Warum Vertrauen? Eine kleine Einführung

Mit diesem Blogbeitrag beginne ich eine Reihe, die sich mit dem Phänomen „Vertrauen“ auseinandersetzt. Warum „Vertrauen“? Vertrauen ist eine grundlegende Dimension menschlicher Existenz. Es ist grundlegend für alle zwischenmenschlichen Beziehungen, soziale Formen können ohne ein Mindestmaß an Vertrauen nicht existieren. Es geht dabei nicht nur um das Vertrauen, das ein Mensch zu einem anderen haben kann. Es geht vielmehr auch um das Vertrauen in zwischenmenschliche Strukturen, in Formen der Verbundenheit. Das können mehr oder weniger formale Strukturen sein, Nachbarschaften, Freundeskreise auf der einen Seite, Staat und Kommunen, Vereine, Parteien, Kirchen auf der anderen Seite. Wenn wir uns auf soziale Beziehungen einlassen, müssen wir ihnen gegenüber auch Vertrauen haben: Vertrauen, dass ein Wort gilt, Vertrauen, dass eine Regel gilt, Vertrauen, dass eine Zusage gilt. In eine kurze Formel gefasst: Vertrauen ist der Kitt menschlicher Gesellschaften.

Aktuelle Signale des Mißtrauens

Vieles deutet nun darauf hin, dass diese grundlegende menschliche Erfahrungsdimension in der kommenden Zeit in unserer Gesellschaft an vielen Stellen besonders herausgefordert, besonders gefährdet ist. Viele aktuelle Debatten zeigen, wie brüchig bislang zweifelfreies Vertrauen heute schon ist. Das zeigt sich auf der einen Seite in der Bereitschaft, Verschwörungstheorien zu folgen, die ja immer auch ein starker Ausweis von Misstrauen sind, das zeigt sich aber auch auf der anderen Seite in dem Unwohlsein, ob es vielleicht untergründige gesellschaftliche Bewegungen gibt, die das Ganze gefährden, wenn etwa „Volksaufstände“ befürchtet werden.

Eine Gesellschaft „im Stress“

Vertrauen als eigenständiges Thema gerät schnell in den Hintergrund, wenn das Leben „in geregelten Bahnen“ verläuft, wenn die nahen Menschen sich verlässlich zeigen, wenn die gesellschaftlichen Systeme funktionieren, wenn die Bedürfnisse weitgehend befriedigt werden können, kurz, wenn wir uns „aufgehoben“ fühlen. Das aber ändert sich in Krisenzeiten. Krisenzeiten führen zu vielfältigen Verunsicherungen und damit auch zur Belastung von Vertrauensstrukturen.

Wir bewegen uns nun nach einer längeren Phase der Beständigkeit und Konsolidierung in Deutschland (die Zeit nach der Finanzkrise 2008) aktuell auf eine Zeit multipler Krisen zu: die Pandemie, der Krieg, die Inflation, die Energieversorgung. Die Gesellschaft gerät in eine erhebliche Stresssituation. In diesen Zeiten zeigen sich jene gesellschaftlichen Risse deutlicher, die schon vorher da waren, die aber nicht so stark wahrgenommen wurden. Da Vertrauen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen sich ganz unterschiedlich zeigen kann, macht es Sinn, die Bereiche gesondert zu betrachten. Genau das soll in den folgenden Blogbeiträgen geschehen.

Die Linkliste zu den einzelnen Beiträgen findet sich unter diesem Artikel.

Die Wirtschaft:

Hier sind die Anlässe ein Schwinden des Vertrauens besonders vielfältig: Können wir unserer Währung noch vertrauen? Kann ich noch der Rentenzusage vertrauen? Können wir noch einem allgemeinen Versprechen einer Wohlstandssteigerung vertrauen, die in den vergangenen Jahren so unhinterfragt zu gelten schien? Können wir vertrauen, dass es in der Gesellschaft in der Verteilung zumindest einigermaßen gerecht zugeht?

Die nationale Politik:

Umfragen zeigen eine wachsende Entfremdung vieler Menschen gegenüber den politischen Parteien aus sehr unterschiedlichen, manchmal gegensätzlichen Gründen. Kann die Politik wirklich die sozialen Verwerfungen und Ungerechtigkeiten verhindern, die durch die Krisenhäufung drohen? Hat die Politik wirklich den Willen, die notwendige ökologische Transformation mit allen Konsequenzen zu gestalten?

Die internationale Politik:

Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine vertraut Russland im Westen niemand mehr. Aber wie ist es mit China, mit dem Iran, mit Katar, Saudi-Arabien? Diese Reihe ließe sich mühelos fortsetzen.

Die Wissenschaft:

Impfgegnern zweifeln an der Wirksamkeit der Impfstoffe, andere vermuten Inszenierungen oder bösartige Geschäftsideen. In der Corona Pandemie zeigt sich aber nur, dass das Misstrauen vieler Menschen in die evidenzbasierte, wissenschaftliche Medizin schon in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen ist.

Führende Medien:

Gerade in diesem Jahr wurden etliche Skandale in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten aufgedeckt und intensiv diskutiert. Aber auch die digitalen Medien sind in einer Vertrauenskrise, der Kauf von Twitter durch Elon Musk irritiert, der erratische Kurs von Zuckerberg mit dem Meta Projekt verstört die Nutzerinnen und Nutzer. Hinzu kommt eine Kommunikation, wo eine Aufregung die andere jagt, oft bleibt undeutlich, was davon Fake oder fakt ist.

Die Kirchen:

Insbesondere in der katholischen Kirche wächst mit jeder Missbrauch-Nachricht das Misstrauen. Das Misstrauen breitet sich ökumenisch aus, der Institution Kirche werden unabhängig der Konfession verdeckte, selbstbezogene Interessen zugesprochen.   

Die Kultur:

Welche kulturellen Traditionen sind akzeptabel, welche dagegen sind nur Begleiterscheinungen einer auf Unterdrückung anderer ausgerichteten kolonialen Kultur? Was transportiert die herkömmliche Sprache, welche Aussageformen sind zulässig, welche zu meiden? Wer sagt was und wie? Die Sprache wird immer mehr zu einem Feld der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Die Diskussion um die Documenta 15 hat jenseits der konkreten Vorwürfe gezeigt, wie schnell Misstrauen auch in der internationalen Kulturszene entstehen kann.

Der Sport:

Gerade in seinen internationalen Erscheinungen ist der Sport immer stärker mit intransparenten Geschäftsideen verflochten. Warum finden die Großereignisse in diesem, nicht in jenem Land statt? Durch die weltweite Aufmerksamkeit sind diese Großereignisse mit viel Geld verknüpft. Eine Missbrauchsdebatte bahnt sich hier erst gerade an.

Die zwischenmenschlichen Beziehungen: In einer hoch individualistischen Gesellschaft ist zwischenmenschliches Vertrauen stets eine herausgeforderte Größe, sofern sie vertragliche Verhältnisse überschreitet. Wie verbindlich ist eine Zusage, wie tragfähig diese Freundschaft, bewährt sich jene Beziehung auch morgen noch? Ist eine Gemeinschaft auf Dauer gestellt oder zerfällt sie schon in kürzerer Zeit?

Es gibt also viel Diskussionsstoff zum Thema Vertrauen! Bevor die einzelnen gesellschaftlichen Bereiche näher betrachtet werden, soll in dem kommenden Beitrag gefragt werden, warum wir Menschen ohne Vertrauen nicht auskommen können, warum es ein so grundlegendes menschliches Bedürfnis ist.

Vertrauen in der Philosophie

Vertrauen in der Wirtschaft

Vertrauen in der Politik

Autor: Frank Vogelsang

Ingenieur und Theologe, Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland, Themenschwerpunkt: Naturwissenschaften und Theologie

4 Kommentare zu „Warum Vertrauen? Eine kleine Einführung“

  1. Lieber Frank,

    mit großem Interesse habe ich Deinen neuen block-Beitrag in χ – Chiasmus über das
    Thema Vertrauen gelesen. Ich hätte diese Antwort natürlich als Kommentar dazu
    abgeben können, wende mich aber doch lieber direkt an Dich.

    Deinem einleitenden Absatz stimme ich vorbehaltlos zu: ohne Vertrauen ist menschliches
    (und vielleicht auch tierisches) Leben unvorstellbar. Auch Glauben (im theologischen Sinn)
    ist Vertrauen, wobei offen bleibt, woran jemand glaubt. Weil dem so ist, wie Du schreibst,
    dürften Vertrauenskrisen ebenso alt sein wie das Vertrauen selbst, also in uns allen angelegt
    und zuweilen aus mancherlei Anlass ausbrechend.

    Was heute gegenüber früheren Zeiten anders ist, ist die rasante Kommunikation durch
    Internet, TV,.. , die eine vielleicht zunächst begrenzte Vertrauenskrise sogleich zu einer Welle,
    zu einem nationalen oder gar globalen Phänomen werden lässt. Man vergleiche: welchen
    ungeheuren Aufwand an Propaganda und politischen und terroristischen Aktionen haben die
    Nazis in den 20er und 30er Jahren des 20. Jhd. getrieben, um die Deutschen in eine
    Vertrauenskrise gegenüber der Demokratie zu stürzen. Heute gelingt das den Querdenkern,
    Reichsbürgern,… sehr viel leichter.

    Natürlich lässt sich die heutige Kommunikation nicht einfach zurückfahren, und das kann ja
    auch niemand wollen. Wir müssen vielmehr mit Vertrauen dagegenhalten und dieses
    Vertrauen mit den Mitteln der heutigen Kommunikation aussenden. Das sollte eine Heraus-
    forderung für uns in den Kirchen sein. Aber das geht nicht auf der Basis unserer Dogmatik
    von vorgestern, denn dann kommt so etwas wie „Bewahrung der Schöpfung“ dabei heraus.

    Wir müssen nachdenken: was heißt es, zu glauben, also zu vertrauen für unsere Mitmenschen,
    insbesondere für die, die sich weit von Kirche entfernt haben? Und das ist die Mehrheit.
    Und doch vertraue ich darauf, dass wir als Kirche immer noch einen Vertrauensvorschuss
    haben, mit dem wir beginnen könnten.

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  2. Meines Erachtens fehlen in der Auflistung der Gründe für wachsendes Misstrauen Donald Trump und die neuen rechten Bewegungen in Europa und den USA. Von ihnen ging und geht ein Großteil des Misstrauens aus. Keine politische Bewegung und kein westlicher Politiker haben wie Trump & Co, AfD, Rassemblent National, Lega Nord usw. die Methode der Verdrehung von Tatsachen derart zum Stilmittel ihrer Politik gemacht wie diese. Erstaunlich ist dabei, dass sie damit ohne Weiteres durchkommen und dass so viele Menschen darauf reinfallen, bzw. ansprechen. Das zeigt einerseits, dass Menschen offensichtlich das Vertrauen in die Versprechungen der etablierten Parteien verloren haben. Es zeigt aber auch andererseits, dass Propaganda wirkmächtig ist, auch wenn sie gezielt aus dem Ausland kommt, wie z.B. die russische Propaganda, die mit dem Amtantritt von Putin vor über zwanzig Jahren begann, sich über Europa auszubreiten. Wenn wir über Misstrauen und mangelndes Vertrauen sprechen, dann sollten wir vor allem über die gezielte Schürung von Angst und Misstrauen von russischer und rechter Seite sprechen und inwieweit Putin die Rechte unterstützt hat. Sonst wird die Debatte um Vertrauen scheinheilig und unvollständig.

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    1. Die rechten Bewegungen uns autoritären Staaten versuchen in der Tat, durch Verschwörungstheorien und unwahre Behauptungen Einfluss auf die gesellschaftliche Meinungsbildung zu nehmen. Da geht es nicht nur um Vertrauen und Misstrauen, sondern um gezielte destruktive Politik. Doch setzt die Debatte um Vertrauen vorher an: Warum haben diese Bewegungen die Möglichkeit, sich auszubreiten? Was unterscheidet unsere Zeit von der Zeit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts? Ein gesellschaftlich vermitteltes Vertrauen ist schwächer geworden. Das eröffnet erst den Freiraum für Verschwörungstheorien. Diese Theorien funktionieren nicht, weil sie so plausibel sind, sondern weil sie einen Feind markieren. Und diesem Feind traut man alles zu. So haben die Verschwörungstheorien schon immer funktioniert, aber unsere Gesellschaften sind dafür anfälliger geworden.

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      1. Ich glaube auch, dass es Autokraten wie Putin und Demagogen wie Trump sehr gezielt darum geht, Vertrauen zu erschüttern und demokratische Institutionen zu diskreditieren. Verschwörungstheorien gab es in der Tat schon immer und sie dienen genau dazu, einen Feind zu unterwandern. Die Erschütterung von Vertrauen und das Schüren von Misstrauen ist eine Strategie, die die Demokratie aber hierzulande lange nicht auf dem Schirm hatte, weil wir uns nicht vorstellen konnten (oder wollten), dass ein Feind existiert. Dieser Umstand ist nach meinem Dafürhalten zu einem großen Teil auch ursächlich für das geringere Vertrauen, dass in unserer Gesellschaft herrscht. Dass andere ist, dass die Bedingungen dafür ideal sind: Der Unterschied zur 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ist nach meiner Auffassung der, dass nach dem Ende des 2. Weltkrieges ein Aufbruch der moralischen und demokratischen Erneuerung begann, weil man genug hatte vom Krieg und seinen schrecklichen Folgen, der Diktatur und der Unterdrückung und Verfolgung von Andersdenkenden. Doch die Erinnerung daran verblasste schon nach 50 Jahren. Die Menschen haben sich an ein Leben in relativen Wohlstand und Frieden gewöhnt und es erscheint ihnen manchmal langweilig und unausgewogen. Hinzu kam, dass die Erfolgskurve der Demokratie auch nicht immer nach oben zeigte. Es fehlt den Menschen an Vergleichsmöglichkeiten, dass es auch ganz anders sein könnte. Der Krieg in der Ukraine könnte daher ein wichtiger Wendepunkt sein, um wieder mehr Verständnis für das aufzubringen, was Leben in Freiheit bedeutet: Selbstverantwortung und Engagement.

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