Zur Gelassenheit (3)

Die beiden vorigen Blogeinträge machen deutlich: Gelassenheit ist weit mehr als eine alltägliche Lockerheit, sie ist keine Wellness Strategie. Sie ist eine existentielle Ausrichtung, die dazu führt, die ganze Welt anders zu sehen. Die Gelassenheit nimmt Abstand von der Fixierung auf die technische Gestaltung der Welt, von der Fixierung auf das Machbare, auf das Veränderbare. Sie ist bestimmt von der Erkenntnis, dass die Welt bei aller Gestaltbarkeit von einem unauflösbaren Geheimnis geprägt ist, sie ist eine offene Wirklichkeit.

Handeln in Gelassenheit

Die Unauflösbarkeit des Geheimnisses ist jedoch kein Grund, alles zu einem Geheimnis zu erklären, alles zu mystifizieren. Gelassenheit im hier vertretenen Sinne geht mit der Kraft zur weisheitlichen Unterscheidung einher. Auch wenn das Geheimnis, die Offenheit der Wirklichkeit auf alles abfärbt, so ist doch nicht alles einerlei. Zur Gelassenheit gehört auch die Fähigkeit, das zu tun, was getan werden kann, was getan werden muss, etwa um ein Unheil abzuwenden oder eine Situation zu verbessern, zur Gelassenheit gehört auch eine tätige Auseinandersetzung mit der Welt.

Maria und Marta

Das war insbesondere Meister Eckhart wichtig, was er in einer eigenwilligen Auslegung der neutestamentlichen Erzählung von Maria und Marta zum Ausdruck brachte. Jesus kehrt bei Maria und Marta ein. Während Maria sich zu Jesus setzt und seiner Predigt zuhört, ist Marta beschäftigt. Die Erzählung endet mit der Mahnung Jesu: „Marta, Marta Du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber tut not. Maria aber hat das gute Teil erwählt.“ (LK 10, 41f) Die Aussageabsicht scheint eindeutig: Es ist besser, wie Maria der Rede Jesu zuzuhören, als sich aktiv auf die Welt einzulassen, wie Marta es tut.

Die Auslegung von Meister Eckhart

Doch Meister Eckhart gibt der Geschichte eine überraschende Deutung: Nicht Maria ist vorbildlich, sondern Marta! Nach seiner Auslegung hat Marta die größere Souveränität, denn sie hat die Lehre Jesu schon so verinnerlicht, dass sie sie auch in Sorge und Mühe lebt. Maria ist zu loben, weil sie sich auf die Lehre einlässt, Marta dagegen lebt die Lehre schon. Die vollendete Maria wird dann wie Marta in ihrem tätigen Leben die Lehre beherzigen.

Gelassenheit in Sorge und Mühe

Diese Auslegung zeigt, dass Gelassenheit im Sinne Eckharts in keiner Weise Weltabgeschiedenheit meint, sondern die Fähigkeit, sich ganz und gar auf die Welt einzulassen, jedoch so, dass sie nicht vereinnahmt. Die Haltung der Gelassenheit, von Meister Eckhart auch Abgeschiedenheit genannt, qualifiziert ein bestimmtes Weltverhältnis. Die Welt ist nicht einerlei, wer gelassen ist, lebt nicht in anderen Sphären, sondern vielmehr mitten in der Welt der Sorgen und Mühen. Aber auf eine solche Weise, dass die Sorgen und Mühen der Welt erheblich relativiert sind.

Gelassenheit entspringt dem Glauben an Gott

Gelassenheit in diesem Sinne weiß, bei aller Gestaltung der Welt, bei allem Gebrauch von Technik von dem unauflöslichen Geheimnis, das durch keine Technik aufgehoben werden kann. Die Wirklichkeit ist eine offene, das heißt auch unergründliche Wirklichkeit. Für Meister Eckhart sind Gelassenheit und Abgeschiedenheit Ausdrücke einer existentiellen Beziehung zu Gott. Die Welt ist unergründlich, weil sie Schöpfung Gottes ist. Die Beziehung zu Gott verändert die Beziehung zu der Welt. Sie entwertet sie nicht, aber sie qualifiziert sie auf neue Weise. Die Beziehung zu Gott beweist sich nach Meister Eckhart gerade in den Mühen und Sorgen der Welt.

 Zur Gelassenheit (2)

Der vorige Eintrag in diesem Blog macht deutlich: Die Haltung der Gelassenheit lässt sich in Beziehung setzen zu der Unterscheidung zwischen dem, was veränderbar ist und dem, was nicht veränderbar ist, einem gleichzeitigen Ja und Nein zur technisch verstandenen Welt. So hat Heidegger den Begriff in seiner Meßkirch-Rede verwendet.

Offenheit für das Geheimnis

Aber das ist in gewisser Weise nur die Spitze des Eisbergs. Denn Gelassenheit hat eine existentielle Tiefe, sie ist nicht mit Klugheit zu verwechseln. Auch bei Heidegger klingt das an, denn Gelassenheit ist auch die Offenheit für das Geheimnis. Das Geheimnis der Welt ist kein lösbares Rätsel, sondern zeigt, dass die Welt eine Unergründlichkeit hat. Wenn dem so ist, wie sollen wir mit der Unergründlichkeit umgehen?

Gelassenheit bei Meister Eckhart

Die fundamentale Dimension von Gelassenheit hat derjenige betont, der das Wort Gelassenheit das erste Mal explizit in der deutschen Sprache verwendet hat: Meister Eckhart. Bei ihm ist Gelassenheit eine fundamentale Haltung zu der der Mensch fähig ist. Was bezeichnet er mit dem Wort? In der Gelassenheit lässt der Mensch von seinen weltlichen Bindungen und seiner Selbstbindung und ist ganz von Gott bestimmt. „In Gott wird das Leben einfach, weil es ganz bei sich selber ist. Auf dieses Dasein kommt es an. Man muss nichts ‚verlassen‘, man muss ‚gelassen‘ sein.“ (Dietmar Mieth, Meister Eckhart 2025, 44)

Gelassenheit ist radikal

Gelassenheit bekommt hier eine fundamentale, existentielle Qualität. Es geht nicht um eine Mehr oder Weniger, es geht nicht um eine Klugheitsregel. Es ist radikal, es geht vielmehr um ein ganz oder gar nicht. Entweder wir hängen der Welt und dem Selbstwillen an oder wir werden davon völlig frei und hängen Gott an.  Meister Eckhart kennt da keine Vermittlung, keine Kompromisse. Die menschliche Seele muss leer werden von allem Weltlichen und aller Ichsucht und sich ganz auf Gott beziehen.

Gelassenheit in diesem Sinne ist eine Umkehr der gewohnten Sichtweise, sie beruht nicht eine Unterscheidung innerhalb der Welt, der Unterscheidung von dem, was veränderbar ist und dem, was nicht veränderbar ist. Sie ist eine Abwendung von der Welt, wie wir sie kennen, das Ziel ist „Abgeschiedenheit“ oder eben „Gelassenheit“.

Die ganze Wirklichkeit zeigt sich anders

Nun ist die Sicht Meister Eckharts die eines christlichen Mystikers aus dem Mittelalter. Was hat das mit uns heute zu tun? Seine schroffe und radikale Sichtweise hilft, in Bezug auf Gelassenheit eine Warnung auszusprechen. Wenn wir ernsthaft von einer Wirklichkeit reden, die aus fundamentalen Gründen nicht vollständig beherrschbar ist, dann ist das nicht eine Kleinigkeit am Rande. Die Wirklichkeit im Ganzen sieht anders aus, auch das Beherrschbare erscheint anders.  „Die Offenheit für das Geheimnis“, von der Heidegger spricht, zeigt nicht harmlos an, dass nicht alles verstanden ist. Das Geheimnis färbt auch auf das ab, was verstanden ist, das Verstandene verliert seine Selbstverständlichkeit.

Gelassenheit: Brauchen und nicht brauchen

In einem Text von Paulus in der Bibel heißt es: „Die Zeit ist kurz. Auch sollen die (…) die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“ (1. Kor 7, 29ff) Auch hier ist von einer scheinbar bekannten Welt die Rede. Doch die verliert angesichts des Evangeliums, der frohen Botschaft, ihre Selbstverständlichkeit. Die Texte von Paulus, Meister Eckhart und Heidegger zeigen, welche Konsequenz eine weisheitliche Gelassenheit hat, die mit dem Geheimnis, mit dem Unverstandenen, mit dem Unverstehbaren rechnet und es von dem Verstehbaren unterscheidet. Diese Gelassenheit klammert auch die Bedeutung der verstehbaren Dinge ein, sie relativiert sie.  

Zur Gelassenheit (1)

Ein Fortschreiten im Leben, das nicht einfach einer Fortschrittsorientierung folgt, braucht die Fähigkeit zur Unterscheidung, zur Unterscheidung zwischen dem, was veränderbar ist und dem, was unveränderlich ist, zur Unterscheidung zwischen dem, was technisch gestaltet werden kann und dem was sich der technischen Gestaltung entzieht.

Martin Heidegger?

Die Haltung, die diese Unterscheidung möglich macht, kann Gelassenheit genannt werden. Hier ist ein Philosoph Kronzeuge, dessen Philosophie in der Regel nicht mit Gelassenheit in Verbindung gebracht wird: Martin Heidegger. Aber wie bei allen Philosophierenden von Rang ist auch das Denken von Heidegger nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen. Es gibt viele Aussagen von ihm, die sich heute verbieten, es gibt weiterhin solche, die philosophisch fragwürdig sind, etwa immer dann, wenn das Wort „eigentlich“ mitschwingt.

Ja und Nein zur technischen Welt

1955 aber hat Heidegger eine Rede in Meßkirch, seinem Geburtsort gehalten. In dieser Rede beschäftigt er sich mit dem Stellenwert der Technik in der modernen Gesellschaft. Er kritisiert die Technik und will sie gleichzeitig nicht einfach ablehnen. Eine zentrale Aussage in dem Text lautet: „Ich möchte diese Haltung des gleichzeitigen Ja und Nein zur technischen Welt mit einem alten Wort nennen: die Gelassenheit zu den Dingen.“ (Heidegger, Gelassenheit 2014, 23)

Die Offenheit für das unauflösbare Geheimnis

Gelassenheit ist hier eine Grundhaltung gegenüber der Welt, die damit rechnet, dass sie etwas regeln kann, aber Entscheidendes auch nicht. Die Welt ist hier kein einfacher Gestaltungsraum, sie bleibt bei aller wissenschaftlichen Durchdringung geheimnisvoll. „Die Gelassenheit zu den Dingen und die Offenheit für das Geheimnis gehören zusammen.“ (Heidegger, Gelassenheit 2014, 24)

Das Geheimnis bleibt immer, in der Haltung der Gelassenheit können wir das akzeptieren. Doch das heißt nicht, in Untätigkeit zu verfallen. Dort, wo es möglich ist, sollten wir die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Technologien nutzen. Doch wir sollten uns nicht mit ihnen identifizieren.

Die Suggestivkraft der Technik: Atomkraft und KI

Die Entwicklung der Technik hat eine hohe Suggestivkraft. Das galt zurzeit, da Heidegger schrieb, alle Welt redete von den künftigen Erfolgen der Atomkraft, das ist heute so, alle Welt redet von den künftigen Erfolgen der Künstlichen Intelligenz. Ja, der technische Fortschritt ist in hohem Maße relevant, aber nein, eine einlinige Fortschreibung seiner Entwicklung und die damit verbundenen Erwartungen gehen zumeist in eine falsche Richtung.

Gelassenheit als existentielle Grundhaltung

Gelassenheit ist aber mehr als ein Umgang mit den Erwartungen an Technik. Sie ist eine existentielle Grundhaltung gegenüber der Welt und dem Leben.  Sie ist wach und gegenwärtig, aber sie legt sich nicht fest, sie schöpft aus der Weisheit der Unterscheidung zwischen dem, was wir können und dem, was wir nicht können

(4) Himmel und Erde – ein dauerhaftes Spannungsverhältnis

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Dieser Vers steht ganz am Anfang des biblischen Textes. „Am Anfang“ bedeutet: Gott schuf gleich zu Beginn, als erstes eine Dualität: Himmel UND Erde. Da steht nicht: Gott schuf die Welt. Oder: Gott schuf die Wirklichkeit. Sondern: Gott schuf Himmel und Erde, sowohl das Eine wie auch das Andere. Das Eine ist nicht ohne das Andere.  Der Himmel ist nicht ohne die Erde, aber für uns, die Erdlinge, ist viel wichtiger: Die Erde ist auch nicht ohne den Himmel. Der war von Anfang an da und von Anfang an war die Erde auf den Himmel bezogen.

Himmel und Erde – Gott und Mensch

Und das ist auch heute so. In gewisser Weise schafft diese Dualität, das Gegenüber der Sphäre Gottes und der Sphäre des Menschen eine stete Spannung, auf die die biblischen Texte immer wieder zu sprechen kommen. Die Bezogenheit des Menschen auf Gott, des Geschöpfes auf den Schöpfer, ist in die Wirklichkeit eingeprägt durch die Sphären von Himmel und Erde.

Engel als klassische Mittlerwesen

Engel, die Boten Gottes überqueren regelmäßig die Grenze zwischen Himmel und Erde. Sie überbringen den Menschen göttliche Nachrichten. Sie wirken auf die Verhältnisse auf der Erde ein, aber nie so, dass das Spannungsverhältnis grundsätzlich in Frage gestellt wird.

Orte der Nähe Gottes

Es gibt in dem Rahmen der biblischer Erfahrungswelt Orte auf der Erde, die Gott näher sind, da sind die hohen Berge. Menschen steigen in biblischen Erzählungen auf Berge, um Gott näher zu kommen. Da ist der Berg Horeb, wo sich Gott Mose offenbart und sein Gesetz verkündigt, da ist der Berg in Jerusalem, auf dem der Tempel Gottes steht, da ist der Berg Tabor, an dem Jesus verklärt wird. Menschen können sich, wenn Gott will, dem Himmel nähern, auf Bergen, im Tempel. Versuchen Sie es aber eigenmächtig, so scheitert der Versuch wie beim Turmbau zu Babel.

Himmlische Verhältnisse wirken auf irdische Verhältnisse

Jesus nun verkündet auf neue Weise die Nähe des Reiches Gottes. Diese Nähe revolutioniert die Verhältnisse auf der Erde. Sicher geglaubte Ordnungen werden in Frage gestellt. Das Reich Gottes fügt sich nicht einfach den menschlichen Ordnungen. Besonders deutlich wird das im Magnifikat, mit dem Maria auf die Verkündigung der himmlischen Engel reagiert, dass sie schwanger wird. Sie singt in Dankbarkeit von dem Gott, der irdische Verhältnisse umstürzt.

Und seine Barmherzigkeit währet für und für

bei denen, die ihn fürchten.

Er übt Gewalt mit seinem Arm

und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

Er stößt die Gewaltigen vom Thron

und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern

und lässt die Reichen leer ausgehen. (Lk 1, 50-53)

Der Himmel ist stets präsent

Der Himmel ist so eine in der Bibel stets präsente Dimension der Wirklichkeit. Sie verändert die Verhältnisse auf der Erde. Sie motiviert die Menschen, dementsprechend anders zu handeln. Zweierlei ist bemerkenswert:

  1. Die Erde und ihre Verhältnisse wird nie isoliert betrachtet. Die Welt des Menschen ist nie nur für sich.
  2. Die Dynamik des Verhältnisses von Himmel und Erde ist eindeutig ausgerichtet, sie weist vom Himmel auf die Erde.

Die Moderne eine Zeit ohne Himmel?

In unserer Zeit versuchen die Menschen auf der Erde ohne den Himmel auzukommen. Sie setzen auf die eigene Kraft und Gestaltungsmacht. Wenn etwas gelingt, neue Erfindungen, neue Entdeckungen, fühlt sie sich bestätigt. Doch was ist, wenn etwas misslingt, wenn ihnen ihre eigenen Erfindungen über den Kopf wachsen (Klimawandel, Künstliche Intelligenz)?

Der Mensch zwischen Himmel und Erde

So schwanken wir zwischen Selbstermächtigungsfantasien (Kolonisierung des Mars!, Die Schaffung des neuen Menschen!, Transhumanismus!, Überwindung der Krankheiten und der Sterblichkeit!) und Weltuntergangsfantasien (Klimakatastrophe!, Fremdherrschaft der KI Systeme!, Atomare Kriege und Auslöschung der Menschheit!)

Weder diese Ängste noch diese Hoffnungen führen uns weiter. Wahrscheinlich wären wir eher zu rationalem Handeln fähig wenn wir uns unsere eigene Begrenztheit im Guten wie im Schlechten eingestehen würden. Wir sind leibliche Wesen, Erdlinge. Die biblischen Texte haben die Erde stets begrenzt gesehen durch den Himmel. Aber auch ausgerichtet auf den Himmel. Dieses Zugleich von Verbundenheit mit der Erde und von Verbundenheit mit dem Himmel macht uns selbst zu Mittlerwesen. Wir geraten in Gefahr, wenn wir die eine oder die andere Verbundenheit vernachlässigen.

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(3) Ist das Reich Gottes transzendent?

Religion bezieht sich auf Transzendenz, die über unsere Welt, die Immanenz, hinausgeht. Das klingt nur auf dem ersten Blick einleuchtend. Tatsächlich ist das aber eine moderne Verzerrung eines alten Anliegens.

Die Unterscheidung von Vordergrund/Gestalt und Hintergrund

Jesus von Nazareth predigte vom Reich Gottes. Ist das Reich Gottes damit eine transzendente Größe?

In dem letzten Blogbeitrag habe ich vorgeschlagen, die Differenz zwischen der Welt und dem Reich Gottes analog zu einer Differenz zwischen der Gestalt im Vordergrund und einem Hintergrund zu deuten. (siehe hier). Das Reich Gottes ist in diesem Sinne aber nicht irgendein Hintergrund. In gewisser Weise ist es der Hintergrund aller Hintergründe, es ist ein absoluter Hintergrund. Es ist jener Hintergrund all dessen, was uns in der Welt erscheinen kann, was wir beobachten können, was in den Vordergrund gehoben werden kann.

Dieser Hintergrund ist einerseits umfassend, keine Gestalt in dieser Welt nicht auch vor dem Hintergrund des Reiches Gottes gesehen werden kann. Es ist als absoluter Hintergrund andererseits auch unzugänglich. Er kann selbst nie zum Vordergrund gemacht, direkt untersucht werden.

Die neuzeitliche Unterscheidung von Transzendenz und Immanenz

Die Differenz zwischen Gestalt und Hintergrund unterscheidet sich tatsächlich gravierend von der klassischen Differenz zwischen Immanenz und Transzendenz. Denn zwischen Transzendenz und Immanenz gibt es eine nicht zu überbrückende Grenze. Beide Seiten haben nichts gemeinsam, wo das eine anfängt, hört das andere auf. Es sind zwei Bereiche, die klar voneinander getrennt sind. Der eine Bereich, die Immanenz, ist weltlich zu deuten, der andere Bereich, die Transzendenz, ist religiös zu deuten.

Die Immanenz umfasst alle Erscheinungen der Welt. Diese stehen miteinander in einem nachvollziehbaren Zusammenhang. Die Neuzeit brachte mit den Naturwissenschaften eine Revolution der Welterkenntnis mit sich, die es möglich machte, die Verhältnisse in der Welt immer genauer zu beschreiben und zu deuten. Die Wissenschaften erforschen die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten. Diese neue, bis dahin ungeahnte Stärke der naturwissenschaftlichen Weltbeschreibung zwang die Theologie zu einer Antwort. Denn bis zur Neuzeit war es für sie selbstverständlich, die Welt und ihren Aufbau mit religiöser Autorität zu deuten. Das wurde nun immer weniger plausibel. Die neuzeitliche Theologie betonte deshalb zunehmend die Differenz zwischen Immanenz und Transzendenz. So hatte sie einen Bereich, der für die Naturwissenschaften unzugänglich war.

Die biblische Unterscheidung von Himmel und Erde

Biblisch gibt es dafür scheinbar eine gute Grundlage: Die Unterscheidung zwischen Himmel und Erde. Der Himmel ist die Sphäre Gottes, die Erde ist jener Bereich, in dem die Menschen leben und handeln. Gott kann die Sphärengrenze durchbrechen und in das Geschehen auf der Erde direkt oder indirekt eingreifen, er kann Botinnen und Boten schicken, die sein Wort, seinen Willen verkünden. Die Menschen mögen ihrerseits versuchen, die Grenze zum Himmel zu durchbrechen, es gelingt ihnen aber nicht. Biblisch steht dafür die Erzählung vom Turmbau zu Babel. Gott interveniert, er lässt die Menschen nicht seine Sphäre erreichen.

Der „Erfolg“ der Rede von der Transzendenz

So gibt es also auf erstem Blick eine gute biblische Vorlage für die neuzeitliche Unterscheidung zwischen Transzendenz und Immanenz. Diese Unterscheidung erscheint nur als eine kleine Modifikation der traditionellen christlichen Rede von der Schöpfung mit der Unterscheidung von Himmel und Erde. Der unbestreitbare „Erfolg“ ist zunächst einmal eine Immunisierung theologischer Aussagen. Sie stehen nicht mehr in Konkurrenz zu den Naturwissenschaften, weil sie sich ja auf die Transzendenz beziehen, die die Naturwissenschaften als weltliches Erkenntnisprojekt nicht erreichen können. Die Unterscheidung schien also eine kluge Strategie zu sein. Was auch immer die naturwissenschaftliche Forschung entdeckt, es sind stets Verhältnisse, die sich auf die Immanenz beziehen. Die Transzendenz, die Sphäre Gottes, die die Theologie beschreibt, bleibt davon unberührt.

Die negativen Folgen der Rede von der Transzendenz

Doch ist die Vorstellung, die Unterscheidung von Himmel und Erde lasse sich übersetzen in Transzendenz und Immanenz nicht nur theologisch falsch. Auch die Wirkung dieser Unterscheidung war katastrophal. Durch eine immer bessere Beschreibung der Welt durch die Naturwissenschaften, durch eine immer weitere Durchdringung von wissenschaftsbasierter Technik und Lebenswelt blieben immer mehr Menschen von der theologischen Rede von einem transzendenten Gott unberührt. Mag sein, dass es einen solchen transzendenten Gott gibt, aber wen interessiert das, wenn es um eine völlig unbekannte Transzendenz geht? Im technikgeprägten Alltag gibt es keinen Anlass, sich über diese Transzendenz Gedanken zu machen. Der Bezug auf Gott wird zu einer möglichen, aber in der Regel wohl eher überflüssigen Referenz.

Das Reich Gottes als absoluter Hintergrund ist nah und wirkt

Mit Hilfe der hier getroffenen Unterscheidung von Gestalt und Hintergrund wird aber deutlich, dass die neuzeitliche Reinterpretation von Himmel und Erde als Transzendenz und Immanenz etwas Entscheidendes übersieht und damit auch theologisch falsch wird. Der in der Bibel beschriebene Himmel ist zwar für antike Menschen eine völlig unzugängliche Sphäre, aber sie bleibt sichtbar, zu jedem Augenblick eines Lebens auf der Erde. Diese Sichtbarkeit ist nicht nebensächlich. In gewisser Weise war für die antiken Menschen der Himmel so etwas wie ein stets präsenter, aber unerreichbarer Hintergrund. Er war ebenso präsent und nah wie das Reich Gottes in den Reden Jesu erscheint.

Die Unterscheidung von Gestalt und Hintergrund nimmt diese Erfahrung der Nähe auf. Das Reich Gottes ist hier der umfassende Hintergrund aller weltlicher Vorgänge.  Auch hier gilt, dass der Hintergrund nicht zugänglich ist, er ist ein absoluter Hintergrund. Das ist eine Eigenschaft, die das Reich Gottes als Hintergrund mit dem antiken Himmel und der neuzeitlichen Transzendent eint. Aber entgegen der neuzeitlichen Vorstellung von Transzendenz ist das Reich Gottes als absoluter Hintergrund in den weltlichen, alltäglichen Wahrnehmungen zu ahnen, es ist möglich, sich zumindest indirekt darauf zu beziehen, es ist nicht jenseits einer undurchdringlichen Grenze, sondern beeinflusst das Diesseits auf Schritt und Tritt.

Das Reich Gottes als Hintergrund weltlicher Vorgänge ist damit für unsere weltlichen Verhältnisse relevant. Es ist nicht eine transzendente Sphäre, völlig unzugänglich aus irdischer Perspektive. Wer eine Ahnung von der Nähe des Reiches Gottes bekommt, sieht die Dinge der Welt in einem anderen Licht. Diese Nähe des Reiches Gottes führt zu einem anderen reden über die Welt und zu einem anderen Handeln in der Welt.

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