Zur Gelassenheit (1)

Ein Fortschreiten im Leben, das nicht einfach einer Fortschrittsorientierung folgt, braucht die Fähigkeit zur Unterscheidung, zur Unterscheidung zwischen dem, was veränderbar ist und dem, was unveränderlich ist, zur Unterscheidung zwischen dem, was technisch gestaltet werden kann und dem was sich der technischen Gestaltung entzieht.

Martin Heidegger?

Die Haltung, die diese Unterscheidung möglich macht, kann Gelassenheit genannt werden. Hier ist ein Philosoph Kronzeuge, dessen Philosophie in der Regel nicht mit Gelassenheit in Verbindung gebracht wird: Martin Heidegger. Aber wie bei allen Philosophierenden von Rang ist auch das Denken von Heidegger nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen. Es gibt viele Aussagen von ihm, die sich heute verbieten, es gibt weiterhin solche, die philosophisch fragwürdig sind, etwa immer dann, wenn das Wort „eigentlich“ mitschwingt.

Ja und Nein zur technischen Welt

1955 aber hat Heidegger eine Rede in Meßkirch, seinem Geburtsort gehalten. In dieser Rede beschäftigt er sich mit dem Stellenwert der Technik in der modernen Gesellschaft. Er kritisiert die Technik und will sie gleichzeitig nicht einfach ablehnen. Eine zentrale Aussage in dem Text lautet: „Ich möchte diese Haltung des gleichzeitigen Ja und Nein zur technischen Welt mit einem alten Wort nennen: die Gelassenheit zu den Dingen.“ (Heidegger, Gelassenheit 2014, 23)

Die Offenheit für das unauflösbare Geheimnis

Gelassenheit ist hier eine Grundhaltung gegenüber der Welt, die damit rechnet, dass sie etwas regeln kann, aber Entscheidendes auch nicht. Die Welt ist hier kein einfacher Gestaltungsraum, sie bleibt bei aller wissenschaftlichen Durchdringung geheimnisvoll. „Die Gelassenheit zu den Dingen und die Offenheit für das Geheimnis gehören zusammen.“ (Heidegger, Gelassenheit 2014, 24)

Das Geheimnis bleibt immer, in der Haltung der Gelassenheit können wir das akzeptieren. Doch das heißt nicht, in Untätigkeit zu verfallen. Dort, wo es möglich ist, sollten wir die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Technologien nutzen. Doch wir sollten uns nicht mit ihnen identifizieren.

Die Suggestivkraft der Technik: Atomkraft und KI

Die Entwicklung der Technik hat eine hohe Suggestivkraft. Das galt zurzeit, da Heidegger schrieb, alle Welt redete von den künftigen Erfolgen der Atomkraft, das ist heute so, alle Welt redet von den künftigen Erfolgen der Künstlichen Intelligenz. Ja, der technische Fortschritt ist in hohem Maße relevant, aber nein, eine einlinige Fortschreibung seiner Entwicklung und die damit verbundenen Erwartungen gehen zumeist in eine falsche Richtung.

Gelassenheit als existentielle Grundhaltung

Gelassenheit ist aber mehr als ein Umgang mit den Erwartungen an Technik. Sie ist eine existentielle Grundhaltung gegenüber der Welt und dem Leben.  Sie ist wach und gegenwärtig, aber sie legt sich nicht fest, sie schöpft aus der Weisheit der Unterscheidung zwischen dem, was wir können und dem, was wir nicht können

(1) Vertrauen ist notwendig für die menschliche Existenz

Warum vertrauen wir anderen Menschen? Könnten wir es nicht auch sein lassen? So lange wir miteinander handeln, so lange ist Vertrauen eine unumgängliche Dimension unseres Handelns. Und: als Menschen sind wir angewiesen darauf, miteinander zu handeln.

Die Bedingungen der leiblichen Existenz

Ein einzelner Mensch, der völlig autark leben wollte, bräuchte auf erstem Blick kein Vertrauen zu anderen Menschen. In dieser Vorstellung spiegelt sich ein zentrales und sehr mächtiges Leitbild unserer Zeit. Aber, um überleben zu können, braucht jeder Mensch Artefakte, die ihm das Überleben ermöglichen. Ein Einzelner kann nicht alles vollständig neu erfinden. Hier zeigt sich eine fundamentale Abhängigkeit. Diese Abhängigkeit ist Ausdruck unserer leiblichen Existenz. Als leibliche Wesen sind wir bedürftige, verletzlich und so auch abhängige Wesen. Alle Fantasien, die von der Autarkie einzelner Menschen ausgehen, ignorieren diese Bedingungen der leiblichen Existenz.

Menschen als Mängelwesen

Wir Menschen sind Mängelwesen. Unsere dürftige biologische Ausstattung hat zur Folge, dass wir nicht überleben, wenn wir nicht die Unterstützung anderer Menschen, wenn wir eine Unterstützung durch Artefakte zur Verfügung haben. Zu den Artefakten gehört schon die Kleidung, aber auch Werkzeuge und die Fähigkeit, verlässlich Feuer zu machen. Also braucht jeder Mensch entweder direkte Hilfe durch andere Menschen oder aber indirekt durch die Hilfe von Artefakten, die wiederum auch durch andere Menschen entwickelt und bereitgestellt worden sind. Dies gilt ausdrücklich auch für einen fähigen, aktiven erwachsenen Menschen, der sich in vielem auch selbst helfen kann.

Der Mensch in seinen bedürftigen Lebensphasen

Tatsächlich ist unsere menschliche Situation aber noch viel prekärer. Wir kommen auf die Welt als vollständig Abhängige. Die Abhängigkeit in den ersten Lebensjahren kann prinzipiell nicht beseitigt werden. Ohne andere Menschen haben wir nicht einmal die Möglichkeit, den Beschluss zu fassen, unabhängig leben zu wollen. Kann man aber nicht die Fürsorge durch Technik ersetzen? Vielleicht ist das irgendwann möglich, aber dann verlagert sich die Fürsorge nur auf die Gestaltung der Technik, die die unmittelbare Fürsorge ersetzt. Andere Phasen des gesteigerten Angewiesenseins auf andere Menschen sind das Alter und die Krankheit. All das zeigt: Vertrauen ist ein Grundelement menschlicher Existenz.

Vertrauen ermöglicht Kultur

Das Bedeutung des Themas Vertrauen lässt sich nicht nur über die Betonung des Mangels und der Bedürftigkeit deutlich machen, sondern auch über die positive Fähigkeit zur menschlichen Kultur. Der Anthropologe Michael Tomasello hat zeigen können, dass die Fähigkeit zu gemeinsamem Handeln nicht nur der Kompensation von Mängeln geschuldet ist, sondern auch zu einer Explosion menschlicher Möglichkeiten und Fähigkeiten geführt hat. Tomasello nennt dies den Wagenheber Effekt, der die Spezies Mensch von allen anderen Spezies unterscheidet. Der Effekt beruht auf der Fähigkeit der geteilten Intentionalität.

Geteilte Intentionalität

Was heißt das? Tiere können sich auch in ihrem Verhalten auf ein gemeinsames Objekt beziehen. So warnen Vögel Artgenossen durch ihren Ruf, wenn ein Fressfeind sich nähert. Sie beziehen sich auf dasselbe Objekt, auf dasselbe Gegenüber. Beim Menschen aber kommt noch etwas hinzu, nämlich das Wissen darum, dass das Gegenüber die gleiche Intention hat. Dadurch wird die geteilte Intentionalität sehr viel variantenreicher. So ist es möglich, sich in gleicher Weise auf ein imaginäres Objekt zu beziehen. Es ist möglich, sich in gleicher Weise auf ein abwesendes Objekt zu beziehen. Menschen warnen nicht nur aktuell vor Fressfeinden, sondern können auch überlegen, wie sie das nächste Mal ein besseres Warnsystem aufbauen können.

Geteilte Intentionalität als Keimzelle der Kulturentwicklung

Tomasello sieht in der geteilten Intentionalität die Keimzelle menschlicher Kulturentwicklung. Und damit ist von Beginn an das Vertrauen gesetzt. Denn die geteilte Intentionalität könnte ja auch nur vorgetäuscht sein. Jeder Mensch ist sich bewusst, dass die, der andere eine Vorstellung von den eigenen Absichten hat.  So lassen sich die Absichten aber auch vortäuschen, zu den eigenen Gunsten und zum Nachteil der anderen. Jede kulturelle Entwicklung beruht also auch auf dem Vertrauen, dass andere Menschen ihre Intentionalität nicht nur vorspielen.

Vertrauen korreliert mit menschlicher Verbundenheit

In der negativen Wendung (die Bedürftigkeit und Abhängigkeit der Menschen) wie in der positiven Wendung (die Fähigkeit zu einer komplexen kulturellen Entwicklung) zeigt sich, wie elementar das Vertrauen für die menschliche Existenz ist. Sie ist ein Ausdruck unaufhebbarer menschlicher Verbundenheit. Zu der Frage menschlicher Verbundenheit gibt es hier mehr Informationen.

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(7) Ist der Himmel transzendent, nicht eher revolutionär?

In den bisherigen Beiträgen in diesem Blog wurde deutlich: Der Himmel ist in den biblischen Texten keine transzendente Größe, kein unbekanntes Jenseits. In ihnen schwingt immer auch jener Himmel mit, den wir sehen, wenn wir nach oben blicken. Auch dieser Himmel über uns erscheint aber immer sehr weit entfernt, insbesondere dann, wenn wir den Sternenhimmel in der Nacht betrachten.

Nahe herbeigekommen?

Anders lautete die Predigt des Jesu von Nazareth: Das Reich Gottes, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Damit werden die Verhältnisse auf der Erde in Frage gestellt. Jesus steht mit dieser Ansage in einer langen Tradition von Prophetinnen und Propheten.

Spannung von Anfang an

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. So beginnt der Text der Bibel. Von Anfang an also war in der Schöpfung eine Spannung. Nicht alles war gleich gemacht, es gab zunächst den fundamentalen Unterschied von Himmel und Erde. Im weiteren Verlauf der biblischen Erzählungen wird deutlich: Die Erde ist die Sphäre des Menschen, der Himmel ist die Sphäre Gottes.

Sind also nun beide schiedlich, friedlich getrennt? Nein, alle Erzählungen der Bibel haben es immer wieder mit der Interaktion von Himmel und Erde zu tun. Die Menschen wollen hinauf, Turmbau zu Babel, Gott begibt sich immer wieder herunter, Berg Sinai, in der Wolkensäule, der Feuersäule usw.  

Die Schöpfung ist in Unruhe

Das ungeklärte Verhältnis von Nähe und Distanz schafft Unruhe. Die Verhältnisse auf der Erde wirken manchmal starr und unveränderlich. Doch werden sie immer wieder in Bewegung versetzt. Biblisch gesagt: Die Erde bekommt es dann mit dem Himmel zu tun.

Durch das ständige Hin und Her entlädt sich die Spannung immer wieder neu und verändert die Verhältnisse auf der Erde. Auf keinen Fall also ist der Himmel der Bibel in dem Sinne transzendent, dass er mit der Erde nichts zu tun habe.

Himmlische Revolutionen

Ist der Himmel dann nicht eher revolutionär? Die Interaktionen von Himmel und Erde führen doch immer wieder zu tiefgreifenden Veränderungen auf der Erde. Das geschieht etwa durch die Aktionen der Propheten, jenen von Gott auserwählten Menschen, die Gottes Wort und Gottes Willen verkünden. Die Propheten sind nicht die, die die bestehenden Verhältnisse bestätigen. Vielmehr stellen sie sie in Frage. Ihre Aufgabe ist deshalb nicht gerade einfach und auch nicht besonders beliebt. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass Jeremia sich eher widerwillig reagiert, als er von Gott berufen wird.

Die irdischen Verhältnisse zum Tanzen bringen

Deshalb ist auch die Rede des Jesus von Nazareth revolutionär, weil sie das Kommen des Reiches Gottes, das Kommen des Himmelreiches ankündigt. Das Vaterunser greift diese revolutionären Impulse auf: „Dein Reich komme.“ Wenn Gottes Reich kommt, bleibt nicht alles beim Alten, sondern erneuert sich von Grund auf. „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Wiederum: Wenig von dem, was hier auf Erden geschieht, ist doch wohl so, wie Gott es will!? Wahrscheinlich ist die Rede von der Nähe des Himmelreiches revolutionärer als vieles, was in manchen politischen Programmen zum Ausdruck kommt.

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(6) Der Himmel und das Jenseits

In der christlichen Tradition gab es schon sehr früh eine Verbindung des Himmels mit Jenseitserwartungen, mit Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. In den ersten christlichen Gemeinden wird schnell der Himmel zu dem Ort, zu dem der auferstandene Christus aufgefahren ist. Es ist auch der Ort, der den Christinnen und Christen nach der künftigen Auferstehung eine neue Heimat bieten wird: „Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch, der zweite Mensch ist vom Himmel.“ (1 Kor 15,47) Die Vorstellungen über die zukünftige himmlische Existenz werden aber ebenso wenig ausgemalt wie die Existenz des auferstandenen Christus zur Rechten Gottes. Der Himmel hat hier die Funktion des Jenseits.

Der Himmel als Jenseits

Die Vorstellungen des Himmels als Ort des Jenseits, als der Ort, an dem die Toten bei Gott sind, hat sich in der christlichen Tradition immer mehr durchgesetzt. Himmel und Jenseits verschmolzen miteinander. Bernhard Lang und Colleen McDannell haben ein wichtiges umfassendes Buch über die Kulturgeschichte des Himmels in christlichen Vorstellungen geschrieben („Der Himmel. Eine Kulturgeschichte des ewigen Lebens, Frankfurt am Main 1996) Entscheidend ist die Botschaft: Wie auch immer die Existenz nach der Auferstehung sein wird, es wird eine himmlische Existenz in der ungehinderten Nähe Gottes sein, das ewige Leben knüpft an die Vorstellungen vom Himmel an.

Die Vorstellung vom Himmel als Jenseits ist aber eine Engführung gegenüber der Vielfalt der biblischen Vorstellungen. Denn dort überwiegen die Hinweise auf den Himmel als Teil dieser Schöpfung, als deren besonderer Teil, nicht als das etwas Jenseitiges.

Himmel als Nähe Gottes

In den bisherigen Blogbeiträgen war von dem diesseitigen Himmel die Rede, der auch schon eine Nähe und Präsenz Gottes zum Ausdruck bringt.

 Wie verhalten sich die Vorstellungen des Himmels als Jenseits mit den bisher in diesem Blog besprochenen Vorstellungen vom Himmel? In den bisherigen Überlegungen war der Himmel ein Ort der besonderen Nähe Gottes, aber er war ganz klar zugleich Teil der Schöpfung, in der wir jetzt schon leben. Er wies auf die schiere Größe des Universums und damit indirekt auf die Herrlichkeit des Schöpfers, aber er war nicht das unbekannte Jenseits.

Alter Himmel, neuer Himmel?

In der Apokalypse des Johannes zeigt sich, dass die Rede vom Himmel schon in den biblischen Texten nicht einheitlich ist. Am Ende allen Geschehens kommt es zu einer neuen Schöpfung, eines neuen Himmels und einer neuen Erde (Apk 21, 1.2). Bedeutet das aber, dass auch der Himmel veränderungsbedürftig ist, dass es vorher einen „alten“ Himmel gab? Hier ist eine Doppelbedeutung angelegt, die sich bis heute auswirkt.

Ein Kernanliegen dieser Blogbeiträge ist es, jene biblischen Vorstellungen vom Himmel wieder zu entdecken, die nicht gleich mit den Jenseitsvorstellungen überfrachtet werden. Vielleicht ist es ganz gut zwischen Himmel1 und Himmel2 zu unterscheiden.

Himmel1 als Ort der Nähe Gottes in dieser Schöpfung

Himmel1 ist Ort der Nähe Gottes. Er ist Teil der Schöpfung und sehr viele biblische Texte beziehen sich auf ihn. Er ist ein Ort der besonderen Nähe Gottes, er ist aber er steht nicht einfach für das Jenseits. Wenn der Turmbau zu Babel den Himmel zu erreichen versucht, wenn Jakob die Himmelsleiter im Traum sieht, wenn Jesaja im Tempel den Thron Gottes erahnt, der in den Himmel ragt, wenn Mose und Jesus auf hohe Berge steigen, um Gott nah zu sein, dann ist stets der Himmel1 gemeint, jener Himmel, der ganz fraglos Teil der Schöpfung ist als Gegenüber und in steter Spannung zur Erde.

Himmel2 als Jenseits

Wenn im Glaubensbekenntnis von dem Himmel die Rede ist, zu dem der Auferstandene aufsteigt, wenn der Himmel der Ort ist, an dem die Menschen nach ihrem Tode sind, dann ist vom Himmel2 die Rede. Der Himmel2 kann mit dem Jenseits identifiziert werden. Natürlich ist auch da eine Nähe Gottes, sogar auf besondere, auf endgültige Weise. Aber dieses Jenseits steht in keinem definierten Verhältnis zur Schöpfung, in der wir leben.

Beide Reden vom Himmel haben eine Bedeutung. Die Rede vom Himmel1 als Teil der Schöpfung aber hat die Fähigkeit, sogar an die naturwissenschaftliche Beschreibung des Universums anzuknüpfen. Das haben die bisherigen Beiträge gezeigt. Der Himmel2 dagegen will Aussagen über die Existenz nach dem Tode, nach der Auferstehung verorten.

Wäre es also nicht an der Zeit, einmal das wieder zu entdecken, was der Himmel1 meint? Er bezeugt: Die Nähe Gottes beginnt nicht im Jenseits!

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(2) Das Reich Gottes als „Hintergrund“ der Welt

Wie kann die Beziehung des Reiches Gottes zu unserer Welt beschrieben werden? Offensichtlich, das zeigt der vorangegangene Beitrag dieses Blogs ist weder eine Verinnerlichung noch eine Identifizierung mit politischen Programmen aus theologischer Sicht möglich.

Fehlerhafte Identifizierungen

Eine Verinnerlichung schützt in keiner Weise vor gravierenden Fehlern der Akteure, die die Zugehörigkeit zum Reich Gottes durch ihre innere Ausrichtung sicher glauben. Wenn das Reich Gottes als eigene innere Orientierung verstanden wird, das eigene Handeln aber nicht die Welt erkennbar verbessert, sondern ambivalent bleibt, dann kann dem christlichen Zeugnis des Reiches Gottes ein erheblicher Schaden zugefügt werden. Doch nicht nur einer Behauptung einer inneren Reich Gottes Haltung gegenüber sollte Distanz gewahrt werden, sondern auch gegenüber einem Versuch, das Reich Gottes mit einer expliziten politischen Programmatik zu identifizieren. Bislang hatten alle politischen Programme problematische Folgen und dunkle Stellen, die erst in späterer Zeit, in einem Blick zurück deutlich wurden. Auch wenn politischen Akteure überzeugt sind, nur für das Gute einzutreten, so ist aus theologischer Sicht die Skepsis wichtig, ob diese Selbstwahrnehmung auch dem historischen Urteil Stand hält. Insofern ist vor allen Identifizierungen des Reiches Gottes in menschlichen Verhältnissen und damit vor allen Versuchen der Selbstüberhöhung zu warnen.

Die bleibende Relevanz des Reiches Gottes für unsere Welt

Dennoch hat die Ankündigung des nahen Reiches Gottes eine große und bleibende politische Bedeutung. Es ist für die menschliche Politik höchst relevant, dass die Botschaft Jesu Christi auf die Bedeutung des Reiches Gottes für diese Welt wies. Die Beziehung zwischen dem Reich Gottes und unserer Welt ist also so, dass die Botschaft von dem Reich Gottes unsere Welt in Frage stellt und in Bewegung bringt, dass Akteurinnen und Akteure sich darauf ausrichten und die Welt zu verändern beginnen.

Eine angemessene Beschreibung der Beziehung zwischen dem Reich Gottes und unserer Welt hat damit zweierlei zugleich zu leisten: Einerseits muss sie die bleibende Differenz zwischen beiden betonen, um eine Vereinnahmung durch eine politische Bewegung zu unterbinden. Andererseits muss sie deutlich machen, dass das Reich Gottes für die Welt und ihre politische Entwicklung von größter Bedeutung und Relevanz ist.

Die Unterscheidung von Gestalt und Grund, von Vordergrund und Hintergrund

Ich möchte hier nun vorschlagen, diese Beziehung ähnlich der Unterscheidung von Gestalt und Grund oder von Vordergrund und Hintergrund zu beschreiben, so wie sie in der Phänomenologie herausgearbeitet wurde. Dabei gilt das folgende Grundverhältnis: Jede Gestalt, die wir erkennen, hebt sich vor einem Hintergrund ab. Die Differenz von Gestalt und Grund oder Gestalt und Hintergrund ist eine Voraussetzung, dass die Gestalt überhaupt als eine geschlossene Form sichtbar wird. Ein Mensch geht auf einer Straße. Ist es der Mensch, auf den wir aufmerksam werden, wird er zur Gestalt, auf die wir uns konzentrieren, so werden die Straße, die Häuser etc. automatisch zum Hintergrund. Ein Hintergrund ist in gewisser Weise unscharf, er wird nicht direkt thematisiert, solange er Hintergrund ist, aber er ist nicht ohne Wirkung auf die Gestalt. Sähen wir dieselbe Gestalt, den Menschen, auf einer blühenden Wiese gehen, so würde der veränderte Hintergrund sich das auch auf die Wahrnehmung der Gestalt des Menschen auswirken. Porträts von Menschen können sehr unterschiedlich wirken je nach dem Hintergrund, vor dem sie sich zeigen.

Der Wechsel von Hintergrund und Vordergrund

In unseren alltäglichen Erfahrungen können wir nun immer wieder den Hintergrund zum Vordergrund erheben. Das geschieht in dem Beispiel einfach dadurch, dass wir auf die Straße oder auf die Wiese aufmerksam werden. Dadurch versinkt die Gestalt, der gehende Mensch, in den Hintergrund. In unserer Welt gibt es keinen Hintergrund, auf den wir nicht aufmerksam werden können. Besonders deutlich wird das bei so genannten Vexierbildern. Hier können die Betrachtenden mit etwas Übung schnell von der einen auf die andere Weise umschalten, der Hintergrund wird zu Gestalt, die Gestalt zum Hintergrund. Je nach Einstellung ist eine Vase zu sehen oder zwei sich gegenüberstehende Gesichter:

Das Reich Gottes als bleibender Hintergrund

Der Vorschlag ist nun, das Reich Gottes als einen Hintergrund zu deuten, vor dem sich die Dinge und Geschehnisse unserer Welt abheben. Das Besondere dieses Hintergrundes ist allerdings, dass dieser Hintergrund nicht zum Vordergrund gemacht werden kann. Das Reich Gottes ist ein für uns Menschen nicht zugänglicher Hintergrund. So unterscheidet sich das Reich Gottes von Phänomenen unserer Welt. Wir können indirekt darauf aufmerksam werden, aber wir können uns nicht direkt darauf beziehen. Wir müssen in Metapher, in Gleichnissen, mit indirekten Verweisen reden, wenn wir uns auf das Reich Gottes beziehen wollen.

Die Ahnung des Reiches Gottes als höherer Realismus

Daraus lässt sich zweierlei ableiten: Einerseits können wir in dieser Interpretation nicht über das Reich Gottes verfügen, es kann nicht in eine wie auch immer geartete politische Programmatik eingebunden werden. Denn eine politische Programmatik bezieht sich auf das Gestalt- und Machbare. Es bleibt also die Gefahr der Identifizierungen gebannt.

Andererseits wirkt die „Nähe“ des Reiches Gottes schon heute, denn es lässt die Dinge der Welt in einem anderen Licht erscheinen. Es wird deutlich, dass in Handlungen der Mitmenschlichkeit, in der Liebe, in dem Engagement für mehr Gerechtigkeit, in dem Kampf um den Erhalt der lebendigen Natur ein höherer Realismus steckt.

Dieser Realismus ist bestimmt von der Ahnung der Nähe des Reiches Gottes. Das Reich Gottes ist schon jetzt wirksam und ihm gehört die Zukunft. Vor dem Hintergrund des Reiches Gottes haben dagegen die destruktiven und tödlichen Kräfte dieser Welt keine Zukunft. Die Todesmächte verschwinden nicht einfach, sie bleiben eine bittere Realität unserer Welt und eine Anfechtung für alle, die die Nähe des Reiches Gottes ahnen. Aber mit der Ahnung der Nähe des Reiches Gottes wissen sie, dass die Todesmächte nicht das letzte Wort behalten. Wer auch immer die Welt vor diesem Hintergrund sieht, sieht sie anders und handelt anders, mit einem höheren Realismus und einer aktiven Ausrichtung, wie Jesus von Nazareth sie gelehrt hat. Insofern gilt: Eine Politik mit Zukunft berücksichtigt die Nähe des Reiches Gottes.

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Weitere Informationen zum hier vertretenen theologischen Ansatz