Fortschreiten statt Fortschritt

Unsere Welt ändert sich in dieser Zeit grundlegend. Manche Nachrichten sind erfreulich, aber viele sind verstörend. Was geschieht hier? Wir wissen es nicht genau. Zuviel geschieht auf einmal, es gibt keine klare Linie.

Wo geht es in die Zukunft?

Es fällt immer schwerer, sich zu orientieren. Sicher geglaubte Überzeugungen geraten ins Wanken. Das gilt vor allem für unsere positiven Zukunftserwartungen. Unsere Gesellschaft war bislang durch und durch geprägt von einem Modernitäts- und Fortschrittsdenken.

Doch das verliert zunehmend an Überzeugungskraft. Die Reaktionen darauf laufen weit auseinander: Da gibt es auf der einen Seite die Technokraten des Silicon Valley, die eisern an der Zentralperspektive des technischen Fortschritts festhalten, an Künstlicher Intelligenz, an Robotik und Raumfahrt. Auf der anderen Seite gibt es populistische Bewegungen, die den Weg zurück in eine vermeintlich bessere Vergangenheit suchen.

Eine tiefgreifende kulturelle Herausforderung

Die Herausforderung, vor denen wir aktuell stehen, ist fundamental. Wie können die selbstzerstörerischen Bewegungen zurückgedrängt werden? Es geht um nichts weniger als einen kulturellen Wandel, in dem das Leitbild vom technikzentrierten, selbstmächtigen Menschen ersetzt werden muss durch das Bild eines endlichen, verletzlichen Menschen.

Wissenschaft und Technik waren, sind und bleiben wichtig. Aber von ihnen ist nicht das Heil zu erwarten und auch nicht ein ungebrochener Fortschritt. Es geht vielmehr darum, auf Sicht und mit Vorsicht fortzuschreiten: „Prüfet alles und bewahret das Gute.“ (1. Thess 5, 21) sollte die Devise sein.

Umsichtiges Fortschreiten statt eines unaufhaltsamen Fortschritts.

„Fortschreiten statt Fortschritt“ hält auch an der Zukunftsorientierung fest, aber ist vorsichtiger in der Erwartung. Viele biblische Texte kennen die Verheißungen Gottes, aber sie reden auch von weitläufigen Abwegen und Umwegen, die Menschen gehen.  

Es gibt Gebete, die um Orientierung bitten. Ein bekanntes Gebet ist das Gelassenheitsgebet, das Reinhold Niebuhr zugeschrieben wird, einem amerikanischen Theologen des 20. Jahrhunderts, der sich zeitweise stark in den Social-Gospel-Bewegung engagiert hat. Das Gebet lautet:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Der endliche Mensch

Es geht um das Leitbild eines endlichen, verletzlichen, sozial verbundenen und seiner selbst nur sehr begrenzt mächtigen Menschen.

Es gibt auch ein erfülltes Leben, wenn es eines Tages einmal keinen dominanten Fortschritt in dem uns bekannten Ausmaß gibt. Welche Perspektiven gibt es dann, welche Ziele, welche Sinnerfahrungen? Wir müssen anerkennen, dass wir in einer offenen Wirklichkeit leben, die von uns nicht vollständig verstanden oder beherrscht werden kann.

Es kommt dabei auf die Kunst der Unterscheidung an. Was können wir von der Technik erwarten, was nicht? Diese Kunst der Unterscheidung wird in der Tradition der Weisheit zugesprochen. Dadurch sind wir gezwungen zu unterscheiden, was wir verändern können und was nicht. Die Haltung der Gelassenheit entspringt aus der konsequenten Unterscheidung. Im Gebet manifestiert sich die Unterscheidung, das Eingeständnis der begrenzten Wirkkraft des eigenen Handelns.

Einige Informationen über diesen Blog

Die Schwerpunktthemen dieses Blogs variieren, gemeinsam ist den Themen die Beschäftigung mit den Grenzen und der Endlichkeit menschlicher Existenz. Wir leben in einer offenen Wirklichkeit, die wir nicht vollständig ausleuchten können. Wir können keine Letztbegründungen vornehmen, sondern müssen uns oft mit Hypothesen zufriedengeben. Wir können unser Handeln nicht eindeutig aus fundamentalen Werten ableiten, es bleibt eine unaufhebbare Ambivalenz in allem Handeln. Sie fordert in konkreten Situationen zur Verantwortung heraus.

2025 ging es um den Himmel im Gegenüber zur Erde, um Transzendenz in unserer Welt und die christliche Hoffnung für die Welt.

Im Jahr 2024 hatten die Einträge dieses Blogs die Hoffnung zum Thema.

In den älteren Beiträgen bis Mitte 2023 standen politische Ereignissen, kulturelle Debatten, und die Diskussion technischer Entwicklungen wie der Digitalisierung oder der Energiewende im Mittelpunkt.

Frank Vogelsang

ps

Das χ im Titel des Blogs weist auf unsere elementare Verbundenheit mit der Welt und mit anderen Menschen hin. Es ist der griechische Buchstabe Chi, den der Philosoph Maurice Merleau-Ponty für die Verflochtenheit von Mensch und Welt gebraucht hat. Zugleich weist der Buchstabe seit alters her auch auf Jesus Christus.

(Foto: Avess Berge auf Unsplash)

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