Zur Bedeutung der Gemeinschaft für den christlichen Glauben

 „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“ Dieses Bonmot, das Friedrich dem Großen zugesprochen wird, steht für eine große Errungenschaft der Aufklärung. Es war damals gerade einmal 100 Jahre her, dass sich auf deutschem Boden Katholiken und Protestanten 30 Jahre lang bekämpft hatten. Welch ein Fortschritt! Und auch heute kann man die Errungenschaften der Aufklärung nur preisen, wenn man etwa an den interreligiösen Dialog denkt. Eine multireligiöse Gesellschaft kann nur existieren, wenn sie dem Motto: Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“  folgt. Der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland ist das Motto im Artikel der Religionsfreiheit eingeschrieben.

Religionsfreiheit als Errungenschaft

Für ein modernes Staatsgebilde muss die Religionsfreiheit gelten und damit das Recht eines jeden Einzelnen zu bestimmen, woran sie oder er glaubt. Doch das, was im politischen Raum eine große Errungenschaft ist, kann für die Selbstinterpretation von Religionen außerordentlich problematisch sein. „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“ heißt dann: Jede und jeder muss selbst wissen, was sie, was er glaubt. Der Glaube ist letztendlich eine Sache des einzelnen Menschen. Ist jeder auf sich selbst zurückverwiesen, wenn es um Fragen des Glaubens geht?

Kultur der Individualität

In unserer Kultur betonen wir gerne das, was uns voneinander unterscheidet, weniger das, was verbindet. Es wird belohnt, sich von anderen zu unterscheiden. Wer etwas Besonderes ist oder etwas Besonderes aus sich macht, erfährt Aufmerksamkeit. Das gilt auch für die Religion: Im Rampenlicht stehen bestimmte Virtuosen des Glaubens, exemplarische Gläubige. Doch wenn die Aufmerksamkeit sich allein auf das Besondere richtet, gerät das, was alle miteinander vereint, in den Hintergrund. Diese kulturelle Vorgabe, die das Individuelle betont und in den Mittelpunkt stellt, lässt auch religiöse Erfahrungen immer mehr zu individuellen Ereignissen werden. Jede und jeder richtet sich auf das Besondere und Unvergleichliche aus, sucht danach.

Die Bedeutung von Verbundenheit

Doch dieses Verständnis von Religion kann in vielfacher Weise kritisiert werden. Ganz grundsätzlich ist der Mensch nicht einfach ein einzeln existierendes Wesen, das zunächst bei sich selbst und den eigenen Erfahrungen ist. Menschen sind leibliche Wesen. Die Verbundenheit mit anderen Menschen und mit der umgebenden Umwelt ist elementar und Voraussetzung menschlicher Existenz. Als leibliche Wesen sind Menschen immer schon mit anderen verbunden, etwa durch das Herkommen, durch die Sprache, durch die Kultur. Diese Verbundenheit ist nichts Zweitrangiges oder Nebensächliches, das Individuelle ist nicht das Eigentliche.

Die Vorstellung, dass jeder Mensch seinen eigenen religiösen Weg finden muss, entspricht darüber hinaus weder den soziologischen Beschreibungen von Religion. Aus der Perspektive eines distanzierten soziologischen Betrachters stehen Religionen immer in einer engen Beziehung zu Gemeinschaften. Einzelne Menschen mögen bestimmte Erfahrungen als religiös beschreiben, als eine Erfahrung von Transzendenz. Aber daraus wird noch lange keine Religion. Zur Religion gehört mehr, vor allem eine Gemeinschaft von Menschen, die ähnliche Erfahrungen miteinander teilen und sie in ähnlicher Weise zum Ausdruck bringen über Rituale, Beachtung besonderer Orte und Zeiten usw.

Der christliche Glaube als Erfahrung von Gemeinschaft

Der christliche Glaube ist in besonderer Weise von Beginn an auf Gemeinschaft ausgerichtet. Erste Glaubenszeugnisse von Christinnen und Christen waren mit ihrer Gemeinschaft eng verbunden. Diese Verbundenheit führten sie zurück auf die Erfahrung der Verbundenheit mit Gott. Man kann ganz grundsätzlich den christlichen Glauben als eine Erfahrung von radikaler Verbundenheit  beschreiben. Das lateinische Wort „radix“ bedeutet „Wurzel“: Der Glaube bezeugt, dass die eigene Existenz in Gott wurzelt, in Gott gegründet ist. Er weist auf eine Verbundenheit, aus der alles entspringt: Erst durch sie finden Menschen zu sich selbst.

Die biblischen Stellen, die auf die Bedeutung von Gemeinschaft weisen, sind außerordentlich zahlreich. Schon die ersten Menschen, die Jesus Christus nachfolgten, erlebten sich auch in einer besonderen Weise miteinander verbunden. Die zwischenmenschlichen Erfahrungen sind für das Verständnis des christlichen Glaubens von größter Bedeutung. Zwischenmenschliche Erfahrungen von Verbundenheit können ein Anlass sein, die radikale Verbundenheit aufscheinen zu lassen. Das gilt insbesondere für die Liebe. Das Doppelgebot der Liebe zeigt die Nähe der Erfahrungen von Verbundenheit: Die Liebe zu Gott und die Liebe unter den Menschen stehen in einem engen Verhältnis.

Der christliche Glaube als Ausdruck für die radikale Verbundenheit ist keine individualisierte Erfahrung, sondern von Beginn an Teil eines übergreifenden zwischenmenschlichen und kommunikativen Geschehens. Er ist eingebunden in eine geschichtliche Tradition von Erzählungen, Gebeten, Bekenntnissen und Liturgien, durch die Christinnen und Christen ihrem Glauben Ausdruck geben. Der christliche Glaube erschließt sich nicht allein über Worte, aber er drängt immer wieder dazu, sich auch durch Worte zum Ausdruck zu bringen. Der christliche Glaube ist nicht ohne Worte. Auch Worte bezeugen die Verbundenheit und sind selbst eine Form von Verbundenheit: sie sind ein eminenter Ausdruck zwischenmenschlicher Gemeinschaft, der Sprachgemeinschaft. All das zeigt: Moderne Vorstellungen von einem individuellen Glauben in dem Sinn, das jede und jeder sich selbst einen Reim auf die religiösen Erfahrungen machen muss, verkürzt die Wirklichkeit des christlichen Glaubens.

 

 

Ein Kommentar zur politischen Lage – Der Mensch ist und bleibt ein Beziehungswesen

Wir leben in erstaunlichen Zeiten. Wenn man einmal von der Aufregung der tagespolitischen Ereignisse ein wenig zurück tritt und sich einen Überblick über die Lage verschafft, kann man sich eigentlich nur die Augen reiben. Die Bundesrepublik Deutschland befindet sich in einer wirtschaftspolitisch beneidenswerten Lage. Hinter uns liegen fast 10 Jahre ungebrochenen Wachstums. Die Exporte überwiegen bei weitem die Importe, in einigen Jahren war Deutschland Exportweltmeister. Wir haben uns gewöhnt an die jährliche Nachricht, dass die Zahlen der Steuerschätzer wiederum übertroffen wurden und der Staat deutlich mehr Geld zur Verfügung hat als die ohnehin schon positiven Prognosen ausgewiesen haben. Die Arbeitslosenstatistik weist jedes Jahr rückläufige Zahlen aus, „gegenüber dem Vorjahr sank die Arbeitslosenzahl um …“.

„Uns geht es gut!“

Nun gibt es in der Tat einige Unruhe und Unsicherheit durch die sich rasch verändernde geopolitische Lage. Das Lager des „Westens“, bislang klar dominiert durch die USA droht sich aufzulösen. Multinationale Wirtschaftsabkommen werden mehr und mehr in Frage gestellt. Es wird viel über Zölle geredet und der Brexit schwebt wie ein Damoklesschwert über der Europäischen Union. Das ist aber bislang eher mit einem nahenden Gewitter vergleichbar, dessen Wolken sich bedrohlich aufbauen, aber noch hat kein Regen eingesetzt. Ob es vielleicht noch vorbeizieht? Man weiß es nicht. Klar ist aber, dass die Stimmung im Lande bislang kaum durch diese atmosphärischen Störungen beeinträchtigt ist. Die Wirtschaft läuft auf vollen Touren und es scheint sie bislang nichts zu stören. Das Konsumklima ist gut, Umfragen zeigen, dass die Stimmung durch Zufriedenheit geprägt ist.

Der Politik geht es schlecht!

Ganz anders ist das Bild der Politik! Ganz egal, wie man zu der Maaßen Affäre steht: Hier zeigt sich, dass die Volksparteien an den Rand ihrer Kräfte geraten. Hier herrscht Ausnahmezustand. Die Umfragewerte der traditionellen Volksparteien SPD, CDU und CSU sind im freien Fall. Wer hätte solche Zahlen vor 5 Jahren zu prognostizieren gewagt: SPD 17 % und CDU/CSU 28 % (Infratest Dimap 20.9.)? Für beide Parteien historische Tiefststände! Und es ist nicht absehbar, dass sich das bald ändert.

Nun haben CDU/CSU und SPD die längste Zeit der letzten 10 Wachstumsjahre regiert. Wie passen die Werte mit der wirtschaftlichen Situation des Landes, dem damit einhergehenden Wohlstand zusammen? Was ist geschehen, dass diese Parteien derart desolat dastehen, dass ihnen die Kraft fehlt, eine Affäre um einen Amtsleiter, zugegebenermaßen eines bedeutenden Amtes, nicht geräuschlos zu lösen? Vordergründig kann man als einen Faktor die Flüchtlingspolitik anführen. Denn die ehemaligen Volksparteien als Parteien waren und sind nicht in der Lage, bei diesem hochemotionalen Thema eine eindeutige Position zu beziehen. Sie changieren zwischen Willkommenskultur und pragmatischer Abschottungspolitik. Doch ist das meiner Ansicht nach nur ein vordergründiges Argument, weil andere westliche Industrieländer andere politische Wege gegangen sind und doch sich die gleichen Effekte zeigen: eine dramatische Schwäche der etablierten Parteien.

Hier nun ein Versuch, einen tieferliegenden Grund zu benennen: Mag es nicht daran liegen, dass die früher homogeneren gesellschaftlichen Milieus zerfallen? Die Volksparteien waren dann stark, wenn sie Milieus repräsentieren konnten, die eine erkennbare politische Agenda hatten, seien es Arbeiterinnen und Arbeiter oder konservativ katholische Kreise. Als Volksparteien waren sie immer daran interessiert, auch andere Kreise zu gewinnen, aber ihre Identität hing an der Ausrichtung auf bestimmte Milieus. Doch wenn diese zerfallen, ist es für die Parteien nicht mehr möglich, klar zu sagen, wofür sie stehen.

Der Zerfall der Milieus, eine kontinuierliche Vereinzelung

Der Zerfall der Milieus geht mit einem Zerfall bzw. der Schwächung von gesellschaftlichen Großorganisationen einher. Es trifft eben nicht nur die Volksparteien, sondern auch viele Vereine, große Medienhäuser wie die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten oder auch die Kirchen. Solche Großorganisationen haben es in einer immer stärker individualisierten Gesellschaft immer schwerer, ihre Bedeutung zu bewahren.

Wenn das so ist, wenn die Politik sozusagen nur das sichtbarste Zeichen eines grundlegenden Wandels der Individualisierung der Gesellschaft ist, dann ist das auch ein eminent theologisches Thema! Ist es nicht so, dass Gesellschaften ein Mindestmaß an Zusammenhalt, an gesellschaftlicher Solidarität brauchen, die über alltägliche Erfahrungen von Gemeinschaft und Verbundenheit bestätigt und immer wieder neu erfahrbar gemacht werden müssen?

Der Mensch als Beziehungswesen

Das rührt an die Grundfragen der Anthropologie. Ist der Mensch zunächst und vor allem ein Einzelwesen, das selbstbestimmt seinen Lebensweg geht oder ist es nicht vielmehr so, dass Menschen stets aufeinander angewiesen sind und auch in komplexen modernen Gesellschaften es Orte und Symbole geben muss, die die Erfahrung von Gemeinschaft und Solidarität ermöglichen? Ist der Mensch nicht vielmehr ein Beziehungswesen, das mehr braucht, als ein Leben in materieller Absicherung und der Möglichkeit zur Selbstoptimierung? Angebote zur Erfahrung von Gemeinschaft sind in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich karger und dürftiger geworden. Möglicherweise ist sogar ein Anteil jener neueren restaurativen Tendenzen auf dieses Bedürfnis zurückzuführen. Verklärende und verzerrende Blicke in die Vergangenheit suggerieren, dass es dort eine Gemeinschaftserfahrung durch nationale Homogenität gab.

Wenn die Vermutung stimmt, dann wird uns dieser Prozess noch lange Zeit beschäftigen. Denn Abhilfe ist nicht so schnell in Sicht. Weder kann man das Problem moralisieren („Tut mehr gemeinsam!“) noch gibt es eine gesellschaftliche Institution oder Organisation, die die Fähigkeit hätte, hier einen anderen Weg einzuschlagen und gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Auch die Kirchen nicht. Wenn aber weiterhin die Vermutung stimmt, dass der Mensch immer auch notwendigerweise ein Gemeinschaftswesen ist, dann wird sich die politische und gesellschaftliche Entwicklung auch nicht einfach wieder auf einem neuen Niveau als hochgradig individualisierte Gesellschaft stabilisieren. Dieser Beitrag endet mit offenen Fragen. Aber vielleicht ist es schon einmal wichtig, die richtigen Fragen zu stellen und nicht die, ob die eine oder andere Parteivorsitzende oder der eine oder andere Parteivorsitzende zu ersetzen sei…

Wo steht die evangelische Kirche heute?

Wir leben in Zeiten starker Veränderungen in allen Bereichen, in der Gesellschaft, in der Politik, in der Kultur. In diese Veränderungen sind die christlichen Kirchen unmittelbar eingebunden. Es wird viel über die Kirchenfinanzen geredet, aber diese sind noch vergleichsweise stabil. Es gibt aber einen langfristigen und unübersehbaren Mitgliederschwund. Vor allem aber: Die kulturelle Prägekraft schwindet kontinuierlich, die gesellschaftlichen Kommunikationsformen ändern sich nicht zuletzt auch durch die digitalen Medien tiefgreifend, die Kirchen haben daran nur sehr begrenzt Anteil. Das aktuelle Akademiegespräch habe ich mit PD Dr. Christina aus der Au geführt, die im vergangenen Jahr des Reformationsjubiläums Präsidentin des Evangelischen Kirchentages in Berlin und unmittelbar an der Gestaltung des Jubiläumsjahres beteiligt war. Das Jubiläum gibt Anlass, zurückzublicken und vorauszublicken. Auf diese Weise lässt sich der aktuelle Standort der evangelischen Kirchen genauer umschreiben.

 Vergleich von 1517 und 2017

Es ist gar nicht so weit hergeholt, das Jahr 1517 mit der heutigen Situation zu vergleichen. Beide Zeiten sind geprägt durch gravierende Veränderungen der Medien, der Kommunikationsformen in der Gesellschaft. Damals kamen die Flugblätter auf, eine Innovation des damals noch nicht alten Buchdrucks. Flugblätter, die in großer Zahl gedruckt wurden, mobilisierten mit einer zugespitzten Polemik, oft auch verbunden mit verzerrenden Bildern und bösartigen Karrikaturen. Heute gibt es in analoger Weise neue Medien, digitale soziale Netze, die Vorurteile und Hate Speech rasend schnell verbreiten. Damals wie heute ist die Verunsicherung durch die gesellschaftlichen Umbrüche groß.

Doch es gibt für die evangelische Kirche gravierende Unterschiede: Damals  waren die sich gerade erst bildenden evangelischen Kirchen sehr eng mit der medial-technischen Avantgarde  verknüpft. Luther war der meistporträtierte Mensch seiner Zeit. An den Flugblättern der evangelischen Autoren haben die Drucker gut verdient. Heute dagegen haben viele kirchliche Akteure eine erhebliche Distanz zu dem Umbruch durch die neuen digitalen Medien. Wenn man allein auf die Mächtigkeit anonymer Algorithmen schaut oder auf den Datenmissbrauch, so ist diese Skepsis berechtigt, lässt aber die gemeinschaftsstiftende Potentiale des Digitalen außer Acht.

Das Reformationsjubiläum als Gradmesser für den Stand heute

Ein weiterer Unterschied: Zu Beginn des 16. Jahrhunderts waren die religiösen Umbrüche und damit auch die evangelischen Akteure im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Heute bedarf es für die Kirche vieler Agenturen und Sonderanstrengungen, um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu gewinnen.

So kann das Reformationsjubiläum auch als Gradmesser für den Situation der evangelischen Kirchen heute gelesen werden. Die gute Nachricht ist, dass sich die ökumenischen Kontakte, vor allem die Verbindung zur katholischen Kirche, deutlich verbessert haben. Zugleich fällt es aber den evangelischen Kirchen immer schwerer zu sagen, was ihr Eigenes ist, woraus sie ihre Identität ableiten. Viele Symbole und Veranstaltungsformen suchten durchaus erfolgreich die Nähe zu anderen gesellschaftlich erfolgreichen Formaten, wobei sie die  theologische Standortbestimmung eher in den Hintergrund treten ließen. Die Erkenntnis der Reformatoren, dass Gott ohne alles menschliche Zutun die Sünder gerecht spricht, ist vielen Menschen heute fremd geworden. Es hat sich aber keine andere zentrale Formulierung der befreienden Botschaft des Evangeliums etabliert. Es fällt schwer, angesichts heterogener Milieus noch in allgemein verbindlicher Weise zu sagen, was der theologische Gehalt der evangelischen Tradition ist. Der Theologie als dem Versuch, allgemeinverbindlich Auskunft über den christlichen Glauben zu geben, wird nur noch eine relativ geringe Bedeutung zugewiesen. Es scheint, dass das religiöse Individuum, das authentisch seinen Glauben leben soll, in das Zentrum der evangelischen Botschaft gerückt ist. Was aber in dieser Sichtweise unterbelichtet bleibt, ist die Frage, was die Individuen miteinander verbindet, die die evangelische Kirche ausmachen, vor allem aber die Frage, wie es dazu kommt, dass diese Individuen sich als evangelische Christen erleben.

Ein Blick in die Zukunft

Der Blick in die Zukunft ist naturgemäß unscharf. Aber es gibt gute Gründe, dass es künftig zentral um die Frage gehen wird, wie dem Gemeinschaftsgedanken wieder eine größere Bedeutung zukommen kann. Die evangelischen Kirchen werden nur dann zu neuer Stärke finden können, wenn sie auch deutlich machen, dass sie nicht nur ein Zweckverband christlich geprägter Menschen oder eine religiöse Geselligkeitsform sind. Zum christlichen Glauben gehört unauflöslich die Gemeinschaft der Glaubenden, der Glaube ist nichts, was ein Individuum aus sich selbst schöpfen kann.

Doch wie kann man der Gemeinschaft in der Kirche neue Kraft, neue Formen geben? Wie muss man in diesem Zusammenhang die Rolle der digitalen Medien einschätzen? Diese Fragen werden sicherlich im Mittelpunkt künftiger Diskussionen um die Entwicklung evangelischer Kirchen stehen. Christina aus der Au wies in dem Akademiegespräch auf die Bedeutung des Heiligen Geistes. Der Geist vereint in der biblischen Darstellung Einheit und Vielfalt auf elementare Weise: „jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden“ (Apg 2,6). Der Geist ermöglicht eine Einheit, eine Gemeinschaft unter Menschen, die dennoch die Differenz und Unterscheidungen nicht auflöst. Evangelische Kirchen der Zukunft sind dann solche, in denen jenseits aller Differenzen eine existentielle Gemeinschaft erfahren werden kann, sie sind Gemeinschaften, die die Individualität nicht verleugnen und doch gemeinsame Ausdrucksformen und eine gemeinsame Sprache über den Glauben entwickeln.

Eine Überlegung zu einer kirchlichen Kreiskultur

Anfang Mai haben wir, die Evangelische Akademie im Rheinland und die Melanchthon-Akademie in Köln (Martin Horstmann), eine gut besuchte Kooperationstagung durchgeführt zu dem Thema „Kreiskultur“. Unser Ansinnen war es allen Ernstes, die Kreiskultur in der Kirche zu stärken. Das hat sicherlich bei dem einen oder der anderen Stirnrunzeln ausgelöst: Erst einmal klingt ja nichts Abgestandener, als „Kreise“ in der Kirche zu initiieren, gab und gibt es nicht schon genügend Bibelkreise, Gebetskreise, Hauskreise und Stuhlkreise?

Ja, die gab es schon immer und erst einmal ist das doch ein wichtiges Zeichen, dass da offenkundig etwas stimmt! Uns ging es aber nicht darum, Bestehendes zu pflegen, sondern darauf aufmerksam zu machen, wie sehr die Kreisform eine Hilfe sein kann, das Besondere der Kirche zu verstehen. Es ging nicht um eine bestimmte Geselligkeitskultur, sondern um ein Verständnis für das, wofür der Kreis steht. Vieles haben wir während der Veranstaltung diskutiert, vor allem auch jede Menge praktischer Hinweise für die Gestaltung einer Kreiskultur.

Eine Überlegung möchte ich hier gerne mitteilen, die uns während der Vorbereitung gekommen ist. Es geht darum, die mathematische Form des Kreises symbolisch zu deuten. Das lässt überraschende Einsichten zu. Ein Kreis besteht aus Punkten. Diese Punkte sind alle auf einen Mittelpunkt bezogen, nur so werden sie zu Punkten eines Kreises. Leicht lässt sich folgern: Die Punkte sind die Christinnen und Christen, der Mittelpunkt ist Christus.

Nun lässt sich das Bild des Kreises überraschend tiefgründig auslegen. Zunächst: Die Punkte sind untereinander gleich berechtigt. Es gibt keinen Punkt, der den Kreis in hervorragender Weise repräsentiert. Damit wird der Kreis zu einem guten Bild für ein reformatorisches Verständnis von Kirche.

Wie wird ein Mensch Christin bzw. Christ? Die Figur des Kreises legt nah, dass ein einzelner Mensch aus sich heraus, dazu nicht in der Lage ist! Denn ein einzelner Punkt liegt auf unendlich vielen Kreisen von unendlich vielen Mittelpunkten. Ein einzelner Mensch kann nicht Christ werden, eine steile These. Aber ist sie nicht biblisch? Wenn ein Mensch nie von dem Evangelium gehört hat, wenn dieser Mensch nie etwas über Christus gelesen hat, kann er dann Christin oder Christ genannt werden? (Das sagt im Übrigen meiner Ansicht erst einmal nichts über die Beziehung dieses Menschen zu Gott aus. Wenn man aber Menschen allein dadurch, dass sie Menschen sind, zu Christen erklärt, wird es theologisch mehr als schwierig).

Wenn aber ein zweiter Punkt hinzu kommt und sich beide Punkte demselben Kreis zugehörig wissen, dann gibt es mathematisch nur noch zwei Punkte, die als Mittelpunkte für beide in Frage kommen. Sind es aber drei Punkte, so ist der Kreismittelpunkt in der Mathematik eindeutig bestimmt! Dies nimmt schön die Aussagen auf: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20)

Nun darf man es mit der Ausdeutung von Symbolen nicht übertreiben, aber das Symbol des Kreises gibt erstaunlicher Weise eine Menge von dem wieder, wie Kirche sich verstehen kann. Zuletzt und vor allem: Nicht Kathedralen und Dome machen Kirche zu Kirche, auch nicht Gesetze und Verordnungen, nicht Haushalte und auch nicht Institutionen, sondern die gegenseitige Verbundenheit der Menschen. Wir sind aufeinander angewiesen, wenn wir Christen sein wollen, alleine geht es nicht. Wenn wir aber „in Christus“ aufeinander bezogen sind, dann sind wir auch auf Christus als dem Mittelpunkt bezogen.

Was ist mit Geschichte?

Ich empfinde schon seit längerer Zeit ein Unbehagen, wenn ich aktuelle Diskussionen zum Zeitgeschehen verfolge. Ich habe den Eindruck, dass wir in einer Zeit gravierender Geschichtsvergessenheit leben. Nicht in dem Sinne, dass wir uns nicht mehr erinnern würden. Schließlich ist doch die Evangelische Kirche in diesem Jahr mit großer Intensität dabei, das Reformationsjubiläum zu begehen! Auch gibt es vielfältige Gedenkfeiern, oft motiviert durch die schreckliche deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Ich meine eher die Geschichtsvergessenheit in der Deutung der Gegenwart. Wir diskutieren unsere Zeit, als sei sie so, wie sie ist und viel Neues sei auch nicht zu erwarten. Kaum gibt es in der Deutung der Gegenwart einen Blick zurück, schon gar nicht gibt es einen Blick nach vorne.

Es stellt sich die Frage, ob dies nicht die Folge eines im Grundsatz liberalen Schemas ist. Danach gibt es zwar eine Geschichte, aber die Geschichte ist doch eher die Geschichte der Störungen eines sich selbst stabilisierenden Systems. Der freie Markt ist das Paradebeispiel. Wenn es nur den wirklich freien Markt gäbe, dann stabilisierte er sich immer wieder neu, kleinere Veränderungen würden aufgenommen und in einen neuen stabilen Zustand überführt. Hier ist Geschichte Nebensache. Natürlich gibt es Veränderungen, aber den Hauptton setzen die sich selbst stabilisierenden Systeme. Wenn man die Störung gering halten kann, dann geht das System wieder in einen stabilen Zustand über. Das gilt dann auch für die Natur: eigentlich ist sie stabil. Als ob die Evolution nicht von etwas ganz anderem reden würde: Hier ist alles Bewegung und Veränderung. Evolutionäre Nischen sind die Ausnahme und meist nicht auf Dauer gestellt.

Ich habe diese Grundgedanken liberaler Theorien schon immer für eine Fiktion gehalten: Eigentlich wäre die Welt wunderbar eingerichtet, nur leider gibt es ständig Störungen. Ich glaube, dass umgekehrt „ein Schuh daraus wird“: Wir leben in einer Welt, die sich in einer kontinuierlichen  geschichtlichen Veränderung befindet. Was gestern war, ist heute anders und wird morgen wiederum verändert sein. Stabilisierende Systeme sind Abstraktionen aus dieser Entwicklung. Sie mögen eine Zeit lang Stabilität ermöglichen, aber es ist immer damit zu rechnen, dass sie sich grundlegend verändern können.

Diese Sichtweise ist im Übrigen meiner Ansicht nach auch biblischer. Der christliche Gott ist ein Gott der Geschichte. Er hat sein Volk durch die Geschichte begleitet. Israel hat immer wieder die bewahrende Kraft Gottes, aber auch seinen Zorn erfahren und zum Ausdruck gebracht. Auch nach der Offenbarung Gottes in Christus hört die Geschichte nicht auf. Christinnen und Christen leben im Vorschein des kommenden Reiches Gottes. Deshalb ist die Erinnerung so wichtig, ist es wichtig, von Gottes Geschichte mit dem Menschen erinnernd zu erzählen. Und deshalb ist auch die Hoffnung so wichtig, weil sie einen Sinn dafür gibt, was noch aussteht. Wir sind eingebunden in eine geschichtliche Entwicklung, die wir nur mit Mühe überschauen können. Aber Versuche dazu, etwa durch Erzählungen, können auch immer wieder Neues entdecken, Neues in dem Vergangenen, das aber auch überraschende Einblicke in das gewähren kann, was kommen wird.

Doch wir diskutieren unsere Gegenwart nicht in diesem Spannungsbogen. Wir beschreiben sie nur in Ansätzen aus der Entwicklung der Vergangenheit heraus. Aber schon gar nicht beschreiben wir sie unter dem Vorzeichen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Stattdessen sind wir vernünftig und realistisch. Wir wissen nun, was Sache ist, haben die Lehren aus der Vergangenheit gezogen. Wir stehen nicht in einer kontinuierlichen Entwicklung, sondern sehen die Vergangenheit als ein Reservoir an, aus dem wir unsere Folgerungen ziehen. Wir schauen natürlich in die Zukunft. Aber auch das tun wir vernünftig und realistisch: Wir stellen Prognosen an, zumeist mit „wissenschaftlichen“ Mitteln. Zumeist fallen die Prognosen negativ aus. Aber das zeigt ja nur, wie vernünftig und realistisch wir geworden sind.

Da ist etwas Grundsätzliches verloren gegangen. Nichts gegen Prognosen, die jeder Mensch, der tatsächlich vernünftig und verantwortlich ist, anstellen muss. Aber warum fragen wir nicht viel intensiver danach, in welcher geschichtlichen Entwicklung wir leben? Warum versuchen wir nicht die politische und kulturelle Bewegung aus der Vergangenheit in die Zukunft fortzuschreiben. Warum entwickeln wir keine Hoffnung und sehen die Wirklichkeit als eine zukunftsoffene Wirklichkeit an? Warum sind wir eigentlich kaum neugierig auf das, was da kommen wird? Der Versuch, die Welt als sich selbst stabilisierendes System zu verstehen, kann in manchen Fragen hilfreich sein. Die Menschheitsgeschichte aber zeigt: Zumeist wurde es auf überraschende Weise anders, als die Menschen zuvor geglaubt haben. Das gilt auch heute so, seien wir doch vernünftig und realistisch!