Zur Diskussion der Widerspruchslösung bei der Organspende – Der Mensch ist mehr als ein Organismus

In diesem Herbst wird der Bundestag ein Gesetzentwurf zur Organspende diskutieren, der die so genannte „Widerspruchslösung“. Sie soll einen Ausweg aus dem Problem der zu geringen Zahl von Organspendern in Deutschland weisen. Doch geht es bei dem Wechsel der jetzt geltenden erweiterten Zustimmungslösung zur Widerspruchslösung nicht einfach nur um eine Änderung in einer Prozedur. Die Änderung gegenüber der bisher bestehenden Regelung ist tatsächlich weitreichend, weil sie die Grundbedingungen für eine „Organspende“ ändert.

Die erweiterte Zustimmungslösung und ihre Probleme

Nach der bislang geltenden so genannten erweiterten Zustimmungsregelung muss die mögliche Spenderin, der mögliche Spender schon vorab die Bereitschaft zur Organspende dokumentiert haben, etwa durch einen Organspendeausweis. Liegt eine solche Dokumentation des Willens nicht vor, werden die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen gefragt.

Dieses Verfahren ist alles andere als ideal. Insbesondere kann es besondere Härten schaffen, wenn die Angehörigen gefragt werden. Dies ist durch die Situation einer möglichen Organspende bedingt. Als Organspender kommen ja nur solche Menschen in Betracht, bei denen während einer intensivmedizinischen Behandlung der Hirntod festgestellt wird, deren körperlicher Zustand aber noch in einem solchen Zustand ist, dass spendefähige Organe entnommen werden können. Das ist zum Beispiel bei Unfallopfern der Fall. Ist eine mögliche Spenderin, ein möglicher Spender erst einmal identifiziert, kann der folgende Prozess der Organentnahme nicht beliebig hinausgezögert werden. Zum einen warten mögliche Empfänger auf ein Spendeorgan, zum anderen kann eine intensivmedizinische Behandlung nicht unbegrenzt fortgeführt werden.

In dieser Situation entsteht also ein großer Druck auf alle Beteiligten. Ärztinnen und Ärzte sehen sich zu schnellem Handeln veranlasst. Wenn nun eine eindeutige Willensbekundung in Form eines Organspendeausweises vorliegt, wird die weitere Prozedur zügig abgewickelt. Das Krankenhaus meldet die Organe, die Entnahme kann vorbereitet werden. Äußerst problematisch ist die geltende Regelung aber, wenn kein Organspendeausweis vorliegt. Dann müssend die nächsten Angehörigen gefragt werden. Das aber geschieht in einer denkbar belasteten Situation. Hier kommt die existentielle Verbundenheit zur Geltung, die zwischen nahen Verwandten besteht. Wenn denn die möglichen Spender durch einen schweren Unfall in diese Situation geraten sind, so liegt zwischen der Nachricht der Unfallfolgen, der Nachricht, wie schwer die Verletzungen sind und der Frage, ob Organe entnommen werden können, nur sehr wenig Zeit. Die Angehörigen können also nicht in Ruhe entscheiden, sondern sind mit der Frage unmittelbar nach der Erkenntnis konfrontiert, dass der mit ihnen verbundene Mensch irreparable Verletzungen erlitten hat und nach keine Möglichkeiten hat, zu einem stabilen Leben zurückzukehren. Sie oder er liegt im Sterben. In dieser Situation wird nun eine weitreichende Entscheidung der Angehörigen notwendig. Hier kommt es immer wieder zu Entscheidungen, die von den Angehörigen im Nachhinein bitter bereut wurden. Dies kann zu langanhaltenden traumatischen Erlebnissen führen, so dass die Angehörigen im Nachhinein urteilen, dass sie den ihnen nahe stehenden Menschen in einem entscheidenden Moment verlassen, ja verraten haben. Die existentielle Verbundenheit kann zu tiefen Verletzungen auch der Angehörigen führen.

Der Wechsel zur Widerspruchslösung

Was ist nun die doppelte Widerspruchslösung? Nun kommt jede Bürgerin, jeder Bürger zunächst einmal für eine Organspende in Frage. Der von der staatlichen Gesetzgebung vorgesehene Standardfall ist also der, dass einem  Mensch im Falle der Diagnose des Hirntodes Organe entnommen werden können. Die behandelnden Ärzte, die den Hirntod feststellen, fragen bei einem Zentralregister nach, ob von der fraglichen Person ein Widerspruch vorliegt. Wenn das nicht der Fall ist, müssen noch die Angehörigen gefragt werden, ob sie von einem Dokument mit einem Widerspruch wissen oder ob sie von einem solchen klar geäußerten Willen Kenntnis haben. Wenn beides nicht der Fall ist, können die Organe entnommen werden.

Der Wechsel von der Zustimmung zum Widerspruch ist weitreichend. In dem ersten Fall ist ein Patient zunächst einmal kein Organspender, kann sich aber zu einem solchen erklären, wenn er aktiv einer Organspende zustimmt. In dem zweiten Fall ist jede Bürgerin, jeder Bürger Organspender. Diejenigen, die widersprechen, bilden nun die Ausnahme. Das heißt, die Patienten in der Intensivmedizin, bei denen der Hirntod festgestellt wurde, sind zunächst einmal Spender. Doch stellen sich in dieser neuen Konstellation grundlegende Fragen. Kann man einen Menschen in dieser Prozedur noch als „Spender“ ansehen? Es ist immer ein Akt von Nächstenliebe, wenn man sich als Spenderin, als Spender zu erkennen gibt. Doch was ist, wenn dieser Akt durch einen Automatismus ersetzt wird? Dann fehlt die die Geste des Gebens, die Spenderin, der Spender zeigt sich nicht mehr mit der Empfängerin, den Empfänger verbunden, sondern wird als objektiver Körper „verwendet“. Wenn man von Staatswegen davon ausgehen kann, dass jeder Bürgerin, jedem Bürger in dem spezifischen Fall der Hirntoddiagnose Organe entnommen werden können, ist dieser Vorgang dann noch eine Spende? Diese ist doch gerade ein ungezwungener und freier Akt! Statt von Organspende müsste man dann von einer regulierten Organentnahme reden. Diese terminologische Differenz zeigt schon an, dass hier ein grundlegender Wechsel vorliegt und nicht nur eine Veränderung einer Prozedur.

Erhebliche praktische Probleme der Widerspruchslösung

Neben der fundamentalen Anfrage stellen sich auch organisatorische Probleme, die eine erhebliche Reichweite haben. Eine Widerspruchslösung setzt voraus, dass jede und jeder vollumfänglich informiert ist und nach reiflicher Überlegung frei entscheidet. Doch wie will man das angesichts der gesellschaftlichen Verwerfungen, der Milieuunterschiede und des unterschiedlichen Umgangs mit Medien sicherstellen? Wie will man verhindern, dass die für eine Widerspruchslösung notwendige Auseinandersetzung nicht in sehr unterschiedlichem Maße in den unterschiedlichen Schichten stattfindet und etwa stark mit dem Bildungsgrad korreliert? Hier tun sich erhebliche Gerechtigkeitsfragen auf. Die unterschiedlichen Grade der Informiertheit in der Gesellschaft lassen erwarten, dass es eine sehr unterschiedliche Intensität in der Beschäftigung mit dem Thema gibt.

Weiterhin wird die problematische Rolle der Angehörigen, die ja schon bei der Zustimmungslösung besteht, nicht gemindert. In der vorgesehenen Widerspruchslösung müssen die Angehörigen sogar gefragt werden. Wer will verhindern, dass nicht noch mehr Menschen im Nachhinein ihre Entscheidung bereuen und sich Vorwürfe machen, weil sie in einer entscheidenden Situation falsch entschieden haben?

Andere Auswege aus der geringen Zahl von Spenderorganen

Es ist unbestritten, dass die geringe Zahl von Spendern ein Problem darstellt und man darf das Problem nicht kleinreden. Es gibt sehr viele schwer kranke Menschen in diesem Land die vergeblich auf Spenderorgane warten. Das ist umso bitterer, als es nach dem Stand der Medizintechnik möglich gewesen wäre, ihnen zu helfen. Jedoch sollte man zunächst alle weiteren Optionen innerhalb des Systems der Zustimmungslösung ausschöpfen bevor man zu so einer drastischen Maßnahme greift wie des Systemwechsels zur Widerspruchslösung. Dazu gehören etwa die Verbesserung der Infrastruktur, etwa eine bessere Ausstattung der Krankenhäuser, so dass sie adäquat reagieren können. Diese Veränderungen kosten Geld und sind keine schnelle Lösung. Aber schnelle Lösungen haben oft im Nachhinein weitreichende und vielleicht auch nicht intendierte Folgen.

Bieten die Neurowissenschaften die Grundlage für ein neues Menschenbild?

„Das menschliche Gehirn ist das Maß aller Dinge.“ So oder ähnlich mögen viele gedacht haben, die in den letzten Jahren die öffentlichen Debatten verfolgt haben. Die Neurowissenschaften haben immer wieder überraschende Erkenntnisse über das menschliche Gehirn produziert.

Das Jahrzehnt der Gehirnforschung

Anfang des Jahrtausends haben führende Wissenschaftler die Dekade des Gehirns ausgerufen, ein Manifest der Hirnwissenschaft wurde in Deutschland 2004 intensiv diskutiert. Viele Disziplinen schienen sich in der Folge neu zu erfinden, indem sie ein „neuro-“ vor ihren Namen setzten: So entstanden Neuro-Psychologie, Neuro-Pädagogik, Neuro-Ökonomie usw. Wir wissen heute deutlich mehr über das menschliche Gehirn, aber auch über das menschliche Verhalten. Doch scheint es so, dass der anfängliche Hype etwas abgeklungen ist, von revolutionären Veränderungen der Neurowissenschaften redet heute keiner mehr.

Das Gehirn als Schlüssel zu allem?

Die Euphorie vor etwas mehr als einem Jahrzehnt war nicht zuletzt auch dadurch bestimmt, dass die Diskussion über das menschliche Gehirn  in hohem Maße ideologieanfällig ist. Dies gilt in geringem Maße für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die im Bereich der Neurowissenschaften forschen. Denn diese wissen ja genug um die Randbedingungen ihrer Messungen und um die Einschränkungen, die für die Messungen gelten. Die weltanschauliche Ausweitung wurde eher von wenigen wissenschaftlichen Akteuren und vielen Medien betrieben, die auf eine breite gesellschaftliche Resonanz stieß. Hier verdichtet sich die Vorstellung,  der Mensch sei vollständig verstanden, wenn man erst einmal sein Gehirn verstanden hat. Für alles, was ein Mensch bewusst erlebt oder tut, gibt es eine Repräsentation in seinem Gehirn. Bietet damit nicht das Gehirn den Schlüssel zu Verständnis des Menschen?

Das Eldorado der Neuropädagogik

So entstand der Eindruck, dass das, was bisher nur ungenau verstanden war, durch die Neurowissenschaften genau beschrieben werden konnte. Gerade in der Neuro-Pädagogik wurden viele Verheißungen ausgesprochen und von Lehrerenden ebenso wie von besorgten Eltern intensiv rezipiert. Manche Buchveröffentlichungen konnten ihren Absatz dramatisch steigern, indem sie neurowissenschaftliche Expertise für sich behaupteten. Es reichte dann auch für die Empfehlungen die kleine unspezifische Ergänzung „Die Neurowissenschaften haben herausgefunden, dass…“ Letztlich blieben aber die Empfehlungen zumeist in dem Spektrum der gute alten humanistischen Pädagogik. Es kamen nicht viele wirklich neue Erkenntnisse hinzu. Seitdem ist das Interesse für Neuro-Pädagogik auch wieder stark abgeflaut.

Ein mereologischer Fehlschluss

Will man die wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnisse von der ideologischen Überhöhung unterscheiden, kommt es auf die richtige Gewichtung an. Wir lernen durch die Neurowissenschaften viel über den Menschen, aber das heißt nicht, dass wir alles, was den Menschen ausmacht, durch das Gehirn verstehen können. Der Körper ist nicht nur einfach ein Appendix des Gehirns, das Gehirn ist nicht der Kern des Menschen. Eine genauere Betrachtung zeigt, dass das Gehirn ein in hohem Maße vernetztes Organ ist. Es zu isolieren, würde bedeuten, es auch seiner Funktionalität zu berauben. Ein zerebraler Zentrismus begeht einen argumentativen Fehler, mereologischer Fehler genannt, weil er einen Teil für das Ganze setzt. Dies haben der Philosoph Peter Hacker und der Neurowissenschaftler Maxwell Bennett klar herausgearbeitet.

Es gibt gute Argumente dafür, dass nur ein in einem Körper situiertes Gehirn sehen kann, dass nur ein Mensch und nicht ein Gehirn denken kann. Bei den Gefühlen ist das ganz offenkundig. Das Gehirn ist eher ein System, das nicht nur mit vielen anderen Organen in einem Körper vernetzt ist. Darüber hinaus ist es auch mit anderen Gehirnen vernetzt – über die Sprache, die Menschen miteinander teilen.

Eine differenzierte neurowissenschaftliche und kulturelle Betrachtung

Führende Neurowissenschaftler weisen den Weg: Nicht die Konzentration auf das Gehirn allein wird zukünftig wichtig sein, sondern ein besseres Verständnis des Gehirns als ein Teil im Organismus Mensch und als ein Teil im komplexen kulturellen Kontext. Ich habe ein Akademiegespräch mit Prof. Dr. Christian Elger geführt. Elger zeigt zum Beispiel auf, dass ein und derselbe Belohnungsmechanismus im Gehirn in unterschiedlichen kulturellen Umgebungen sehr unterschiedliche Folgen haben kann.

Das Gehirn determiniert nicht das menschliche Verhalten, aber es hat einen großen Einfluss auf das menschliche Verhalten. Hier werden auch künftig die Neurowissenschaften eine wichtige Rolle spielen. Nur in seltenen Fällen kann das menschliche Verhalten eindeutig auf Prozesse im Gehirn zurückgeführt werden, wenn etwa durch einen Tumor oder eine äußere Verletzung sozial deviantes Verhalten eintritt. Auch die Demenz oder Formen der Epilepsie gehören zu jenen Bereichen, in denen die Neurowissenschaften täglich dazu lernen.

Das Gehirn in der Regel in hohem Maße plastisch und kann oft Störungen selbst kompensieren. Komplexes menschliches Verhalten lässt sich nicht einfach auf Gehirnprozesse reduzieren. Damit bieten die Neurowissenschaften keine Grundlage für ein neues Menschenbild, aber sie bieten die Grundlage für ein genaueres und differenzierteres Menschenbild!

 

 

Pränataldiagnostik – die schleichende Revolution? Die Gefahren des objektiven Blicks

In der öffentlichen Diskussion von bioethischen Themen gibt es eine Konzentration auf spektakuläre Themen. Wenn die Forschung einen Durchbruch in gentechnischen Methoden erringt, findet das über die Fachkreise hinaus große Aufmerksamkeit. Das ist auch gut so. So fand vor kurzem die Methode „CRISPR Cas“ einige Aufmerksamkeit, mit der präzise Veränderungen am Genom vorgenommen werden können. Neue Methoden ermöglichen in der Regel neue Handlungsoptionen. Im Falle von „CRISPR Cas“ stellt sich die Frage, ob man nicht auch in das menschliche Genom eingreifen sollte, etwa wenn bei einem Embryo eine monogenetische Erkrankung festgestellt wird. Der Eingriff in die Keimbahn ist bislang ein Tabu und in Deutschland per Gesetz verboten. Doch welche Richtung wird die Entwicklung nehmen, wenn erbliche Erkrankungen verhindert werden können? Wenn man aber diesem begrenzten Eingriff zustimmt, stellt sich schnell die weitergehende Frage, welche Krankheiten zu einem solchen Eingriff berechtigen. Und schon befindet man sich mitten in einer gravierenden bioethischen Debatte.

Spektakuläre Durchbrüche und schleichende Entwicklungen

Diese Diskussionen werden auch mit einiger Aufmerksamkeit öffentlich geführt. Anders ist es dagegen, wenn  die Veränderungen nicht mit spektakulären wissenschaftlichen Durchbrüchen verbunden sind. Dennoch können auch konventionellere neue Technologien weitreichende gesellschaftliche Folgen haben. Das ist im Bereich der Pränataldiagnostik der Fall. Worum geht es hier? Vorgeburtliche Untersuchungen gehören zu dem Umfang einer jeden medizinischen Betreuung einer Schwangerschaft. Es geht dann zum Beispiel um die Frage, ob in der Schwangerschaft Komplikationen zu erwarten sind. Etwas anderes ist es aber, wenn der Fötus daraufhin untersucht wird, ob das Kind schon vor der Geburt erkennbare Anzeichen für eine Erkrankung hat. In früherer Zeit ist eine solche Untersuchung eher im Ausnahmefall gemacht worden, weil die Amniozentese oder die Chorionzottenbiopsie mit einem Eingriff, einer Gewebeentnahme verbunden war.

Der neu entwickelten genetischen Bluttest

Doch hier haben neuere Technologien den Eingriff wesentlich erleichtert. Zuletzt sind Untersuchungen des Blutes der Mutter etabliert worden, die es ermöglichen, auch das Genmaterial des Kindes zu untersuchen, von dem es geringe Spuren in dem Blut der Mutter gibt. Die fortschreitende Entwicklung dieser Tests bringt es mit sich, dass die genetische Untersuchung ihrerseits wesentlich genauer und auch preiswerter geworden sind. Beide Faktoren zusammen geben die Möglichkeit, dass nun sehr viel mehr schwangere Frauen untersucht werden, die zuvor in keine Risikogruppe gefallen wären. Es ist im Gespräch, dass diese Untersuchungen eine kassenärztliche Leistung werden.

Gesellschaftliche Implikationen

Die Untersuchungen sind je und je Einzelfälle, in denen sich die Betroffenen individuell entscheiden müssen. Doch kann diese Entwicklung weitreichende und gravierende Auswirkungen auf die Gesellschaft haben.  Wie reagieren die werdenden Eltern bzw. die schwangeren Frauen auf die Nachricht, dass eine genetische Erkrankung bei dem Kind diagnostiziert wurde? Die Zahlen, die zur Verfügung stehen, zeigen, dass die weit überwiegende Mehrheit (bei manchen Merkalen bis zu 9/10) dann einen Abbruch vornehmen lassen. Das heißt aber, dass die weite Verfügbarkeit der Tests, ihre geringen Kosten und ihre immer besser werdende Prognosefähigkeit in der Tendenz dazu führen, dass Kinder mit bestimmten genetischen Dispositionen kaum noch geboren werden.

Über den Einzelfall kann man nur schwer ein Urteil fällen, weil es sich je und je um Gewissensnöte handelt und eine sehr schwierige Entscheidung. Doch die gesellschaftlichen Folgen von sehr zahlreichen gleichlautenden Entscheidungen für den Abbruch sind, dass die Vielfalt abnimmt. Damit wächst aber auch der gesellschaftliche Druck auf die Minderheit, die sich trotz Diagnose für das Kind entscheidet. Es entsteht in diesem Automatismus einer gesellschaftlichen Ausgrenzung von Menschen mit genetischen Erkrankungen.

Inklusive Gesellschaft?

Die Kirchen haben in den letzten Jahren den Gedanken der Inklusion mit Nachdruck befördert. Wer eine inklusive Gesellschaft will, muss insbesondere jene stärken, die von einer gesellschaftlichen Norm abweichen. Da geht es bei weitem nicht nur um die Pränataldiagnostik, sondern es geht um die Versorgung von Kindern, um die Unterstützung von Eltern, um die Ermöglichung von Bildungswegen, es geht um die Gestaltung eines möglichst eigenständigen Lebens von Menschen mit Behinderung. Hier liegen die gesellschaftlichen Herausforderungen. Wenn das gelingt, kann eine Gesellschaft inklusiver werden, das heißt, auch offener gegenüber Abweichungen. Dann ist es vielleicht auch möglich, dass sich mehr werdende Eltern für ein Kind mit genetischen Krankheiten entscheiden. Das Ziel der Inklusion ist nicht nur ein hehres Ziel von Gutmeinenden. In einer Gesellschaft, die Abweichungen von der Norm nicht toleriert, wird eine harte Gesellschaft. Die Gestaltungs- und Eingriffsmöglichkeiten werden in der Zukunft mit Sicherheit zunehmen. Welche Abweichungen nehmen wir dann noch hin und was halten wir dann nicht mehr für tolerierbar? Von dieser Entwicklung wird abhängen, in welche Richtung wir das gesellschaftliche Miteinander gestalten – als inklusive Gesellschaft oder als Gesellschaft vorgegebener Gesundheitsnormen!

Hier finden Sie ein Akademiegespräch zwischen Frau Prof. Graumann, Mitglied im Deutschen Ethikrat und Präses Manfred Rekowski zu dem Thema.

Wie verbesserungsfähig ist der Mensch?

Es ist ein alter Menschheitstraum: Eines Tages mag es gelingen, dass wir Menschen uns Menschen weiter perfektionieren können. Viele Science Fiction sind mit solchen Wesen bevölkert, die körperlich leistungsfähiger sind, die weniger emotional sind und über höhere analytische Fähigkeiten verfügen. (Ob das wirklich Verbesserungen sind, kann man gerne diskutieren). Es ist dabei einerlei, ob diese Fähigkeiten durch genetische Veränderungen entstehen (wie in dem kritischen Film „Gattaca“) oder ob es sich um Mensch-Maschine-Mischwesen handelt (wie im Film „Terminator“). Aber das sind nur neue Formen eines alten Traums. Schon in der Renaissance gibt es die Geschichte von dem Prager Rabbi Löw, der den Golem, ein menschähnliches Wesen, schaffen kann. Nicht zu vergessen natürlich der wohl die berühmteste Kreatur unter allen Schaffensfantasien, jenes Wesen, das in der Erzählung von Mary Shelley der Schweizer Frankenstein konstruiert.

Dieser Traum hat von Beginn an starke Ambivalenzen und geht oft nicht gut aus. Ist es nicht vielmehr ein Albtraum? Die alten Erzählungen gehen oft in diese Richtung. Was ist, wenn wir Menschen unsere Gestaltungsmöglichkeit so stark erweitern können? Was macht das mit uns, mit unserem Menschenbild? Ein amerikanischer Theologe, Philip Hefner, nennt den Menschen einen „created co-creator“. Diese Formulierung ist hilfreich, weil sie die ganze Ambivalenz deutlich macht: Wir sind Geschöpfe, aber solche, die über eine erhebliche Schaffensmacht verfügen. Und diese Schaffensmacht wächst zusehends.

Neue Technologien – künstliche Intelligenz

Wir leben nun in einer Zeit, in der die Forschung in vielen Bereichen rasante Fortschritte macht. Da sind zum einen die neuen Erkenntnisse in der Erforschung der künstlichen Intelligenz. Die Vorstellung eines Supercomputers, den die Erbauer programmieren und ihn so in die Lage versetzen, Ungeahntes zu leisten, gehören der Vergangenheit an. In dieser Linie funktionierte noch Deep Blue, jener Computer von IBM, der den Schachweltmeister Garri Kasparow besiegte. Heute geht es vielmehr um selbstlernende Systeme, die keine klare vorgegebene Hierarchie mehr kennen, die sich adaptiv der wechselnden Umwelt anpassen.  Auf diese Weise ist gelungen, was für einen konventionellen Computer unmöglich schien, nämlich, dass die Maschine auch bei dem noch komplexeren Go Spiel  den weltbesten menschlichen Spieler besiegen (so geschehen im März 2016: AlphaGo besiegte Lee Sedol) Der Unterschied zu Deep Blue ist aber gravierend: Wir wissen nicht mehr so genau, warum die Maschine diesen oder jenen Zug machte, denn die Vorgänge in den selbstlernenden Systemen sind nicht mehr transparent!

Neue Technologien – Gentechnik

Ein anderes Forschungsgebiet, der ähnliche rasante Fortschritte macht, ist die Gentechnik. Seit 2012 ist bekannt, dass man mit einem bestimmten Enzym, Crispr Cas9 genannt sehr zielgenau bestimmte Sequenzen eines Genoms ausschneiden und durch andere ersetzen kann. Damit wird es zum Beispiel möglich, monogenetische Erkrankungen auszuschalten. Doch nicht nur Erkrankungen lassen sich als Anwendungsbereich denken. Warum sollte es nicht möglich sein, bei steigendem Wissen über das menschliche Genom, wünschenswerte Eigenschaften eines Menschen zu verbessern? Sollte es also denkbar sein, dass eines Tages eine künstliche Befruchtung, eine In Vitro Fertilisation vorgenommen werden kann, die das Ziel hat, bestimmte Eigenschaften des so erzeugten Embryos zu verbessern?

Was ist, was werden kann

Noch ist es nicht so weit. Noch sind die Technologien nicht so beherrschbar, dass man sie direkt anwenden könnte. Die Einführung künstlicher Intelligenz in unseren Alltag ist aber nur noch eine Frage der Zeit. Über selbstfahrende Autos wird schon viel diskutiert. Im Übrigen muss die Veränderung des Menschen nicht allein dadurch stattfinden, dass etwa künstliche Mensch-Maschine-Schnittstellen geschaffen werden. Dazu reichen auch die gewöhnlichen Interfaces, zum Beispiel das handelsübliche Smartphone. Das entwickelt sich immer mehr zu einer Kommunikationszentrale des Menschen. Was ist aber, wenn es demnächst nicht nur auf Wunsch reagiert, sondern seinerseits Empfehlungen ausspricht und schon einmal selbsttätig handelt (Kühlschrank füllen, den Weg zum nächsten erwarteten Ziel berechnen, etc).

Es ist offenkundig: Die Zukunft hat hier schon begonnen. Das, was als Erleichterung daher kommt, mag schon bald auch tonangebend sein. Warum widersprechen, wenn die Maschine es besser weiß und wir so schneller zum Ziel kommen?

Zwei Pfade in die Zukunft

Es gibt also, wie die Dinge stehen, zwei Pfade, auf denen wir mit den Technologien stärker verbunden sein werden. Der erste Weg ist der einer durch und durch berechneten Umwelt, die als Verbesserung gegenüber einer wilden und ungezähmten Umwelt erscheint, in der aber die Maschinen und Algorithmen einen zunehmenden Raum einnehmen und immer mehr Einfluss nehmen.  Der zweite Weg ist der der Verbesserung einzelner Individuen durch Gentechnik oder Interfaces. Möglicherweise konvergieren beide Wege auch in Zukunft. Ein Unternehmen in Norddeutschland hat seinen Mitarbeitern auf freiwilliger Basis subkutan einen Chip installieren lassen, so dass lästige Kontrollen (an der Tür, beim Computer) wegfallen. Aber wo endet Bequemlichkeit und wo beginnt die Fremdbestimmung?

Welche Bilder vom Menschen haben wir?

Es ist also hohe Zeit, dass wir darüber nachdenken, wie wir unser Verhältnis zu den Maschinen gestalten wollen. Es gibt viele Pfade und nicht alle sind einfach schlecht. Aber keiner ist auch einfach nur gut. Wir müssen die Ambivalenzen genau prüfen. Dahinter steht die grundlegende Frage: Wie wollen wir leben? Und diese Frage ist mit der noch grundlegenderen verbunden: Wer wollen wir sein? Die Tatsache, dass die Fantasien schon lange vor den Technologien da waren, zeigt, dass es um eine tiefliegende menschliche Sehnsucht geht. Diese Sehnsucht war immer schon auch ein theologisches Thema. Der Mensch greift über sich selbst hinaus. Das ist Teil seiner Würde und Gottebenbildlichkeit und zugleich auch Ausdruck seiner Sünde und Eigenmächtigkeit. In dieser Ambivalenz werden wir unseren Weg suchen müssen. Entscheidend ist wohl, welche Bilder vom gelingenden Menschsein uns leiten. Die Bemerkung am Anfang zeigte schon: In Science Fiction kommt wohl ein bestimmtes Bild vom Menschen zum Zuge, das man mit guten Gründen in Frage stellen kann. Aber welche anderen Bilder haben wir? Hier hat die Theologie eine wichtige Aufgabe. Die biblischen Texte bieten einen großen Fundus. Sie zeigen den Menschen als barmherzigen, als mitleidenden Menschen, als Menschen, der sich verbunden fühlt mit der in umgebenden Natur, die er eben gerade nicht beherrscht. Ein Mensch, der seine fundamentale Begrenztheit vor Gott erfährt. Es ist hohe Zeit, solche Seiten des Menschseins wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Sie sind wichtig, wenn es darum geht, die Technologien der Zukunft zu gestalten!