Der Weg ist noch weit

Der Krieg in der Ukraine und das unsägliche Leid, die atemberaubende Destruktion sind wie ein Weckruf, der viele aufrüttelt. Wir fragen uns verwundert, warum all das Leid nicht zu verhindern war, welche Frühwarnsignale übersehen worden sind. Die Kraft der Destruktion macht sprachlos. Wir sind zutiefst irritiert: War denn nicht klar, dass der Wohlstand der Welt mit Freiheit, Wissenschaft und moderner, nachhaltiger Technik einher gehen muss?

Die Irritation des nahen Krieges

Uns irritiert das nahe Leid. Doch gab es dieses Leid nicht immer schon, ob im Jemen, ob in Äthiopien? Haben wir es nur besser von uns fernhalten können? Haben wir gedacht, dass ist eben eine andere Weltgegend? Eine Ausnahme in der deutschen Diskussion war Syrien. Hier reagierten viele in unserem Land ähnlich wie heute, mit viel Empathie. Der Krieg in der Ukraine geht aber noch darüber hinaus. Er ergreift uns mehr, weil der Krieg und seine Zerstörung unser Selbstverständnis trifft. Er erreicht uns in unserer Welt, in der wir uns eingerichtet haben

Das etwas träge Auenland Gefühl

Im Grunde haben wir im Deutschland der letzten Jahre ein Gefühl des „Auenlandes“ aufgebaut, eine glückliche Metapher des Psychologen Stephan Grünwald. Wir leben in einer Welt, die in den Grundzügen jetzt schon so ist, wie sie sein soll. Da draußen gibt es sicherlich noch eine andere, eine Rest-Welt. Doch die Zukunft der Welt ist durch unsere Gesellschaft repräsentiert. Sie steht für die modernen Errungenschaften der Menschheit, für Wissenschaft und Technik und auch für den freien Handel, der kontinuierlich Wohlstand erzeugt. Hinzu kommen die Freiheiten der Lebensführung, große kulturelle Ressourcen. Die meisten anderen Länder fallen dagegen ab, mit Bedauern sehen wir die Differenz und zugleich mit der Zuversicht, dass letztlich alles so werden wird wie es bei uns jetzt schon ist. Der Welthandel und der Austausch werden es schon richten.

Die offene Auseinandersetzung der Weltanschauungen

Doch nun der so nahe Krieg: Jetzt ist viel von Zeitenwende die Rede. Es kommt nun mächtig Bewegung in die Deutung der Welt. Solche Diskussionen waren in den letzten Jahren der Selbstgewissheit eher langweilig, irrelevant. Thomas Assheuer hat in DIE ZEIT einen großen Essay über unterschiedliche Weltdeutungen veröffentlicht. Seine Referenzautoren sind: Francis Fukuyama, Alexander Dugin, Zhao Tingyang. Sehr unterschiedliche Autoren: Francis Fukuyama war derjenige, der medienwirksam Anfang der 90er Jahre von einem liberalen Zeitalter, von dem Ende der Geschichte redete (und damit den Beginn des gerade skizzierten Zeitgeistes repräsentierte). Für den Liberalismus kämpft er auch heute: In einer neueren Veröffentlichung zeigt er aber mehr die Gefährdungen des Liberalismus auf, einerseits durch die neoliberale Wirtschaft andererseits durch postmoderne Strömungen. Alexander Dugin ist Vordenker des russischen Präsidenten und verbreitet faschistoide Gedanken mit seinen Reflexionen über die eurasische Kultur und die besondere Rolle Russlands. Zhao Tingyang wiederum gilt als Vordenker der chinesischen Führung. Sein Ansatz wurzelt in der chinesischen Geschichte, er erhebt die vorkaiserliche Zhou Dynastie zu einem leuchtenden Vorbild. Den beiden Letztgenannten ist eigen, dass sie mit den Grundannahmen liberalen Denkens nicht viel anfangen können.

Die Werte des Liberalismus gelten für alle

Warum die Beschäftigung mit den für uns abseitigen Weltanschauungen? Es zeichnet sich ab, dass der liberale Westen nicht einfach der Standard der modernen Welt ist, dass es nur einige bedauerliche periphere Abweichungen gibt. Vielmehr zeigt sich, dass große Teile der Menschheit in Ländern leben, die diese Standards nur wenig berücksichtigen. Und die Geschichte ist kein Selbstläufer hin zu immer mehr Liberalismus und Demokratie! Die nicht-liberalen Staaten repräsentieren immer noch den weitaus größten Teil der Menschheit. Allein in China leben so viele Menschen wie in dem gesamten traditionellen Westen. Übrigens sind bei den obigen Referenzautoren noch nicht die vorherrschenden Strömungen in Indien (Modi) und in muslimischen Ländern wie Pakistan, Indonesien berücksichtigt. Dies würde noch mehr deutlich machen, wie wenig liberale Werte einfach als Standard der Welt angenommen werden können.

Für einen streitbaren Liberalismus

Was heißt das? Wir brauchen weniger einen selbstgefälligen Liberalismus, der sich eh schon auf der Seite der Sieger wähnt, als stärker einen streitenden Liberalismus, einen, der nicht leichtfertig sich zum natürlichen universalen Wahrheit und zum Sieger der Geschichte erklärt, sondern der um die Mühen weiß, die vor uns liegen, damit die liberalen Werte tatsächlich zu einem Standard der meisten Menschen der Welt werden können. Hier braucht es eine echte Auseinandersetzung mit den immer noch sehr starken Alternativen. Wir brauchen eine offene Wahrnehmung der weltanschaulichen Differenzen in der Welt. Viele Beiträge in den Feuilletons dieser Tage wie der von Herrn Assheuer weisen in diese Richtung. Es bleibt noch viel zu tun.

Der Blogbeitrag zu Stephan Grünewald

Zum Artikel von Thomas Assheuer

Zur Hauptseite

Energie – leicht verfügbar!

Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat auch die Frage der Energiesicherheit aufgeworfen. Es wird schmerzlich bewusst, wie abhängig Europa, vor allem Deutschland von den Energielieferungen Russlands ist. Wieso ist das nicht früher deutlich geworden, warum haben viele Akteure die Energieabhängigkeit so unterschätzt?

Die These:

Neben einer fatalen Marktorientierung gibt es in unserer Gesellschaft eine kulturell tiefsitzende idealistische Unterschätzung materieller und energetischer Abhängigkeiten.

Der Beitrag der Globalisierung

Die Globalisierung hat die Warenströme stark ansteigen lassen. Dies gilt auch für die Energieträger. Noch vor einigen Jahrzehnten hatten die Länder einen deutlich höheren Autarkiegrad, das heißt, die vornehmlich verwendeten Energieträger wurden in den Ländern selbst gewonnen. Das war in Europa vorrangig Kohle, aber auch Gas. Erst die zunehmende Abhängigkeit von Öl änderte die Situation. Diese Abhängigkeit wurde in der Ölkrise in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schmerzlich bewusst. Doch ließen sich die Konflikte vorerst bereinigen.

Doch nun kehrt eine Energiekrise mit deutlich größerer Wucht zurück. Das liegt daran, dass in den vergangenen 30 Jahren, in der Hochphase der Globalisierung, viele Länder das Streben nach Autarkie aufgegeben haben und Energieträger dort gekauft haben, wo sie am günstigsten waren. Steinkohle zum Beispiel ist in Australien günstig und auch in Russland. Die Förderung von Steinkohle in Deutschland wurde beendet. Der Energieträger Erdgas gewann in den zurückliegenden Jahren für Deutschland massiv an Bedeutung. Der Weltmarkt wurde zu der Referenzgröße, um die Energieversorgung zu gestalten.

Erneuerbare Energien als Alternative

Zu dem globalen Handel von Energieträgern kam die Diskussion um den Ausbau erneuerbarer Energien hinzu. Denn zu der gleichen Zeit, in sich der Weltenergiemarkt ausbaute, wuchs die Einsicht, dass der massenhafte Gebrauch fossiler Energieträger das Weltklima bedroht. In Deutschland ist spätestens Ende der 90er Jahre der Ausbau regenerativer Energien diskutiert worden, ein erster wichtiger Schritt war das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) von 2000. Damit verbunden war die Hoffnung, dass die Energiewende zügig die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern beenden kann. Doch dann verlor der Ausbau regenerativer Energien wieder an Dynamik, er wurde in den folgenden Jahren nur halbherzig und vor allem leichtfertig betrieben. Es gab Fortschritte, aber auf den gesamten Energiebedarf gesehen ist der Anteil regenerativer Energiegewinnung nach wie vor klein. Meist wird in der Diskussion der Strommarkt hervorgehoben, an dem die regenerativen Quellen fast 50 % Anteil haben. Doch macht der Strommarkt nur 20% der gesamten Endenergie aus. Der Anteil von Sonne und Wind an der Endenergie beträgt auch 2021 weniger als 10 %.

Energie ist da!

Zu der Frage am Anfang zurück: Wie sind wir also in dies Situation geraten? Zum einen war die Erwartung dem Weltmarkt gegenüber zu naiv. Zum anderen aber gibt es auch eine unheilvolle Unterschätzung der Elementargröße „Energie“ in unserer Gesellschaft. Hier wirkt ein tiefsitzendes kulturelles Deutungsmuster einer idealistischen Zivilisation: Die Unterschätzung der materiellen und energetischen Abhängigkeiten. Viele neigen dazu, mit der Ressource Energie sorglos umzugehen. Die Debattenbeiträge legen eher nah, dass mit gutem Willen und klugem Vernunftgebrauch alle Engpässe beseitigt werden können. Die widrigen Kräfte der Wirklichkeit lassen sich leicht überwinden, Abhängigkeiten und Mängel aushebeln. Man könnte das einen technologischen Optimismus nennen, aber dann müsste es mehr Interesse an den technischen Lösungen geben. Auf die Frage, wie wir der Gasabhängigkeit entfliehen können, heißt es leichthin: Mit regenerativer Energiegewinnung. Das ist prinzipiell richtig, aber die Mühen und die Zeit, bis ein solcher Zustand erreicht wird, werden leichtfertig überspielt. Wer weiß, wie abhängig das eigene Leben von einer ausreichenden Energieversorgung ist, argumentiert vorsichtiger. Die widrigen Kräfte der Wirklichkeit lassen sich nicht allein durch die Absicht allein überwinden.

Die kostbare Ressource Energie

Es gilt heute mehr denn je die Aussage von Ernst-Ulrich von Weizsäcker: Die größte Energiequelle der Zukunft ist das Energiesparen. Doch auch dann muss man Energie ernster nehmen, als kostbare Ressource und kann annehmen, sie sei einfach jederzeit verfügbar. Die meisten Bilder der Automobilunternehmen zu E-Mobility strahlen aber genau das aus: Allein schon der Elektroantrieb macht die Autos nachhaltig, unabhängig von ihrem Verbrauch, als hätten wir beliebige Mengen regenerativer Energien zur Verfügung. Da ist es dann auch nicht verwerflich, nach wie vor große und schwere Karossen zu produzieren. Dagegen gilt: Die Energie der Zukunft ist eine knappe und kostbare Ressource. Die Widerstände einer geringeren Verfügbarkeit werden wir noch lange spüren.  

Zur Hauptseite

Kann Wissen gefährlich sein für die Demokratie?

Dieser Frage geht der Soziologe Alexander Bogner in einem schmalen Reklam Bändchen „Die Epistemisierung des Politischen“ nach (Die Epistemisierung des Politischen. Wie die Macht des Wissens die Demokratie gefährdet. Stuttgart 2021) Bogner beschreibt aktuelle wissenschaftliche Interventionen in politische Debatten, die allen vor Augen sind: EpidemiologInnen und VirologInnen in der Corona Krise, MeteorologInnen, OzeanographInnen, PhysikerInnen in der Klimaforschung. Für ein angemessenes Handeln in einer Krise ist wissenschaftliches Wissen unumgänglich, das betont auch Bogner. Zugleich ist er aber in keiner Weise glücklich mit dem großen Einfluss wissenschaftlicher Expertise, wenn sie den politischen Entscheidungsprozess überflüssig zu machen scheint, getreu dem Motto: There is no alternative.

Der Positivismus Streit

Bogner erinnert dabei auch an die alte Szientismus Debatte der 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, den so genannten Positivismus Streit. Damals war es geradezu ein Kennzeichen progressiver Positionen, wissenschaftskritisch zu sein. Denn die Wissenschaft, die unter das Label „Positivismus“ gefasst wurde, so der Vorwurf, produziert ein opakes Weltbild, das keine Alternativen kennt.  Wer jedoch für gesellschaftliche Alternativen eintritt, muss die Fixierung auf Empirie und Fakten durchbrechen. Eine Gesellschaft von morgen ist möglich, wenn man auch andere Quellen als die empirischen Wissenschaften hinzuzieht. Die Protagonisten auf der gesellschaftskritischen Seite waren etwa Adorno und Habermas, aufseiten der Wissenschaftsverfechter Karl Popper und Hans Albert. Ein Widerschein dieser Debatten zeigte sich auch in den späteren Schriften von Habermas, etwa, wenn er von der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ durch die gesellschaftlichen Systeme sprach, zu denen auch die Wissenschaften gehören.

Aber: Vorsicht vor den Aufklärungsgegnern

Doch heute ist es nicht mehr so ganz einfach, mit diesem Problem umzugehen, das ist auch Bogner klar. Denn wissenschaftliche Expertise in aktuellen Debatten abzulehnen, würde bedeuten, Tür und Tor allen möglichen Phantasten zu öffnen, heißen sie nun Corona Leugner, Klimaleugner, Impfgegner oder Verschwörungstheoretiker. Bogner hebt auch deutlich hervor, dass es in diesem Ringen um wissenschaftliche Expertise auch organisierte Gegenaufklärer gibt, wie das Cato Institute in den USA oder das Medienimperium von Robert Murdoch. Wer alle scheinbaren „Wahrheiten“ zulässt, landet im „epistemischen Tribalismus“ (118)

Fact-fake Unterscheidungen sind eingängig, aber zu simpel

Und doch ist es das Verdienst von Bogner, einmal mit Nachdruck auf die Problematik von wissenschaftlich abgesichertem Wissen in politischen Debatten einzugehen und nicht voreilig sie allein den Wissenschaftsgegnern in die Schuhe zu schieben. So fragt er provokativ in Hinsicht auf eine aktuelle Expertenhörigkeit: „Diese neue Variante des Szientismus ist, und das kann man nicht nachdrücklich genug betonen, demokratiepolitisch gesehen wahrscheinlich bedenklicher als das leicht durchschaubare Spiel mit Fake News und Twitter Lügen im politischen Alltag.“ (S. 121)

Gibt es sie, DIE Wissenschaft?

Ein klares Plädoyer dafür, diese allzu leichte Unterscheidung von Fake und Facts nicht mitzumachen. Denn die so genannten Facts sind nicht so harmlos, wie es der aktuelle Zeitgeist gerne glauben machen möchte. Zunächst: Die einfache Unterscheidung legt nah, dass es DIE Facts gäbe, DIE Position DER Wissenschaft. Das ist natürlich ein hoch reduktionistisches Wissenschaftsbild. Wissenschaft gleicht eher einer offenen, kollektiven Suche mit der ständigen Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen. Doch andererseits gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, die man nicht in Frage stellen sollte. Wer die Erdanziehung leugnet und aus dem Fenster springt, wird schnell auf dem „Boden der Tatsachen“ landen. Es gibt also Tatsachen, aber im politischen Raum müssen sie immer auch noch gedeutet und bewertet werden (etwa die Verordnung, vor alle Fenster Auffangnetze zu spannen). Die Abkürzung, unmittelbar von „Fakten“ auf politische Maßnahmen zu schließen, darf eine der Aufklärung verpflichtete Politik nicht gehen.

Künftige Klimadebatten brauchen beides: die Unterscheidung und die wechselseitige Bezugnahme von Wissenschaft und Politik

Das Büchlein von Bogner ist gerade vor den jetzt anstehenden Klimadebatten – in der neuen Legislaturperiode wird „plötzlich“ die Frage auftreten, wie nun die 65 % CO2 Reduktion in den kommenden 8 Jahren erreicht werden soll. Manche Maßnahme wird dann mit der Stimme DER Wissenschaft begründet werden. Doch kann man aus den wissenschaftlichen Befunden keine politischen Maßnahmen ableiten. Das muss immer noch die Politik – vor den Wählerinnen und Wählern – selbst verantworten. Die Wissenschaft darf in der Politik nicht ignoriert werden, sie darf aber auch nicht zur alleinigen Legitimationsbasis werden.

Der Impfstoff, eine gute Nachricht für Europa und ein weltweites Problem

Noch in der vergangenen Woche habe ich in diesem Blog mit großer Skepsis darüber nachgedacht, warum wir eine mögliche Impfung herbeisehnen. Sie ist die „technische Lösung“ des Problems der Pandemie, das heißt, sie erfordert sehr geringe Veränderungen im gesellschaftlichen Abläufen und Strukturen und  in dem eigenen Verhalten. Skeptisch war ich, weil das Ersehnte nicht nur deshalb, weil es ersehnt wird, auch schon eintritt. Nun, wenige Tage später, scheint nun aber ein Impfstoff der Unternehmen Biontech/Pfizer zum Greifen nah zu sein! Das ist eine sehr gute Nachricht!

Technische Lösungen haben Nebenwirkungen

Allerdings haben auch technische Lösungen Nebenwirkungen.  Denn zugleich stellt sich ein gravierendes, ein riesiges Problem: Das Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Denn der Impfstoff muss für die ganze Welt in ausreichender Menge produziert werden. Es geht dabei nicht nur um die Verteilung an sich, die auf längere Sicht möglich sein wird. Es geht vor allem auch um den Zeitfaktor, denn die Pandemie wütet in vielen Ländern und alle ersehnen ein Ende. Das Problem wird auch nicht dadurch behoben, dass einige weitere Kandidaten für Impfstoffe sich in der Erprobungsphase III befinden. Denn auch mehrere Pharmaunternehmen werden Schwierigkeiten haben, die Produktion so großer Mengen von Impfstoff bereit zu stellen.  Die Verteilung wird also zwangsläufig dauern, möglicherweise viele Monate. Ein weiterer Faktor sind die Verteilungswege, es müssen Infrastrukturen aufgebaut werden, die die Impfungen fachgerecht durchführen können. Auch das ist eine große logistische Herausforderung, die die bestehenden Gesundheitssysteme vieler Länder nicht noch nebenher erledigen können. Auch hier haben jene Länder einen Vorteil, die über ein besser ausgestattetes Gesundheitssystem verfügen. Technische Lösungen setzen Infrastrukturen voraus. Wenn die nicht gegeben sind, ist auch eine technische Lösung gefährdet.

Das Problem der Zeit

Es also entstehen unausweichliche Verzögerungen: Die einen bekommen den Impfstoff schnell, die anderen müssen noch warten. Doch sind auch schon einige Monate in einer Pandemie eine sehr lange Zeit – in Deutschland ist sie erst seit etwa 8 Monaten! Man stelle sich vor, der Impfstoff sei von Beginn an verfügbar gewesen, aber erst nach 8 Monaten in Deutschland eingesetzt worden! Diese Differenz mehrerer Monate wären nicht nur für die Menschen deshalb schlecht, weil sie weiterhin in einem mehr oder minder starkem Lockdown mit dem ständigen Risiko der Ansteckung leben müssen, sondern weil sie zugleich Bilder aus Ländern sehen können, in denen schon geimpft wird und die die Befreiung von dem Virus feiern können!

Die gute Nachricht für Europa

Es wird weltweite Verteilungsschwierigkeiten geben. Dennoch ist es eine gute Nachricht, die gestern aus Brüssel kam. Die EU hat mit ihrer Verhandlungsmacht bei den Herstellern Biontech und Pfizer mindestens 300 Mio. Impfdosen vorbestellt. Dies ist eine gute Nachricht für die Menschen in Europa, es ist aber auch eine gute Nachricht für Europa! Das erste Mal seit dem Beginn der Pandemie zog nicht der nationale Reflex. Der war ja zu Beginn der Pandemie zu beobachten. Jede Regierung verfügte über eigene Maßnahmen.

Es wäre extrem schwierig geworden, hätten hier die Mitgliedsländer der EU eigenständig agiert. Das geschah im Verlauf der Corona Pandemie ja schon mehrfach. Erst ging es um Masken, dann um Reisefreiheit, dann um die Bettenkapazitäten in den Krankenhäusern. In all diesen Fragen stand nicht Europa im Vordergrund, sondern die jeweilige nationale Einheit. Das hätte nun wieder passieren können: Deutschland etwa hätte aufgrund seiner geringen Verschuldung einfach etwas mehr bieten können als andere Länder. Ein destruktiver Wettbewerb hätte stattfinden können, der der europäischen Idee großen Schaden zugefügt hätte. Das ist nun abgewendet. Und das ist eine gute Nachricht.

Das Problem im weltweiten Maßstab

Was aber geschieht im weltweiten Maßstab? Hier zeigt sich wiederum, wie gut es wäre, wenn die Vereinten Nationen und damit auch die Weltgesundheitsorganisation, die WHO, besser aufgestellt und mit mehr Befugnissen ausgestattet wäre! Leider findet darüber hierzulande in der Öffentlichkeit kaum eine Debatte statt. Auch die Kürzungen unter der Trump-Regierungen sind nur zur Kenntnis genommen worden. Wenn der Eindruck nicht täuscht, waren es nicht die Europäer, die in die Bresche gesprungen sind, sondern China. Um eine Stärkung der UN wird in the long run kein Weg vorbeiführen!

Die Impfung – Ist eine „technische“ Lösung der Corona Pandemie möglich?

Die Corona-Pandemie baut sich in Europa zu einer zweiten Welle auf. Im Sommer war angesichts der geringen Fallzahlen der Eindruck der Pandemie eher verblasst, man redete stets über sie, aber doch eher mit Blick auf andere Länder wie den USA, Brasilien, Indien. Die Bekämpfung der ersten Welle im Frühjahr war gelungen, die Wirtschaft zog wieder an, Kultureinrichtungen hatten Hygienekonzepte entwickelt, Restaurants und Hotels waren wieder offen, die Mobilität war fast auf einen Normalwert zurückgekehrt.

Eine Zeit der Entbehrungen

Für EpidemiologInnen nicht überraschend und doch für die Öffentlichkeit unerwartet schnell steigt nun die Fallzahl in den letzten drei Wochen wieder dramatisch an. Die Politik sieht sich zum Handeln gezwungen. Der Anstieg ist zu rasant, als dass er ignoriert werden könnte. So ist erneut ein „Lockdown“ verhängt worden, dieses Mal in einer leichteren Version.

Möglicherweise hilft die Maßnahme, diese zweite Welle zu brechen. Unter den Kommentaren mischen sich aber zu Recht zweifelnde Fragen, wie es denn auf lange Sicht weiter gehen soll. Folgt der zweiten Welle eine dritte, eine vierte? Folgt diesem „Lockdown“ dann weitere? Denn eines scheint offenkundig: Das Virus ist im Land und kann und kann und wird wohl immer wieder ausbrechen. Sobald man zu dem gewohnten Leben zurückkehrt, werden die Fallzahlen wieder steigen. Folgt nun eine Zeit mit einem Wechsel von „Lockdowns“ und Erleichterungen? Das ist schwer vorstellbar.

Die Impfung – Ziel aller Hoffnungen

Erträglich ist für viele die Situation nur, weil es eine explizite Hoffnung gibt, dass Anfang des kommenden Jahres ein Impfstoff  geben wird. Immer wieder wird von politischen Akteuren die Zeit Frühjahr 2021 ins Spiel gebracht. Das lässt die Herausforderung überschaubar erscheinen. Manche VirologInnen warnen aber vor zu großen Erwartungen und stellen eine Vielzahl von Fragen: Führt der Impfstoff zu einer bleibenden Immunität? In welchem Umfang und in welcher Zeit ist der Impfstoff verfügbar? Gibt es unerwünschte Nebenwirkungen?

All diese Fragen kann zurzeit niemand beantworten. Ich möchte an dieser Stelle nur eine Beobachtung einbringen, dass die Sehnsucht nach dem Impfstoff auch eine Besonderheit unserer Zeit der Moderne zum Ausdruck bringt: Wir bevorzugen bei ethischen und kulturellen Herausforderungen gerne „technische Lösungen“. Warum ist der Impfstoff eine technische Lösung des Problems, was kennzeichnet technische Lösungen? Sie erlauben die weitgehend ungestörte Fortsetzung der eigenen Lebensführung und produzieren relativ geringe Kosten. So können kulturelle und ethische Herausforderungen umgangen werden, eine neue kulturelle Deutung der eigenen Situation kann unterbleiben.

Die Parabel vom Sadhu

Man kann dies an einer Parabel deutlich machen, die in Kreisen der Unternehmensberatung oft eingesetzt wird, um ethische Dilemmata zu diskutieren, der Parabel vom Sadhu. Bowen Mc Coy hat sie aufgeschrieben. Worum geht es? Mehrere internationale Expeditionsgruppen wollen an einem Tag mit gutem Wetter einen unwegsamen Himalaya Pass überwinden. Nur an diesem Tag ist die Passage in der Saison noch möglich. Ein Abbruch hieße, lange Vorbereitungszeiten und Investitionen aufzugeben. Sehr früh brechen sie auf. Bald findet die erste Gruppe im Schnee einen nur mit Tüchern bekleideten Asketen, einen Sadhu, der nicht spricht, sich aber auch kaum bewegt. Muss man ihm helfen? Ist er absichtliche in der kalten Einöde? Soll eine der Gruppen den Aufstieg abbrechen? Können alle gemeinsam ein wenig zur Lösung beitragen? An dieser Situation lassen sich viele ethische Probleme erläutern. Am einfachsten für alle wäre aber eine (nicht ganz ernst gemeinte) technische Lösung: Wer solche ausgesetzten Himalaya Touren durchführen will, schließt vorab eine „Sadhu Versicherung“ ab. Mit dem Geld wird ein Hilfesystem bereitgestellt, wer einem Sadhu trifft, löst einen Alarmmechanismus aus und das Hilfesystem wird aktiviert. Alle können ihre, Weg weiter folgen, ethische und kulturelle Herausforderungen können umgangen werden.

Die oft begrenzte Reichweite technischer Lösungen

In unserer Zeit haben wir eine Vielzahl solcher technischer Lösungen installiert. Viele Versicherungen sind von dieser Art wie etwa die Pflegeversicherung. Sie ermöglichen einen möglichst ungestörten Lebenswandel bei möglichst geringen Kosten. Auf das Problem der Pandemie bezogen heißt das, die Impfung ist in der Tat die beste Lösung. Auch hier kann dann alles beim Alten bleiben. Die Frage ist aber, ob immer technische Lösungen zur Verfügung stehen. Nur in selteneren Fällen lassen sich ethische und kulturelle Herausforderungen durch technische Lösungen vollständig beantworten. Oft produzieren technische Lösungen auch neue ethische Probleme. Die Pflegeversicherung wird nicht die kulturelle Herausforderung beseitigen, das mit einer alternden Bevölkerung einhergeht. Möglicherweise gilt das auch für den Impfstoff in der Bearbeitung der Corona Pandemie. Er wird nicht verhindern, dass es viele Verlierer in der Pandemie geben wird, dass der soziale Zusammenhalt noch weiter geschwächt wird, dass gewohnte Lebensformen und kulturelle Errungenschaften nachhaltig irritiert werden. Wir werden mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht umhin kommen, auch eine Vielzahl kultureller und ethischer Ressourcen in unserer Gesellschaft zu mobilisieren, um die Herausforderungen der Pandemie zu genügen! Die Vorstellung, eine technische Lösung würde alle Probleme auflösen, greift zu kurz.

%d Bloggern gefällt das: