Gibt es Vernunftsgründe für die Existenz Gottes?

 

Die Frage, ob man die Existenz Gottes mit Vernunftgründen belegen kann, ist schon alt. Sie ist in Zeiten diskutiert worden, in denen die allermeisten Menschen noch selbstverständlich von der Existenz Gottes ausgingen. Philosophen des Mittelalters haben auf diese Weise versucht, die biblische Rede von Gott mit der Begrifflichkeit griechischer Philosophie zu verbinden. Die Voraussetzung solcher Vorhaben war und ist, dass man Gott in einer Weise definiert, die dem vernünftigen Nachdenken zugänglich ist. Gott werden dann in der Regel Eigenschaften zugesprochen wie: Gott ist allmächtig. Oder: Gott ist allwissend. Oder. Gott ist das, was größer nicht gedacht werden kann. Ist Gott mit diesen Eigenschaften definiert, versucht man zu zeigen, dass Gottes Existenz aus vernünftigen Gründen verteidigt werden kann.

Ein Beitrag zu der Frage, ob die Existenz Gottes schon aus Vernunftsgründen bejaht werden kann, ist  das sehr populäre kleine Buch des Philosophen Holm Tetens: „Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie.“ Tetens fragt und argumentiert als Philosoph, das heißt, nur innerhalb jener Grenzen, die der Philosophie gesetzt sind. Er bekennt sich nicht zu einer bestimmten religiösen Gottesvorstellung. Aber er lässt an mehreren Stellen durchscheinen, dass sein Nachdenken schon in das Umfeld der christlichen Traditionen gehört.

Es geht nicht um Wunderglauben

Tetens setzt zunächst einmal die Gültigkeit der Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung voraus. Gott ist zunächst einmal nichts, was mit der Durchbrechung naturwissenschaftlicher Gesetze identifiziert werden kann. Ihm geht es vielmehr um die Frage, ob man die Behauptung, Gott existiere, mit vernünftigen Argumenten begründen kann.

Die erste und wichtigste Voraussetzung für ein solches Vorhaben ist es, dass man mit Gott Eigenschaften verbindet. Tetens beginnt zunächst beim Menschen und definiert ihn als ein endliches Subjekt. Wir Menschen sind nicht Weltgeist, sondern in endliche Körper eingebunden und haben nur endliche Erkenntniskraft. Wir sind in unserem Leben unüberwindlichen Hindernissen ausgesetzt, das definiert unsere Endlichkeit. Von dieser Definition des Menschen ausgehend, beschreibt Tetens in einem zweiten Schritt Gott als ein unendliches Subjekt. Gott ist also keinen unüberwindlichen Hindernissen ausgesetzt, deshalb ist Gott nicht endlich. Weiterhin will Gott das Gute, er ist kein kalter, distanzierter, sondern ein wohlwollender Gott. Von diesen grundlegenden Annahmen geht Tetens aus und prüft dann, ob man mit vernünftigen Gründen sagen kann, dass ein solcher Gott existiert.

Gott als Schöpfer des Bösen?

Eine entscheidende Frage ist die Frage, wie Gott und Welt zusammen gedacht werden. Gott ist nach Tetens Schöpfer der Welt. Das ist mit seiner Definition des unendlichen Subjekts vereinbar. Gott kann als Schöpfer über alles Weltliche verfügen, nichts kann ihm ein Hindernis darstellen. Denn jedes Hindernis würde ihn begrenzen, die Unendlichkeit wäre aufgehoben. Nun hat diese klassische Vorstellung von Gott dem (unendlichen, allmächtigen) Schöpfer aber ein riesiges Problem: Was machen wir mit dem Bösen in der Welt? Hier klingt die berühmte Theodizee Frage an: Wenn Gott allmächtig, unendlich ist, und gleichzeitig gut und wohlwollend, wie kann es dann das Böse in der Welt geben? Es werden begriffliche Klimmzüge notwendig, weil nun erklärt werden muss, warum das Böse ist, obwohl es Gott nicht will und obwohl das Böse für Gott kein ernstzunehmender Widerstand sein kann. Eine klassische Antwort auf dieses Problem ist, dass Gott das Böse nicht aktiv will, sondern nur zulässt. Doch warum sollte diese Unterscheidung überzeugend sein? Laufen beide Einstellungen, „wollen“ und „zulassen“, nicht auf dasselbe hinaus? Eine philosophische Vorstellung von Gott dem Schöpfer der Welt, die Gott und Welt in eine (vernünftige) Ordnung zu zwängen versucht, verwickelt sich von Beginn an in Widersprüche! Das entscheidende Gegenargument ist die Existenz des Bösen, des absolut Widervernünftigen in der Welt. Beispiele dafür finden wir jeden Tag, wir brauchen bloß die Nachrichten aus der Welt lesen.

Wie kann man vernünftig von etwas Unvernünftigen reden?

Das Problem einer rationalen Theologie im Sinne Tetens ist meiner Ansicht nach, dass sie in rationale Begrifflichkeit einzufangen sucht, was sich dieser von Beginn an entzieht. Liefere ich damit ein Plädoyer für den Irrationalismus? Nein, die Vernunft ist zu wichtig, um leichtfertig mit ihr umzugehen. Die entscheidende Frage ist, wie man sich dem nähert, was sich der Vernunft entzieht. Beide Wege halte ich für falsch: Entweder die Gottesvorstellung so weit in die vernünftige Ordnung zu zwingen, dass der Anschein entsteht, man könne Gott zu einem Teil eines Vernunftsystems machen oder aber die Vernunft zu vergessen und sich kopfüber in den Irrationalismus zu stürzen.

Dagegen ist es für mich entscheidend, wie wir uns dem Nicht-Vernünftigen, dem Über-Vernünftigen annähert, das immer im Spiel ist, wenn es um Gott geht. Auch hier sind wir aufgefordert, die Mittel der Vernunft einzusetzen, wir sollen mit verständlichen Worten von Gott reden, aber es sind die Mittel einer Vernunft, die sensibel ist für die Differenzen und Abweichungen und ihre eigenen Grenzen. Und es sind Worte, denen man abspürt, dass sie über sich selbst hinaus weisen. Die philosophische Aufklärung immer wieder hervorgehoben, wie wichtig es ist, die Grenzen der Vernunft zu berücksichtigen. Es ist nicht alles vernünftig oder alles unvernünftig. Es ist vielleicht gerade vernünftig, ständig mit den Grenzen der Vernunft zu rechnen. Wer von Gott redet, hat es aber immer mit den Grenzen der Vernunft zu tun.

Die Geschichte als Umfeld einer endlichen Vernunft

Die biblischen Texte gehen in einer bestimmten Weise mit Gott um. Sie zwängen ihn nicht in ein Prokrustesbett rationaler Begrifflichkeit, sondern betonen immer wieder die geschichtlichen Vorgänge, in denen sich Gott zeigt. Es sind konkrete geschichtliche Ereignisse, mit denen Gott in Verbindung gebracht wird, der Auszug aus Ägypten oder das babylonische Exil oder auch das Leben und Sterben des Jesu von Nazareth. Ist die Geschichte vernünftig? Nein, leider nicht. Ist sie einfach unvernünftiges Chaos? Das könnte wohl nur ein Zyniker sagen. Wir sind endliche Subjekte, wie Tetens zu Recht sagt. Aber als endliche Subjekte sind wir geschichtliche Subjekte und die Geschichte vernachlässigt Tetens. So ist es kein Zufall, dass er das apostolische Glaubensbekenntnis zitiert, dabei den ersten Artikel, Gott der Schöpfer, und den dritten Artikel, Gott als Geist, aber den zweiten Artikel: Gott offenbart in der Geschichte durch Jesus Christus komplett auslässt.

Wir leben in einem Fluss geschichtlicher Ereignisse, die wir mit der Vernunft auszuleuchten versuchen, so gut es geht. Aber es ist vielleicht besonders vernünftig, immer auch auf die Ränder zu achten, die sich der Vernunft entziehen. Also müssen wir uns gerade im Gebrauch der Vernunft üben, um dann ihre Grenzen besser erahnen zu können. Dann aber erahnen wir auch die Existenz Gottes. Seine Existenz schlüssig begründen können wir in dem kleinen Lichtkegel unserer Vernunft leider nicht.

Ist menschliche Gewalt vermeidbar? Anmerkungen zu einer (un)menschlichen Eigenschaft

Ein Jahr der Erinnerungen

Mit 2018 verbinden sich Erinnerungen an gleich zwei große Kriege in der deutschen Geschichte: Einerseits ist dieses Jahr der 400. Jahrestag des Beginns des Dreißigjährigen Krieges und es ist zugleich der 100. Jahrestag des Ende des Ersten Weltkrieges. Beide Kriege sind durch eine vorher nicht genannten Ausbruch von Gewalt bestimmt: im Dreißigjährigen Krieg starb in vielen Regionen Deutschlands bis zu einem Drittel der Bevölkerung, der Erste Weltkrieg war in gewisser Weise der erste industrialisierte Krieg, in dem neue Waffensysteme und neue Kampfmittel eine bis dahin unvorstellbare Zahl von Toten zur Folge hatte. Seit dieser Zeit gab es den Zweiten Weltkrieg und es gab eine Vielzahl weiterer Kriege, die Kriege in Syrien, im Jemen und in Afghanistan sind nur stellvertretend für viele weitere Gewaltkonflikte unserer Zeit. Die Vereinten Nationen sind nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Ziel gegründet worden, den brüchigen Weltfrieden zu bewahren. Die Organisation hat viele verdienstvolle Einsätze in der ganzen Welt geleistet und doch ist die Welt auch im Jahr 2018 noch weit von einem Frieden entfernt.

Ist der Mensch ein Wolf, ist der Mensch ein Schaf?

Dies soll ein Anlass sein, einmal grundsätzlicher über menschliche Gewalt nachzudenken. Es soll hier um die Schattenseite des Menschlichen gehen. Sind wir Menschen von Natur aus gewalttätige Wesen, die nur mühsam über zivilisatorische Maßnahmen gezähmt werden können? Oder ist Gewalt ein vermeidbares Übel für den Menschen, so dass es darauf ankommt, diese Geißel des Menschlichen ein für alle Mal hinter sich zu lassen? Ist es möglicherweise so, dass wir immer damit rechnen müssen, dass Menschen zur Durchsetzung in einer Auseinandersetzung zur Gewalt greifen können? Oder ist der Mensch von Natur aus friedfertig, aber durch ungerechte Strukturen immer wieder zur Gewalt herausgefordert? Ist Gewalt etwas primär Männliches, dass sie die Folge von patriarchalischen Kulturen beschrieben werden kann? Oder ist die Gewalt vielmehr amorph, so dass sie, sobald sie in der einen Form eingedämmt ist, in einer anderen Form wieder auftritt? Für all diese Positionen lassen sich Argumente finden. Die einen betonen die immer wieder auflodernde Gewalt im zwischenmenschlichen Leben. Das muss nicht allein die Gewalt in der Auseinandersetzung von Staaten sein, es kann gerade auch die Gewalt zwischen einzelnen Menschen sein. Die anderen betonen die Entwicklung, die die Menschheit in den letzten Jahrhunderten durchlaufen hat. Zwar gibt es immer wieder Kriege, aber die relative Anzahl der Menschen, die in gewalttätigen Auseinandersetzungen verwickelt sind an der Gesamtzahl der Menschheit hat abgenommen.

Biblische Beobachtungen zum Thema Gewalt

Was gilt? Ich vermute, dass die beiden extremen Positionen – der Mensch ist unveränderbar von Natur aus gewalttätig oder: der Mensch ist von Natur aus friedliebend, jedoch waren die Verhältnisse bislang nicht so – eine eklatante Schwäche aufweisen. Die Schwäche ihrer Argumentation besteht darin, dass sie das Verhältnis des Menschen zur Gewalt in ein eindeutiges Verhältnis setzen wollen. Wahrscheinlich kann das ebenso wenig gelingen, wie der Versuch, endgültig bestimmen zu wollen, was oder wer der Mensch ist. Gewalt ist eine grundlegende Möglichkeit menschlichen Handelns und man muss auch immer mit ihr rechnen. Selbst in einer sehr friedlichen Gesellschaft hat zumindest der Staat das Gewaltmonopol. Weltanschauliche Urteile neigen aber in dieser Diskussion zur Eindeutigkeit: Der Mensch ist von Natur aus gewalttätig. Oder: Der Mensch ist von Natur aus gut. Wahrscheinlich ist er weder das eine noch das andere. Biblische Texte beschreiben den Menschen gerade in seinem Verhältnis zur Gewalt sehr realistisch. Sie propagieren nicht einen Idealmenschen, sondern befassen sich mit dem real existierenden Menschen. Die Menschheitsgeschichte beginnt hier mit einem Brudermord. Israel hat es in seiner Geschichte immer wieder mit Gewalt zu tun. In Jesus Christus erleidet der menschgewordene Gott einen grausamen und gewaltsamen Tod. Auch sind die Menschen der ersten Gemeinde immer wieder von Verfolgung und Gewalt bedroht.

Die Verheißung und das Gebot

Nun gibt es in den biblischen Traditionen zwei grundsätzliche Traditionen, in denen Aussagen zur Gewalt im Mittelpunkt stehen. Da ist auf der einen Seite die göttliche Verheißung. Am Ende der Geschichte wird Gott aller menschlichen Gewalt ein Ende setzen. Berühmt ist die Stelle bei Jesaja, wo alle Völker zum Zion pilgern und die Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet werden (Jesaja 2,4; auch Micha 4,3). Im Neuen Testament steht am Ende der Apokalypse das schöne Wort „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“ (Apk 21,4). Die christliche Tradition interpretiert die Geschichte der Menschheit als einen Weg auf diese Verheißung zu. Die Verheißung wird damit zu einer Zielmarke für alles menschliche Handeln. Handle stets so, dass die Folgen Deines Handelns das ferne Ziel der Gewaltlosigkeit ein Stück näher rücken. Doch erreichen können wir Menschen das Ziel nicht, es bleibt Gottes Handeln vorbehalten.

Viel karger und nüchterner steht dann da die zweite biblische Aussage zur Gewalt, die sich in dem fünften Gebot konzentriert: „Du sollst nicht töten.“ (Exodus 20,13). Dieses Gebot sagt ja implizit dreierlei: Zum ersten sagt es, dass es möglich ist, zu töten. Zum zweiten sagt es, dass es durchaus ein menschlicher Wunsch sein kann, zu töten. Denn sonst machte ein Gebot keinen Sinn. Doch es sagt zum dritten, dass das Töten von Menschen nicht sein darf.  Die Tötung eines Menschen durch einen Menschen ist sicherlich eine Zuspitzung von Gewalt. Deshalb kann sie paradigmatisch für die Gewalt von Menschen gegen Menschen stehen. Das Gebot besagt: Es ist immer mit der Möglichkeit zu rechnen. Deshalb sind alle aufgerufen, so gut als möglich sich davor zu bewahren.

Ist das Töten etwas Fernes? Ein Interview mit Joe Bausch

Nun mögen sich vielleicht viele zurücklehnen und beruhigt denken, dass das sie in ihrem Alltag nicht betrifft. Töten tun möglicherweise andere… Doch das ist ein wenig zu kurz gegriffen. Einerseits steht das Töten für eine Vielzahl von Gewaltformen. Eine zerstörerische Gewalt kann schon viel früher einsetzen als dann, wenn man einen Menschen zu ermorden versucht. Man nennt eine sehr böswillige Verleumdung nicht von ungefähr „Rufmord“. Und dazu gibt es heute angesichts der Möglichkeiten in den digitalen Netzen mehr denn je Möglichkeiten und Gelegenheiten. Es gilt also, ohne Unterlass wachsam zu sein. Dier Formen von Gewalt sind vielfältig und können immer wieder neue Formen annehmen. Und auch alte Formen von Gewalt, etwa die der Auseinandersetzung mit Waffen, können unversehens wieder an Kraft gewinnen. Schließlich ist es doch erstaunlich, dass in unserer scheinbar so friedsamen Gesellschaft ein eigentümliche Faszination von den fiktiven Morden ausgeht, wir sind Zuschauer ungezählter Morde in den täglich ausgestrahlten Fernsehkrimis. Was fasziniert uns so daran? Ich habe ein Akademiegespräch mit Joe Bausch zu dem Thema geführt. Joe Bausch ist einerseits Schauspieler und mimt den Gerichtsmediziner Dr. Roth in dem Kölner Tatort. Zum anderen ist er Arzt in einer Justizvollzugsanstalt und dadurch täglich mit solchen Menschen konfrontiert, die schwere Gewalttaten begangen haben. Über beide Facetten von Gewalt reden wir in dem Gespräch.

 

 

Geht in dieser Welt alles mit rechten Dingen zu?

„Es geht alles mit rechten Dingen zu!“ Diese Aussage ist eine Redewendung, die immer wieder in der Debatte zwischen Religion und Wissenschaft auftaucht. Meist wird sie mit einem Ton der Entrüstung von jenen vorgebracht, die die Erkenntnisse der Wissenschaften gegen bestimmte Aussagen der Religion ins Feld führen. Sie richtet sich etwa gegen Wunder, gegen außerirdische Erscheinungen und transzendente Erfahrungen, kurz gegen alle Behauptungen, dass etwas geschehen kann, was nicht wissenschaftlich beschrieben werden kann. Anders herum: Das, was wissenschaftlich beschrieben werden kann, ist das, was mit rechten Dingen zugeht.

Die Veranstaltung

Am 29. November findet in der Kreuzeskirche in Essen zu dieser Aussage ein Streitgespräch zwischen Helmut Fink, Physiker und verantwortlich für die Akademie für säkularen Humanismus und mir statt. Ich versuche die These zu verteidigen: „Es geht nicht immer alles mit rechten Dingen zu!“

Die Thesen finden sich hier:

Helmut Fink

http://www.mensch-welt-gott.de/Downloads/Thesenpapier_Fink_29.11.17.pdf

Frank Vogelsang

http://www.mensch-welt-gott.de/Downloads/Thesenpapier_Vogelsang_29.11.2017.pdf

Es geht nicht um das eine oder andere Wunder

Ich denke, dass Christinnen und Christen gar nicht anders können, als diese Behauptung aufzustellen. Denn sie sind von der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus überzeugt. Es geht hier gar nicht einmal um die Frage, ob Jesus Wunder getan hat, wie es in den biblischen Texten beschrieben wird. Das scheint mir nebensächlich zu sein. Ich würde die Wunder auch nicht als historisch verteidigen wollen. Denn einerseits passen die Wunder nur zu gut in die Vorstellungswelt der Spätantike. Wundertätigkeit wurden in dieser Zeit auch Philosophen und Kaisern nachgesagt. Zudem sind die biblischen Texte selbst bestimmt durch eine Wunderkritik. Aber auch wenn man theologisch die Wunder als Mythisierungen ausräumt, so bleibt doch ein „Elementarwunder“, das nicht weggedeutet werden kann, ohne das Zentrum des christlichen Glaubens zu beseitigen: Das Wunder der Menschwerdung.

Die Menschwerdung Gottes

Wenn man von der Menschwerdung Gottes ausgeht, dann kann nicht alles mit rechten Dingen zugehen! Nun heißt das aber nicht, dass wissenschaftliche Gesetze gebrochen werden müssen. Denn es gibt kein wissenschaftliches Gesetz, das lautet: „Gott kann nicht Mensch werden“. Alle Aussagen über Gott sind, wenn man sie als theologische Aussagen ernst nimmt, per se jenseits der wissenschaftlichen Beschreibbarkeit.

Plädoyer für eine offene Wirklichkeit

Aber ist es denn so, dass die Dinge, die uns im Alltag besonders wertvoll sind, sich gerade nicht in wissenschaftlichen Beschreibungen erfassen lassen? Wenn man dieser Frage nachgeht, wird man feststellen, dass es vielleicht gar nicht so abwegig ist, dass Christinnen und Christen ihren Glauben an Gott so zum Ausdruck bringen, wie sie es tun. Wenn wir davon ausgehen, dass die Wirklichkeit viel größer ist als das, was wir in allgemeinen Ausdrücken wissenschaftlich beschreiben können, dann ist es geradezu naheliegend, dass auch der Glaube an Gott auf diese Sphäre jenseits wissenschaftlicher Beschreibbarkeit weist!

Ich bin sehr auf die Diskussion und den Austausch in der Veranstaltung gespannt und werde von den Ergebnissen hier berichten!

Warum beziehen wir uns im Alltag so selten auf Gott?

Im Alltag verlassen wir uns auf Routinen. Das sind solche Handlungsabläufe, über die wir nicht viel nachdenken müssen, die fast von selbst stattfinden. Die Dinge, mit denen wir umgehen, sind uns vertraut. Doch was passiert, wenn etwas Außergewöhnliches geschieht? Das Außergewöhnliche ist erst einmal eine Unterbrechung des Alltags. Die Routine greift nicht mehr, etwas gerät ins Stocken.

Unterbrechungen des Alltags

Wir müssen uns dann neu orientieren. Warum funktioniert das Licht im Keller nicht? Warum springt das Auto nicht an? Warum habe ich keinen Empfang mit meinem Handy? Es gibt tausend Gründe dafür, dass die Routinen unterbrochen werden. Nun haben wir moderne Menschen auch für solche Momente eine Routine entwickelt.  Wenn etwas fragwürdig wird, gehen wir mit der Situation in einer bestimmten Weise um. „Was ist los?“ Wenn wir die Frage zu beantworten versuchen, nehmen wir eine bestimmte Haltung ein und machen uns auf die Suche.

Wir suchen nach Indizien für die Ursachen der Unterbrechung und beziehen uns auf Hintergrundannahmen, die wir als sicher annehmen. Diese Hintergrundannahmen bestehen für uns  in der Regel aus dem Wissen über die objektive Welt. Wir akzeptieren in der Regel keine Erklärungen, in denen die Naturgesetze außer Kraft gesetzt sind. Eine Formulierung, die dieser Haltung Ausdruck gibt, lautet: „Es muss alles mit rechten Dingen zugehen.“

Ist das UFO wirklich gelandet?

Nehmen wir einmal die folgende Situation an: Ein Freund stürzt durch die Tür herein und behauptet aufgeregt, vor dem Haus sei ein UFO gelandet. Wir glauben ihm nicht, aber lassen uns mitreißen und laufen vor das Haus: Wir sehen nichts. Der Freund will sich nicht beruhigen, wir untersuchen mit ihm den Rasen vor dem Haus nach Spuren, wir finden wiederum nichts. Auch gibt es keine weiteren Zeugen im Umfeld. An Bäumen, an Strommasten oder Hausfassaden sind keine Spuren zu sehen, die auf die Landung eines UFOs schließen lassen. Unser Freund bleibt hartnäckig, um ihn zu beruhigen, gehen wir in der Überprüfung vielleicht noch weiter: Wir fragen in der Nachbarschaft, ob es irgendwo Stromausfälle oder andere außergewöhnliche Indizien gab, telefonieren mit Bekannten in der Nähe, ob sie etwas gesehen haben. Schließlich rufen wir bei der Leitwarte des nahe gelegenen Flughafens an. Doch auch da werden keine besonderen Vorkommnisse auf den Radarschirmen gemeldet. Was bleibt uns dann anderes übrig, als diese Erfahrung des Freundes als einen persönlichen subjektiven Eindruck einzuordnen, die eher einer Halluzination gleicht? Wir mögen immer noch ihn entschuldigen wollen, aber klar ist, dass seine Behauptung über die Wirklichkeit nicht zutrifft.

Das Objektive und das Subjektive

Was haben wir nun mit unserem Prüfprozess getan? Wir haben ein bestimmtes Programm durchgearbeitet, das auf ein allgemeines Verständnis von einer objektivierbaren Welt ausgerichtet ist. Wenn ein UFO gelandet sein sollte, so die Vermutung, dann hat es sicherlich auch objektive Spuren hinterlassen, die dem einen oder anderen Überprüfung zugänglich sind. Wenn es solche Spuren nicht gibt, müssen die Ursachen für die Erscheinung beim Freund selbst zu suchen sein. Dann war das UFO nur ein subjektiver Eindruck, ein Schein, dem aber kein Sein entspricht. Der Freund mag „innerlich“ überzeugt sein, aber seiner Überzeugung entspricht keine äußere Wirklichkeit.

Dieses Urteil ist gut begründet. Wenn wir unreflektiert einer Behauptung über die Wirklichkeit Glauben schenken, setzen wir uns dem Verdacht der Leichtfertigkeit, zumindest aber der Leichtgläubigkeit aus. Die objektivierende Beschreibung der Welt ist ein hohes Gut, das wir in den letzten Jahrhunderten errungen haben. Nicht nur bei einer so skurrilen Behauptung wie der Landung eines UFOs ist die Orientierung an dem objektiv Nachweisbaren von großer Bedeutung. Denn sie beruht auf einer Beschreibung der Wirklichkeit, die größtmögliche Allgemeinheit anstrebt.

Was hat all das mit der Rede von Gott zu tun? Um es klar zu sagen: Es wäre natürlich fatal, nun anzunehmen, Gott habe vor allem mit solchen unerklärlichen Ereignissen zu tun und sei an Wunder gebunden, also an Ereignisse, bei denen es nicht mit rechten Dingen zugeht. Dann würde sich der Glaube an Gott kaum vom Glauben an UFOs unterscheiden. Die Frage aber ist, ob unsere Routine der Unterscheidung zwischen Sein und Schein, zwischen subjektiven Eindrücken und objektiven Geschehnissen so gut begründet ist. Für Erfahrungen mit Gott bliebe nur die Kategorie „subjektiver Eindruck“ und da haben wir gelernt, misstrauisch zu sein.

Jenseits des Objektiven UND jenseits des Subjektiven – irgendwo dazwischen

Doch was ist, wenn diese Unterscheidung gar nicht so gut begründet ist? Was ist, wenn sie unterschlägt, dass die Wirklichkeit viel differenzierter ist, dass sie sehr viele Schattierungen kennt zwischen dem rein Objektiven und dem rein Subjektiven? Wie interpretieren wir dann die diffusen Zwischenzustände? Die sind nun gar nicht so selten, im Grunde leben wir in ihnen. Wenn ich sage „Das Wetter ist schön!“  – ist das eine subjektive Aussage? Eigentlich nicht, denn ich sollte solch eine Aussage auch begründen können, etwa, indem ich auf den Sonnenschein verweise. Ist es eine objektive Aussage? Eigentlich nicht, denn es steckt in ihr immer auch etwas von meiner persönlichen Wahrnehmung.

Die meisten Dinge um uns herum sind wie das Wetter weder objektiv noch subjektiv. Doch weil wir gelernt haben, im Zweifelsfall klar unterscheiden zu wollen, fällt es uns schwer, die Eigenständigkeit dieser Zwischenzustände zu akzeptieren. In diesen Zwischenzuständen aber zeigt sich die Wirklichkeit in einer Weise, die nicht auf etwas anderes reduziert werden kann. Wenn ich anderen Menschen begegne, ist das dann subjektiv oder objektiv? Wenn ich bestimmte Erfahrungen mit der Natur mache, ist das subjektiv oder objektiv? Erfahrungen mit Musik, sind sie subjektiv oder objektiv? Wir werden all diesen Erfahrungen nicht gerecht, wenn wir sie als eigentlich objektive Vorgänge beschreiben. Noch werden wir ihnen gerecht, wenn wir sie als subjektive Eindrücke einordnen.

Diese Zwischenzustände sind es, auf die eine leiborientierte Phänomenologie aufmerksam macht. Es sind auch diese Zwischenzustände, in denen Gott sich zeigt. Es sind zwischenmenschliche Konstellationen, die weder objektiv noch subjektiv sind, es sind Erzählungen, die weder objektiv noch subjektiv sind. Die biblischen Texte sind voller Hinweise auf solche Konstellationen. Es geht also darum, zunächst einmal wahrzunehmen, dass unser Leben von Verhältnissen geprägt ist, die ebenso wirklich sind wie die objektiven Dinge der Naturwissenschaften und doch sich nicht eindeutig fixieren lassen. Wenn wir stärker darauf aufmerksam würden, könnten wir auch unsere Erfahrungen stärker auf Gott beziehen. Erfahrungen mit Gott sind weder subjektiv noch sind sie objektiv.

In welcher Sprache ist eine Rede von Gott möglich?

Die Sprache hat in der Religion, allzumal im Christentum, eine zentrale Bedeutung. Sie muss allgemein verständlich sein und sie muss in der Lage sein, feine Nuancen zum Ausdruck zu bringen. Im Jahr des Reformationsjubiläums wird auch an die Übersetzung der Bibel durch Martin Luther erinnert. Seine Fähigkeiten, treffende Formulierungen zu finden, haben die Rezeption der biblischen Texte erhöht und ganz nebenbei die Entwicklung der Deutschen Sprache stark beeinflusst.

Kann man sagen, dass eine Sprache, je präziser sie ist, desto besser für die Rede von Gott geeignet ist? Tatsächlich ist das nicht der Fall. Wenn wir von Gott reden, gehen wir eine persönliche Verpflichtung ein. Die Rede von Gott ist immer auch Zeugnis, ein Zeugnis, das nicht von der Zeugin oder dem Zeugen getrennt werden kann. Die Sprache, in der die Rede von Gott möglich wird, muss also eine Sprache sein, die die persönliche Verpflichtung und das persönliche Engagement zum Ausdruck bringen kann.

Das schränkt den Gebrauch zum Beispiel von wissenschaftlichen Sprachen in der Rede von Gott stark ein. Denn die wissenschaftliche Sprache ist als solche gezwungen, verallgemeinerungsfähige Ausdrücke zu verwenden. In der Wissenschaft darf es gerade nicht sein, dass die wissenschaftliche Erkenntnis an die Person der Wissenschaftlerin, des Wissenschaftlers gebunden ist.

Deshalb kann eine wissenschaftsorientierte Sprache nur in den Anfangsgründen einer Rede von Gott eine Rolle spielen. Innerhalb des wissenschaftlichen Sprachspiels kann vielleicht verhandelt werden, ob es grundsätzlich denkbar ist, dass Gott existiert. Es kann verhandelt werden, ob es allgemeine Bedingungen gibt, die für oder gegen die Existenz Gottes sprechen. Doch die konkrete Rede von Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, erfordert eine andere Sprache.

Werner Heisenberg hat in seiner Schrift „Ordnung der Wirklichkeit“ die Sprache in das Zentrum seiner Überlegungen gestellt. Seine Grundidee ist die folgende: Die Wirklichkeit besteht aus mehreren Schichten, die mehr oder weniger objektiv und mehr oder weniger subjektiv sind. Für jede dieser Schichten gibt es eine adäquate Sprache. Weitgehend objektiv ist die Sprache der Physik.  Schon in der Quantentheorie aber zeigen sich Komplikationen, die eine eindeutige Rede erschweren. (Die Erfahrungen der Quantentheorie waren es ja auch, die Heisenberg zu solchen Überlegungen motivierten). Noch weniger objektiv sind die Darstellungen der Biologie. Heisenberg denkt darüber nach, dass wir Lebewesen nur deshalb als etwas Besonderes ansehen, weil wir selbst am Leben teil haben.

Am Ende stehen schließlich die Kunst, die Poesie und die Religion. Hier ist der Anteil der Subjektivität am größten. Dies deckt sich damit, dass die Sprache einer Rede von Gott die oder den Redenden in irgendeiner Form mit erfassen muss. Dies geht aber nur in einer Sprache, die metaphorisch ist, die bildreich ist, die viele Aspekte des eigenen Erfahrungsraums darstellen kann.

Ich glaube, dass Heisenberg die Situation sehr gut wiedergibt. In den Anfangsgründen, in den Prolegomena kann mit Hilfe der Sprache der Wissenschaften etwa die Behauptung ausgeschlossen werden, es gäbe nichts als Materie. Diese Behauptung ist mit vielen Ergebnissen der Quantenphysik nicht kompatibel.

Doch wenn es darum geht, zu sagen, was Schöpfung, was Sünde, was Gnade, was Erlösung ist, kommt man mit einer wissenschaftlichen Sprache nicht weit. Hier ist es notwendig, Bilder, Metaphern und Erzählungen zu finden, die die eigene Beteiligung an dem Thema auch deutlich machen.

P.S. Eine Sequenz des Gesprächs mit dem Astrophysiker Harald Lesch hat gerade das Verhältnis von Alltagssprache und Wissenschaftssprache thematisiert! https://www.youtube.com/watch?v=Op6wV8-PY2E

 

Warum hat Jesus nicht über das Große und Ganze gepredigt?

Wenn man sich mit der Frage beschäftigt, wie der christliche Glaube und die moderne Vorstellung von der Welt zusammen passen, dann werden zumeist Grundfragen der Astrophysik diskutiert oder auch der Evolutionstheorie. Manche dieser Fragen waren auch ein Thema in dem Akademiegespräch mit Prof. Harald Lesch. In dem Gespräch kam aber auch eine Beobachtung zur Sprache, die diese Diskussionen mit einem nachdrücklichen Fragezeichen versieht. (Video)

Die Lebenswelt in den Predigten des Neuen Testaments

Wenn man die neutestamentlichen Texte betrachtet, rückt doch das, was uns modernen Menschen so wichtig ist, die Fragen nach dem Großen und Ganzen, nach dem Bild von der Welt als Ganzer, völlig in den Hintergrund! Außer einigen apokalyptischen Aussagen, von denen man nicht weiß, ob sie wirklich von dem historischen Jesus stammen, ist von dem Großen und Ganzen gar nicht die Rede! Die Predigten Jesu haben im Gegenteil nur die Welt des Alltags im Blick. Es geht hier um das Aussäen der Saat, um den Fang von Fischen im See Genezareth, um die Verrichtung der Gebete, um die Arbeit in einem Weinberg und vieles andere mehr.

Warum hat Jesus nicht über das Große und Ganze gepredigt, wenn es doch so wichtig ist? Warum hat er in den meisten seiner Predigten nicht in etwa so angesetzt: „Gott, der Vater hat Himmel und Erde geschaffen! Was heißt das? Gott hat zunächst das Licht von der Dunkelheit getrennt. Dann hat Gott das Feste von dem Urmeer getrennt, so dass die Menschen auf sicherem Boden leben können. Der sichere Boden gibt unserem Leben Halt, hier können wir unser Dasein fristen und das Land erschließen… usw. usf.“ Doch nichts davon. Keine Betrachtung der Welt im Ganzen. Wenn im Johannes Evangelium von Welt die Rede ist, dann ist eher die menschliche Welt gemeint, eben die Welt jener Menschen, die fern von Gott sind.

Wir kommen Gott im Nahen auf die Spur

Könnte es nicht sein, dass Betrachtungen des Großen und Ganzen für ein Verständnis von Gott gar nicht so bedeutend ist? Könnte es sein, dass man dem Verständnis, wer Gott ist, nicht dann näher kommt, wenn man die Welt im Ganzen zu verstehen sucht, sondern vielmehr dann, wenn man sich dem Nächsten zuwendet? Das kann das Nächste der Natur sein, die Blume auf dem Acker, die Vögel unter dem Himmel oder der nächste Mensch, vor allem der, der Hilfe benötigt.

Wenn man der Predigt Jesu folgt, dann ist es das Nahe, in dem Gott zu finden ist. Aber ist das Nahe uns nicht allzu vertraut, ist es nicht alltäglich und in gewisser Weise banal? Hierauf hat eine andere Sequenz in dem Gespräch mit Harald Lesch Bezug genommen: Vielleicht ist die Alltagswelt, unsere Lebenswelt eine Wirklichkeit ganz eigener Art, die nicht reduziert werden kann auf die Kenntnis von Elementarteilchen und die auch nicht einfach eingeordnet werden kann in unser Wissen vom Universum! (Video) Dann wäre es ganz und gar nicht trivial, sich der Alltagswelt zuzuwenden, so wie Jesus das getan hat. Es gibt eine Tradition der phänomenologischen Philosophie, die tatsächlich (auch unabhängig von christlichen Erwägungen) genau dies nahe legt! (Weitere Informationen unter: www.mensch-welt-gott.de/philosophische-positionen-479.php)

Die Erschließung des Nahbereichs

Wenn Gott in dem Nahen zu finden ist, so heißt das nicht, dass er nicht Himmel und Erde geschaffen hat. Doch es heißt, dass das Nachdenken darüber uns vielleicht nicht allzu viel weiter hilft, um ihm auf die Spur zu kommen. Wir sind, so auch Harald Lesch, ganz gut darin, das Universum zu berechnen, wir haben auch schon recht viel über die Elementarteilchen verstanden, aus dem die Welt besteht. Die großen Geheimnisse der Welt bestehen aber gerade vielleicht darin, was uns ganz nah ist: Wie genau bezieht sich unser Denken auf die Welt? Was bedeutet es, sprechen zu können? Wie können wir unsere Wahrnehmung verstehen? Wie verbinden sich Innen und Außen? Wie können wir bewusst und zielgerichtet in die uns umgebende Welt eingreifen, wie können wir intentional handeln? Für all diese scheinbar einfachen Fragen gibt es aber noch nicht einmal grobe allgemein akzeptierte Modelle!

Was wäre, wenn man die Seele fände?

Am Dienstag, dem 20. Juni, lautete die Tageslosung: „Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir, darum gedenke ich an dich.“ (Psalm 42,7) Die Seele spielt in der Frömmigkeit seit je her eine große Rolle. Die Seele ist Ausdruck unserer Identität vor Gott. Die Seele ist der Ort der tiefst empfundenen Gefühle. Die Seele steht für das wahre Ich, das unverfälscht von allen gesellschaftlichen Überformungen das zum Ausdruck bringt, was ich wirklich bin.

Das Wort „Seele“ hat so eine überragende Bedeutung und zugleich weist es auf etwas, was kaum richtig zu fassen ist. Wir gebrauchen das Wort zwar immer wieder und doch fällt es uns schwer, zu sagen, was eigentlich gemeint ist. Diese Diskrepanz ist vielleicht nicht von ungefähr so, vielleicht ist das sogar notwendig für das, was „Seele“ zum Ausdruck bringen will.

Der Einspruch der Naturwissenschaften

Im Dialog mit den Neurowissenschaften kommt immer wieder die Frage auf, ob es so etwas wie eine Seele überhaupt geben kann. Und in der Tat, eine Seele, die aus einer wie auch immer gestalteten Substanz besteht, wie sie in den Zeichnungen von Wilhelm Busch auftauchen (Die fromme Helene), ist weit und breit nicht zu finden. Es gibt offenkundig keine Substanz, auch keine feinstoffliche Verbindung, was auch immer das sein soll, die mit der Seele in Verbindung gebracht werden könnte. Und auch Wilhelm Busch hat die Vorstellung in seinen Zeichnungen schon ironisch verwendet.

Ebenso scheint es unsinnig, nun einen ausgezeichneten Teil des neuronalen Gewebes selbst zur Seele zu erklären. Die Zellenstrukturen haben je eigene, hochspezifische Funktionen. Was auch immer wir unter der Seele verstehen, auf keinen Fall aber handelt es sich um eine spezifische Struktur!

Es gibt in unserem naturwissenschaftlichen Wissen wenig bis keine Anhaltspunkte, von einer Seele zu reden. Und doch tun dies auch im 21. Jahrhundert noch sehr viele Menschen. Besonders erstaunlich: Auch viele naturwissenschaftlich ausgebildete Medizinerinnen und Mediziner halten das Wort für nicht veraltet.

Die Seele zu finden, wäre verheerend!

Aber wonach suchen wir überhaupt? Können wir die Erwartung haben, etwas zu finden? Man sollte sich einmal fragen, was geschähe, wenn wir die Seele eines Tages (etwa mit Hilfe neuer Messmethoden) doch finden würden?! Ich vermute, die Folgen wären alles andere als gut, sie wären verheerend! Denn wir verbinden ja mit der Seele unsere tiefstempfundene Identität. Die Seele steht für das, was wir eigentlich sind. Wenn wir also die Seele fänden als ein besonderer Teil des Körpers oder als etwas, das von dem Körper getrennt werden könnte, dann würde die Wertschätzung von all dem, was nicht Seele ist, sinken. Das hätte zwangsläufig zur Folge, dass der Rest des Körpers oder eben der ganze Körper abgewertet würden. Schließlich haben wir ja doch mit der Seele unseren Identitätskern gefunden!

Es gibt tatsächlich Religionen und Frömmigkeitsformen, die dazu tendieren, die Seele von dem Körper zu trennen. Die Folgen sind augenfällig: Die Seele wird dann das eigentlich Wichtige, der Körper ist nur noch äußere Hülle. Auch das Christentum war in manchen Zeiten vor solcher Interpretation nicht gefeit. Meiner Ansicht nach widerspricht das aber dem Zentrum des Evangeliums: Gott wurde Mensch in dem Menschen Jesus von Nazareth! Die „Inkarnation“ wertet gerade den Körper durch die Menschwerdung Gottes sehr stark auf. Genau das aber wäre gefährdet, gelänge es, so etwas wie die Seele zu finden! (Dass damit zugleich unendlich viele weitere Probleme anstünden, steht auf einem anderen Blatt

Die Seele aus der Sicht der Psalmen

Übrigens kommt man dem Begriff der Seele näher, wenn man die alttestamentlichen Texte genauer betrachtet. In dem oben genannten Psalmvers 42,11 wird das Wort „nefesch“ gebraucht. Das Wort heißt übersetzt Atem, aber auch Kehle, Gurgel, Schlund und weist nicht nur auf den Luftaustausch, der für das Leben notwendig ist, sondern auch auf den Nahrungsaustausch. Und hier kommen wir der Sache, was Seele meinen könnte, schon näher. Die Seele ist eben gerade kein abgegrenztes Etwas, keine in sich geschlossene Einheit, sondern gerade das, was verbindet, das, was uns im Austausch sein lässt! Meine Seele dürstet nach Gott, sagt der Beter des Psalms 42. Sie hat eben nicht in sich selbst Genüge. Eine Seele an und für sich ist verloren, sie sucht, sie dürstet, sie sehnt sich, sie harrt. Für den Beter ist klar: Vor allem sehnt sich die Seele nach Gott. Wenn sie im Austausch mit ihm ist, kommt sie zu sich selbst.

So bleibt eine Spannung: Offenkundig ist die Seele etwas, das sich nach etwas anderem sehnen kann. Sie kann also erleben, dass sie allein ist. Aber sie kommt nicht zu sich selbst, wenn sie allein ist. Deshalb sind alle Bilder eines abgetrennten Etwas falsch. Sie kommt zu sich selbst, wenn sie mit anderem in Kontakt ist, wenn eine tiefgreifende Verbindung besteht.

Für so etwas aber haben wir keine Bilder. Und doch können wir immer wieder die Realität der Seele spüren. Die Seele ist übrigens nicht so ganz viel anders als die Sprache: Sprechen können wir je und je allein, aber Sprache kann durch keinen Menschen allein erfunden werden. Sie entsteht erst in Gemeinschaft, in Verbundenheit.

Die traditionellen Bilder von der Seele in unserer Kultur sind hochproblematisch, denn sie verstärken die Vorstellung einer isolierten Existenz. Besser erscheinen mir da die Bilder der hebräischen Bibel. Meine Seele ist das, was aus einem ständigen Austausch lebt, wie der Atem. Im Gesangbuch wird das immer wieder aufgegriffen durch den Gesang – denn was ist der Gesang anderes als eine besonders kunstvolle Weise zu atmen?

Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön
dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd;
ich will Ihn herzlich loben, / solang ich leben werd.