Wie gehen wir mit existentieller Unsicherheit um? Warum Vertrauen grundlegend ist.

In Kooperation mit der Akademie für säkularen Humanismus führt die Evangelische Akademie im Rheinland in Essen regelmäßig kontroverse Diskussionen zu Fragen der Weltdeutung durch. Die Veranstaltung am 13. Dezember steht unter der Frage, wie man bei Unsicherheit handeln kann. Wie gehen wir mit existentieller Unsicherheit um? An der Diskussion haben der Physiker Helmut Fink und der Unternehmer Reinhard Wiesemann teilgenommen. Ihre Thesen finden sich hier: www.mensch-welt-gott.de

Meine grundlegende These lautet:

Sich auf jemanden oder etwas zu verlassen, bedeutet Vertrauen zu haben. Nur so gibt es eine Grundlage für ein Handeln in der Welt. Der christliche Glaube ist Ausdruck eines existentiellen Vertrauens.

  1. Zunächst muss man unterscheiden: Es gibt Handlungen, bei denen man sich absichern kann und es gibt Handlungen, bei denen auch die größte Absicherung ins Leere weist. Beispiel einer Handlung, bei der man sich absichern kann: Man prüft, ob die Reifen fest angezogen sind, bevor man mit einem Auto eine längere Fahrt auf einer unwegsamen Strecke unternimmt. Beispiel einer Handlung, bei der man sich nicht gut absichern kann: Man geht die Ehe mit dem Menschen ein, den man liebt.
  2. Bei jenen Handlungen, bei denen man sich absichern kann, sollte man alle Prüfkriterien beachten, die sinnvoll sind. Nicht alles kann man vor einer Handlung nachprüfen und absichern. Hier entsteht schnell unsinniger Aufwand, der das Leben erschwert. Aber es gibt Nachprüfungen und Absicherungen, die sinnvoll sind. Hierzu gehört, sich über den Zustand von technischen Geräten zu versichern, auf die man sich verlassen muss.
  3. Bei jenen Handlungen, bei denen man sich nicht absichern kann, hat oft schon der Versuch, sich abzusichern, kontraproduktive Effekte. Ob sie, er mich wirklich liebt? Sollte man nicht Nachforschungen bei Freundinnen und Freunden anstellen, Tests durchführen? Man kann sich leicht ausmalen, wie eine solche Haltung auf die Partnerin, den Partner vor einer Hochzeit wirken würde.
  4. Welches sind die Handlungen, bei denen man sich nicht absichern kann? Es sind solche Handlungen, die mit existentiellen Entscheidungen verbunden sind. Wer möchte ich sein? Mit wem möchte ich leben? Worauf will ich in meinem Leben wirklich setzen? Diese Handlungen lassen sich durch mehrere Kriterien näher beschreiben.
  5. Erstens haben die Handlungen ohne Absicherungsmöglichkeit die Eigenschaft, nicht beliebig wiederholbar zu sein. Technische Handlungen (Fahrt mit einem Auto) lassen sich beliebig variieren. Handlungen wie eine Hochzeit lässt sich zwar auch wiederholen, aber nicht beliebig oft. Denn ansonsten wird die Handlung selbst abgewertet. Es gibt biographische, existentielle Handlungen, wo ich hier und jetzt entscheiden muss. Dies zeigt, dass das Leben nicht eine beliebig variierbare Versuchsanordnung ist, sondern jedes Leben ebenso einmalig ist wie begrenzt.
  6. Zweitens sind Handlungen ohne Absicherungsmöglichkeit oft verbunden mit intensiven sozialen Kontakten. Der Lebenszusammenhang mit anderen Menschen ist ebenfalls keine Versuchsanordnung und lässt sich nicht beliebig variieren. Besonders deutlich ist das bei dem Verhältnis zu den eigenen Eltern.
  7. Handlungen ohne Absicherungsmöglichkeit sind in der Philosophie als existentielle Handlungen beschrieben worden. Die Existenzphilosophie hat immer wieder die Notwendigkeit, sich entscheiden zu müssen, betont. Die allermeisten existentiellen Entscheidungen fallen aber unter Unsicherheit.
  8. Hier kommt ein Grundvertrauen zum Tragen, das im Christentum sich auf Gott bezieht. Ich muss mein Leben nicht allein und unabhängig von allem verantworten. Ich kann auf Gott vertrauen, der mich geschaffen hat und mich am Leben erhält. Der christliche Glaube ist so etwas wie ein Grundvertrauen, das sich im Leben immer wieder bewährt. Auch hier kann eine Unsicherheit mitschwingen, der Glaube kann angefochtener Glaube sein. Dennoch ist die Erfahrung, die der christliche Glaube zum Ausdruck bringt, dass es eine Grundlage für Vertrauen inmitten einer Welt existentieller Unsicherheiten gibt.

Zur Bedeutung der Gemeinschaft für den christlichen Glauben

 „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“ Dieses Bonmot, das Friedrich dem Großen zugesprochen wird, steht für eine große Errungenschaft der Aufklärung. Es war damals gerade einmal 100 Jahre her, dass sich auf deutschem Boden Katholiken und Protestanten 30 Jahre lang bekämpft hatten. Welch ein Fortschritt! Und auch heute kann man die Errungenschaften der Aufklärung nur preisen, wenn man etwa an den interreligiösen Dialog denkt. Eine multireligiöse Gesellschaft kann nur existieren, wenn sie dem Motto: Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“  folgt. Der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland ist das Motto im Artikel der Religionsfreiheit eingeschrieben.

Religionsfreiheit als Errungenschaft

Für ein modernes Staatsgebilde muss die Religionsfreiheit gelten und damit das Recht eines jeden Einzelnen zu bestimmen, woran sie oder er glaubt. Doch das, was im politischen Raum eine große Errungenschaft ist, kann für die Selbstinterpretation von Religionen außerordentlich problematisch sein. „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“ heißt dann: Jede und jeder muss selbst wissen, was sie, was er glaubt. Der Glaube ist letztendlich eine Sache des einzelnen Menschen. Ist jeder auf sich selbst zurückverwiesen, wenn es um Fragen des Glaubens geht?

Kultur der Individualität

In unserer Kultur betonen wir gerne das, was uns voneinander unterscheidet, weniger das, was verbindet. Es wird belohnt, sich von anderen zu unterscheiden. Wer etwas Besonderes ist oder etwas Besonderes aus sich macht, erfährt Aufmerksamkeit. Das gilt auch für die Religion: Im Rampenlicht stehen bestimmte Virtuosen des Glaubens, exemplarische Gläubige. Doch wenn die Aufmerksamkeit sich allein auf das Besondere richtet, gerät das, was alle miteinander vereint, in den Hintergrund. Diese kulturelle Vorgabe, die das Individuelle betont und in den Mittelpunkt stellt, lässt auch religiöse Erfahrungen immer mehr zu individuellen Ereignissen werden. Jede und jeder richtet sich auf das Besondere und Unvergleichliche aus, sucht danach.

Die Bedeutung von Verbundenheit

Doch dieses Verständnis von Religion kann in vielfacher Weise kritisiert werden. Ganz grundsätzlich ist der Mensch nicht einfach ein einzeln existierendes Wesen, das zunächst bei sich selbst und den eigenen Erfahrungen ist. Menschen sind leibliche Wesen. Die Verbundenheit mit anderen Menschen und mit der umgebenden Umwelt ist elementar und Voraussetzung menschlicher Existenz. Als leibliche Wesen sind Menschen immer schon mit anderen verbunden, etwa durch das Herkommen, durch die Sprache, durch die Kultur. Diese Verbundenheit ist nichts Zweitrangiges oder Nebensächliches, das Individuelle ist nicht das Eigentliche.

Die Vorstellung, dass jeder Mensch seinen eigenen religiösen Weg finden muss, entspricht darüber hinaus weder den soziologischen Beschreibungen von Religion. Aus der Perspektive eines distanzierten soziologischen Betrachters stehen Religionen immer in einer engen Beziehung zu Gemeinschaften. Einzelne Menschen mögen bestimmte Erfahrungen als religiös beschreiben, als eine Erfahrung von Transzendenz. Aber daraus wird noch lange keine Religion. Zur Religion gehört mehr, vor allem eine Gemeinschaft von Menschen, die ähnliche Erfahrungen miteinander teilen und sie in ähnlicher Weise zum Ausdruck bringen über Rituale, Beachtung besonderer Orte und Zeiten usw.

Der christliche Glaube als Erfahrung von Gemeinschaft

Der christliche Glaube ist in besonderer Weise von Beginn an auf Gemeinschaft ausgerichtet. Erste Glaubenszeugnisse von Christinnen und Christen waren mit ihrer Gemeinschaft eng verbunden. Diese Verbundenheit führten sie zurück auf die Erfahrung der Verbundenheit mit Gott. Man kann ganz grundsätzlich den christlichen Glauben als eine Erfahrung von radikaler Verbundenheit  beschreiben. Das lateinische Wort „radix“ bedeutet „Wurzel“: Der Glaube bezeugt, dass die eigene Existenz in Gott wurzelt, in Gott gegründet ist. Er weist auf eine Verbundenheit, aus der alles entspringt: Erst durch sie finden Menschen zu sich selbst.

Die biblischen Stellen, die auf die Bedeutung von Gemeinschaft weisen, sind außerordentlich zahlreich. Schon die ersten Menschen, die Jesus Christus nachfolgten, erlebten sich auch in einer besonderen Weise miteinander verbunden. Die zwischenmenschlichen Erfahrungen sind für das Verständnis des christlichen Glaubens von größter Bedeutung. Zwischenmenschliche Erfahrungen von Verbundenheit können ein Anlass sein, die radikale Verbundenheit aufscheinen zu lassen. Das gilt insbesondere für die Liebe. Das Doppelgebot der Liebe zeigt die Nähe der Erfahrungen von Verbundenheit: Die Liebe zu Gott und die Liebe unter den Menschen stehen in einem engen Verhältnis.

Der christliche Glaube als Ausdruck für die radikale Verbundenheit ist keine individualisierte Erfahrung, sondern von Beginn an Teil eines übergreifenden zwischenmenschlichen und kommunikativen Geschehens. Er ist eingebunden in eine geschichtliche Tradition von Erzählungen, Gebeten, Bekenntnissen und Liturgien, durch die Christinnen und Christen ihrem Glauben Ausdruck geben. Der christliche Glaube erschließt sich nicht allein über Worte, aber er drängt immer wieder dazu, sich auch durch Worte zum Ausdruck zu bringen. Der christliche Glaube ist nicht ohne Worte. Auch Worte bezeugen die Verbundenheit und sind selbst eine Form von Verbundenheit: sie sind ein eminenter Ausdruck zwischenmenschlicher Gemeinschaft, der Sprachgemeinschaft. All das zeigt: Moderne Vorstellungen von einem individuellen Glauben in dem Sinn, das jede und jeder sich selbst einen Reim auf die religiösen Erfahrungen machen muss, verkürzt die Wirklichkeit des christlichen Glaubens.

 

 

Das erklärt alles! Gedanken zum Tag der Schöpfung

Gott als Schöpfer der Welt ist eine zentrale Vorstellung.

Die Rede von der Schöpfung fristet im kirchlichen Alltag ein ambivalentes Dasein. Auf der einen Seite ist sie außerordentlich zentral. Das apostolische Glaubensbekenntnis nennt im ersten Artikel „den Schöpfer des Himmels  und der Erde“. Immer dann, wenn von Gott als dem „Allmächtigen“ gesprochen wird, ist auch das Schöpfungshandeln angesprochen. Was kann denn besser die Allmacht zum Ausdruck bringen, als die Tatsache, dass Gott alles geschaffen hat, was ist? Im Vaterunser heißt es: „Denn Dein ist die Macht.“ Schließlich findet auch im kirchlichen Alltag die Schöpfung immer dann Erwähnung, wenn es um umweltpolitische Fragen geht: Die „Schöpfung bewahren“ ist ein eingängiger Slogan, der es weit über die kirchlichen Kreise hinaus in die allgemeine gesellschaftliche Debatte geschafft hat. „Wir müssen die Schöpfung bewahren und dürfen die Erde nicht zerstöre!“ ist eine Aussage, auf die sich auch viele verständigen können, die sonst nicht dazu neigen, an Gott zu glauben.

Die Vorstellung von der Schöpfung ist heute aber sehr blass.

All dies steht aber in einer eigentümlichen Diskrepanz zu einer gewissen Verzagtheit, wenn es darum geht, einmal genauer zu sagen, was denn mit Schöpfung gemeint ist. Gott hat die Welt geschaffen – was meint das? Die Welt ist das große Ganze. Die Physiker nennen es auch das Universum. Was meint dann die Aussage, Gott habe das Universum geschaffen, genau, wie kann man sich das vorstellen? In der Tradition wurde dann stets auf die erste Schöpfungserzählung verwiesen, denn hier wird der Schöpfungsvorgang detailliert und in einzelne Schritte gegliedert vorgestellt  – Gott hat die Welt in sieben Tagen geschaffen. Doch diese Erzählung steht derart quer zu allen heute geteilten Überzeugungen von der Entstehung des Universums. Die so genannte „Urknall-Theorie“ ist die allgemein akzeptierte kosmologische Theorie. Deren Vorstellungen stimmen mit den biblischen Erzählungen von der Schöpfung in keinem Punkt überein.  Man muss sich also fragen, was der Sinn der Erzählung aus heutiger Sicht ist.

Strategien im Umgang mit der modernen Kosmologie

Eine beliebte Strategie ist es, die Schöpfungserzählung historisch zu relativieren, immerhin entstand sie etwa 500 Jahre vor Christi Geburt. Doch hilft das hier nicht weiter, denn es ist ja die Frage, was wir heute unter Schöpfung verstehen. Nun gibt es solche, die sagen, genau das, was die Physik lehrt, sei Gottes Schöpfung und eigentlich meine die Bibel genau den Vorgang, den wir physikalische beschreiben können!  Doch dann ist der Einwand nicht so ganz abwegig, dass die Physik auch ohne die Rede von Gott ganz gut auskommt und dass die Rede von Gott dem auch nichts Neues hinzufügt. Warum dann nicht gleich vom Urknall reden, statt von einer Schöpfung? Das gilt im Übrigen auch für den Versuch, die Schöpfung Gottes im Urknall selbst zu verankern. Diese Erklärung gilt im Übrigen nur so lange, wie die Theorie vom Urknall gibt. Was aber, wenn dereinst kosmologische Theorien sich wieder wandeln und das Urknall-Modell verworfen wird? Dann muss man andere Orte suchen, wo man Gottes Schöpfung unterbringen kann. Es ist ziemlich deutlich, dass sich hier die theologische Rede von der Schöpfung unter Wert verkauft, sie wird ein Anhängsel an die jeweils geltenden physikalischen Theorie ohne eigenen Deutungsanspruch. Zudem will die moderne kosmologische Erklärung mit der Erzählung von den 7 Tagen nicht zusammen passen.

Die Wirklichkeit ist nur für endlicher leibliche Wesen als Schöpfung erfahrbar

Mein Vorschlag ist, von all diesen Spekulationen zu lassen. Steht bei der theologischen Rede von der Schöpfung  wirklich eine Theorie über das Ganze des Universums im Mittelpunkt? Gäbe es nicht die erste Schöpfungserzählung auf der ersten Seite der Bibel, würde niemand bei den vielen anderen Stellen in der Bibel an eine geschlossene Theorie denken und meinen, der Glaube an Gott hänge von einer bestimmten Sichtweise der Entstehung des Universums ab. Den entscheidenden Punkt der biblischen Rede von der Schöpfung hat Martin Luther erkannt, lange bevor es eigenständige physikalische Theorien über den Kosmos gab.  Luther war klar: Was auch immer Schöpfung im christlichen Sinne meint, wir werden den Begriff nur dann verstehen, wenn wir nicht in die weite Welt hinaus schauen, sondern auch auf uns selbst schauen und die Art und Weise, wie wir in der Welt leben.

Menschen sind endliche und verletzliche Wesen.

Martin Luther hat den Artikel des Glaubensbekenntnisses im Kleinen Katechismus strikt auf unsere endliche leibliche Existenz bezogen:

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Was ist das? Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was nottut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohne all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.“

Es ist so leicht, sich deutlich zu machen, wie verletzlich und bedürftig wir sind, wie abhängig von unserer Umwelt wir sind. Was geschieht, wenn wir einmal eine Minute nicht atmen, zwei Tage nicht trinken oder fünf Tage nichts essen? Schöpfung heißt also, dass wir als lebende Wesen auf eine lebensfreundliche Umwelt angewiesen sind, ganz unabhängig von einer physikalischen Beschreibung des Kosmos. Was die Rede von der Schöpfung meint, erleben wir, wenn wir auf die Abhängigkeit von unserer Umgebung und die Abhängigkeit von anderen Menschen schauen.

Vom Kleinen zum Großen

Wenn man also im christlichen Sinne von der Schöpfung redet, dann redet man nicht von einer wie auch immer gearteten Erklärung der Welt, sondern von unserer Bedürftigkeit und der Dankbarkeit für die Grundlagen des eigenen Lebens. So kann man die Bedeutung von Schöpfung auch in Zeiten moderner kosmologischer Theorien verstehen lernen. Es wird auch deutlich, welche Botschaft in dem Slogan „Schöpfung bewahren“ steckt. Der Slogan zeigt, dass wir mit allem Leben auf Bedingungen angewiesen sind, die wir nicht ungestraft zerstören dürfen.

Ein Letztes bleibt: Die Welt kann nur am eigenen Leib als Schöpfung erkannt werden. Aber darüber hinaus gibt es noch eine zweite Komponente der biblischen Rede von der Schöpfung und die weist über die eigene Existenz hinaus. Was auch immer uns in dieser Welt begegnen mag – alles kann auf die Schöpfung Gottes zurückgeführt werden. Anders ausgedrückt: Die Welt mit allem in ihr ist nur deshalb die Welt, weil sie von Gott geschaffen ist. Hier erst, in dieser  Ausweitung der eigenen Erfahrung, mit allen Dingen in der Welt macht die Rede von Gott als dem Schöpfer der ganzen Welt Sinn.

Wo steht die evangelische Kirche heute?

Wir leben in Zeiten starker Veränderungen in allen Bereichen, in der Gesellschaft, in der Politik, in der Kultur. In diese Veränderungen sind die christlichen Kirchen unmittelbar eingebunden. Es wird viel über die Kirchenfinanzen geredet, aber diese sind noch vergleichsweise stabil. Es gibt aber einen langfristigen und unübersehbaren Mitgliederschwund. Vor allem aber: Die kulturelle Prägekraft schwindet kontinuierlich, die gesellschaftlichen Kommunikationsformen ändern sich nicht zuletzt auch durch die digitalen Medien tiefgreifend, die Kirchen haben daran nur sehr begrenzt Anteil. Das aktuelle Akademiegespräch habe ich mit PD Dr. Christina aus der Au geführt, die im vergangenen Jahr des Reformationsjubiläums Präsidentin des Evangelischen Kirchentages in Berlin und unmittelbar an der Gestaltung des Jubiläumsjahres beteiligt war. Das Jubiläum gibt Anlass, zurückzublicken und vorauszublicken. Auf diese Weise lässt sich der aktuelle Standort der evangelischen Kirchen genauer umschreiben.

 Vergleich von 1517 und 2017

Es ist gar nicht so weit hergeholt, das Jahr 1517 mit der heutigen Situation zu vergleichen. Beide Zeiten sind geprägt durch gravierende Veränderungen der Medien, der Kommunikationsformen in der Gesellschaft. Damals kamen die Flugblätter auf, eine Innovation des damals noch nicht alten Buchdrucks. Flugblätter, die in großer Zahl gedruckt wurden, mobilisierten mit einer zugespitzten Polemik, oft auch verbunden mit verzerrenden Bildern und bösartigen Karrikaturen. Heute gibt es in analoger Weise neue Medien, digitale soziale Netze, die Vorurteile und Hate Speech rasend schnell verbreiten. Damals wie heute ist die Verunsicherung durch die gesellschaftlichen Umbrüche groß.

Doch es gibt für die evangelische Kirche gravierende Unterschiede: Damals  waren die sich gerade erst bildenden evangelischen Kirchen sehr eng mit der medial-technischen Avantgarde  verknüpft. Luther war der meistporträtierte Mensch seiner Zeit. An den Flugblättern der evangelischen Autoren haben die Drucker gut verdient. Heute dagegen haben viele kirchliche Akteure eine erhebliche Distanz zu dem Umbruch durch die neuen digitalen Medien. Wenn man allein auf die Mächtigkeit anonymer Algorithmen schaut oder auf den Datenmissbrauch, so ist diese Skepsis berechtigt, lässt aber die gemeinschaftsstiftende Potentiale des Digitalen außer Acht.

Das Reformationsjubiläum als Gradmesser für den Stand heute

Ein weiterer Unterschied: Zu Beginn des 16. Jahrhunderts waren die religiösen Umbrüche und damit auch die evangelischen Akteure im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Heute bedarf es für die Kirche vieler Agenturen und Sonderanstrengungen, um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu gewinnen.

So kann das Reformationsjubiläum auch als Gradmesser für den Situation der evangelischen Kirchen heute gelesen werden. Die gute Nachricht ist, dass sich die ökumenischen Kontakte, vor allem die Verbindung zur katholischen Kirche, deutlich verbessert haben. Zugleich fällt es aber den evangelischen Kirchen immer schwerer zu sagen, was ihr Eigenes ist, woraus sie ihre Identität ableiten. Viele Symbole und Veranstaltungsformen suchten durchaus erfolgreich die Nähe zu anderen gesellschaftlich erfolgreichen Formaten, wobei sie die  theologische Standortbestimmung eher in den Hintergrund treten ließen. Die Erkenntnis der Reformatoren, dass Gott ohne alles menschliche Zutun die Sünder gerecht spricht, ist vielen Menschen heute fremd geworden. Es hat sich aber keine andere zentrale Formulierung der befreienden Botschaft des Evangeliums etabliert. Es fällt schwer, angesichts heterogener Milieus noch in allgemein verbindlicher Weise zu sagen, was der theologische Gehalt der evangelischen Tradition ist. Der Theologie als dem Versuch, allgemeinverbindlich Auskunft über den christlichen Glauben zu geben, wird nur noch eine relativ geringe Bedeutung zugewiesen. Es scheint, dass das religiöse Individuum, das authentisch seinen Glauben leben soll, in das Zentrum der evangelischen Botschaft gerückt ist. Was aber in dieser Sichtweise unterbelichtet bleibt, ist die Frage, was die Individuen miteinander verbindet, die die evangelische Kirche ausmachen, vor allem aber die Frage, wie es dazu kommt, dass diese Individuen sich als evangelische Christen erleben.

Ein Blick in die Zukunft

Der Blick in die Zukunft ist naturgemäß unscharf. Aber es gibt gute Gründe, dass es künftig zentral um die Frage gehen wird, wie dem Gemeinschaftsgedanken wieder eine größere Bedeutung zukommen kann. Die evangelischen Kirchen werden nur dann zu neuer Stärke finden können, wenn sie auch deutlich machen, dass sie nicht nur ein Zweckverband christlich geprägter Menschen oder eine religiöse Geselligkeitsform sind. Zum christlichen Glauben gehört unauflöslich die Gemeinschaft der Glaubenden, der Glaube ist nichts, was ein Individuum aus sich selbst schöpfen kann.

Doch wie kann man der Gemeinschaft in der Kirche neue Kraft, neue Formen geben? Wie muss man in diesem Zusammenhang die Rolle der digitalen Medien einschätzen? Diese Fragen werden sicherlich im Mittelpunkt künftiger Diskussionen um die Entwicklung evangelischer Kirchen stehen. Christina aus der Au wies in dem Akademiegespräch auf die Bedeutung des Heiligen Geistes. Der Geist vereint in der biblischen Darstellung Einheit und Vielfalt auf elementare Weise: „jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden“ (Apg 2,6). Der Geist ermöglicht eine Einheit, eine Gemeinschaft unter Menschen, die dennoch die Differenz und Unterscheidungen nicht auflöst. Evangelische Kirchen der Zukunft sind dann solche, in denen jenseits aller Differenzen eine existentielle Gemeinschaft erfahren werden kann, sie sind Gemeinschaften, die die Individualität nicht verleugnen und doch gemeinsame Ausdrucksformen und eine gemeinsame Sprache über den Glauben entwickeln.

Gibt es Vernunftsgründe für die Existenz Gottes?

 

Die Frage, ob man die Existenz Gottes mit Vernunftgründen belegen kann, ist schon alt. Sie ist in Zeiten diskutiert worden, in denen die allermeisten Menschen noch selbstverständlich von der Existenz Gottes ausgingen. Philosophen des Mittelalters haben auf diese Weise versucht, die biblische Rede von Gott mit der Begrifflichkeit griechischer Philosophie zu verbinden. Die Voraussetzung solcher Vorhaben war und ist, dass man Gott in einer Weise definiert, die dem vernünftigen Nachdenken zugänglich ist. Gott werden dann in der Regel Eigenschaften zugesprochen wie: Gott ist allmächtig. Oder: Gott ist allwissend. Oder. Gott ist das, was größer nicht gedacht werden kann. Ist Gott mit diesen Eigenschaften definiert, versucht man zu zeigen, dass Gottes Existenz aus vernünftigen Gründen verteidigt werden kann.

Ein Beitrag zu der Frage, ob die Existenz Gottes schon aus Vernunftsgründen bejaht werden kann, ist  das sehr populäre kleine Buch des Philosophen Holm Tetens: „Gott denken. Ein Versuch über rationale Theologie.“ Tetens fragt und argumentiert als Philosoph, das heißt, nur innerhalb jener Grenzen, die der Philosophie gesetzt sind. Er bekennt sich nicht zu einer bestimmten religiösen Gottesvorstellung. Aber er lässt an mehreren Stellen durchscheinen, dass sein Nachdenken schon in das Umfeld der christlichen Traditionen gehört.

Es geht nicht um Wunderglauben

Tetens setzt zunächst einmal die Gültigkeit der Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung voraus. Gott ist zunächst einmal nichts, was mit der Durchbrechung naturwissenschaftlicher Gesetze identifiziert werden kann. Ihm geht es vielmehr um die Frage, ob man die Behauptung, Gott existiere, mit vernünftigen Argumenten begründen kann.

Die erste und wichtigste Voraussetzung für ein solches Vorhaben ist es, dass man mit Gott Eigenschaften verbindet. Tetens beginnt zunächst beim Menschen und definiert ihn als ein endliches Subjekt. Wir Menschen sind nicht Weltgeist, sondern in endliche Körper eingebunden und haben nur endliche Erkenntniskraft. Wir sind in unserem Leben unüberwindlichen Hindernissen ausgesetzt, das definiert unsere Endlichkeit. Von dieser Definition des Menschen ausgehend, beschreibt Tetens in einem zweiten Schritt Gott als ein unendliches Subjekt. Gott ist also keinen unüberwindlichen Hindernissen ausgesetzt, deshalb ist Gott nicht endlich. Weiterhin will Gott das Gute, er ist kein kalter, distanzierter, sondern ein wohlwollender Gott. Von diesen grundlegenden Annahmen geht Tetens aus und prüft dann, ob man mit vernünftigen Gründen sagen kann, dass ein solcher Gott existiert.

Gott als Schöpfer des Bösen?

Eine entscheidende Frage ist die Frage, wie Gott und Welt zusammen gedacht werden. Gott ist nach Tetens Schöpfer der Welt. Das ist mit seiner Definition des unendlichen Subjekts vereinbar. Gott kann als Schöpfer über alles Weltliche verfügen, nichts kann ihm ein Hindernis darstellen. Denn jedes Hindernis würde ihn begrenzen, die Unendlichkeit wäre aufgehoben. Nun hat diese klassische Vorstellung von Gott dem (unendlichen, allmächtigen) Schöpfer aber ein riesiges Problem: Was machen wir mit dem Bösen in der Welt? Hier klingt die berühmte Theodizee Frage an: Wenn Gott allmächtig, unendlich ist, und gleichzeitig gut und wohlwollend, wie kann es dann das Böse in der Welt geben? Es werden begriffliche Klimmzüge notwendig, weil nun erklärt werden muss, warum das Böse ist, obwohl es Gott nicht will und obwohl das Böse für Gott kein ernstzunehmender Widerstand sein kann. Eine klassische Antwort auf dieses Problem ist, dass Gott das Böse nicht aktiv will, sondern nur zulässt. Doch warum sollte diese Unterscheidung überzeugend sein? Laufen beide Einstellungen, „wollen“ und „zulassen“, nicht auf dasselbe hinaus? Eine philosophische Vorstellung von Gott dem Schöpfer der Welt, die Gott und Welt in eine (vernünftige) Ordnung zu zwängen versucht, verwickelt sich von Beginn an in Widersprüche! Das entscheidende Gegenargument ist die Existenz des Bösen, des absolut Widervernünftigen in der Welt. Beispiele dafür finden wir jeden Tag, wir brauchen bloß die Nachrichten aus der Welt lesen.

Wie kann man vernünftig von etwas Unvernünftigen reden?

Das Problem einer rationalen Theologie im Sinne Tetens ist meiner Ansicht nach, dass sie in rationale Begrifflichkeit einzufangen sucht, was sich dieser von Beginn an entzieht. Liefere ich damit ein Plädoyer für den Irrationalismus? Nein, die Vernunft ist zu wichtig, um leichtfertig mit ihr umzugehen. Die entscheidende Frage ist, wie man sich dem nähert, was sich der Vernunft entzieht. Beide Wege halte ich für falsch: Entweder die Gottesvorstellung so weit in die vernünftige Ordnung zu zwingen, dass der Anschein entsteht, man könne Gott zu einem Teil eines Vernunftsystems machen oder aber die Vernunft zu vergessen und sich kopfüber in den Irrationalismus zu stürzen.

Dagegen ist es für mich entscheidend, wie wir uns dem Nicht-Vernünftigen, dem Über-Vernünftigen annähert, das immer im Spiel ist, wenn es um Gott geht. Auch hier sind wir aufgefordert, die Mittel der Vernunft einzusetzen, wir sollen mit verständlichen Worten von Gott reden, aber es sind die Mittel einer Vernunft, die sensibel ist für die Differenzen und Abweichungen und ihre eigenen Grenzen. Und es sind Worte, denen man abspürt, dass sie über sich selbst hinaus weisen. Die philosophische Aufklärung immer wieder hervorgehoben, wie wichtig es ist, die Grenzen der Vernunft zu berücksichtigen. Es ist nicht alles vernünftig oder alles unvernünftig. Es ist vielleicht gerade vernünftig, ständig mit den Grenzen der Vernunft zu rechnen. Wer von Gott redet, hat es aber immer mit den Grenzen der Vernunft zu tun.

Die Geschichte als Umfeld einer endlichen Vernunft

Die biblischen Texte gehen in einer bestimmten Weise mit Gott um. Sie zwängen ihn nicht in ein Prokrustesbett rationaler Begrifflichkeit, sondern betonen immer wieder die geschichtlichen Vorgänge, in denen sich Gott zeigt. Es sind konkrete geschichtliche Ereignisse, mit denen Gott in Verbindung gebracht wird, der Auszug aus Ägypten oder das babylonische Exil oder auch das Leben und Sterben des Jesu von Nazareth. Ist die Geschichte vernünftig? Nein, leider nicht. Ist sie einfach unvernünftiges Chaos? Das könnte wohl nur ein Zyniker sagen. Wir sind endliche Subjekte, wie Tetens zu Recht sagt. Aber als endliche Subjekte sind wir geschichtliche Subjekte und die Geschichte vernachlässigt Tetens. So ist es kein Zufall, dass er das apostolische Glaubensbekenntnis zitiert, dabei den ersten Artikel, Gott der Schöpfer, und den dritten Artikel, Gott als Geist, aber den zweiten Artikel: Gott offenbart in der Geschichte durch Jesus Christus komplett auslässt.

Wir leben in einem Fluss geschichtlicher Ereignisse, die wir mit der Vernunft auszuleuchten versuchen, so gut es geht. Aber es ist vielleicht besonders vernünftig, immer auch auf die Ränder zu achten, die sich der Vernunft entziehen. Also müssen wir uns gerade im Gebrauch der Vernunft üben, um dann ihre Grenzen besser erahnen zu können. Dann aber erahnen wir auch die Existenz Gottes. Seine Existenz schlüssig begründen können wir in dem kleinen Lichtkegel unserer Vernunft leider nicht.

Warum beziehen wir uns im Alltag so selten auf Gott?

Im Alltag verlassen wir uns auf Routinen. Das sind solche Handlungsabläufe, über die wir nicht viel nachdenken müssen, die fast von selbst stattfinden. Die Dinge, mit denen wir umgehen, sind uns vertraut. Doch was passiert, wenn etwas Außergewöhnliches geschieht? Das Außergewöhnliche ist erst einmal eine Unterbrechung des Alltags. Die Routine greift nicht mehr, etwas gerät ins Stocken.

Unterbrechungen des Alltags

Wir müssen uns dann neu orientieren. Warum funktioniert das Licht im Keller nicht? Warum springt das Auto nicht an? Warum habe ich keinen Empfang mit meinem Handy? Es gibt tausend Gründe dafür, dass die Routinen unterbrochen werden. Nun haben wir moderne Menschen auch für solche Momente eine Routine entwickelt.  Wenn etwas fragwürdig wird, gehen wir mit der Situation in einer bestimmten Weise um. „Was ist los?“ Wenn wir die Frage zu beantworten versuchen, nehmen wir eine bestimmte Haltung ein und machen uns auf die Suche.

Wir suchen nach Indizien für die Ursachen der Unterbrechung und beziehen uns auf Hintergrundannahmen, die wir als sicher annehmen. Diese Hintergrundannahmen bestehen für uns  in der Regel aus dem Wissen über die objektive Welt. Wir akzeptieren in der Regel keine Erklärungen, in denen die Naturgesetze außer Kraft gesetzt sind. Eine Formulierung, die dieser Haltung Ausdruck gibt, lautet: „Es muss alles mit rechten Dingen zugehen.“

Ist das UFO wirklich gelandet?

Nehmen wir einmal die folgende Situation an: Ein Freund stürzt durch die Tür herein und behauptet aufgeregt, vor dem Haus sei ein UFO gelandet. Wir glauben ihm nicht, aber lassen uns mitreißen und laufen vor das Haus: Wir sehen nichts. Der Freund will sich nicht beruhigen, wir untersuchen mit ihm den Rasen vor dem Haus nach Spuren, wir finden wiederum nichts. Auch gibt es keine weiteren Zeugen im Umfeld. An Bäumen, an Strommasten oder Hausfassaden sind keine Spuren zu sehen, die auf die Landung eines UFOs schließen lassen. Unser Freund bleibt hartnäckig, um ihn zu beruhigen, gehen wir in der Überprüfung vielleicht noch weiter: Wir fragen in der Nachbarschaft, ob es irgendwo Stromausfälle oder andere außergewöhnliche Indizien gab, telefonieren mit Bekannten in der Nähe, ob sie etwas gesehen haben. Schließlich rufen wir bei der Leitwarte des nahe gelegenen Flughafens an. Doch auch da werden keine besonderen Vorkommnisse auf den Radarschirmen gemeldet. Was bleibt uns dann anderes übrig, als diese Erfahrung des Freundes als einen persönlichen subjektiven Eindruck einzuordnen, die eher einer Halluzination gleicht? Wir mögen immer noch ihn entschuldigen wollen, aber klar ist, dass seine Behauptung über die Wirklichkeit nicht zutrifft.

Das Objektive und das Subjektive

Was haben wir nun mit unserem Prüfprozess getan? Wir haben ein bestimmtes Programm durchgearbeitet, das auf ein allgemeines Verständnis von einer objektivierbaren Welt ausgerichtet ist. Wenn ein UFO gelandet sein sollte, so die Vermutung, dann hat es sicherlich auch objektive Spuren hinterlassen, die dem einen oder anderen Überprüfung zugänglich sind. Wenn es solche Spuren nicht gibt, müssen die Ursachen für die Erscheinung beim Freund selbst zu suchen sein. Dann war das UFO nur ein subjektiver Eindruck, ein Schein, dem aber kein Sein entspricht. Der Freund mag „innerlich“ überzeugt sein, aber seiner Überzeugung entspricht keine äußere Wirklichkeit.

Dieses Urteil ist gut begründet. Wenn wir unreflektiert einer Behauptung über die Wirklichkeit Glauben schenken, setzen wir uns dem Verdacht der Leichtfertigkeit, zumindest aber der Leichtgläubigkeit aus. Die objektivierende Beschreibung der Welt ist ein hohes Gut, das wir in den letzten Jahrhunderten errungen haben. Nicht nur bei einer so skurrilen Behauptung wie der Landung eines UFOs ist die Orientierung an dem objektiv Nachweisbaren von großer Bedeutung. Denn sie beruht auf einer Beschreibung der Wirklichkeit, die größtmögliche Allgemeinheit anstrebt.

Was hat all das mit der Rede von Gott zu tun? Um es klar zu sagen: Es wäre natürlich fatal, nun anzunehmen, Gott habe vor allem mit solchen unerklärlichen Ereignissen zu tun und sei an Wunder gebunden, also an Ereignisse, bei denen es nicht mit rechten Dingen zugeht. Dann würde sich der Glaube an Gott kaum vom Glauben an UFOs unterscheiden. Die Frage aber ist, ob unsere Routine der Unterscheidung zwischen Sein und Schein, zwischen subjektiven Eindrücken und objektiven Geschehnissen so gut begründet ist. Für Erfahrungen mit Gott bliebe nur die Kategorie „subjektiver Eindruck“ und da haben wir gelernt, misstrauisch zu sein.

Jenseits des Objektiven UND jenseits des Subjektiven – irgendwo dazwischen

Doch was ist, wenn diese Unterscheidung gar nicht so gut begründet ist? Was ist, wenn sie unterschlägt, dass die Wirklichkeit viel differenzierter ist, dass sie sehr viele Schattierungen kennt zwischen dem rein Objektiven und dem rein Subjektiven? Wie interpretieren wir dann die diffusen Zwischenzustände? Die sind nun gar nicht so selten, im Grunde leben wir in ihnen. Wenn ich sage „Das Wetter ist schön!“  – ist das eine subjektive Aussage? Eigentlich nicht, denn ich sollte solch eine Aussage auch begründen können, etwa, indem ich auf den Sonnenschein verweise. Ist es eine objektive Aussage? Eigentlich nicht, denn es steckt in ihr immer auch etwas von meiner persönlichen Wahrnehmung.

Die meisten Dinge um uns herum sind wie das Wetter weder objektiv noch subjektiv. Doch weil wir gelernt haben, im Zweifelsfall klar unterscheiden zu wollen, fällt es uns schwer, die Eigenständigkeit dieser Zwischenzustände zu akzeptieren. In diesen Zwischenzuständen aber zeigt sich die Wirklichkeit in einer Weise, die nicht auf etwas anderes reduziert werden kann. Wenn ich anderen Menschen begegne, ist das dann subjektiv oder objektiv? Wenn ich bestimmte Erfahrungen mit der Natur mache, ist das subjektiv oder objektiv? Erfahrungen mit Musik, sind sie subjektiv oder objektiv? Wir werden all diesen Erfahrungen nicht gerecht, wenn wir sie als eigentlich objektive Vorgänge beschreiben. Noch werden wir ihnen gerecht, wenn wir sie als subjektive Eindrücke einordnen.

Diese Zwischenzustände sind es, auf die eine leiborientierte Phänomenologie aufmerksam macht. Es sind auch diese Zwischenzustände, in denen Gott sich zeigt. Es sind zwischenmenschliche Konstellationen, die weder objektiv noch subjektiv sind, es sind Erzählungen, die weder objektiv noch subjektiv sind. Die biblischen Texte sind voller Hinweise auf solche Konstellationen. Es geht also darum, zunächst einmal wahrzunehmen, dass unser Leben von Verhältnissen geprägt ist, die ebenso wirklich sind wie die objektiven Dinge der Naturwissenschaften und doch sich nicht eindeutig fixieren lassen. Wenn wir stärker darauf aufmerksam würden, könnten wir auch unsere Erfahrungen stärker auf Gott beziehen. Erfahrungen mit Gott sind weder subjektiv noch sind sie objektiv.

In welcher Sprache ist eine Rede von Gott möglich?

Die Sprache hat in der Religion, allzumal im Christentum, eine zentrale Bedeutung. Sie muss allgemein verständlich sein und sie muss in der Lage sein, feine Nuancen zum Ausdruck zu bringen. Im Jahr des Reformationsjubiläums wird auch an die Übersetzung der Bibel durch Martin Luther erinnert. Seine Fähigkeiten, treffende Formulierungen zu finden, haben die Rezeption der biblischen Texte erhöht und ganz nebenbei die Entwicklung der Deutschen Sprache stark beeinflusst.

Kann man sagen, dass eine Sprache, je präziser sie ist, desto besser für die Rede von Gott geeignet ist? Tatsächlich ist das nicht der Fall. Wenn wir von Gott reden, gehen wir eine persönliche Verpflichtung ein. Die Rede von Gott ist immer auch Zeugnis, ein Zeugnis, das nicht von der Zeugin oder dem Zeugen getrennt werden kann. Die Sprache, in der die Rede von Gott möglich wird, muss also eine Sprache sein, die die persönliche Verpflichtung und das persönliche Engagement zum Ausdruck bringen kann.

Das schränkt den Gebrauch zum Beispiel von wissenschaftlichen Sprachen in der Rede von Gott stark ein. Denn die wissenschaftliche Sprache ist als solche gezwungen, verallgemeinerungsfähige Ausdrücke zu verwenden. In der Wissenschaft darf es gerade nicht sein, dass die wissenschaftliche Erkenntnis an die Person der Wissenschaftlerin, des Wissenschaftlers gebunden ist.

Deshalb kann eine wissenschaftsorientierte Sprache nur in den Anfangsgründen einer Rede von Gott eine Rolle spielen. Innerhalb des wissenschaftlichen Sprachspiels kann vielleicht verhandelt werden, ob es grundsätzlich denkbar ist, dass Gott existiert. Es kann verhandelt werden, ob es allgemeine Bedingungen gibt, die für oder gegen die Existenz Gottes sprechen. Doch die konkrete Rede von Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat, erfordert eine andere Sprache.

Werner Heisenberg hat in seiner Schrift „Ordnung der Wirklichkeit“ die Sprache in das Zentrum seiner Überlegungen gestellt. Seine Grundidee ist die folgende: Die Wirklichkeit besteht aus mehreren Schichten, die mehr oder weniger objektiv und mehr oder weniger subjektiv sind. Für jede dieser Schichten gibt es eine adäquate Sprache. Weitgehend objektiv ist die Sprache der Physik.  Schon in der Quantentheorie aber zeigen sich Komplikationen, die eine eindeutige Rede erschweren. (Die Erfahrungen der Quantentheorie waren es ja auch, die Heisenberg zu solchen Überlegungen motivierten). Noch weniger objektiv sind die Darstellungen der Biologie. Heisenberg denkt darüber nach, dass wir Lebewesen nur deshalb als etwas Besonderes ansehen, weil wir selbst am Leben teil haben.

Am Ende stehen schließlich die Kunst, die Poesie und die Religion. Hier ist der Anteil der Subjektivität am größten. Dies deckt sich damit, dass die Sprache einer Rede von Gott die oder den Redenden in irgendeiner Form mit erfassen muss. Dies geht aber nur in einer Sprache, die metaphorisch ist, die bildreich ist, die viele Aspekte des eigenen Erfahrungsraums darstellen kann.

Ich glaube, dass Heisenberg die Situation sehr gut wiedergibt. In den Anfangsgründen, in den Prolegomena kann mit Hilfe der Sprache der Wissenschaften etwa die Behauptung ausgeschlossen werden, es gäbe nichts als Materie. Diese Behauptung ist mit vielen Ergebnissen der Quantenphysik nicht kompatibel.

Doch wenn es darum geht, zu sagen, was Schöpfung, was Sünde, was Gnade, was Erlösung ist, kommt man mit einer wissenschaftlichen Sprache nicht weit. Hier ist es notwendig, Bilder, Metaphern und Erzählungen zu finden, die die eigene Beteiligung an dem Thema auch deutlich machen.

P.S. Eine Sequenz des Gesprächs mit dem Astrophysiker Harald Lesch hat gerade das Verhältnis von Alltagssprache und Wissenschaftssprache thematisiert! https://www.youtube.com/watch?v=Op6wV8-PY2E