Die erbarmungslose Logik des Krieges

Wenn ein Krieg ausbricht, herrschen andere Verhältnisse als in Friedenszeiten. Je länger ein Krieg dauert, desto mehr zwingt er den beteiligten Gesellschaften seine Logik auf. In dieser Logik des Krieges ist vor allem eine Schlussfolgerung dominant: Der Zwang zur Eskalation. Alle Handlungen sind direkt oder indirekt darauf ausgerichtet, noch umfangreichere folgen zu lassen. Diese Logik war auch schon in Syrien und in Tschetschenien zu beobachten, nun mit erbarmungslosen Zwang, auch in der Ukraine.

Die Logik der Abschreckung

Schon der Aufmarsch der Russen war eine Vorwegnahme der Eskalation. Nach westlicher Beobachtung hat die russische Armee immer mehr schwere Waffen an der Grenze der Ukraine stationiert. Darauf hin haben die USA und einige weitere Verbündete die Lieferungen von Abwehrwaffen erhöht. Aber das alles folgte noch der Logik der Abschreckung. Waffen, so kann man argumentieren, wurden geliefert, damit es gerade nicht zu einem offenen Konflikt kommt. Gerade die westliche Argumentation ist nachvollziehbar: Wie will man einen offenkundigen Aggressor, Russland, daran hindern, offene Gewalt gegen ein anderes Land auszuüben? Androhung aller Arten von Sanktionen wie auch die Lieferung von Waffen sind dazu da, den status quo des fragilen Friedens zu erhalten. Doch ist auch diese Logik schon höchst gefählich. Denn die Abschreckung kann auch misslingen und dann sind alle Schritte, die die Abschreckung größer gemacht haben, vorbereitende Schritte, den folgenden offenen Krieg größer zu machen.

Die wechselvollen Entwicklungen in einem Krieg

Das ist nun in der Ukraine geschehen. Russland hat trotz aller Ankündigungen von scharfen Sanktionen, trotz der größt möglichen Drohkulisse mit aller Macht angegriffen. Ein offener Krieg tobt seit Wochen. Das Geschehen war bislang wechselhaft: Erst schien es, als könne sich die russischen Übermacht brachial durchsetzen. Doch schon nach wenigen Tagen wendete sich das Blatt. In den westlichen Medien werden seitdem vor allem die russischen Verluste verzeichnet. Es scheint, dass der Abwehrkampf der Ukrainer erfolgreich ist. Sind das die Vorboten zu einem Friedensschluss?

Keine Kompromisse: Sieg oder Niederlage

Das ist noch lange nicht der Fall, jetzt greift offenkundig die erbarmungslose Logik des Krieges erst richtig durch. Der Krieg ist ein offener Kampf um Sieg oder Niederlage, um Leben oder Tod. Gerade aber wenn es um Alles oder Nichts geht, ist folglich kein Einsatz zu hoch. Gerade wenn Kompromisse ausgeschlagen werden und Friedensverhandlungen nur Alibi Veranstaltungen sind, greift die Logik, den Einsatz immer weiter zu erhöhen. Solange die Situation auf dem Schlachtfeld noch unklar ist – und das ist es in der Ukraine noch auf längere Zeit, beide Seite verfügen über sehr große Ressourcen, die Russen durch ihre Armee, die Ukrainer durch die Lieferungen und Unterstützung des Westens – solange kann die Logik der Eskalation greifen. Wenn die aktuelle Situation nicht nach einem Sieg aussieht, müssen beide Seiten eben den Einsatz von Waffen erhöhen. Das ist auch Schritt für Schritt geschehen und es wird weiter geschehen, erbarmungslos in der ihm ganz eigenen Logik des Krieges.

Schritt für Schritt in die Eskalation

Zuerst haben die westlichen Staaten kleinere Waffensysteme, vor allem Defensivwaffen geliefert. Dann war zu lesen, dass Großbritannien auch größere Waffen geliefert hat zur Abwehr von Flugzeugen und Schiffen. Die Russen lassen währenddessen aus dem weiten Land weitere Kolonnen von Panzern auffahren. Ihr Waffenarsenal ist groß, niemand möchte wissen, was die Militärs für Pläne haben, wenn die konventionellen Streitkräfte sich nicht durchsetzen können. Nun hat die NATO offenkundig beschlossen, auch größere Systeme, Panzer und anderes Großgerät zu liefern. Sehenden Auges verwandelt sich die Ukraine immer mehr in ein Schlachtfeld.

In der Logik des Krieges ist die unschuldig beteiligte und leidende Bevölkerung nur noch eine Randgröße. 4 Millionen Menschen sind geflohen, das heißt aber, auch, dass noch fast 40 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer im Lande sind! Was soll da werden?

Der Weg ist noch weit

Der Krieg in der Ukraine und das unsägliche Leid, die atemberaubende Destruktion sind wie ein Weckruf, der viele aufrüttelt. Wir fragen uns verwundert, warum all das Leid nicht zu verhindern war, welche Frühwarnsignale übersehen worden sind. Die Kraft der Destruktion macht sprachlos. Wir sind zutiefst irritiert: War denn nicht klar, dass der Wohlstand der Welt mit Freiheit, Wissenschaft und moderner, nachhaltiger Technik einher gehen muss?

Die Irritation des nahen Krieges

Uns irritiert das nahe Leid. Doch gab es dieses Leid nicht immer schon, ob im Jemen, ob in Äthiopien? Haben wir es nur besser von uns fernhalten können? Haben wir gedacht, dass ist eben eine andere Weltgegend? Eine Ausnahme in der deutschen Diskussion war Syrien. Hier reagierten viele in unserem Land ähnlich wie heute, mit viel Empathie. Der Krieg in der Ukraine geht aber noch darüber hinaus. Er ergreift uns mehr, weil der Krieg und seine Zerstörung unser Selbstverständnis trifft. Er erreicht uns in unserer Welt, in der wir uns eingerichtet haben

Das etwas träge Auenland Gefühl

Im Grunde haben wir im Deutschland der letzten Jahre ein Gefühl des „Auenlandes“ aufgebaut, eine glückliche Metapher des Psychologen Stephan Grünwald. Wir leben in einer Welt, die in den Grundzügen jetzt schon so ist, wie sie sein soll. Da draußen gibt es sicherlich noch eine andere, eine Rest-Welt. Doch die Zukunft der Welt ist durch unsere Gesellschaft repräsentiert. Sie steht für die modernen Errungenschaften der Menschheit, für Wissenschaft und Technik und auch für den freien Handel, der kontinuierlich Wohlstand erzeugt. Hinzu kommen die Freiheiten der Lebensführung, große kulturelle Ressourcen. Die meisten anderen Länder fallen dagegen ab, mit Bedauern sehen wir die Differenz und zugleich mit der Zuversicht, dass letztlich alles so werden wird wie es bei uns jetzt schon ist. Der Welthandel und der Austausch werden es schon richten.

Die offene Auseinandersetzung der Weltanschauungen

Doch nun der so nahe Krieg: Jetzt ist viel von Zeitenwende die Rede. Es kommt nun mächtig Bewegung in die Deutung der Welt. Solche Diskussionen waren in den letzten Jahren der Selbstgewissheit eher langweilig, irrelevant. Thomas Assheuer hat in DIE ZEIT einen großen Essay über unterschiedliche Weltdeutungen veröffentlicht. Seine Referenzautoren sind: Francis Fukuyama, Alexander Dugin, Zhao Tingyang. Sehr unterschiedliche Autoren: Francis Fukuyama war derjenige, der medienwirksam Anfang der 90er Jahre von einem liberalen Zeitalter, von dem Ende der Geschichte redete (und damit den Beginn des gerade skizzierten Zeitgeistes repräsentierte). Für den Liberalismus kämpft er auch heute: In einer neueren Veröffentlichung zeigt er aber mehr die Gefährdungen des Liberalismus auf, einerseits durch die neoliberale Wirtschaft andererseits durch postmoderne Strömungen. Alexander Dugin ist Vordenker des russischen Präsidenten und verbreitet faschistoide Gedanken mit seinen Reflexionen über die eurasische Kultur und die besondere Rolle Russlands. Zhao Tingyang wiederum gilt als Vordenker der chinesischen Führung. Sein Ansatz wurzelt in der chinesischen Geschichte, er erhebt die vorkaiserliche Zhou Dynastie zu einem leuchtenden Vorbild. Den beiden Letztgenannten ist eigen, dass sie mit den Grundannahmen liberalen Denkens nicht viel anfangen können.

Die Werte des Liberalismus gelten für alle

Warum die Beschäftigung mit den für uns abseitigen Weltanschauungen? Es zeichnet sich ab, dass der liberale Westen nicht einfach der Standard der modernen Welt ist, dass es nur einige bedauerliche periphere Abweichungen gibt. Vielmehr zeigt sich, dass große Teile der Menschheit in Ländern leben, die diese Standards nur wenig berücksichtigen. Und die Geschichte ist kein Selbstläufer hin zu immer mehr Liberalismus und Demokratie! Die nicht-liberalen Staaten repräsentieren immer noch den weitaus größten Teil der Menschheit. Allein in China leben so viele Menschen wie in dem gesamten traditionellen Westen. Übrigens sind bei den obigen Referenzautoren noch nicht die vorherrschenden Strömungen in Indien (Modi) und in muslimischen Ländern wie Pakistan, Indonesien berücksichtigt. Dies würde noch mehr deutlich machen, wie wenig liberale Werte einfach als Standard der Welt angenommen werden können.

Für einen streitbaren Liberalismus

Was heißt das? Wir brauchen weniger einen selbstgefälligen Liberalismus, der sich eh schon auf der Seite der Sieger wähnt, als stärker einen streitenden Liberalismus, einen, der nicht leichtfertig sich zum natürlichen universalen Wahrheit und zum Sieger der Geschichte erklärt, sondern der um die Mühen weiß, die vor uns liegen, damit die liberalen Werte tatsächlich zu einem Standard der meisten Menschen der Welt werden können. Hier braucht es eine echte Auseinandersetzung mit den immer noch sehr starken Alternativen. Wir brauchen eine offene Wahrnehmung der weltanschaulichen Differenzen in der Welt. Viele Beiträge in den Feuilletons dieser Tage wie der von Herrn Assheuer weisen in diese Richtung. Es bleibt noch viel zu tun.

Der Blogbeitrag zu Stephan Grünewald

Zum Artikel von Thomas Assheuer

Energie – leicht verfügbar!

Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat auch die Frage der Energiesicherheit aufgeworfen. Es wird schmerzlich bewusst, wie abhängig Europa, vor allem Deutschland von den Energielieferungen Russlands ist. Wieso ist das nicht früher deutlich geworden, warum haben viele Akteure die Energieabhängigkeit so unterschätzt?

Die These:

Neben einer fatalen Marktorientierung gibt es in unserer Gesellschaft eine kulturell tiefsitzende idealistische Unterschätzung materieller und energetischer Abhängigkeiten.

Der Beitrag der Globalisierung

Die Globalisierung hat die Warenströme stark ansteigen lassen. Dies gilt auch für die Energieträger. Noch vor einigen Jahrzehnten hatten die Länder einen deutlich höheren Autarkiegrad, das heißt, die vornehmlich verwendeten Energieträger wurden in den Ländern selbst gewonnen. Das war in Europa vorrangig Kohle, aber auch Gas. Erst die zunehmende Abhängigkeit von Öl änderte die Situation. Diese Abhängigkeit wurde in der Ölkrise in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schmerzlich bewusst. Doch ließen sich die Konflikte vorerst bereinigen.

Doch nun kehrt eine Energiekrise mit deutlich größerer Wucht zurück. Das liegt daran, dass in den vergangenen 30 Jahren, in der Hochphase der Globalisierung, viele Länder das Streben nach Autarkie aufgegeben haben und Energieträger dort gekauft haben, wo sie am günstigsten waren. Steinkohle zum Beispiel ist in Australien günstig und auch in Russland. Die Förderung von Steinkohle in Deutschland wurde beendet. Der Energieträger Erdgas gewann in den zurückliegenden Jahren für Deutschland massiv an Bedeutung. Der Weltmarkt wurde zu der Referenzgröße, um die Energieversorgung zu gestalten.

Erneuerbare Energien als Alternative

Zu dem globalen Handel von Energieträgern kam die Diskussion um den Ausbau erneuerbarer Energien hinzu. Denn zu der gleichen Zeit, in sich der Weltenergiemarkt ausbaute, wuchs die Einsicht, dass der massenhafte Gebrauch fossiler Energieträger das Weltklima bedroht. In Deutschland ist spätestens Ende der 90er Jahre der Ausbau regenerativer Energien diskutiert worden, ein erster wichtiger Schritt war das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) von 2000. Damit verbunden war die Hoffnung, dass die Energiewende zügig die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern beenden kann. Doch dann verlor der Ausbau regenerativer Energien wieder an Dynamik, er wurde in den folgenden Jahren nur halbherzig und vor allem leichtfertig betrieben. Es gab Fortschritte, aber auf den gesamten Energiebedarf gesehen ist der Anteil regenerativer Energiegewinnung nach wie vor klein. Meist wird in der Diskussion der Strommarkt hervorgehoben, an dem die regenerativen Quellen fast 50 % Anteil haben. Doch macht der Strommarkt nur 20% der gesamten Endenergie aus. Der Anteil von Sonne und Wind an der Endenergie beträgt auch 2021 weniger als 10 %.

Energie ist da!

Zu der Frage am Anfang zurück: Wie sind wir also in dies Situation geraten? Zum einen war die Erwartung dem Weltmarkt gegenüber zu naiv. Zum anderen aber gibt es auch eine unheilvolle Unterschätzung der Elementargröße „Energie“ in unserer Gesellschaft. Hier wirkt ein tiefsitzendes kulturelles Deutungsmuster einer idealistischen Zivilisation: Die Unterschätzung der materiellen und energetischen Abhängigkeiten. Viele neigen dazu, mit der Ressource Energie sorglos umzugehen. Die Debattenbeiträge legen eher nah, dass mit gutem Willen und klugem Vernunftgebrauch alle Engpässe beseitigt werden können. Die widrigen Kräfte der Wirklichkeit lassen sich leicht überwinden, Abhängigkeiten und Mängel aushebeln. Man könnte das einen technologischen Optimismus nennen, aber dann müsste es mehr Interesse an den technischen Lösungen geben. Auf die Frage, wie wir der Gasabhängigkeit entfliehen können, heißt es leichthin: Mit regenerativer Energiegewinnung. Das ist prinzipiell richtig, aber die Mühen und die Zeit, bis ein solcher Zustand erreicht wird, werden leichtfertig überspielt. Wer weiß, wie abhängig das eigene Leben von einer ausreichenden Energieversorgung ist, argumentiert vorsichtiger. Die widrigen Kräfte der Wirklichkeit lassen sich nicht allein durch die Absicht allein überwinden.

Die kostbare Ressource Energie

Es gilt heute mehr denn je die Aussage von Ernst-Ulrich von Weizsäcker: Die größte Energiequelle der Zukunft ist das Energiesparen. Doch auch dann muss man Energie ernster nehmen, als kostbare Ressource und kann annehmen, sie sei einfach jederzeit verfügbar. Die meisten Bilder der Automobilunternehmen zu E-Mobility strahlen aber genau das aus: Allein schon der Elektroantrieb macht die Autos nachhaltig, unabhängig von ihrem Verbrauch, als hätten wir beliebige Mengen regenerativer Energien zur Verfügung. Da ist es dann auch nicht verwerflich, nach wie vor große und schwere Karossen zu produzieren. Dagegen gilt: Die Energie der Zukunft ist eine knappe und kostbare Ressource. Die Widerstände einer geringeren Verfügbarkeit werden wir noch lange spüren.  

„Große Transformation“ – aber nichts soll sich ändern?

Wo sind wir in der öffentlichen Diskussion?

Aktuell, Ende Oktober 2021 können wir auf einen monatelangen Bundestagswahlkampf und auf die ersten Schritte einer Regierungsbildung zurückblicken, die Ampel-Parteien haben ein gemeinsames Sondierungspapier verfasst, das die Grundlage künftiger Koalitionsverhandlungen bildet. Es bleibt bei aller Hoffnung auf einen Neuaufbruch ein zwiespältiger Gesamteindruck. Immer wieder ist von fast allen Akteuren betont worden, wie zentral das Thema des Klimawandels ist, dass dieses Thema die Politik der kommenden Jahre dominieren wird. Doch zugleich bleiben die Vorstellungen eigentümlich undeutlich, was eine solche Klimapolitik für die Menschen und ihre Lebensweise bedeutet.

Es geht nicht nur um Technik

Klar, die regenerativen Energien müssen ausgebaut werden, die Sanierungsrate der Gebäude muss ebenso deutlich erhöht werden wie der Anteil der E-Mobilität. Die politischen Akteure beschränken sich vor allem auf die Beschreibung des technischen Wandels. Doch wie ändert sich die Lebensweise? Wie werden wir in dem Zieljahr der CO2 Neutralität, also 2045, wohnen, wie wird unsere Mobilität aussehen, was werden wir kaufen, was werden wir essen? Das, was in der öffentlichen Diskussion fehlt, wird immer deutlicher: Es fehlen Bilder und Konkretionen eines kulturellen Wandels. Dabei sagen Expertinnen und Experten wie etwa Maja Göpel oder Uwe Schneidewind seit langer Zeit, dass technische Innovationen nicht reichen. Sonst droht der gefürchtete „Rebound“-Effekt, der die letzten Jahrzehnte dominierte. Die Motoren sind etwa viel effizienter geworden. Doch statt zu sparen wurden die Automobile größer und schwerer. Die Wohnungen sind besser gedämmt. Doch auch dieser Effekt wurde durch größere Wohnflächen zunichte gemacht.

Doppelte Entkoppelung – eine kulturelle Transformation ist unverzichtbar

Es braucht eine doppelte Entkoppelung, durch technische Alternativen und durch einen kulturellen Wandel. Davon aber war im Wahlkampf fast nicht die Rede. Diese Lücke ist kein politisches oder gar moralisches Versagen der Akteure, vielmehr zeigt sich hier eine grundlegende Grenze des politischen Systems. Starke Impulse zu einem tiefgreifenden kulturellen Wandel sind von hier kaum zu erwarten. Der kulturelle Wandel kann nur gelingen, wenn viele Akteure der Zivilgesellschaft sich beteiligen.

Das „weiter, größer, schneller“ beenden

Diese Aufgabe ist riesig, die Veränderungen werden von vielen nicht als Verbesserungen erkennbar sein werden. Denn jenseits alternativer Milieus hat sich in der Mehrheitsbevölkerung das kulturelle Muster eines „weiter, größer, schneller“ über eine sehr lange Zeit verfestigt: Eine Reise ist besser, wenn sie in ferne Länder führt, eine Wohnung ist besser, wenn sie größer ist, ein Auto ist besser, wenn es schneller ist. Die Kraft dieser kulturellen Prägung darf nicht unterschätzt werden. Hier liegt wohl die größte gesellschaftliche Herausforderung der kommenden Jahre. Es geht nicht nur darum, alternative Technologien zu entwickeln und klug auszubauen, es geht auch darum, eine Kultur des „weiter, größer, schneller“ durch eine alternative zu ersetzen. Und da sind wir, das zeigt das Schweigen im Bundestagswahlkampf der letzten Monate, noch ganz am Anfang!  

Wann ändern wir unser Verhalten wegen der Klimakrise?

Es ist schon komisch: Auf der einen Seite sind viele Menschen für die Problem der Klimakrise ansprechbar. Die Umfragen zeigen in dieser Wahlkampfzeit, wie wichtig das Thema sehr vielen Menschen ist. Unter den Sorgen und Nöten rangiert es auf Platz 1 vor Wirtschaftskrise oder Terrorismus oder anderen Gefahren. Besonders erstaunlich ist der Befund, weil die Umfragen auch im Frühjahr schon dieses Ergebnis hatten, einem Frühjahr, das bis zum Juni das Wetter doch eher kühl und nass war. Es handelt sich also hierbei keine kurzfristige Reaktion auf aktuelle Entwicklungen und Wetterphänomene. Lesson learned, könnte man sagen, es ist den Menschen klar, welche Belastungen auf die Welt zukommen.

Die energieintensive Normalität

Und doch gibt es da den ganz anderen Befund: Nach der Corona Krise strebt alles wieder zurück zur alten Normalität. Die Flüge an die südlichen Urlaubsorte sind schnell ausgebucht. Die Kreuzfahrtschiffe fahren wieder. Die Automobilkonzerne melden sehr schnell ansteigende Verkaufszahlen. Ja, unter diesen Autos sind auch solche mit Elektroantrieben, doch ist der Verkaufsanteil immer noch gering. Es gibt keine Abkehr von den SUVs. Um einen Eindruck zu gewinnen, reicht es, die vielfältigen Anzeigen der Automobilkonzerne zu beobachten: Größe, Schwere, Stärke überwiegen, gerne dann auch mit einem E-Antrieb.

Ein Blick zurück: Klimadiskussionen in den letzten 30 Jahren

Auf einen zweiten Blick ist das alles andere als überraschend. Denn das ist genau das, was nach 30 Jahren gesellschaftsweiter Klimadiskussion seit der Rio Konferenz 1992 zu erwarten ist. Denn was ist in dieser Zeit geschehen? In einer Hinsicht sehr viel. Das Thema hat die Schlagzeilen seitdem nicht wieder verlassen. Es haben sich viele zivilgesellschaftliche Organisationen und Gruppierungen gebildet, die immer wieder Initiativen zu dem großen Thema des Klimawandels in die öffentliche Diskussion einbringen.

Nachdem 1998 die Regierung von einem rot-grünen Bündnis gestellt wurde, sind etliche Gesetze erlassen worden, die regenerative Energien förderten und den Verbrauch von CO2 reduzierten, allem voran das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Auch von der europäischen Ebene kamen etliche Initiativen, etwa die Auszeichnung energiesparender Haushalttechnologien, wie etwa der Abkehr von der klassischen Glühbirne. Nicht zu vergessen sind die zahlreichen Verbesserungen beim Bau neuer Häuser, die nun deutlich bessere Dämmwerte hatten als alte Häuser. Dieser Liste lässt sich leicht noch vieles hinzufügen. Es hat sich also etwas getan, der in Deutschland produzierte Strom kam 2020 zu 50 % aus regenerativen Quellen (allerdings macht der Strommarkt etwa 20 % des Endenergieverbrauchs aus).

Unser Energie-Hunger bleibt konstant

Und nun zu der großen Schattenseite der Entwicklung. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Das Verhalten der Menschen hat sich nicht geändert. Im Gegenteil, die Effizienzgewinne durch bessere Technologien sind aufgehoben worden durch kontraproduktive Entwicklungen im Verhalten. Es ist genau die Zeitspanne der letzten 30 Jahre, dass die neue schwere und große Automobilform populär wurde, das SUV. Es ist ebenso diese Zeitspanne, in der die Zahl der Flugreisen massiv zugenommen hat. Der Endenergieverbrauch in Deutschland liegt seit vielen Jahren relativ konstant bei 2500 TWh.

Um einem naheliegenden Einwand aufzunehmen:  Natürlich haben sich in der Zeit viele Menschen auch in ihrem Verhalten angepasst, fahren mehr Fahrrad, nutzen öffentliche Verkehrsmittel, ernähren sich vegan, nutzen selten das Flugzeug, verzichten auf ein Automobil oder nutzen Car-Sharing, kaufen biologische und ökologische Produkte, konsumieren verpackungsfrei, haben die Häuser gedämmt und Wärmepumpen sowie Solaranlagen installiert. Natürlich gibt es viele, die seit langer Zeit für deutliche Verhaltensänderungen kämpfen. Jedoch, und das ist die Bilanz heute: Diese Bewegungen haben bislang keine gesellschaftsweite Resonanz ausgelöst. Es gab und gibt sie parallel zu den anderen, oben genannten Entwicklungen. Wären sie erfolgreicher gewesen, wäre der Endenergieverbrauch der ganzen Gesellschaft gesunken. Der blieb aber stabil.

Wann ändern wir in der Breite der Gesellschaft unser Verhalten?

Hier ist auch die Achillesferse vieler Klimadiskussionen: Schaut man in die Studien, die den Wandel zu einer nachhaltigen und CO2 neutralen Welt analysieren, fällt die kulturelle Seite, die Frage der Verhaltensänderung fast komplett aus oder ist in verschwiegenen Annahmen versteckt. (wenn etwa eine geringere Energie für die Mobilität angesetzt wird, weil die Autoren unausgesprochen annehmen, dass sie im Umfang abnimmt).

Das, was wir vor uns haben, ist ein fast vollständiger Wechsel der Energiegrundlage einer komplexen Gesellschaft. Das Vorhaben ist aber viel zu groß, als dass es denkbar wäre, das ließe sich durch technische Lösungen in wenigen Jahrzehnten erzielen, ohne dass wir unsere Lebensweise anpassen müssten.

Uwe Schneidewind hat in seinem Buch „Die große Transformation“ das Problem offen angesprochen. Es geht immer auch um einen kulturellen Wandel, wenn wir eine CO2 neutrale Gesellschaft anstreben. Die Resonanz darauf ist bislang überschaubar. Nach 30 Jahren gesellschaftlicher Klimadiskussion muss leider das Fazit lauten: Die Diskussion in relevanten und zentralen kulturellen Fragen hat gerade erst begonnen.

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