Soziale Verbundenheit

Die Gesellschaft der Spätmoderne ist geprägt durch eine grundlegende Ausrichtung auf Menschen als flexible Individuen und auf gegenwärtige abstrakte soziale Systeme wie etwa dem Wirtschaftssystem. Dadurch werden zwei Dimensionen von Verbundenheit, die die menschliche Existenz bestimmen, gering geschätzt: die synchrone Verbundenheit in gesellschaftlichen Formationen und die diachrone Verbundenheit in geschichtlichen Verläufen.

Krisen und Herausforderungen wie die aktuelle Pandemie des Virus SARS CoV 2 lassen schnell den Ruf nach Solidarität und Gemeinschaft laut werden. Es gibt auch viele solidarische adhoc Initiativen und Kampagnen, etwa die öffentliche Wertschätzung besonders belasteter Berufe, Einkaufhilfen in der Nachbarschaft und anderes mehr. Krisen wie die Corona Krise sind aber langfristige Herausforderungen, die weitreichende soziale Fragen aufwerfen. Um dieser Herausforderung genügen zu können, braucht es aber langfristige und verlässliche gesellschaftliche Antworten. Tatsächlich ist es unter den Vorgaben der spätmodernen Gesellschaft außerordentlich schwierig, gesellschaftsprägende und stabile Formen von Solidarität und Gemeinschaft zu entwickeln. Diese solidarische Strukturen entstehen nicht, wenn man wie im gegenwärtig herrschenden, dem hegemonialen Diskurs die Gesellschaft auf die Belange von Individuen oder von gesellschaftlichen Systemen reduziert. Gerade die Formen gesellschaftlicher Verbundenheit in einer mittleren Größenordnung müssen wieder stärker in den Blick kommen, wie Parteien, Gewerkschaften, Vereinen und religiösen Gemeinschaften wie den Kirchen.

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Soziale Verbundenheit. Das Ringen um Solidarität und Gemeinschaft in der Spätmoderne, Freiburg München 2020.

Inhaltsverzeichnis und Einleitung „Soziale Verbundenheit“

Das Buch „Soziale Verbundenheit. Das Ringen um Gemeinschaft und Solidarität in der Spätmoderne“, das im Frühjahr 2020 erscheint, zeichnet zunächst die Entwicklung zu der gegenwärtigen Gesellschaft nach. Der hegemoniale Diskurs der Spätmoderne steht am Ende einer langen Entwicklung europäischer Gesellschaften. Diese Entwicklung hat große Errungenschaften mit sich gebracht, die zentrale Bedeutung von Werten wie Autonomie und Universalität, aber sie hat auch die gesellschaftlichen Formen der Verbundenheit, die für langfristige Entwicklungen stehen, geschwächt. Dies gilt besonders für die letzten 50 Jahre, die durch ein hochdynamisches und weltweit verteiltes Wirtschaftssystem (neoliberale Globalisierung) und durch eine damit korrespondierende Betonung der Perspektiven flexibler einzelner Menschen bestimmt sind. Die europäischen Gesellschaften haben in den letzten Jahrzehnten nachgeholt, was Robert Putnam schon 2000 für die US amerikanische Gesellschaft diagnostiziet hat: Ein kontinuierlicher Rückgang von längerfristigen Formen der Verbundenheit.

In den letzten 200 Jahren haben sich unterschiedliche Vorstellungen von Solidarität und Gemeinschaft entwickelt: Die konservative Vorstellung von Gemeinschaft setzt andere Akzente wie die progressive Vorstellung von Solidarität oder die bürgerliche Form von Vereinen oder Unternehmen. Eine davon eigenständige Bedeutung kommen religiöse Gemeinschaften zu, der christlichen Vorstellung von Gemeinde.

Ein Blick zurück wird nicht genügen, um die weitere Entwicklung beschreiben zu können. Wie werden sich die Formen der Verbundenheit in der Zukunft gestalten? Die digitalen Medien werden eine wichtige, aber keine alles bestimmende Bedeutung für diese Formen haben. Im Buch werden zuletzt hybride Netzwerke diskutiert, die ebenso durch digitale Medien vermittelt sind wie durch lokale Verortung.

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Am 8. Mai sind einige Thesen des Buches in der Sendung „Philosophisches Radio“ auf WDR 5 vorgestellt worden. Hier der Podcast zu der Sendung.

Am 30. August hat Deutschlandfunk Nova in der Sendung „Hörsaal“ einen einführenden Vortrag zu dem Buch ausgestrahlt unter dem Titel „Es fehlt an Solidarität. Applaus allein genügt nicht“.

Hier der Link zum Podcast.