„Große Transformation“ – aber nichts soll sich ändern?

Wo sind wir in der öffentlichen Diskussion?

Aktuell, Ende Oktober 2021 können wir auf einen monatelangen Bundestagswahlkampf und auf die ersten Schritte einer Regierungsbildung zurückblicken, die Ampel-Parteien haben ein gemeinsames Sondierungspapier verfasst, das die Grundlage künftiger Koalitionsverhandlungen bildet. Es bleibt bei aller Hoffnung auf einen Neuaufbruch ein zwiespältiger Gesamteindruck. Immer wieder ist von fast allen Akteuren betont worden, wie zentral das Thema des Klimawandels ist, dass dieses Thema die Politik der kommenden Jahre dominieren wird. Doch zugleich bleiben die Vorstellungen eigentümlich undeutlich, was eine solche Klimapolitik für die Menschen und ihre Lebensweise bedeutet.

Es geht nicht nur um Technik

Klar, die regenerativen Energien müssen ausgebaut werden, die Sanierungsrate der Gebäude muss ebenso deutlich erhöht werden wie der Anteil der E-Mobilität. Die politischen Akteure beschränken sich vor allem auf die Beschreibung des technischen Wandels. Doch wie ändert sich die Lebensweise? Wie werden wir in dem Zieljahr der CO2 Neutralität, also 2045, wohnen, wie wird unsere Mobilität aussehen, was werden wir kaufen, was werden wir essen? Das, was in der öffentlichen Diskussion fehlt, wird immer deutlicher: Es fehlen Bilder und Konkretionen eines kulturellen Wandels. Dabei sagen Expertinnen und Experten wie etwa Maja Göpel oder Uwe Schneidewind seit langer Zeit, dass technische Innovationen nicht reichen. Sonst droht der gefürchtete „Rebound“-Effekt, der die letzten Jahrzehnte dominierte. Die Motoren sind etwa viel effizienter geworden. Doch statt zu sparen wurden die Automobile größer und schwerer. Die Wohnungen sind besser gedämmt. Doch auch dieser Effekt wurde durch größere Wohnflächen zunichte gemacht.

Doppelte Entkoppelung – eine kulturelle Transformation ist unverzichtbar

Es braucht eine doppelte Entkoppelung, durch technische Alternativen und durch einen kulturellen Wandel. Davon aber war im Wahlkampf fast nicht die Rede. Diese Lücke ist kein politisches oder gar moralisches Versagen der Akteure, vielmehr zeigt sich hier eine grundlegende Grenze des politischen Systems. Starke Impulse zu einem tiefgreifenden kulturellen Wandel sind von hier kaum zu erwarten. Der kulturelle Wandel kann nur gelingen, wenn viele Akteure der Zivilgesellschaft sich beteiligen.

Das „weiter, größer, schneller“ beenden

Diese Aufgabe ist riesig, die Veränderungen werden von vielen nicht als Verbesserungen erkennbar sein werden. Denn jenseits alternativer Milieus hat sich in der Mehrheitsbevölkerung das kulturelle Muster eines „weiter, größer, schneller“ über eine sehr lange Zeit verfestigt: Eine Reise ist besser, wenn sie in ferne Länder führt, eine Wohnung ist besser, wenn sie größer ist, ein Auto ist besser, wenn es schneller ist. Die Kraft dieser kulturellen Prägung darf nicht unterschätzt werden. Hier liegt wohl die größte gesellschaftliche Herausforderung der kommenden Jahre. Es geht nicht nur darum, alternative Technologien zu entwickeln und klug auszubauen, es geht auch darum, eine Kultur des „weiter, größer, schneller“ durch eine alternative zu ersetzen. Und da sind wir, das zeigt das Schweigen im Bundestagswahlkampf der letzten Monate, noch ganz am Anfang!  

Eine eigentümliche Kraft der Gegenwart: die Hoffnung

Handeln in Zeiten der Unsicherheit

Wie auch immer die Bundestagswahl ausgehen wird, den meisten ist klar, dass sich die Verhältnisse tiefgreifend ändern müssen, wenn die Klimaziele auch nur annähernd erreicht werden sollen. Wir durchleben eine Zeit der Unsicherheit, in der entscheidende Fragen, die alle spüren, von den politischen Akteuren nicht angesprochen werden. Was kann bleiben von unserer Lebensweise, was muss sich ändern? Es ist nicht von ungefähr, dass in dieser letzten Phase des Wahlkampfes das Thema der sozialen Sicherheit nach oben schnellt.

In Zeiten der Unsicherheit ist Zuversicht vonnöten, die Handeln ermöglicht. Diese Zuversicht ist von Hoffnung geprägt. Es ist nicht eine kleinmütige Hoffnung, die vermutet, dass es schon irgendwie gut ausgehen wird. Es ist vielmehr die Hoffnung, die auch bei einer schlechten Entwicklung nicht aufgibt, eine Beherztheit bei unklaren Bedingungen.

Wie kann man in Zeiten radikaler Unsicherheit handeln? Was ist Hoffnung? Manchmal kann man von Extremen lernen. Der amerikanische Philosoph Jonathan Lear hat sich in einem Buch intensiv mit dem Schicksal und der Geschichte des nordamerikanischen indigenen Volkes der Crow auseinandergesetzt. Dieses Volk durchlebte durch die Zuweisung in ein Reservat eine Zeit massiver kultureller Zerstörung. Doch dem stand eine radikale Hoffnung entgegen. Das Buch von Lear hat den Titel „Radikale Hoffnung. Ethik im Angesicht kultureller Zerstörung“. Es schildert eine Form extremer Verletzlichkeit und enthält doch auch darüber hinaus Lehren für alle Zeiten von kulturellem Wandel, von Unsicherheit.

Das Schicksal der Crow

Die Geschichte der Crow in den wichtigsten Zügen: Die Crow sind ein indigenes Volk Nordamerikas, das in den vergangenen Jahrhunderten in den Weiten der Prärie östlich der Rocky Mountains beheimatet war. Sie lebten nomadisch und konzentrierten sich vor allem auf die Büffeljagd. Das Volk, das über Generationen bekämpft wurde, waren die Sioux. Die Lebensweise war kriegerisch, junge Männer sollten sich im Kampf erweisen oder sterben.  Lear demonstriert das an der Sitte des „Coup“ Machens. Einen Coup machen bedeutete, eine Linie zu ziehen, die der Feind nur bei Verlust des eigenen Lebens überwinden soll. Der Tod in diesem Kampf war ehrenvoll. Über Jahrhunderte lebten die Crow so von Büffeljagd und zogen von einem Ort zum anderen. Es geht in der Darstellung Lears nicht um Romantik, nicht um die moralische Vorzüglichkeit einer naturorientierten Lebensweise. Aber es geht um die Selbstbestimmung eines Volkes und um seine kulturelle Verletzlichkeit.

„Danach ist nichts mehr geschehen.“

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts drangen immer mehr europäische Siedler in die Gegend vor. Über mehrere Stufen wurde das Land, in dem sich die Crow bewegen konnten, verkleinert, schließlich zogen sie in den 80er Jahren in ein Reservat. Der Häuptling, der sie dabei geleitet hat, war Plenty Coups. Er steht im Mittelpunkt der Beschreibungen von Jonathan Lear. Auf dessen Memoiren, die er in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts jemanden diktiert hatte, ist Lear aufmerksam geworden. Dort findet sich der zentrale Satz: „Danach ist nichts mehr geschehen.“ Der Satz beschreibt den Moment, als die Crow ins Reservat zogen. Er meint nicht, dass die Crow sich aufgaben oder in einer Depression versanken. Im Gegenteil, Plenty Coups hatte auch später ein hohes Ansehen in Washington DC, repräsentierte dort des Öfteren die indigene Bevölkerung und konnte mit einer geschickten Politik zugunsten seines Volkes intervenieren.

Lear geht es um etwas anderes: Was auch immer geschah, als die Crow in das Reservat zogen, als sie nicht mehr Büffel jagten, es war im Rahmen ihrer eigenen Traditionen und kulturellen Begriffe nicht darstellbar. Mit dem Einzug ins Reservat geschah ein radikaler Abbruch ihrer narrativen Traditionen. Es geht um die kulturelle Selbstbestimmung eines Volkes, die damals zerstört wurde. Im Kontext ihrer eigenen Erzählungen, die die Kämpfe mit den Sioux thematisierten oder die Jagd der Büffel oder tapfere Taten der Beharrung, Coup machen genannt, gab es keine Ausdrucksmöglichkeiten für ein sesshaftes Leben in gesicherten Verhältnissen. Ihre Begriffe und ihre Erzählungen konnten das nicht abbilden. Alles in allem erlitten die Crow durch die Übersiedlung in ein Reservat eine radikale kulturelle Zerstörung. Solch ein Abbruch führt nicht einfach zu dem Beginn von etwas Neuem, sondern zunächst zu einer Fassungs- und Ausdruckslosigkeit. „Danach ist nichts mehr geschehen.“

Menschliche Verletzbarkeit

Lear interpretiert diesen Abbruch über das Schicksal der Crow hinaus als eine fundamentale Erfahrung menschlicher Verletzlichkeit. Sie führt zu der Anerkennung der eigenen Verletzlichkeit, vor allem der Verletzlichkeit einer sozialen Gemeinschaft, einer Kultur, einer Zivilisation. Die Erfahrung, in einer scheinbar stabilen Kultur zu leben, ist immer von der Ahnung begleitet, dass diese Kultur auch ein Ende erleben kann. Lear bezieht sich auch auf die Naturkatastrophen, denen viele Menschen in unserer Zeit ausgesetzt sind.

Die radikale Hoffnung als Antwort

Radikale Hoffnung korrespondiert nach Lear mit diesem radikalen kulturellen Abbruch. Das Leben der Crow ging ja weiter. Obwohl Plenty Coups dafür keine Worte hatte, gab er sich und sein Volk nicht auf, sondern richtete sich auf eine unbekannte und unbestimmbare Zukunft aus. Entscheidend ist ein symbolischer Traum, den Plenty Coups hatte und der ihn aufforderte, sich auf Neues einzulassen. Der Traum handelt von einer Meise. Er sah sich aufgefordert, dem Unbekannten gut zuzuhören, so wie das eine Meise tut, um dann so handeln zu können, dass die eigenen Interessen gewahrt bleiben. Radikale Hoffnung ist eine Möglichkeit von Menschen in Ausnahmesituationen, im Angesicht eines radikalen kulturellen Abbruchs, eines großen Verlustes. Sie bezeichnet die Fähigkeit, über den Abbruch hinweg, sich auf das Unbekannte einzulassen. Hier ist kein Bezug auf eine objektive Welt, die Menschen stolpern in das Offene. Hier ist auch kein Sehnen auf eine bessere Zukunft, die beschreibbar wäre. Es geht vielmehr auch bei der radikalen Hoffnung vor allem um das Bestehen in der Gegenwart.

Radikale Hoffnung als Extrem einer allgemeinen Fähigkeit?

In einer Fußnote vergleicht Lear, der Jude ist, diesen Bruch mit der Zerstörung des Tempels durch die Römer 70 nach Christus.  Plenty Coups engagierte sich für die Lebensbedingungen seines Volkes und war darin sehr erfolgreich. Lear schließt mit dem Resümee: „Obwohl er also für eine neue Lebensweise der Crow eintrat, schöpfte der dabei auf lebendige Weise aus der Vergangenheit. Wie ich es daher sehe, spricht vieles dafür, dass Plenty Coups den Crow einen traditionellen Weg nach vorne eröffnet hat.“

Einen Weg nach vorne kann die so verstandene Hoffnung auch heute weisen. Natürlich ist alles, was wir erleben nur ein schwacher Reflex jener dramatischen Situation, die die Crow durchleben mussten. Und doch kann das Extrem ja vielleicht auf Kräfte weisen, die auch in Zeiten geringerer Unsicherheit gelten. Die Hoffnung ist dann eine Kraft der Gegenwart, die es möglich macht, sich auf eine unbekannte Zukunft einzulassen, die anders sein wird als das, was wir gewohnt waren und gewohnt sind. Die Hoffnung, das zeigen die Ausführungen von Lear zur radikalen Hoffnung, ist eine eigentümliche Kraft der Gegenwart

Der Fall Afghanistans – Zur Geschichtsdialektik des „Westens“

Das Ziel der US-amerikanischen Administration unter Joe Biden ist deutlich: am 9/11 des Jahres 2021 soll die eine und klare Botschaft gesendet werden: „Mission accomplished“ – der Einsatz in Afghanistan ist endlich beendet, es hat lange gedauert, 20 Jahre seit dem Anschlag auf das World Trade Center, doch nun ist diese Zeit beendet. Der „Westen“ (ein notwendigerweise unscharfer Begriff, im Kern die USA und die Staaten der EU) ist am 9/11 2001 in einer zuvor nicht dagewesenen Weise herausgefordert worden: Gut ein Jahrzehnt nach dem Niedergang des „Ostblocks“ meldete sich ein neuer Gegner mit weltweitem Anspruch, ein islamistischer Terrorismus. Alle, zumindest die, die diesen Tag als erwachsene Menschen erlebt haben, werden sich noch genau erinnern können, wie der Tag für sie ablief, was sie damals gemacht haben. Der Anschlag war von höchster Symbolkraft, die Folge ein kollektives Entsetzen und eine Ahnung, dass die Geschehnisse langfristige Folgen haben werden.

Die geplante Botschaft, die gesendete Botschaft

Der Abzug der ausländischen Militärkontingente aus Afghanistan sollte nun diese Zeit, in der gegen den weltweiten Terrorismus gekämpft werden musste, besiegeln. Die Botschaft, die für die Gedenkfeier des 9/11 2021 geplant war: Der Angriff und die Reaktionen darauf sind nun endlich Vergangenheit. Doch die Geschichte verhält sich nicht selten dialektisch. Das Gegenteil von dem Geplanten ist eingetreten: Statt der Botschaft, dass etwas aufhört, liegt nun der Akzent auf dem Beginn einer neuen Ära. Diese Ära ist geprägt durch den für alle erkennbaren Abkehr des „Westens“ von einer weltpolitischen Agenda.

Bilder mit Symbolkraft

Wieder sind Bilder von sehr großer Symbolkraft entstanden. Dieses Mal sind es die Bilder von verzweifelten Menschen, die neben einer startenden US Militärmaschine laufen und sich sogar an sie hängen. Nachweislich sind bei dieser Aktion einige dieser Menschen gestorben. Der von den USA geführte internationale Militärkoalition flieht Hals über Kopf, unter chaotischen Umständen, ohne Rücksicht auf menschliche Opfer. Diese Opfer sind weit zahlreicher als die Menschen auf der Rollbahn. Es sind all jene Afghaninnen und Afghanen, die in den letzten 20 Jahren sich auf die Orientierung des „Westens“ eingelassen haben. Der „Westen“ macht sich auf und davon.

Der Rückzug des „Westens“

Das ist ein Bild mit großer Prägekraft für die kommenden Jahre. Die Bewegung ist erst einmal irreversibel, der „Westen“ zieht sich zurück. Das gilt für die USA, deren politische Akteure kaum noch die Kraft aufbringen werden, zu Interventionen aufzurufen. Zu groß sind die Klüfte und Konflikte in der eigenen Gesellschaft. Das gilt aber auch für Europa, das fast keine Interventionsmacht hat und auch nicht in der Lage wäre, sie politisch durchzusetzen. Der Umgang mit Weißrussland spricht da Bände: Monatelang gibt es dramatische Proteste auf den Straßen Weißrusslands gegen den Diktator Lukaschenko vor der Tür der EU. Die Reaktionen aus der EU waren die einen oder anderen mehr oder weniger wirksamen Sanktionen. Eigentlich hätte die EU Russland konfrontieren müssen, doch stattdessen wird North Stream 2 fertig gestellt.

Ist der Rückzug des „Westens“ zu bedauern? Die Bilder, die uns aus den Ländern Syrien, Irak, Libyen erreichen, zeigen klar, wie desaströs, wie zerstörerisch die Interventionen des „Westens“ in diesen Ländern war.  Der „Westen“ hat hier eine Spur der Verwüstung hinterlassen, instabile Länder, bei denen nach wie vor vollkommen unklar ist, wie die dort lebenden Menschen eine langfristig gute Perspektive aufbauen sollen. Afghanistan war da, zumindest auf erstem Blick, ein wenig anders. Aber auch das ist jetzt aus und vorbei.

Andeutungen einer neuen Ära

Wenn man nun den Blick weitet, zeigt sich die Tragweite des Geschehens in Afghanistan und die Vorzeichen der neuen Ära. Denn zugleich haben sich in den letzten Jahrzehnten in vielen Ländern autokratische Regierungen fest installiert, allen voran China, Russland, Türkei, Iran. Diese Länder sind durchaus interventionsfreudig: Russland und die Türkei haben den Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien unter sich ausgemacht, ebenso den Konflikt in Syrien, den Konflikt in Libyen. China baut seinen Einfluss mit dem Projekt der Seidenstraße über Kontinente hinweg konsequent aus, in Afrika ist es in vielen Ländern präsent. Der Iran baut an einer Brücke in die arabischen Staaten hinein, vor allem auch mit dem Ziel der Bedrohung Israels.

Unter diesen Bedingungen wächst die Bedeutung der Bilder aus Afghanistan. War seit den 90er Jahren der „Westen“ die unumstrittene Führungsformation in der Welt, so hat sie diese Rolle nun abgegeben. Was entsteht nun?

Eine postkoloniale Welt

Erste Konturen werden langsam sichtbar: Die USA und Europa werden eher zu Zuschauern der Geschehnisse in der Welt. Wirtschaftliche Sanktionen stehen ihnen noch hier und da zur Verfügung (siehe Weißrussland), aber die Geschehnisse bestimmen andere. Das zeigte sich zum Beispiel in der Libyen-Konferenz 2020 in Berlin. Während auf großer Bühne die Nationen verhandelten, machten in einem Nebenraum Russland und die Türkei die Sache unter sich aus. Das verhandelte Waffenembargo war so anschließend kaum durchzusetzen. Seine Wirtschaftsmacht wird dem„Westen“ in geopolitischen Entscheidungen nur begrenzt hilfreich sein. In Afghanistan verhandeln Russland und China mit den neuen Machthabern. China wappnet sich vor Sanktionen durch eine zunehmende Autarkie. Am Horizont deutet sich so eine noch weitergehende Zäsur an. Die kommende Zeit wird wirklich eine postkoloniale Zeit sein, der weltweit dominierende Einfluss der europäischen Länder und der USA, der aus dem Europa-dominierten 19. Jahrhundert stammt, ist zu Beginn des 21. Jahrhunderts endgültig Geschichte.

Wann ändern wir unser Verhalten wegen der Klimakrise?

Es ist schon komisch: Auf der einen Seite sind viele Menschen für die Problem der Klimakrise ansprechbar. Die Umfragen zeigen in dieser Wahlkampfzeit, wie wichtig das Thema sehr vielen Menschen ist. Unter den Sorgen und Nöten rangiert es auf Platz 1 vor Wirtschaftskrise oder Terrorismus oder anderen Gefahren. Besonders erstaunlich ist der Befund, weil die Umfragen auch im Frühjahr schon dieses Ergebnis hatten, einem Frühjahr, das bis zum Juni das Wetter doch eher kühl und nass war. Es handelt sich also hierbei keine kurzfristige Reaktion auf aktuelle Entwicklungen und Wetterphänomene. Lesson learned, könnte man sagen, es ist den Menschen klar, welche Belastungen auf die Welt zukommen.

Die energieintensive Normalität

Und doch gibt es da den ganz anderen Befund: Nach der Corona Krise strebt alles wieder zurück zur alten Normalität. Die Flüge an die südlichen Urlaubsorte sind schnell ausgebucht. Die Kreuzfahrtschiffe fahren wieder. Die Automobilkonzerne melden sehr schnell ansteigende Verkaufszahlen. Ja, unter diesen Autos sind auch solche mit Elektroantrieben, doch ist der Verkaufsanteil immer noch gering. Es gibt keine Abkehr von den SUVs. Um einen Eindruck zu gewinnen, reicht es, die vielfältigen Anzeigen der Automobilkonzerne zu beobachten: Größe, Schwere, Stärke überwiegen, gerne dann auch mit einem E-Antrieb.

Ein Blick zurück: Klimadiskussionen in den letzten 30 Jahren

Auf einen zweiten Blick ist das alles andere als überraschend. Denn das ist genau das, was nach 30 Jahren gesellschaftsweiter Klimadiskussion seit der Rio Konferenz 1992 zu erwarten ist. Denn was ist in dieser Zeit geschehen? In einer Hinsicht sehr viel. Das Thema hat die Schlagzeilen seitdem nicht wieder verlassen. Es haben sich viele zivilgesellschaftliche Organisationen und Gruppierungen gebildet, die immer wieder Initiativen zu dem großen Thema des Klimawandels in die öffentliche Diskussion einbringen.

Nachdem 1998 die Regierung von einem rot-grünen Bündnis gestellt wurde, sind etliche Gesetze erlassen worden, die regenerative Energien förderten und den Verbrauch von CO2 reduzierten, allem voran das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Auch von der europäischen Ebene kamen etliche Initiativen, etwa die Auszeichnung energiesparender Haushalttechnologien, wie etwa der Abkehr von der klassischen Glühbirne. Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Verbesserungen beim Bau neuer Häuser, die nun deutlich bessere Dämmwerte hatten als alte Häuser. Dieser Liste lässt sich leicht noch vieles hinzufügen. Es hat sich also etwas getan, der in Deutschland produzierte Strom kam 2020 zu 50 % aus regenerativen Quellen (allerdings macht der Strommarkt etwa 20 % des Endenergieverbrauchs aus).

Unser Energie-Hunger bleibt konstant

Und nun zu der großen Schattenseite der Entwicklung. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Das Verhalten der Menschen hat sich nicht geändert. Im Gegenteil, die Effizienzgewinne durch bessere Technologien sind aufgehoben worden durch kontraproduktive Entwicklungen im Verhalten. Es ist genau die Zeitspanne der letzten 30 Jahre, dass die neue schwere und große Automobilform populär wurde, das SUV. Es ist ebenso diese Zeitspanne, in der die Zahl der Flugreisen massiv zugenommen hat. Der Endenergieverbrauch in Deutschland liegt seit vielen Jahren relativ konstant bei 2500 TWh.

Um einem naheliegenden Einwand aufzunehmen:  Natürlich haben sich in der Zeit viele Menschen auch in ihrem Verhalten angepasst, fahren mehr Fahrrad, nutzen öffentliche Verkehrsmittel, ernähren sich vegan, nutzen selten das Flugzeug, verzichten auf ein Automobil oder nutzen Car-Sharing, kaufen biologische und ökologische Produkte, konsumieren verpackungsfrei, haben die Häuser gedämmt und Wärmepumpen sowie Solaranlagen installiert. Natürlich gibt es viele, die seit langer Zeit für deutliche Verhaltensänderungen kämpfen. Jedoch, und das ist die Bilanz heute: Diese Bewegungen haben bislang keine gesellschaftsweite Resonanz ausgelöst. Es gab und gibt sie parallel zu den anderen, oben genannten Entwicklungen. Wären sie erfolgreicher gewesen, wäre der Endenergieverbrauch der ganzen Gesellschaft gesunken. Der blieb aber stabil.

Wann ändern wir in der Breite der Gesellschaft unser Verhalten?

Hier ist auch die Achillesferse vieler Klimadiskussionen: Schaut man in die Studien, die den Wandel zu einer nachhaltigen und CO2 neutralen Welt analysieren, fällt die kulturelle Seite, die Frage der Verhaltensänderung fast komplett aus oder ist in verschwiegenen Annahmen versteckt. (wenn etwa eine geringere Energie für die Mobilität angesetzt wird, weil die Autoren unausgesprochen annehmen, dass sie im Umfang abnimmt).

Das, was wir vor uns haben, ist ein fast vollständiger Wechsel der Energiegrundlage einer komplexen Gesellschaft. Das Vorhaben ist aber viel zu groß, als dass es denkbar wäre, das ließe sich durch technische Lösungen in wenigen Jahrzehnten erzielen, ohne dass wir unsere Lebensweise anpassen müssten.

Uwe Schneidewind hat in seinem Buch „Die große Transformation“ das Problem offen angesprochen. Es geht immer auch um einen kulturellen Wandel, wenn wir eine CO2 neutrale Gesellschaft anstreben. Die Resonanz darauf ist bislang überschaubar. Nach 30 Jahren gesellschaftlicher Klimadiskussion muss leider das Fazit lauten: Die Diskussion in relevanten und zentralen kulturellen Fragen hat gerade erst begonnen.

Kann Wissen gefährlich sein für die Demokratie?

Dieser Frage geht der Soziologe Alexander Bogner in einem schmalen Reklam Bändchen „Die Epistemisierung des Politischen“ nach (Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet. Stuttgart 2021) Bogner beschreibt aktuelle wissenschaftliche Interventionen in politische Debatten, die allen vor Augen sind: EpidemiologInnen und VirologInnen in der Corona Krise, MeteorologInnen, OzeanographInnen, PhysikerInnen in der Klimaforschung. Für ein angemessenes Handeln in einer Krise ist wissenschaftliches Wissen unumgänglich, das betont auch Bogner. Zugleich ist er aber in keiner Weise glücklich mit dem großen Einfluss wissenschaftlicher Expertise, wenn sie den politischen Entscheidungsprozess überflüssig zu machen scheint, getreu dem Motto: There is no alternative.

Der Positivismus Streit

Bogner erinnert dabei auch an die alte Szientismus Debatte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, den so genannten Positivismus Streit. Damals war es geradezu ein Kennzeichen progressiver Positionen, wissenschaftskritisch zu sein. Denn die Wissenschaft, die unter das Label „Positivismus“ gefasst wurde, so der Vorwurf, produziert ein opakes Weltbild, das keine Alternativen kennt.  Wer jedoch für gesellschaftliche Alternativen eintritt, muss die Fixierung auf Empirie und Fakten durchbrechen. Eine Gesellschaft von morgen ist möglich, wenn man auch andere Quellen als die empirischen Wissenschaften hinzuzieht. Die Protagonisten auf der gesellschaftskritischen Seite waren etwa Adorno und Habermas, aufseiten der Wissenschaftsverfechter Karl Popper und Hans Albert. Ein Widerschein dieser Debatten zeigte sich auch in den späteren Schriften von Habermas, etwa, wenn er von der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ durch die gesellschaftlichen Systeme sprach, zu denen auch die Wissenschaften gehören.

Aber: Vorsicht vor den Aufklärungsgegnern

Doch heute ist es nicht mehr so ganz einfach, mit diesem Problem umzugehen, das ist auch Bogner klar. Denn wissenschaftliche Expertise in aktuellen Debatten abzulehnen, würde bedeuten, Tür und Tor allen möglichen Phantasten zu öffnen, heißen sie nun Corona Leugner, Klimaleugner, Impfgegner oder Verschwörungstheoretiker. Bogner hebt auch deutlich hervor, dass es in diesem Ringen um wissenschaftliche Expertise auch organisierte Gegenaufklärer gibt, wie das Cato Institute in den USA oder das Medienimperium von Robert Murdoch. Wer alle scheinbaren „Wahrheiten“ zulässt, landet im „epistemischen Tribalismus“ (118)

Fact-fake Unterscheidungen sind eingängig, aber zu simpel

Und doch ist es das Verdienst von Bogner, einmal mit Nachdruck auf die Problematik von wissenschaftlich abgesichertem Wissen in politischen Debatten einzugehen und nicht voreilig sie allein den Wissenschaftsgegnern in die Schuhe zu schieben. So fragt er provokativ in Hinsicht auf eine aktuelle Expertenhörigkeit: „Diese neue Variante des Szientismus ist, und das kann man nicht nachdrücklich genug betonen, demokratiepolitisch gesehen wahrscheinlich bedenklicher als das leicht durchschaubare Spiel mit Fake News und Twitter Lügen im politischen Alltag.“ (S. 121)

Gibt es sie, DIE Wissenschaft?

Ein klares Plädoyer dafür, diese allzu leichte Unterscheidung von Fake und Facts nicht mitzumachen. Denn die so genannten Facts sind nicht so harmlos, wie es der aktuelle Zeitgeist gerne glauben machen möchte. Zunächst: Die einfache Unterscheidung legt nah, dass es DIE Facts gäbe, DIE Position DER Wissenschaft. Das ist natürlich ein hoch reduktionistisches Wissenschaftsbild. Wissenschaft gleicht eher einer offenen, kollektiven Suche mit der ständigen Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen. Doch andererseits gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, die man nicht in Frage stellen sollte. Wer die Erdanziehung leugnet und aus dem Fenster springt, wird schnell auf dem „Boden der Tatsachen“ landen. Es gibt also Tatsachen, aber im politischen Raum müssen sie immer auch noch gedeutet und bewertet werden (etwa die Verordnung, vor alle Fenster Auffangnetze zu spannen). Die Abkürzung, unmittelbar von „Fakten“ auf politische Maßnahmen zu schließen, darf eine der Aufklärung verpflichtete Politik nicht gehen.

Künftige Klimadebatten brauchen beides: die Unterscheidung und die wechselseitige Bezugnahme von Wissenschaft und Politik

Das Büchlein von Bogner ist gerade vor den jetzt anstehenden Klimadebatten – in der neuen Legislaturperiode wird „plötzlich“ die Frage auftreten, wie nun die 65 % CO2 Reduktion in den kommenden 8 Jahren erreicht werden soll. Manche Maßnahme wird dann mit der Stimme DER Wissenschaft begründet werden. Doch kann man aus den wissenschaftlichen Befunden keine politischen Maßnahmen ableiten. Das muss immer noch die Politik – vor den Wählerinnen und Wählern – selbst verantworten. Die Wissenschaft darf in der Politik nicht ignoriert werden, sie darf aber auch nicht zur alleinigen Legitimationsbasis werden.

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