Der Mensch als Egoist. Politische Analysen von Erik Flügge. Eine Rezension

Erik Flügge hat ein Buch veröffentlicht, das den kurzen und prägnanten Titel „Egoismus“ trägt. (Egoismus. Wie wir dem Zwang entkommen, anderen zu schaden, Dietz Verlag, Bonn 2020) Das Buch ist mit 111 Seiten von überschaubarer Länge, der Preis, den der Verlag angesetzt hat, ist aber auch nicht hoch, er beträgt 10 Euro.

Der Egoismus lässt sich nicht durch Moral einhegen

Der Egoismus hat nach Flügge in unserer Gesellschaft eine zwiespältige Rolle: Auf der einen Seite prägt er den Alltag und viele gesellschaftliche Strukturen, auf der anderen Seite aber wird er von den meisten als eine zu verurteilende Haltung abgelehnt. Flügge macht zu Beginn klar, dass er in dieser Ambivalenz ein Problem sieht. Er fragt pointiert: „Sind Sie ein Egoist? Ich hoffe doch. Alles andere wäre die blanke Unvernunft.“ (S. 13) Es ist hier und auch an vielen anderen Stellen des Buches eindeutig, was Flügge auf jeden Fall ablehnt, das ist eine Moralisierung des Problems. Im Text bezieht er sich immer wieder auf Moralisten, die für ihn  an der Oberfläche hängen bleiben, die nicht erkennen, wie fundamental der Egoismus für unsere Gesellschaft ist. Das zeigt sich auch bei politischen Wahlen: „Die moralische Rede vom Zusammenhalt erhält Applaus, weil sie eine Sehnsucht befriedigt, aber sie erhält keine Stimme,weil sie nicht mehr ist als eine hohle Phrase.“ (S. 20) Es steht seiner Ansicht nach außer Frage, dass man den verbreiteten Egoismus nicht mit moralischen Vorhaltungen einhegen kann. Immer wieder scheint durch, dass er eine solche Haltung verlogen findet, denn tatsächlich dominiert der Egoismus in vielen unserer Handlungen. Zwischen Egoismus und Zusammenhalt liegt die Freiheit

Ist der Egoismus nun ein Verhängnis? Nein, das ist er nicht, er ist für Flügge in gewisser Weise ein Pol eines Spektrums. Die Extreme des Spektrums sind problematisch:Der unbegrenzte Egoismus führt zu einer Ordnung der Unterdrückung. Der andere Pol ist bestimmt von absoluter Gleichheit und Gemeinschaft. Hier gilt zwar die Norm des Zusammenhalts, aber: „Egal wie sehr man behauptet, die Gemeinschaft sei offen für alle, so wird der Gedanke vom Zusammenhalt doch immer eine so starke innere Norm entfalten (…) eine Gesellschaft, in der Gleichheit zementiert wird und echte individuelle Freiheit stirbt.“ (S. 16) Beide, Egoismus und Zusammenhalt im Sinne der Anerkennung durch andere möchte Flügge gerne zusammen denken: „Nur zwischen diesen beiden Polen gibt es echte Freiheit für jedermann.“ (S. 15)

Die kluge Ordnung fördert beides, Egoismus und Zusammenhalt

Wie aber soll man mit der ständigen Gefahr eines Überhangs an Egoismus umgehen, wie soll man ihn eindämmen, so dass die Gesellschaft sich nicht in dieses eine Extrem entwickelt? Hierzu gibt Flügge die Losung aus, systemisch zu denken. Gesellschaften bestehen aus Regeln, wenn diese Regeln egoistisches Verhalten nicht eindämmen können, so muss man die Regeln ändern. Aber anders als es die von Flügge so zu Recht gescholtenen Moralisten tun. Es geht nicht darum, mehr Verbote zu erlassen oder das Handeln zu erschweren, vielmehr geht es darum, die Regeln auf kluge Weise so zu gestalten, dass sie den Egoismus nicht absolute Freiheit lassen, dass Zusammenhalt auch möglich ist: „Es geht also darum, systemisch gedacht, den Menschen in möglichst vielen organisierbaren Situationen zur Kooperation zu bringen (…).“ (S. 29)

Flügge unternimmt das Wagnis, in den folgenden kurzen Kapiteln des Teils „Die kluge Ordnung“ konkrete Vorschläge für Regeländerungen auf ganz unterschiedlichen politischen Feldern zu entwickeln. So macht er Vorschläge zur Finanzierung der Gewerkschaften, zu einer Linderung der kontinuierlichen Mietsteigerungen, zu einer gerechteren Bildung, zu mehr Ökologie und Verbraucherschutz. All diese Gedanken sind kurz ausgeführt und leuchten mehr oder weniger ein. Alle sind sicherlich innovativ gedacht, sie hangeln sich nicht entlang einer liberalen Doktrin der Freiheit des Einzelnen oder einer dogmatischen Doktrin der Umverteilung von Vermögen.

Institutionen müssen ihre Eigenart erkennen, um überleben zu können

In einem letzten Teil befasst sich Flügge mit großen gesellschaftlichen Institutionen, vor allem den Kirchen und den politischen Parteien. Der zentrale Satz zu den Kirchen lautet. „ Überall dort, wo Kirchengemeinden sich nicht um sich selbst, sondern um andere drehen, da sind sie stark.“ (S. 97) Flügge sieht die latente Gefahr der Selbstbeschäftigung der Kirchen. Die Gefahr ist in den kommenden Zeiten schwindender Mittel in der Tat manifest. Den Parteien empfiehlt er nicht luftige Visionen, sondern eine klare Gegnerschaft: „ Wer nicht weiß, wogegen man antritt, verliert auch alle Überzeugungskraft.“ (S: 107)Politik hat es in der Tat mit Konflikten zu tun. Auch hier zeigt Flügge, dass er aus guten Gründen einer Moralisierung von Politik wehren möchte.

Die Kritik: Auch der Egoismus setzt immer schon eine grundlegendere Verbundenheit von Menschen voraus.

In manchem  kann ich Flügge folgen, an entscheidenden Punkten aber möchte ich ihm widersprechen. Er ist offenkundig der Auffassung, dass die Gegenwart und auch die Zukunft von den gegenwärtigen gesellschaftlichen Systemen bestimmt sind, die Formen der Gemeinschaft und des Zusammenhalts veraltet sein lassen. „Unser System liefert keinen Gewinn aus Gemeinsinn mehr. Uns gingen Gott und Tradition verloren.“ (S. 22) So oder ähnlich formuliert er auch an anderen Stellen. Doch hier kommt mir die philosophische Analyse zu kurz. Flügge neigt dazu, den Status quo zu zementieren. Doch die gesellschaftliche Gegenwart, die wir erleben, ist in einer gesellschaftlichen und kulturellen Formation entstanden und sie wird sich weiter entwickeln. Das Gleiche gilt für das vorherrschende  Menschenbild. Der Mensch ist nicht einfach ein egoistisches Individuum. Natürlich gab es und gibt es immer egoistische Beweggründe. Man darf dies aber weder moralisieren, noch überhöhen. Bestimmte gesellschaftliche und kulturelle Strömungen der Gegenwart legen letzteres nah. Um aber ein vollständigeres Bild zu zeichnen, ist es meiner Ansicht nach unerlässlich, Zusammenhalt – ich würde ja den Begriff der sozialen Verbundenheit bevorzugen – auch analytisch genauer zu bestimmen. Er ist weit mehr als Anerkennung. Die Verbundenheit konstituiert den Menschen und gibt ihm die Grundlage, überhaupt erst einmal Individuum werden zu können: Aus der Verbundenheit heraus lernen wir sprechen. Aus der Verbundenheit heraus, eignen wir uns Werte an. Aus der Verbundenheit heraus, empfinden wir Treue zu manchen Menschen. Das sind keine veralteten Kategorien, schon gar nicht haben wir sie einfach verloren. Gerade die moderne Anthropologie (Michael Tomasello: „Mensch werden“) weist dies im Detail nach, hier ist es die geteilte Intentionalität. Theologisch: Gerade die Verbundenheit mit Gott bringt sich im Glauben zum Ausdruck. So sehr ich also in der Skepsis gegenüber kurzschlüssigen Moralisierungen übereinstimme, so sehr beschreibt Flügge eine ganze Dimension menschlicher Realität, die Verbundenheit, nur unzureichend. Mehr dazu: https://frank-vogelsang.de/soziale-verbundenheit/

Der Impfstoff, eine gute Nachricht für Europa und ein weltweites Problem

Noch in der vergangenen Woche habe ich in diesem Blog mit großer Skepsis darüber nachgedacht, warum wir eine mögliche Impfung herbeisehnen. Sie ist die „technische Lösung“ des Problems der Pandemie, das heißt, sie erfordert sehr geringe Veränderungen im gesellschaftlichen Abläufen und Strukturen und  in dem eigenen Verhalten. Skeptisch war ich, weil das Ersehnte nicht nur deshalb, weil es ersehnt wird, auch schon eintritt. Nun, wenige Tage später, scheint nun aber ein Impfstoff der Unternehmen Biontech/Pfizer zum Greifen nah zu sein! Das ist eine sehr gute Nachricht!

Technische Lösungen haben Nebenwirkungen

Allerdings haben auch technische Lösungen Nebenwirkungen.  Denn zugleich stellt sich ein gravierendes, ein riesiges Problem: Das Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Denn der Impfstoff muss für die ganze Welt in ausreichender Menge produziert werden. Es geht dabei nicht nur um die Verteilung an sich, die auf längere Sicht möglich sein wird. Es geht vor allem auch um den Zeitfaktor, denn die Pandemie wütet in vielen Ländern und alle ersehnen ein Ende. Das Problem wird auch nicht dadurch behoben, dass einige weitere Kandidaten für Impfstoffe sich in der Erprobungsphase III befinden. Denn auch mehrere Pharmaunternehmen werden Schwierigkeiten haben, die Produktion so großer Mengen von Impfstoff bereit zu stellen.  Die Verteilung wird also zwangsläufig dauern, möglicherweise viele Monate. Ein weiterer Faktor sind die Verteilungswege, es müssen Infrastrukturen aufgebaut werden, die die Impfungen fachgerecht durchführen können. Auch das ist eine große logistische Herausforderung, die die bestehenden Gesundheitssysteme vieler Länder nicht noch nebenher erledigen können. Auch hier haben jene Länder einen Vorteil, die über ein besser ausgestattetes Gesundheitssystem verfügen. Technische Lösungen setzen Infrastrukturen voraus. Wenn die nicht gegeben sind, ist auch eine technische Lösung gefährdet.

Das Problem der Zeit

Es also entstehen unausweichliche Verzögerungen: Die einen bekommen den Impfstoff schnell, die anderen müssen noch warten. Doch sind auch schon einige Monate in einer Pandemie eine sehr lange Zeit – in Deutschland ist sie erst seit etwa 8 Monaten! Man stelle sich vor, der Impfstoff sei von Beginn an verfügbar gewesen, aber erst nach 8 Monaten in Deutschland eingesetzt worden! Diese Differenz mehrerer Monate wären nicht nur für die Menschen deshalb schlecht, weil sie weiterhin in einem mehr oder minder starkem Lockdown mit dem ständigen Risiko der Ansteckung leben müssen, sondern weil sie zugleich Bilder aus Ländern sehen können, in denen schon geimpft wird und die die Befreiung von dem Virus feiern können!

Die gute Nachricht für Europa

Es wird weltweite Verteilungsschwierigkeiten geben. Dennoch ist es eine gute Nachricht, die gestern aus Brüssel kam. Die EU hat mit ihrer Verhandlungsmacht bei den Herstellern Biontech und Pfizer mindestens 300 Mio. Impfdosen vorbestellt. Dies ist eine gute Nachricht für die Menschen in Europa, es ist aber auch eine gute Nachricht für Europa! Das erste Mal seit dem Beginn der Pandemie zog nicht der nationale Reflex. Der war ja zu Beginn der Pandemie zu beobachten. Jede Regierung verfügte über eigene Maßnahmen.

Es wäre extrem schwierig geworden, hätten hier die Mitgliedsländer der EU eigenständig agiert. Das geschah im Verlauf der Corona Pandemie ja schon mehrfach. Erst ging es um Masken, dann um Reisefreiheit, dann um die Bettenkapazitäten in den Krankenhäusern. In all diesen Fragen stand nicht Europa im Vordergrund, sondern die jeweilige nationale Einheit. Das hätte nun wieder passieren können: Deutschland etwa hätte aufgrund seiner geringen Verschuldung einfach etwas mehr bieten können als andere Länder. Ein destruktiver Wettbewerb hätte stattfinden können, der der europäischen Idee großen Schaden zugefügt hätte. Das ist nun abgewendet. Und das ist eine gute Nachricht.

Das Problem im weltweiten Maßstab

Was aber geschieht im weltweiten Maßstab? Hier zeigt sich wiederum, wie gut es wäre, wenn die Vereinten Nationen und damit auch die Weltgesundheitsorganisation, die WHO, besser aufgestellt und mit mehr Befugnissen ausgestattet wäre! Leider findet darüber hierzulande in der Öffentlichkeit kaum eine Debatte statt. Auch die Kürzungen unter der Trump-Regierungen sind nur zur Kenntnis genommen worden. Wenn der Eindruck nicht täuscht, waren es nicht die Europäer, die in die Bresche gesprungen sind, sondern China. Um eine Stärkung der UN wird in the long run kein Weg vorbeiführen!

Die Impfung – Ist eine „technische“ Lösung der Corona Pandemie möglich?

Die Corona-Pandemie baut sich in Europa zu einer zweiten Welle auf. Im Sommer war angesichts der geringen Fallzahlen der Eindruck der Pandemie eher verblasst, man redete stets über sie, aber doch eher mit Blick auf andere Länder wie den USA, Brasilien, Indien. Die Bekämpfung der ersten Welle im Frühjahr war gelungen, die Wirtschaft zog wieder an, Kultureinrichtungen hatten Hygienekonzepte entwickelt, Restaurants und Hotels waren wieder offen, die Mobilität war fast auf einen Normalwert zurückgekehrt.

Eine Zeit der Entbehrungen

Für EpidemiologInnen nicht überraschend und doch für die Öffentlichkeit unerwartet schnell steigt nun die Fallzahl in den letzten drei Wochen wieder dramatisch an. Die Politik sieht sich zum Handeln gezwungen. Der Anstieg ist zu rasant, als dass er ignoriert werden könnte. So ist erneut ein „Lockdown“ verhängt worden, dieses Mal in einer leichteren Version.

Möglicherweise hilft die Maßnahme, diese zweite Welle zu brechen. Unter den Kommentaren mischen sich aber zu Recht zweifelnde Fragen, wie es denn auf lange Sicht weiter gehen soll. Folgt der zweiten Welle eine dritte, eine vierte? Folgt diesem „Lockdown“ dann weitere? Denn eines scheint offenkundig: Das Virus ist im Land und kann und kann und wird wohl immer wieder ausbrechen. Sobald man zu dem gewohnten Leben zurückkehrt, werden die Fallzahlen wieder steigen. Folgt nun eine Zeit mit einem Wechsel von „Lockdowns“ und Erleichterungen? Das ist schwer vorstellbar.

Die Impfung – Ziel aller Hoffnungen

Erträglich ist für viele die Situation nur, weil es eine explizite Hoffnung gibt, dass Anfang des kommenden Jahres ein Impfstoff  geben wird. Immer wieder wird von politischen Akteuren die Zeit Frühjahr 2021 ins Spiel gebracht. Das lässt die Herausforderung überschaubar erscheinen. Manche VirologInnen warnen aber vor zu großen Erwartungen und stellen eine Vielzahl von Fragen: Führt der Impfstoff zu einer bleibenden Immunität? In welchem Umfang und in welcher Zeit ist der Impfstoff verfügbar? Gibt es unerwünschte Nebenwirkungen?

All diese Fragen kann zurzeit niemand beantworten. Ich möchte an dieser Stelle nur eine Beobachtung einbringen, dass die Sehnsucht nach dem Impfstoff auch eine Besonderheit unserer Zeit der Moderne zum Ausdruck bringt: Wir bevorzugen bei ethischen und kulturellen Herausforderungen gerne „technische Lösungen“. Warum ist der Impfstoff eine technische Lösung des Problems, was kennzeichnet technische Lösungen? Sie erlauben die weitgehend ungestörte Fortsetzung der eigenen Lebensführung und produzieren relativ geringe Kosten. So können kulturelle und ethische Herausforderungen umgangen werden, eine neue kulturelle Deutung der eigenen Situation kann unterbleiben.

Die Parabel vom Sadhu

Man kann dies an einer Parabel deutlich machen, die in Kreisen der Unternehmensberatung oft eingesetzt wird, um ethische Dilemmata zu diskutieren, der Parabel vom Sadhu. Bowen Mc Coy hat sie aufgeschrieben. Worum geht es? Mehrere internationale Expeditionsgruppen wollen an einem Tag mit gutem Wetter einen unwegsamen Himalaya Pass überwinden. Nur an diesem Tag ist die Passage in der Saison noch möglich. Ein Abbruch hieße, lange Vorbereitungszeiten und Investitionen aufzugeben. Sehr früh brechen sie auf. Bald findet die erste Gruppe im Schnee einen nur mit Tüchern bekleideten Asketen, einen Sadhu, der nicht spricht, sich aber auch kaum bewegt. Muss man ihm helfen? Ist er absichtliche in der kalten Einöde? Soll eine der Gruppen den Aufstieg abbrechen? Können alle gemeinsam ein wenig zur Lösung beitragen? An dieser Situation lassen sich viele ethische Probleme erläutern. Am einfachsten für alle wäre aber eine (nicht ganz ernst gemeinte) technische Lösung: Wer solche ausgesetzten Himalaya Touren durchführen will, schließt vorab eine „Sadhu Versicherung“ ab. Mit dem Geld wird ein Hilfesystem bereitgestellt, wer einem Sadhu trifft, löst einen Alarmmechanismus aus und das Hilfesystem wird aktiviert. Alle können ihre, Weg weiter folgen, ethische und kulturelle Herausforderungen können umgangen werden.

Die oft begrenzte Reichweite technischer Lösungen

In unserer Zeit haben wir eine Vielzahl solcher technischer Lösungen installiert. Viele Versicherungen sind von dieser Art wie etwa die Pflegeversicherung. Sie ermöglichen einen möglichst ungestörten Lebenswandel bei möglichst geringen Kosten. Auf das Problem der Pandemie bezogen heißt das, die Impfung ist in der Tat die beste Lösung. Auch hier kann dann alles beim Alten bleiben. Die Frage ist aber, ob immer technische Lösungen zur Verfügung stehen. Nur in selteneren Fällen lassen sich ethische und kulturelle Herausforderungen durch technische Lösungen vollständig beantworten. Oft produzieren technische Lösungen auch neue ethische Probleme. Die Pflegeversicherung wird nicht die kulturelle Herausforderung beseitigen, das mit einer alternden Bevölkerung einhergeht. Möglicherweise gilt das auch für den Impfstoff in der Bearbeitung der Corona Pandemie. Er wird nicht verhindern, dass es viele Verlierer in der Pandemie geben wird, dass der soziale Zusammenhalt noch weiter geschwächt wird, dass gewohnte Lebensformen und kulturelle Errungenschaften nachhaltig irritiert werden. Wir werden mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht umhin kommen, auch eine Vielzahl kultureller und ethischer Ressourcen in unserer Gesellschaft zu mobilisieren, um die Herausforderungen der Pandemie zu genügen! Die Vorstellung, eine technische Lösung würde alle Probleme auflösen, greift zu kurz.

Sitzen wir nicht in demselben Boot? Anmerkungen am Tag der deutschen Einheit

Am 30. Jahrestag der deutschen Einheit wurden viele Reden gehalten, die eine Bilanz zogen: Was hat sich in den letzten 30 Jahren geändert? Die Antworten konzentrierten sich vor allem auf innerdeutsche Verhältnisse, die Angleichung von Ost und West, der Aufbau Ost, die Ab- und Zuwanderung der Bevölkerung usw. Diese Fokussierung liegt nah, weil im Hintergrund die zentrale Frage steht, wie die Entwicklung sich für die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, den Ossis und den Wessis, ausmacht.

Ein Boot im Meer des globalen Kapitalismus

Aus dem Blick gerät dabei aber, dass Deutschland keine Insel ist und im Jahr 2020 mehr denn je in internationale Verflechtungen von Wirtschaft und Kultur eingebunden ist. Es ist nicht einfach so, dass sich der Lebensstil der einen, der Wessis, sich gegenüber dem Lebensstil der anderen, den Ossis, durchgesetzt hat. Vielmehr hat sich beider Lebensbedingungen deutlich verändert. Beide sitzen im demselben Boot. Dies hat mit globalen gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun, die zumindest in allen westlichen Industrieländern parallel verläuft und die zurzeit gravierende Auswirkungen vor allem in den „Kernlanden des Kapitalismus“ zeigt, in England und in den USA.

Moderne und Spätmoderne

Soziologen unterscheiden gerne zwischen der Moderne und der Spätmoderne. Was kennzeichnet unsere Zeit, die Spätmoderne? Hegemonial, das heißt herrschend sind vor allem zwei zentrale Gedanken: Erstens ist der Mensch vor allem ein Individuum, das sich aus sich selbst entfaltet, das sich selbst verwirklicht. Alles, was seine Selbstverwirklichung befördert, ist gut, alles andere dagegen, was sie einschränkt, ist schlecht. Die Individualisierung konnte über lange Zeit als emanzipatorische Entwicklung beschrieben werden, die war Ausdruck der Freiheit, des ersten Wertes der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, „Brüderlichkeit“, also Solidarität) Zweitens wird die Gesellschaft auf die gegenwärtigen Verhältnisse, auf die Steuerungen von Systemen wie dem Markt reduziert. An die Vergangenheit kann man sich erinnern, aber sie spielt in der Gegenwart eine untergeordnete Rolle. Auch die Zukunft wird abgewertet. Starke Bilder von einer besseren Zukunft haben wir verloren. Zukunft ist eher die Fortschreibung der Gegenwart mit den Mitteln von Prognosen, die zudem meist negativ sind. Doch negative Prognosen sind in der Regel wenig hilfreich für die Förderung neuer kultureller Entwicklungen, die wir aber dringend brauchen. In der ökologischen Krise leben wir in einem scheinbar unbeirrbaren Double-Bind: Wir wollen das Klima retten und wir wollen unseren Wohlstand und unsere Lebensweise bewahren. Beides geht nicht.

Auf Kosten der Solidarität

Durch die Faktoren von Individualisierung und Gegenwartsfixierung geht vor allem der Sinn für soziale Verbundenheit verloren, einerseits von Verbundenheit der Menschen untereinander und andererseits von Verbundenheit durch die Zeit hindurch, in Richtung auf Vergangenheit aber auch in Richtung auf Zukunft. Nun ist aber jede Solidarität ein Ausdruck von sozialer Verbundenheit und eine politische Solidarität auch eine Ahnung einer besseren Zukunft. Jede Vorstellung einer besseren Zukunft lebt von der Hoffnung, dass man in und durch die Geschichte gesellschaftliche Verbesserungen erreichen kann. Es ist gerade der dritte Wert der Französischen Revolution, die Brüderlichkeit bzw. die Solidarität, der heute zu kurz kommt!

Was hat die Entwicklung zu der individualistischen Spätmoderne befördert? Zuerst ist der wirtschaftspolitische Wandel zum Neoliberalismus zu nennen. Maßgebliche Verfechter dieses Wandels waren in den 80er Jahren Ronald Reagan und Margret Thatcher. Doch sie allein hätten keine langfristigen Wirkungen gehabt, wenn nicht ihre Nachfolger im Amt der eingeschlagenen Richtung gefolgt wären, also Politiker des linksliberalen Spektrums wie Bill Clinton, Tony Blair und Gerhard Schröder. Die Globalisierung nahm in den 90er Jahren Fahrt auf, Finanzmärkte wurden geöffnet und alle Arten von Handelsbeschränkungen abgebaut.

Dieser Neoliberalismus erhebt normative Ansprüche an die Menschen. Der ideale Mitarbeiter von Konzernen ist ein gut ausgebildetes, vielsprachiges und flexibles Individuum, jederzeit bereit, auch ins Ausland zu gehen. Weiterhin sollte jeder Mensch mit seinem noch so kleinen Vermögen an Börsen handeln, ganz nach dem Vorbild großer Investmentgesellschaften, die in dieser Zeit entstanden. Die Leitideen des Neoliberalismus haben erhebliche gesellschaftliche Folgen. Große soziale Organisationen sind hier grundsätzlich verdächtig, sie verzerren im Zweifel die Märkte. Bekannt ist, wie Thatcher die Gewerkschaften in den 80er Jahren niedergerungen hat. Der Soziologe Robert Putnam hat im Jahr 2000 die US amerikanische Gesellschaft analysiert und dies in dem Buch „Bowling alone“ veröffentlicht. Seine Diagnose: Seit den 80er Jahren nehmen Intensität und Umfang von Vereinsleben in den USA massiv ab.

Gesellschaftliche Zerrüttung

Die Folgen spüren heute alle westlichen Demokratien. Wenn man auf die größeren Zusammenhänge schaut, zeigt sich, dass die gegenwärtige Entwicklung kein Zufall ist. England war im 19. Jahrhundert die führende Nation der Globalisierung, die USA waren es im 20.Jahrhundert. Beide Länder sind Standort der beiden größten Börsen der Welt, London und New York. In beiden Ländern hat die neoliberale Wende in den 80er Jahren begonnen. Und nun sind es gerade diese beiden Länder, die zurzeit eine derart nationale Orientierung suchen und eine starke gesellschaftliche Zerrüttung aufweisen! Über die Person Donald Trumps kann man viel sagen, Trump ist aber vor allem ein Symptom, ein Symptom für eine tiefgreifende gesellschaftliche Spaltung.

Das neoliberale Wirtschaftssystem kann auch meritokratisch genannt werden. Es herrscht die Ideologie der Leistung: Die, die etwas leisten, gelten etwas. Alle messen sich mit allen. Der amerikanische Philosoph Michael Sandel hat in diesen Tagen ein neues Buch veröffentlicht, in dem er dieser Gesellschaft vorwirft, die Orientierung an dem Gemeinwohl vergessen und gerade dadurch die Wahl von Trump befördert zu haben.

Die 68er und der Niedergang des real existierenden Sozialismus

Doch die neoliberale Wende in der Wirtschaft, so bedeutend sie ist, kann nicht allein die Macht des herrschenden Zeitgeistes in der Spätmoderne erklären. Andere, kulturelle und technische Faktoren kommen hinzu. So etwa der Authentizitätsgedanke der 68er Bewegung. Er verstärkt die Wertschätzung des sich selbst verwirklichenden Individuums. Die Haltung war in den 60er Jahren ein emanzipatorischer Fortschritt gegen die verknöcherten und autoritären Strukturen der Nachkriegszeit. Doch ist die Geschichte oft dialektisch: Das, was damals Emanzipation war, wurde dann im weiteren Verlauf zu einer Verstärkung neoliberaler Grundgedanken, des sich in selbständiger Produktion verwirklichenden Individuums. Die Soziologen Luc Boltanski und Richard Sennett haben den Zusammenhang eindrucksvoll dargestellt.

Last not least muss als Faktor auch der epochale Wandel genannt werden, der gerade zu dem Ausgangspunkt für die deutsche Einheit wurde: der Niedergang des real existierenden Sozialismus. Die Zukunft war in den 70er und 80er Jahren noch offen, es galt, sie zu erringen. Es gab eine Debatte um einen dritten Weg jenseits von Kommunismus und Kapitalismus. All diese Vorstellungen aber brachen in den 90er Jahren zusammen. Autoren wie Francis Fukuyama riefen damals das Ende der Geschichte aus. Die Zukunft wurde opak und unzugänglich, die Gegenwart der gesellschaftlichen Systeme dominierte.

Und die Corona Krise?

All diese Faktoren stützen den hegemonialen Diskurs in unserer Gesellschaft. Ändert an all dem die aktuelle Corona Krise etwas? Es mag tatsächlich sein, dass die Zeit des Neoliberalismus dem Ende zugeht. Ein Impresario der globalen Wirtschaft, Klaus Schwab, Direktor des World Economy Forums, hat jüngst in der „Zeit“ das Ende des Neoliberalismus ausgerufen. Doch ist das allein in keiner Weise die Lösung der bestehenden Probleme. Es ist doch deutlich, dass die Krise die gesellschaftlichen Gräben eher vertieft, dass  wiederum die Armen und Marginalisierten am meisten leiden werden. Ob die riesigen Summen, die die Zentralbanken in Umlauf bringen, die Regelsätze der sozialen Transferleistungen erhöhen oder doch nicht eher helfen, die Vermögen der Immobilien-und Aktienbesitzer abzusichern?

Der Weg zu einer großen Transformation

Der Text hier endet mit offenen Fragen. Er will eine Problemanzeige sein. Aber vielleicht muss man erst einmal die Fragen aushalten und sollte nicht vorschnell Antworten suchen. Technokratische Lösungen, die schnell in das eine oder andere Gesetz gegossen werden könnten, werden den Weg nicht weisen. Es geht um eine grundlegende kulturelle und auch gesellschaftspolitische Transformation. Es wird wohl wieder eine große Transformation sein müssen, wie Karl Polanyi sie im 19.Jahrhundert analysierte. Sie wird auf jeden Fall viel umfangreicher sein, als das, was innerdeutsch zwischen Ost und West in den letzten 30 Jahren stattgefunden hat.

Weil ich es mir verdient habe! Rezension des Buches „Vom Ende des Gemeinwohls“ von Michael Sandel

Der amerikanische Philosoph Michael Sandel hat in seinem neuen Buch „Vom Ende des Gemeinwohl. Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratie zerreißt“ (S.Fischer Verlag 2020) auf packende Weise den gegenwärtigen Zustand der amerikanischen Gesellschaft diagnostiziert als eine Gesellschaft, die den Leistungsgedanken in den Mittelpunkt stellt. Er gebraucht für den Zustand den Begriff der „Meritokratie“.

Die meritokratische Ideologie und ihre Folgen

Eine Meritokratie ist eine Gesellschaft, in der die Leistung des Einzelnen in den Mittelpunkt gestellt wird, in der sich der gesellschaftliche Rang allein nach der Leistung ermittelt (meritus – würdig, verdient).  In einer solchen Gesellschaft haben die viel, die viel leisten und umgekehrt, die wenig, die wenig leisten.  Hier mag man stutzen: Welche Gesellschaft ist schon allein nach Leistung strukturiert? Es ist doch offenkundig, dass es in jeder gegenwärtigen Gesellschaft Reiche gibt, die wenig leisten und Arme, die viel leisten. Das ist auch Sandel klar, er selbst bietet dafür immer wieder Hinweise. Ihm geht es aber um die Vorstellung und die Behauptung, man lebe in einer leistungsorientierten, in einer meritokratischen Gesellschaft. Diese Vorstellung, ja man kann sagen, diese Ideologie selbst hat aber gravierende gesellschaftliche Folgen. Sandel zeigt das anhand genauer Analysen der US-amerikanischen Gesellschaft.

Die Vorstellung, dass es allein auf die Leistung der Einzelnen ankomme, dass der gesellschaftliche Erfolg, dass Einkommen und Wohlstand sich nach der Leistung des Einzelnen auszurichten haben, führt nach Sandel, kurz gesagt, zur Zerrüttung des gesellschaftlichen Zusammenhalts, zu einer Auflösung des Gemeinwohl-Gedankens. In den USA ermöglichte die meritokratische Ideologie seiner Ansicht nach 2016 den Wahlerfolg von Donald Trump. Dies galt vor vier Jahren, ob es immer noch gilt? Dass das Buch jetzt erscheint, kurz vor der Wahl 2020, ist wohl kein Zufall.

Der Wandel zu einer „meritokratischen“ Gesellschaft

Sandel ist Hochschullehrer in Havard und so wurde er auf einen gravierenden Wandel in der Gesellschaft auch dadurch aufmerksam, dass seine Studierenden in den letzten Jahrzehnten immer mehr dazu neigten, die Auszeichnung, an einer Ivy League Universität wie Harvard studieren zu können, ihrer eigenen Leistungsfähigkeit zuzuschreiben. Tatsächlich, so zeigt der Autor, ist der Zugang zu den Spitzenuniversitäten aber mehr denn je von dem Vermögen der Eltern abhängig.

In der Betonung der eigenen Leistung zeigt sich der Mainstream der  amerikanischen Gesellschaft, die in den letzten 4 Jahrzehnten die Orientierung an Leistung in den Mittelpunkt ihres Selbstverständnisses gestellt hat. Die Studierenden interpretieren ihre Position in der Gesellschaft nur so, wie es der Zeitgeist nahe legt. Entstanden ist dieser Zeitgeist vor allem durch die neoliberale Wende von Ronald Reagan in den 80er Jahren. Aber erst die Fortsetzung der dort angelegten Grundgedanken durch die Spitzenvertreter der demokratischen Partei, durch Bill und Hilary Clinton und Barack Obama hat den Gedanken hegemonial werden lassen.

Hier zeigt sich ein zentrales Ziel der Argumentation von Sandel. Er hält der Elite der Demokratischen Partei den Spiegel vor und konfrontiert sie mit der Erkenntnis, dass sie selbst einen erheblichen Beitrag dazu geleistet haben, dass ein Präsident wie Trump möglich werden konnte. Es sei zu leicht, sich über Trump zu empören, ohne zu berücksichtigen, welchen Anteil man selbst an der gesellschaftlichen Situation hat, die Trump möglich machte.

Aspekte der meritokratischen Ideologie

Sandel untersucht im Detail viele Aspekte der meritokratischen Idee. Da ist etwa der Umgang mit gesellschaftlicher Ungleichheit. Aus meritokratischer Perspektive gibt es eine einfache Antwort: Gesellschaftliche Ungleichheit existiert, weil die einen mehr leisten, die anderen weniger. Nun mag man einwerfen, dass kaum jemand einer solchen plakativen Aussage zustimmt. Doch Sandel zeigt, dass es viele öffentliche Aussagen gerade auch von Repräsentantinnen und Repräsentanten der Demokratischen Partei gibt, die die meritokratische Einstellung durchscheinen lassen. Nur ein Beispiel: Hilary Clinton hat ihre Niederlage 2016 etwa dadurch zu interpretieren und zu relativieren versucht, dass sie von jenen Menschen gewählt worden sei, die 80 % des BIP der USA zu verantworten haben. Eine solche Aussage ist aus meritokratischer Sicht folgerichtig, aber aus demokratietheoretischer Sicht desaströs, denn sie hinterfragt das Prinzip der Demokratie, dass jede Stimme gleichviel zählt. Hier gilt eben nicht das Leistungsprinzip.

Besonders verheerend aber sind meritokratische Interpretationen der  Ungleichkeit für jene, die am Rande der Gesellschaft stehen. Sie werden durch die Zuschreibung in ihrer ohnehin schwierigen Lage zusätzlich gedemütigt. Zwar geht es in den seltensten Fällen direkt um sie, die meritokratischen Aussagen konzentrieren sich ja immer wieder um das Verhältnis von Leistung und Verdienst. Doch hat dieser Zusammenhang unweigerlich auch eine negative Wertung: Wer arm ist, ist es selbst schuld, denn wer hart arbeitet, kann auch etwas erreichen.

Zentral für die meritokratische Ideologie ist das Bildungssystem. Nicht von ungefähr beginnt Sandel seine Beobachtungen im universitären Alltag und er kommt immer wieder auf die Bildungschancen zurück. Bildung scheint doch der Ausweg aus der Falle der Ungleichheit zu sein. Sozialdemokratischen Verfechter einer meritokratischer Einstellung wie Clinton, Blair und Schröder haben deshalb auch immer wieder die Bedeutung von Bildung betont. Allerdings, so Sandel, sind die Zugänge zum Bildungssystem noch nicht einmal vorrangig von der Leistung der Einzelnen abhängig. Der soziale Status der Eltern hat einen erheblichen Einfluss. Zudem fördert die Konzentration auf die Bildung die Vorstellung von Konkurrenz auf dem Ausbildungsmarkt, der Kampf um begehrte Studienplätze wird immer härter.

Das gesellschaftliche System, das am leichtesten mit dem meritokratischen Grundgedanken verbunden werden kann, ist das Wirtschaftssystem. Am Markt setzen sich die Leistungsfähigen durch, so die herrschende Vorstellung. Doch was genau leisten jene Banker, die zu den Spitzengruppen der Verdiener gehören und die mit Finanzderivaten handeln, fragt Sandel. Wenn Arbeit nach Leistung bezahlt wird, was genau macht dann Leistung aus? Man braucht nur in Deutschland auf die Diskussion um die schlecht bezahlten Pflegeberufe zu blicken, um zu erkennen, wie sehr die Annahme einer leistungsbezogenen Bezahlung ideologisch ist.

Auswege

Was führt nun heraus aus diesem gesellschaftlichen Zustand, in den wir vor etwa 4 Jahrzehnten eingetreten sind? Sandel plädiert dafür die Arbeit in der Gesellschaf neu zu gewichten. Jede Arbeit muss in der Lage sein, ein Leben in Würde und Anerkennung in der Gesellschaft zu garantieren. Der Autor plädiert nicht für eine absolute Gleichheit, aber doch für ein Mindestmaß an Einkommen für alle. Hierin sieht er eine Quelle für sozialen Zusammenhalt und Solidarität. Die Einkommensarten müssen wieder anders gewichtet werden: Die Arbeit sollte geringer besteuert werden, die Finanzeinkünfte dagegen wesentlich stärker.

Soziale Verbundenheit statt Meritokratie

Die Stärke des Buches von Sandel liegt in der Aufdeckung einer heute verbreiteten Ideologie. Die Beschreibung der Meritokratie lässt sich mit den beiden zentralen Eigenschaften der gesellschaftlich herrschenden Vorstellungen in Beziehung setzen, die ich in „Soziale Verbundenheit“ beschrieben habe: Individualismus und Konzentration auf die gegenwärtigen Systeme, vor allem dem Markt. Die Meritokratie setzt das Individuum in den Mittelpunkt: Nicht Gruppen oder Gemeinschaften leisten etwas, es ist der Einzelne auf den es ankommt. Das Individuum soll sich frei entfalten und dann auch angemessen entlohnt werden. Doch wer so denkt, setzt alle Formen der sozialen Verbundenheit aufs Spiel. Das ungehemmte Leistungsdenken konzentriert alles auf das Individuum und vernachlässigt völlig all jene sozialen und kulturellen Ressourcen, von denen das Individuum lebt. Sandel geht auch auf die Bedeutung der Kultur ein: Von der Werbung bis zu Kochrezepten, überall spiegeln sich in der heutigen Gesellschaft meritokratische Formeln („Ich bin es mir selbst wert“). Es ist eine politische, eine wirtschaftliche, aber auch eine kulturelle Alternative vonnöten, um den meritokratischen Gedanken zu wehren. Das fängt auch bei einer Relativierung der Alleinstellung des Individuums an und der Suche nach neuen, zukunftsweisenden Formen sozialer Verbundenheit.