Die Impfung – Ist eine „technische“ Lösung der Corona Pandemie möglich?

Die Corona-Pandemie baut sich in Europa zu einer zweiten Welle auf. Im Sommer war angesichts der geringen Fallzahlen der Eindruck der Pandemie eher verblasst, man redete stets über sie, aber doch eher mit Blick auf andere Länder wie den USA, Brasilien, Indien. Die Bekämpfung der ersten Welle im Frühjahr war gelungen, die Wirtschaft zog wieder an, Kultureinrichtungen hatten Hygienekonzepte entwickelt, Restaurants und Hotels waren wieder offen, die Mobilität war fast auf einen Normalwert zurückgekehrt.

Eine Zeit der Entbehrungen

Für EpidemiologInnen nicht überraschend und doch für die Öffentlichkeit unerwartet schnell steigt nun die Fallzahl in den letzten drei Wochen wieder dramatisch an. Die Politik sieht sich zum Handeln gezwungen. Der Anstieg ist zu rasant, als dass er ignoriert werden könnte. So ist erneut ein „Lockdown“ verhängt worden, dieses Mal in einer leichteren Version.

Möglicherweise hilft die Maßnahme, diese zweite Welle zu brechen. Unter den Kommentaren mischen sich aber zu Recht zweifelnde Fragen, wie es denn auf lange Sicht weiter gehen soll. Folgt der zweiten Welle eine dritte, eine vierte? Folgt diesem „Lockdown“ dann weitere? Denn eines scheint offenkundig: Das Virus ist im Land und kann und kann und wird wohl immer wieder ausbrechen. Sobald man zu dem gewohnten Leben zurückkehrt, werden die Fallzahlen wieder steigen. Folgt nun eine Zeit mit einem Wechsel von „Lockdowns“ und Erleichterungen? Das ist schwer vorstellbar.

Die Impfung – Ziel aller Hoffnungen

Erträglich ist für viele die Situation nur, weil es eine explizite Hoffnung gibt, dass Anfang des kommenden Jahres ein Impfstoff  geben wird. Immer wieder wird von politischen Akteuren die Zeit Frühjahr 2021 ins Spiel gebracht. Das lässt die Herausforderung überschaubar erscheinen. Manche VirologInnen warnen aber vor zu großen Erwartungen und stellen eine Vielzahl von Fragen: Führt der Impfstoff zu einer bleibenden Immunität? In welchem Umfang und in welcher Zeit ist der Impfstoff verfügbar? Gibt es unerwünschte Nebenwirkungen?

All diese Fragen kann zurzeit niemand beantworten. Ich möchte an dieser Stelle nur eine Beobachtung einbringen, dass die Sehnsucht nach dem Impfstoff auch eine Besonderheit unserer Zeit der Moderne zum Ausdruck bringt: Wir bevorzugen bei ethischen und kulturellen Herausforderungen gerne „technische Lösungen“. Warum ist der Impfstoff eine technische Lösung des Problems, was kennzeichnet technische Lösungen? Sie erlauben die weitgehend ungestörte Fortsetzung der eigenen Lebensführung und produzieren relativ geringe Kosten. So können kulturelle und ethische Herausforderungen umgangen werden, eine neue kulturelle Deutung der eigenen Situation kann unterbleiben.

Die Parabel vom Sadhu

Man kann dies an einer Parabel deutlich machen, die in Kreisen der Unternehmensberatung oft eingesetzt wird, um ethische Dilemmata zu diskutieren, der Parabel vom Sadhu. Bowen Mc Coy hat sie aufgeschrieben. Worum geht es? Mehrere internationale Expeditionsgruppen wollen an einem Tag mit gutem Wetter einen unwegsamen Himalaya Pass überwinden. Nur an diesem Tag ist die Passage in der Saison noch möglich. Ein Abbruch hieße, lange Vorbereitungszeiten und Investitionen aufzugeben. Sehr früh brechen sie auf. Bald findet die erste Gruppe im Schnee einen nur mit Tüchern bekleideten Asketen, einen Sadhu, der nicht spricht, sich aber auch kaum bewegt. Muss man ihm helfen? Ist er absichtliche in der kalten Einöde? Soll eine der Gruppen den Aufstieg abbrechen? Können alle gemeinsam ein wenig zur Lösung beitragen? An dieser Situation lassen sich viele ethische Probleme erläutern. Am einfachsten für alle wäre aber eine (nicht ganz ernst gemeinte) technische Lösung: Wer solche ausgesetzten Himalaya Touren durchführen will, schließt vorab eine „Sadhu Versicherung“ ab. Mit dem Geld wird ein Hilfesystem bereitgestellt, wer einem Sadhu trifft, löst einen Alarmmechanismus aus und das Hilfesystem wird aktiviert. Alle können ihre, Weg weiter folgen, ethische und kulturelle Herausforderungen können umgangen werden.

Die oft begrenzte Reichweite technischer Lösungen

In unserer Zeit haben wir eine Vielzahl solcher technischer Lösungen installiert. Viele Versicherungen sind von dieser Art wie etwa die Pflegeversicherung. Sie ermöglichen einen möglichst ungestörten Lebenswandel bei möglichst geringen Kosten. Auf das Problem der Pandemie bezogen heißt das, die Impfung ist in der Tat die beste Lösung. Auch hier kann dann alles beim Alten bleiben. Die Frage ist aber, ob immer technische Lösungen zur Verfügung stehen. Nur in selteneren Fällen lassen sich ethische und kulturelle Herausforderungen durch technische Lösungen vollständig beantworten. Oft produzieren technische Lösungen auch neue ethische Probleme. Die Pflegeversicherung wird nicht die kulturelle Herausforderung beseitigen, das mit einer alternden Bevölkerung einhergeht. Möglicherweise gilt das auch für den Impfstoff in der Bearbeitung der Corona Pandemie. Er wird nicht verhindern, dass es viele Verlierer in der Pandemie geben wird, dass der soziale Zusammenhalt noch weiter geschwächt wird, dass gewohnte Lebensformen und kulturelle Errungenschaften nachhaltig irritiert werden. Wir werden mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht umhin kommen, auch eine Vielzahl kultureller und ethischer Ressourcen in unserer Gesellschaft zu mobilisieren, um die Herausforderungen der Pandemie zu genügen! Die Vorstellung, eine technische Lösung würde alle Probleme auflösen, greift zu kurz.

Sind Kirchen systemrelevant?

In Zeiten von Corona ist eine Diskussion um die Systemrelevanz von Kirchen entstanden. Einige Stimmen betonen aus unterschiedlichen Gründen, dass die Kirchen nicht mehr systemrelevant seien. Die einen stellen fest, dass die Kirchen keine starken orientierenden Worte gesprochen haben. Die anderen weisen darauf hin, dass die Kirchen ihren Regelbetrieb ohne Protest weitgehend eingestellt haben. Dritte sehen, dass sie in die digitalen Medien ausweichen und unter dem großen Angebot dort, kaum wahrnehmbar sind.

Im Kontrast dazu ist die Systemrelevanz des Gesundheitssystems unbestritten. Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Krankenpfleger bekommen einen Sonderstatus etwa bei der Kinderbetreuung, weil ihr Einsatz unverzichtbar ist. Sind also religiöse Organisationen wie die Kirchen gesellschaftlich vielleicht geduldet, aber für das Funktionieren des Systems nicht mehr relevant?

Der Vorwurf ist von außen herangetragen und maliziös. Es scheint, dass einige die Gelegenheit nutzen, die Kirchen in ihrer Schwäche zu zeigen. Doch stimmt das überhaupt? Hierzu drei Überlegungen:

1. Ist Systemrelevanz überhaupt ein Qualitätskriterium für Kirchen?

Was genau meint Systemrelevanz? Wenn man die Gesellschaft als ein Zusammenspiel unterschiedlicher Systeme deutet, dann ist etwas systemrelevant, wenn es diese Systeme in ihrer Funktionalität aufrechterhält. Hier schon wird deutlich, wie verkürzt die Vorstellung ist, die Kirchen sähen ihre Aufgabe darin, systemrelevant zu sein. Christliche Kirchen sehen ihre Aufgabe darin, Gott in Wort und Tat zu bezeugen. Sie verstehen sich als Versammlung jener Menschen, die an den Menschwerdung des gnädigen Gottes glauben. Sie sind Orte des Gebets, des Gottesdienstes, der Gemeinschaft und des Engagements für die Schwachen und Armen der Gesellschaft. Ist das systemrelevant? Möglicherweise kann ein solches Handeln gesellschaftliche Funktionen stützen. Wenn es aber darum geht, in einer Pandemie sich den Kranken zuzuwenden, so geschieht das durchaus in den viele diakonischen Einrichtungen, zu denen auch eine große Zahl von kirchlichen Krankenhäusern gehört.

Doch möglicherweise kann das Handeln von Kirchen auch systemkritisch sein. Es ist nicht die primäre Aufgabe und auch nicht das primäre Interesse von Kirchen, gesellschaftliche Systeme zu stützen. Es gibt ja durchaus gesellschaftliche Systeme, die Menschenrechte einschränken, die den Reichtum von wenigen massiv steigern, die die Ausbeutung von Mensch und Natur vorantreiben. Das können autoritäre Systeme sein, aber auch manche Systeme des freien und unregulierten Marktes. Kurz: Systemrelevanz an sich ist in keiner Weise ein Qualitätskriterium für Kirchen.

2. Mediale Präsenz von Kirchen

Nun waren kirchliche Stimmen tatsächlich in den letzten Wochen in geringerem Maße in den klassischen Medien wie Zeitungen und Fernsehen durch Meinungsbeiträge präsent. Dagegen dominierten dort  Vertreterinnen und Vertreter der Virologie und Epidemiologie. Doch warum sollte das verwunderlich sein? Es gibt gerade in diesen Zeiten viel zu tun, was nicht direkt öffentlichkeitsrelevant und doch wichtig ist. Dazu gehört auch die Seelsorge, vor allem die Telefonseelsorge, die Versorgung auch der Gemeindemitglieder, die keinen Internetzugang haben, mit gedruckten Andachten.

Es gibt darüber hinaus auch eine Zeit des Schweigens.Darauf hat auch der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, in einer Videobotschaft hingewiesen. Das öffentliche Interesse war eindeutig darauf ausgerichtet, erstens zu verstehen, wie groß die Gefahr ist, die mit der Pandemie einher geht, welche Hoffnung man haben kann auf eine Besserung, auf eine Reduzierung der Zahl der Neuerkrankungen. Ein weiterer Fokus lag auf dem staatlichen Handeln: Was ist erlaubt, was nicht? Zeiten der Krise sind immer auch Zeiten der Exekutive. Dies sieht man nicht zuletzt an der sprunghaft angestiegenen Zustimmung zu der Regierungspartei CDU. Ein dritter Fokus der öffentlichen Debatte lag auf den wirtschaftlichen Folgen dieser Maßnahmen. Wie groß wird der wirtschaftliche Schaden sein, ist er zu vermeiden? Mit welcher Zielrichtung sollten sich die Kirchen in diese Debatten einbringen?

3. Die theologische Herausforderung. Der Umgang mit dem Widrigen und dem Unvorhersehbaren, mit der Abhängigkeit und der existentiellen Verbundenheit

Nun gibt es aber auch einen wahren Kern mancher kritischer Äußerungen. Doch der hat nichts mit der öffentlichen Sichtbarkeit zu tun als vielmehr mit der Erwartung, dass auch im vertrauten Gespräch Vertreterinnen und Vertreter von Kirchen zu solchen schicksalshaften Ereignissen nicht viel zu sagen haben. Diese kritische Anfrage geht in die Richtung der Theologie und sie hat einen ernstzunehmenden Kern. Günter Thomas hat das in einem Beitrag in Zeitzeichen zum Ausdruck gebracht: In einer solchen Zeit wird zum Beispiel deutlich, dass die Natur nichteinfach nur die gute Schöpfung ist, dass sie lebensbejahende wie auch lebenszerstörende Kräfte enthält. Doch welche theologischen Ressourcen haben wir, um das Lebenszerstörende einer Pandemie, die über uns kommt, zu beschreiben? In der Fähigkeit zu Beschreibung des natürlichen Lebenswidrigen, das sich einer moralischen Beurteilung entzieht, hat die Theologie in der Tat in den letzten Jahrzehnten viel verloren. Man kann weitere Defizite in der Beschreibung der Endlichkeit des Menschen, in seiner Abhängigkeit vom Geist Gottes, in der Art und Weise sehen, wie wir theologisch Hoffnung äußern.

Theologisch ist also nicht einfach alles in Ordnung. Aber zeigt sich in Zeiträumen von vielen Jahren, nicht von einigen Wochen der Medienbeobachtung.

„Mein Leib für Dich gegeben“ auch auf digitalem Wege? Zur Diskussion um die digitale Vermittlung beim Abendmahl

Durch die Corona Pandemie ist eine lebhafte Diskussion um die Praxis der Feier des Abendmahls entstanden. Kann man das Abendmahl auch digital feiern? Kann das folgende Szenario ein Abendmahl genannt werden: Jemand steht oder sitzt vor einem Rechner mit Kamera, spricht die Einsetzungsworte über Brot und Wein, Ton und Bild werden an einen anderen Ort übertragen, zu einem Bildschirm, vor dem jemand, ebenfalls mit Brot und Wein ausgestattet, nach den Einsetzungsworten davon isst und trinkt?

Die zentrale Frage

Eine zentrale Frage lautet: Hängt die Möglichkeit einer Abendmahlfeier an der räumlichen und zeitlichen Einheit oder können diese durch die digitalen Medien aufgelöst, zumindest gelockert werden? Die Frage nach einer angemessenen Feier des Abendmahls ist nicht nebensächlich, das Sakrament gehört zu den zentralen gottesdienstlichen Vollzügen der christlichen Gemeinde. Ich plädiere in einem Beitrag, der auf der Internetseite 2komma42.de veröffentlicht ist, dafür, dass das Abendmahl nicht auf die geschildete Weise durchgeführt werden sollte.

Die Bedeutung unserer materiellen Existenz

Im Zentrum des christlichen Glaubens steht die Aussage, dass Gott Mensch wurde. Gott ist in einem Menschen mit „Haut und Haar“ inkarniert. Das hat eine große Bedeutung für die Interpretation von „Haut und Haar“, also für das Verständnis der menschlichen leiblichen Existenz, sie wird auf unschätzbare Weise aufgewertet. Es ist deshalb aus theologischer Perspektive in keiner Weise nebensächlich, dass wir auf die materiellen Bedingungen des Lebens angewiesen sind.

Was also machen wir, wenn wir in dieser durch Klimawandel und Corona Krise gezeichneten Situation als feiernde christliche Gemeinde danach streben, im liturgischen Vollzug von der körperlichen Präsenz möglichst unabhängig zu werden? Müssten wir nicht vielmehr sagen, dass wir mitleiden, dass der Leib Christi auch im Abendmahl von den materiellen Bedingungen betroffen ist?

Die christliche Gemeinschaft bezeugt sich auch in der materiellen Gabe

Eine mediale Vermittlung zwischen einzelnen Menschen über Fernsehen, Video, digitale Medien kann die materielle Bedingtheit der Gemeinschaft nicht in gleicher Weise bezeugen. Hier nimmt jede und jeder selbst von dem Brot, das sie oder er sich selbst bereit gelegt hat. Das Empfangen der materiellen Gabe wird nicht erfahrbar. Auch digitale Medien vermitteln Gemeinschaft, aber eben auf andere Weise. Das Spezifische des Abendmahls, die Bedeutung der materiellen Grundlage der Existenz und der Gemeinschaft, aber auch der Inkarnation Gottes kommt aber nicht ausreichend zur Geltung.

Wer in die Diskussion einsteigen möchte: Eine ausführlichere Version dieser Argumentation findet sich auf der Internetseite 2komma42.de auf der die Evangelische Akademie im Rheinland ihr Jahresprojekt zur christlichen Existenz in den digitalen Medien dokumentieren.

Wer trägt die Schuld? Eine Warnung in der Corona Krise

Die Verhältnisse ändern sich in dieser Zeit rasend. Wir lernen Tag für Tag unsere Welt neu kennen. Das, was vertraut schien, wirkt mit einem Mal fremd, das, was sicher schien, ist in Gefahr. Alle spüren, dass sich etwas Grundlegendes ändert, etwas, das langfristige Wirkungen für das eigene Leben, aber auch für das Zusammenleben haben kann. Das größte Problem unserer Zeit ist nicht die aktuelle Not, sondern, dass wir inmitten in dieser Krise um das Corona Virus nicht wissen, wie es in der Zukunft weiter geht. Die Verunsicherung ist grundlegend: Ist die Gegenwart eine Ausnahmesituation, die in wenigen Wochen beendet ist? Setzt hier eine Leidenszeit an, die uns das kommende Jahr oder auch darüber hinaus begleiten wird? Soeben (17. März) hat das Robert Koch Institut angedeutet, dass die Corona Krise sogar noch zwei Jahre dauern kann. Angesichts der dramatischen wirtschaftlichen Bedeutung verheißt das für die absehbare Zukunft nichts Gutes. (Eine theologische Einordnung der Situation von Andreas Losch findet sich hier)

Das Bedürfnis nach Klarheit

Die Unklarheit und die Ungewissheit werden uns noch einige Zeit begleiten. In dieser Zeit entsteht ein starkes Bedürfnis, die Dinge zu deuten und sie so in den Griff zu bekommen. Das, was man benennen kann, was man deuten kann, ist auch potentiell beherrschbar. Klare Ursachenzusammenhänge und klare Wirkungszusammenhänge schaffen Orientierung. Sie bieten die Grundlage für Vertrauen. Nicht zuletzt sind deshalb in Krisenzeiten jene Politikerinnen und Politiker beliebt, die klare Ansagen machen. Man kann beobachten, dass diese Aussagen von Tag zu Tag dramatischer werden: „Wir sind im Krieg“ (Macron), „Es geht um Leben und Tod (Laschet). Ob diese Tendenz hilfreich ist? Die Grenze zur unnötigen Dramatisierung ist schnell überschritten. Dennoch wirken diese Aussagen, sie brauchen nicht positiv sein, aber sie erscheinen in ihrer Eindeutigkeit als etwas, auf das man vertrauen kann. Dieser Reflex ist natürlich, kann aber politisch sehr heikel sein. Krisenzeiten sind auch solche, in denen politische Autorität auf unangemessene Weise Macht gewinnen kann.

Schuldzuschreibung als scheinbare Klärung

Eine weitere Strategie, Orientierung zu gewinnen, ist die Schuld-Frage zu stellen. Wenn nun eine solch große Krise über uns kommt, wer trägt die Schuld? Wenn man die Schuldige, den Schuldigen ausmachen kann, ist wiederum etwas mehr Klarheit gewonnen. Diese Strategie ist in der Vergangenheit immer und immer wieder auf desaströse Weise missbraucht worden. Schuld hat immer der Gegner, der Feind, der andere. Und so deutet es sich heute auch wieder an. Wir leben zwar im 21. Jahrhundert, die Reflexe sind aber auch heute genauso wie in früheren Zeiten. Die chinesische Regierung legt nahe, dass das Virus möglicherweise von einem US-amerikanischen Bürger in das Land gebracht worden sei. Der amerikanische Präsident redet von einem „ausländischen“ Virus. Die deutsche Regierung verbietet heute Flüge von China nach Deutschland, heute, wo mehr aktuell Infizierte in Europa leben als in China. In Italien wird breit darüber diskutiert, ob der wichtige Patient „0“, der das Virus nach Italien gebracht hat, aus Bayern stammt. Die polnische Regierung schottet sich gegenüber den Deutschen ebenso ab wie die deutsche Regierung gegenüber den Franzosen aus dem Elsass.

Man ahnt, wie die Diskussion weiter gehen kann. Wenn die Schäden steigen, wird der Reflex eher größer werden als kleiner. Das hat auf die Dauer eine desaströse Wirkung auf die internationalen Verbindungen. Vorwürfe, die hin und wieder erklingen, sind nicht entscheidend. Entscheidend ist die Bereitschaft, nach einem Schuldigen zu suchen. Nüchtern betrachtet wird man wohl von einer Verkettung unglücklicher Umstände, von einer multifaktoriellen Entwicklung reden müssen. Doch das will in Krisenzeiten kaum noch jemand wissen. Denn es hieße, sich mit dem eigenen Anteil an der Entwicklung auseinander zu setzen.

Ist die Krise ein Strafgericht Gottes?

Es gibt auch eine religiöse Variante der Schuldzuschreibung. Dann ist Gott der Verursacher, die Virus Krise ist dann so etwas wie eine Strafe für Fehlverhalten. Schuldig sind jene Menschen, die von dem rechten Weg abgekommen sind. Diese Interpretation ist ebenso problematisch, wie der Versuch, den Schuldigen bei fremden Mächten zu suchen. Doch darüber hinaus ist dieser Versuch, die Sünder zu identifizieren, die die Ursache der Krise sind, theologisch falsch. In der Rede von Gott spielt es eine entscheidende Rolle, wie man selbst auf die Sache schaut. Wer selbst betroffen ist und die Widerfahrnisse auf seine Beziehung zu Gott reflektiert, tut etwas, was jeder religiöse Mensch in der einen oder anderen Weise immer tut: Man steht vor Gott, kann sein Anliegen zum Ausdruck bringen, in Bitten, Klagen, im Dank. Aber dann hat man keinen Zugang zu einem Masterplan, man kann nicht die Perspektive Gottes einnehmen. Himmelweit davon entfernt aber ist es, scheinbar „objektiv“, „neutral“ auf das Geschehen zu blicken, in gewisser Weise Gott über die Schulter zu schauen. Das ist verbunden mit der Haltung, mindestens so viel zu wissen wie Gott. Diese Haltung steht uns Menschen aber in keiner Weise zu, weil wir allesamt endliche Wesen sind, die manches verstehen, vieles aber eben auch nicht. Wir sind mitten in den Geschehnissen, wir haben keinen Überblick. Es ist wie in der Politik: Wer sich anmaßt, den Überblick zu haben, überschreitet Grenzen. In religiösen Fragen ist die Überschreitung in gewisser Weise noch schlimmer: Wer in dieser Haltung auf die Geschehnisse der Welt blickt, spricht sich eine göttliche Weitsicht zu, kennt Gut und Böse und kann die Schuldigen genau ausmachen. Christlich ist eine solche Haltung nicht.

Resilienz durch Erfahrungen der Verbundenheit

Was bleibt? Wir müssen gerade auch in Krisenzeiten aushalten, dass wir nicht den Überblick haben. Kein Mensch kann vorhersehen, wie es weiter geht. Das gilt für die Verheißungspropheten ebenso wie für die Untergangspropheten. Das gilt besonders für diejenigen, die irgendwo die Schuldigen suchen. Mit Sicherheit gibt es viele Faktoren, die die Entwicklung befördert haben. Schuldzuweisungen versprechen nur eine vorläufige und nur eine scheinbare Sicherheit. Vielmehr kommt es darauf an, den Blick nach vorne zu richten: Wer kann was tun, um die Krise zu mildern. Christinnen und Christen können in Klage und Bitte und auch im Dank für die Dinge, die uns trotz allem geschenkt sind, reagieren. Sie maßen sich damit nicht an, Weltrichter zu spielen. Sie haben aber vielleicht die Fähigkeit, die schwierigen Situationen in dem Grundvertrauen zu durchstehen, dass sie auch in der Krise nicht allein sind. Die Verbundenheit zu Gott und damit auch die Verbundenheit zu den anderen Menschen bricht auch in einer Krise nicht ab. Sie ist gerade in der Krise einerseits eine Quelle der Beruhigung und der Bestätigung, sie ist andererseits auch immer eine Aufforderung, sich für das Menschenmögliche, für jene Verbesserungen einzusetzen, die unsere Welt auch in schweren Zeiten lebenswerter machen!

 

Jürgen Habermas stellt die Gretchenfrage – Anmerkungen zu seiner Geschichte der Philosophie

Jürgen Habermas hat vor wenigen Monaten mit über 90 Jahren ein sehr umfangreiches Werk in zwei Bänden  vorgelegt: „Auch eine Geschichte der Philosophie“, Berlin 2019. Habermas hat sich in seinen bisherigen Veröffentlichungen fast ausschließlich auf die philosophische Diskussion der Neuzeit bezogen, seine Beiträge suchten stets die aktuelle gesellschaftliche Debatte und hatten eine große Bedeutung in der philosophischen Selbstverständigung der Bundesrepublik Deutschland. Nun, in dem aktuellen Werk blickt der Philosoph weit zurück, lässt seine Geschichte der Philosophie in der so genannten Achsenzeit, einige hundert Jahre vor Christi Geburt beginnen und verfolgt die Entwicklung der Philosophie über die Spätantike, das Mittelalter, die Renaissance und Reformationszeit bis ins frühe 19. Jahrhundert. Im Grunde liegt dadurch eine Rechenschaft über den Gang der Philosophie des Okzidents über mehr als 2000 Jahre vor.

Die Rolle der Lebenswelt in der gegenwärtigen Philosophie

Es geht Habermas aber nicht um eine einfache chronologische Darstellung historischer philosophischer Ansätze. Er ist zu diesem umfangreichen Werk wiederum durch eine Frage motiviert, die sich aus der philosophischen Debatte der Gegenwart speist. Er teilt die gegenwärtigen Ansätze der Philosophie in zwei Richtungen, in eine solche, die bei dem vereinzelten erkennenden Subjekt ansetzt und im Großen und Ganzen einer (natur-)wissenschaftlichen, einer szientistischen Orientierung folgt und in eine solche, die bei intersubjektiv geteilten Symbol- und Regelsystemen ansetzt und die die Bedingungen von lebensweltlicher Vermittlung nicht außen vor lässt. (vgl. Bd.1, S. 10) Es ist unschwer zu erkennen, dass sich Habermas selbst der zweiten Richtung philosophischer Ansätze zuordnet.

Ich finde diese erneute Hinwendung zur Lebenswelt in dem Denken von Habermas überraschend und wichtig. Es hat eine Zeit gegeben, in der er sich nach der „Theorie des kommunikativen Handelns“, wo sie eine zentrale Rolle hatte, sehr weit von einem Bezug auf die Lebenswelt entfernt hat. Die Beschäftigung mit dem Recht („Faktizität und Geltung“) und die Verankerung seiner Diskurstheorie mit dem Universalisierungsgrundsatz U haben ihn davon distanziert. Das war aus meiner Sicht sehr bedauerlich, weil die Lebenswelt ja gerade jenes Reservoir bezeichnet, in dem Menschen in elementarer Verbundenheit miteinander existieren. Die Lebenswelt war im Frühwerk bei Habermas immer das Gegenüber und kritische Korrektiv zu seiner modernen systemisch organisierten Gesellschaft. Die Abwendung von der Lebenswelt hat insbesondere ein ihm nahe stehenden Kritiker, der Philosoph Albrecht Wellmer bemängelt. Es scheint mir ein deutliches Zeichen zu sein, dass Habermas sein spätes Werk nun gerade diesem befreundeten kritischen Begleiter widmet.

Die Wegscheide bei Hume und Kant

Die beiden  philosophischen Richtungen, die heute miteinander konkurrieren, führt Habermas auf zwei herausragende Philosophen des 18. Jahrhunderts zurück, auf Hume und Kant. Während Kant die reiche Tradition der Philosophie mit einem umfassenden Ansatz, der auch die praktische und ästhetische Vernunft umfasst, bewahren möchte, ist Hume auf die Dekonstruktion aller Deutungsansprüche aus, die über eine methodisch erschlossene Empirie hinaus gehen: „Die Alternative (scil. zwischen Kant und Hume, FV) ist klar: Entweder muss die erkennende subjektive Vernunft um ein Vermögen der praktischen Vernunft ergänzt werden (…) oder die normativen Gehalte der transzendierenden Begriffe des Gerechten, Guten und Schönen müssen (…) im buchstäblichen Sinne ‚dekonstruiert‘, also auseinandergenommen und ‚reduziert‘, das heißt via empirischer Erklärung auf beobachtbare Phänomene zurückgeführt werden.“ (Bd. 2, S. 207)

Habermas will mit Hilfe seiner weit ausholenden Geschichte des philosophischen Denkens prüfen, welche der konkurrierenden Richtungen durch sie gestützt wird. Er stellt die Geschichte der Philosophie als eine Genealogie dar, neuere Entwürfe entwickeln sich aus älteren, indem sie neue Erkenntnisse aufnehmen oder auf veränderte gesellschaftliche Konstellationen reagieren. Diese Genealogie interpretiert Habermas also als einen Lernprozess. Welche der beiden konkurrierenden Richtungen ergeben sich zwangloser als fortgesetzter Lernprozess aus der vorangegangenen Entwicklung? Der erste Band stellt die „Okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen dar und endet mit den Ansätzen des Spätmittelalters und der Renaissance. Der zweite Band folgt der Diskussion von Glauben und Wissen seit der Reformation und der Neuzeit bis zu den Positionen der Junghegelianer im 19. Jahrhundert.

Die Gretchenfrage: Wie hältst Du es mit der Religion?

Das Spannende und auch Überraschende gerade auch aus der Perspektive christlicher Theologie ist nun, dass Habermas diese Geschichte der Philosophie Europas so erzählt, dass er sie als einen ständige Neubestimmung des Verhältnisses von Glauben und Wissen darstellt! Das ist in der durch und durch säkularen Diskussion der gegenwärtigen Philosophie überraschend. „Die Frage, was sich die Philosophie noch zutrauen kann und soll, entscheidet sich heute, ungeachtet ihres unverhohlen säkularen Charakters, in jenem transformierten Erbe religiöser Herkunft.“ (Bd. 1, S. 15) Diese These im Kern seiner Ausführungen ist erstaunlich. Man kann die Situation in zugespitzter Form so beschreiben: Der säkulare Philosoph Jürgen Habermas möchte sich in einer Auseinandersetzung mit konkurrierenden säkularen philosophischen Ansätzen seine Position dadurch argumentativ stärken, dass er auf die sehr lange Geschichte des Wechselspiels von Glaube und Wissen, von christlicher Theologie und griechischer Philosophie verweist. Was heute so ungewöhnlich wirkt, war nach dem Zweiten Weltkrieg noch Grundlage einer lebhaften Diskussion. Damals hatte es im deutschsprachigen Raum eine breite Debatte um das Verhältnis der Philosophie zur christlichen Tradition gegeben. Habermas erinnert an sie, um sich zugleich davon abzugrenzen. Weder will er der Nostalgie eines Carl Schmitt folgen, noch der Abgrenzung eines Hans Blumenbergs (vg. Bd. 1, S. 42; Bd. 1, S. 67).

Letztendlich doch Säkularisierung der Religion?

Klar ist, dass Habermas die Geschichte von Glauben und Wissen nicht als Dialog zweier gleichberechtigter Partner konzipiert. Letztlich obsiegt die Philosophie und es ist für den säkularen Philosophen Habermas klar, dass vor der Prüfinstanz der Philosophie nur rationale Gründe gelten können. Jedoch fasst er sie weiter als eine Einschränkung auf wissenschaftliche Methoden. Er bezieht sich insbesondere auf das Reservoir der Lebenswelt, um einen anspruchsvolleren Begriff von Vernunft ableiten zu können: „Was wir ‚Vernunft‘ nennen, ist nur die subjektive Spiegelung einer soziokulturellen Lebensform sprachlich vergesellschafteter Subjekte (…).“ (Bd. 1, S. 174). Mit dieser Vernunft müssen sich Gründe für normative Aussagen finden lassen.

Die theologischen Gehalte werden und müssen säkularisiert werden, da ist sich Habermas sicher. Aber die säkulare Position der Philosophie zehrt als solche von ihrer Loslösung von der Theologie. Er versucht „den Prozess der ‚Einwanderung‘ theologischer Gehalte ins profane Denken als einen philosophisch nachvollziehbaren Lernprozess darzustellen.“ (Bd. 2, S. 806) Auch am Ende der umfangreichen Arbeit über diesen Lernprozess ist dem Autor nicht deutlich, ob es noch nicht abgegoltene Gehalte religiöser Erfahrung gibt, die darauf harren, in die säkulare philosophische Sprache übertragen zu werden.

Der Entwurf kann und wird sicherlich noch lebhaft kritisch diskutiert werden. Hans Joas und Otfried Höffe haben das schon in ersten Rezensionen begonnen. Man kann und muss die Annahme von Habermas hinterfragen, die religiösen Gehalte ließen sich über einen Lernprozess einer säkularen Vernunft zuführen. Wichtig finde ich aber unabhängig von der konkreten Ausführung auf jeden Fall sein deutliches Plädoyer für die Ressourcen der Lebenswelt und für eine neue Beurteilung des viele Jahrhunderte währenden Dialogs zwischen Glauben und Wissen, der die okzidentale Geistesgeschichte geprägt hat! Man muss die Arbeit von Habermas auch als Hinweis lesen, dass in dem scheinbar Vergangenen und Veralteten der Diskussionen der letzten Jahrhunderte und Jahrtausende für die Gegenwart noch so manche Schätze zu bergen sind!