Zur Bedeutung der Gemeinschaft für den christlichen Glauben

 „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“ Dieses Bonmot, das Friedrich dem Großen zugesprochen wird, steht für eine große Errungenschaft der Aufklärung. Es war damals gerade einmal 100 Jahre her, dass sich auf deutschem Boden Katholiken und Protestanten 30 Jahre lang bekämpft hatten. Welch ein Fortschritt! Und auch heute kann man die Errungenschaften der Aufklärung nur preisen, wenn man etwa an den interreligiösen Dialog denkt. Eine multireligiöse Gesellschaft kann nur existieren, wenn sie dem Motto: Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“  folgt. Der Verfassung der Bundesrepublik Deutschland ist das Motto im Artikel der Religionsfreiheit eingeschrieben.

Religionsfreiheit als Errungenschaft

Für ein modernes Staatsgebilde muss die Religionsfreiheit gelten und damit das Recht eines jeden Einzelnen zu bestimmen, woran sie oder er glaubt. Doch das, was im politischen Raum eine große Errungenschaft ist, kann für die Selbstinterpretation von Religionen außerordentlich problematisch sein. „Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“ heißt dann: Jede und jeder muss selbst wissen, was sie, was er glaubt. Der Glaube ist letztendlich eine Sache des einzelnen Menschen. Ist jeder auf sich selbst zurückverwiesen, wenn es um Fragen des Glaubens geht?

Kultur der Individualität

In unserer Kultur betonen wir gerne das, was uns voneinander unterscheidet, weniger das, was verbindet. Es wird belohnt, sich von anderen zu unterscheiden. Wer etwas Besonderes ist oder etwas Besonderes aus sich macht, erfährt Aufmerksamkeit. Das gilt auch für die Religion: Im Rampenlicht stehen bestimmte Virtuosen des Glaubens, exemplarische Gläubige. Doch wenn die Aufmerksamkeit sich allein auf das Besondere richtet, gerät das, was alle miteinander vereint, in den Hintergrund. Diese kulturelle Vorgabe, die das Individuelle betont und in den Mittelpunkt stellt, lässt auch religiöse Erfahrungen immer mehr zu individuellen Ereignissen werden. Jede und jeder richtet sich auf das Besondere und Unvergleichliche aus, sucht danach.

Die Bedeutung von Verbundenheit

Doch dieses Verständnis von Religion kann in vielfacher Weise kritisiert werden. Ganz grundsätzlich ist der Mensch nicht einfach ein einzeln existierendes Wesen, das zunächst bei sich selbst und den eigenen Erfahrungen ist. Menschen sind leibliche Wesen. Die Verbundenheit mit anderen Menschen und mit der umgebenden Umwelt ist elementar und Voraussetzung menschlicher Existenz. Als leibliche Wesen sind Menschen immer schon mit anderen verbunden, etwa durch das Herkommen, durch die Sprache, durch die Kultur. Diese Verbundenheit ist nichts Zweitrangiges oder Nebensächliches, das Individuelle ist nicht das Eigentliche.

Die Vorstellung, dass jeder Mensch seinen eigenen religiösen Weg finden muss, entspricht darüber hinaus weder den soziologischen Beschreibungen von Religion. Aus der Perspektive eines distanzierten soziologischen Betrachters stehen Religionen immer in einer engen Beziehung zu Gemeinschaften. Einzelne Menschen mögen bestimmte Erfahrungen als religiös beschreiben, als eine Erfahrung von Transzendenz. Aber daraus wird noch lange keine Religion. Zur Religion gehört mehr, vor allem eine Gemeinschaft von Menschen, die ähnliche Erfahrungen miteinander teilen und sie in ähnlicher Weise zum Ausdruck bringen über Rituale, Beachtung besonderer Orte und Zeiten usw.

Der christliche Glaube als Erfahrung von Gemeinschaft

Der christliche Glaube ist in besonderer Weise von Beginn an auf Gemeinschaft ausgerichtet. Erste Glaubenszeugnisse von Christinnen und Christen waren mit ihrer Gemeinschaft eng verbunden. Diese Verbundenheit führten sie zurück auf die Erfahrung der Verbundenheit mit Gott. Man kann ganz grundsätzlich den christlichen Glauben als eine Erfahrung von radikaler Verbundenheit  beschreiben. Das lateinische Wort „radix“ bedeutet „Wurzel“: Der Glaube bezeugt, dass die eigene Existenz in Gott wurzelt, in Gott gegründet ist. Er weist auf eine Verbundenheit, aus der alles entspringt: Erst durch sie finden Menschen zu sich selbst.

Die biblischen Stellen, die auf die Bedeutung von Gemeinschaft weisen, sind außerordentlich zahlreich. Schon die ersten Menschen, die Jesus Christus nachfolgten, erlebten sich auch in einer besonderen Weise miteinander verbunden. Die zwischenmenschlichen Erfahrungen sind für das Verständnis des christlichen Glaubens von größter Bedeutung. Zwischenmenschliche Erfahrungen von Verbundenheit können ein Anlass sein, die radikale Verbundenheit aufscheinen zu lassen. Das gilt insbesondere für die Liebe. Das Doppelgebot der Liebe zeigt die Nähe der Erfahrungen von Verbundenheit: Die Liebe zu Gott und die Liebe unter den Menschen stehen in einem engen Verhältnis.

Der christliche Glaube als Ausdruck für die radikale Verbundenheit ist keine individualisierte Erfahrung, sondern von Beginn an Teil eines übergreifenden zwischenmenschlichen und kommunikativen Geschehens. Er ist eingebunden in eine geschichtliche Tradition von Erzählungen, Gebeten, Bekenntnissen und Liturgien, durch die Christinnen und Christen ihrem Glauben Ausdruck geben. Der christliche Glaube erschließt sich nicht allein über Worte, aber er drängt immer wieder dazu, sich auch durch Worte zum Ausdruck zu bringen. Der christliche Glaube ist nicht ohne Worte. Auch Worte bezeugen die Verbundenheit und sind selbst eine Form von Verbundenheit: sie sind ein eminenter Ausdruck zwischenmenschlicher Gemeinschaft, der Sprachgemeinschaft. All das zeigt: Moderne Vorstellungen von einem individuellen Glauben in dem Sinn, das jede und jeder sich selbst einen Reim auf die religiösen Erfahrungen machen muss, verkürzt die Wirklichkeit des christlichen Glaubens.

 

 

Ein Kommentar zur politischen Lage, auch aus theologischer Sicht

Wir leben in erstaunlichen Zeiten. Wenn man einmal von der Aufregung der tagespolitischen Ereignisse ein wenig zurück tritt und sich einen Überblick über die Lage verschafft, kann man sich eigentlich nur die Augen reiben. Die Bundesrepublik Deutschland befindet sich in einer wirtschaftspolitisch beneidenswerten Lage. Hinter uns liegen fast 10 Jahre ungebrochenen Wachstums. Die Exporte überwiegen bei weitem die Importe, in einigen Jahren war Deutschland Exportweltmeister. Wir haben uns gewöhnt an die jährliche Nachricht, dass die Zahlen der Steuerschätzer wiederum übertroffen wurden und der Staat deutlich mehr Geld zur Verfügung hat als die ohnehin schon positiven Prognosen ausgewiesen haben. Die Arbeitslosenstatistik weist jedes Jahr rückläufige Zahlen aus, „gegenüber dem Vorjahr sank die Arbeitslosenzahl um …“.

„Uns geht es gut!“

Nun gibt es in der Tat einige Unruhe und Unsicherheit durch die sich rasch verändernde geopolitische Lage. Das Lager des „Westens“, bislang klar dominiert durch die USA droht sich aufzulösen. Multinationale Wirtschaftsabkommen werden mehr und mehr in Frage gestellt. Es wird viel über Zölle geredet und der Brexit schwebt wie ein Damoklesschwert über der Europäischen Union. Das ist aber bislang eher mit einem nahenden Gewitter vergleichbar, dessen Wolken sich bedrohlich aufbauen, aber noch hat kein Regen eingesetzt. Ob es vielleicht noch vorbeizieht? Man weiß es nicht. Klar ist aber, dass die Stimmung im Lande bislang kaum durch diese atmosphärischen Störungen beeinträchtigt ist. Die Wirtschaft läuft auf vollen Touren und es scheint sie bislang nichts zu stören. Das Konsumklima ist gut, Umfragen zeigen, dass die Stimmung durch Zufriedenheit geprägt ist.

Der Politik geht es schlecht!

Ganz anders ist das Bild der Politik! Ganz egal, wie man zu der Maaßen Affäre steht: Hier zeigt sich, dass die Volksparteien an den Rand ihrer Kräfte geraten. Hier herrscht Ausnahmezustand. Die Umfragewerte der traditionellen Volksparteien SPD, CDU und CSU sind im freien Fall. Wer hätte solche Zahlen vor 5 Jahren zu prognostizieren gewagt: SPD 17 % und CDU/CSU 28 % (Infratest Dimap 20.9.)? Für beide Parteien historische Tiefststände! Und es ist nicht absehbar, dass sich das bald ändert.

Nun haben CDU/CSU und SPD die längste Zeit der letzten 10 Wachstumsjahre regiert. Wie passen die Werte mit der wirtschaftlichen Situation des Landes, dem damit einhergehenden Wohlstand zusammen? Was ist geschehen, dass diese Parteien derart desolat dastehen, dass ihnen die Kraft fehlt, eine Affäre um einen Amtsleiter, zugegebenermaßen eines bedeutenden Amtes, nicht geräuschlos zu lösen? Vordergründig kann man als einen Faktor die Flüchtlingspolitik anführen. Denn die ehemaligen Volksparteien als Parteien waren und sind nicht in der Lage, bei diesem hochemotionalen Thema eine eindeutige Position zu beziehen. Sie changieren zwischen Willkommenskultur und pragmatischer Abschottungspolitik. Doch ist das meiner Ansicht nach nur ein vordergründiges Argument, weil andere westliche Industrieländer andere politische Wege gegangen sind und doch sich die gleichen Effekte zeigen: eine dramatische Schwäche der etablierten Parteien.

Hier nun ein Versuch, einen tieferliegenden Grund zu benennen: Mag es nicht daran liegen, dass die früher homogeneren gesellschaftlichen Milieus zerfallen? Die Volksparteien waren dann stark, wenn sie Milieus repräsentieren konnten, die eine erkennbare politische Agenda hatten, seien es Arbeiterinnen und Arbeiter oder konservativ katholische Kreise. Als Volksparteien waren sie immer daran interessiert, auch andere Kreise zu gewinnen, aber ihre Identität hing an der Ausrichtung auf bestimmte Milieus. Doch wenn diese zerfallen, ist es für die Parteien nicht mehr möglich, klar zu sagen, wofür sie stehen.

Der Zerfall der Milieus, eine kontinuierliche Vereinzelung

Der Zerfall der Milieus geht mit einem Zerfall bzw. der Schwächung von gesellschaftlichen Großorganisationen einher. Es trifft eben nicht nur die Volksparteien, sondern auch viele Vereine, große Medienhäuser wie die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten oder auch die Kirchen. Solche Großorganisationen haben es in einer immer stärker individualisierten Gesellschaft immer schwerer, ihre Bedeutung zu bewahren.

Wenn das so ist, wenn die Politik sozusagen nur das sichtbarste Zeichen eines grundlegenden Wandels der Individualisierung der Gesellschaft ist, dann ist das auch ein eminent theologisches Thema! Ist es nicht so, dass Gesellschaften ein Mindestmaß an Zusammenhalt, an gesellschaftlicher Solidarität brauchen, die über alltägliche Erfahrungen von Gemeinschaft und Verbundenheit bestätigt und immer wieder neu erfahrbar gemacht werden müssen?

Der Mensch als Beziehungswesen

Das rührt an die Grundfragen der Anthropologie. Ist der Mensch zunächst und vor allem ein Einzelwesen, das selbstbestimmt seinen Lebensweg geht oder ist es nicht vielmehr so, dass Menschen stets aufeinander angewiesen sind und auch in komplexen modernen Gesellschaften es Orte und Symbole geben muss, die die Erfahrung von Gemeinschaft und Solidarität ermöglichen? Ist der Mensch nicht vielmehr ein Beziehungswesen, das mehr braucht, als ein Leben in materieller Absicherung und der Möglichkeit zur Selbstoptimierung? Angebote zur Erfahrung von Gemeinschaft sind in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich karger und dürftiger geworden. Möglicherweise ist sogar ein Anteil jener neueren restaurativen Tendenzen auf dieses Bedürfnis zurückzuführen. Verklärende und verzerrende Blicke in die Vergangenheit suggerieren, dass es dort eine Gemeinschaftserfahrung durch nationale Homogenität gab.

Wenn die Vermutung stimmt, dann wird uns dieser Prozess noch lange Zeit beschäftigen. Denn Abhilfe ist nicht so schnell in Sicht. Weder kann man das Problem moralisieren („Tut mehr gemeinsam!“) noch gibt es eine gesellschaftliche Institution oder Organisation, die die Fähigkeit hätte, hier einen anderen Weg einzuschlagen und gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Auch die Kirchen nicht. Wenn aber weiterhin die Vermutung stimmt, dass der Mensch immer auch notwendigerweise ein Gemeinschaftswesen ist, dann wird sich die politische und gesellschaftliche Entwicklung auch nicht einfach wieder auf einem neuen Niveau als hochgradig individualisierte Gesellschaft stabilisieren. Dieser Beitrag endet mit offenen Fragen. Aber vielleicht ist es schon einmal wichtig, die richtigen Fragen zu stellen und nicht die, ob die eine oder andere Parteivorsitzende oder der eine oder andere Parteivorsitzende zu ersetzen sei…

Das erklärt alles! Gedanken zum Tag der Schöpfung

Gott als Schöpfer der Welt ist eine zentrale Vorstellung.

Die Rede von der Schöpfung fristet im kirchlichen Alltag ein ambivalentes Dasein. Auf der einen Seite ist sie außerordentlich zentral. Das apostolische Glaubensbekenntnis nennt im ersten Artikel „den Schöpfer des Himmels  und der Erde“. Immer dann, wenn von Gott als dem „Allmächtigen“ gesprochen wird, ist auch das Schöpfungshandeln angesprochen. Was kann denn besser die Allmacht zum Ausdruck bringen, als die Tatsache, dass Gott alles geschaffen hat, was ist? Im Vaterunser heißt es: „Denn Dein ist die Macht.“ Schließlich findet auch im kirchlichen Alltag die Schöpfung immer dann Erwähnung, wenn es um umweltpolitische Fragen geht: Die „Schöpfung bewahren“ ist ein eingängiger Slogan, der es weit über die kirchlichen Kreise hinaus in die allgemeine gesellschaftliche Debatte geschafft hat. „Wir müssen die Schöpfung bewahren und dürfen die Erde nicht zerstöre!“ ist eine Aussage, auf die sich auch viele verständigen können, die sonst nicht dazu neigen, an Gott zu glauben.

Die Vorstellung von der Schöpfung ist heute aber sehr blass.

All dies steht aber in einer eigentümlichen Diskrepanz zu einer gewissen Verzagtheit, wenn es darum geht, einmal genauer zu sagen, was denn mit Schöpfung gemeint ist. Gott hat die Welt geschaffen – was meint das? Die Welt ist das große Ganze. Die Physiker nennen es auch das Universum. Was meint dann die Aussage, Gott habe das Universum geschaffen, genau, wie kann man sich das vorstellen? In der Tradition wurde dann stets auf die erste Schöpfungserzählung verwiesen, denn hier wird der Schöpfungsvorgang detailliert und in einzelne Schritte gegliedert vorgestellt  – Gott hat die Welt in sieben Tagen geschaffen. Doch diese Erzählung steht derart quer zu allen heute geteilten Überzeugungen von der Entstehung des Universums. Die so genannte „Urknall-Theorie“ ist die allgemein akzeptierte kosmologische Theorie. Deren Vorstellungen stimmen mit den biblischen Erzählungen von der Schöpfung in keinem Punkt überein.  Man muss sich also fragen, was der Sinn der Erzählung aus heutiger Sicht ist.

Strategien im Umgang mit der modernen Kosmologie

Eine beliebte Strategie ist es, die Schöpfungserzählung historisch zu relativieren, immerhin entstand sie etwa 500 Jahre vor Christi Geburt. Doch hilft das hier nicht weiter, denn es ist ja die Frage, was wir heute unter Schöpfung verstehen. Nun gibt es solche, die sagen, genau das, was die Physik lehrt, sei Gottes Schöpfung und eigentlich meine die Bibel genau den Vorgang, den wir physikalische beschreiben können!  Doch dann ist der Einwand nicht so ganz abwegig, dass die Physik auch ohne die Rede von Gott ganz gut auskommt und dass die Rede von Gott dem auch nichts Neues hinzufügt. Warum dann nicht gleich vom Urknall reden, statt von einer Schöpfung? Das gilt im Übrigen auch für den Versuch, die Schöpfung Gottes im Urknall selbst zu verankern. Diese Erklärung gilt im Übrigen nur so lange, wie die Theorie vom Urknall gibt. Was aber, wenn dereinst kosmologische Theorien sich wieder wandeln und das Urknall-Modell verworfen wird? Dann muss man andere Orte suchen, wo man Gottes Schöpfung unterbringen kann. Es ist ziemlich deutlich, dass sich hier die theologische Rede von der Schöpfung unter Wert verkauft, sie wird ein Anhängsel an die jeweils geltenden physikalischen Theorie ohne eigenen Deutungsanspruch. Zudem will die moderne kosmologische Erklärung mit der Erzählung von den 7 Tagen nicht zusammen passen.

Die Wirklichkeit ist nur für endlicher leibliche Wesen als Schöpfung erfahrbar

Mein Vorschlag ist, von all diesen Spekulationen zu lassen. Steht bei der theologischen Rede von der Schöpfung  wirklich eine Theorie über das Ganze des Universums im Mittelpunkt? Gäbe es nicht die erste Schöpfungserzählung auf der ersten Seite der Bibel, würde niemand bei den vielen anderen Stellen in der Bibel an eine geschlossene Theorie denken und meinen, der Glaube an Gott hänge von einer bestimmten Sichtweise der Entstehung des Universums ab. Den entscheidenden Punkt der biblischen Rede von der Schöpfung hat Martin Luther erkannt, lange bevor es eigenständige physikalische Theorien über den Kosmos gab.  Luther war klar: Was auch immer Schöpfung im christlichen Sinne meint, wir werden den Begriff nur dann verstehen, wenn wir nicht in die weite Welt hinaus schauen, sondern auch auf uns selbst schauen und die Art und Weise, wie wir in der Welt leben.

Menschen sind endliche und verletzliche Wesen.

Martin Luther hat den Artikel des Glaubensbekenntnisses im Kleinen Katechismus strikt auf unsere endliche leibliche Existenz bezogen:

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Was ist das? Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was nottut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohne all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.“

Es ist so leicht, sich deutlich zu machen, wie verletzlich und bedürftig wir sind, wie abhängig von unserer Umwelt wir sind. Was geschieht, wenn wir einmal eine Minute nicht atmen, zwei Tage nicht trinken oder fünf Tage nichts essen? Schöpfung heißt also, dass wir als lebende Wesen auf eine lebensfreundliche Umwelt angewiesen sind, ganz unabhängig von einer physikalischen Beschreibung des Kosmos. Was die Rede von der Schöpfung meint, erleben wir, wenn wir auf die Abhängigkeit von unserer Umgebung und die Abhängigkeit von anderen Menschen schauen.

Vom Kleinen zum Großen

Wenn man also im christlichen Sinne von der Schöpfung redet, dann redet man nicht von einer wie auch immer gearteten Erklärung der Welt, sondern von unserer Bedürftigkeit und der Dankbarkeit für die Grundlagen des eigenen Lebens. So kann man die Bedeutung von Schöpfung auch in Zeiten moderner kosmologischer Theorien verstehen lernen. Es wird auch deutlich, welche Botschaft in dem Slogan „Schöpfung bewahren“ steckt. Der Slogan zeigt, dass wir mit allem Leben auf Bedingungen angewiesen sind, die wir nicht ungestraft zerstören dürfen.

Ein Letztes bleibt: Die Welt kann nur am eigenen Leib als Schöpfung erkannt werden. Aber darüber hinaus gibt es noch eine zweite Komponente der biblischen Rede von der Schöpfung und die weist über die eigene Existenz hinaus. Was auch immer uns in dieser Welt begegnen mag – alles kann auf die Schöpfung Gottes zurückgeführt werden. Anders ausgedrückt: Die Welt mit allem in ihr ist nur deshalb die Welt, weil sie von Gott geschaffen ist. Hier erst, in dieser  Ausweitung der eigenen Erfahrung, mit allen Dingen in der Welt macht die Rede von Gott als dem Schöpfer der ganzen Welt Sinn.

Der Mensch ist auch dann frei, wenn er es nicht merkt.

Die folgenden Thesen liegen einer Diskussion zugrunde, die zwischen mir und Helmut Fink von der Akademie für säkularen Humanismus am 3. Juli 2018 in Essen stattgefunden hat. Seine Thesen und weitere Informationen zur Veranstaltung finden sich unter diesem Link.

Der Mensch ist auch dann frei, wenn er es nicht merkt

Die Grundthese lautet: Freiheit ist keine Eigenschaft, die man messen könnte. Freiheit ist vielmehr eine Bedingung, die immer schon gegeben ist, aus der wir leben. Für Christinnen und Christen ist klar: Gott schenkt die Freiheit, aus der wir leben.

  1. Es geht im Folgenden um den Begriff der Freiheit, wie man ihn benutzt in dem Satz: „Ich bin frei.“ Oder „Der Mensch hat einen freien Willen.“
  2. Freiheit steht nicht für eine Eigenschaft, die sich allgemeingültig bestimmen ließe. Die Aussage: „Ich bin frei.“ unterscheidet sich deutlich von der Aussage: „Ich bin 1,85 Meter groß.“ Letzteres ist eine Eigenschaft, die ich bestimmen und messen kann. Das gilt für die Aussage „Ich bin frei“ in keiner Weise.
  3. In einem ersten Schritt kann man ausgrenzen, was Freiheit oder auch Unfreiheit nicht meinen kann. Es ist unsinnig, Freiheit als völlige Ungebundenheit zu beschreiben. Ein Mensch, der völlig ungebunden ist, handelt konsequent gedacht in jedem Moment unabhängig von seinen Entscheidungen davor. Menschliches Verhalten wäre nicht vorhersehbar, ein andauerndes Roulettespiel. Ebenso wenig ist es plausibel, zu behaupten, dass das Verhalten eines Menschen vollständig von äußeren Umständen determiniert ist. In dem Fall kann niemand für sein Fehlverhalten zur Rechenschaft gezogen werden. Jede Handlung ist durch die äußeren Bedingungen vorgegeben. Die Wahrheit liegt offenkundig zwischen den Extremen, was aber die Bestimmung der Freiheit nicht einfacher macht.
  4. Es gibt in der Philosophie und auch in der Theologie eine nicht enden wollende Debatte darüber, ob der Mensch frei sei oder nicht. Diese Debatten führen zu keinem klaren Ergebnis. Immer wieder gibt es solche, die sich für die Freiheit des Menschen aussprechen und solche, die dagegen argumentieren. Schon das zeigt, wie schwierig es ist, allgemeingültig zu bestimmen, was der Begriff der Freiheit genau bedeutet. Nun könnte man fordern, ungenau Begriffe wie den der Freiheit einfach wegzulassen. Doch das ist nicht möglich, weil der Begriff der Freiheit eine sehr große Bedeutung in unserer Kultur und in unserer Gesellschaft hat. Nur wer frei handelt, ist auch verantwortlich und kann zur Rechenschaft gezogen werden.
  5. In der Regel verbindet sich mit Freiheit eine Form der Selbstbeschreibung. Der allgemeine Satz: „Der Mensch ist frei.“ meint immer auch: „Ich bin frei.“ Es ist also keine Aussage über den objektiven Bestand der Welt, sondern eine Aussage über das eigene Selbstverständnis. Dieses Selbstverständnis ist in unserer Kultur auch jenseits der Rechenschaftspflicht von größter Bedeutung: Alle Rede von der Individualität des Menschen bezieht sich in der Regel auf das selbstbestimmte, autonome Individuum. Wer aber sich selbst bestimmen kann, muss frei sein.
  6. Was sichert die Freiheit eines Individuums? Man kann das Ich als Quelle der Freiheit anführen. Dann ist das Ich abgegrenzt von der Umwelt und selbstbestimmt. „Ich bin frei.“ meint dann, dass das Ich das eigene Handeln vollständig kontrolliert. Das klingt eindeutig, aber es ist die Frage, ob solch eine Aussage plausibel ist. Die Psychoanalyse hat mit guten Gründen festgestellt, dass die Annahme, der Mensch habe ein transparentes Ich, falsch ist. Es gibt das Unbewusste, das bewusste Entscheidungen oft auf irritierende Weise beeinflusst. Die moderne Hirnforschung hat für die unkontrollierbaren Einflüsse auf unsere Entscheidungen viele weitere Hinweise gefunden. Wie auch immer wir handeln, wir handeln nie vollständig selbsttransparent und selbstkontrolliert.
  7. Die christliche Rede von der Freiheit weist auf eine andere Quelle. Die rechnet die Freiheit nicht dem Ich zu, sondern Gott. Paulus schreibt: „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ (Gal 5,1) Die Quelle der Freiheit ist nicht das eigene Ich, sondern Gott. Gott befreit den Menschen, in dieser Befreiung ist der Mensch passiv. Dies entspricht dem nicht kontrollierbaren Bereich aus der These zuvor. Christinnen und Christen können nur bezeugen, dass sie das eigene Handeln in Christus als frei erleben. Freiheit meint hier, dass man nicht weltlichen Ansprüchen (Staatsgewalt, Ansprüche der Gesellschaft, Moden und Sitten, was „man“ so tut)untergeordnet ist. Das Ich lebt nach christlichem Verständnis aus einer anderen Quelle.
  8. Doch auch in dem theologischen Kontext wird der Begriff der Freiheit nicht eindeutig. Denn wäre Gott die alles bestimmende Quelle der Freiheit, wäre der glaubende Mensch unverrückbar frei. Doch der zitierte Satz von Paulus geht noch weiter: „So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.“ Gott ist die Quelle der Freiheit, der Mensch hat daran keinen Anteil und doch ist er aufgefordert, mit die geschenkte Freiheit zu bewahren.
  9. So lässt sich auch aus einer theologischen Perspektive die Vieldeutigkeit des Freiheitsbegriffs nicht auflösen. Auch das glaubende Ich ist in einer Hinsicht frei, in anderer aber nicht. Man muss immer fragen, in welchem Kontext der Begriff gemeint ist. Luther formuliert pointiert jene berühmte Doppelthese, die die Mehrdeutigkeit des Freiheitsbegriffs auf den Punkt bringt: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr und niemandem untertan.“ Und „Ein Christenmensch ist in dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“
  10. Freiheit ist im christlichen Sinne kein eigenes Vermögen, sondern ein Voraussetzung der Existenz, die man dankbar annehmen kann.

Bieten die Neurowissenschaften die Grundlage für ein neues Menschenbild?

„Das menschliche Gehirn ist das Maß aller Dinge.“ So oder ähnlich mögen viele gedacht haben, die in den letzten Jahren die öffentlichen Debatten verfolgt haben. Die Neurowissenschaften haben immer wieder überraschende Erkenntnisse über das menschliche Gehirn produziert.

Das Jahrzehnt der Gehirnforschung

Anfang des Jahrtausends haben führende Wissenschaftler die Dekade des Gehirns ausgerufen, ein Manifest der Hirnwissenschaft wurde in Deutschland 2004 intensiv diskutiert. Viele Disziplinen schienen sich in der Folge neu zu erfinden, indem sie ein „neuro-“ vor ihren Namen setzten: So entstanden Neuro-Psychologie, Neuro-Pädagogik, Neuro-Ökonomie usw. Wir wissen heute deutlich mehr über das menschliche Gehirn, aber auch über das menschliche Verhalten. Doch scheint es so, dass der anfängliche Hype etwas abgeklungen ist, von revolutionären Veränderungen der Neurowissenschaften redet heute keiner mehr.

Das Gehirn als Schlüssel zu allem?

Die Euphorie vor etwas mehr als einem Jahrzehnt war nicht zuletzt auch dadurch bestimmt, dass die Diskussion über das menschliche Gehirn  in hohem Maße ideologieanfällig ist. Dies gilt in geringem Maße für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die im Bereich der Neurowissenschaften forschen. Denn diese wissen ja genug um die Randbedingungen ihrer Messungen und um die Einschränkungen, die für die Messungen gelten. Die weltanschauliche Ausweitung wurde eher von wenigen wissenschaftlichen Akteuren und vielen Medien betrieben, die auf eine breite gesellschaftliche Resonanz stieß. Hier verdichtet sich die Vorstellung,  der Mensch sei vollständig verstanden, wenn man erst einmal sein Gehirn verstanden hat. Für alles, was ein Mensch bewusst erlebt oder tut, gibt es eine Repräsentation in seinem Gehirn. Bietet damit nicht das Gehirn den Schlüssel zu Verständnis des Menschen?

Das Eldorado der Neuropädagogik

So entstand der Eindruck, dass das, was bisher nur ungenau verstanden war, durch die Neurowissenschaften genau beschrieben werden konnte. Gerade in der Neuro-Pädagogik wurden viele Verheißungen ausgesprochen und von Lehrerenden ebenso wie von besorgten Eltern intensiv rezipiert. Manche Buchveröffentlichungen konnten ihren Absatz dramatisch steigern, indem sie neurowissenschaftliche Expertise für sich behaupteten. Es reichte dann auch für die Empfehlungen die kleine unspezifische Ergänzung „Die Neurowissenschaften haben herausgefunden, dass…“ Letztlich blieben aber die Empfehlungen zumeist in dem Spektrum der gute alten humanistischen Pädagogik. Es kamen nicht viele wirklich neue Erkenntnisse hinzu. Seitdem ist das Interesse für Neuro-Pädagogik auch wieder stark abgeflaut.

Ein mereologischer Fehlschluss

Will man die wichtigen wissenschaftlichen Erkenntnisse von der ideologischen Überhöhung unterscheiden, kommt es auf die richtige Gewichtung an. Wir lernen durch die Neurowissenschaften viel über den Menschen, aber das heißt nicht, dass wir alles, was den Menschen ausmacht, durch das Gehirn verstehen können. Der Körper ist nicht nur einfach ein Appendix des Gehirns, das Gehirn ist nicht der Kern des Menschen. Eine genauere Betrachtung zeigt, dass das Gehirn ein in hohem Maße vernetztes Organ ist. Es zu isolieren, würde bedeuten, es auch seiner Funktionalität zu berauben. Ein zerebraler Zentrismus begeht einen argumentativen Fehler, mereologischer Fehler genannt, weil er einen Teil für das Ganze setzt. Dies haben der Philosoph Peter Hacker und der Neurowissenschaftler Maxwell Bennett klar herausgearbeitet.

Es gibt gute Argumente dafür, dass nur ein in einem Körper situiertes Gehirn sehen kann, dass nur ein Mensch und nicht ein Gehirn denken kann. Bei den Gefühlen ist das ganz offenkundig. Das Gehirn ist eher ein System, das nicht nur mit vielen anderen Organen in einem Körper vernetzt ist. Darüber hinaus ist es auch mit anderen Gehirnen vernetzt – über die Sprache, die Menschen miteinander teilen.

Eine differenzierte neurowissenschaftliche und kulturelle Betrachtung

Führende Neurowissenschaftler weisen den Weg: Nicht die Konzentration auf das Gehirn allein wird zukünftig wichtig sein, sondern ein besseres Verständnis des Gehirns als ein Teil im Organismus Mensch und als ein Teil im komplexen kulturellen Kontext. Ich habe ein Akademiegespräch mit Prof. Dr. Christian Elger geführt. Elger zeigt zum Beispiel auf, dass ein und derselbe Belohnungsmechanismus im Gehirn in unterschiedlichen kulturellen Umgebungen sehr unterschiedliche Folgen haben kann.

Das Gehirn determiniert nicht das menschliche Verhalten, aber es hat einen großen Einfluss auf das menschliche Verhalten. Hier werden auch künftig die Neurowissenschaften eine wichtige Rolle spielen. Nur in seltenen Fällen kann das menschliche Verhalten eindeutig auf Prozesse im Gehirn zurückgeführt werden, wenn etwa durch einen Tumor oder eine äußere Verletzung sozial deviantes Verhalten eintritt. Auch die Demenz oder Formen der Epilepsie gehören zu jenen Bereichen, in denen die Neurowissenschaften täglich dazu lernen.

Das Gehirn in der Regel in hohem Maße plastisch und kann oft Störungen selbst kompensieren. Komplexes menschliches Verhalten lässt sich nicht einfach auf Gehirnprozesse reduzieren. Damit bieten die Neurowissenschaften keine Grundlage für ein neues Menschenbild, aber sie bieten die Grundlage für ein genaueres und differenzierteres Menschenbild!

 

 

Pränataldiagnostik – die schleichende Revolution?

In der öffentlichen Diskussion von bioethischen Themen gibt es eine Konzentration auf spektakuläre Themen. Wenn die Forschung einen Durchbruch in gentechnischen Methoden erringt, findet das über die Fachkreise hinaus große Aufmerksamkeit. Das ist auch gut so. So fand vor kurzem die Methode „CRISPR Cas“ einige Aufmerksamkeit, mit der präzise Veränderungen am Genom vorgenommen werden können. Neue Methoden ermöglichen in der Regel neue Handlungsoptionen. Im Falle von „CRISPR Cas“ stellt sich die Frage, ob man nicht auch in das menschliche Genom eingreifen sollte, etwa wenn bei einem Embryo eine monogenetische Erkrankung festgestellt wird. Der Eingriff in die Keimbahn ist bislang ein Tabu und in Deutschland per Gesetz verboten. Doch welche Richtung wird die Entwicklung nehmen, wenn erbliche Erkrankungen verhindert werden können? Wenn man aber diesem begrenzten Eingriff zustimmt, stellt sich schnell die weitergehende Frage, welche Krankheiten zu einem solchen Eingriff berechtigen. Und schon befindet man sich mitten in einer gravierenden bioethischen Debatte.

Spektakuläre Durchbrüche und schleichende Entwicklungen

Diese Diskussionen werden auch mit einiger Aufmerksamkeit öffentlich geführt. Anders ist es dagegen, wenn  die Veränderungen nicht mit spektakulären wissenschaftlichen Durchbrüchen verbunden sind. Dennoch können auch konventionellere neue Technologien weitreichende gesellschaftliche Folgen haben. Das ist im Bereich der Pränataldiagnostik der Fall. Worum geht es hier? Vorgeburtliche Untersuchungen gehören zu dem Umfang einer jeden medizinischen Betreuung einer Schwangerschaft. Es geht dann zum Beispiel um die Frage, ob in der Schwangerschaft Komplikationen zu erwarten sind. Etwas anderes ist es aber, wenn der Fötus daraufhin untersucht wird, ob das Kind schon vor der Geburt erkennbare Anzeichen für eine Erkrankung hat. In früherer Zeit ist eine solche Untersuchung eher im Ausnahmefall gemacht worden, weil die Amniozentese oder die Chorionzottenbiopsie mit einem Eingriff, einer Gewebeentnahme verbunden war.

Der neu entwickelten genetischen Bluttest

Doch hier haben neuere Technologien den Eingriff wesentlich erleichtert. Zuletzt sind Untersuchungen des Blutes der Mutter etabliert worden, die es ermöglichen, auch das Genmaterial des Kindes zu untersuchen, von dem es geringe Spuren in dem Blut der Mutter gibt. Die fortschreitende Entwicklung dieser Tests bringt es mit sich, dass die genetische Untersuchung ihrerseits wesentlich genauer und auch preiswerter geworden sind. Beide Faktoren zusammen geben die Möglichkeit, dass nun sehr viel mehr schwangere Frauen untersucht werden, die zuvor in keine Risikogruppe gefallen wären. Es ist im Gespräch, dass diese Untersuchungen eine kassenärztliche Leistung werden.

Gesellschaftliche Implikationen

Die Untersuchungen sind je und je Einzelfälle, in denen sich die Betroffenen individuell entscheiden müssen. Doch kann diese Entwicklung weitreichende und gravierende Auswirkungen auf die Gesellschaft haben.  Wie reagieren die werdenden Eltern bzw. die schwangeren Frauen auf die Nachricht, dass eine genetische Erkrankung bei dem Kind diagnostiziert wurde? Die Zahlen, die zur Verfügung stehen, zeigen, dass die weit überwiegende Mehrheit (bei manchen Merkalen bis zu 9/10) dann einen Abbruch vornehmen lassen. Das heißt aber, dass die weite Verfügbarkeit der Tests, ihre geringen Kosten und ihre immer besser werdende Prognosefähigkeit in der Tendenz dazu führen, dass Kinder mit bestimmten genetischen Dispositionen kaum noch geboren werden.

Über den Einzelfall kann man nur schwer ein Urteil fällen, weil es sich je und je um Gewissensnöte handelt und eine sehr schwierige Entscheidung. Doch die gesellschaftlichen Folgen von sehr zahlreichen gleichlautenden Entscheidungen für den Abbruch sind, dass die Vielfalt abnimmt. Damit wächst aber auch der gesellschaftliche Druck auf die Minderheit, die sich trotz Diagnose für das Kind entscheidet. Es entsteht in diesem Automatismus einer gesellschaftlichen Ausgrenzung von Menschen mit genetischen Erkrankungen.

Inklusive Gesellschaft?

Die Kirchen haben in den letzten Jahren den Gedanken der Inklusion mit Nachdruck befördert. Wer eine inklusive Gesellschaft will, muss insbesondere jene stärken, die von einer gesellschaftlichen Norm abweichen. Da geht es bei weitem nicht nur um die Pränataldiagnostik, sondern es geht um die Versorgung von Kindern, um die Unterstützung von Eltern, um die Ermöglichung von Bildungswegen, es geht um die Gestaltung eines möglichst eigenständigen Lebens von Menschen mit Behinderung. Hier liegen die gesellschaftlichen Herausforderungen. Wenn das gelingt, kann eine Gesellschaft inklusiver werden, das heißt, auch offener gegenüber Abweichungen. Dann ist es vielleicht auch möglich, dass sich mehr werdende Eltern für ein Kind mit genetischen Krankheiten entscheiden. Das Ziel der Inklusion ist nicht nur ein hehres Ziel von Gutmeinenden. In einer Gesellschaft, die Abweichungen von der Norm nicht toleriert, wird eine harte Gesellschaft. Die Gestaltungs- und Eingriffsmöglichkeiten werden in der Zukunft mit Sicherheit zunehmen. Welche Abweichungen nehmen wir dann noch hin und was halten wir dann nicht mehr für tolerierbar? Von dieser Entwicklung wird abhängen, in welche Richtung wir das gesellschaftliche Miteinander gestalten – als inklusive Gesellschaft oder als Gesellschaft vorgegebener Gesundheitsnormen!

Hier finden Sie ein Akademiegespräch zwischen Frau Prof. Graumann, Mitglied im Deutschen Ethikrat und Präses Manfred Rekowski zu dem Thema.

Wo steht die evangelische Kirche heute?

Wir leben in Zeiten starker Veränderungen in allen Bereichen, in der Gesellschaft, in der Politik, in der Kultur. In diese Veränderungen sind die christlichen Kirchen unmittelbar eingebunden. Es wird viel über die Kirchenfinanzen geredet, aber diese sind noch vergleichsweise stabil. Es gibt aber einen langfristigen und unübersehbaren Mitgliederschwund. Vor allem aber: Die kulturelle Prägekraft schwindet kontinuierlich, die gesellschaftlichen Kommunikationsformen ändern sich nicht zuletzt auch durch die digitalen Medien tiefgreifend, die Kirchen haben daran nur sehr begrenzt Anteil. Das aktuelle Akademiegespräch habe ich mit PD Dr. Christina aus der Au geführt, die im vergangenen Jahr des Reformationsjubiläums Präsidentin des Evangelischen Kirchentages in Berlin und unmittelbar an der Gestaltung des Jubiläumsjahres beteiligt war. Das Jubiläum gibt Anlass, zurückzublicken und vorauszublicken. Auf diese Weise lässt sich der aktuelle Standort der evangelischen Kirchen genauer umschreiben.

 Vergleich von 1517 und 2017

Es ist gar nicht so weit hergeholt, das Jahr 1517 mit der heutigen Situation zu vergleichen. Beide Zeiten sind geprägt durch gravierende Veränderungen der Medien, der Kommunikationsformen in der Gesellschaft. Damals kamen die Flugblätter auf, eine Innovation des damals noch nicht alten Buchdrucks. Flugblätter, die in großer Zahl gedruckt wurden, mobilisierten mit einer zugespitzten Polemik, oft auch verbunden mit verzerrenden Bildern und bösartigen Karrikaturen. Heute gibt es in analoger Weise neue Medien, digitale soziale Netze, die Vorurteile und Hate Speech rasend schnell verbreiten. Damals wie heute ist die Verunsicherung durch die gesellschaftlichen Umbrüche groß.

Doch es gibt für die evangelische Kirche gravierende Unterschiede: Damals  waren die sich gerade erst bildenden evangelischen Kirchen sehr eng mit der medial-technischen Avantgarde  verknüpft. Luther war der meistporträtierte Mensch seiner Zeit. An den Flugblättern der evangelischen Autoren haben die Drucker gut verdient. Heute dagegen haben viele kirchliche Akteure eine erhebliche Distanz zu dem Umbruch durch die neuen digitalen Medien. Wenn man allein auf die Mächtigkeit anonymer Algorithmen schaut oder auf den Datenmissbrauch, so ist diese Skepsis berechtigt, lässt aber die gemeinschaftsstiftende Potentiale des Digitalen außer Acht.

Das Reformationsjubiläum als Gradmesser für den Stand heute

Ein weiterer Unterschied: Zu Beginn des 16. Jahrhunderts waren die religiösen Umbrüche und damit auch die evangelischen Akteure im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Heute bedarf es für die Kirche vieler Agenturen und Sonderanstrengungen, um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft zu gewinnen.

So kann das Reformationsjubiläum auch als Gradmesser für den Situation der evangelischen Kirchen heute gelesen werden. Die gute Nachricht ist, dass sich die ökumenischen Kontakte, vor allem die Verbindung zur katholischen Kirche, deutlich verbessert haben. Zugleich fällt es aber den evangelischen Kirchen immer schwerer zu sagen, was ihr Eigenes ist, woraus sie ihre Identität ableiten. Viele Symbole und Veranstaltungsformen suchten durchaus erfolgreich die Nähe zu anderen gesellschaftlich erfolgreichen Formaten, wobei sie die  theologische Standortbestimmung eher in den Hintergrund treten ließen. Die Erkenntnis der Reformatoren, dass Gott ohne alles menschliche Zutun die Sünder gerecht spricht, ist vielen Menschen heute fremd geworden. Es hat sich aber keine andere zentrale Formulierung der befreienden Botschaft des Evangeliums etabliert. Es fällt schwer, angesichts heterogener Milieus noch in allgemein verbindlicher Weise zu sagen, was der theologische Gehalt der evangelischen Tradition ist. Der Theologie als dem Versuch, allgemeinverbindlich Auskunft über den christlichen Glauben zu geben, wird nur noch eine relativ geringe Bedeutung zugewiesen. Es scheint, dass das religiöse Individuum, das authentisch seinen Glauben leben soll, in das Zentrum der evangelischen Botschaft gerückt ist. Was aber in dieser Sichtweise unterbelichtet bleibt, ist die Frage, was die Individuen miteinander verbindet, die die evangelische Kirche ausmachen, vor allem aber die Frage, wie es dazu kommt, dass diese Individuen sich als evangelische Christen erleben.

Ein Blick in die Zukunft

Der Blick in die Zukunft ist naturgemäß unscharf. Aber es gibt gute Gründe, dass es künftig zentral um die Frage gehen wird, wie dem Gemeinschaftsgedanken wieder eine größere Bedeutung zukommen kann. Die evangelischen Kirchen werden nur dann zu neuer Stärke finden können, wenn sie auch deutlich machen, dass sie nicht nur ein Zweckverband christlich geprägter Menschen oder eine religiöse Geselligkeitsform sind. Zum christlichen Glauben gehört unauflöslich die Gemeinschaft der Glaubenden, der Glaube ist nichts, was ein Individuum aus sich selbst schöpfen kann.

Doch wie kann man der Gemeinschaft in der Kirche neue Kraft, neue Formen geben? Wie muss man in diesem Zusammenhang die Rolle der digitalen Medien einschätzen? Diese Fragen werden sicherlich im Mittelpunkt künftiger Diskussionen um die Entwicklung evangelischer Kirchen stehen. Christina aus der Au wies in dem Akademiegespräch auf die Bedeutung des Heiligen Geistes. Der Geist vereint in der biblischen Darstellung Einheit und Vielfalt auf elementare Weise: „jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden“ (Apg 2,6). Der Geist ermöglicht eine Einheit, eine Gemeinschaft unter Menschen, die dennoch die Differenz und Unterscheidungen nicht auflöst. Evangelische Kirchen der Zukunft sind dann solche, in denen jenseits aller Differenzen eine existentielle Gemeinschaft erfahren werden kann, sie sind Gemeinschaften, die die Individualität nicht verleugnen und doch gemeinsame Ausdrucksformen und eine gemeinsame Sprache über den Glauben entwickeln.