Schöpfung versus naturwissenschaftlich beschriebener Welt

Warum reden wir von der Schöpfung?

Die „Schöpfung“ ist auch heute ein öfter gebrauchtes Wort. Auch in einer säkularen Kultur kommt es hin und wieder vor. Der Slogan „Die Schöpfung bewahren“ leuchtet vielen ein, auch wenn sie nicht viel mit dem Glauben an Gott anfangen können. Es geht vielen, auch den Aktivisten von „Fridays for Future“ darum, zu verhindern, dass sich das Weltklima drastisch ändert. Es geht darum, die Verhältnisse, die wir auf der Erde vorgefunden haben, möglichst zu erhalten. „Unser Klima erhalten“ hat eine große Nähe zu „Schöpfung bewahren“. Damit ist in der Tat etwas ganz Wichtiges angesprochen, worauf das Wort „Schöpfung“ zielt.

Schöpfung und Natur – ein Spannungsverhältnis

Andererseits einmal wirkt das Wort „Schöpfung“ veraltet, aus der Zeit gefallen. Wer „Schöpfung“ sagt, muss doch auch einen „Schöpfer“ annehmen, wer von der „Schöpfung“ redet, redet auch von Gott, den Schöpfer. Doch genau das fällt immer mehr Menschen in unserer Zeit sehr schwer. In früheren Zeiten war die Rede von der Schöpfung eine allgemein akzeptierte Weise, von der Welt zu reden. Die christliche Rede von der Schöpfung war eng verbunden mit den Vorstellungen der klassischen griechischen Philosophie. Im Mittelalter waren sie die schlüssigsten Weltbeschreibungen, die man kannte.

Doch das änderte sich mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften in der frühen Neuzeit. Nun entstanden Theorien über die Welt, die nicht so leicht mit der christlichen Überlieferung vereinbaren ließen. In den ersten Jahrhunderten gab es nicht wenige Naturforscher, die die Hoffnung hatten, beides, das Christentum und die Wissenschaft mit zu einem harmonischen Ganzen  vereinen zu können. Dazu gehörten viele führende Forscher wie Isaak Newton oder Johannes Kepler. Doch spätestens im 19. Jahrhundert brach diese Verbindung ab. Nun standen auf der einen Seite die Naturwissenschaften und auf der anderen Seite die christlichen Überlieferungen. Die große Mehrzahl der Christinnen und Christen entziehen sich seitdem dieser Spannung, indem sie den Glauben als etwas Subjektives, als etwas Individuelles beschreiben. Es kommt danach vor allem auf die eigenen persönlichen Erfahrungen an, die man macht. Das ermöglicht, den Glauben zu bewahren, auch wenn man auf der anderen Seite als moderner Mensch den Naturwissenschaften Recht gibt.

Die Rede von der Schöpfung bleibt unverzichtbar

Eine Ausnahme stellt dann die moralische, die appellative Rede dar: „Wir müssen die Schöpfung bewahren!“. Doch wenn man dann nachfragt, was genau unter der Schöpfung zu verstehen ist, dann ist damit oft nichts anderes gemeint, als das, was die Naturwissenschaften beschreiben, es geht dann etwa um das 2 Grad Ziel. Meiner Ansicht nach, reicht eine solche mahnende Rede von der Schöpfung nicht aus. Wenn die biblischen Texte von der Schöpfung reden, meinen sie viel mehr. Sie weisen auf eine ganz eigene Dimension von Wirklichkeit, die nicht subjektiv ist, die aber auch von den Naturwissenschaften nicht erfasst werden kann. Wie kommt diese Dimension von Wirklichkeit in den Blick? Der entscheidende Punkt ist, auf den zu achten, wer redet. Menschen, die über die Welt reden, sind voll und ganz Teil von dem, worüber sie reden. Diese Ausgangsbedingung dürfen wir nicht ignorieren, denn wenn man sie übersieht, führt das zu Verzerrungen. Die Welt ist kein Gegenüber, sondern umhüllt uns. Wir sind auf das Innigste mit der uns umgebenden Wirklichkeit verbunden. Das belegt jeder Atemzug, die Nahrung, die Wärme, ohne die wir nicht existieren können.

Die Naturwissenschaften beschreiben dagegen die Welt, als ob die Wissenschaftler als Beobachter nicht dazu gehörten. Das ist der Kern des Erfolgs der Wissenschaften: Sie erkennen nur, indem sie strenge Methoden anwenden. Methoden aber sind ein geregeltes Verfahren, um etwas auf Abstand zu bringen. Wenn man einen klaren Nachthimmel mit einer überwältigenden Zahl von Sternen sieht, kann man ganz ehrfürchtig werden. So reagieren auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Doch dürfen sie nicht bei dem Staunen stehen bleiben, wenn sie die Wissenschaft ernst nehmen, sondern müssen dann nüchtern und kontrolliert eine Fülle von Details untersuchen, die einem laienhaften Blick verborgen bleiben.

Wer aber von der Schöpfung redet, hält an dem Staunen und der Ehrfurcht fest. Denn auch das Staunen und die Ehrfurcht zeigen etwas über diese Welt. Das ist so, gerade weil wir Menschen uns nicht auf die Rolle eines neutralen Beobachters beschränken können. Wir sind Teil von dem, was wir betrachten. Als im letzten Sommer für längere Zeit in Deutschland der Regen ausblieb, beschlich nicht wenige Menschen eine starke Irritation. Die scheinbar bekannten Landschaften, die Felder und Wälder zeigten sich mit einem Mal in einem neuen Licht: Sie waren durch die Trockenheit gefährdet, die Ernte war gering oder blieb ganz aus, Waldbrandgefahr an allen Orten. In solchen Situationen erkennen wir mit aller Intensität, wenn abhängig wir sind von unserer Umgebung, von der uns umgebenden Wirklichkeit.

Die Schöpfung weist auf den Schöpfer

Es geht hier um Abhängigkeit, um Verletzlichkeit, um Verbundenheit. Auf diese Dimension der Wirklichkeit will der Begriff der Schöpfung weisen! Das steht im Zentrum der biblischen Texte. Es geht auch nicht um eine Welttheorie, sondern um das Verhältnis, das wir leibliche Menschen zu unserer Umwelt haben. Auch in der naturwissenschaftlich und technisch bestimmten Moderne haben wir uns nicht von der Abhängigkeit lösen können. Die Abhängigkeit und die Verbundenheit gehören zum Menschsein, solange Menschen leben.

Soweit können auch säkulare Menschen, die dem Glauben fern stehen, zustimmen, ohne dass sie deshalb die Natur Schöpfung nennen müssten. Der Abhängigkeit und Verbundenheit mit der Wirklichkeit wird von Christinnen und Christen nun aber mit dem Wort der Schöpfung beschrieben. Denn die Verbundenheit mit der uns umgebenden Natur ist nur ein Hinweis auf die noch  tiefere Verbundenheit mit Gott. Das kommt zum Ausdruck, wenn Gott Noah verspricht: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22) In der Verbundenheit mit der Natur kann die tiefere Verbundenheit mit Gott entdeckt werden. Das kommt auch zum Ausdruck, wenn Jesus auf die Lilie auf dem Felde weist: „Schaut die Lilien auf dem Felde an! (…) Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte er nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?“ (Mt 5, 28.30)

Wer von der Schöpfung redet, sieht sich bewusst als ein endlicher und verletzlicher Mensch. Der Hinweis auf die Schöpfung ist eine Möglichkeit, Spuren Gottes in der Welt zu entdecken. Genau das tun die Naturwissenschaften nicht, das können und wollen sie nicht, gerade weil sie methodisch kontrolliert die Welt betrachten. Es gibt ein weiteres Indiz, dass die Rede von der Schöpfung von derselben Wirklichkeit redet und doch etwas ganz anderes meint als die Naturwissenschaften. Die Zuwendung Gottes in der Schöpfung zeigt sich immer konkret in diesem oder jenem Lebewesen. Die Liebe ist immer konkret, nie abstrakt allgemein. Doch einzelne Wesen sind in der Regel in den Naturwissenschaften irrelevant. Denn das, was das einzelne Lebewesen, auch den einzelnen Menschen betrifft, ist nie allgemein, sondern immer konkret. Die Naturwissenschaften interessieren sich nur dann für einzelne Wesen, wenn sie von ihnen aus Allgemeines ableiten können.

Wir reden von der Schöpfung, wenn wir in konkreten Begegnungen sind, wenn wir uns selbst nicht aus der Beziehung herausnehmen. Dann reden wir in Dankbarkeit oder auch als Klage, aber nie neutral so wie in theoretischen Ansätzen. Die Dankbarkeit wie auch die Klage wird Gott gegenüber geäußert als dem Schöpfer der Schöpfung.