Die Ambivalenz von Moral in politischen Fragen

Eine Klarstellung sei dem Folgenden vorangestellt: Eine emanzipatorische Politik ist ohne moralische Ausrichtung, ohne eine klare Wertorientierung nicht möglich. Das galt für die Französische Revolution (Freiheit, Gleichheit, Solidarität), das galt für alle weiteren gesellschaftlichen Veränderungen und wird auch für künftige gelten. Moralische Orientierung ist nicht etwas, das einer progressiven und demokratischen Politik äußerlich ist, sondern etwas, das sie im Kern ausmacht. Es gibt politische Positionen, die meinen, ohne eine solche Wertorientierung auskommen zu können. Für sie geht es in der Politik um das alleinige Ringen um Macht, es geht um Interessen und die Durchsetzung von Interessen. Doch stehen sie in Gefahr, zynisch oder auch belanglos zu werden: Die Sieger haben immer Recht. Das ist zynisch, weil auch nicht ein Mindestmaß an Gerechtigkeitsforderungen erhoben wird. Das ist aber auch banal, weil es auf die einfache Aussage zuläuft: Wer siegt, der siegt. Geschichte kann dann nur rückblickend interpretiert werden. Wer morgen siegt, wird sich erst noch zeigen.

Die Bedeutung der geschichtlichen Entwicklung

Eine emanzipatorische Politik, die Erwartungen an ein Morgen hat, das gesellschaftliche Verbesserungen bereithält, die Veränderungen zum Besseren ersehnt, braucht notwendigerweise einen moralischen Kompass. Der moralische Kompass erfüllt dann seine Funktion, wenn die Handelnden sich in einer geschichtlich sich verändernden Gesellschaft erfahren, wenn es darum geht, Impulse für Verbesserungen auszulösen. Entscheidend ist aber, dass die Moral hier gebunden ist an ein starkes Geschichtsbild. Es gab gesellschaftliche Veränderungen und es wird gesellschaftliche Veränderungen geben, Gesellschaft und Geschichte lassen sich nur künstlich trennen, der französische Philosoph Cornelius Castoriadis spricht deshalb konsequent nur von dem Gesellschaftlich-Geschichtlichen. Im Rahmen dieser steten Veränderungen, die alle Gesellschaftsmitglieder erfasst, hat die Moral eine große Bedeutung, sie hilft, Veränderungen zum Besseren auszuzeichnen.

Der offene Brief von 153 Intellektuellen

Nun gibt es aber in diesen Tagen eine weitreichende Debatte um die Funktion von Moral in der gegenwärtigen Politik. Politische Positionen, die vor allem moralisch argumentieren und die Argumente mit der Frage nach Identität verbinden, haben eine Tendenz zur Eindeutigkeit, die kaum noch Differenzierungen zulässt. Hieran gibt es zu Recht viel Kritik. Die 153 Intellektuellen, deren offener Brief im Harper‘s Magazine veröffentlicht wurde, beklagen die drohende Verengung der Debattenkultur. Ein wichtiger Satz lautet: „The way to defeat bad ideas is by exposure, argument, and persuasion, not by trying to silence or wish them away.” Die Haltung, gegen die sich die Autorinnen und Autoren des Briefes wenden, ist einerseits durch eine enge Verbindung von moralischer Position und Identität gekennzeichnet, andererseits aber auch von den geringen Erwartungen an kulturelle Veränderungen in einem gesellschaftlich-geschichtlichen Prozess. Nicht ein Wandel aller Beteiligten soll zum Besseren führen, eher eine Ausgrenzung von unmoralischen Störern.

Ist eine Reduktion auf Individuen in der Politik möglich?

Eine starke Betonung der Moral hat so die Eigenschaft, Geschichte abzublenden, weil sie die Veränderung von Institutionen, von Formen der Verbundenheit gar nicht in Betracht zieht. Das Gesellschaftlich-Geschichtliche besteht aber aus einer ständigen Veränderung der Institutionen und Formen der Verbundenheit, sei es zum Besseren, sei es zum Schlechteren. Große gesellschaftliche Institutionen vereinen mit der Vielzahl von Mitgliedern aber notwendiger Weise ein Spektrum unterschiedlicher moralischer Positionen. Das gilt selbst für so moralisch orientierte Institutionen wie die Kirchen. Eine starke Betonung von Moral konzentriert deshalb auf das handelnde Individuum und lässt Institutionen weitgehend außen vor.

Aus der Konzentration auf Individuen und auf ihre moralische Position lässt den Schluss zu, dass es im Kampf um die Durchsetzung der eigenen moralischen Position vor allem darauf ankommt, sich gegen jene Individuen durchzusetzen, die abweichende Positionen haben und weniger darauf, gesellschaftliche Institutionen und Formen der Verbundenheit zu verändern, die man gegebenenfalls sogar auch mit jenen durchsetzen kann, die andere moralische Positionen haben. Mark Siemons hat in der FAS vom 19.7. zu Recht festgestellt: „Diese Kritik läuft erst einmal nicht auf die Vorstellung einer allen gemeinsamen Gesellschaft hinaus, sondern auf die Herstellung eines individuellen und sich dann ausbreitenden Bewusstseins.“ Es ist ein Prozess, bei dem “sich am einen Ende die Vorstellung einer allen gemeinsamen Gesellschaft auflöst“. Entscheidend ist allein, wie man die moralische Position eines Individuums einschätzt, darauf konzentriert sich die Diskussion. Dies kann leicht destruktive Folgen haben. Der Theologe Ulrich Körtner hat deshalb schon 2017 darauf hingewiesen, dass es eine herausragende „Aufgabe der Ethik ist, vor zu viel Moral und ihren Ambivalenzen zu warnen“.

Wer oder was hat Trump möglich gemacht?

Die Konzentration bestimmt auch die Auseinandersetzung mit Donald Trump. Seine persönliche Haltung und Gebaren erhält in der politischen Diskussion außerordentlich viel Aufmerksamkeit. Das entspricht im Übrigen genau Trumps Selbstbild, hier gibt es eine gewisse Reziprozität. Er hat offenkundig den hoch narzisstischen Eindruck, er könne aus eigener Vollmacht als Individuum handeln. Doch, was außen vor bleibt, ist die Frage, wer und was überhaupt möglich gemacht hat, dass das Individuum Trump Präsident der USA werden konnte. Das aber sollte in einem progressiven Politikentwurf im Mittelpunkt stehen: Das Individuum Donald Trump ist doch eher Symptom für einen beklagenswerten gesellschaftlichen Zustand. Robert Putnam hat hierzu mit seiner Analyse „Bowling Alone“ schon im Jahr 2000 den Weg gewiesen, die Schwächung der Zivilgesellschaft und langfristiger Formen der Verbundenheit ebnet dieser Individualisierung die Bahn.

Der Mensch als Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse

Die alleinige Konzentration auf individuelle Moral im den politischen Debatten ist ein Symptom für eine Blindheit gegenüber der gesellschaftlichen Vermitteltheit menschlicher Existenz. Da kann es hilfreich sein, auch Altvordere wie Karl Marx wieder stärker zu beachten, der in der 6. These zu Feuerbach schrieb: „Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ Eine politische Moral, die sich auf Individuen konzentriert, steht in Gefahr, diese entscheidenden gesellschaftlichen Dimensionen zu übersehen, die nicht nur ökonomische sind. Die gesellschaftliche Vermittlung über Kultur, Institutionen, im weitesten Sinne Formen der Verbundenheit geht viel weiter.

Das Problem mit den Fakten und den „fact news“

Es findet in den letzten Jahren eine bedenkliche Verschiebung in der gesellschaftlichen Debatte statt. Es wird oft eine Zweiteilung vorgenommen. Danach gibt es zwei grundlegende Strömungen: Einerseits ist da eine Seite, die sich modern, weltoffen und rational verhält. Sie vertraut den „fact news“ und hört auf „die Wissenschaft“. Andererseits ist da eine andere Seite, die bereit ist, „fake news“ zu folgen.

Im Hintergrund dieser Debatte steht ein gravierendes Problem. Gesellschaften stabilisieren sich über Ressourcen, die Vertrauen ermöglichen. Das sind in erster Linie langfristig aufgebaute Formen der Verbundenheit, Institutionen und Organisationen, auf die sich Menschen über viele Jahre, wenn nicht sogar lebensbegleitend beziehen können. Solche Institutionen sind Volksparteien, Vereine, Gewerkschaften, Kirchen und Verbände. Jedoch sind all diese Institutionen und Organisationen in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich schwächer geworden. Damit schwindet aber auch die durch die unterschiedlichen gesellschaftlichen Institutionen vermittelte Ressource des Vertrauens, die Attraktivität von Verschwörungstheorien wird größer.

Die Gefahr, die von Verschwörungstheorien ausgeht

Diese Situation verschärft sich in Krisenzeiten wie in der aktuellen Corona Krise. Welche Maßnahme ist in dieser neuartigen Pandemie angemessen? Wem kann man trauen? Wer spricht und handelt in wessen Interesse? Die Unsicherheit, die in einer Krise entsteht, ist so etwas wie ein Humus Boden für Verschwörungstheorien. Wenn man nicht mehr den handelnden gesellschaftlichen Akteuren traut, ist der Verdacht schnell zur Hand, dass sie in einem anderen Interesse handeln, dass es eine verschwiegene Motivation gibt, die sie nicht offen legen. Hierin steckt eine nicht zu unterschätzende Gefahr für eine demokratische Gesellschaft. Es gab und es gibt immer Verschwörungstheoretiker, die eine alternative Wahrheit anbieten, die sich jeder kritischen Nachprüfung entzieht. Doch wenn diese in den größeren Kreisen der Mehrheitsgesellschaft Gehör finden, kann das die Gesellschaft auf Dauer destabilisieren. Die Evangelische Akademie im Rheinland thematisiert deshalb aktuell in einer Vielzahl von spannenden Veranstaltungen die Wirkungen und Mechanismen von gegenwärtigen Verschwörungstheorien.

Aber auch die Rede von den „fact news“ ist hoch problematisch

Die gesellschaftliche Debatte hat aber neben einer stärkeren Resonanz von „fake news“ noch eine weitere problematische Folge, über die auch gesprochen werden muss: die Auszeichnung von „fact news“. Was sollte an den „fact news“ schwierig sein? In dem Gegenüber zu den Verschwörungstheorien ist scheinbar klar, was gemeint ist. Zugleich aber verselbstständigt sich die Rede von den „fact news“ und fällt dann auf eine gefährliche Weise hinter den aufklärerischen Standards zurück, die wir schon erlangt haben.

„Fact news“ werden oft mit der Stimme „der Wissenschaft“ identifiziert. Waren wir da nicht in der gesellschaftlichen Interpretation von Wissenschaften schon einmal viel weiter? Hier werden Identifizierungen vorgenommen, die auch den aufklärerischen Umgang mit den Wissenschaften in der Gesellschaft gefährden und die langfristig sehr negative Folgen auch für die Wissenschaften haben können.

1. Wissenschaften produzieren nicht einfach Fakten

Es gehört zu den grundlegenden Standards der Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts, dass die Wissenschaften als ein offener Forschungsprozess zu beschreiben sind. „Fakten“ sind immer Teil einer Theorie, die jederzeit problematisiert werden kann. Die Auszeichnung wissenschaftlicher Theorien gegenüber Verschwörungstheorien ist es ja gerade, dass sie sich kritischen Nachfragen stellen müssen, dass sie falsifizierbar sind. Keine Theorie steht einfach für die Wahrheit. Natürlich gibt es eine Vielzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse, die nach menschlichem Ermessen kaum revidiert werden können. Wer sie kritisiert, muss schon sehr, sehr gute Argumente haben. Man darf in keiner Weise leichtfertig mit dem Erreichten umgehen. Aber keine Theorie ist unumstößlich. Das ist auch eine Lehre aus der Entwicklung der Wissenschaften im 20. Jahrhundert.

2. Die Stellung der Wissenschaft in der Gesellschaft ist nicht die einer Wahrheitsagentur

Hier muss man sich am stärksten wundern. Es gehörte zu dem Grundbestand jeder progressiven, gesellschaftskritischen Theorie vor wenigen Jahrzehnten, einer positivistischen Rede von den „wissenschaftlichen Fakten“ zu wehren. Damals hätte es einen Aufschrei gegeben, hätte jemand eine gesellschaftliche Position mit unumstößlichen wissenschaftlichen Fakten untermauern wollen. Doch die Positivismus Debatte scheint vergessen, heute redet, wer modern sein will und etwas auf sich hält, von den unbestreitbaren Fakten der Wissenschaft. Die Wissenschaften erscheinen als Wahrheitsagentur innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses. Das ist äußerst heikel. Einerseits, weil wissenschaftliche Forschung sich auch irren kann, etwa auch die beste Virologie. Zum anderen sind „wissenschaftliche Wahrheiten“ IN den gesellschaftlichen Verhältnissen IMMER gedeutete Aussagen. Schon gar sind Folgerungen, die man aus wissenschaftlichen Erkenntnissen zieht, Deutungen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich in der Öffentlichkeit äußern und für sich in Anspruch nehmen, DIE Stimme der Wissenschaft zu sein, bewegen sich auf dünnem Eis. Dem mahnenden Ausruf von Thea Dorn an öffentlich auftretende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf zeitonline ist deshalb sehr zuzustimmen: „Nicht predigen sollt ihr, sondern forschen!“ Man muss ergänzen: Und auch öffentlich von der Forschung reden, aber nicht im Habitus der Wissenden, sondern der Forschenden!

3. Der problemtatische Singular „Wissenschaft“

Auf die Spitze getrieben wird diese Entwicklung immer dann, wenn nur noch von dem Singular „Wissenschaft“ die Rede ist: „die Wissenschaft sagt,…“, „wir sollten auf die Wissenschaft hören…“, „die Wissenschaft hat da eine klare Position“. Hier ist der Schritt zur Ideologisierung einer vermeintlich Wahrheit sprechenden Instanz mit Namen „Wissenschaft“ nicht mehr fern. Mit der wissenschaftlichen Forschung hat das nur noch begrenzt zu tun. Die Wissenschaft als Instanz ist immer wieder missbraucht worden. So hat man sich in den finsteren Zeiten der UDSSR auf die Wissenschaft berufen, um parteipolitische Positionen abzusichern. So hat man im 19. Jahrhundert rassistische Positionen mit der Wissenschaft (damals die beginnende Evolutionsforschung) abzusichern versucht. Das hohe Gut der Wissenschaften bestehtaber darin, dass es hier keinen Singular gibt, sondern eine offene Gemeinschaft von selbstkritischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Es gibt in der Summe also viele Gründe, warum man die Rede von den „fact news“ und „DER Wissenschaft“ für sehr problematisch halten sollte. Die Wissenschaften waren darin unschlagbar stark, dass sie einen selbstkritischen Erkenntnisprozess organisiert und in Bewegung gehalten haben. Hoffen wir, dass das auch die künftigen gesellschaftlichen Verhältnisse diese Bewegung weiter unterstützen!

Zur Fragilität sozialer Verbundenheit: das Beispiel Fußballbundesliga

Die Corona Krise öffnet die Augen, viele sehen manche der  gesellschaftlichen Bedingungen klarer, unter denen wir leben. Das gilt zum Beispiel für den Profifußball. Die Bundesliga nimmt ihre Spiele nach der Zwangspause des Lockdowns wieder auf, der Betrieb geht weiter. Diese Nachricht ist für viele ein Grund zur Freude und doch zeigte die öffentliche Diskussion im Vorfeld, dass das Geschehen vor allem auch einem ökonomischen Kalkül folgt. Funktionäre großer Vereine haben in den Wochen zuvor die Alarmglocke geschlagen: Wenn die Spiele nicht mehr weiter gehen, stehen schnell einige Vereine am Rande des finanziellen Abgrunds. Die aktuelle Saison wird also nicht vorzeitig beendet, sondern fortgeführt. Wie sehr dies einem ökonomischen Imperativ folgt, zeigt sich auch in den Kommentaren, dass nun der deutsche Fußball besondere, ja weltweite Beachtung findet. Die Marke Bundesliga gewinnt an Bedeutung unter den großen nationalen Ligen. Das heißt: Die Marktanteile für die Fernsehübertragungen können deutlich vergrößert werden, der Fernsehsender, der die Vermarktungsrechte in der Hand hat, zeigt sich zufrieden.

Geisterspiele können die soziale Verbundenheit nicht herstellen

Johannes Schneider kommentierte  auf ZEIT ONLINE am 17.5., dass diesem Fußball sichtbar etwas Entscheidendes fehle. Das Spiel ist nicht mehr länger eine kollektive Erfahrung. Profifußballer spielen auf dem Platz nach wie vor mit athletischem Körpereinsatz, sie zeigen ihre technischen Künste, es gibt schöne Spielzüge, aber es bleibt eine Form der Präsentation. „Artistik war schon immer eine eher hohle Form von Virtuosität, und Virtuosität war seit jeher eine hohle Form des Kulturschaffens. Mehr aber haben die Geisterspiele, ohne die kollektive Konstitution von Bedeutung, offenbar nicht zu bieten.“

Fußball ist ein kollektives Geschehen, das sich nicht nur auf die aktiv Spielenden beschränkt. Das Spiel verbindet die Spielenden auf dem Platz mit den Zuschauenden im Stadion. In dieser Ausnahmesituation zeigt sich deutlich: Diese Form sozialer Verbundenheit ist fragil. Schneider: „Und während es seltsam unbegründet blieb, warum das irgendjemanden stärker interessieren sollte als die inneren Zwänge anderer Wirtschaftszweige, konnte man sich durchaus fragen, was einen mit diesen Gesellen eigentlich verbindet. Und ob einen jemals wieder etwas mit ihnen verbinden sollte.“

Soziale Verbundenheit gestaltet sich in der Aktivität vieler

Soziale Verbundenheit muss sich immer wieder aktualisieren. Nun waren auch in den Spielen vor der Corona Zeit nur ein Bruchteil der Fans tatsächlich im Stadion. Die Fans vor Ort waren aber so etwas wie die Stellvertreter für all jene, die nicht im Stadion sein konnten, sich aber dem Verein zugehörig fühlten. Die vielen tausend Fans, die lautstark mitfieberten, garantierten die Authentizität der Gefühle, sie agierten stellvertretend für ein größeres kollektives Ereignis.

Zeigen die Geisterspiele, dass das Geschäftsmodell Fußball Vorrang hat vor der Verbundenheit mit den Fans hat? Der Fanforscher Jonas Gabler hat auf die bedeutende Rolle der organisierten Fangruppen, der Ultras, hingewiesen. Sie sehen sich aber als Teil des Geschehens, nicht nur als Konsumenten eines professionell gestalteten Produkts. Die Fangruppen der Ultras unterstützen ihre Fußballvereine nach Kräften und verstehen sich doch auch als ein kritisches Gegenüber zu ihnen. Schon vor Corona haben sich in der Fanszene des deutschen Profifußballs deutliche Risse gezeigt. Die Diskussionen waren mit der polarisierenden Person des Fußballmäzens Dietmar Hopp verbunden, eine Auseinandersetzung, die wohl vor allem die Funktion eines Blitzableiters hat. An der Person von Hopp haben die Ultras auch deutlich zu machen versucht, dass sie große Zweifel gegenüber einem Fußball haben, der vor allem auf das große Geld ausgerichtet ist.

Fußball zwischen sozialem Geschehen und Geschäftsinteressen

Die Corona Krise macht viele gesellschaftliche Verhältnisse deutlicher. Das gilt auch für den Profifußball der Bundesliga. Die Logik des hoch kapitalisierten Unternehmens kann die  Erwartungen nach sozialer Verbundenheit, die viele Fans mit ihrer Mannschaft leben wollen, nicht aus eigener Kraft erfüllen. Interessant wird sein, ob und wie hier ein Weg zurück gefunden wird.

„Mein Leib für Dich gegeben“ auch auf digitalem Wege? Zur Diskussion um die digitale Vermittlung beim Abendmahl

Durch die Corona Pandemie ist eine lebhafte Diskussion um die Praxis der Feier des Abendmahls entstanden. Kann man das Abendmahl auch digital feiern? Kann das folgende Szenario ein Abendmahl genannt werden: Jemand steht oder sitzt vor einem Rechner mit Kamera, spricht die Einsetzungsworte über Brot und Wein, Ton und Bild werden an einen anderen Ort übertragen, zu einem Bildschirm, vor dem jemand, ebenfalls mit Brot und Wein ausgestattet, nach den Einsetzungsworten davon isst und trinkt?

Die zentrale Frage

Eine zentrale Frage lautet: Hängt die Möglichkeit einer Abendmahlfeier an der räumlichen und zeitlichen Einheit oder können diese durch die digitalen Medien aufgelöst, zumindest gelockert werden? Die Frage nach einer angemessenen Feier des Abendmahls ist nicht nebensächlich, das Sakrament gehört zu den zentralen gottesdienstlichen Vollzügen der christlichen Gemeinde. Ich plädiere in einem Beitrag, der auf der Internetseite 2komma42.de veröffentlicht ist, dafür, dass das Abendmahl nicht auf die geschildete Weise durchgeführt werden sollte.

Die Bedeutung unserer materiellen Existenz

Im Zentrum des christlichen Glaubens steht die Aussage, dass Gott Mensch wurde. Gott ist in einem Menschen mit „Haut und Haar“ inkarniert. Das hat eine große Bedeutung für die Interpretation von „Haut und Haar“, also für das Verständnis der menschlichen leiblichen Existenz, sie wird auf unschätzbare Weise aufgewertet. Es ist deshalb aus theologischer Perspektive in keiner Weise nebensächlich, dass wir auf die materiellen Bedingungen des Lebens angewiesen sind.

Was also machen wir, wenn wir in dieser durch Klimawandel und Corona Krise gezeichneten Situation als feiernde christliche Gemeinde danach streben, im liturgischen Vollzug von der körperlichen Präsenz möglichst unabhängig zu werden? Müssten wir nicht vielmehr sagen, dass wir mitleiden, dass der Leib Christi auch im Abendmahl von den materiellen Bedingungen betroffen ist?

Die christliche Gemeinschaft bezeugt sich auch in der materiellen Gabe

Eine mediale Vermittlung zwischen einzelnen Menschen über Fernsehen, Video, digitale Medien kann die materielle Bedingtheit der Gemeinschaft nicht in gleicher Weise bezeugen. Hier nimmt jede und jeder selbst von dem Brot, das sie oder er sich selbst bereit gelegt hat. Das Empfangen der materiellen Gabe wird nicht erfahrbar. Auch digitale Medien vermitteln Gemeinschaft, aber eben auf andere Weise. Das Spezifische des Abendmahls, die Bedeutung der materiellen Grundlage der Existenz und der Gemeinschaft, aber auch der Inkarnation Gottes kommt aber nicht ausreichend zur Geltung.

Wer in die Diskussion einsteigen möchte: Eine ausführlichere Version dieser Argumentation findet sich auf der Internetseite 2komma42.de auf der die Evangelische Akademie im Rheinland ihr Jahresprojekt zur christlichen Existenz in den digitalen Medien dokumentieren.

Wer trägt die Schuld? Eine Warnung in der Corona Krise

Die Verhältnisse ändern sich in dieser Zeit rasend. Wir lernen Tag für Tag unsere Welt neu kennen. Das, was vertraut schien, wirkt mit einem Mal fremd, das, was sicher schien, ist in Gefahr. Alle spüren, dass sich etwas Grundlegendes ändert, etwas, das langfristige Wirkungen für das eigene Leben, aber auch für das Zusammenleben haben kann. Das größte Problem unserer Zeit ist nicht die aktuelle Not, sondern, dass wir inmitten in dieser Krise um das Corona Virus nicht wissen, wie es in der Zukunft weiter geht. Die Verunsicherung ist grundlegend: Ist die Gegenwart eine Ausnahmesituation, die in wenigen Wochen beendet ist? Setzt hier eine Leidenszeit an, die uns das kommende Jahr oder auch darüber hinaus begleiten wird? Soeben (17. März) hat das Robert Koch Institut angedeutet, dass die Corona Krise sogar noch zwei Jahre dauern kann. Angesichts der dramatischen wirtschaftlichen Bedeutung verheißt das für die absehbare Zukunft nichts Gutes. (Eine theologische Einordnung der Situation von Andreas Losch findet sich hier)

Das Bedürfnis nach Klarheit

Die Unklarheit und die Ungewissheit werden uns noch einige Zeit begleiten. In dieser Zeit entsteht ein starkes Bedürfnis, die Dinge zu deuten und sie so in den Griff zu bekommen. Das, was man benennen kann, was man deuten kann, ist auch potentiell beherrschbar. Klare Ursachenzusammenhänge und klare Wirkungszusammenhänge schaffen Orientierung. Sie bieten die Grundlage für Vertrauen. Nicht zuletzt sind deshalb in Krisenzeiten jene Politikerinnen und Politiker beliebt, die klare Ansagen machen. Man kann beobachten, dass diese Aussagen von Tag zu Tag dramatischer werden: „Wir sind im Krieg“ (Macron), „Es geht um Leben und Tod (Laschet). Ob diese Tendenz hilfreich ist? Die Grenze zur unnötigen Dramatisierung ist schnell überschritten. Dennoch wirken diese Aussagen, sie brauchen nicht positiv sein, aber sie erscheinen in ihrer Eindeutigkeit als etwas, auf das man vertrauen kann. Dieser Reflex ist natürlich, kann aber politisch sehr heikel sein. Krisenzeiten sind auch solche, in denen politische Autorität auf unangemessene Weise Macht gewinnen kann.

Schuldzuschreibung als scheinbare Klärung

Eine weitere Strategie, Orientierung zu gewinnen, ist die Schuld-Frage zu stellen. Wenn nun eine solch große Krise über uns kommt, wer trägt die Schuld? Wenn man die Schuldige, den Schuldigen ausmachen kann, ist wiederum etwas mehr Klarheit gewonnen. Diese Strategie ist in der Vergangenheit immer und immer wieder auf desaströse Weise missbraucht worden. Schuld hat immer der Gegner, der Feind, der andere. Und so deutet es sich heute auch wieder an. Wir leben zwar im 21. Jahrhundert, die Reflexe sind aber auch heute genauso wie in früheren Zeiten. Die chinesische Regierung legt nahe, dass das Virus möglicherweise von einem US-amerikanischen Bürger in das Land gebracht worden sei. Der amerikanische Präsident redet von einem „ausländischen“ Virus. Die deutsche Regierung verbietet heute Flüge von China nach Deutschland, heute, wo mehr aktuell Infizierte in Europa leben als in China. In Italien wird breit darüber diskutiert, ob der wichtige Patient „0“, der das Virus nach Italien gebracht hat, aus Bayern stammt. Die polnische Regierung schottet sich gegenüber den Deutschen ebenso ab wie die deutsche Regierung gegenüber den Franzosen aus dem Elsass.

Man ahnt, wie die Diskussion weiter gehen kann. Wenn die Schäden steigen, wird der Reflex eher größer werden als kleiner. Das hat auf die Dauer eine desaströse Wirkung auf die internationalen Verbindungen. Vorwürfe, die hin und wieder erklingen, sind nicht entscheidend. Entscheidend ist die Bereitschaft, nach einem Schuldigen zu suchen. Nüchtern betrachtet wird man wohl von einer Verkettung unglücklicher Umstände, von einer multifaktoriellen Entwicklung reden müssen. Doch das will in Krisenzeiten kaum noch jemand wissen. Denn es hieße, sich mit dem eigenen Anteil an der Entwicklung auseinander zu setzen.

Ist die Krise ein Strafgericht Gottes?

Es gibt auch eine religiöse Variante der Schuldzuschreibung. Dann ist Gott der Verursacher, die Virus Krise ist dann so etwas wie eine Strafe für Fehlverhalten. Schuldig sind jene Menschen, die von dem rechten Weg abgekommen sind. Diese Interpretation ist ebenso problematisch, wie der Versuch, den Schuldigen bei fremden Mächten zu suchen. Doch darüber hinaus ist dieser Versuch, die Sünder zu identifizieren, die die Ursache der Krise sind, theologisch falsch. In der Rede von Gott spielt es eine entscheidende Rolle, wie man selbst auf die Sache schaut. Wer selbst betroffen ist und die Widerfahrnisse auf seine Beziehung zu Gott reflektiert, tut etwas, was jeder religiöse Mensch in der einen oder anderen Weise immer tut: Man steht vor Gott, kann sein Anliegen zum Ausdruck bringen, in Bitten, Klagen, im Dank. Aber dann hat man keinen Zugang zu einem Masterplan, man kann nicht die Perspektive Gottes einnehmen. Himmelweit davon entfernt aber ist es, scheinbar „objektiv“, „neutral“ auf das Geschehen zu blicken, in gewisser Weise Gott über die Schulter zu schauen. Das ist verbunden mit der Haltung, mindestens so viel zu wissen wie Gott. Diese Haltung steht uns Menschen aber in keiner Weise zu, weil wir allesamt endliche Wesen sind, die manches verstehen, vieles aber eben auch nicht. Wir sind mitten in den Geschehnissen, wir haben keinen Überblick. Es ist wie in der Politik: Wer sich anmaßt, den Überblick zu haben, überschreitet Grenzen. In religiösen Fragen ist die Überschreitung in gewisser Weise noch schlimmer: Wer in dieser Haltung auf die Geschehnisse der Welt blickt, spricht sich eine göttliche Weitsicht zu, kennt Gut und Böse und kann die Schuldigen genau ausmachen. Christlich ist eine solche Haltung nicht.

Resilienz durch Erfahrungen der Verbundenheit

Was bleibt? Wir müssen gerade auch in Krisenzeiten aushalten, dass wir nicht den Überblick haben. Kein Mensch kann vorhersehen, wie es weiter geht. Das gilt für die Verheißungspropheten ebenso wie für die Untergangspropheten. Das gilt besonders für diejenigen, die irgendwo die Schuldigen suchen. Mit Sicherheit gibt es viele Faktoren, die die Entwicklung befördert haben. Schuldzuweisungen versprechen nur eine vorläufige und nur eine scheinbare Sicherheit. Vielmehr kommt es darauf an, den Blick nach vorne zu richten: Wer kann was tun, um die Krise zu mildern. Christinnen und Christen können in Klage und Bitte und auch im Dank für die Dinge, die uns trotz allem geschenkt sind, reagieren. Sie maßen sich damit nicht an, Weltrichter zu spielen. Sie haben aber vielleicht die Fähigkeit, die schwierigen Situationen in dem Grundvertrauen zu durchstehen, dass sie auch in der Krise nicht allein sind. Die Verbundenheit zu Gott und damit auch die Verbundenheit zu den anderen Menschen bricht auch in einer Krise nicht ab. Sie ist gerade in der Krise einerseits eine Quelle der Beruhigung und der Bestätigung, sie ist andererseits auch immer eine Aufforderung, sich für das Menschenmögliche, für jene Verbesserungen einzusetzen, die unsere Welt auch in schweren Zeiten lebenswerter machen!