Der kurzatmige Umgang mit einer langfristigen Herausforderung – Die Debatte um das Ende der Corona Krise

Seit Januar wird über das Virus SARS CoV 2 geredet und debattiert. Seit Anfang März ist die Diskussion der deutschen Öffentlichkeit als existentielles Problem bewusst. Das ist spät, wenn man bedenkt, dass schon Mitte Januar in China eine partielle Quarantäne ausgerufen wurde. Nun ist es Mitte April. Schon aber wächst der Chor jener Stimmen täglich, die in der einen oder anderen Weise den Ausstieg aus den Pandemie-Maßnahmen und den Rückkehr zur „Normalität“, zu „unserem gewohnten Leben“ fordern. Ich möchte mich hier auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen der Krise beschränken. Die Krankheit selbst kann sehr schreckliche Folgen haben und es muss alles getan werden, um sie zu bewältigen und zurückzudrängen. Doch geht das leider nicht so einfach und eine Eindämmung hat weitreichende gesellschaftliche Folgen. Darum soll es im Folgenden gehen.

Viele leiden existentiell unter der Krise

Fatal ist, dass in vielen Beiträgen der Eindruck entsteht, in absehbarer Zeit ließe sich ein Normalzustand wieder herstellen. Der Wunsch zur baldigen Veränderung der Situation ist offenkundig, wenn man an den immensen wirtschaftlichen Schaden denkt, der durch die Einschränkungen in der Corona-Krise entsteht. Vielen Akteuren gerade im Dienstleistungssektor und in der Kultur bricht in diesen Wochen die Existenzgrundlage weg. Die gesundheitspolitischen Ziele widersprechen hier eklatant den existentiellen wirtschaftlichen Bedürfnissen vieler Menschen. Die Abwägung zwischen beiden Zielen fällt auch darum nicht leicht, weil starke wirtschaftliche Einbußen ebenfalls gesundheitliche Folgekosten für viele der Betroffenen haben. Für diese Betroffenen bedeutet die Rückkehr zum Normalzustand die Sicherung der eigenen Existenz. Staatliche Hilfsprogramme sind sehr segensreich, sie können aber auf Dauer die selbständige wirtschaftliche Existenz nicht ersetzen. Dennoch werden weitere staatliche Hilfsprogramme notwendig werden, um die gröbste Not zu lindern.

Die Rede vom schnellen Aufbruch

Doch nicht nur aus Not sehnt man sich nach Normalität. Die Börsenkurse nehmen den zu erwartenden Aufschwung nach der Krise schon vorweg. Das Dogma ist, dass steigende Börsenkurse den Normalzustand der Wirtschaftswelt kennzeichnen. Auch seriöse Zeitungen und Magazine spekulieren heute, Mitte April, also vier Wochen nach dem Beginn schon wieder über die Gestalt des neuen Aufbruchs. Ist es realistisch, auf ein baldiges Ende der Krise zu setzen? Ist es ratsam, dass führende politische Stimmen nahe legen, man müsse auf Sicht fahren und damit implizieren, hinter der nächsten Kurve könnte es schon wieder bergauf gehen?

Wie realistisch ist eine schnelle Rückkehr zur Normalität?

Die Argumente für eine langfristige Krise sind schwerwiegend. Ein Video von Mai Thi Nguyen-Kim hat alle wichtigen Faktoren zusammen getragen, um eine Abschätzung vornehmen zu können, wie sich die Pandemie weiter entwickeln wird. (hier) Es ist zu Recht sehr gelobt und oft geteilt worden. Frau Nguyen-Kim zeigt, dass es aus epidemiologischer Perspektive keinen Grund gibt, auf ein baldiges Ende der Pandemie zu spekulieren. Gerade dann, wenn es gelingt, die Zahl der Neuinfektionen gering zu halten, so dass die Gesundheitssysteme nicht überfordert sind, wird die Pandemie auf absehbare Zeit zu einer dauerhaften Herausforderung und Begleiter unseres Alltags. Viele Forscherteams  suchen weltweit nach einem Impfstoff. Doch bevor man ihn massenhaft einsetzen kann, müssen sorgsame Tests durchgeführt werden. Und das braucht Zeit, optimistische Prognosen gehen von dem Frühjahr 2021 aus.

Aber kann man nicht wenigstens auf einen baldigen wirtschaftlichen Aufschwung hoffen? Tatsächlich aber sind die Störungen des weltweiten Wirtschaftssystems aber gravierend und lassen sich wohl nicht schnell beheben. Es ist noch nie vorgekommen, dass weltweit sowohl die Produktion als auch die Nachfrage nach Waren zur gleichen Zeit eingebrochen sind. Die größten Irritationen mögen die wohlhabenderen Staaten mit viel staatlichem Geld für eine gewisse Zeit kompensieren können. Aber auch sie können die Störungen nicht aufheben und mittelfristig werden sie ihrerseits erhebliche Auswirkungen haben. Ein längerfristiger wirtschaftlicher Aufschwung ist trotz aller staatlicher Förderprogramme erst dann zu erwarten, wenn die Pandemie durch einen Impfstoff beendet wird.

War vorher alles gut?

Das alles sollte die Rede von der Rückkehr zur Normalität leiser werden lassen. Die voreilige Rede von einem baldigen Ende der Krise hat aber vor allem eine gravierende langfristige Nebenwirkung: Je schneller wieder die vertrauten Zustände eintreten, desto geringer ist die Chance, einen Neuaufbruch zu wagen. Die bedingungslose Rückkehr zur den gewohnten Verhältnissen ist nur für die sinnvoll, die der Meinung sind, dass vor der Krise alles weitgehend gut war. Doch war alles vorher gut?

Schon jetzt, im April, deutet sich ein trockener Somme an. Der Klimawandel ist in den Hintergrund der Aufmerksamkeit geraten. Doch ist er dadurch nicht gestoppt. Nun ist die unmittelbare Folge der Corona Krise, dass der Luftverkehr stark zurückgegangen ist. Der Absatz von Automobilen ist ebenso eingebrochen. Bedeutet die Rückkehr zur Normalität auch wieder eine Vollauslastung der Flughäfen, eine Emporschnellen der Automobilproduktion? Dann wird die sich abzeichnende Wirtschaftskrise erst einmal nicht so schlimm, die Klimakrise mit ihren weitreichenden Folgen aber nimmt ihren Lauf.

Die zurückliegende Phase des Wachstums der Weltwirtschaft hatte sehr unterschiedliche Auswirkungen. Einige Länder, wie Deutschland, haben stark gewonnen, andere wie Italien sind stagniert, wiederum andere wie viele südamerikanische Länder haben Jahre mit wachsenden sozialen Spannungen hinter sich. Kann es das Ziel sein, wieder möglichst schnell zu dieser Entwicklung zurückzukehren? Noch immer sind die langfristigen Folgen der Finanzkrise 2008 in vielen Ländern zu spüren. (Erstaunlich ist auch das bleibende Unbehagen vieler organisierter Fangruppen gegenüber einem durchkapitalisierten Fußball, der riesige Summen umsetzt und eine überschaubare Zahl von Profiteuren kennt.)

War also wirklich vorher alles gut? Kann man folgern, dass die möglichst rasche Rückkehr in den status quo ante, in den Zustand vor der Krise, der beste Weg ist? Die Rhetorik der raschen Erholung klingt zunächst einmal gut. Wer möchte sich nicht möglichst rasch von einer Krankheit erholen! Doch was, wenn der Zustand vor der Krankheit nur der einer tiefer gehenden, langsamer sich entwickelnden Krankheit war? Was, wenn die schnelle Rückkehr vor allem jenen dient, die schon vorher überproportional profitiert haben, wenn sie aber für die meisten langfristige Belastungen bedeuten?

Die Chance, die gesellschaftlichen Zielsetzungen zu überdenken

Die Corona Krise wird wahrscheinlich schon aus epidemiologischen und aus wirtschaftspolitischen Gründen nicht so schnell vorbei sein. Sie wird wahrscheinlich noch mindestens in diesem Jahr andauern. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, uns neu zu orientieren und die Determinanten von Politik und Wirtschaft zu überdenken! Wir sollten kritisch Alternativen diskutieren, mit denen ein Neustart auch langfristig gelingen kann. Welche wirtschaftspolitischen, welche ökologischen Ziele sollen im Mittelpunkt stehen? Wir sollten die Chance zu einem gesellschaftlichen Diskurs nutzen, uns langfristig zu neu orientieren und nicht das Ziel einer kurzfristigen Erholung in den Zustand vor der Krise anstreben!

Europa braucht Solidarität! Die Corona-Krise als Europa-Krise?

Die Entwicklung der letzten Wochen drängt nur den Eindruck auf, dass sich Europa zum Zentrum der Krise entwickelt. Das stellt insbesondere die Länder der EU vor massive Herausforderungen. Es steht viel auf dem Spiel. Eine EU-weite Politik ist zurzeit kaum zu entdecken. Grenzen werden geschlossen, jedes Land agiert in der Krise, als ob es die EU nicht gäbe. Die Krise hat zwei Seiten, die Pandemie und die tiefgreifenden wirtschaftlichen Konsequenzen. Die EU kann die weitere Entwicklung der Krise nur bestehen, wenn erhebliche Kräfte der Solidarität frei gesetzt werden!

Europa als gegenwärtiges Zentrum der Pandemie

Zunächst einige Beobachtungen zu dem Verlauf der Pandemie: Alle Daten deuten auf einen deutlichen Wandel hin, die Krise um das SARS CoV 2 Virus begann in China und blieb die ersten zwei Monate fast ausschließlich dort. Die Zahl der Erkrankungen schnellte nach oben. China ergriff Ende Januar drakonische Maßnahmen. Mit 6 Wochen Verzögerung entspannte sich die Situation wieder. Wie die offiziellen Zahlen zu bewerten sind, ist aber offen. Während des Februars verteilte sich das Virus, Infektionen wurden in vielen Ländern der Welt gemeldet, Schwerpunkte waren Ende Februar Südkorea, Iran und Italien. Peu à peu wurden dann immer mehr Infektionen auch in anderen europäischen Ländern entdeckt, in Deutschland nach der Karnevalzeit vor allem im Rheinland. Seitdem wachsen die Zahlen in vielen europäischen Ländern rasant, gab es nach der Zählung der John-Hopkins-University am 1.März etwa 2000 Infizierte, so sind es jetzt schon über 150000 (Stand 22.3.).

Fast überall auf der Welt gibt es steigende Infektionszahlen, jedoch sind die Zahlen in den meisten Ländern mit Ausnahme der USA noch relativ klein. Wenn man einmal die USA auslässt, so erscheint Europa, genauer gesagt, Westeuropa zurzeit als Epizentrum der Pandemie. Das ist auch schon in einer Äußerung der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, so benannt worden. Wenn man die Vorgeschichte nicht kennt und sich allein heute einen Überblick über die Zahl der Infektionen mit dem SARS CoV 2 Virus verschaffte, könnte man auf die Idee kommen, die Quelle des Virus sei in Europa zu suchen. Die europäischen Länder sind in den kommenden Monaten in besonderer Weise herausgefordert, die weitere Ausbreitung der Krankheit zu bekämpfen.

Die Bekämpfung der Pandemie mit nationalen Mitteln

Innerhalb der EU findet eine Koordination der Bekämpfung der Pandemie von Brüssel aus so gut wie nicht statt. Dies ist auch nicht überraschend, weil Gesundheitspolitik und Seuchenbekämpfung offenkundig eine Sache der Mitgliedsländer ist. Das offenbart eine erhebliche Schwäche. Dadurch agiert jedes Land auf eigene Weise, oft, ohne sich selbst mit den Nachbarländern abzustimmen. Die Maßnahmen betreffen aber nicht nur die Regulierungen innerhalb der Mitgliedsländer. Es gibt in vielen Ländern nicht miteinander koordinierte Grenzschließungen. Die Koordination des Schengen-Raums aber gehört zu den zentralen Kompetenzen der EU, die sie jetzt nicht ausüben kann. Auch eine Solidarität zwischen den Mitgliedsländern funktioniert in dieser Phase der Krise kaum. Deutschland hat etwa im Vergleich zu anderen europäischen Ländern weit ausgebaute medizinische Kapazitäten. Von einer europaweiten Koordination der Hilfeleistungen, bei der etwa besonders stark betroffene Gebiete in Italien oder im Elsass Hilfen aus Deutschland bekämen, ist erst an dem letzten Wochenende (22.3.) zu lesen.

Die Wirtschaftskrise als mittelfristige Folge

Die aktuelle wirtschaftliche Krise ist engstens mit der Pandemie verflochten. Die Pandemie bewirkt eine zeitgleiche Krise der Produktion wie auch der Nachfrage. Kaum noch jemand würde gerne Konsumgüter kaufen angesichts der bedrückenden Entwicklung, es ist nicht die Zeit zum Geldausgeben. Die Produktion wiederum ist durch gestörte Lieferketten und Ausfälle von Mitarbeitenden unter Druck. Eine entscheidende ökonomische Frage ist, wie lange die Krise andauert. Wenn es nur wenige Wochen sind, sind die Produktionsbedingungen nicht nachhaltig gestört. Anders aber ist es, wenn die Einschränkungen durch die Pandemie länger andauern.

Die Mitgliedsstaaten der EU müssen als solidarische Gemeinschaft agieren

In der begleitenden Wirtschaftskrise ist die Solidarität der europäischen Länder mindestens ebenso gefordert wie im Bereich der Epidemie-Bekämpfung. Doch scheint auch hier jedes Land der EU die wirtschaftlichen Folgen auf eigene Weise bekämpfen zu wollen. Die Bundesregierung legt in dieser Woche ein umfangreiches Hilfsprogramm für die Wirtschaft auf. Keine Äußerung gibt es bislang zur europäischen Situation. Doch es ist nur zu deutlich, dass hier noch mehr als im medizinischen Raum sich die Frage der Solidarität stellen wird. In Italien und in Spanien wird der Tourismus mindestens noch im Sommer ausfallen. Italien war schon vor der Krise hochverschuldet und ist jetzt am stärksten betroffen, auch wirtschaftlich. Wie soll es dort weiter gehen? Eigentlich ist nur denkbar, dass eine gemeinsame Schuldengarantie ausgesprochen wird, ob sie nun Eurobonds heißen oder anders.

Europa steht also vor einer entscheidenden Zeit. Viele Programme haben in ruhigen Zeiten die Einheit und die gemeinsamen Werte Europas beschworen. Diese Werte müssen sich jetzt bewähren. Es muss in Deutschland deutlich werden, dass die Krise in Italien und in Spanien auch Teil der deutschen Krise ist, unabhängig von der besseren Ausgangslage Deutschlands. In der Krise dürfen nicht die „mentalen“ Grenzen hochgezogen werden, so dass man beginnt, allein nach nationalen Kategorien zu urteilen. Es ist deshalb dringend, dass eine gemeinsame europäische Stimme wieder vernehmbar wird. Das kann auch die Kommission nicht allein, auch nicht der Europäische Rat, es ist wichtig, dass in den kommenden Monaten die zivilgesellschaftlichen Kräfte die Bedeutung Europas hervorheben! Nur mit sichtbaren und nachhaltigen Zeichen der Solidarität kann für die EU eine langfristige Perspektive für die Zeit nach dieser tiefgreifenden Krise entstehen.

Wer trägt die Schuld? Eine Warnung in der Corona Krise

Die Verhältnisse ändern sich in dieser Zeit rasend. Wir lernen Tag für Tag unsere Welt neu kennen. Das, was vertraut schien, wirkt mit einem Mal fremd, das, was sicher schien, ist in Gefahr. Alle spüren, dass sich etwas Grundlegendes ändert, etwas, das langfristige Wirkungen für das eigene Leben, aber auch für das Zusammenleben haben kann. Das größte Problem unserer Zeit ist nicht die aktuelle Not, sondern, dass wir inmitten in dieser Krise um das Corona Virus nicht wissen, wie es in der Zukunft weiter geht. Die Verunsicherung ist grundlegend: Ist die Gegenwart eine Ausnahmesituation, die in wenigen Wochen beendet ist? Setzt hier eine Leidenszeit an, die uns das kommende Jahr oder auch darüber hinaus begleiten wird? Soeben (17. März) hat das Robert Koch Institut angedeutet, dass die Corona Krise sogar noch zwei Jahre dauern kann. Angesichts der dramatischen wirtschaftlichen Bedeutung verheißt das für die absehbare Zukunft nichts Gutes. (Eine theologische Einordnung der Situation von Andreas Losch findet sich hier)

Das Bedürfnis nach Klarheit

Die Unklarheit und die Ungewissheit werden uns noch einige Zeit begleiten. In dieser Zeit entsteht ein starkes Bedürfnis, die Dinge zu deuten und sie so in den Griff zu bekommen. Das, was man benennen kann, was man deuten kann, ist auch potentiell beherrschbar. Klare Ursachenzusammenhänge und klare Wirkungszusammenhänge schaffen Orientierung. Sie bieten die Grundlage für Vertrauen. Nicht zuletzt sind deshalb in Krisenzeiten jene Politikerinnen und Politiker beliebt, die klare Ansagen machen. Man kann beobachten, dass diese Aussagen von Tag zu Tag dramatischer werden: „Wir sind im Krieg“ (Macron), „Es geht um Leben und Tod (Laschet). Ob diese Tendenz hilfreich ist? Die Grenze zur unnötigen Dramatisierung ist schnell überschritten. Dennoch wirken diese Aussagen, sie brauchen nicht positiv sein, aber sie erscheinen in ihrer Eindeutigkeit als etwas, auf das man vertrauen kann. Dieser Reflex ist natürlich, kann aber politisch sehr heikel sein. Krisenzeiten sind auch solche, in denen politische Autorität auf unangemessene Weise Macht gewinnen kann.

Schuldzuschreibung als scheinbare Klärung

Eine weitere Strategie, Orientierung zu gewinnen, ist die Schuld-Frage zu stellen. Wenn nun eine solch große Krise über uns kommt, wer trägt die Schuld? Wenn man die Schuldige, den Schuldigen ausmachen kann, ist wiederum etwas mehr Klarheit gewonnen. Diese Strategie ist in der Vergangenheit immer und immer wieder auf desaströse Weise missbraucht worden. Schuld hat immer der Gegner, der Feind, der andere. Und so deutet es sich heute auch wieder an. Wir leben zwar im 21. Jahrhundert, die Reflexe sind aber auch heute genauso wie in früheren Zeiten. Die chinesische Regierung legt nahe, dass das Virus möglicherweise von einem US-amerikanischen Bürger in das Land gebracht worden sei. Der amerikanische Präsident redet von einem „ausländischen“ Virus. Die deutsche Regierung verbietet heute Flüge von China nach Deutschland, heute, wo mehr aktuell Infizierte in Europa leben als in China. In Italien wird breit darüber diskutiert, ob der wichtige Patient „0“, der das Virus nach Italien gebracht hat, aus Bayern stammt. Die polnische Regierung schottet sich gegenüber den Deutschen ebenso ab wie die deutsche Regierung gegenüber den Franzosen aus dem Elsass.

Man ahnt, wie die Diskussion weiter gehen kann. Wenn die Schäden steigen, wird der Reflex eher größer werden als kleiner. Das hat auf die Dauer eine desaströse Wirkung auf die internationalen Verbindungen. Vorwürfe, die hin und wieder erklingen, sind nicht entscheidend. Entscheidend ist die Bereitschaft, nach einem Schuldigen zu suchen. Nüchtern betrachtet wird man wohl von einer Verkettung unglücklicher Umstände, von einer multifaktoriellen Entwicklung reden müssen. Doch das will in Krisenzeiten kaum noch jemand wissen. Denn es hieße, sich mit dem eigenen Anteil an der Entwicklung auseinander zu setzen.

Ist die Krise ein Strafgericht Gottes?

Es gibt auch eine religiöse Variante der Schuldzuschreibung. Dann ist Gott der Verursacher, die Virus Krise ist dann so etwas wie eine Strafe für Fehlverhalten. Schuldig sind jene Menschen, die von dem rechten Weg abgekommen sind. Diese Interpretation ist ebenso problematisch, wie der Versuch, den Schuldigen bei fremden Mächten zu suchen. Doch darüber hinaus ist dieser Versuch, die Sünder zu identifizieren, die die Ursache der Krise sind, theologisch falsch. In der Rede von Gott spielt es eine entscheidende Rolle, wie man selbst auf die Sache schaut. Wer selbst betroffen ist und die Widerfahrnisse auf seine Beziehung zu Gott reflektiert, tut etwas, was jeder religiöse Mensch in der einen oder anderen Weise immer tut: Man steht vor Gott, kann sein Anliegen zum Ausdruck bringen, in Bitten, Klagen, im Dank. Aber dann hat man keinen Zugang zu einem Masterplan, man kann nicht die Perspektive Gottes einnehmen. Himmelweit davon entfernt aber ist es, scheinbar „objektiv“, „neutral“ auf das Geschehen zu blicken, in gewisser Weise Gott über die Schulter zu schauen. Das ist verbunden mit der Haltung, mindestens so viel zu wissen wie Gott. Diese Haltung steht uns Menschen aber in keiner Weise zu, weil wir allesamt endliche Wesen sind, die manches verstehen, vieles aber eben auch nicht. Wir sind mitten in den Geschehnissen, wir haben keinen Überblick. Es ist wie in der Politik: Wer sich anmaßt, den Überblick zu haben, überschreitet Grenzen. In religiösen Fragen ist die Überschreitung in gewisser Weise noch schlimmer: Wer in dieser Haltung auf die Geschehnisse der Welt blickt, spricht sich eine göttliche Weitsicht zu, kennt Gut und Böse und kann die Schuldigen genau ausmachen. Christlich ist eine solche Haltung nicht.

Resilienz durch Erfahrungen der Verbundenheit

Was bleibt? Wir müssen gerade auch in Krisenzeiten aushalten, dass wir nicht den Überblick haben. Kein Mensch kann vorhersehen, wie es weiter geht. Das gilt für die Verheißungspropheten ebenso wie für die Untergangspropheten. Das gilt besonders für diejenigen, die irgendwo die Schuldigen suchen. Mit Sicherheit gibt es viele Faktoren, die die Entwicklung befördert haben. Schuldzuweisungen versprechen nur eine vorläufige und nur eine scheinbare Sicherheit. Vielmehr kommt es darauf an, den Blick nach vorne zu richten: Wer kann was tun, um die Krise zu mildern. Christinnen und Christen können in Klage und Bitte und auch im Dank für die Dinge, die uns trotz allem geschenkt sind, reagieren. Sie maßen sich damit nicht an, Weltrichter zu spielen. Sie haben aber vielleicht die Fähigkeit, die schwierigen Situationen in dem Grundvertrauen zu durchstehen, dass sie auch in der Krise nicht allein sind. Die Verbundenheit zu Gott und damit auch die Verbundenheit zu den anderen Menschen bricht auch in einer Krise nicht ab. Sie ist gerade in der Krise einerseits eine Quelle der Beruhigung und der Bestätigung, sie ist andererseits auch immer eine Aufforderung, sich für das Menschenmögliche, für jene Verbesserungen einzusetzen, die unsere Welt auch in schweren Zeiten lebenswerter machen!

 

Jürgen Habermas stellt die Gretchenfrage – Anmerkungen zu seiner Geschichte der Philosophie

Jürgen Habermas hat vor wenigen Monaten mit über 90 Jahren ein sehr umfangreiches Werk in zwei Bänden  vorgelegt: „Auch eine Geschichte der Philosophie“, Berlin 2019. Habermas hat sich in seinen bisherigen Veröffentlichungen fast ausschließlich auf die philosophische Diskussion der Neuzeit bezogen, seine Beiträge suchten stets die aktuelle gesellschaftliche Debatte und hatten eine große Bedeutung in der philosophischen Selbstverständigung der Bundesrepublik Deutschland. Nun, in dem aktuellen Werk blickt der Philosoph weit zurück, lässt seine Geschichte der Philosophie in der so genannten Achsenzeit, einige hundert Jahre vor Christi Geburt beginnen und verfolgt die Entwicklung der Philosophie über die Spätantike, das Mittelalter, die Renaissance und Reformationszeit bis ins frühe 19. Jahrhundert. Im Grunde liegt dadurch eine Rechenschaft über den Gang der Philosophie des Okzidents über mehr als 2000 Jahre vor.

Die Rolle der Lebenswelt in der gegenwärtigen Philosophie

Es geht Habermas aber nicht um eine einfache chronologische Darstellung historischer philosophischer Ansätze. Er ist zu diesem umfangreichen Werk wiederum durch eine Frage motiviert, die sich aus der philosophischen Debatte der Gegenwart speist. Er teilt die gegenwärtigen Ansätze der Philosophie in zwei Richtungen, in eine solche, die bei dem vereinzelten erkennenden Subjekt ansetzt und im Großen und Ganzen einer (natur-)wissenschaftlichen, einer szientistischen Orientierung folgt und in eine solche, die bei intersubjektiv geteilten Symbol- und Regelsystemen ansetzt und die die Bedingungen von lebensweltlicher Vermittlung nicht außen vor lässt. (vgl. Bd.1, S. 10) Es ist unschwer zu erkennen, dass sich Habermas selbst der zweiten Richtung philosophischer Ansätze zuordnet.

Ich finde diese erneute Hinwendung zur Lebenswelt in dem Denken von Habermas überraschend und wichtig. Es hat eine Zeit gegeben, in der er sich nach der „Theorie des kommunikativen Handelns“, wo sie eine zentrale Rolle hatte, sehr weit von einem Bezug auf die Lebenswelt entfernt hat. Die Beschäftigung mit dem Recht („Faktizität und Geltung“) und die Verankerung seiner Diskurstheorie mit dem Universalisierungsgrundsatz U haben ihn davon distanziert. Das war aus meiner Sicht sehr bedauerlich, weil die Lebenswelt ja gerade jenes Reservoir bezeichnet, in dem Menschen in elementarer Verbundenheit miteinander existieren. Die Lebenswelt war im Frühwerk bei Habermas immer das Gegenüber und kritische Korrektiv zu seiner modernen systemisch organisierten Gesellschaft. Die Abwendung von der Lebenswelt hat insbesondere ein ihm nahe stehenden Kritiker, der Philosoph Albrecht Wellmer bemängelt. Es scheint mir ein deutliches Zeichen zu sein, dass Habermas sein spätes Werk nun gerade diesem befreundeten kritischen Begleiter widmet.

Die Wegscheide bei Hume und Kant

Die beiden  philosophischen Richtungen, die heute miteinander konkurrieren, führt Habermas auf zwei herausragende Philosophen des 18. Jahrhunderts zurück, auf Hume und Kant. Während Kant die reiche Tradition der Philosophie mit einem umfassenden Ansatz, der auch die praktische und ästhetische Vernunft umfasst, bewahren möchte, ist Hume auf die Dekonstruktion aller Deutungsansprüche aus, die über eine methodisch erschlossene Empirie hinaus gehen: „Die Alternative (scil. zwischen Kant und Hume, FV) ist klar: Entweder muss die erkennende subjektive Vernunft um ein Vermögen der praktischen Vernunft ergänzt werden (…) oder die normativen Gehalte der transzendierenden Begriffe des Gerechten, Guten und Schönen müssen (…) im buchstäblichen Sinne ‚dekonstruiert‘, also auseinandergenommen und ‚reduziert‘, das heißt via empirischer Erklärung auf beobachtbare Phänomene zurückgeführt werden.“ (Bd. 2, S. 207)

Habermas will mit Hilfe seiner weit ausholenden Geschichte des philosophischen Denkens prüfen, welche der konkurrierenden Richtungen durch sie gestützt wird. Er stellt die Geschichte der Philosophie als eine Genealogie dar, neuere Entwürfe entwickeln sich aus älteren, indem sie neue Erkenntnisse aufnehmen oder auf veränderte gesellschaftliche Konstellationen reagieren. Diese Genealogie interpretiert Habermas also als einen Lernprozess. Welche der beiden konkurrierenden Richtungen ergeben sich zwangloser als fortgesetzter Lernprozess aus der vorangegangenen Entwicklung? Der erste Band stellt die „Okzidentale Konstellation von Glauben und Wissen dar und endet mit den Ansätzen des Spätmittelalters und der Renaissance. Der zweite Band folgt der Diskussion von Glauben und Wissen seit der Reformation und der Neuzeit bis zu den Positionen der Junghegelianer im 19. Jahrhundert.

Die Gretchenfrage: Wie hältst Du es mit der Religion?

Das Spannende und auch Überraschende gerade auch aus der Perspektive christlicher Theologie ist nun, dass Habermas diese Geschichte der Philosophie Europas so erzählt, dass er sie als einen ständige Neubestimmung des Verhältnisses von Glauben und Wissen darstellt! Das ist in der durch und durch säkularen Diskussion der gegenwärtigen Philosophie überraschend. „Die Frage, was sich die Philosophie noch zutrauen kann und soll, entscheidet sich heute, ungeachtet ihres unverhohlen säkularen Charakters, in jenem transformierten Erbe religiöser Herkunft.“ (Bd. 1, S. 15) Diese These im Kern seiner Ausführungen ist erstaunlich. Man kann die Situation in zugespitzter Form so beschreiben: Der säkulare Philosoph Jürgen Habermas möchte sich in einer Auseinandersetzung mit konkurrierenden säkularen philosophischen Ansätzen seine Position dadurch argumentativ stärken, dass er auf die sehr lange Geschichte des Wechselspiels von Glaube und Wissen, von christlicher Theologie und griechischer Philosophie verweist. Was heute so ungewöhnlich wirkt, war nach dem Zweiten Weltkrieg noch Grundlage einer lebhaften Diskussion. Damals hatte es im deutschsprachigen Raum eine breite Debatte um das Verhältnis der Philosophie zur christlichen Tradition gegeben. Habermas erinnert an sie, um sich zugleich davon abzugrenzen. Weder will er der Nostalgie eines Carl Schmitt folgen, noch der Abgrenzung eines Hans Blumenbergs (vg. Bd. 1, S. 42; Bd. 1, S. 67).

Letztendlich doch Säkularisierung der Religion?

Klar ist, dass Habermas die Geschichte von Glauben und Wissen nicht als Dialog zweier gleichberechtigter Partner konzipiert. Letztlich obsiegt die Philosophie und es ist für den säkularen Philosophen Habermas klar, dass vor der Prüfinstanz der Philosophie nur rationale Gründe gelten können. Jedoch fasst er sie weiter als eine Einschränkung auf wissenschaftliche Methoden. Er bezieht sich insbesondere auf das Reservoir der Lebenswelt, um einen anspruchsvolleren Begriff von Vernunft ableiten zu können: „Was wir ‚Vernunft‘ nennen, ist nur die subjektive Spiegelung einer soziokulturellen Lebensform sprachlich vergesellschafteter Subjekte (…).“ (Bd. 1, S. 174). Mit dieser Vernunft müssen sich Gründe für normative Aussagen finden lassen.

Die theologischen Gehalte werden und müssen säkularisiert werden, da ist sich Habermas sicher. Aber die säkulare Position der Philosophie zehrt als solche von ihrer Loslösung von der Theologie. Er versucht „den Prozess der ‚Einwanderung‘ theologischer Gehalte ins profane Denken als einen philosophisch nachvollziehbaren Lernprozess darzustellen.“ (Bd. 2, S. 806) Auch am Ende der umfangreichen Arbeit über diesen Lernprozess ist dem Autor nicht deutlich, ob es noch nicht abgegoltene Gehalte religiöser Erfahrung gibt, die darauf harren, in die säkulare philosophische Sprache übertragen zu werden.

Der Entwurf kann und wird sicherlich noch lebhaft kritisch diskutiert werden. Hans Joas und Otfried Höffe haben das schon in ersten Rezensionen begonnen. Man kann und muss die Annahme von Habermas hinterfragen, die religiösen Gehalte ließen sich über einen Lernprozess einer säkularen Vernunft zuführen. Wichtig finde ich aber unabhängig von der konkreten Ausführung auf jeden Fall sein deutliches Plädoyer für die Ressourcen der Lebenswelt und für eine neue Beurteilung des viele Jahrhunderte währenden Dialogs zwischen Glauben und Wissen, der die okzidentale Geistesgeschichte geprägt hat! Man muss die Arbeit von Habermas auch als Hinweis lesen, dass in dem scheinbar Vergangenen und Veralteten der Diskussionen der letzten Jahrhunderte und Jahrtausende für die Gegenwart noch so manche Schätze zu bergen sind!

Diskurse in Zeiten des Gebrülls – Vom Schwinden des Vertrauens

Dieser Beitrag ist ein Impulsvortrag im Rahmen des theologischen Kolloquiums der Evangelischen Akademien in Deutschland im Januar 2020 in Berlin

Das Gebrüll kann überall entstehen

In den Tagen um Weihnachten ist in Deutschland Unerhörtes geschehen. Ein Skandal erschüttert die Republik. Ein kleiner Chor aus etwa 20 Kindern im Grundschulalter singt das bekannte Nonsenselied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ mit umgedichteten Textzeilen, unter anderem der Zeile: „Meine Oma ist ne alte Umweltsau!“ Die Kids sind sichtbar übermütig und beschwingt, das Lied macht ihnen Spaß. Doch die Republik steht Kopf: In den sozialen Medien schwappt die Wut über. Die Hashtags „#Umweltsau“ und „#Umweltsaugate“ explodieren. Innerhalb kurzer Zeit äußern sich der Ministerpräsident des Landes und weitere führende Politiker. Der Intendant der größten Sendeanstalt der ARD formuliert in einem hastig arrangierten Pressetermin ein öffentliches Meaculpa. Es gibt eine Sondersendung am folgenden Tag. Das gesellschaftsgefährdende Video wird sofort von allen Internetseiten des Senders gelöscht. Alles geht rasend schnell. Der betroffene Chorleiter erinnert sich: „Am Freitagabend war bei uns alles noch relativ ruhig und am Samstag entwickelte sich für uns das Thema in unerwartete Richtungen. Am Nachmittag war schließlich klar, dass das Thema bundesweit diskutiert werden würde.“ Am Samstag berichteten alle Zeitungen und Medien, von Skandal ist die Rede, von Entsetzen. Die Empörungswelle hielt für mehrere Tage an.

Diskurse in Zeiten des Gebrülls? Das Beispiel zeigt: Der Anlass für das Gebrüll kann sehr trivial sein. Ich bin gebeten worden, aus einer theologischen/philosophischen Perspektive auf das Thema zu schauen. Ich werde mich dem Thema so nähern, dass ich danach frage, was die beiden Begriffe repräsentieren: Wofür steht der Begriff „Diskurs“? Wofür wiederum steht der Begriff „Gebrüll“? Und welche Rolle spielt die Gesellschaft, in der das „Gebrüll“ bzw. der „Diskurs“ stattfinden?

Die Motivation, die beiden Begriffe einander gegenüber zu stellen, ist offenkundig. Wir erleben in unserer Zeit einen deutlichen Verfall der öffentlichen und semiöffentlichen Kommunikation. Neu ist der Einfluss digitaler Medien und dort insbesondere der so genannten sozialen Netzwerke, also jener von privaten Unternehmen betriebenen Plattformen, auf denen sehr viele Menschen tagtäglich kommunizieren. Diese Kommunikation steht immer in Gefahr, bei unterschiedlichen Meinungen nicht die Verständigung zu suchen, sondern die Polemik, den persönlichen Angriff, die Verunglimpfung bis hin zur Drohungen gegen Leib und Leben.

Keine monokausalen Erklärungen (die digitalen Medien sind Schuld)

Wichtig ist mir hier die Formulierung „steht in Gefahr“. Denn es gibt tatsächlich auch nach wie vor substantielle und auch fachlich anregende Diskussionen in den digitalen Medien. Eine simple Technikkritik greift zu kurz, insbesondere eine einfache Gegenüberstellung von der guten „face to face“ Kommunikation und der üblen Kommunikation mit digitalen Technologien. Die Technologien haben nicht über Nacht alles geändert. Man braucht nur an das Gebrüll im Faschismus zu denken, um zu sehen, dass schon sehr viel einfachere Technologien Gebrüll gesellschaftlich relevant sein lassen können.

Wenn das Gebrüll nicht erst durch digitale Medien entstanden ist, so ist auf der anderen Seite aber auch die Annahme falsch, dass sich nichts geändert hat, dass es Phänomene wie „hate speeches“ immer schon gegeben hat, dass die Eckkneipe nur durch das Facebook-Kommunikation ersetzt wird. Tatsächlich sind die digitalen Technologien für die aktuelle Entwicklung der Gesellschaft in hohem Maße relevant. Eine Kommunikation auf Facebook etwa ist in einem entscheidenden Sinne offener, von größerer, oft unvorhersehbarer Dynamik bestimmt als die Kommunikation im Kreis von Bekannten. Das Gebrüll kann durch die Technologien im Nu anschwellen. Dagegen ist die Eckkneipe doch eher mit geschlossenen Foren vergleichbar.

Interessierte Kreise können, das macht das Problem noch gewichtiger, die Dynamik des Gebrülls mit Hilfe der digitalen Technologien gezielt anfachen. So waren es offenkundig rechte Kreise, die das umgedichtete Oma Lied als Resonanzverstärker genutzt haben. Grundsätzlich gilt: Zugespitzte und eindeutige Meinungen werden durch die digitalen Medien schneller verstärkt als abwägende.

Das Gebrüll als Indikator für gesellschaftliche Risse – Vertrauen als immer knapper werdende Ressource

Mit guten Gründen kann man manches, von dem, was in den digitalen Medien stattfinden, „Gebrüll“ nennen. So wie jemand einen anderen Menschen in direkter Kommunikation von Angesicht zu Angesicht niederbrüllen kann, so bedienen sich nicht wenige Menschen der Kommunikationsoberfläche der digitalen Medien, um Menschen mit anderer Meinung ins Aus zu stellen.

Wofür steht das „Gebrüll“ aus theologischer bzw. philosophischer Perspektive? In dem Gebrüll zeigen sich ein offenes Desinteresse und ein fundamentales Misstrauen gegenüber der Gesellschaft und den Mitmenschen. Gelingende Kommunikation setzt zumindest ein basales Vertrauen voraus, die Erwartung, dass das Gegenüber etwas Wichtiges zu sagen hat und wiederum ein echtes Interesse an dem hat, was man selbst zu sagen hat. Doch genau diese Relevanzerwartung existiert bei dem nicht, der brüllt. Man rechnet nicht mit Verständigung und man sucht auch keine Verständigung.

Macht das Gebrüll in den digitalen Medien nur bestehende Risse in der Gesellschaft deutlicher oder erzeugen sie diese Risse selbst? Wahrscheinlich ist beides richtig. Unabhängig vom Henne-Ei-Problem gilt: Das Gebrüll ist auf jeden Fall ein Indikator für einen bestimmten gesellschaftlichen Zustand. Die Bindungskräfte in unserer Gesellschaft lassen nach. Das lässt sich leicht nachvollziehen, wenn man auf die Entwicklung der großen Institutionen, Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Vereine usw. schaut: Sie verlieren allesamt an Prägekraft. In einer Gesellschaft ohne hohe soziale Integration, ohne gemeinsame kommunikative Standards können leicht Kommunikationsverwerfungen entstehen. Gesellschaftliche Kommunikation über das eigene engere Milieu hinaus wird voraussetzungsreicher, sie kann schnell misslingen. Was kann mit der Zeile: „Meine Oma ist ne alte Umweltsau“ gemeint sein? Wenn auch absurd, Verdächtigungen lassen sich schnell konstruieren: Die Entmündigung von Menschen im fortgeschrittenen Alte, eine Instrumentalisierung von unschuldigen Kindern zur Durchsetzung bestimmter Gesellschaftsziele.

Eine vielleicht nicht unwichtige Randbemerkung: Das Gebrüll ist nicht nur von Verständigung, sondern auch von der Austragung gesellschaftlicher Interessenkonflikte zu unterscheiden. Bei letzteren haben die Protagonisten klare konfligierende Ziele und sie artikulieren diese. Es geht darum, die eigenen Ziele durchzusetzen, nicht darum, sich von anderen abzusetzen. Akteure in Interessenkonflikten suchen andere Ausdrucksformen, zumeist  und regelmäßig auch ganz klassisch die Demonstration auf der Straße. Das gilt etwa für die Gelbwesten, die Vertreterinnen und Vertreter von Fridays for Future. Wer brüllt, will nichts Bestimmtes durchsetzen, sondern sich hörbar machen und andere verunsichern. Gebrüll ist immer auch eine Form der Selbstversicherung.

Diskurse brauchen einen gesellschaftlichen Rahmen – Vertrauen durch institutionelle Garantien

Wofür steht wiederum der „Diskurs“ aus theologischer bzw. philosophischer Perspektive? Hier geht es um eine verständigungsorientierte, wenn auch niemals konfliktfreie Kommunikation. Die Relevanz der Kommunikation basiert auf einer grundlegenden Gemeinsamkeit zwischen Ego und Alter. Nun weiß man: Jede menschliche Kommunikation ist auch in guten Zeiten heikel, sie ist immer dem Risiko ausgesetzt, zu misslingen. Wer kommuniziert, riskiert etwas, insbesondere dann, wenn ein Konflikt zwischen den kommunizierenden Parteien deutlich wird. Auch im Diskurs ist man dem Risiko des Missverständnisses ausgesetzt. Ein Diskurs hat zur Absicherung vor kommunikativen Verwerfungen einen expliziten oder impliziten formalen Rahmen, er folgt vorgegebenen Regeln. Ein Argument von A darf von B kritisiert werden. A muss wiederum versuchen, das ursprüngliche Argument zu verteidigen. B muss wiederum in der Lage sein, die geäußerte Kritik zu begründen. Die gegenseitige Verpflichtung auf diese Regeln schafft ein institutionalisiertes Grundvertrauen. In besonders strittigen Diskussionen im Rahmen der Arbeit evangelischer Akademien gibt es immer auch Versuche, die Regeln aufzuweichen, zu umgehen. Es kann dann polemisch werden, unfaire rhetorische Mittel werden angewendet, ein Missverstehen vorgetäuscht, eine Zuspitzung oder Übertreibung genutzt. Doch ist auch diese Kommunikation in den Akademien eingebunden in ein institutionelles Setting, die den Vorrang des Arguments fordert und zumeist auch ermöglicht.

Das Ideal des rein verständigungsorientierten Diskurses im Habermasschen Sinne ist vor allem eines: Ein Ideal. Tatsächlich finden gesellschaftliche Diskurse immer unter Verzerrungen statt, bestimmt durch informationelle Asymmetrien, durch Machtgefälle, durch Ressourcendifferenzen. Kein Diskurs ist rein und ausschließlich verständigungsorientiert, immer spielen strategische Aspekte in den Kommunikationsakten eine Rolle. Nicht von ungefähr haben sich die evangelischen Akademien 2012 in dem Positionspapier „Diskurskultur“ auch eher auf den Diskursbegriff von Foucault bezogen. Das Entscheidende aber auch eines machtorientierten Diskurses ist dennoch vor allem eines: Die Fähigkeit, immer wieder an das Ideal zu appellieren und die Diskutanten auf ein gemeinsames Verständnis des Gesagten zu verpflichten.

Der Diskurs als verständigungsorientierte Kommunikation setzt eine Gemeinsamkeit voraus, die, frei nach dem Diktum von Ernst-Wolfgang Böckenförde, der Diskurs selbst nicht garantieren kann. Das ist die zentrale These, die ich hier vortragen möchte. Beide, Gebrüll wie Diskurs leben von gesellschaftlichen Voraussetzungen, die sie selbst im Wesentlichen nicht schaffen. Die Risse in der Gesellschaft werden durch Gebrüll verstärkt und durch gelingende Diskurse gekittet. Aber die Risse sind nicht einfach durch Gebrüll entstanden. Die Gesellschaft ist über die Kommunikationsformen hinaus durch eine Vielzahl von weiteren Faktoren bestimmt, neben kulturellen vor allem aber durch sozioökonomische Faktoren.

Hier sei ein kurzer Blick auf den Konsultationsprozess „Politik in Rheinland-Pfalz im Jahr 2030“ erlaubt, den Christoph Picker, Thorsten Latzel, der Beauftragte der Landeskirchen in Mainz Thomas Posern und ich durchführen und deren Ergebnisse im Sommer 2020 der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die bisherige Arbeit hat eine Dreiteilung zum Vorschein gebracht. Zur Beurteilung der Lage und der künftigen Entwicklung sind drei Faktoren wichtig: die Wirkungen der digitalen Medien ebenso wie Repräsentationsdefizite im politischen System und kulturelle und sozioökonomische Entwicklungen. In allen drei Bereichen zeigen sich Risse, die nicht aufeinander reduziert werden können.

Insofern sind beide, der Diskurs wie auch das Gebrüll, Indikatoren für einen weiteren und schon zuvor bestehenden gesellschaftlichen Zustand. Die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland ist wie die anderer westlicher Industrienationen in einem Wandel begriffen von recht hoch integrierten Nachkriegsgesellschaften hin zu Gesellschaften mit deutlich geringeren Bindekräften. Die Entwicklung der Wirtschaft hin zu dem, was man „Neoliberalismus“ nennt, liefert dazu einen wichtigen Anteil, aber auch die Entstehung einer Kultur der Singularitäten, wie sie Andreas Reckwitz beschreibt. Zurzeit sind die Gesellschaften in einem labilen Zustand, Risse nehmen zu und es ist nicht so leicht abzusehen, wann und wodurch die Kohäsionskräfte wieder wachsen.

Die Grenzen des Gebrülls und die langfristige Bedeutung von Diskursen

Das Gebrüll hat zugenommen. Welche Chance hat da der Diskurs? Besteht die Gefahr, dass das Gebrüll überhandnimmt, dass es die Diskurse verdrängt? Ja, die Gefahr besteht meiner Ansicht nach, weil es niemanden in der Gesellschaft gibt, der über die Mittel verfügt, entstandenes Gebrüll wieder abzustellen. Aber es gibt neben dem Katastrophenszenario auch die Möglichkeit, dass sich neue gesellschaftliche Möglichkeiten auftun. Diskurse haben eine eigene Kraft. Sie können vor allem langfristige Standards setzen anders als das Gebrüll. Eines ist offenkundig: Das Gebrüll kann niederreißen und zerstören, aber sicherlich nicht etwas dauerhaft neue gesellschaftliche Verhältnisse aufbauen. Auch die Gesellschaft der Zukunft wird deshalb in jedem Fall von Diskursen abhängig sein, insbesondere weil moderne Gesellschaften von hoher Komplexität bestimmt sind. In The Long Run also wird der Diskurs mit einiger Sicherheit obsiegen. Ein besonderes Augenmerk sollte dabei der Entwicklung der kleineren und überschaubareren politischen Einheiten, der Kommunen zukommen. Es ist wahrscheinlich, dass die Kommunen bei der Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse künftig eine herausragende Rolle spielen werden. Dies kann gerade auch mit Hilfe der digitalen Medien geschehen, die eine Vielzahl von Initiativen und Beteiligungsformen ermöglichen können. Hier kann man etwa ein effizientes kommunales Beschwerdeverfahren oder eine digital unterstützte Stadtteilarbeit denken. Hier können neue Formen der Verbundenheit entstehen, die auch in der Lage sind, Vertrauen zu generieren und Prozesse transparent zu gestalten. Dieses Vertrauen wiederum kann dann eine Ressource sein für die Gestaltung landes- und bundesweiter politischer und gesellschaftlicher Prozesse.

 

Ist menschliche Gewalt vermeidbar? Anmerkungen zu einer (un)menschlichen Eigenschaft

Ein Jahr der Erinnerungen

Mit 2018 verbinden sich Erinnerungen an gleich zwei große Kriege in der deutschen Geschichte: Einerseits ist dieses Jahr der 400. Jahrestag des Beginns des Dreißigjährigen Krieges und es ist zugleich der 100. Jahrestag des Ende des Ersten Weltkrieges. Beide Kriege sind durch eine vorher nicht genannten Ausbruch von Gewalt bestimmt: im Dreißigjährigen Krieg starb in vielen Regionen Deutschlands bis zu einem Drittel der Bevölkerung, der Erste Weltkrieg war in gewisser Weise der erste industrialisierte Krieg, in dem neue Waffensysteme und neue Kampfmittel eine bis dahin unvorstellbare Zahl von Toten zur Folge hatte. Seit dieser Zeit gab es den Zweiten Weltkrieg und es gab eine Vielzahl weiterer Kriege, die Kriege in Syrien, im Jemen und in Afghanistan sind nur stellvertretend für viele weitere Gewaltkonflikte unserer Zeit. Die Vereinten Nationen sind nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Ziel gegründet worden, den brüchigen Weltfrieden zu bewahren. Die Organisation hat viele verdienstvolle Einsätze in der ganzen Welt geleistet und doch ist die Welt auch im Jahr 2018 noch weit von einem Frieden entfernt.

Ist der Mensch ein Wolf, ist der Mensch ein Schaf?

Dies soll ein Anlass sein, einmal grundsätzlicher über menschliche Gewalt nachzudenken. Es soll hier um die Schattenseite des Menschlichen gehen. Sind wir Menschen von Natur aus gewalttätige Wesen, die nur mühsam über zivilisatorische Maßnahmen gezähmt werden können? Oder ist Gewalt ein vermeidbares Übel für den Menschen, so dass es darauf ankommt, diese Geißel des Menschlichen ein für alle Mal hinter sich zu lassen? Ist es möglicherweise so, dass wir immer damit rechnen müssen, dass Menschen zur Durchsetzung in einer Auseinandersetzung zur Gewalt greifen können? Oder ist der Mensch von Natur aus friedfertig, aber durch ungerechte Strukturen immer wieder zur Gewalt herausgefordert? Ist Gewalt etwas primär Männliches, dass sie die Folge von patriarchalischen Kulturen beschrieben werden kann? Oder ist die Gewalt vielmehr amorph, so dass sie, sobald sie in der einen Form eingedämmt ist, in einer anderen Form wieder auftritt? Für all diese Positionen lassen sich Argumente finden. Die einen betonen die immer wieder auflodernde Gewalt im zwischenmenschlichen Leben. Das muss nicht allein die Gewalt in der Auseinandersetzung von Staaten sein, es kann gerade auch die Gewalt zwischen einzelnen Menschen sein. Die anderen betonen die Entwicklung, die die Menschheit in den letzten Jahrhunderten durchlaufen hat. Zwar gibt es immer wieder Kriege, aber die relative Anzahl der Menschen, die in gewalttätigen Auseinandersetzungen verwickelt sind an der Gesamtzahl der Menschheit hat abgenommen.

Biblische Beobachtungen zum Thema Gewalt

Was gilt? Ich vermute, dass die beiden extremen Positionen – der Mensch ist unveränderbar von Natur aus gewalttätig oder: der Mensch ist von Natur aus friedliebend, jedoch waren die Verhältnisse bislang nicht so – eine eklatante Schwäche aufweisen. Die Schwäche ihrer Argumentation besteht darin, dass sie das Verhältnis des Menschen zur Gewalt in ein eindeutiges Verhältnis setzen wollen. Wahrscheinlich kann das ebenso wenig gelingen, wie der Versuch, endgültig bestimmen zu wollen, was oder wer der Mensch ist. Gewalt ist eine grundlegende Möglichkeit menschlichen Handelns und man muss auch immer mit ihr rechnen. Selbst in einer sehr friedlichen Gesellschaft hat zumindest der Staat das Gewaltmonopol. Weltanschauliche Urteile neigen aber in dieser Diskussion zur Eindeutigkeit: Der Mensch ist von Natur aus gewalttätig. Oder: Der Mensch ist von Natur aus gut. Wahrscheinlich ist er weder das eine noch das andere. Biblische Texte beschreiben den Menschen gerade in seinem Verhältnis zur Gewalt sehr realistisch. Sie propagieren nicht einen Idealmenschen, sondern befassen sich mit dem real existierenden Menschen. Die Menschheitsgeschichte beginnt hier mit einem Brudermord. Israel hat es in seiner Geschichte immer wieder mit Gewalt zu tun. In Jesus Christus erleidet der menschgewordene Gott einen grausamen und gewaltsamen Tod. Auch sind die Menschen der ersten Gemeinde immer wieder von Verfolgung und Gewalt bedroht.

Die Verheißung und das Gebot

Nun gibt es in den biblischen Traditionen zwei grundsätzliche Traditionen, in denen Aussagen zur Gewalt im Mittelpunkt stehen. Da ist auf der einen Seite die göttliche Verheißung. Am Ende der Geschichte wird Gott aller menschlichen Gewalt ein Ende setzen. Berühmt ist die Stelle bei Jesaja, wo alle Völker zum Zion pilgern und die Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet werden (Jesaja 2,4; auch Micha 4,3). Im Neuen Testament steht am Ende der Apokalypse das schöne Wort „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“ (Apk 21,4). Die christliche Tradition interpretiert die Geschichte der Menschheit als einen Weg auf diese Verheißung zu. Die Verheißung wird damit zu einer Zielmarke für alles menschliche Handeln. Handle stets so, dass die Folgen Deines Handelns das ferne Ziel der Gewaltlosigkeit ein Stück näher rücken. Doch erreichen können wir Menschen das Ziel nicht, es bleibt Gottes Handeln vorbehalten.

Viel karger und nüchterner steht dann da die zweite biblische Aussage zur Gewalt, die sich in dem fünften Gebot konzentriert: „Du sollst nicht töten.“ (Exodus 20,13). Dieses Gebot sagt ja implizit dreierlei: Zum ersten sagt es, dass es möglich ist, zu töten. Zum zweiten sagt es, dass es durchaus ein menschlicher Wunsch sein kann, zu töten. Denn sonst machte ein Gebot keinen Sinn. Doch es sagt zum dritten, dass das Töten von Menschen nicht sein darf.  Die Tötung eines Menschen durch einen Menschen ist sicherlich eine Zuspitzung von Gewalt. Deshalb kann sie paradigmatisch für die Gewalt von Menschen gegen Menschen stehen. Das Gebot besagt: Es ist immer mit der Möglichkeit zu rechnen. Deshalb sind alle aufgerufen, so gut als möglich sich davor zu bewahren.

Ist das Töten etwas Fernes? Ein Interview mit Joe Bausch

Nun mögen sich vielleicht viele zurücklehnen und beruhigt denken, dass das sie in ihrem Alltag nicht betrifft. Töten tun möglicherweise andere… Doch das ist ein wenig zu kurz gegriffen. Einerseits steht das Töten für eine Vielzahl von Gewaltformen. Eine zerstörerische Gewalt kann schon viel früher einsetzen als dann, wenn man einen Menschen zu ermorden versucht. Man nennt eine sehr böswillige Verleumdung nicht von ungefähr „Rufmord“. Und dazu gibt es heute angesichts der Möglichkeiten in den digitalen Netzen mehr denn je Möglichkeiten und Gelegenheiten. Es gilt also, ohne Unterlass wachsam zu sein. Dier Formen von Gewalt sind vielfältig und können immer wieder neue Formen annehmen. Und auch alte Formen von Gewalt, etwa die der Auseinandersetzung mit Waffen, können unversehens wieder an Kraft gewinnen. Schließlich ist es doch erstaunlich, dass in unserer scheinbar so friedsamen Gesellschaft ein eigentümliche Faszination von den fiktiven Morden ausgeht, wir sind Zuschauer ungezählter Morde in den täglich ausgestrahlten Fernsehkrimis. Was fasziniert uns so daran? Ich habe ein Akademiegespräch mit Joe Bausch zu dem Thema geführt. Joe Bausch ist einerseits Schauspieler und mimt den Gerichtsmediziner Dr. Roth in dem Kölner Tatort. Zum anderen ist er Arzt in einer Justizvollzugsanstalt und dadurch täglich mit solchen Menschen konfrontiert, die schwere Gewalttaten begangen haben. Über beide Facetten von Gewalt reden wir in dem Gespräch.

 

 

Über die Rolle von moralischen Werten in der Politik

In den letzten Jahren hat die Rede von moralischen Werten in der deutschen Politik dramatisch zugenommen. Wenn man den öffentlichen Verlautbarungen glaubt, geht es in der politischen Auseinandersetzung vor allem darum, welchen Werten man folgt. Oft hat die Rede von den Werten appellativen Charakter: Man müsse sich auf die gemeinsamen Werte besinnen, es gehe darum, den richtigen Werten zu folgen, im Ernstfall geht es darum, die gemeinsamen Werte zu verteidigen.

Die Politik als Mechanismus zur kollektiven Ausrichtung auf gemeinsame Werte? Für mich ist diese Beschreibung in keiner Weise überzeugend. Zunächst einmal vorab, damit keine Missverständnisse entstehen: Natürlich spielen Werte eine wichtige Rolle in politischen Handlungen. Das gilt aber nicht nur für die politischen Handlungen, sondern ebenso auch für alle anderen menschlichen Handlungsweisen. Auch wirtschaftliches, unternehmerisches, wissenschaftliches, kulturelles und religiöses Handeln sollte wertorientiert sein. Es ist eine Auszeichnung aller menschlichen Handlungen, dass sie Werten folgen können. Und es ist weiterhin eine Auszeichnung, dass wir diese Werte diskutieren, dass wir über Wertkonflikte reden und bestehende Wertorientierungen in Frage stellen können.

Politik ist der Ort der Aushandlung gesellschaftlicher Konflikte

Doch gilt das für alle menschlichen Handlungen, da hat die Politik keine Sonderstellung. Ich bezweifle aber, dass die Politik als ein herausragender Ort für wertorientiertes Handeln beschrieben werden kann. Politik ist in der Tradition doch viel überzeugender als ein Ort der Aushandlung von Interessenskonflikten beschrieben worden. Es geht in der Politik nicht darum, wer den besseren oder richtigen Werten folgt, sondern darum, auf wertorientierte Weise Konflikte zwischen unterschiedlichen Interessen zu bearbeiten. Das war nicht nur in der Vergangenheit richtig, sondern hat auch heute eine große Bedeutung. Eine moderne offene Gesellschaft ist zu kompliziert, als dass ein Mastermind eine für alle gleichermaßen gültige und zufrieden stellende Lösung finden könnte. Geschichtliche Entwicklungen sind kontingent, zufallsbestimmt und oft nicht „systemlogisch“.

Es gibt in einer offenen Gesellschaft unterschiedliche kollektive Erinnerungen, unterschiedliche ökonomische Interessen, es gibt technische Innovationen mit unübersehbaren sozialen Folgen. Wenn es also nicht die eine Position gibt, von der aus die Problemlösungen dirigiert werden können, bleibt es bei der pragmatischen Aushandlung von je und je entstehenden Konflikten. Die Interessensgruppen können sich in der Gesellschaft mehr oder weniger gut hörbar machen und ihre Interessen vertreten. Es gibt Gewinner und Verlierer. Nicht alle haben gleichen Zugang zu Ressourcen.

Die biblische Geschichte ist voller Konfliktdarstellungen

Zum Verständnis der aktuellen politischen Diskussion kann es auch hilfreich sein, einmal in die Bibel zu schauen. Die biblischen Darstellungen von Geschichte legen ein Verständnis von Geschichte nah, das von Konflikten und immer wieder neu entstehenden Verwerfungen geprägt ist. Die Geschichte ist hier eher eine turbulente Entwicklung mit immer wieder neuen Herausforderungen. Scheint einmal alles einigermaßen gut geordnet wie im Königreich David und Salomon (das aber auch durch nicht enden wollende Konflikte gekennzeichnet ist), entstehen alsbald neue Probleme und Verwerfungen. Immer wieder intervenieren Seher und Propheten, die situationsbezogen handeln. Eine dauerhafte Lösung von Konflikten zeichnet sich nicht ab. Das gilt für das Verhältnis der Menschen zueinander. Das gilt im Übrigen aber auch für ihr Verhältnis zu Gott. Wenn die christliche Botschaft davon redet, dass die Konflikte zwischen Mensch und Gott aufgehoben sind, dann lag das nicht an der richtigen Wertorientierung der Menschen…

Kann es einen Zustand weitgehender Konfliktlosigkeit geben?

Es gibt allerdings eine Tradition der politischen Theorie, die die Beschreibung von Politik durch Interessenkonflikte eher gering schätzt. Das ist die liberale Tradition. Sie legt nah, dass es ein harmonisches Miteinander der vielen Menschen in einer komplexen Gesellschaft geben kann, wenn nur die richtigen Randbedingungen gesetzt sind. Richtige Randbedingungen sind solche, die die freie Entfaltung von Individuen befördern. Dann stellt sich ein Zustand ein, der den größten Nutzen für alle erzeugt. Doch hat diese Tradition den Nachteil, dass sie auf keine historische Erfahrung verweisen kann, in der die Bedingungen erfüllt gewesen wären. Die Geschichte der Menschheit ist aus dieser Perspektive eine fortgesetzte Folge von Störungen und Abweichungen von dem idealen Zustand. Ist man aber nah dem idealen Zustand, dann kann man sich in der Politik auf die Werte konzentrieren und an die Individuen appellieren, sich entsprechend der gemeinsamen Werte zu verhalten.

Aber vielleicht sind die Störungen gar keine Abweichungen von einem an sich idealen Zustand, vielleicht sind die immer neuen geschichtlichen Konstellationen mit immer neuen Herausforderungen der Normalfall der menschlichen Existenz in der Geschichte! Dann ist es nicht so einfach, globale Rezepte zu dekretieren. Erst in den Mühen der Ebene, bei dem Aushandeln der vielen kleineren und größeren Konflikte, mag sich herausschälen, welche politische Entscheidung gerechtfertigt ist und welche nicht.

Die Rede von den Werten wirkt strukturkonservativ

Welche Funktionen hat die ausufernde Rede von den Werten in der Politik, die man in den letzten Jahren beobachten kann? Wer Werte immer wieder thematisiert, zeigt, dass es ihm an ihrer Aufrechterhaltung der Werte gelegen ist. Im Grunde ist die Rede, so wie sie bei uns geführt wird, aber nicht nur wertkonservativ, sie ist auch strukturkonservativ. Sie legt nah, dass politischen Rahmenbedingungen schon mehr oder minder gut eingerichtet ist. Es kommt nur darauf an, dass die Menschen auch den „richtigen“ Werten folgen.

In der öffentlichen Darstellung geht es den politisch Tätigen anscheinend vor allem darum, darauf zu achten, dass die gemeinsamen Werte eingehalten werden. Der Appell an die gemeinsamen Werte betont aber die Gemeinsamkeit und lässt gesellschaftliche Konflikte gering erscheinen. Der Rest von Politik besteht aus untergeordneten technischen Fragen, wie man das gemeinsam Bestätigte am besten erhalten kann. Diese öffentliche Darstellung kaschiert damit die Konflikte, die in jeder offenen Gesellschaft, besonders aber in einer modernen Gesellschaft bestehen. Wer Werte thematisiert, braucht nicht so sehr über Interessenskonflikte zu reden, es geht schließlich um das Gemeinsame.

Die politische Exekutive kann sich durch den Appell an die gemeinsamen Werte den Anstrich einer präsidialen Rolle geben. Dass die Exekutive in der Politik in „westlichen“ Gesellschaften eine problematische zentrale Machtstellung gewonnen hat, dass die Legislative, das Parlament, nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, hat etwa der Historiker Pierre Rosanvallon klar herausgearbeitet. Doch das Parlament ist der eigentliche Ort, um Konflikte öffentlichkeitswirksam zum Ausdruck zu bringen.

Die deutschen Konflikte werden zurzeit nach Europa exportiert

Für unser politisches Gemeinwesen wäre viel gewonnen, wenn es gelänge, Interessenskonflikte wieder deutlicher zur Geltung zu bringen. Denn das bildet besser ab, was in der Gesellschaft tatsächlich stattfindet: Eine unausgesetztes Ringen um Ressourcen und Interessenseinflüssen. Diese Interessenskonflikte gibt es innerhalb der nationalen Gesellschaften, aber auch im internationalen Kontext. Es scheint so, als habe die deutsche Gesellschaft die Konflikte externalisiert: in der aktuellen europäischen Situation profitiert Deutschland als stärkster Produktionsstandort von der gemeinsamen, eher schwachen Währung, während andere Länder in einer wirtschafts- und sozialpolitisch prekären Situation sind. Das ist dann eine gute Voraussetzung, die Werte in der politischen Rhetorik nach vorne zu kehren, an gemeinsame Werte zu appellieren, die Konflikte sind ja im eigenen Land gemildert.

Es ist aber äußerst wahrscheinlich, dass die Interessenkonflikte sehr bald wieder hervorbrechen werden: In der Europäischen Union gibt es eine Vielzahl tiefgreifender struktureller Konflikte, die bislang kaum in unser Bewusstsein gedrungen sind. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis sie offen thematisiert werden. Dann stehen Entscheidungen an und dann werden wir wohl auch in der deutschen Politik wieder stärker von Konflikten reden müssen.