handlungen, bei denen man sich nicht absichern kann, hat oft schon der Versuch, sich abzusichern, kontraproduktive Effekte. Ob sie, er mich wirklich liebt? Sollte man nicht Nachforschungen bei Freundinnen und Freunden anstellen, Tests durchführen? Man kann sich leicht ausmalen, wie eine solche Haltung auf die Partnerin, den Partner vor einer Hochzeit wirken würde.
  4. Welches sind die Handlungen, bei denen man sich nicht absichern kann? Es sind solche Handlungen, die mit existentiellen Entscheidungen verbunden sind. Wer möchte ich sein? Mit wem möchte ich leben? Worauf will ich in meinem Leben wirklich setzen? Diese Handlungen lassen sich durch mehrere Kriterien näher beschreiben.
  5. Erstens haben die Handlungen ohne Absicherungsmöglichkeit die Eigenschaft, nicht beliebig wiederholbar zu sein. Technische Handlungen (Fahrt mit einem Auto) lassen sich beliebig variieren. Handlungen wie eine Hochzeit lässt sich zwar auch wiederholen, aber nicht beliebig oft. Denn ansonsten wird die Handlung selbst abgewertet. Es gibt biographische, existentielle Handlungen, wo ich hier und jetzt entscheiden muss. Dies zeigt, dass das Leben nicht eine beliebig variierbare Versuchsanordnung ist, sondern jedes Leben ebenso einmalig ist wie begrenzt.
  6. Zweitens sind Handlungen ohne Absicherungsmöglichkeit oft verbunden mit intensiven sozialen Kontakten. Der Lebenszusammenhang mit anderen Menschen ist ebenfalls keine Versuchsanordnung und lässt sich nicht beliebig variieren. Besonders deutlich ist das bei dem Verhältnis zu den eigenen Eltern.
  7. Handlungen ohne Absicherungsmöglichkeit sind in der Philosophie als existentielle Handlungen beschrieben worden. Die Existenzphilosophie hat immer wieder die Notwendigkeit, sich entscheiden zu müssen, betont. Die allermeisten existentiellen Entscheidungen fallen aber unter Unsicherheit.
  8. Hier kommt ein Grundvertrauen zum Tragen, das im Christentum sich auf Gott bezieht. Ich muss mein Leben nicht allein und unabhängig von allem verantworten. Ich kann auf Gott vertrauen, der mich geschaffen hat und mich am Leben erhält. Der christliche Glaube ist so etwas wie ein Grundvertrauen, das sich im Leben immer wieder bewährt. Auch hier kann eine Unsicherheit mitschwingen, der Glaube kann angefochtener Glaube sein. Dennoch ist die Erfahrung, die der christliche Glaube zum Ausdruck bringt, dass es eine Grundlage für Vertrauen inmitten einer Welt existentieller Unsicherheiten gibt.