Der Mensch als Egoist. Politische Analysen von Erik Flügge. Eine Rezension

Erik Flügge hat ein Buch veröffentlicht, das den kurzen und prägnanten Titel „Egoismus“ trägt. (Egoismus. Wie wir dem Zwang entkommen, anderen zu schaden, Dietz Verlag, Bonn 2020) Das Buch ist mit 111 Seiten von überschaubarer Länge, der Preis, den der Verlag angesetzt hat, ist aber auch nicht hoch, er beträgt 10 Euro.

Der Egoismus lässt sich nicht durch Moral einhegen

Der Egoismus hat nach Flügge in unserer Gesellschaft eine zwiespältige Rolle: Auf der einen Seite prägt er den Alltag und viele gesellschaftliche Strukturen, auf der anderen Seite aber wird er von den meisten als eine zu verurteilende Haltung abgelehnt. Flügge macht zu Beginn klar, dass er in dieser Ambivalenz ein Problem sieht. Er fragt pointiert: „Sind Sie ein Egoist? Ich hoffe doch. Alles andere wäre die blanke Unvernunft.“ (S. 13) Es ist hier und auch an vielen anderen Stellen des Buches eindeutig, was Flügge auf jeden Fall ablehnt, das ist eine Moralisierung des Problems. Im Text bezieht er sich immer wieder auf Moralisten, die für ihn  an der Oberfläche hängen bleiben, die nicht erkennen, wie fundamental der Egoismus für unsere Gesellschaft ist. Das zeigt sich auch bei politischen Wahlen: „Die moralische Rede vom Zusammenhalt erhält Applaus, weil sie eine Sehnsucht befriedigt, aber sie erhält keine Stimme,weil sie nicht mehr ist als eine hohle Phrase.“ (S. 20) Es steht seiner Ansicht nach außer Frage, dass man den verbreiteten Egoismus nicht mit moralischen Vorhaltungen einhegen kann. Immer wieder scheint durch, dass er eine solche Haltung verlogen findet, denn tatsächlich dominiert der Egoismus in vielen unserer Handlungen. Zwischen Egoismus und Zusammenhalt liegt die Freiheit

Ist der Egoismus nun ein Verhängnis? Nein, das ist er nicht, er ist für Flügge in gewisser Weise ein Pol eines Spektrums. Die Extreme des Spektrums sind problematisch:Der unbegrenzte Egoismus führt zu einer Ordnung der Unterdrückung. Der andere Pol ist bestimmt von absoluter Gleichheit und Gemeinschaft. Hier gilt zwar die Norm des Zusammenhalts, aber: „Egal wie sehr man behauptet, die Gemeinschaft sei offen für alle, so wird der Gedanke vom Zusammenhalt doch immer eine so starke innere Norm entfalten (…) eine Gesellschaft, in der Gleichheit zementiert wird und echte individuelle Freiheit stirbt.“ (S. 16) Beide, Egoismus und Zusammenhalt im Sinne der Anerkennung durch andere möchte Flügge gerne zusammen denken: „Nur zwischen diesen beiden Polen gibt es echte Freiheit für jedermann.“ (S. 15)

Die kluge Ordnung fördert beides, Egoismus und Zusammenhalt

Wie aber soll man mit der ständigen Gefahr eines Überhangs an Egoismus umgehen, wie soll man ihn eindämmen, so dass die Gesellschaft sich nicht in dieses eine Extrem entwickelt? Hierzu gibt Flügge die Losung aus, systemisch zu denken. Gesellschaften bestehen aus Regeln, wenn diese Regeln egoistisches Verhalten nicht eindämmen können, so muss man die Regeln ändern. Aber anders als es die von Flügge so zu Recht gescholtenen Moralisten tun. Es geht nicht darum, mehr Verbote zu erlassen oder das Handeln zu erschweren, vielmehr geht es darum, die Regeln auf kluge Weise so zu gestalten, dass sie den Egoismus nicht absolute Freiheit lassen, dass Zusammenhalt auch möglich ist: „Es geht also darum, systemisch gedacht, den Menschen in möglichst vielen organisierbaren Situationen zur Kooperation zu bringen (…).“ (S. 29)

Flügge unternimmt das Wagnis, in den folgenden kurzen Kapiteln des Teils „Die kluge Ordnung“ konkrete Vorschläge für Regeländerungen auf ganz unterschiedlichen politischen Feldern zu entwickeln. So macht er Vorschläge zur Finanzierung der Gewerkschaften, zu einer Linderung der kontinuierlichen Mietsteigerungen, zu einer gerechteren Bildung, zu mehr Ökologie und Verbraucherschutz. All diese Gedanken sind kurz ausgeführt und leuchten mehr oder weniger ein. Alle sind sicherlich innovativ gedacht, sie hangeln sich nicht entlang einer liberalen Doktrin der Freiheit des Einzelnen oder einer dogmatischen Doktrin der Umverteilung von Vermögen.

Institutionen müssen ihre Eigenart erkennen, um überleben zu können

In einem letzten Teil befasst sich Flügge mit großen gesellschaftlichen Institutionen, vor allem den Kirchen und den politischen Parteien. Der zentrale Satz zu den Kirchen lautet. „ Überall dort, wo Kirchengemeinden sich nicht um sich selbst, sondern um andere drehen, da sind sie stark.“ (S. 97) Flügge sieht die latente Gefahr der Selbstbeschäftigung der Kirchen. Die Gefahr ist in den kommenden Zeiten schwindender Mittel in der Tat manifest. Den Parteien empfiehlt er nicht luftige Visionen, sondern eine klare Gegnerschaft: „ Wer nicht weiß, wogegen man antritt, verliert auch alle Überzeugungskraft.“ (S: 107)Politik hat es in der Tat mit Konflikten zu tun. Auch hier zeigt Flügge, dass er aus guten Gründen einer Moralisierung von Politik wehren möchte.

Die Kritik: Auch der Egoismus setzt immer schon eine grundlegendere Verbundenheit von Menschen voraus.

In manchem  kann ich Flügge folgen, an entscheidenden Punkten aber möchte ich ihm widersprechen. Er ist offenkundig der Auffassung, dass die Gegenwart und auch die Zukunft von den gegenwärtigen gesellschaftlichen Systemen bestimmt sind, die Formen der Gemeinschaft und des Zusammenhalts veraltet sein lassen. „Unser System liefert keinen Gewinn aus Gemeinsinn mehr. Uns gingen Gott und Tradition verloren.“ (S. 22) So oder ähnlich formuliert er auch an anderen Stellen. Doch hier kommt mir die philosophische Analyse zu kurz. Flügge neigt dazu, den Status quo zu zementieren. Doch die gesellschaftliche Gegenwart, die wir erleben, ist in einer gesellschaftlichen und kulturellen Formation entstanden und sie wird sich weiter entwickeln. Das Gleiche gilt für das vorherrschende  Menschenbild. Der Mensch ist nicht einfach ein egoistisches Individuum. Natürlich gab es und gibt es immer egoistische Beweggründe. Man darf dies aber weder moralisieren, noch überhöhen. Bestimmte gesellschaftliche und kulturelle Strömungen der Gegenwart legen letzteres nah. Um aber ein vollständigeres Bild zu zeichnen, ist es meiner Ansicht nach unerlässlich, Zusammenhalt – ich würde ja den Begriff der sozialen Verbundenheit bevorzugen – auch analytisch genauer zu bestimmen. Er ist weit mehr als Anerkennung. Die Verbundenheit konstituiert den Menschen und gibt ihm die Grundlage, überhaupt erst einmal Individuum werden zu können: Aus der Verbundenheit heraus lernen wir sprechen. Aus der Verbundenheit heraus, eignen wir uns Werte an. Aus der Verbundenheit heraus, empfinden wir Treue zu manchen Menschen. Das sind keine veralteten Kategorien, schon gar nicht haben wir sie einfach verloren. Gerade die moderne Anthropologie (Michael Tomasello: „Mensch werden“) weist dies im Detail nach, hier ist es die geteilte Intentionalität. Theologisch: Gerade die Verbundenheit mit Gott bringt sich im Glauben zum Ausdruck. So sehr ich also in der Skepsis gegenüber kurzschlüssigen Moralisierungen übereinstimme, so sehr beschreibt Flügge eine ganze Dimension menschlicher Realität, die Verbundenheit, nur unzureichend. Mehr dazu: https://frank-vogelsang.de/soziale-verbundenheit/

Der Impfstoff, eine gute Nachricht für Europa und ein weltweites Problem

Noch in der vergangenen Woche habe ich in diesem Blog mit großer Skepsis darüber nachgedacht, warum wir eine mögliche Impfung herbeisehnen. Sie ist die „technische Lösung“ des Problems der Pandemie, das heißt, sie erfordert sehr geringe Veränderungen im gesellschaftlichen Abläufen und Strukturen und  in dem eigenen Verhalten. Skeptisch war ich, weil das Ersehnte nicht nur deshalb, weil es ersehnt wird, auch schon eintritt. Nun, wenige Tage später, scheint nun aber ein Impfstoff der Unternehmen Biontech/Pfizer zum Greifen nah zu sein! Das ist eine sehr gute Nachricht!

Technische Lösungen haben Nebenwirkungen

Allerdings haben auch technische Lösungen Nebenwirkungen.  Denn zugleich stellt sich ein gravierendes, ein riesiges Problem: Das Problem der Verteilungsgerechtigkeit. Denn der Impfstoff muss für die ganze Welt in ausreichender Menge produziert werden. Es geht dabei nicht nur um die Verteilung an sich, die auf längere Sicht möglich sein wird. Es geht vor allem auch um den Zeitfaktor, denn die Pandemie wütet in vielen Ländern und alle ersehnen ein Ende. Das Problem wird auch nicht dadurch behoben, dass einige weitere Kandidaten für Impfstoffe sich in der Erprobungsphase III befinden. Denn auch mehrere Pharmaunternehmen werden Schwierigkeiten haben, die Produktion so großer Mengen von Impfstoff bereit zu stellen.  Die Verteilung wird also zwangsläufig dauern, möglicherweise viele Monate. Ein weiterer Faktor sind die Verteilungswege, es müssen Infrastrukturen aufgebaut werden, die die Impfungen fachgerecht durchführen können. Auch das ist eine große logistische Herausforderung, die die bestehenden Gesundheitssysteme vieler Länder nicht noch nebenher erledigen können. Auch hier haben jene Länder einen Vorteil, die über ein besser ausgestattetes Gesundheitssystem verfügen. Technische Lösungen setzen Infrastrukturen voraus. Wenn die nicht gegeben sind, ist auch eine technische Lösung gefährdet.

Das Problem der Zeit

Es also entstehen unausweichliche Verzögerungen: Die einen bekommen den Impfstoff schnell, die anderen müssen noch warten. Doch sind auch schon einige Monate in einer Pandemie eine sehr lange Zeit – in Deutschland ist sie erst seit etwa 8 Monaten! Man stelle sich vor, der Impfstoff sei von Beginn an verfügbar gewesen, aber erst nach 8 Monaten in Deutschland eingesetzt worden! Diese Differenz mehrerer Monate wären nicht nur für die Menschen deshalb schlecht, weil sie weiterhin in einem mehr oder minder starkem Lockdown mit dem ständigen Risiko der Ansteckung leben müssen, sondern weil sie zugleich Bilder aus Ländern sehen können, in denen schon geimpft wird und die die Befreiung von dem Virus feiern können!

Die gute Nachricht für Europa

Es wird weltweite Verteilungsschwierigkeiten geben. Dennoch ist es eine gute Nachricht, die gestern aus Brüssel kam. Die EU hat mit ihrer Verhandlungsmacht bei den Herstellern Biontech und Pfizer mindestens 300 Mio. Impfdosen vorbestellt. Dies ist eine gute Nachricht für die Menschen in Europa, es ist aber auch eine gute Nachricht für Europa! Das erste Mal seit dem Beginn der Pandemie zog nicht der nationale Reflex. Der war ja zu Beginn der Pandemie zu beobachten. Jede Regierung verfügte über eigene Maßnahmen.

Es wäre extrem schwierig geworden, hätten hier die Mitgliedsländer der EU eigenständig agiert. Das geschah im Verlauf der Corona Pandemie ja schon mehrfach. Erst ging es um Masken, dann um Reisefreiheit, dann um die Bettenkapazitäten in den Krankenhäusern. In all diesen Fragen stand nicht Europa im Vordergrund, sondern die jeweilige nationale Einheit. Das hätte nun wieder passieren können: Deutschland etwa hätte aufgrund seiner geringen Verschuldung einfach etwas mehr bieten können als andere Länder. Ein destruktiver Wettbewerb hätte stattfinden können, der der europäischen Idee großen Schaden zugefügt hätte. Das ist nun abgewendet. Und das ist eine gute Nachricht.

Das Problem im weltweiten Maßstab

Was aber geschieht im weltweiten Maßstab? Hier zeigt sich wiederum, wie gut es wäre, wenn die Vereinten Nationen und damit auch die Weltgesundheitsorganisation, die WHO, besser aufgestellt und mit mehr Befugnissen ausgestattet wäre! Leider findet darüber hierzulande in der Öffentlichkeit kaum eine Debatte statt. Auch die Kürzungen unter der Trump-Regierungen sind nur zur Kenntnis genommen worden. Wenn der Eindruck nicht täuscht, waren es nicht die Europäer, die in die Bresche gesprungen sind, sondern China. Um eine Stärkung der UN wird in the long run kein Weg vorbeiführen!

Der kurzatmige Umgang mit einer langfristigen Herausforderung – Die Debatte um das Ende der Corona Krise

Seit Januar wird über das Virus SARS CoV 2 geredet und debattiert. Seit Anfang März ist die Diskussion der deutschen Öffentlichkeit als existentielles Problem bewusst. Das ist spät, wenn man bedenkt, dass schon Mitte Januar in China eine partielle Quarantäne ausgerufen wurde. Nun ist es Mitte April. Schon aber wächst der Chor jener Stimmen täglich, die in der einen oder anderen Weise den Ausstieg aus den Pandemie-Maßnahmen und den Rückkehr zur „Normalität“, zu „unserem gewohnten Leben“ fordern. Ich möchte mich hier auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen der Krise beschränken. Die Krankheit selbst kann sehr schreckliche Folgen haben und es muss alles getan werden, um sie zu bewältigen und zurückzudrängen. Doch geht das leider nicht so einfach und eine Eindämmung hat weitreichende gesellschaftliche Folgen. Darum soll es im Folgenden gehen.

Viele leiden existentiell unter der Krise

Fatal ist, dass in vielen Beiträgen der Eindruck entsteht, in absehbarer Zeit ließe sich ein Normalzustand wieder herstellen. Der Wunsch zur baldigen Veränderung der Situation ist offenkundig, wenn man an den immensen wirtschaftlichen Schaden denkt, der durch die Einschränkungen in der Corona-Krise entsteht. Vielen Akteuren gerade im Dienstleistungssektor und in der Kultur bricht in diesen Wochen die Existenzgrundlage weg. Die gesundheitspolitischen Ziele widersprechen hier eklatant den existentiellen wirtschaftlichen Bedürfnissen vieler Menschen. Die Abwägung zwischen beiden Zielen fällt auch darum nicht leicht, weil starke wirtschaftliche Einbußen ebenfalls gesundheitliche Folgekosten für viele der Betroffenen haben. Für diese Betroffenen bedeutet die Rückkehr zum Normalzustand die Sicherung der eigenen Existenz. Staatliche Hilfsprogramme sind sehr segensreich, sie können aber auf Dauer die selbständige wirtschaftliche Existenz nicht ersetzen. Dennoch werden weitere staatliche Hilfsprogramme notwendig werden, um die gröbste Not zu lindern.

Die Rede vom schnellen Aufbruch

Doch nicht nur aus Not sehnt man sich nach Normalität. Die Börsenkurse nehmen den zu erwartenden Aufschwung nach der Krise schon vorweg. Das Dogma ist, dass steigende Börsenkurse den Normalzustand der Wirtschaftswelt kennzeichnen. Auch seriöse Zeitungen und Magazine spekulieren heute, Mitte April, also vier Wochen nach dem Beginn schon wieder über die Gestalt des neuen Aufbruchs. Ist es realistisch, auf ein baldiges Ende der Krise zu setzen? Ist es ratsam, dass führende politische Stimmen nahe legen, man müsse auf Sicht fahren und damit implizieren, hinter der nächsten Kurve könnte es schon wieder bergauf gehen?

Wie realistisch ist eine schnelle Rückkehr zur Normalität?

Die Argumente für eine langfristige Krise sind schwerwiegend. Ein Video von Mai Thi Nguyen-Kim hat alle wichtigen Faktoren zusammen getragen, um eine Abschätzung vornehmen zu können, wie sich die Pandemie weiter entwickeln wird. (hier) Es ist zu Recht sehr gelobt und oft geteilt worden. Frau Nguyen-Kim zeigt, dass es aus epidemiologischer Perspektive keinen Grund gibt, auf ein baldiges Ende der Pandemie zu spekulieren. Gerade dann, wenn es gelingt, die Zahl der Neuinfektionen gering zu halten, so dass die Gesundheitssysteme nicht überfordert sind, wird die Pandemie auf absehbare Zeit zu einer dauerhaften Herausforderung und Begleiter unseres Alltags. Viele Forscherteams  suchen weltweit nach einem Impfstoff. Doch bevor man ihn massenhaft einsetzen kann, müssen sorgsame Tests durchgeführt werden. Und das braucht Zeit, optimistische Prognosen gehen von dem Frühjahr 2021 aus.

Aber kann man nicht wenigstens auf einen baldigen wirtschaftlichen Aufschwung hoffen? Tatsächlich aber sind die Störungen des weltweiten Wirtschaftssystems aber gravierend und lassen sich wohl nicht schnell beheben. Es ist noch nie vorgekommen, dass weltweit sowohl die Produktion als auch die Nachfrage nach Waren zur gleichen Zeit eingebrochen sind. Die größten Irritationen mögen die wohlhabenderen Staaten mit viel staatlichem Geld für eine gewisse Zeit kompensieren können. Aber auch sie können die Störungen nicht aufheben und mittelfristig werden sie ihrerseits erhebliche Auswirkungen haben. Ein längerfristiger wirtschaftlicher Aufschwung ist trotz aller staatlicher Förderprogramme erst dann zu erwarten, wenn die Pandemie durch einen Impfstoff beendet wird.

War vorher alles gut?

Das alles sollte die Rede von der Rückkehr zur Normalität leiser werden lassen. Die voreilige Rede von einem baldigen Ende der Krise hat aber vor allem eine gravierende langfristige Nebenwirkung: Je schneller wieder die vertrauten Zustände eintreten, desto geringer ist die Chance, einen Neuaufbruch zu wagen. Die bedingungslose Rückkehr zur den gewohnten Verhältnissen ist nur für die sinnvoll, die der Meinung sind, dass vor der Krise alles weitgehend gut war. Doch war alles vorher gut?

Schon jetzt, im April, deutet sich ein trockener Somme an. Der Klimawandel ist in den Hintergrund der Aufmerksamkeit geraten. Doch ist er dadurch nicht gestoppt. Nun ist die unmittelbare Folge der Corona Krise, dass der Luftverkehr stark zurückgegangen ist. Der Absatz von Automobilen ist ebenso eingebrochen. Bedeutet die Rückkehr zur Normalität auch wieder eine Vollauslastung der Flughäfen, eine Emporschnellen der Automobilproduktion? Dann wird die sich abzeichnende Wirtschaftskrise erst einmal nicht so schlimm, die Klimakrise mit ihren weitreichenden Folgen aber nimmt ihren Lauf.

Die zurückliegende Phase des Wachstums der Weltwirtschaft hatte sehr unterschiedliche Auswirkungen. Einige Länder, wie Deutschland, haben stark gewonnen, andere wie Italien sind stagniert, wiederum andere wie viele südamerikanische Länder haben Jahre mit wachsenden sozialen Spannungen hinter sich. Kann es das Ziel sein, wieder möglichst schnell zu dieser Entwicklung zurückzukehren? Noch immer sind die langfristigen Folgen der Finanzkrise 2008 in vielen Ländern zu spüren. (Erstaunlich ist auch das bleibende Unbehagen vieler organisierter Fangruppen gegenüber einem durchkapitalisierten Fußball, der riesige Summen umsetzt und eine überschaubare Zahl von Profiteuren kennt.)

War also wirklich vorher alles gut? Kann man folgern, dass die möglichst rasche Rückkehr in den status quo ante, in den Zustand vor der Krise, der beste Weg ist? Die Rhetorik der raschen Erholung klingt zunächst einmal gut. Wer möchte sich nicht möglichst rasch von einer Krankheit erholen! Doch was, wenn der Zustand vor der Krankheit nur der einer tiefer gehenden, langsamer sich entwickelnden Krankheit war? Was, wenn die schnelle Rückkehr vor allem jenen dient, die schon vorher überproportional profitiert haben, wenn sie aber für die meisten langfristige Belastungen bedeuten?

Die Chance, die gesellschaftlichen Zielsetzungen zu überdenken

Die Corona Krise wird wahrscheinlich schon aus epidemiologischen und aus wirtschaftspolitischen Gründen nicht so schnell vorbei sein. Sie wird wahrscheinlich noch mindestens in diesem Jahr andauern. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, uns neu zu orientieren und die Determinanten von Politik und Wirtschaft zu überdenken! Wir sollten kritisch Alternativen diskutieren, mit denen ein Neustart auch langfristig gelingen kann. Welche wirtschaftspolitischen, welche ökologischen Ziele sollen im Mittelpunkt stehen? Wir sollten die Chance zu einem gesellschaftlichen Diskurs nutzen, uns langfristig zu neu orientieren und nicht das Ziel einer kurzfristigen Erholung in den Zustand vor der Krise anstreben!

Warum die Schöpfung mehr meint als die naturwissenschaftlich beschriebene Welt

Warum reden wir von der Schöpfung?

Die „Schöpfung“ ist auch heute ein öfter gebrauchtes Wort. Auch in einer säkularen Kultur kommt es hin und wieder vor. Der Slogan „Die Schöpfung bewahren“ leuchtet vielen ein, auch wenn sie nicht viel mit dem Glauben an Gott anfangen können. Es geht vielen, auch den Aktivisten von „Fridays for Future“ darum, zu verhindern, dass sich das Weltklima drastisch ändert. Es geht darum, die Verhältnisse, die wir auf der Erde vorgefunden haben, möglichst zu erhalten. „Unser Klima erhalten“ hat eine große Nähe zu „Schöpfung bewahren“. Damit ist in der Tat etwas ganz Wichtiges angesprochen, worauf das Wort „Schöpfung“ zielt.

Schöpfung und Natur – ein Spannungsverhältnis

Andererseits einmal wirkt das Wort „Schöpfung“ veraltet, aus der Zeit gefallen. Wer „Schöpfung“ sagt, muss doch auch einen „Schöpfer“ annehmen, wer von der „Schöpfung“ redet, redet auch von Gott, den Schöpfer. Doch genau das fällt immer mehr Menschen in unserer Zeit sehr schwer. In früheren Zeiten war die Rede von der Schöpfung eine allgemein akzeptierte Weise, von der Welt zu reden. Die christliche Rede von der Schöpfung war eng verbunden mit den Vorstellungen der klassischen griechischen Philosophie. Im Mittelalter waren sie die schlüssigsten Weltbeschreibungen, die man kannte.

Doch das änderte sich mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften in der frühen Neuzeit. Nun entstanden Theorien über die Welt, die nicht so leicht mit der christlichen Überlieferung vereinbaren ließen. In den ersten Jahrhunderten gab es nicht wenige Naturforscher, die die Hoffnung hatten, beides, das Christentum und die Wissenschaft mit zu einem harmonischen Ganzen  vereinen zu können. Dazu gehörten viele führende Forscher wie Isaak Newton oder Johannes Kepler. Doch spätestens im 19. Jahrhundert brach diese Verbindung ab. Nun standen auf der einen Seite die Naturwissenschaften und auf der anderen Seite die christlichen Überlieferungen. Die große Mehrzahl der Christinnen und Christen entziehen sich seitdem dieser Spannung, indem sie den Glauben als etwas Subjektives, als etwas Individuelles beschreiben. Es kommt danach vor allem auf die eigenen persönlichen Erfahrungen an, die man macht. Das ermöglicht, den Glauben zu bewahren, auch wenn man auf der anderen Seite als moderner Mensch den Naturwissenschaften Recht gibt.

Die Rede von der Schöpfung bleibt unverzichtbar

Eine Ausnahme stellt dann die moralische, die appellative Rede dar: „Wir müssen die Schöpfung bewahren!“. Doch wenn man dann nachfragt, was genau unter der Schöpfung zu verstehen ist, dann ist damit oft nichts anderes gemeint, als das, was die Naturwissenschaften beschreiben, es geht dann etwa um das 2 Grad Ziel. Meiner Ansicht nach, reicht eine solche mahnende Rede von der Schöpfung nicht aus. Wenn die biblischen Texte von der Schöpfung reden, meinen sie viel mehr. Sie weisen auf eine ganz eigene Dimension von Wirklichkeit, die nicht subjektiv ist, die aber auch von den Naturwissenschaften nicht erfasst werden kann. Wie kommt diese Dimension von Wirklichkeit in den Blick? Der entscheidende Punkt ist, auf den zu achten, wer redet. Menschen, die über die Welt reden, sind voll und ganz Teil von dem, worüber sie reden. Diese Ausgangsbedingung dürfen wir nicht ignorieren, denn wenn man sie übersieht, führt das zu Verzerrungen. Die Welt ist kein Gegenüber, sondern umhüllt uns. Wir sind auf das Innigste mit der uns umgebenden Wirklichkeit verbunden. Das belegt jeder Atemzug, die Nahrung, die Wärme, ohne die wir nicht existieren können.

Die Naturwissenschaften beschreiben dagegen die Welt, als ob die Wissenschaftler als Beobachter nicht dazu gehörten. Das ist der Kern des Erfolgs der Wissenschaften: Sie erkennen nur, indem sie strenge Methoden anwenden. Methoden aber sind ein geregeltes Verfahren, um etwas auf Abstand zu bringen. Wenn man einen klaren Nachthimmel mit einer überwältigenden Zahl von Sternen sieht, kann man ganz ehrfürchtig werden. So reagieren auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Doch dürfen sie nicht bei dem Staunen stehen bleiben, wenn sie die Wissenschaft ernst nehmen, sondern müssen dann nüchtern und kontrolliert eine Fülle von Details untersuchen, die einem laienhaften Blick verborgen bleiben.

Wer aber von der Schöpfung redet, hält an dem Staunen und der Ehrfurcht fest. Denn auch das Staunen und die Ehrfurcht zeigen etwas über diese Welt. Das ist so, gerade weil wir Menschen uns nicht auf die Rolle eines neutralen Beobachters beschränken können. Wir sind Teil von dem, was wir betrachten. Als im letzten Sommer für längere Zeit in Deutschland der Regen ausblieb, beschlich nicht wenige Menschen eine starke Irritation. Die scheinbar bekannten Landschaften, die Felder und Wälder zeigten sich mit einem Mal in einem neuen Licht: Sie waren durch die Trockenheit gefährdet, die Ernte war gering oder blieb ganz aus, Waldbrandgefahr an allen Orten. In solchen Situationen erkennen wir mit aller Intensität, wenn abhängig wir sind von unserer Umgebung, von der uns umgebenden Wirklichkeit.

Die Schöpfung weist auf den Schöpfer

Es geht hier um Abhängigkeit, um Verletzlichkeit, um Verbundenheit. Auf diese Dimension der Wirklichkeit will der Begriff der Schöpfung weisen! Das steht im Zentrum der biblischen Texte. Es geht auch nicht um eine Welttheorie, sondern um das Verhältnis, das wir leibliche Menschen zu unserer Umwelt haben. Auch in der naturwissenschaftlich und technisch bestimmten Moderne haben wir uns nicht von der Abhängigkeit lösen können. Die Abhängigkeit und die Verbundenheit gehören zum Menschsein, solange Menschen leben.

Soweit können auch säkulare Menschen, die dem Glauben fern stehen, zustimmen, ohne dass sie deshalb die Natur Schöpfung nennen müssten. Der Abhängigkeit und Verbundenheit mit der Wirklichkeit wird von Christinnen und Christen nun aber mit dem Wort der Schöpfung beschrieben. Denn die Verbundenheit mit der uns umgebenden Natur ist nur ein Hinweis auf die noch  tiefere Verbundenheit mit Gott. Das kommt zum Ausdruck, wenn Gott Noah verspricht: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22) In der Verbundenheit mit der Natur kann die tiefere Verbundenheit mit Gott entdeckt werden. Das kommt auch zum Ausdruck, wenn Jesus auf die Lilie auf dem Felde weist: „Schaut die Lilien auf dem Felde an! (…) Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte er nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?“ (Mt 5, 28.30)

Wer von der Schöpfung redet, sieht sich bewusst als ein endlicher und verletzlicher Mensch. Der Hinweis auf die Schöpfung ist eine Möglichkeit, Spuren Gottes in der Welt zu entdecken. Genau das tun die Naturwissenschaften nicht, das können und wollen sie nicht, gerade weil sie methodisch kontrolliert die Welt betrachten. Es gibt ein weiteres Indiz, dass die Rede von der Schöpfung von derselben Wirklichkeit redet und doch etwas ganz anderes meint als die Naturwissenschaften. Die Zuwendung Gottes in der Schöpfung zeigt sich immer konkret in diesem oder jenem Lebewesen. Die Liebe ist immer konkret, nie abstrakt allgemein. Doch einzelne Wesen sind in der Regel in den Naturwissenschaften irrelevant. Denn das, was das einzelne Lebewesen, auch den einzelnen Menschen betrifft, ist nie allgemein, sondern immer konkret. Die Naturwissenschaften interessieren sich nur dann für einzelne Wesen, wenn sie von ihnen aus Allgemeines ableiten können.

Wir reden von der Schöpfung, wenn wir in konkreten Begegnungen sind, wenn wir uns selbst nicht aus der Beziehung herausnehmen. Dann reden wir in Dankbarkeit oder auch als Klage, aber nie neutral so wie in theoretischen Ansätzen. Die Dankbarkeit wie auch die Klage wird Gott gegenüber geäußert als dem Schöpfer der Schöpfung.

Das erklärt alles! Gedanken zum Tag der Schöpfung

Gott als Schöpfer der Welt ist eine zentrale Vorstellung.

Die Rede von der Schöpfung fristet im kirchlichen Alltag ein ambivalentes Dasein. Auf der einen Seite ist sie außerordentlich zentral. Das apostolische Glaubensbekenntnis nennt im ersten Artikel „den Schöpfer des Himmels  und der Erde“. Immer dann, wenn von Gott als dem „Allmächtigen“ gesprochen wird, ist auch das Schöpfungshandeln angesprochen. Was kann denn besser die Allmacht zum Ausdruck bringen, als die Tatsache, dass Gott alles geschaffen hat, was ist? Im Vaterunser heißt es: „Denn Dein ist die Macht.“ Schließlich findet auch im kirchlichen Alltag die Schöpfung immer dann Erwähnung, wenn es um umweltpolitische Fragen geht: Die „Schöpfung bewahren“ ist ein eingängiger Slogan, der es weit über die kirchlichen Kreise hinaus in die allgemeine gesellschaftliche Debatte geschafft hat. „Wir müssen die Schöpfung bewahren und dürfen die Erde nicht zerstöre!“ ist eine Aussage, auf die sich auch viele verständigen können, die sonst nicht dazu neigen, an Gott zu glauben.

Die Vorstellung von der Schöpfung ist heute aber sehr blass.

All dies steht aber in einer eigentümlichen Diskrepanz zu einer gewissen Verzagtheit, wenn es darum geht, einmal genauer zu sagen, was denn mit Schöpfung gemeint ist. Gott hat die Welt geschaffen – was meint das? Die Welt ist das große Ganze. Die Physiker nennen es auch das Universum. Was meint dann die Aussage, Gott habe das Universum geschaffen, genau, wie kann man sich das vorstellen? In der Tradition wurde dann stets auf die erste Schöpfungserzählung verwiesen, denn hier wird der Schöpfungsvorgang detailliert und in einzelne Schritte gegliedert vorgestellt  – Gott hat die Welt in sieben Tagen geschaffen. Doch diese Erzählung steht derart quer zu allen heute geteilten Überzeugungen von der Entstehung des Universums. Die so genannte „Urknall-Theorie“ ist die allgemein akzeptierte kosmologische Theorie. Deren Vorstellungen stimmen mit den biblischen Erzählungen von der Schöpfung in keinem Punkt überein.  Man muss sich also fragen, was der Sinn der Erzählung aus heutiger Sicht ist.

Strategien im Umgang mit der modernen Kosmologie

Eine beliebte Strategie ist es, die Schöpfungserzählung historisch zu relativieren, immerhin entstand sie etwa 500 Jahre vor Christi Geburt. Doch hilft das hier nicht weiter, denn es ist ja die Frage, was wir heute unter Schöpfung verstehen. Nun gibt es solche, die sagen, genau das, was die Physik lehrt, sei Gottes Schöpfung und eigentlich meine die Bibel genau den Vorgang, den wir physikalische beschreiben können!  Doch dann ist der Einwand nicht so ganz abwegig, dass die Physik auch ohne die Rede von Gott ganz gut auskommt und dass die Rede von Gott dem auch nichts Neues hinzufügt. Warum dann nicht gleich vom Urknall reden, statt von einer Schöpfung? Das gilt im Übrigen auch für den Versuch, die Schöpfung Gottes im Urknall selbst zu verankern. Diese Erklärung gilt im Übrigen nur so lange, wie die Theorie vom Urknall gibt. Was aber, wenn dereinst kosmologische Theorien sich wieder wandeln und das Urknall-Modell verworfen wird? Dann muss man andere Orte suchen, wo man Gottes Schöpfung unterbringen kann. Es ist ziemlich deutlich, dass sich hier die theologische Rede von der Schöpfung unter Wert verkauft, sie wird ein Anhängsel an die jeweils geltenden physikalischen Theorie ohne eigenen Deutungsanspruch. Zudem will die moderne kosmologische Erklärung mit der Erzählung von den 7 Tagen nicht zusammen passen.

Die Wirklichkeit ist nur für endlicher leibliche Wesen als Schöpfung erfahrbar

Mein Vorschlag ist, von all diesen Spekulationen zu lassen. Steht bei der theologischen Rede von der Schöpfung  wirklich eine Theorie über das Ganze des Universums im Mittelpunkt? Gäbe es nicht die erste Schöpfungserzählung auf der ersten Seite der Bibel, würde niemand bei den vielen anderen Stellen in der Bibel an eine geschlossene Theorie denken und meinen, der Glaube an Gott hänge von einer bestimmten Sichtweise der Entstehung des Universums ab. Den entscheidenden Punkt der biblischen Rede von der Schöpfung hat Martin Luther erkannt, lange bevor es eigenständige physikalische Theorien über den Kosmos gab.  Luther war klar: Was auch immer Schöpfung im christlichen Sinne meint, wir werden den Begriff nur dann verstehen, wenn wir nicht in die weite Welt hinaus schauen, sondern auch auf uns selbst schauen und die Art und Weise, wie wir in der Welt leben.

Menschen sind endliche und verletzliche Wesen.

Martin Luther hat den Artikel des Glaubensbekenntnisses im Kleinen Katechismus strikt auf unsere endliche leibliche Existenz bezogen:

„Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Was ist das? Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was nottut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohne all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.“

Es ist so leicht, sich deutlich zu machen, wie verletzlich und bedürftig wir sind, wie abhängig von unserer Umwelt wir sind. Was geschieht, wenn wir einmal eine Minute nicht atmen, zwei Tage nicht trinken oder fünf Tage nichts essen? Schöpfung heißt also, dass wir als lebende Wesen auf eine lebensfreundliche Umwelt angewiesen sind, ganz unabhängig von einer physikalischen Beschreibung des Kosmos. Was die Rede von der Schöpfung meint, erleben wir, wenn wir auf die Abhängigkeit von unserer Umgebung und die Abhängigkeit von anderen Menschen schauen.

Vom Kleinen zum Großen

Wenn man also im christlichen Sinne von der Schöpfung redet, dann redet man nicht von einer wie auch immer gearteten Erklärung der Welt, sondern von unserer Bedürftigkeit und der Dankbarkeit für die Grundlagen des eigenen Lebens. So kann man die Bedeutung von Schöpfung auch in Zeiten moderner kosmologischer Theorien verstehen lernen. Es wird auch deutlich, welche Botschaft in dem Slogan „Schöpfung bewahren“ steckt. Der Slogan zeigt, dass wir mit allem Leben auf Bedingungen angewiesen sind, die wir nicht ungestraft zerstören dürfen.

Ein Letztes bleibt: Die Welt kann nur am eigenen Leib als Schöpfung erkannt werden. Aber darüber hinaus gibt es noch eine zweite Komponente der biblischen Rede von der Schöpfung und die weist über die eigene Existenz hinaus. Was auch immer uns in dieser Welt begegnen mag – alles kann auf die Schöpfung Gottes zurückgeführt werden. Anders ausgedrückt: Die Welt mit allem in ihr ist nur deshalb die Welt, weil sie von Gott geschaffen ist. Hier erst, in dieser  Ausweitung der eigenen Erfahrung, mit allen Dingen in der Welt macht die Rede von Gott als dem Schöpfer der ganzen Welt Sinn.