Nicht nur Trump

Die Wirkung der gestrigen Bilder vom US amerikanischen Kapitol (6. Januar 2021) ist gewaltig. Es ist nicht die Wucht einer unmittelbaren Zerstörung, es ist vielmehr die Erkenntnis, dass das Herz der US amerikanischen Demokratie durch die Demonstranten erheblich gestört ist: Volksvertreter müssen in Sicherheit gebracht werden, eine reguläre Sitzung des Parlaments muss abgebrochen werden.

Wie wird es mit der US amerikanischen Demokratie weiter gehen?

Wie konnte es dazu kommen? Dieser Frage und dem Entsetzen gesellt sich eine zweite zu: Was kommt noch? Ich glaube, allen ist klar, dass dieses Ereignis nicht einmalig bleiben wird, dass sich hier etwas andeutet, was die Amtszeit des neu gewählten Präsidenten Biden überschatten wird. Da zeigen sich Kräfte, die einen gruseln lassen. Vieles Schreckliche scheint denkbar, wenn man berücksichtigt, wie stark manche radikale Anhängergruppen Trumps bewaffnet sind (Proud Boys). Rutscht die alte, stolze US amerikanische Demokratie in anomische Zustände?

Der Agitator Trump als Brandbeschleuniger

Wenn man aber zunächst einmal danach fragt, wie es dazu kommen konnte, so gerät unweigerlich die Person Donald Trump in den Fokus. Zu einem Marsch auf das Kapitol hatte er aufgerufen, er selbst wolle sich beteiligen, was er dann nicht getan hat. Die Rede, die er gestern hielt, versuchte zum wiederholten Male die Wahl Bidens zum Präsidenten zu delegitimieren. Der folgende Tweet Trumps, man solle friedlich bleiben, war nur noch für das Protokoll, damit klar ist, dass er nicht zur Gewalt aufgerufen hat.

Trump handelt wie ein populistischer Agitator, wie wir es bislang eher aus kleinen instabilen Staaten kannten. Er bleibt bei seiner Behauptung, die Wahl sei „gefäscht“,die Stimmen „gestohlen“. Die Wirkung dieser Worte Trumps ist die das sprichwörtliche Öl, das man ins Feuer gießt. Es facht die Flammen an, verbunden mit der Gefahr, dass der Brand unkontrollierbar wird. Hinter vielem, was Trump in diesen Tagen tut, aber steckt Kalkül. Auf keinen Fall will der Großnarzist Trump abtreten mit dem Eingeständnis seiner Niederlage. Da lieber mit wehenden Fahnen untergehen. Also versucht er möglichst viel Wind zu erzeugen, damit die kleinen Feuer größer werden.

Wahrscheinlich, und das ist die bedrückende Erkenntnis, wird das nicht aufhören, wenn Joe Biden fest nach allen Regeln der Verfassung im Amt installiert ist. Trump wird große Versammlungen abhalten und seine Anhänger weiterhin darauf einschwören, dass die Wahl unrechtmäßig war, dass sie wiederholt werden muss, dass die aktuelle Regierung keine Legitimation hat. Und er wird auf Resonanz stoßen, das hat sich gestern gezeigt. Das gilt auch für den Fall, dass etliche Republikaner zur Vernunft kommen und sich gegen Trump stellen. Diese Situation lässt einen ratlos. Auch Radikallösungen, wie die Inhaftierung Trumps scheinen kein Ausweg zu sein, weil dies ihn nur zum Märtyrer machen würde.

Die Kräfte hinter Trump: Neokonservative, Tea Party…

Das eigentliche Problem aber, das sich zeigt, ist nicht allein an der Person Trumps festzumachen. Es ist der kontinuierliche Zerfall der Zivilgesellschaft in den USA: Dies ist der Nährboden für Personen wie Trump. Ohne eine eklatante Schwäche der Republikaner hätte Trump es nie zum Präsidentschaftskandidaten geschafft. Die Republikaner aber sind schon seit vielen Jahren geschwächt. Barack Obama hat jüngst darauf hingewiesen. Erste entscheidende Bewegungen zur Schwächung war die Popularität von Sarah Palin, der Running Mate von John McCain. Sie war später eng verbunden mit der Tea Party, einer radikalen Gruppierung, die später großen Einfluss auf die Republikaner gewann. Hier ist der Boden bereitet für eine Aufkündigung der Loyalität zu dem US amerikanische Staat. Noch in Erinnerung ist der unmäßige Protest, den viele gegen die ObamaCare erhoben.

Trump verstärkte diese Entwicklung nach Kräften. Aus dem Slogan „I want my country back” wurde “America first”. Aber das Phänomen Trump ist nicht zu verstehen ohne auf die Kräfte zu schauen, die ihn tragen und die er sich zunutze macht. Diese Kräfte wiederum zeigen, dass nicht unerhebliche Anteile der US amerikanischen Bevölkerung zu so etwas wie einer „inneren Kündigung“ ihrer Bürgerschaft neigen. Sie sehen in dem Staat und seinen Organen eher einen Gegner. Wie konnte es so weit kommen?

Der Zerfall der US amerikanischen Zivilgesellschaft

An der Wurzel liegt letztlich eine Entwicklung, auf die zum Beispiel Robert Putnam und Michael Sandel hingewiesen haben. In den USA wie auch in Großbritannien liegen in den 80er Jahren die Ausgangsorte für einen Wechsel zu einer neoliberalen Wirtschaftspolitik. In der Folge fühlen sich immer größere Bevölkerungsgruppen in der Mehrheitsgesellschaft und ihrem staatlichen Organen nicht mehr repräsentiert. Große zivilgesellschaftliche Kräfte, die politischen Parteien, die Gewerkschaften, Vereine, Kirchen usw. wurden nachhaltig geschwächt, die soziale Verbundenheit nahm kontinuierlich ab. Dadurch wächst der Boden für Populismus. Davon nähren sich politische Figuren wie Trump. Es muss entscheidend in der Zukunft darum gehen, ihnen diesen Nährboden zu entziehen!

Wie stabil ist das Wirtschaftswachstum? (Fragen eines ökonomischen Laien)

Die Herausforderungen der Corona Krise

Die Nachrichten aus der Wirtschaftswelt sind in diesen Tagen sehr schwer zu deuten. Auf der einen Seite gibt es Klagen über grundstürzende Veränderungen, über große Verluste, auf der anderen Seite gibt es freudige Botschaften aus der Industrie, deren Auftragslage gut zu sein scheint. Klar ist: Die Corona Krise schüttelt alles durcheinander. Der Staat greift mit seinen Maßnahmen stark in das wirtschaftliche Leben ein. Noch im Herbst  war zu erleben, dass das Wirtschaftssystem erstaunlich resistent gegenüber diesen starken Störungen reagierte. Obwohl im Frühjahr ein radikaler Lockdown verhängt wurde und das Bruttoinlandsprodukt spürbar geschrumpft war, hatten sich die Zahlen schnell wieder verbessert. Der deutsche Wirtschaftsminister präsentierte der Öffentlichkeit stolz ein Diagramm, das ein „V“ zeigte: Fast ebenso schnell wie die Wirtschaft im zweiten Quartal geschrumpft war, ist sie in dritten Quartal gewachsen. Das zeigt eine beeindruckende Robustheit des Systems. Doch das ist nicht mit dem Endergebnis zu verwechseln. Die Pandemie wird leider noch einige Zeit andauern und das wirtschaftliche Handeln weiter beeinflussen. So gibt es sehr unterschiedliche Kommentatoren, solche, die beruhigende Signale aussenden ebenso wie solche, die vor langfristigen Folgen mahnen.

Wirtschaftswachstum, Wirtschaftsflauten

Schaut man also auf die aktuellen Ereignisse, so lässt sich zurzeit jedenfalls kein eindeutiges Urteil fällen. Die kritischen Fragen aber gegenüber dem Geschehen werden drängender, wenn man den Blick weitet und die letzten Jahrzehnte mit in den Blick nimmt. Dabei hat gerade Deutschland in dem letzten Jahrzehnt erheblich von der wirtschaftlichen Entwicklung profitiert. Das Wachstum war stabil, die Zahl der Arbeitsplätze wuchs jedes Jahr mit schöner Regelmäßigkeit, es wurde immer mehr, fast nie weniger. Aber gerade das hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Denn auf einen zweiten Blick zeigen sich einige Entwicklungen des Wirtschaftssystems im Ganzen, die hochproblematisch sind. Wenn man auf die makroökonomischen Lehren etwa der 70er und 80er Jahre zurückblickt, so war da immer von zyklischen Entwicklungen der Wirtschaft die Rede. Es gab ein Auf und Ab des Wirtschaftsgeschehens. Die Politik sah ihre Aufgabe darin, dieses wechselhafte Geschehen in seinen negativen Folgen zu reduzieren und die positiven zu stärken. Es war aber klar, dass es auch bei einem positiven Gesamttrend einen Wechsel von Hochs und Tiefs im wirtschaftlichen Handeln gab.

Wachstum, Wachstum

Das war in dem letzten Jahrzehnt definitiv anders. Es schien nur noch bergauf zu gehen. Auch andere Indikatoren zeigten eine einseitige Entwicklung: So war die Außenhandelsbilanz für Deutschland kontinuierlich sehr positiv. Auch hier gab es kein Geben und Nehmen, sondern (aus deutscher Sicht) vor allem ein Geben. Auch das scheint eine positive Nachricht zu sein, doch wie sieht es aus der Perspektive anderer Länder aus, etwa aus der Perspektive der europäischen Nachbarn oder den USA? Auf Dauer, das sagen viele Ökonomen, kann eine solche Einseitigkeit nicht stabil sein, sie wird zu politischen Verwerfungen führen.

Stabilisiert dauerhaftes Wachstum?

Man könnte sich nun über diese Entwicklung aus deutscher Perspektive heimlich freuen und die Hände reiben. Ich glaube auch, dass das die deutsche Regierung gerne und oft getan hat. Aber die Verhältnisse können nicht langfristig stabil sein. Denn darüber hinaus  gibt es eine Vielzahl von Indikatoren, die nahe legen, dass das System „Wirtschaft“ sich zurzeit in einem hoch instabilen Zustand befindet. Ein wenig ähnelt es, der Vergleich sei einem Ingenieur erlaubt, dem Betrieb einer Maschine, die nur noch in den höchsten Drehzahlen, am Anschlag, die gewünschte Leistung erbringt. Weltweit haben die Notenbanken die Leitzinsen immer weiter gesenkt, sie haben zum Teil einen negativen Bereich erreicht. Die Verschuldung sowohl von öffentlicher Hand als auch von privater ist seit der Finanzkrise 2008 erheblich ausgeweitet worden. Die Notenbanken haben darüber hinaus große Aufkaufprogramme von Anleihen gestartet, bei der EZB umfangreiche Programme, die sich mit Kürzeln wie APP und PSPP verbinden. Diese sind jedes Jahr ausgeweitet und vergrößert worden. Die jetzt viel beachteten Sonderprogramme angesichts der Corona Pandemie (PEPP) stellen nur einen Teil der Maßnahmen dar. Dadurch wird die Geldmenge erheblich ausgeweitet. All das geschieht und geschah, um das Wachstum zu stabilisieren.  

Wachstum und Ungleichheit

Rückblickend kann man feststellen, dass das auch leidlich gelungen ist. Aber was sagt das für die Zukunft? Hinzu kommt das gravierendste Warnzeichen: die massive Zunahme von Ungleichheit in der Welt! Das forcierte Wachstum führt zu einer Zunahme der Ungleichheit, nicht zu ihrer Beseitigung. Was sehr erstaunt: Es gibt fast keine Diskussionen um die Verteilungswirkung der gerade genannten Aufkaufprogramme der Notenbanken! Eine Vermutung: Sie führen zu steigenden Aktienkursen und wachsenden Immobilienpreisen. Wem kommt das zu Gute: natürlich denjenigen, die viel davon besitzen. Zur weltweit wachsenden Ungleichheit gibt es viele Zahlen. Eine Nachricht der letzten Tage hilft bei der Veranschaulichung: Die ehemalige Ehefrau von Jeff Bezos und Mitgründerin des Unternehmens amazon, MacKenzie Scott hat kürzlich angekündigt, eine Milliarde Dollar für wohltätige Zwecke zu spenden. Allerdings tut sie das seit einiger Zeit und das jeden Monat! Ihr Gesamtvermögen wird ja auch auf 57 Milliarden Dollar geschätzt.

Die aktuellen Corona Maßnahmen sind nur Teil einer hoch problematischen übergreifenden Entwicklung. Alle Maßnahmen versuchen vor allem das Wirtschaftswachstum zu fördern. Doch, auch das sagen viele Ökonomen, sind diese Maßnahmen nicht beliebig erweiterbar und können nicht beliebig verlängert werden. Die Zinsen lassen sich nicht mehr senken, die Ausweitung der Aufkaufprogramme wird immer geringere Effekte haben. Bislang also ist das System damit stabilisiert, aber wie geht es auf Dauer weiter? Um das Bild der Maschine zu bemühen: Wie kann man die Drehzahl senken und dabei die Leistung erhalten? Wie kann man in einen Zustand übergehen, wo Geben und Nehmen sich abwechseln, wo es einen Normalzustand gibt, der nicht durch immer neue Sonderprogramme stabilisiert werden muss?

Ist die Zukunft durch Wachstum gesichert?

Wenn die Wirtschaft wächst, lassen sich alle Problem lösen, die der Verschuldung, die der Stabilisierung und so weiter und so fort. Doch, was, wenn die Wirtschaft nicht wie gewünscht wächst? Zudem hat ein Wachstum, das von der CO2 Produktion entkoppelt wäre, bislang nicht stattgefunden. Das Gesamtsystem ist aber ohne Wachstumsgarantie in einem hoch instabilen Zustand. Es gibt ein Buch der Chefökonomin der Weltbank, Carmen Reinhart, auf Deutsch mit dem Titel, „Dieses Mal ist alles anders – 800Jahre Finanzkrisen“. Das Buch ruft zur Nüchternheit auf. Der Titel deutet an, worum es geht: Stets haben Finanzkrisen einander abgelöst. Stets hat man auch versucht, aus den Krisen zu lernen. Aber offenkundig haben sich immer wieder neue Mängel eingeschlichen, die wieder zu einer krisenhaften Zuspitzung führten. Angesichts des aktuellen Zustands des Gesamtsystems der Wirtschaft fordert das zu erhöhter Wachsamkeit auf.

Die Hoffnung einer guten Zukunft für alle sollte nicht allein auf der Erwartung von Wirtschaftswachstum liegen, sondern vielmehr auf der Entwicklung von Lebensstilen, auf neue kulturelle Deutungen des gemeinsamen Lebens auf dieser  begrenzten Erde. Wohlstand ist eine große Errungenschaft, aber er kann nicht beliebig erweitert oder vergrößert werden. Um alternative Wege zu finden, sind aber genau jene kulturellen Ressourcen notwendig, die man jetzt in der Pandemie sträflich vernachlässigt, weil es ja darum geht, irgendwie vor allem das Wachstum der Wirtschaft zu erhalten!

Christlicher Glaube als Weggemeinschaft. Anmerkungen zu einem Buch von Christoph Nötzel

Christoph Nötzel hat ein gut und allgemein verständliches und zugleich theologisch fundiertes Buch zum christlichen Glauben geschrieben: „Glauben – Was ist das eigentlich? verstehen – leben – teilen“ (Neukirchener Verlag 2020, ISBN-10 : 3761567405, 287 Seiten, 20 Euro). Wir leben in einer Zeit, in der eine solche Arbeit dringend notwendig ist. Hatte noch vor 50 Jahren ein Buch über die christlichen Glauben eher die Funktion, die eigenen Traditionen zu bestätigen, sie noch einmal umfassend darzustellen, so ist heute jede Selbstverständlichkeit verloren gegangen und bis in die inneren Zirkel der verfassten Kirche eine Unsicherheit darüber groß, worauf sich der Begriff „Glaube“ eigentlich bezieht. Leichter fällt es, in den alltäglichen Debatten eine moralische Position zu beziehen als die Grundlagen des Glaubens darzulegen. Denn moralische Positionen werden in der Gesellschaft stark diskutiert, die Anschlussfähigkeit ist hoch. Wohl auch nicht zuletzt deshalb haben sich diese Debatten in der Kommunikation der Kirche in den Vordergrund geschoben.

Doch was genau meint es, wenn ein Mensch sagt, sie oder er glaube an Gott? Im ersten Kapitel beschreibt Christoph Nötzel n einer ersten Orientierung zum Thema unterschiedliche Erfahrungen des Glaubens. Das tut er nicht allgemein, abstrakt im Stile einer Dogmatik, sondern indem er immer auch bei sich selbst, bei seinen eigenen Erfahrungen ansetzt. Das ist folgerichtig, weil man heute nicht mehr leicht auf geteilte Überzeugungen und Erzählungen, schon gar nicht auf dogmatische Lehrsätze Bezug nehmen kann. Das zweite Kapitel behandelt den Glauben, wie er sich in den biblischen Texten widerspiegelt, sowohl in den Schriften der Hebräischen Bibel wie auch in den Schriften des Neuen Testaments. Es folgt im dritten Kapitel ein kurzer Abriss einiger herausgehobener Positionen der Geschichte der Theologie, von Augustinus über Luther und Dietrich Bonhoeffer bis hin zu Dorothee Sölle. Im vierten und letzten Kapitel schließlich stellt Nötzel die christliche Gemeinschaft als Basis für den Glauben dar.

Ich möchte mich hier auf das vierte Kapitel konzentrieren, weil der Autor dort eine alte theologische Einsicht betont, die leider in unserer Zeit aus dem Blick geraten ist: Der christliche Glaube ist nicht in erster Linie eine „innere“ Eigenschaft oder „innere“ Einstellung einzelner Menschen. Der Glaube ist vielmehr eine Erfahrung, die wir notwendigerweise in Gemeinschaft mit anderen, in Verbundenheit mit anderen Menschen und mit Gott machen! Der Glaube ist die Erfahrung einer Weggemeinschaft.

Der Glaube als individuelle Erfahrung

Üblicherweise konzentriert sich die Theologie in der Moderne gerne auf das „Subjekt des Glaubens“. Dieses Subjekt ist in der Regel der einzelne Mensch, der vielleicht eine Predigt hört und der zum Glauben kommt, zu einer festen persönlichen Überzeugung. Es gibt sehr unterschiedliche theologische Strömungen, die diese Fokussierung auf den Einzelnen gefördert haben. Da sind manche Strömungen des Pietismus und der Erweckungsbewegung, die die Bekehrungserlebnisse der Einzelnen betonen. Im Gottesdienst ist es gern gesehen, wenn ein einzelner Mensch nach vorne geht und Zeugnis ablegt davon, wie sie oder er zum Glauben gekommen ist. Aber auch in der großen konkurrierenden theologischen Strömung, der liberalen Theologie, steht es nicht anders. Hier bezieht man sich auf das Bewusstsein, des Gefühl, das subjektive Erleben von Einzelnen. Diese Haltung ist bis zum heutigen Tag in der Kirche dominant. Nicht selten lautet in kirchlichen Kreisen die Antwort auf die Frage nach dem Glauben, dass da jede, jeder ganz eigene Erfahrungen machen muss. Die Antwort ist auf der einen Seite entlastend, weil niemand vorschreibt, was sie oder er zu glauben hat. Aber zugleich ist jeder Mensch auf sich selbst zurück verwiesen, die Frage wird nicht von der Gemeinschaft aufgenommen, die Antwort wird nicht von einer Gemeinschaft getragen.

Der entscheidende Punkt ist aber nun: Es gibt ein Drittes zwischen einem autoritären Glauben, der von einer Institution vorgegeben wird und einem Glauben, den jede und jeder Einzelne für sich selbst finden muss! Dieses dritte ist die wechselvolle, die sich verändernde und sich immer wieder neu findende Weggemeinschaft der Glaubenden. Hier wird die wechselseitige Verbundenheit im Glauben nicht starr, sie wird aber auch nicht kaschiert. Als Weggemeinschaft wird sie immer wieder neu gestaltet!

Der Glaube als Erfahrung von Beziehung

Die Vorstellung des Einzelnen, die, der glaubt, ist tatsächlich eine Abstraktion, eine Fiktion. Christoph Nötzel stellt deshalb fest: „Am Anfang also ist Beziehung. Mit-Sein. Erst im Mit-Sein werde ich zum ICH.“ (S. 221). So wie sich kein Mensch aus sich selbst heraus selbst gestaltet, so ist der Glaube nicht eine innere Haltung, sondern eine bestimmte Weise der Verbundenheit mit anderen Menschen, mit Gott. „Glauben jedenfalls geschieht nicht bloß innerlich in mir. Zum Glauben braucht es immer einen Anderen.“ (S. 221) Auch gegenüber Gott ist der Glaube keine einsame Tätigkeit, sondern innigste Verbindung, Verbundenheit. „Von Gott kann deshalb nicht anders als in personhaft-menschlichen Bildern gesprochen werden.“ (S. 229) Unsere Verbundenheit mit anderen Menschen weist uns den Weg zur Verbundenheit mit Gott, auch wenn diese immer größer und umfassender ist. Denn mit Gott sind wir nicht nur verbunden, wir existieren durch ihn und werden von ihm gehalten. Der Glaube bringt diese elementare, ja radikale Verbundenheit zum Ausdruck.

Der Glaube aus und in einer geschichtlichen Gemeinschaft

Dieser Glaube ist nicht durch eine Theorie zu fassen. Er drückt sich in der Lebensgeschichte immer wieder neu aus. Keine Antwort ist dauerhaft und hinreichend. Glaubende Menschen setzen immer wieder neu an, um eine angemessene Ausdrucksform für den Glauben zu finden. Der christliche Glaube ist kein statisches Verhältnis, deshalb lebt er von Erzählungen und regt er zu Erzählungen an. „Mein Glaube ist geschichtlich. Er erzählt deshalb auch in Geschichten. Und er stellt mich zugleich in eine Geschichte.“(S. 230) Er vermittelt sich in und durch Sprache, durch Worte, menschliche Worte, die zum Wort Gottes werden können. “Der Glaube wird in Gemeinschaft weitergegeben.“ (S. 234) Diese Gemeinschaft  steht in einer wechselvollen Geschichte, in der sich ständig etwas ändert. Deshalb ändert sich auch die Gemeinschaft kontinuierlich, sie ist eine Weggemeinschaft. Die Gemeinschaft des Glaubens ist deshalb auch immer eine experimentelle, eine experimentierende Gemeinschaft (S. 265).

Der Glaube als Erfahrung von Weggemeinschaft

Die Kirchen befinden sich auf absehbare Zeit in einem gravierenden Umbruch. Die Volkskirchlichkeit werden sie verlieren. Damit verlieren aber auch konventionelle Ausdrucksformen an Bedeutung, wie „man“ vom Glauben redet. Die Institution „Kirche“ wird sich mit dem Wandel schwer tun, denn es ist für sie ein Schrumpfungsprozess. Es geht immer auch um Beschäftigte, um etablierte Arbeitsfelder, die nicht mehr fortgesetzt werden können. Doch ist dieser beschwerlich Wandel ist für die christliche Gemeinde nicht etwas völlig Neues, das über sie kommt. Sie war immer schon und ist auch heute experimentierende Gemeinschaft auf dem Wege, sie kann als Weggemeinschaft auf die Zusage Gottes vertrauen, dass er auch in schwierigeren Zeiten bei ihr sein wird, „bis an der Welt Ende“. Was braucht es mehr? Das Verständnis des christlichen Glaubens als Zeugnis der Weggemeinschaft zu fördern, das ist ein sehr wichtiger Beitrag des Buches von Christoph Nötzel.

Sitzen wir nicht in demselben Boot? Anmerkungen am Tag der deutschen Einheit

Am 30. Jahrestag der deutschen Einheit wurden viele Reden gehalten, die eine Bilanz zogen: Was hat sich in den letzten 30 Jahren geändert? Die Antworten konzentrierten sich vor allem auf innerdeutsche Verhältnisse, die Angleichung von Ost und West, der Aufbau Ost, die Ab- und Zuwanderung der Bevölkerung usw. Diese Fokussierung liegt nah, weil im Hintergrund die zentrale Frage steht, wie die Entwicklung sich für die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, den Ossis und den Wessis, ausmacht.

Ein Boot im Meer des globalen Kapitalismus

Aus dem Blick gerät dabei aber, dass Deutschland keine Insel ist und im Jahr 2020 mehr denn je in internationale Verflechtungen von Wirtschaft und Kultur eingebunden ist. Es ist nicht einfach so, dass sich der Lebensstil der einen, der Wessis, sich gegenüber dem Lebensstil der anderen, den Ossis, durchgesetzt hat. Vielmehr hat sich beider Lebensbedingungen deutlich verändert. Beide sitzen im demselben Boot. Dies hat mit globalen gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun, die zumindest in allen westlichen Industrieländern parallel verläuft und die zurzeit gravierende Auswirkungen vor allem in den „Kernlanden des Kapitalismus“ zeigt, in England und in den USA.

Moderne und Spätmoderne

Soziologen unterscheiden gerne zwischen der Moderne und der Spätmoderne. Was kennzeichnet unsere Zeit, die Spätmoderne? Hegemonial, das heißt herrschend sind vor allem zwei zentrale Gedanken: Erstens ist der Mensch vor allem ein Individuum, das sich aus sich selbst entfaltet, das sich selbst verwirklicht. Alles, was seine Selbstverwirklichung befördert, ist gut, alles andere dagegen, was sie einschränkt, ist schlecht. Die Individualisierung konnte über lange Zeit als emanzipatorische Entwicklung beschrieben werden, die war Ausdruck der Freiheit, des ersten Wertes der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, „Brüderlichkeit“, also Solidarität) Zweitens wird die Gesellschaft auf die gegenwärtigen Verhältnisse, auf die Steuerungen von Systemen wie dem Markt reduziert. An die Vergangenheit kann man sich erinnern, aber sie spielt in der Gegenwart eine untergeordnete Rolle. Auch die Zukunft wird abgewertet. Starke Bilder von einer besseren Zukunft haben wir verloren. Zukunft ist eher die Fortschreibung der Gegenwart mit den Mitteln von Prognosen, die zudem meist negativ sind. Doch negative Prognosen sind in der Regel wenig hilfreich für die Förderung neuer kultureller Entwicklungen, die wir aber dringend brauchen. In der ökologischen Krise leben wir in einem scheinbar unbeirrbaren Double-Bind: Wir wollen das Klima retten und wir wollen unseren Wohlstand und unsere Lebensweise bewahren. Beides geht nicht.

Auf Kosten der Solidarität

Durch die Faktoren von Individualisierung und Gegenwartsfixierung geht vor allem der Sinn für soziale Verbundenheit verloren, einerseits von Verbundenheit der Menschen untereinander und andererseits von Verbundenheit durch die Zeit hindurch, in Richtung auf Vergangenheit aber auch in Richtung auf Zukunft. Nun ist aber jede Solidarität ein Ausdruck von sozialer Verbundenheit und eine politische Solidarität auch eine Ahnung einer besseren Zukunft. Jede Vorstellung einer besseren Zukunft lebt von der Hoffnung, dass man in und durch die Geschichte gesellschaftliche Verbesserungen erreichen kann. Es ist gerade der dritte Wert der Französischen Revolution, die Brüderlichkeit bzw. die Solidarität, der heute zu kurz kommt!

Was hat die Entwicklung zu der individualistischen Spätmoderne befördert? Zuerst ist der wirtschaftspolitische Wandel zum Neoliberalismus zu nennen. Maßgebliche Verfechter dieses Wandels waren in den 80er Jahren Ronald Reagan und Margret Thatcher. Doch sie allein hätten keine langfristigen Wirkungen gehabt, wenn nicht ihre Nachfolger im Amt der eingeschlagenen Richtung gefolgt wären, also Politiker des linksliberalen Spektrums wie Bill Clinton, Tony Blair und Gerhard Schröder. Die Globalisierung nahm in den 90er Jahren Fahrt auf, Finanzmärkte wurden geöffnet und alle Arten von Handelsbeschränkungen abgebaut.

Dieser Neoliberalismus erhebt normative Ansprüche an die Menschen. Der ideale Mitarbeiter von Konzernen ist ein gut ausgebildetes, vielsprachiges und flexibles Individuum, jederzeit bereit, auch ins Ausland zu gehen. Weiterhin sollte jeder Mensch mit seinem noch so kleinen Vermögen an Börsen handeln, ganz nach dem Vorbild großer Investmentgesellschaften, die in dieser Zeit entstanden. Die Leitideen des Neoliberalismus haben erhebliche gesellschaftliche Folgen. Große soziale Organisationen sind hier grundsätzlich verdächtig, sie verzerren im Zweifel die Märkte. Bekannt ist, wie Thatcher die Gewerkschaften in den 80er Jahren niedergerungen hat. Der Soziologe Robert Putnam hat im Jahr 2000 die US amerikanische Gesellschaft analysiert und dies in dem Buch „Bowling alone“ veröffentlicht. Seine Diagnose: Seit den 80er Jahren nehmen Intensität und Umfang von Vereinsleben in den USA massiv ab.

Gesellschaftliche Zerrüttung

Die Folgen spüren heute alle westlichen Demokratien. Wenn man auf die größeren Zusammenhänge schaut, zeigt sich, dass die gegenwärtige Entwicklung kein Zufall ist. England war im 19. Jahrhundert die führende Nation der Globalisierung, die USA waren es im 20.Jahrhundert. Beide Länder sind Standort der beiden größten Börsen der Welt, London und New York. In beiden Ländern hat die neoliberale Wende in den 80er Jahren begonnen. Und nun sind es gerade diese beiden Länder, die zurzeit eine derart nationale Orientierung suchen und eine starke gesellschaftliche Zerrüttung aufweisen! Über die Person Donald Trumps kann man viel sagen, Trump ist aber vor allem ein Symptom, ein Symptom für eine tiefgreifende gesellschaftliche Spaltung.

Das neoliberale Wirtschaftssystem kann auch meritokratisch genannt werden. Es herrscht die Ideologie der Leistung: Die, die etwas leisten, gelten etwas. Alle messen sich mit allen. Der amerikanische Philosoph Michael Sandel hat in diesen Tagen ein neues Buch veröffentlicht, in dem er dieser Gesellschaft vorwirft, die Orientierung an dem Gemeinwohl vergessen und gerade dadurch die Wahl von Trump befördert zu haben.

Die 68er und der Niedergang des real existierenden Sozialismus

Doch die neoliberale Wende in der Wirtschaft, so bedeutend sie ist, kann nicht allein die Macht des herrschenden Zeitgeistes in der Spätmoderne erklären. Andere, kulturelle und technische Faktoren kommen hinzu. So etwa der Authentizitätsgedanke der 68er Bewegung. Er verstärkt die Wertschätzung des sich selbst verwirklichenden Individuums. Die Haltung war in den 60er Jahren ein emanzipatorischer Fortschritt gegen die verknöcherten und autoritären Strukturen der Nachkriegszeit. Doch ist die Geschichte oft dialektisch: Das, was damals Emanzipation war, wurde dann im weiteren Verlauf zu einer Verstärkung neoliberaler Grundgedanken, des sich in selbständiger Produktion verwirklichenden Individuums. Die Soziologen Luc Boltanski und Richard Sennett haben den Zusammenhang eindrucksvoll dargestellt.

Last not least muss als Faktor auch der epochale Wandel genannt werden, der gerade zu dem Ausgangspunkt für die deutsche Einheit wurde: der Niedergang des real existierenden Sozialismus. Die Zukunft war in den 70er und 80er Jahren noch offen, es galt, sie zu erringen. Es gab eine Debatte um einen dritten Weg jenseits von Kommunismus und Kapitalismus. All diese Vorstellungen aber brachen in den 90er Jahren zusammen. Autoren wie Francis Fukuyama riefen damals das Ende der Geschichte aus. Die Zukunft wurde opak und unzugänglich, die Gegenwart der gesellschaftlichen Systeme dominierte.

Und die Corona Krise?

All diese Faktoren stützen den hegemonialen Diskurs in unserer Gesellschaft. Ändert an all dem die aktuelle Corona Krise etwas? Es mag tatsächlich sein, dass die Zeit des Neoliberalismus dem Ende zugeht. Ein Impresario der globalen Wirtschaft, Klaus Schwab, Direktor des World Economy Forums, hat jüngst in der „Zeit“ das Ende des Neoliberalismus ausgerufen. Doch ist das allein in keiner Weise die Lösung der bestehenden Probleme. Es ist doch deutlich, dass die Krise die gesellschaftlichen Gräben eher vertieft, dass  wiederum die Armen und Marginalisierten am meisten leiden werden. Ob die riesigen Summen, die die Zentralbanken in Umlauf bringen, die Regelsätze der sozialen Transferleistungen erhöhen oder doch nicht eher helfen, die Vermögen der Immobilien-und Aktienbesitzer abzusichern?

Der Weg zu einer großen Transformation

Der Text hier endet mit offenen Fragen. Er will eine Problemanzeige sein. Aber vielleicht muss man erst einmal die Fragen aushalten und sollte nicht vorschnell Antworten suchen. Technokratische Lösungen, die schnell in das eine oder andere Gesetz gegossen werden könnten, werden den Weg nicht weisen. Es geht um eine grundlegende kulturelle und auch gesellschaftspolitische Transformation. Es wird wohl wieder eine große Transformation sein müssen, wie Karl Polanyi sie im 19.Jahrhundert analysierte. Sie wird auf jeden Fall viel umfangreicher sein, als das, was innerdeutsch zwischen Ost und West in den letzten 30 Jahren stattgefunden hat.

Weil ich es mir verdient habe! Rezension des Buches „Vom Ende des Gemeinwohls“ von Michael Sandel

Der amerikanische Philosoph Michael Sandel hat in seinem neuen Buch „Vom Ende des Gemeinwohl. Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratie zerreißt“ (S.Fischer Verlag 2020) auf packende Weise den gegenwärtigen Zustand der amerikanischen Gesellschaft diagnostiziert als eine Gesellschaft, die den Leistungsgedanken in den Mittelpunkt stellt. Er gebraucht für den Zustand den Begriff der „Meritokratie“.

Die meritokratische Ideologie und ihre Folgen

Eine Meritokratie ist eine Gesellschaft, in der die Leistung des Einzelnen in den Mittelpunkt gestellt wird, in der sich der gesellschaftliche Rang allein nach der Leistung ermittelt (meritus – würdig, verdient).  In einer solchen Gesellschaft haben die viel, die viel leisten und umgekehrt, die wenig, die wenig leisten.  Hier mag man stutzen: Welche Gesellschaft ist schon allein nach Leistung strukturiert? Es ist doch offenkundig, dass es in jeder gegenwärtigen Gesellschaft Reiche gibt, die wenig leisten und Arme, die viel leisten. Das ist auch Sandel klar, er selbst bietet dafür immer wieder Hinweise. Ihm geht es aber um die Vorstellung und die Behauptung, man lebe in einer leistungsorientierten, in einer meritokratischen Gesellschaft. Diese Vorstellung, ja man kann sagen, diese Ideologie selbst hat aber gravierende gesellschaftliche Folgen. Sandel zeigt das anhand genauer Analysen der US-amerikanischen Gesellschaft.

Die Vorstellung, dass es allein auf die Leistung der Einzelnen ankomme, dass der gesellschaftliche Erfolg, dass Einkommen und Wohlstand sich nach der Leistung des Einzelnen auszurichten haben, führt nach Sandel, kurz gesagt, zur Zerrüttung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, zu einer Auflösung des Gemeinwohl-Gedankens. In den USA ermöglichte die meritokratische Ideologie seiner Ansicht nach 2016 den Wahlerfolg von Donald Trump. Dies galt vor vier Jahren, ob es immer noch gilt? Dass das Buch jetzt erscheint, kurz vor der Wahl 2020, ist wohl kein Zufall.

Der Wandel zu einer „meritokratischen“ Gesellschaft

Sandel ist Hochschullehrer in Havard und so wurde er auf einen gravierenden Wandel in der Gesellschaft auch dadurch aufmerksam, dass seine Studierenden in den letzten Jahrzehnten immer mehr dazu neigten, die Auszeichnung, an einer Ivy League Universität wie Harvard studieren zu können, ihrer eigenen Leistungsfähigkeit zuzuschreiben. Tatsächlich, so zeigt der Autor, ist der Zugang zu den Spitzenuniversitäten aber mehr denn je von dem Vermögen der Eltern abhängig.

In der Betonung der eigenen Leistung zeigt sich der Mainstream der  amerikanischen Gesellschaft, die in den letzten 4 Jahrzehnten die Orientierung an Leistung in den Mittelpunkt ihres Selbstverständnisses gestellt hat. Die Studierenden interpretieren ihre Position in der Gesellschaft nur so, wie es der Zeitgeist nahe legt. Entstanden ist dieser Zeitgeist vor allem durch die neoliberale Wende von Ronald Reagan in den 80er Jahren. Aber erst die Fortsetzung der dort angelegten Grundgedanken durch die Spitzenvertreter der demokratischen Partei, durch Bill und Hilary Clinton und Barack Obama hat den Gedanken hegemonial werden lassen.

Hier zeigt sich ein zentrales Ziel der Argumentation von Sandel. Er hält der Elite der Demokratischen Partei den Spiegel vor und konfrontiert sie mit der Erkenntnis, dass sie selbst einen erheblichen Beitrag dazu geleistet haben, dass ein Präsident wie Trump möglich werden konnte. Es sei zu leicht, sich über Trump zu empören, ohne zu berücksichtigen, welchen Anteil man selbst an der gesellschaftlichen Situation hat, die Trump möglich machte.

Aspekte der meritokratischen Ideologie

Sandel untersucht im Detail viele Aspekte der meritokratischen Idee. Da ist etwa der Umgang mit gesellschaftlicher Ungleichheit. Aus meritokratischer Perspektive gibt es eine einfache Antwort: Gesellschaftliche Ungleichheit existiert, weil die einen mehr leisten, die anderen weniger. Nun mag man einwerfen, dass kaum jemand einer solchen plakativen Aussage zustimmt. Doch Sandel zeigt, dass es viele öffentliche Aussagen gerade auch von Repräsentantinnen und Repräsentanten der Demokratischen Partei gibt, die die meritokratische Einstellung durchscheinen lassen. Nur ein Beispiel: Hilary Clinton hat ihre Niederlage 2016 etwa dadurch zu interpretieren und zu relativieren versucht, dass sie von jenen Menschen gewählt worden sei, die 80 % des BIP der USA zu verantworten haben. Eine solche Aussage ist aus meritokratischer Sicht folgerichtig, aber aus demokratietheoretischer Sicht desaströs, denn sie hinterfragt das Prinzip der Demokratie, dass jede Stimme gleichviel zählt. Hier gilt eben nicht das Leistungsprinzip.

Besonders verheerend aber sind meritokratische Interpretationen der  Ungleichkeit für jene, die am Rande der Gesellschaft stehen. Sie werden durch die Zuschreibung in ihrer ohnehin schwierigen Lage zusätzlich gedemütigt. Zwar geht es in den seltensten Fällen direkt um sie, die meritokratischen Aussagen konzentrieren sich ja immer wieder um das Verhältnis von Leistung und Verdienst. Doch hat dieser Zusammenhang unweigerlich auch eine negative Wertung: Wer arm ist, ist es selbst schuld, denn wer hart arbeitet, kann auch etwas erreichen.

Zentral für die meritokratische Ideologie ist das Bildungssystem. Nicht von ungefähr beginnt Sandel seine Beobachtungen im universitären Alltag und er kommt immer wieder auf die Bildungschancen zurück. Bildung scheint doch der Ausweg aus der Falle der Ungleichheit zu sein. Sozialdemokratischen Verfechter einer meritokratischer Einstellung wie Clinton, Blair und Schröder haben deshalb auch immer wieder die Bedeutung von Bildung betont. Allerdings, so Sandel, sind die Zugänge zum Bildungssystem noch nicht einmal vorrangig von der Leistung der Einzelnen abhängig. Der soziale Status der Eltern hat einen erheblichen Einfluss. Zudem fördert die Konzentration auf die Bildung die Vorstellung von Konkurrenz auf dem Ausbildungsmarkt, der Kampf um begehrte Studienplätze wird immer härter.

Das gesellschaftliche System, das am leichtesten mit dem meritokratischen Grundgedanken verbunden werden kann, ist das Wirtschaftssystem. Am Markt setzen sich die Leistungsfähigen durch, so die herrschende Vorstellung. Doch was genau leisten jene Banker, die zu den Spitzengruppen der Verdiener gehören und die mit Finanzderivaten handeln, fragt Sandel. Wenn Arbeit nach Leistung bezahlt wird, was genau macht dann Leistung aus? Man braucht nur in Deutschland auf die Diskussion um die schlecht bezahlten Pflegeberufe zu blicken, um zu erkennen, wie sehr die Annahme einer leistungsbezogenen Bezahlung ideologisch ist.

Auswege

Was führt nun heraus aus diesem gesellschaftlichen Zustand, in den wir vor etwa 4 Jahrzehnten eingetreten sind? Sandel plädiert dafür die Arbeit in der Gesellschaf neu zu gewichten. Jede Arbeit muss in der Lage sein, ein Leben in Würde und Anerkennung in der Gesellschaft zu garantieren. Der Autor plädiert nicht für eine absolute Gleichheit, aber doch für ein Mindestmaß an Einkommen für alle. Hierin sieht er eine Quelle für sozialen Zusammenhalt und Solidarität. Die Einkommensarten müssen wieder anders gewichtet werden: Die Arbeit sollte geringer besteuert werden, die Finanzeinkünfte dagegen wesentlich stärker.

Soziale Verbundenheit statt Meritokratie

Die Stärke des Buches von Sandel liegt in der Aufdeckung einer heute verbreiteten Ideologie. Die Beschreibung der Meritokratie lässt sich mit den beiden zentralen Eigenschaften der gesellschaftlich herrschenden Vorstellungen in Beziehung setzen, die ich in „Soziale Verbundenheit“ beschrieben habe: Individualismus und Konzentration auf die gegenwärtigen Systeme, vor allem dem Markt. Die Meritokratie setzt das Individuum in den Mittelpunkt: Nicht Gruppen oder Gemeinschaften leisten etwas, es ist der Einzelne auf den es ankommt. Das Individuum soll sich frei entfalten und dann auch angemessen entlohnt werden. Doch wer so denkt, setzt alle Formen der sozialen Verbundenheit aufs Spiel. Das ungehemmte Leistungsdenken konzentriert alles auf das Individuum und vernachlässigt völlig all jene sozialen und kulturellen Ressourcen, von denen das Individuum lebt. Sandel geht auch auf die Bedeutung der Kultur ein: Von der Werbung bis zu Kochrezepten, überall spiegeln sich in der heutigen Gesellschaft meritokratische Formeln („Ich bin es mir selbst wert“). Es ist eine politische, eine wirtschaftliche, aber auch eine kulturelle Alternative vonnöten, um den meritokratischen Gedanken zu wehren. Das fängt auch bei einer Relativierung der Alleinstellung des Individuums an und der Suche nach neuen, zukunftsweisenden Formen sozialer Verbundenheit.