Energiearmut – was bedeutet das?

Russland hat nun die Gas Pipelines stillgelegt. Welche Folgen hat das für unseren Lebenswandel, für unsere Gesellschaft? Das ist tatsächlich sehr schwer abzuschätzen. Denn wir leben in einer modernen, vielfach vernetzten, hochkomplexen Gesellschaft. Wer die Diskussionen in diesen Tagen verfolgt, spürt die Unsicherheit in der Gesellschaft, eine Unsicherheit nicht nur über die Tagespolitik oder den kommenden Winter, sondern auch über die mittel- und langfristigen Wirkungen.  

Ein Wort zu den Fehlern der Vergangenheit

Vor der Abschätzung der gegenwärtigen Lage ein Wort zu den drastischen Fehlern der Vergangenheit, die uns in die heutige Lage gebracht haben. Der erste Fehler war offenkundig, sehr stark auf einen politisch äußerst schwierigen Energieexporteur Russland zu setzen. Der Reiz der leichten und preiswerten Energieversorgung, die nicht ganz so klimaschädlich ist wie Kohle, war zu groß. Preiswerte Energie ist für ein Hochindustrie- und Exportland von großer Bedeutung, es senkt die Produktionskosten. Der zweite mindestens ebenso große Fehler war, dass der Ausbau der Energiegewinnung der Zukunft, der regenerativen Energien in den 10er Jahren massiv vernachlässigt worden ist. Der Ausbau der Photovoltaik brach zu Beginn des Jahrzehnts ein, der Ausbau der Windenergie in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts. Stattdessen wurde auch angesichts der offen aggressiven Politik Russlands Nordstream 2 beschlossen und zügig gebaut.

Unsere aktuelle Situation

Nun also liegt eine Zeit der Energiearmut vor uns, Deutschland muss mit weniger Energie auskommen. Die relative Energiearmut wird auch eine geraume Zeit anhalten. Die Anteile der Energieversorgung aus Russland war noch 2021 erheblich. Die Zufuhr von russischer Kohle und von russischem Öl wurden schon durch die Sanktionen zuvor gedrosselt. Unter den Primärenergieträgern hat Erdgas in etwa den Anteil von einem Viertel der Gesamtversorgung. Davon wiederum die Hälfte war bis zum letzten Jahr Gas aus Russland. Dieser Anteil ist in den letzten Tagen fast auf Null gefallen.

Die Besonderheit der Erdgasversorgung

Wenn eine Energieexporteur wie Russland nicht mehr zur Verfügung steht, ist es natürlich möglich, ihn durch andere zu ersetzen. Das ist bei Kohle und Öl auch recht leicht möglich. Für beide Energieträger gibt es ausgebaute weltweite Handelsstrukturen, es gibt einen Weltmarkt, auf dem weitere Käufe möglich sind. Die Infrastruktur für die Versorgung ist flexibel, Züge und Schiffe transportieren Kohle und Öl an nahezu beliebige Orte. Die Reduktion von russischem Öl und von russischer Kohle wird auch kaum diskutiert. Das ist allerdings bei Erdgas anders. Größere Mengen lassen sich als Flüssiggas transportieren oder durch Röhren senden. Die Umwandlung in Flüssiggas ist kompliziert und erfordert wiederum eine größere Logistik und Infrastruktur. Deutschland hat in der Vergangenheit auf die Versorgung durch Röhren gesetzt. Röhren lassen sich aber nicht schnell verlegen oder neu legen. Insofern ist das System viel starrer als bei Kohle und Öl. Das heißt: Erdgas kann erstens nicht so schnell ersetzt werden nd zweitens wird jeder Ersatz teurer und führt zu einer Verteuerung der Energieversorgung.

Akuter Energiemangel, höhere Preise

Energiearmut kann sich in akutem Energiemangel und in höheren Preisen äußern. Wenn ein eklatanter Energiemangel entsteht, wirkt das unmittelbar auf die hochkomplexen Versorgungssysteme zurück. Reicht die Energie oder fallen bestimmte Teile des Versorgungssystems im Winter aus? Die Bundesnetzagentur berät ja auch über Notfallpläne, um möglichen Schaden zu reduzieren. Eine akute Unterversorgung ist eine reale Gefahr. Dann potenziert sich der Schaden. Die aktuelle Preisentwicklung, die exorbitanten Steigerungen haben vor allem mit Ungewissheit und Spekulation zu tun, ob ein solcher eklatanter Mangel eintritt.

Was tun?

Gegen einen solchen drohenden Versorgungsausfall gibt es zwei Maßnahmen: Energie einsparen und Energie substituieren. Ersteres ist die beste aller Möglichkeiten. Sie hat positive Effekte auf den Klimawandel, sie schafft vielleicht dauerhaft ein verändertes Verhalten im Alltag, sie hilft durch verringerte Nachfrage zu einer Preissenkung. Die zweite Maßnahme verhindert auch einen akuten Ausfall, sie führt aber auch zu deutlich höheren Kosten. Und sie kann nicht so schnell zum Zuge kommen, weil Gas in der Infrastruktur nicht einfach durch Öl oder Kohle zu ersetzen ist.

Trotz aller Maßnahmen ist Energiearmut unausweichlich

Beide Maßnahmen aber können eine Energiearmut nicht verhindern, nur lindern. Wir werden nicht so schnell alternative Energiequellen im ausreichenden Umfang erschließen können. Welche Folgen hat das jenseits der katastrophischen Szenarien? Auf jeden Fall wird die verfügbare Energie auf lange Sicht deutlich teurer, auch mit einer LNG Gas Infrastruktur. Schon das hat erhebliche Auswirkungen auf das Industrie- und Exportland Deutschland. Die Produktion von energieintensiven Gütern wird unter Druck geraten. Die erhöhten Preise werden wirtschaftliche Verwerfungen zur Folge haben. Der einzige langfristige Ausweg daraus ist langfristig nur der radikale Ausbau erneuerbarer Energiequellen. Aber das dauert viele Jahre.

Gegen idealistische Tendenzen: Energie ist auch heute eine existentielle Grundgröße

In dieser Situation zeigt sich, dass Energieversorgung eine elementare Dimension auch einer hochmodernen Gesellschaft darstellt. Die Bundesregierung kann auch mit noch so viel Geld, Energie nicht ersetzen. Energie ist eine existentielle Grundgröße. Energiearmut ist deshalb auch eine bedrohliche Situation. Wir haben das lange unterschätzt. Da gibt es übrigens eine erkennbare Parallele zu unserem Verhältnis zur Landwirtschaft. Wir lebten viele Jahre in einem Energiereichtum, in einer Situation, in der Energie immer in größerem Umfang zur Verfügung stand als wir sie brauchten. Die gesellschaftlichen Diskussionen haben einen idealistischen Zug, sie unterschätzen die materiellen und damit auch energetischen Bedingungen des basalen Lebens (das gilt eigentümlicher Weise auch für die Börsen). Der richtige Wille und der erfinderische Geist machen aber nicht alles möglich. Wir waren zu leichtfertig, glaubten uns geschützt vor einer Energiearmut. Sonst hätten wir sonst den Ausbau regenerativer Energien viel entschlossener vorangetrieben.

Der Idealismus an den Börsen

Die wirtschaftliche Lage verdüstert sich zurzeit stetig. Früher hätte schon eine Botschaft ausgereicht, um erhebliche Turbulenzen auszulösen: die drastische Verteuerung und Verknappung der Energie insbesondere beim Gas, die rasch steigende Inflation, die bald vielleicht in Deutschland zweistellig werden kann, das Wegbrechen von Absatzmärkten in Russland, die Instabilität der Märkte in China, die Inflation in den USA usw. usf. Doch noch vor wenigen Tagen wurde in den Online Zeitungen, die die Börse beobachten, intensiv darüber debattiert, ob nun die Werte wieder stetiger steigen können, ob nicht eine längerfristige Rallye ansteht….

Die Börse als Ort der wahren Realisten?

Das ist komisch, vielleicht aber auch sehr bezeichnend, bezeichnend für eine bestimmte Haltung, einen bestimmten Umgang mit der Wirklichkeit in unserer Zeit. Diese Haltung weist über das Börsengeschehen hinaus, das hier als Indikator gelten soll für eine in der Gesellschaft verbreitete Geisteshaltung. Diese Haltung lässt sich meiner Ansicht nach aus guten Gründen als idealistisch bezeichnen. Das mag auf erstem Blick irritierend sein, weil ja gemeinhin mit Idealismus eine eher gesellschaftlich progressive, wertorientierte Deutung der Wirklichkeit gemeint ist und nicht die „Hyperrealisten“, die an den Märkten handeln.

Idealismus versus Materialismus

Der Idealismus steht klassischerweise, also in seinem Gebrauch im 19. Jahrhundert, in einem Gegenüber zum Materialismus. Was ist gewichtiger: Die materielle Gegebenheit der Wirklichkeit oder die eher (ideelle, kognitive) Kommunikation über sie? Die Phänomenologie nimmt an, dass beide miteinander verschränkt sind und beide berücksichtigt werden müssen. Deshalb kann und muss das eine immer auch als Korrektiv des anderen genutzt werden. Nehmen wir die materiellen Vorgaben der letzten Zeit, vor allem eine drastische Energiekrise, so wären die Börsen, die ja Zukunfts- und Erwartungswerte auf künftige wirtschaftliche Erfolge handeln, längst in einer tiefen Krise. Doch genau diese Parameter scheinen nur am Rande aufzutauchen. Im Zentrum steht dagegen die Kommunikationen über das Börsengeschehen selbst. Die Börsenkurse bewerten also vor allem die Kommunikation der Teilnehmenden am Börsengeschehen. Das lässt sich durchaus idealistisch nennen.

Die Märkte erkennen die Wirklichkeit

Dazu gibt es den ominösen Plural „die Märkte“. Die Regel ist einfach: Wenn die Märkte etwas positiv kommunizieren, dann ist es positiv. Wer sollte denn die Wirklichkeit besser deuten können als „die Märkte“? Ergo: Sind nur genügend viele Marktteilnehmenden optimistisch, so gibt es wirklich Grund für Optimismus. Es geht schlicht darum, Gewinnchancen zu identifizieren. In dieser Haltung konnten die schlechten Nachrichten der letzten Wochen und Monate aus der Realwirtschaft ignoriert werden. Erst in den letzten Tagen scheint sich das Blatt auch an den Börsen zu wenden.

Die Wirklichkeit ist mehr als die Kommunikation über sie

Warum ist die Börsenkommunikation interessant? Vielleicht zeigt sich hier ein Grundzug unserer Zeit: Wir neigen in der gegenwärtigen Gesellschaft dazu, die Kommunikation über etwas für wichtiger zu nehmen als das, worüber kommuniziert wird. Das ist sicherlich auch durch die wachsende Bedeutung der Kommunikation in den digitalen Medien beeinflusst. Allerdings ist der klassische Materialismus dann immer auch ein gutes Korrektiv. Es gibt Größen, die sind eben da oder sie sind nicht da. Sie weisen eine gewisse Widerständigkeit gegen eine beliebige Deutung auf. Zu diesen Größen gehört die Energie. Wenn Energie fehlt, geht vieles nicht mehr, auch die Kommunikation nimmt zwangsläufig ab. Die anstehende Energieknappheit kann uns lehren, dass eine intensivierte Diskussion um die Energie nicht ihre Knappheit beseitigt.

Energie – leicht verfügbar!

Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat auch die Frage der Energiesicherheit aufgeworfen. Es wird schmerzlich bewusst, wie abhängig Europa, vor allem Deutschland von den Energielieferungen Russlands ist. Wieso ist das nicht früher deutlich geworden, warum haben viele Akteure die Energieabhängigkeit so unterschätzt?

Die These:

Neben einer fatalen Marktorientierung gibt es in unserer Gesellschaft eine kulturell tiefsitzende idealistische Unterschätzung materieller und energetischer Abhängigkeiten.

Der Beitrag der Globalisierung

Die Globalisierung hat die Warenströme stark ansteigen lassen. Dies gilt auch für die Energieträger. Noch vor einigen Jahrzehnten hatten die Länder einen deutlich höheren Autarkiegrad, das heißt, die vornehmlich verwendeten Energieträger wurden in den Ländern selbst gewonnen. Das war in Europa vorrangig Kohle, aber auch Gas. Erst die zunehmende Abhängigkeit von Öl änderte die Situation. Diese Abhängigkeit wurde in der Ölkrise in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schmerzlich bewusst. Doch ließen sich die Konflikte vorerst bereinigen.

Doch nun kehrt eine Energiekrise mit deutlich größerer Wucht zurück. Das liegt daran, dass in den vergangenen 30 Jahren, in der Hochphase der Globalisierung, viele Länder das Streben nach Autarkie aufgegeben haben und Energieträger dort gekauft haben, wo sie am günstigsten waren. Steinkohle zum Beispiel ist in Australien günstig und auch in Russland. Die Förderung von Steinkohle in Deutschland wurde beendet. Der Energieträger Erdgas gewann in den zurückliegenden Jahren für Deutschland massiv an Bedeutung. Der Weltmarkt wurde zu der Referenzgröße, um die Energieversorgung zu gestalten.

Erneuerbare Energien als Alternative

Zu dem globalen Handel von Energieträgern kam die Diskussion um den Ausbau erneuerbarer Energien hinzu. Denn zu der gleichen Zeit, in sich der Weltenergiemarkt ausbaute, wuchs die Einsicht, dass der massenhafte Gebrauch fossiler Energieträger das Weltklima bedroht. In Deutschland ist spätestens Ende der 90er Jahre der Ausbau regenerativer Energien diskutiert worden, ein erster wichtiger Schritt war das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) von 2000. Damit verbunden war die Hoffnung, dass die Energiewende zügig die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern beenden kann. Doch dann verlor der Ausbau regenerativer Energien wieder an Dynamik, er wurde in den folgenden Jahren nur halbherzig und vor allem leichtfertig betrieben. Es gab Fortschritte, aber auf den gesamten Energiebedarf gesehen ist der Anteil regenerativer Energiegewinnung nach wie vor klein. Meist wird in der Diskussion der Strommarkt hervorgehoben, an dem die regenerativen Quellen fast 50 % Anteil haben. Doch macht der Strommarkt nur 20% der gesamten Endenergie aus. Der Anteil von Sonne und Wind an der Endenergie beträgt auch 2021 weniger als 10 %.

Energie ist da!

Zu der Frage am Anfang zurück: Wie sind wir also in dies Situation geraten? Zum einen war die Erwartung dem Weltmarkt gegenüber zu naiv. Zum anderen aber gibt es auch eine unheilvolle Unterschätzung der Elementargröße „Energie“ in unserer Gesellschaft. Hier wirkt ein tiefsitzendes kulturelles Deutungsmuster einer idealistischen Zivilisation: Die Unterschätzung der materiellen und energetischen Abhängigkeiten. Viele neigen dazu, mit der Ressource Energie sorglos umzugehen. Die Debattenbeiträge legen eher nah, dass mit gutem Willen und klugem Vernunftgebrauch alle Engpässe beseitigt werden können. Die widrigen Kräfte der Wirklichkeit lassen sich leicht überwinden, Abhängigkeiten und Mängel aushebeln. Man könnte das einen technologischen Optimismus nennen, aber dann müsste es mehr Interesse an den technischen Lösungen geben. Auf die Frage, wie wir der Gasabhängigkeit entfliehen können, heißt es leichthin: Mit regenerativer Energiegewinnung. Das ist prinzipiell richtig, aber die Mühen und die Zeit, bis ein solcher Zustand erreicht wird, werden leichtfertig überspielt. Wer weiß, wie abhängig das eigene Leben von einer ausreichenden Energieversorgung ist, argumentiert vorsichtiger. Die widrigen Kräfte der Wirklichkeit lassen sich nicht allein durch die Absicht allein überwinden.

Die kostbare Ressource Energie

Es gilt heute mehr denn je die Aussage von Ernst-Ulrich von Weizsäcker: Die größte Energiequelle der Zukunft ist das Energiesparen. Doch auch dann muss man Energie ernster nehmen, als kostbare Ressource und kann annehmen, sie sei einfach jederzeit verfügbar. Die meisten Bilder der Automobilunternehmen zu E-Mobility strahlen aber genau das aus: Allein schon der Elektroantrieb macht die Autos nachhaltig, unabhängig von ihrem Verbrauch, als hätten wir beliebige Mengen regenerativer Energien zur Verfügung. Da ist es dann auch nicht verwerflich, nach wie vor große und schwere Karossen zu produzieren. Dagegen gilt: Die Energie der Zukunft ist eine knappe und kostbare Ressource. Die Widerstände einer geringeren Verfügbarkeit werden wir noch lange spüren.  

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„Große Transformation“ – aber nichts soll sich ändern?

Wo sind wir in der öffentlichen Diskussion?

Aktuell, Ende Oktober 2021 können wir auf einen monatelangen Bundestagswahlkampf und auf die ersten Schritte einer Regierungsbildung zurückblicken, die Ampel-Parteien haben ein gemeinsames Sondierungspapier verfasst, das die Grundlage künftiger Koalitionsverhandlungen bildet. Es bleibt bei aller Hoffnung auf einen Neuaufbruch ein zwiespältiger Gesamteindruck. Immer wieder ist von fast allen Akteuren betont worden, wie zentral das Thema des Klimawandels ist, dass dieses Thema die Politik der kommenden Jahre dominieren wird. Doch zugleich bleiben die Vorstellungen eigentümlich undeutlich, was eine solche Klimapolitik für die Menschen und ihre Lebensweise bedeutet.

Es geht nicht nur um Technik

Klar, die regenerativen Energien müssen ausgebaut werden, die Sanierungsrate der Gebäude muss ebenso deutlich erhöht werden wie der Anteil der E-Mobilität. Die politischen Akteure beschränken sich vor allem auf die Beschreibung des technischen Wandels. Doch wie ändert sich die Lebensweise? Wie werden wir in dem Zieljahr der CO2 Neutralität, also 2045, wohnen, wie wird unsere Mobilität aussehen, was werden wir kaufen, was werden wir essen? Das, was in der öffentlichen Diskussion fehlt, wird immer deutlicher: Es fehlen Bilder und Konkretionen eines kulturellen Wandels. Dabei sagen Expertinnen und Experten wie etwa Maja Göpel oder Uwe Schneidewind seit langer Zeit, dass technische Innovationen nicht reichen. Sonst droht der gefürchtete „Rebound“-Effekt, der die letzten Jahrzehnte dominierte. Die Motoren sind etwa viel effizienter geworden. Doch statt zu sparen wurden die Automobile größer und schwerer. Die Wohnungen sind besser gedämmt. Doch auch dieser Effekt wurde durch größere Wohnflächen zunichte gemacht.

Doppelte Entkoppelung – eine kulturelle Transformation ist unverzichtbar

Es braucht eine doppelte Entkoppelung, durch technische Alternativen und durch einen kulturellen Wandel. Davon aber war im Wahlkampf fast nicht die Rede. Diese Lücke ist kein politisches oder gar moralisches Versagen der Akteure, vielmehr zeigt sich hier eine grundlegende Grenze des politischen Systems. Starke Impulse zu einem tiefgreifenden kulturellen Wandel sind von hier kaum zu erwarten. Der kulturelle Wandel kann nur gelingen, wenn viele Akteure der Zivilgesellschaft sich beteiligen.

Das „weiter, größer, schneller“ beenden

Diese Aufgabe ist riesig, die Veränderungen werden von vielen nicht als Verbesserungen erkennbar sein werden. Denn jenseits alternativer Milieus hat sich in der Mehrheitsbevölkerung das kulturelle Muster eines „weiter, größer, schneller“ über eine sehr lange Zeit verfestigt: Eine Reise ist besser, wenn sie in ferne Länder führt, eine Wohnung ist besser, wenn sie größer ist, ein Auto ist besser, wenn es schneller ist. Die Kraft dieser kulturellen Prägung darf nicht unterschätzt werden. Hier liegt wohl die größte gesellschaftliche Herausforderung der kommenden Jahre. Es geht nicht nur darum, alternative Technologien zu entwickeln und klug auszubauen, es geht auch darum, eine Kultur des „weiter, größer, schneller“ durch eine alternative zu ersetzen. Und da sind wir, das zeigt das Schweigen im Bundestagswahlkampf der letzten Monate, noch ganz am Anfang!  

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Eine eigentümliche Kraft der Gegenwart: die Hoffnung

Handeln in Zeiten der Unsicherheit

Wie auch immer die Bundestagswahl ausgehen wird, den meisten ist klar, dass sich die Verhältnisse tiefgreifend ändern müssen, wenn die Klimaziele auch nur annähernd erreicht werden sollen. Wir durchleben eine Zeit der Unsicherheit, in der entscheidende Fragen, die alle spüren, von den politischen Akteuren nicht angesprochen werden. Was kann bleiben von unserer Lebensweise, was muss sich ändern? Es ist nicht von ungefähr, dass in dieser letzten Phase des Wahlkampfes das Thema der sozialen Sicherheit nach oben schnellt.

In Zeiten der Unsicherheit ist Zuversicht vonnöten, die Handeln ermöglicht. Diese Zuversicht ist von Hoffnung geprägt. Es ist nicht eine kleinmütige Hoffnung, die vermutet, dass es schon irgendwie gut ausgehen wird. Es ist vielmehr die Hoffnung, die auch bei einer schlechten Entwicklung nicht aufgibt, eine Beherztheit bei unklaren Bedingungen.

Wie kann man in Zeiten radikaler Unsicherheit handeln? Was ist Hoffnung? Manchmal kann man von Extremen lernen. Der amerikanische Philosoph Jonathan Lear hat sich in einem Buch intensiv mit dem Schicksal und der Geschichte des nordamerikanischen indigenen Volkes der Crow auseinandergesetzt. Dieses Volk durchlebte durch die Zuweisung in ein Reservat eine Zeit massiver kultureller Zerstörung. Doch dem stand eine radikale Hoffnung entgegen. Das Buch von Lear hat den Titel „Radikale Hoffnung. Ethik im Angesicht kultureller Zerstörung“. Es schildert eine Form extremer Verletzlichkeit und enthält doch auch darüber hinaus Lehren für alle Zeiten von kulturellem Wandel, von Unsicherheit.

Das Schicksal der Crow

Die Geschichte der Crow in den wichtigsten Zügen: Die Crow sind ein indigenes Volk Nordamerikas, das in den vergangenen Jahrhunderten in den Weiten der Prärie östlich der Rocky Mountains beheimatet war. Sie lebten nomadisch und konzentrierten sich vor allem auf die Büffeljagd. Das Volk, das über Generationen bekämpft wurde, waren die Sioux. Die Lebensweise war kriegerisch, junge Männer sollten sich im Kampf erweisen oder sterben.  Lear demonstriert das an der Sitte des „Coup“ Machens. Einen Coup machen bedeutete, eine Linie zu ziehen, die der Feind nur bei Verlust des eigenen Lebens überwinden soll. Der Tod in diesem Kampf war ehrenvoll. Über Jahrhunderte lebten die Crow so von Büffeljagd und zogen von einem Ort zum anderen. Es geht in der Darstellung Lears nicht um Romantik, nicht um die moralische Vorzüglichkeit einer naturorientierten Lebensweise. Aber es geht um die Selbstbestimmung eines Volkes und um seine kulturelle Verletzlichkeit.

„Danach ist nichts mehr geschehen.“

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts drangen immer mehr europäische Siedler in die Gegend vor. Über mehrere Stufen wurde das Land, in dem sich die Crow bewegen konnten, verkleinert, schließlich zogen sie in den 80er Jahren in ein Reservat. Der Häuptling, der sie dabei geleitet hat, war Plenty Coups. Er steht im Mittelpunkt der Beschreibungen von Jonathan Lear. Auf dessen Memoiren, die er in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts jemanden diktiert hatte, ist Lear aufmerksam geworden. Dort findet sich der zentrale Satz: „Danach ist nichts mehr geschehen.“ Der Satz beschreibt den Moment, als die Crow ins Reservat zogen. Er meint nicht, dass die Crow sich aufgaben oder in einer Depression versanken. Im Gegenteil, Plenty Coups hatte auch später ein hohes Ansehen in Washington DC, repräsentierte dort des Öfteren die indigene Bevölkerung und konnte mit einer geschickten Politik zugunsten seines Volkes intervenieren.

Lear geht es um etwas anderes: Was auch immer geschah, als die Crow in das Reservat zogen, als sie nicht mehr Büffel jagten, es war im Rahmen ihrer eigenen Traditionen und kulturellen Begriffe nicht darstellbar. Mit dem Einzug ins Reservat geschah ein radikaler Abbruch ihrer narrativen Traditionen. Es geht um die kulturelle Selbstbestimmung eines Volkes, die damals zerstört wurde. Im Kontext ihrer eigenen Erzählungen, die die Kämpfe mit den Sioux thematisierten oder die Jagd der Büffel oder tapfere Taten der Beharrung, Coup machen genannt, gab es keine Ausdrucksmöglichkeiten für ein sesshaftes Leben in gesicherten Verhältnissen. Ihre Begriffe und ihre Erzählungen konnten das nicht abbilden. Alles in allem erlitten die Crow durch die Übersiedlung in ein Reservat eine radikale kulturelle Zerstörung. Solch ein Abbruch führt nicht einfach zu dem Beginn von etwas Neuem, sondern zunächst zu einer Fassungs- und Ausdruckslosigkeit. „Danach ist nichts mehr geschehen.“

Menschliche Verletzbarkeit

Lear interpretiert diesen Abbruch über das Schicksal der Crow hinaus als eine fundamentale Erfahrung menschlicher Verletzlichkeit. Sie führt zu der Anerkennung der eigenen Verletzlichkeit, vor allem der Verletzlichkeit einer sozialen Gemeinschaft, einer Kultur, einer Zivilisation. Die Erfahrung, in einer scheinbar stabilen Kultur zu leben, ist immer von der Ahnung begleitet, dass diese Kultur auch ein Ende erleben kann. Lear bezieht sich auch auf die Naturkatastrophen, denen viele Menschen in unserer Zeit ausgesetzt sind.

Die radikale Hoffnung als Antwort

Radikale Hoffnung korrespondiert nach Lear mit diesem radikalen kulturellen Abbruch. Das Leben der Crow ging ja weiter. Obwohl Plenty Coups dafür keine Worte hatte, gab er sich und sein Volk nicht auf, sondern richtete sich auf eine unbekannte und unbestimmbare Zukunft aus. Entscheidend ist ein symbolischer Traum, den Plenty Coups hatte und der ihn aufforderte, sich auf Neues einzulassen. Der Traum handelt von einer Meise. Er sah sich aufgefordert, dem Unbekannten gut zuzuhören, so wie das eine Meise tut, um dann so handeln zu können, dass die eigenen Interessen gewahrt bleiben. Radikale Hoffnung ist eine Möglichkeit von Menschen in Ausnahmesituationen, im Angesicht eines radikalen kulturellen Abbruchs, eines großen Verlustes. Sie bezeichnet die Fähigkeit, über den Abbruch hinweg, sich auf das Unbekannte einzulassen. Hier ist kein Bezug auf eine objektive Welt, die Menschen stolpern in das Offene. Hier ist auch kein Sehnen auf eine bessere Zukunft, die beschreibbar wäre. Es geht vielmehr auch bei der radikalen Hoffnung vor allem um das Bestehen in der Gegenwart.

Radikale Hoffnung als Extrem einer allgemeinen Fähigkeit?

In einer Fußnote vergleicht Lear, der Jude ist, diesen Bruch mit der Zerstörung des Tempels durch die Römer 70 nach Christus.  Plenty Coups engagierte sich für die Lebensbedingungen seines Volkes und war darin sehr erfolgreich. Lear schließt mit dem Resümee: „Obwohl er also für eine neue Lebensweise der Crow eintrat, schöpfte der dabei auf lebendige Weise aus der Vergangenheit. Wie ich es daher sehe, spricht vieles dafür, dass Plenty Coups den Crow einen traditionellen Weg nach vorne eröffnet hat.“

Einen Weg nach vorne kann die so verstandene Hoffnung auch heute weisen. Natürlich ist alles, was wir erleben nur ein schwacher Reflex jener dramatischen Situation, die die Crow durchleben mussten. Und doch kann das Extrem ja vielleicht auf Kräfte weisen, die auch in Zeiten geringerer Unsicherheit gelten. Die Hoffnung ist dann eine Kraft der Gegenwart, die es möglich macht, sich auf eine unbekannte Zukunft einzulassen, die anders sein wird als das, was wir gewohnt waren und gewohnt sind. Die Hoffnung, das zeigen die Ausführungen von Lear zur radikalen Hoffnung, ist eine eigentümliche Kraft der Gegenwart

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