Fortschreiten statt Fortschritt

Unsere Welt ändert sich in dieser Zeit grundlegend. Manche Nachrichten sind erfreulich, aber viele sind verstörend. Was geschieht hier? Wir wissen es nicht genau. Zuviel geschieht auf einmal, es gibt keine klare Linie.

Orientierung im Fortschrittsdenken

Es fällt immer schwerer, sich zu orientieren. Sicher geglaubte Überzeugungen geraten ins Wanken. Das gilt vor allem für unsere positiven Zukunftserwartungen. Unsere Gesellschaft war bislang durch und durch geprägt von einem Modernitäts- und Fortschrittsdenken.

Im Kern geht es um die Hoffnung, dass durch den gesellschaftlichen Wandel, durch die Weiterentwicklung der Technik ein Mehr an Freiheit und ein Mehr an Wohlstand entstehen kann.

Es prägt auch viele Positionen, die die Bekämpfung des Klimawandels in den Mittelpunkt stellen. Es gibt auch hier einen modernen Ausweg aus der Krise, einen Weg mit der Erkenntnissen der Wissenschaft, aber einer alternativen Technik.

Es ist offensichtlich, dass viele Kräfte der Gesellschaft an dem Fortschrittsnarrativ festhalten, ja vielleicht sogar festhalten müssen. Aus ihrer Sicht gilt: Es mag sein, dass wir vorübergehend in einer Krise sind, aber am Ende der Krise wird es wieder aufwärts gehen, werden Freiheit und Wohlstand weiter zunehmen.

Unsere kollektive Erfahrung scheint diesen Positionen Recht zu geben. Haben wir nicht in den vergangenen 200 Jahren genau das erlebt? Immer wieder gab es Krisen, doch über alle Krisen, ja selbst die zerstörerischen Weltkriege, hinweg wuchsen mittel- und langfristig Wohlstand und Freiheit.

Der selbstmächtige Mensch

Doch ist es nicht leichtfertig, aus dieser Erfahrung eine Wachstumserwartung abzuleiten? Im Hintergrund der Fortschrittserzählungen steht das Bild des selbstmächtigen Menschen, dem es gelingt, alle Widrigkeiten zu meistern. Dieser Mensch ist ein kreatives Individuum, dessen Kreativität keine Grenzen gesetzt sind.

Die Freisetzung von Kreativität ist ein Kennzeichen der Moderne. Moderne Menschen sind selbstbeherrscht, agil, wandlungsfreudig. Sie fördern die Wissenschaft und den technologischen Wandel. Sie sehen in den neueren technologischen Entwicklungsschüben immer mehr Chancen als Risiken. Diese Haltung hat bislang weite Teile der westlichen Gesellschaften geprägt und eint sehr unterschiedliche Strömungen.

Eine extreme elitäre Ausprägung ist die quasi religiöse Technokratiebewegung einer kleinen Elite im Silicon Valley. Hier wird die Technikentwicklung des freien und starken Menschen zu einer Art Gottesoffenbarung überhöht. Die freie Entwicklung der Technik darf nicht reguliert oder eingeschränkt werden. Die regulierenden Kräfte sind eher vom Teufel.

Die radikale Kritik: Populistische Bewegungen sind antidemokratisch und rückwärtsgewandt

Nun wächst sich in allen westlichen demokratischen Ländern Bewegungen, die das Fortschrittsnarrativ in Frage stellen. Sie wollen zurück zu den angeblich besseren Zeiten der Vergangenheit. Rückschritt statt Fortschritt.

Sie artikulieren zugleich eine fundamentale Kritik an der Moderne. Gefährlich sind sie vor allem deshalb, weil ihre Kritik am gesellschaftlichen Establishment auch mit dem Ziel verbunden ist, demokratische Strukturen und Errungenschaften anzugreifen und abzuwickeln.

Die kulturelle Neuorientierung: Der verletzliche Mensch, die Weisheit der Unterscheidung

Die Herausforderungen, vor denen wir aktuell stehen, sind fundamental. Wie können die selbstzerstörerischen Bewegungen zurückgedrängt werden? Es geht um nichts weniger als einen kulturellen Wandel, in dem das Leitbild vom selbstmächtigen Menschen ersetzt werden muss durch das Bild eines endlichen, verletzlichen Menschen.

Wissenschaft und Technik waren, sind und bleiben wichtig. Aber von ihnen ist nicht das Heil zu erwarten und auch nicht ein ungebrochener Fortschritt. Es geht vielmehr darum, auf Sicht und mit Vorsicht fortzuschreiten: „Prüfet alles und bewahret das Gute.“ (1. Thess 5, 21) sollte die Devise sein.

Umsichtiges Fortschreiten statt eines unaufhaltsamen Fortschritts.

Es geht um das Leitbild eines endlichen, verletzlichen, sozial verbundenen und seiner selbst nur sehr begrenzt mächtigen Menschen.

Es gibt auch ein erfülltes Leben, wenn es eines Tages einmal keinen Fortschritt mehr gibt. Wir brauchen einen tiefgreifenden kulturellen Wandel. Wir sollten anerkennen, dass wir in einer offenen Wirklichkeit leben, die von uns nicht vollständig verstanden oder beherrscht werden kann.

Es kommt dabei auf die Kunst der Unterscheidung an. Was können wir von der Technik erwarten, was nicht? Diese Kunst der Unterscheidung wird in der Tradition der Weisheit zugesprochen. Dadurch sind wir gezwungen zu unterscheiden, was wir verändern können und was nicht.

Einige Informationen über diesen Blog

Die Schwerpunktthemen dieses Blogs variieren, gemeinsam ist den Themen die Beschäftigung mit den Grenzen und der Endlichkeit menschlicher Existenz. Wir leben in einer offenen Wirklichkeit, die wir nicht vollständig ausleuchten können. Wir können keine Letztbegründungen vornehmen, sondern müssen uns oft mit Hypothesen zufriedengeben. Wir können unser Handeln nicht eindeutig aus fundamentalen Werten ableiten, es bleibt eine unaufhebbare Ambivalenz in allem Handeln. Sie fordert in konkreten Situationen zur Verantwortung heraus.

2025 ging es um den Himmel im Gegenüber zur Erde, um Transzendenz in unserer Welt und die christliche Hoffnung für die Welt.

Im Jahr 2024 hatten die Einträge dieses Blogs die Hoffnung zum Thema.

In den älteren Beiträgen bis Mitte 2023 standen politische Ereignissen, kulturelle Debatten, und die Diskussion technischer Entwicklungen wie der Digitalisierung oder der Energiewende im Mittelpunkt.

Frank Vogelsang

ps

Das χ im Titel des Blogs weist auf unsere elementare Verbundenheit mit der Welt und mit anderen Menschen hin. Es ist der griechische Buchstabe Chi, den der Philosoph Maurice Merleau-Ponty für die Verflochtenheit von Mensch und Welt gebraucht hat. Zugleich weist der Buchstabe seit alters her auch auf Jesus Christus.

(Foto: Avess Berge auf Unsplash)

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