Der Mensch ist auch dann frei, wenn er es nicht merkt.

Die folgenden Thesen liegen einer Diskussion zugrunde, die zwischen mir und Helmut Fink von der Akademie für säkularen Humanismus am 3. Juli 2018 in Essen stattgefunden hat. Seine Thesen und weitere Informationen zur Veranstaltung finden sich unter diesem Link.

Der Mensch ist auch dann frei, wenn er es nicht merkt

Die Grundthese lautet: Freiheit ist keine Eigenschaft, die man messen könnte. Freiheit ist vielmehr eine Bedingung, die immer schon gegeben ist, aus der wir leben. Für Christinnen und Christen ist klar: Gott schenkt die Freiheit, aus der wir leben.

  1. Es geht im Folgenden um den Begriff der Freiheit, wie man ihn benutzt in dem Satz: „Ich bin frei.“ Oder „Der Mensch hat einen freien Willen.“
  2. Freiheit steht nicht für eine Eigenschaft, die sich allgemeingültig bestimmen ließe. Die Aussage: „Ich bin frei.“ unterscheidet sich deutlich von der Aussage: „Ich bin 1,85 Meter groß.“ Letzteres ist eine Eigenschaft, die ich bestimmen und messen kann. Das gilt für die Aussage „Ich bin frei“ in keiner Weise.
  3. In einem ersten Schritt kann man ausgrenzen, was Freiheit oder auch Unfreiheit nicht meinen kann. Es ist unsinnig, Freiheit als völlige Ungebundenheit zu beschreiben. Ein Mensch, der völlig ungebunden ist, handelt konsequent gedacht in jedem Moment unabhängig von seinen Entscheidungen davor. Menschliches Verhalten wäre nicht vorhersehbar, ein andauerndes Roulettespiel. Ebenso wenig ist es plausibel, zu behaupten, dass das Verhalten eines Menschen vollständig von äußeren Umständen determiniert ist. In dem Fall kann niemand für sein Fehlverhalten zur Rechenschaft gezogen werden. Jede Handlung ist durch die äußeren Bedingungen vorgegeben. Die Wahrheit liegt offenkundig zwischen den Extremen, was aber die Bestimmung der Freiheit nicht einfacher macht.
  4. Es gibt in der Philosophie und auch in der Theologie eine nicht enden wollende Debatte darüber, ob der Mensch frei sei oder nicht. Diese Debatten führen zu keinem klaren Ergebnis. Immer wieder gibt es solche, die sich für die Freiheit des Menschen aussprechen und solche, die dagegen argumentieren. Schon das zeigt, wie schwierig es ist, allgemeingültig zu bestimmen, was der Begriff der Freiheit genau bedeutet. Nun könnte man fordern, ungenau Begriffe wie den der Freiheit einfach wegzulassen. Doch das ist nicht möglich, weil der Begriff der Freiheit eine sehr große Bedeutung in unserer Kultur und in unserer Gesellschaft hat. Nur wer frei handelt, ist auch verantwortlich und kann zur Rechenschaft gezogen werden.
  5. In der Regel verbindet sich mit Freiheit eine Form der Selbstbeschreibung. Der allgemeine Satz: „Der Mensch ist frei.“ meint immer auch: „Ich bin frei.“ Es ist also keine Aussage über den objektiven Bestand der Welt, sondern eine Aussage über das eigene Selbstverständnis. Dieses Selbstverständnis ist in unserer Kultur auch jenseits der Rechenschaftspflicht von größter Bedeutung: Alle Rede von der Individualität des Menschen bezieht sich in der Regel auf das selbstbestimmte, autonome Individuum. Wer aber sich selbst bestimmen kann, muss frei sein.
  6. Was sichert die Freiheit eines Individuums? Man kann das Ich als Quelle der Freiheit anführen. Dann ist das Ich abgegrenzt von der Umwelt und selbstbestimmt. „Ich bin frei.“ meint dann, dass das Ich das eigene Handeln vollständig kontrolliert. Das klingt eindeutig, aber es ist die Frage, ob solch eine Aussage plausibel ist. Die Psychoanalyse hat mit guten Gründen festgestellt, dass die Annahme, der Mensch habe ein transparentes Ich, falsch ist. Es gibt das Unbewusste, das bewusste Entscheidungen oft auf irritierende Weise beeinflusst. Die moderne Hirnforschung hat für die unkontrollierbaren Einflüsse auf unsere Entscheidungen viele weitere Hinweise gefunden. Wie auch immer wir handeln, wir handeln nie vollständig selbsttransparent und selbstkontrolliert.
  7. Die christliche Rede von der Freiheit weist auf eine andere Quelle. Die rechnet die Freiheit nicht dem Ich zu, sondern Gott. Paulus schreibt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ (Gal 5,1) Die Quelle der Freiheit ist nicht das eigene Ich, sondern Gott. Gott befreit den Menschen, in dieser Befreiung ist der Mensch passiv. Dies entspricht dem nicht kontrollierbaren Bereich aus der These zuvor. Christinnen und Christen können nur bezeugen, dass sie das eigene Handeln in Christus als frei erleben. Freiheit meint hier, dass man nicht weltlichen Ansprüchen (Staatsgewalt, Ansprüche der Gesellschaft, Moden und Sitten, was „man“ so tut)untergeordnet ist. Das Ich lebt nach christlichem Verständnis aus einer anderen Quelle.
  8. Doch auch in dem theologischen Kontext wird der Begriff der Freiheit nicht eindeutig. Denn wäre Gott die alles bestimmende Quelle der Freiheit, wäre der glaubende Mensch unverrückbar frei. Doch der zitierte Satz von Paulus geht noch weiter: „So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.“ Gott ist die Quelle der Freiheit, der Mensch hat daran keinen Anteil und doch ist er aufgefordert, mit die geschenkte Freiheit zu bewahren.
  9. So lässt sich auch aus einer theologischen Perspektive die Vieldeutigkeit des Freiheitsbegriffs nicht auflösen. Auch das glaubende Ich ist in einer Hinsicht frei, in anderer aber nicht. Man muss immer fragen, in welchem Kontext der Begriff gemeint ist. Luther formuliert pointiert jene berühmte Doppelthese, die die Mehrdeutigkeit des Freiheitsbegriffs auf den Punkt bringt: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr und niemandem untertan.“ Und „Ein Christenmensch ist in dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“
  10. Freiheit ist im christlichen Sinne kein eigenes Vermögen, sondern ein Voraussetzung der Existenz, die man dankbar annehmen kann.

Bieten die Neurowissenschaften die Grundlage für ein neues Menschenbild?

„Das menschliche Gehirn ist das Maß aller Dinge.“ So oder ähnlich mögen viele gedacht haben, die in den letzten Jahren die öffentlichen Debatten verfolgt haben. Die Neurowissenschaften haben immer wieder überraschende Erkenntnisse über das menschliche Gehirn produziert.

Das Jahrzehnt der Gehirnforschung

Anfang des Jahrtausends haben führende Wissenschaftler die Dekade des Gehirns ausgerufen, ein Manifest der Hirnwissenschaft wurde in Deutschland 2004 intensiv diskutiert. Viele Disziplinen schienen sich in der Folge neu zu erfinden, indem sie ein „neuro-“ vor ihren Namen setzten: So entstanden Neuro-Psychologie, Neuro-Pädagogik, Neuro-Ökonomie usw. Wir wissen heute deutlich mehr über das menschliche Gehirn, aber auch über das menschliche Verhalten. Doch scheint es so, dass der anfängliche Hype etwas abgeklungen ist, von revolutionären Veränderungen der Neurowissenschaften redet heute keiner mehr.

Das Gehirn als Schlüssel zu allem?

Die Euphorie vor etwas mehr als einem Jahrzehnt war nicht zuletzt auch dadurch bestimmt, dass die Diskussion über das menschliche Gehirn  in hohem Maße ideologieanfällig ist. Dies gilt in geringem Maße für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die im Bereich der Neurowissenschaften forschen. Denn diese wissen ja genug um die Randbedingungen ihrer Messungen und um die Einschränkungen, die für die Messungen gelten. Die weltanschauliche Ausweitung wurde eher von wenigen wissenschaftlichen Akteuren und vielen Medien betrieben, die auf eine breite gesellschaftliche Resonanz stieß. Hier verdichtet sich die Vorstellung,  der Mensch sei vollständig verstanden, wenn man erst einmal sein Gehirn verstanden hat. Für alles, was ein Mensch bewusst erlebt oder tut, gibt es eine Repräsentation in seinem Gehirn. Bietet damit nicht das Gehirn den Schlüssel zu Verständnis des Menschen?

Das Eldorado der Neuropädagogik

So entstand der Eindruck, dass das, was bisher nur ungenau verstanden war, durch die Neurowissenschaften genau beschrieben werden konnte. Gerade in der Neuro-Pädagogik wurden viele Verheißungen ausgesprochen und von Lehrerenden ebenso wie von besorgten Eltern intensiv rezipiert. Manche Buchveröffentlichungen konnten ihren Absatz dramatisch steigern, indem sie neurowissenschaftliche Expertise für sich behaupteten. Es reichte dann auch für die Empfehlungen die kleine unspezifische Ergänzung „Die Neurowissenschaften haben herausgefunden, dass…“ Letztlich blieben aber die Empfehlungen zumeist in dem Spektrum der gute alten humanistischen Pädagogik. Es kamen nicht viele wirklich neue Erkenntnisse hinzu. Seitdem ist das Interesse für Neuro-Pädagogik auch wieder stark abgeflaut.

Ein mereologischer Fehlschluss

Will man die wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnisse von der ideologischen Überhöhung unterscheiden, kommt es auf die richtige Gewichtung an. Wir lernen durch die Neurowissenschaften viel über den Menschen, aber das heißt nicht, dass wir alles, was den Menschen ausmacht, durch das Gehirn verstehen können. Der Körper ist nicht nur einfach ein Appendix des Gehirns, das Gehirn ist nicht der Kern des Menschen. Eine genauere Betrachtung zeigt, dass das Gehirn ein in hohem Maße vernetztes Organ ist. Es zu isolieren, würde bedeuten, es auch seiner Funktionalität zu berauben. Ein zerebraler Zentrismus begeht einen argumentativen Fehler, mereologischer Fehler genannt, weil er einen Teil für das Ganze setzt. Dies haben der Philosoph Peter Hacker und der Neurowissenschaftler Maxwell Bennett klar herausgearbeitet.

Es gibt gute Argumente dafür, dass nur ein in einem Körper situiertes Gehirn sehen kann, dass nur ein Mensch und nicht ein Gehirn denken kann. Bei den Gefühlen ist das ganz offenkundig. Das Gehirn ist eher ein System, das nicht nur mit vielen anderen Organen in einem Körper vernetzt ist. Darüber hinaus ist es auch mit anderen Gehirnen vernetzt – über die Sprache, die Menschen miteinander teilen.

Eine differenzierte neurowissenschaftliche und kulturelle Betrachtung

Führende Neurowissenschaftler weisen den Weg: Nicht die Konzentration auf das Gehirn allein wird zukünftig wichtig sein, sondern ein besseres Verständnis des Gehirns als ein Teil im Organismus Mensch und als ein Teil im komplexen kulturellen Kontext. Ich habe ein Akademiegespräch mit Prof. Dr. Christian Elger geführt. Elger zeigt zum Beispiel auf, dass ein und derselbe Belohnungsmechanismus im Gehirn in unterschiedlichen kulturellen Umgebungen sehr unterschiedliche Folgen haben kann.

Das Gehirn determiniert nicht das menschliche Verhalten, aber es hat einen großen Einfluss auf das menschliche Verhalten. Hier werden auch künftig die Neurowissenschaften eine wichtige Rolle spielen. Nur in seltenen Fällen kann das menschliche Verhalten eindeutig auf Prozesse im Gehirn zurückgeführt werden, wenn etwa durch einen Tumor oder eine äußere Verletzung sozial deviantes Verhalten eintritt. Auch die Demenz oder Formen der Epilepsie gehören zu jenen Bereichen, in denen die Neurowissenschaften täglich dazu lernen.

Das Gehirn in der Regel in hohem Maße plastisch und kann oft Störungen selbst kompensieren. Komplexes menschliches Verhalten lässt sich nicht einfach auf Gehirnprozesse reduzieren. Damit bieten die Neurowissenschaften keine Grundlage für ein neues Menschenbild, aber sie bieten die Grundlage für ein genaueres und differenzierteres Menschenbild!

 

 

Pränataldiagnostik – die schleichende Revolution?

In der öffentlichen Diskussion von bioethischen Themen gibt es eine Konzentration auf spektakuläre Themen. Wenn die Forschung einen Durchbruch in gentechnischen Methoden erringt, findet das über die Fachkreise hinaus große Aufmerksamkeit. Das ist auch gut so. So fand vor kurzem die Methode „CRISPR Cas“ einige Aufmerksamkeit, mit der präzise Veränderungen am Genom vorgenommen werden können. Neue Methoden ermöglichen in der Regel neue Handlungsoptionen. Im Falle von „CRISPR Cas“ stellt sich die Frage, ob man nicht auch in das menschliche Genom eingreifen sollte, etwa wenn bei einem Embryo eine monogenetische Erkrankung festgestellt wird. Der Eingriff in die Keimbahn ist bislang ein Tabu und in Deutschland per Gesetz verboten. Doch welche Richtung wird die Entwicklung nehmen, wenn erbliche Erkrankungen verhindert werden können? Wenn man aber diesem begrenzten Eingriff zustimmt, stellt sich schnell die weitergehende Frage, welche Krankheiten zu einem solchen Eingriff berechtigen. Und schon befindet man sich mitten in einer gravierenden bioethischen Debatte.

Spektakuläre Durchbrüche und schleichende Entwicklungen

Diese Diskussionen werden auch mit einiger Aufmerksamkeit öffentlich geführt. Anders ist es dagegen, wenn  die Veränderungen nicht mit spektakulären wissenschaftlichen Durchbrüchen verbunden sind. Dennoch können auch konventionellere neue Technologien weitreichende gesellschaftliche Folgen haben. Das ist im Bereich der Pränataldiagnostik der Fall. Worum geht es hier? Vorgeburtliche Untersuchungen gehören zu dem Umfang einer jeden medizinischen Betreuung einer Schwangerschaft. Es geht dann zum Beispiel um die Frage, ob in der Schwangerschaft Komplikationen zu erwarten sind. Etwas anderes ist es aber, wenn der Fötus daraufhin untersucht wird, ob das Kind schon vor der Geburt erkennbare Anzeichen für eine Erkrankung hat. In früherer Zeit ist eine solche Untersuchung eher im Ausnahmefall gemacht worden, weil die Amniozentese oder die Chorionzottenbiopsie mit einem Eingriff, einer Gewebeentnahme verbunden war.

Der neu entwickelten genetischen Bluttest

Doch hier haben neuere Technologien den Eingriff wesentlich erleichtert. Zuletzt sind Untersuchungen des Blutes der Mutter etabliert worden, die es ermöglichen, auch das Genmaterial des Kindes zu untersuchen, von dem es geringe Spuren in dem Blut der Mutter gibt. Die fortschreitende Entwicklung dieser Tests bringt es mit sich, dass die genetische Untersuchung ihrerseits wesentlich genauer und auch preiswerter geworden sind. Beide Faktoren zusammen geben die Möglichkeit, dass nun sehr viel mehr schwangere Frauen untersucht werden, die zuvor in keine Risikogruppe gefallen wären. Es ist im Gespräch, dass diese Untersuchungen eine kassenärztliche Leistung werden.

Gesellschaftliche Implikationen

Die Untersuchungen sind je und je Einzelfälle, in denen sich die Betroffenen individuell entscheiden müssen. Doch kann diese Entwicklung weitreichende und gravierende Auswirkungen auf die Gesellschaft haben.  Wie reagieren die werdenden Eltern bzw. die schwangeren Frauen auf die Nachricht, dass eine genetische Erkrankung bei dem Kind diagnostiziert wurde? Die Zahlen, die zur Verfügung stehen, zeigen, dass die weit überwiegende Mehrheit (bei manchen Merkalen bis zu 9/10) dann einen Abbruch vornehmen lassen. Das heißt aber, dass die weite Verfügbarkeit der Tests, ihre geringen Kosten und ihre immer besser werdende Prognosefähigkeit in der Tendenz dazu führen, dass Kinder mit bestimmten genetischen Dispositionen kaum noch geboren werden.

Über den Einzelfall kann man nur schwer ein Urteil fällen, weil es sich je und je um Gewissensnöte handelt und eine sehr schwierige Entscheidung. Doch die gesellschaftlichen Folgen von sehr zahlreichen gleichlautenden Entscheidungen für den Abbruch sind, dass die Vielfalt abnimmt. Damit wächst aber auch der gesellschaftliche Druck auf die Minderheit, die sich trotz Diagnose für das Kind entscheidet. Es entsteht in diesem Automatismus einer gesellschaftlichen Ausgrenzung von Menschen mit genetischen Erkrankungen.

Inklusive Gesellschaft?

Die Kirchen haben in den letzten Jahren den Gedanken der Inklusion mit Nachdruck befördert. Wer eine inklusive Gesellschaft will, muss insbesondere jene stärken, die von einer gesellschaftlichen Norm abweichen. Da geht es bei weitem nicht nur um die Pränataldiagnostik, sondern es geht um die Versorgung von Kindern, um die Unterstützung von Eltern, um die Ermöglichung von Bildungswegen, es geht um die Gestaltung eines möglichst eigenständigen Lebens von Menschen mit Behinderung. Hier liegen die gesellschaftlichen Herausforderungen. Wenn das gelingt, kann eine Gesellschaft inklusiver werden, das heißt, auch offener gegenüber Abweichungen. Dann ist es vielleicht auch möglich, dass sich mehr werdende Eltern für ein Kind mit genetischen Krankheiten entscheiden. Das Ziel der Inklusion ist nicht nur ein hehres Ziel von Gutmeinenden. In einer Gesellschaft, die Abweichungen von der Norm nicht toleriert, wird eine harte Gesellschaft. Die Gestaltungs- und Eingriffsmöglichkeiten werden in der Zukunft mit Sicherheit zunehmen. Welche Abweichungen nehmen wir dann noch hin und was halten wir dann nicht mehr für tolerierbar? Von dieser Entwicklung wird abhängen, in welche Richtung wir das gesellschaftliche Miteinander gestalten – als inklusive Gesellschaft oder als Gesellschaft vorgegebener Gesundheitsnormen!

Hier finden Sie ein Akademiegespräch zwischen Frau Prof. Graumann, Mitglied im Deutschen Ethikrat und Präses Manfred Rekowski zu dem Thema.

Wo steht die evangelische Kirche heute?

Wir leben in Zeiten starker Veränderungen in allen Bereichen, in der Gesellschaft, in der Politik, in der Kultur. In diese Veränderungen sind die christlichen Kirchen unmittelbar eingebunden. Es wird viel über die Kirchenfinanzen geredet, aber diese sind noch vergleichsweise stabil. Es gibt aber einen langfristigen und unübersehbaren Mitgliederschwund. Vor allem aber: Die kulturelle Prägekraft schwindet kontinuierlich, die gesellschaftlichen Kommunikationsformen ändern sich nicht zuletzt auch durch die digitalen Medien tiefgreifend, die Kirchen haben daran nur sehr begrenzt Anteil. Das aktuelle Akademiegespräch habe ich mit PD Dr. Christina aus der Au geführt, die im vergangenen Jahr des Reformationsjubiläums Präsidentin des Evangelischen Kirchentages in Berlin und unmittelbar an der Gestaltung des Jubiläumsjahres beteiligt war. Das Jubiläum gibt Anlass, zurückzublicken und vorauszublicken. Auf diese Weise lässt sich der aktuelle Standort der evangelischen Kirchen genauer umschreiben.

 Vergleich von 1517 und 2017

Es ist gar nicht so weit hergeholt, das Jahr 1517 mit der heutigen Situation zu vergleichen. Beide Zeiten sind geprägt durch gravierende Veränderungen der Medien, der Kommunikationsformen in der Gesellschaft. Damals kamen die Flugblätter auf, eine Innovation des damals noch nicht alten Buchdrucks. Flugblätter, die in großer Zahl gedruckt wurden, mobilisierten mit einer zugespitzten Polemik, oft auch verbunden mit verzerrenden Bildern und bösartigen Karrikaturen. Heute gibt es in analoger Weise neue Medien, digitale soziale Netze, die Vorurteile und Hate Speech rasend schnell verbreiten. Damals wie heute ist die Verunsicherung durch die gesellschaftlichen Umbrüche groß.

Doch es gibt für die evangelische Kirche gravierende Unterschiede: Damals  waren die sich gerade erst bildenden evangelischen Kirchen sehr eng mit der medial-technischen Avantgarde  verknüpft. Luther war der meistporträtierte Mensch seiner Zeit. An den Flugblättern der evangelischen Autoren haben die Drucker gut verdient. Heute dagegen haben viele kirchliche Akteure eine erhebliche Distanz zu dem Umbruch durch die neuen digitalen Medien. Wenn man allein auf die Mächtigkeit anonymer Algorithmen schaut oder auf den Datenmissbrauch, so ist diese Skepsis berechtigt, lässt aber die gemeinschaftsstiftende Potentiale des Digitalen außer Acht.

Das Reformationsjubiläum als Gradmesser für den Stand heute

Ein weiterer Unterschied: Zu Beginn des 16. Jahrhunderts waren die religiösen Umbrüche und damit auch die evangelischen Akteure im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Heute bedarf es für die Kirche vieler Agenturen und Sonderanstrengungen, um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu gewinnen.

So kann das Reformationsjubiläum auch als Gradmesser für den Situation der evangelischen Kirchen heute gelesen werden. Die gute Nachricht ist, dass sich die ökumenischen Kontakte, vor allem die Verbindung zur katholischen Kirche, deutlich verbessert haben. Zugleich fällt es aber den evangelischen Kirchen immer schwerer zu sagen, was ihr Eigenes ist, woraus sie ihre Identität ableiten. Viele Symbole und Veranstaltungsformen suchten durchaus erfolgreich die Nähe zu anderen gesellschaftlich erfolgreichen Formaten, wobei sie die  theologische Standortbestimmung eher in den Hintergrund treten ließen. Die Erkenntnis der Reformatoren, dass Gott ohne alles menschliche Zutun die Sünder gerecht spricht, ist vielen Menschen heute fremd geworden. Es hat sich aber keine andere zentrale Formulierung der befreienden Botschaft des Evangeliums etabliert. Es fällt schwer, angesichts heterogener Milieus noch in allgemein verbindlicher Weise zu sagen, was der theologische Gehalt der evangelischen Tradition ist. Der Theologie als dem Versuch, allgemeinverbindlich Auskunft über den christlichen Glauben zu geben, wird nur noch eine relativ geringe Bedeutung zugewiesen. Es scheint, dass das religiöse Individuum, das authentisch seinen Glauben leben soll, in das Zentrum der evangelischen Botschaft gerückt ist. Was aber in dieser Sichtweise unterbelichtet bleibt, ist die Frage, was die Individuen miteinander verbindet, die die evangelische Kirche ausmachen, vor allem aber die Frage, wie es dazu kommt, dass diese Individuen sich als evangelische Christen erleben.

Ein Blick in die Zukunft

Der Blick in die Zukunft ist naturgemäß unscharf. Aber es gibt gute Gründe, dass es künftig zentral um die Frage gehen wird, wie dem Gemeinschaftsgedanken wieder eine größere Bedeutung zukommen kann. Die evangelischen Kirchen werden nur dann zu neuer Stärke finden können, wenn sie auch deutlich machen, dass sie nicht nur ein Zweckverband christlich geprägter Menschen oder eine religiöse Geselligkeitsform sind. Zum christlichen Glauben gehört unauflöslich die Gemeinschaft der Glaubenden, der Glaube ist nichts, was ein Individuum aus sich selbst schöpfen kann.

Doch wie kann man der Gemeinschaft in der Kirche neue Kraft, neue Formen geben? Wie muss man in diesem Zusammenhang die Rolle der digitalen Medien einschätzen? Diese Fragen werden sicherlich im Mittelpunkt künftiger Diskussionen um die Entwicklung evangelischer Kirchen stehen. Christina aus der Au wies in dem Akademiegespräch auf die Bedeutung des Heiligen Geistes. Der Geist vereint in der biblischen Darstellung Einheit und Vielfalt auf elementare Weise: „jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden“ (Apg 2,6). Der Geist ermöglicht eine Einheit, eine Gemeinschaft unter Menschen, die dennoch die Differenz und Unterscheidungen nicht auflöst. Evangelische Kirchen der Zukunft sind dann solche, in denen jenseits aller Differenzen eine existentielle Gemeinschaft erfahren werden kann, sie sind Gemeinschaften, die die Individualität nicht verleugnen und doch gemeinsame Ausdrucksformen und eine gemeinsame Sprache über den Glauben entwickeln.

Ist menschliche Gewalt vermeidbar? Anmerkungen zu einer (un)menschlichen Eigenschaft

Ein Jahr der Erinnerungen

Mit 2018 verbinden sich Erinnerungen an gleich zwei große Kriege in der deutschen Geschichte: Einerseits ist dieses Jahr der 400. Jahrestag des Beginns des Dreißigjährigen Krieges und es ist zugleich der 100. Jahrestag des Ende des Ersten Weltkrieges. Beide Kriege sind durch eine vorher nicht genannten Ausbruch von Gewalt bestimmt: im Dreißigjährigen Krieg starb in vielen Regionen Deutschlands bis zu einem Drittel der Bevölkerung, der Erste Weltkrieg war in gewisser Weise der erste industrialisierte Krieg, in dem neue Waffensysteme und neue Kampfmittel eine bis dahin unvorstellbare Zahl von Toten zur Folge hatte. Seit dieser Zeit gab es den Zweiten Weltkrieg und es gab eine Vielzahl weiterer Kriege, die Kriege in Syrien, im Jemen und in Afghanistan sind nur stellvertretend für viele weitere Gewaltkonflikte unserer Zeit. Die Vereinten Nationen sind nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Ziel gegründet worden, den brüchigen Weltfrieden zu bewahren. Die Organisation hat viele verdienstvolle Einsätze in der ganzen Welt geleistet und doch ist die Welt auch im Jahr 2018 noch weit von einem Frieden entfernt.

Ist der Mensch ein Wolf, ist der Mensch ein Schaf?

Dies soll ein Anlass sein, einmal grundsätzlicher über menschliche Gewalt nachzudenken. Es soll hier um die Schattenseite des Menschlichen gehen. Sind wir Menschen von Natur aus gewalttätige Wesen, die nur mühsam über zivilisatorische Maßnahmen gezähmt werden können? Oder ist Gewalt ein vermeidbares Übel für den Menschen, so dass es darauf ankommt, diese Geißel des Menschlichen ein für alle Mal hinter sich zu lassen? Ist es möglicherweise so, dass wir immer damit rechnen müssen, dass Menschen zur Durchsetzung in einer Auseinandersetzung zur Gewalt greifen können? Oder ist der Mensch von Natur aus friedfertig, aber durch ungerechte Strukturen immer wieder zur Gewalt herausgefordert? Ist Gewalt etwas primär Männliches, dass sie die Folge von patriarchalischen Kulturen beschrieben werden kann? Oder ist die Gewalt vielmehr amorph, so dass sie, sobald sie in der einen Form eingedämmt ist, in einer anderen Form wieder auftritt? Für all diese Positionen lassen sich Argumente finden. Die einen betonen die immer wieder auflodernde Gewalt im zwischenmenschlichen Leben. Das muss nicht allein die Gewalt in der Auseinandersetzung von Staaten sein, es kann gerade auch die Gewalt zwischen einzelnen Menschen sein. Die anderen betonen die Entwicklung, die die Menschheit in den letzten Jahrhunderten durchlaufen hat. Zwar gibt es immer wieder Kriege, aber die relative Anzahl der Menschen, die in gewalttätigen Auseinandersetzungen verwickelt sind an der Gesamtzahl der Menschheit hat abgenommen.

Biblische Beobachtungen zum Thema Gewalt

Was gilt? Ich vermute, dass die beiden extremen Positionen – der Mensch ist unveränderbar von Natur aus gewalttätig oder: der Mensch ist von Natur aus friedliebend, jedoch waren die Verhältnisse bislang nicht so – eine eklatante Schwäche aufweisen. Die Schwäche ihrer Argumentation besteht darin, dass sie das Verhältnis des Menschen zur Gewalt in ein eindeutiges Verhältnis setzen wollen. Wahrscheinlich kann das ebenso wenig gelingen, wie der Versuch, endgültig bestimmen zu wollen, was oder wer der Mensch ist. Gewalt ist eine grundlegende Möglichkeit menschlichen Handelns und man muss auch immer mit ihr rechnen. Selbst in einer sehr friedlichen Gesellschaft hat zumindest der Staat das Gewaltmonopol. Weltanschauliche Urteile neigen aber in dieser Diskussion zur Eindeutigkeit: Der Mensch ist von Natur aus gewalttätig. Oder: Der Mensch ist von Natur aus gut. Wahrscheinlich ist er weder das eine noch das andere. Biblische Texte beschreiben den Menschen gerade in seinem Verhältnis zur Gewalt sehr realistisch. Sie propagieren nicht einen Idealmenschen, sondern befassen sich mit dem real existierenden Menschen. Die Menschheitsgeschichte beginnt hier mit einem Brudermord. Israel hat es in seiner Geschichte immer wieder mit Gewalt zu tun. In Jesus Christus erleidet der menschgewordene Gott einen grausamen und gewaltsamen Tod. Auch sind die Menschen der ersten Gemeinde immer wieder von Verfolgung und Gewalt bedroht.

Die Verheißung und das Gebot

Nun gibt es in den biblischen Traditionen zwei grundsätzliche Traditionen, in denen Aussagen zur Gewalt im Mittelpunkt stehen. Da ist auf der einen Seite die göttliche Verheißung. Am Ende der Geschichte wird Gott aller menschlichen Gewalt ein Ende setzen. Berühmt ist die Stelle bei Jesaja, wo alle Völker zum Zion pilgern und die Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet werden (Jesaja 2,4; auch Micha 4,3). Im Neuen Testament steht am Ende der Apokalypse das schöne Wort „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“ (Apk 21,4). Die christliche Tradition interpretiert die Geschichte der Menschheit als einen Weg auf diese Verheißung zu. Die Verheißung wird damit zu einer Zielmarke für alles menschliche Handeln. Handle stets so, dass die Folgen Deines Handelns das ferne Ziel der Gewaltlosigkeit ein Stück näher rücken. Doch erreichen können wir Menschen das Ziel nicht, es bleibt Gottes Handeln vorbehalten.

Viel karger und nüchterner steht dann da die zweite biblische Aussage zur Gewalt, die sich in dem fünften Gebot konzentriert: „Du sollst nicht töten.“ (Exodus 20,13). Dieses Gebot sagt ja implizit dreierlei: Zum ersten sagt es, dass es möglich ist, zu töten. Zum zweiten sagt es, dass es durchaus ein menschlicher Wunsch sein kann, zu töten. Denn sonst machte ein Gebot keinen Sinn. Doch es sagt zum dritten, dass das Töten von Menschen nicht sein darf.  Die Tötung eines Menschen durch einen Menschen ist sicherlich eine Zuspitzung von Gewalt. Deshalb kann sie paradigmatisch für die Gewalt von Menschen gegen Menschen stehen. Das Gebot besagt: Es ist immer mit der Möglichkeit zu rechnen. Deshalb sind alle aufgerufen, so gut als möglich sich davor zu bewahren.

Ist das Töten etwas Fernes? Ein Interview mit Joe Bausch

Nun mögen sich vielleicht viele zurücklehnen und beruhigt denken, dass das sie in ihrem Alltag nicht betrifft. Töten tun möglicherweise andere… Doch das ist ein wenig zu kurz gegriffen. Einerseits steht das Töten für eine Vielzahl von Gewaltformen. Eine zerstörerische Gewalt kann schon viel früher einsetzen als dann, wenn man einen Menschen zu ermorden versucht. Man nennt eine sehr böswillige Verleumdung nicht von ungefähr „Rufmord“. Und dazu gibt es heute angesichts der Möglichkeiten in den digitalen Netzen mehr denn je Möglichkeiten und Gelegenheiten. Es gilt also, ohne Unterlass wachsam zu sein. Dier Formen von Gewalt sind vielfältig und können immer wieder neue Formen annehmen. Und auch alte Formen von Gewalt, etwa die der Auseinandersetzung mit Waffen, können unversehens wieder an Kraft gewinnen. Schließlich ist es doch erstaunlich, dass in unserer scheinbar so friedsamen Gesellschaft ein eigentümliche Faszination von den fiktiven Morden ausgeht, wir sind Zuschauer ungezählter Morde in den täglich ausgestrahlten Fernsehkrimis. Was fasziniert uns so daran? Ich habe ein Akademiegespräch mit Joe Bausch zu dem Thema geführt. Joe Bausch ist einerseits Schauspieler und mimt den Gerichtsmediziner Dr. Roth in dem Kölner Tatort. Zum anderen ist er Arzt in einer Justizvollzugsanstalt und dadurch täglich mit solchen Menschen konfrontiert, die schwere Gewalttaten begangen haben. Über beide Facetten von Gewalt reden wir in dem Gespräch.

 

 

Wie verbesserungsfähig ist der Mensch?

Es ist ein alter Menschheitstraum: Eines Tages mag es gelingen, dass wir Menschen uns Menschen weiter perfektionieren können. Viele Science Fiction sind mit solchen Wesen bevölkert, die körperlich leistungsfähiger sind, die weniger emotional sind und über höhere analytische Fähigkeiten verfügen. (Ob das wirklich Verbesserungen sind, kann man gerne diskutieren). Es ist dabei einerlei, ob diese Fähigkeiten durch genetische Veränderungen entstehen (wie in dem kritischen Film „Gattaca“) oder ob es sich um Mensch-Maschine-Mischwesen handelt (wie im Film „Terminator“). Aber das sind nur neue Formen eines alten Traums. Schon in der Renaissance gibt es die Geschichte von dem Prager Rabbi Löw, der den Golem, ein menschähnliches Wesen, schaffen kann. Nicht zu vergessen natürlich der wohl die berühmteste Kreatur unter allen Schaffensfantasien, jenes Wesen, das in der Erzählung von Mary Shelley der Schweizer Frankenstein konstruiert.

Dieser Traum hat von Beginn an starke Ambivalenzen und geht oft nicht gut aus. Ist es nicht vielmehr ein Albtraum? Die alten Erzählungen gehen oft in diese Richtung. Was ist, wenn wir Menschen unsere Gestaltungsmöglichkeit so stark erweitern können? Was macht das mit uns, mit unserem Menschenbild? Ein amerikanischer Theologe, Philip Hefner, nennt den Menschen einen „created co-creator“. Diese Formulierung ist hilfreich, weil sie die ganze Ambivalenz deutlich macht: Wir sind Geschöpfe, aber solche, die über eine erhebliche Schaffensmacht verfügen. Und diese Schaffensmacht wächst zusehends.

Neue Technologien – künstliche Intelligenz

Wir leben nun in einer Zeit, in der die Forschung in vielen Bereichen rasante Fortschritte macht. Da sind zum einen die neuen Erkenntnisse in der Erforschung der künstlichen Intelligenz. Die Vorstellung eines Supercomputers, den die Erbauer programmieren und ihn so in die Lage versetzen, Ungeahntes zu leisten, gehören der Vergangenheit an. In dieser Linie funktionierte noch Deep Blue, jener Computer von IBM, der den Schachweltmeister Garri Kasparow besiegte. Heute geht es vielmehr um selbstlernende Systeme, die keine klare vorgegebene Hierarchie mehr kennen, die sich adaptiv der wechselnden Umwelt anpassen.  Auf diese Weise ist gelungen, was für einen konventionellen Computer unmöglich schien, nämlich, dass die Maschine auch bei dem noch komplexeren Go Spiel  den weltbesten menschlichen Spieler besiegen (so geschehen im März 2016: AlphaGo besiegte Lee Sedol) Der Unterschied zu Deep Blue ist aber gravierend: Wir wissen nicht mehr so genau, warum die Maschine diesen oder jenen Zug machte, denn die Vorgänge in den selbstlernenden Systemen sind nicht mehr transparent!

Neue Technologien – Gentechnik

Ein anderes Forschungsgebiet, der ähnliche rasante Fortschritte macht, ist die Gentechnik. Seit 2012 ist bekannt, dass man mit einem bestimmten Enzym, Crispr Cas9 genannt sehr zielgenau bestimmte Sequenzen eines Genoms ausschneiden und durch andere ersetzen kann. Damit wird es zum Beispiel möglich, monogenetische Erkrankungen auszuschalten. Doch nicht nur Erkrankungen lassen sich als Anwendungsbereich denken. Warum sollte es nicht möglich sein, bei steigendem Wissen über das menschliche Genom, wünschenswerte Eigenschaften eines Menschen zu verbessern? Sollte es also denkbar sein, dass eines Tages eine künstliche Befruchtung, eine In Vitro Fertilisation vorgenommen werden kann, die das Ziel hat, bestimmte Eigenschaften des so erzeugten Embryos zu verbessern?

Was ist, was werden kann

Noch ist es nicht so weit. Noch sind die Technologien nicht so beherrschbar, dass man sie direkt anwenden könnte. Die Einführung künstlicher Intelligenz in unseren Alltag ist aber nur noch eine Frage der Zeit. Über selbstfahrende Autos wird schon viel diskutiert. Im Übrigen muss die Veränderung des Menschen nicht allein dadurch stattfinden, dass etwa künstliche Mensch-Maschine-Schnittstellen geschaffen werden. Dazu reichen auch die gewöhnlichen Interfaces, zum Beispiel das handelsübliche Smartphone. Das entwickelt sich immer mehr zu einer Kommunikationszentrale des Menschen. Was ist aber, wenn es demnächst nicht nur auf Wunsch reagiert, sondern seinerseits Empfehlungen ausspricht und schon einmal selbsttätig handelt (Kühlschrank füllen, den Weg zum nächsten erwarteten Ziel berechnen, etc).

Es ist offenkundig: Die Zukunft hat hier schon begonnen. Das, was als Erleichterung daher kommt, mag schon bald auch tonangebend sein. Warum widersprechen, wenn die Maschine es besser weiß und wir so schneller zum Ziel kommen?

Zwei Pfade in die Zukunft

Es gibt also, wie die Dinge stehen, zwei Pfade, auf denen wir mit den Technologien stärker verbunden sein werden. Der erste Weg ist der einer durch und durch berechneten Umwelt, die als Verbesserung gegenüber einer wilden und ungezähmten Umwelt erscheint, in der aber die Maschinen und Algorithmen einen zunehmenden Raum einnehmen und immer mehr Einfluss nehmen.  Der zweite Weg ist der der Verbesserung einzelner Individuen durch Gentechnik oder Interfaces. Möglicherweise konvergieren beide Wege auch in Zukunft. Ein Unternehmen in Norddeutschland hat seinen Mitarbeitern auf freiwilliger Basis subkutan einen Chip installieren lassen, so dass lästige Kontrollen (an der Tür, beim Computer) wegfallen. Aber wo endet Bequemlichkeit und wo beginnt die Fremdbestimmung?

Welche Bilder vom Menschen haben wir?

Es ist also hohe Zeit, dass wir darüber nachdenken, wie wir unser Verhältnis zu den Maschinen gestalten wollen. Es gibt viele Pfade und nicht alle sind einfach schlecht. Aber keiner ist auch einfach nur gut. Wir müssen die Ambivalenzen genau prüfen. Dahinter steht die grundlegende Frage: Wie wollen wir leben? Und diese Frage ist mit der noch grundlegenderen verbunden: Wer wollen wir sein? Die Tatsache, dass die Fantasien schon lange vor den Technologien da waren, zeigt, dass es um eine tiefliegende menschliche Sehnsucht geht. Diese Sehnsucht war immer schon auch ein theologisches Thema. Der Mensch greift über sich selbst hinaus. Das ist Teil seiner Würde und Gottebenbildlichkeit und zugleich auch Ausdruck seiner Sünde und Eigenmächtigkeit. In dieser Ambivalenz werden wir unseren Weg suchen müssen. Entscheidend ist wohl, welche Bilder vom gelingenden Menschsein uns leiten. Die Bemerkung am Anfang zeigte schon: In Science Fiction kommt wohl ein bestimmtes Bild vom Menschen zum Zuge, das man mit guten Gründen in Frage stellen kann. Aber welche anderen Bilder haben wir? Hier hat die Theologie eine wichtige Aufgabe. Die biblischen Texte bieten einen großen Fundus. Sie zeigen den Menschen als barmherzigen, als mitleidenden Menschen, als Menschen, der sich verbunden fühlt mit der in umgebenden Natur, die er eben gerade nicht beherrscht. Ein Mensch, der seine fundamentale Begrenztheit vor Gott erfährt. Es ist hohe Zeit, solche Seiten des Menschseins wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen. Sie sind wichtig, wenn es darum geht, die Technologien der Zukunft zu gestalten!

Warum hat Jesus nicht über das Große und Ganze gepredigt?

Wenn man sich mit der Frage beschäftigt, wie der christliche Glaube und die moderne Vorstellung von der Welt zusammen passen, dann werden zumeist Grundfragen der Astrophysik diskutiert oder auch der Evolutionstheorie. Manche dieser Fragen waren auch ein Thema in dem Akademiegespräch mit Prof. Harald Lesch. In dem Gespräch kam aber auch eine Beobachtung zur Sprache, die diese Diskussionen mit einem nachdrücklichen Fragezeichen versieht. (Video)

Die Lebenswelt in den Predigten des Neuen Testaments

Wenn man die neutestamentlichen Texte betrachtet, rückt doch das, was uns modernen Menschen so wichtig ist, die Fragen nach dem Großen und Ganzen, nach dem Bild von der Welt als Ganzer, völlig in den Hintergrund! Außer einigen apokalyptischen Aussagen, von denen man nicht weiß, ob sie wirklich von dem historischen Jesus stammen, ist von dem Großen und Ganzen gar nicht die Rede! Die Predigten Jesu haben im Gegenteil nur die Welt des Alltags im Blick. Es geht hier um das Aussäen der Saat, um den Fang von Fischen im See Genezareth, um die Verrichtung der Gebete, um die Arbeit in einem Weinberg und vieles andere mehr.

Warum hat Jesus nicht über das Große und Ganze gepredigt, wenn es doch so wichtig ist? Warum hat er in den meisten seiner Predigten nicht in etwa so angesetzt: „Gott, der Vater hat Himmel und Erde geschaffen! Was heißt das? Gott hat zunächst das Licht von der Dunkelheit getrennt. Dann hat Gott das Feste von dem Urmeer getrennt, so dass die Menschen auf sicherem Boden leben können. Der sichere Boden gibt unserem Leben Halt, hier können wir unser Dasein fristen und das Land erschließen… usw. usf.“ Doch nichts davon. Keine Betrachtung der Welt im Ganzen. Wenn im Johannes Evangelium von Welt die Rede ist, dann ist eher die menschliche Welt gemeint, eben die Welt jener Menschen, die fern von Gott sind.

Wir kommen Gott im Nahen auf die Spur

Könnte es nicht sein, dass Betrachtungen des Großen und Ganzen für ein Verständnis von Gott gar nicht so bedeutend ist? Könnte es sein, dass man dem Verständnis, wer Gott ist, nicht dann näher kommt, wenn man die Welt im Ganzen zu verstehen sucht, sondern vielmehr dann, wenn man sich dem Nächsten zuwendet? Das kann das Nächste der Natur sein, die Blume auf dem Acker, die Vögel unter dem Himmel oder der nächste Mensch, vor allem der, der Hilfe benötigt.

Wenn man der Predigt Jesu folgt, dann ist es das Nahe, in dem Gott zu finden ist. Aber ist das Nahe uns nicht allzu vertraut, ist es nicht alltäglich und in gewisser Weise banal? Hierauf hat eine andere Sequenz in dem Gespräch mit Harald Lesch Bezug genommen: Vielleicht ist die Alltagswelt, unsere Lebenswelt eine Wirklichkeit ganz eigener Art, die nicht reduziert werden kann auf die Kenntnis von Elementarteilchen und die auch nicht einfach eingeordnet werden kann in unser Wissen vom Universum! (Video) Dann wäre es ganz und gar nicht trivial, sich der Alltagswelt zuzuwenden, so wie Jesus das getan hat. Es gibt eine Tradition der phänomenologischen Philosophie, die tatsächlich (auch unabhängig von christlichen Erwägungen) genau dies nahe legt! (Weitere Informationen unter: www.mensch-welt-gott.de/philosophische-positionen-479.php)

Die Erschließung des Nahbereichs

Wenn Gott in dem Nahen zu finden ist, so heißt das nicht, dass er nicht Himmel und Erde geschaffen hat. Doch es heißt, dass das Nachdenken darüber uns vielleicht nicht allzu viel weiter hilft, um ihm auf die Spur zu kommen. Wir sind, so auch Harald Lesch, ganz gut darin, das Universum zu berechnen, wir haben auch schon recht viel über die Elementarteilchen verstanden, aus dem die Welt besteht. Die großen Geheimnisse der Welt bestehen aber gerade vielleicht darin, was uns ganz nah ist: Wie genau bezieht sich unser Denken auf die Welt? Was bedeutet es, sprechen zu können? Wie können wir unsere Wahrnehmung verstehen? Wie verbinden sich Innen und Außen? Wie können wir bewusst und zielgerichtet in die uns umgebende Welt eingreifen, wie können wir intentional handeln? Für all diese scheinbar einfachen Fragen gibt es aber noch nicht einmal grobe allgemein akzeptierte Modelle!