Künstliche Intelligenz – auf dem Weg zu einem neuen Menschen?

Der Umgang mit digitalen Daten ist heute im Alltag nahezu unausweichlich: Wer ein Auto fährt, nutzt ein Navigationssystem. Wer Informationen zu einem beliebigen Thema erhalten möchte, nutzt die Funktionen der stets zugänglichen Suchmaschinen oder „schlägt“ bei Wikipedia „nach“. Telefonate, Fotografien und Filme, schriftliche Notizen: alles geschieht fast ausschließlich mit Hilfe digitaler Technologien. Durch die alltäglichen Aktivitäten entsteht weltweit eine unglaublich große Menge an Daten.

Wer beherrscht die moderne Datenflut?

Wer kann mit dieser schier unübersehbaren Menge von Daten umgehen? Menschen sind dazu nicht mehr in der Lage. Aber es gibt immer bessere Computerprogramme, die so schnell lernen wie neue Datensätze entstehen. Diese Computerprogramme haben hochspezialisierte Fähigkeiten, in denen sie den Menschen weit überlegen sind. Ist all das der Anfang vom Ende des Menschen? Werden künstliche Intelligenzen irgendwann die Herrschaft übernehmen, beherrschen uns dann Algorithmen, ja sind wir Menschen dann nur noch Algorithmen und vielen anderen, wie etwa der Erfolgsautor Noah Yuval Harari mutmaßt? Entsteht ein neues Wesen, eine künstliche Intelligenz, die für den Menschen selbst eine Bedrohung darstellt oder ihn in ganz neue Zeiten führt?

Der alte Traum vom künstlichen Menschen

Der Traum, dass der Mensch in der Lage sei, menschenähnliche Wesen zu schaffen, ist schon alt: Nach einer Sage soll der bekannte Rabbi Löw im 16. Jahrhundert in Prag mit kabbalistischer Kunst einen Golem, ein menschenähnliches Wesen aus Lehm geschaffen haben. Hier wird dem bekannten Gelehrten also eine gottähnliche Fähigkeit zugesprochen. Das Wesen wird, nachdem es seinen Zweck erfüllt hat, wieder zerstört. Im 18. Jahrhundert macht ein Automat, ein schachspielender Türke Furore. Allein aus mechanischen Elementen soll er menschliche Spieler schlagen. Natürlich war dies ein Betrug, ein versteckter Mensch in der Apparatur musste nachhelfen. Anfang des 19. Jahrhunderts hat Mary Shelley die Geschichte von Frankenstein erfunden, hier ging die Schöpfung schon neben alchemistischen Künsten auch mit den damals bekannten Naturwissenschaften vonstatten. Im 20. Jahrhundert schließlich wächst in der Science Fiction Literatur mit zunehmenden technischen Fähigkeiten auch die Zahl der künstlichen, von Menschen geschaffenen Wesen. So bevölkern Menschen-Maschine Mischwesen, die Cyborgs Romane und Filme. In dem Film „2001 Odyssee im Weltraum“ kämpft der Computer HAL gegen die Astronauten eines intergalaktischen Raumschiffes.

Die rasante technologische Entwicklung der letzten Jahrzehnte

Auch wenn man weltanschauliche Erwartungen oder Befürchtungen relativieren muss, so ist dennoch richtig, dass die Entwicklung der Technik in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hat. Maschinen erwerben eine immer komplexere Intelligenz und Roboter gewinnen immer mehr Freiheitsgrade in der Bewegung. Der Rechner Deep Blue von IBM hat 1997 den Weltmeister Kasparov im Schachspiel geschlagen, das Programm  Watson von IBM hat es 2011 geschafft, ein komplexes Wissensspiel, „Jeopardy“ im Fernsehen gegen gut gebildete Menschen zu gewinnen, das Programm AlphaGo von Google hat es 2016 geschafft, den weltbesten Go Spieler zu schlagen.

Allein diese Erfolge sind schon aufsehenerregend. Fundamental neu ist dabei zudem die Technik, die AlphaGo verwendet. Anders als in den vorigen Maschinen wird nun nicht mehr ein Programm Schritt für Schritt vorgedacht und abgearbeitet, sondern die Maschine „programmiert sich selbst“, indem sie mit immer neuen Daten gefüttert wird, die sie analysiert und daraus weitere Schritte abgeleitet werden. Die Technik, die hier verwendet wird, nennt sich „neuronales Programmieren“. Programmeinheiten des Rechners simulieren Neuronen, die zu einem Gitter verbunden werden. Diese Gitter werden über mehrere Ebenen gestapelt, die „Neuronen“ sind miteinander verkoppelt. Ihre Verbindungen zueinander gestalten sie wie biologische Neuronen durch Rückkoppelungsprozesse, Erfolge stärken bestehende Verbindungen, Misserfolge schwächen bestehende Verbindungen oderstärken alternative Wege. Die Technik, die neuronalen Netze zu gestalten nennt sich Deep Learning, der Begriff des „Lernens“ wird hier vom Menschen auf Maschinen übertragen. Das radikal Neue ist nun, das Maschinen mit solchen Netzwerken, die viele Millionen Mal gegen sich selbst Go oder Schach gespielt haben, was in kurzer Zeit möglich ist, eine Kombinationsfähigkeit besitzen, die auch für Programmierer nicht mehr nachvollziehbar ist. Das unterscheidet sie von Maschinen, die wie die klassischen Computer Rechenoperationen Schritt für Schritt nachvollziehbar abarbeiten. So hat AlphaGo in den Partien Züge gewählt, die alle menschlichen Spieler erstaunten und die doch letztlich zum Erfolg führten. Hier wird der Computer zu einer Blackbox, die in gewisser Weise ein eigenes, unvorhergesehenes Verhalten entwickeln kann, ähnlich wie die Geschöpfe aus dem Science Fiction.

Thesen zur Diskussion: Ist ein Künstlicher Mensch, ein transhumanes Wesen zu erwarten?

Was gilt nun: Reden wir von einem alten Traum unserer Kultur, den man getrost illusionär nennen kann oder stehen wir durch die digitalen Technologien vor der Erfüllung dieses Traums? Hier sind fünf Thesen, die auch die Grundlage für eine Debatte um KI am 17. September 2020 in der Kreuzeskirche in Essen gewesen sind.

(Die Thesen des Gesprächspartners Helmut Fink, Akademie für säkularen Humanismus, finden sich hier)

(Vorbemerkung: Die folgenden Thesen beziehen Intelligenz auf „Maschinen“. Entscheidend für intelligente Fähigkeiten sind natürlich eher die Programme und Programmarchitekturen, die auf Maschinen laufen. Beide können nicht aufeinander reduziert werden. Jedoch ist es immer das Aggregat, also eine Maschine, ein Computers, ein Roboters oder ein Netzwerke dieser Einheiten, auf den und die sich die Zuschreibung von Intelligenz bezieht. Der allgemeinste Begriff ist der der Maschine. So ist ja auch von einer Von-Neumann-Maschine die Rede.)

1. These

Menschen werden sich dauerhaft von Maschinen unterscheiden. Das wichtigste Kriterium: Menschen finden sich immer schon vor, sind Teil einer menschlichen Umgebung und entwickeln sich von dort aus. Maschinen werden von Menschen, nicht von Maschinen gemacht. Ihre Entwicklung wird von ebenso von Menschen, nicht von Maschinen geplant. Theologisch lässt sich das deuten als die Unterscheidung des Schöpfungshandelns Gottes und des Gestaltungshandelns des Menschen. So wie die Menschen nicht die Ebene Gottes erreichen können, so Maschinen nicht die Ebene des Menschen.

2. These

Die Intelligenz von Maschinen ist in allen Realisierungen bislang streng begrenzt und auf bestimmte Leistungen fokussiert. In den begrenzten Spezifikationen haben Maschinen leicht übermenschliche Fähigkeiten. Dies gilt schon für einen konventionellen Taschenrechner, der schneller und exakter multiplizieren kann als jeder Mensch. Den Menschen zeichnet dagegen eine generalisierte Intelligenz aus. Er kann rechnen, Fahrrad fahren, jonglieren, malen, musizieren und in vielfältigster Weise kommunizieren. Die Intelligenz ist sowohl kognitiv wie auch emotional, beide Seiten lassen sich nicht trennen. Damit ist die generalisierte Intelligenz eine Eigenschaft des Leibes. Bislang gibt noch nicht einmal in Ansätzen eine Definition für diese allgemeine Intelligenz.

3. These

Entscheidend für ein Verständnis des Menschen ist, dass er nicht in Einzahl existiert. Es kann also nicht ein Mensch mit einer Maschine verglichen werden, da ansonsten entscheidende Eigenschaften des Menschen aus dem Blick gerieten. Menschen leben in Verbundenheit. Kultur und das, was man traditionell den „Geist“ oder die „Vernunft“ nennt, sind Produkte von Kollektiven. Man kann menschliche Verbundenheit als eine nahezu unendliche Überlagerung von kommunikativen Rückkopplungen beschreiben.

4. These

Der Anthropologe Michael Tomasello beschreibt die menschliche Verbundenheit auch als geteilte Intentionalität: Zwei Menschen können sich auf etwas Drittes beziehen und wissen, dass sie sich beide auf etwas Drittes beziehen. Diese Eigenschaft ist schon bei Menschenaffen in ihrem Verhalten nicht zu entdecken. Diese unscheinbare Fähigkeit ist aber die Wiege der menschlichen Kultur. Sie schweißt die Menschen auf der kognitiven Ebene zusammen, etwas, was sich im Tierreich nicht findet. Noch weniger ist es bei Maschinen zu erwarten: Es ist völlig unklar, was eine Maschine leisten muss, so dass man ihr Intentionalität zuschreiben kann.

5. These

Mit der Intentionalität hängen mehrere grundlegende menschliche Vermögen zusammen. Ein Mensch kann einem anderen vertrauen. Das bedeutet aber auch, dass man sich täuschen kann, dass Vertrauen gebrochen werden kann. Kann eine Maschine Vertrauen brechen oder verhält sie sich nicht einfach nur anders als erwartet? Kann eine Maschine ein Versprechen abgeben? Ist das mehr als eine Prognose?

Zur Fragilität sozialer Verbundenheit: das Beispiel Fußballbundesliga

Die Corona Krise öffnet die Augen, viele sehen manche der  gesellschaftlichen Bedingungen klarer, unter denen wir leben. Das gilt zum Beispiel für den Profifußball. Die Bundesliga nimmt ihre Spiele nach der Zwangspause des Lockdowns wieder auf, der Betrieb geht weiter. Diese Nachricht ist für viele ein Grund zur Freude und doch zeigte die öffentliche Diskussion im Vorfeld, dass das Geschehen vor allem auch einem ökonomischen Kalkül folgt. Funktionäre großer Vereine haben in den Wochen zuvor die Alarmglocke geschlagen: Wenn die Spiele nicht mehr weiter gehen, stehen schnell einige Vereine am Rande des finanziellen Abgrunds. Die aktuelle Saison wird also nicht vorzeitig beendet, sondern fortgeführt. Wie sehr dies einem ökonomischen Imperativ folgt, zeigt sich auch in den Kommentaren, dass nun der deutsche Fußball besondere, ja weltweite Beachtung findet. Die Marke Bundesliga gewinnt an Bedeutung unter den großen nationalen Ligen. Das heißt: Die Marktanteile für die Fernsehübertragungen können deutlich vergrößert werden, der Fernsehsender, der die Vermarktungsrechte in der Hand hat, zeigt sich zufrieden.

Geisterspiele können die soziale Verbundenheit nicht herstellen

Johannes Schneider kommentierte  auf ZEIT ONLINE am 17.5., dass diesem Fußball sichtbar etwas Entscheidendes fehle. Das Spiel ist nicht mehr länger eine kollektive Erfahrung. Profifußballer spielen auf dem Platz nach wie vor mit athletischem Körpereinsatz, sie zeigen ihre technischen Künste, es gibt schöne Spielzüge, aber es bleibt eine Form der Präsentation. „Artistik war schon immer eine eher hohle Form von Virtuosität, und Virtuosität war seit jeher eine hohle Form des Kulturschaffens. Mehr aber haben die Geisterspiele, ohne die kollektive Konstitution von Bedeutung, offenbar nicht zu bieten.“

Fußball ist ein kollektives Geschehen, das sich nicht nur auf die aktiv Spielenden beschränkt. Das Spiel verbindet die Spielenden auf dem Platz mit den Zuschauenden im Stadion. In dieser Ausnahmesituation zeigt sich deutlich: Diese Form sozialer Verbundenheit ist fragil. Schneider: „Und während es seltsam unbegründet blieb, warum das irgendjemanden stärker interessieren sollte als die inneren Zwänge anderer Wirtschaftszweige, konnte man sich durchaus fragen, was einen mit diesen Gesellen eigentlich verbindet. Und ob einen jemals wieder etwas mit ihnen verbinden sollte.“

Soziale Verbundenheit gestaltet sich in der Aktivität vieler

Soziale Verbundenheit muss sich immer wieder aktualisieren. Nun waren auch in den Spielen vor der Corona Zeit nur ein Bruchteil der Fans tatsächlich im Stadion. Die Fans vor Ort waren aber so etwas wie die Stellvertreter für all jene, die nicht im Stadion sein konnten, sich aber dem Verein zugehörig fühlten. Die vielen tausend Fans, die lautstark mitfieberten, garantierten die Authentizität der Gefühle, sie agierten stellvertretend für ein größeres kollektives Ereignis.

Zeigen die Geisterspiele, dass das Geschäftsmodell Fußball Vorrang hat vor der Verbundenheit mit den Fans hat? Der Fanforscher Jonas Gabler hat auf die bedeutende Rolle der organisierten Fangruppen, der Ultras, hingewiesen. Sie sehen sich aber als Teil des Geschehens, nicht nur als Konsumenten eines professionell gestalteten Produkts. Die Fangruppen der Ultras unterstützen ihre Fußballvereine nach Kräften und verstehen sich doch auch als ein kritisches Gegenüber zu ihnen. Schon vor Corona haben sich in der Fanszene des deutschen Profifußballs deutliche Risse gezeigt. Die Diskussionen waren mit der polarisierenden Person des Fußballmäzens Dietmar Hopp verbunden, eine Auseinandersetzung, die wohl vor allem die Funktion eines Blitzableiters hat. An der Person von Hopp haben die Ultras auch deutlich zu machen versucht, dass sie große Zweifel gegenüber einem Fußball haben, der vor allem auf das große Geld ausgerichtet ist.

Fußball zwischen sozialem Geschehen und Geschäftsinteressen

Die Corona Krise macht viele gesellschaftliche Verhältnisse deutlicher. Das gilt auch für den Profifußball der Bundesliga. Die Logik des hoch kapitalisierten Unternehmens kann die  Erwartungen nach sozialer Verbundenheit, die viele Fans mit ihrer Mannschaft leben wollen, nicht aus eigener Kraft erfüllen. Interessant wird sein, ob und wie hier ein Weg zurück gefunden wird.

Bemerkungen zu dem Buch von Hartmut Rosa: „Resonanz“

Vorbemerkung (2.10.18) Nach diesem Blogbeitrag ist eine längere Rezension, die auch noch deutlicher Position bezieht, in der Internetzeitschrift „Euangel“ 2/2018 erschienen.

In einem Vortrag vor einigen Tagen habe ich einige Überlegungen vorgestellt, die die Verbundenheit für die Beschreibung des christlichen Glaubens hervorheben: Es geht im Glauben um eine grundlegende Verbundenheit mit anderen Menschen, um die Verbundenheit mit der Welt. Beide resultieren aus einer radikalen Verbundenheit mit Gott. In der anschließenden Diskussion ist mir die Frage gestellt worden, in welchem Zusammenhang diese Gedanken mit dem Ansatz des Soziologen Hartmut Rosa stehen, wie er ihn in seinem Buch „Resonanz“ dargestellt hat (Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Frankfurt am Main 2016). Ich habe das Buch noch einmal zur Hand genommen. Einige Beobachtungen zu dem, was mir auffiel.

Zunächst: Rosa beruft sich unter anderem auf drei Philosophen, die auch für mich sehr wichtig sind, Charles Taylor, Maurice Merleau-Ponty und Bernhard Waldenfels. Ich finde auch viele Gedanken bei Rosa, die mir selbst sehr wichtig sind. Was meint Resonanz  nach Rosa? Resonanz weist zunächst einmal darauf, dass das Entscheidende eines gelingenden Lebens nicht in einem selbst liegt, sondern in der Beziehung, die man zur Welt hat! Wir sollten nicht zu ergründen versuchen, wie es tief in unserm Innern aussieht, um zu uns selbst zu kommen. Vielmehr geht es darum, darauf aufmerksam zu werden, dass wir schon immer in der Welt und in den Beziehungen zu anderen Menschen eingebunden sind. Diese „Soziologie der Weltbeziehung“ (56) ist gegenüber den üblichen Selbstvervollkommnungsansätzen eine wichtige Korrektur: Wir kommen nicht dadurch zu uns selbst, dass wir uns auf uns selbst konzentrieren, sondern nur so, dass wir auf unsere Beziehung zur Welt achten.

Was Rosa unter Resonanz versteht, macht er in einem Bild deutlich: Bei Resonanz entsteht so etwas wie ein vibrierender Draht zwischen uns und der Welt. (24) Dabei kommt es auch auf die Haltung an, die man gegenüber der Welt einnimmt: „Auf dem Gipfel eines Berges oder am Ufer des Meeres sind (zumal moderne) Menschen auf eine andere Weise in die Welt gestellt als in der Großstadt (…).“(31) Resonanz kann man also besonders gut in diesen außergewöhnlichen Momenten erleben. Aber es kommt darauf an, dass Resonanz nicht nur eine Ausnahmeerscheinung im Leben ist, sondern eine Struktur, die unser Leben begleitet. Was ist nach Rosa ein gutes Leben? Das gute Leben ist das „Ergebnis einer Weltbeziehung, die durch die Etablierung und Erhaltung stabiler Resonanzachsen gekennzeichnet ist (…).“ (59)

Der Begriff der Resonanz stellt vor allem die klassische Subjekt-Objekt-Unterscheidung in Frage. Diese Unterscheidung vollzieht zunächst einmal eine Trennung: Wir sind die Subjekte, die dem Objekt „Welt“ gegenüber stehen. Wir sind aber als Subjekte nicht unabhängig von der Welt, sondern immer schon aufeinander bezogen. Das ist ohne Zweifel ein Erbe des Ansatzes von Merleau-Ponty (und vonHeidegger), durch den ja auch Taylor und Waldenfels beeinflusst sind. Rosa definiert die Resonanz sehr kompakt in wenigen Sätzen, die theoretisch hoch verdichtet sind. Der zentrale Satz lautet:

„Resonanz ist eine durch Af<-fizierung und E->motion, instrinsisches Interesse und Selbstwirksamkeitserwartung gebildete Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren.“ (298)

Ein nicht gerade leicht zu verstehender Satz. Man merkt, dass hier sich verdichtet der Kern der Theorie von Rosa befindet. Aber die beiden Sonderzeichen in den Wörtern Affizierung und Emotion zeigen an: Resonanz ist ein Geschehen zwischen dem Subjekt und der Welt, das zwei Richtungen kennt. Beide müssen füreinander offen sein, nur so kann es zur Resonanz kommen.

Für Rosa hat die Resonanz nicht nur eine beschreibende Bedeutung, dem Begriff kommt auch eine kritische Funktion zu. Deshalb setzt er den Begriff der Resonanz von jenem Begriff ab, der für die Missstände unserer Zeit verantwortlich ist: von dem Begriff der Entfremdung. Bei der Entfremdung ist das Verhältnis des Subjekts zur Welt durch Gleichgültigkeit oder gar Ablehnung bestimmt (306) Entfremdung hat nach Rosa viel mit der kontinuierlichen Beschleunigung  zu tun, durch die unsere Zeit geprägt ist.

So weit in wenigen Worten einige wichtige Gedanken aus dem Ansatz von Rosa. Er lässt sich leicht auf Erfahrungen unserer Zeit beziehen. Das ist seine Stärke, aber auch seine Gefährdung. Mir scheint es, dass man beim Lesen doch nur allzu schnell sagen kann: Ja, so ist es! Doch diese Bestätigung gefährdet den Anspruch, mit dem Ansatz etwas Neues zeigen zu wollen. Ich habe Probleme damit, dass Rosa sich zwar gegen die Unterscheidungen von Objekt und Subjekt wendet, das Arsenal der herkömmlichen Weltvorstellung aber bestehen lässt: Es gibt Subjekte, es gibt die Welt. Es kommt nur darauf an, wie man damit umgeht. Wenn man es falsch macht, entsteht Trennung, wenn man es richtig macht, entsteht Resonanz. Nur allzu schnell kann der Ansatz therapeutisch verkürzt werden: Es kommt nur darauf an, die Beziehung zur Welt (und zu anderen Menschen) besser zu gestalten. Leiden wir nicht an den neueren gesellschaftlichen Entwicklungen, an der Beschleunigung? Das ist die Entfremdung! Wie können wir uns aus dieser Entfremdung befreien? Indem wir neue Resonanzachsen aufbauen bzw. sie pflegen. Das ist möglich, denn: „Die Resonanztheorie geht im Gegenteil von der Überzeugung aus, dass beide Seiten von Resonanz- oder Entfremdungsverhältnissen – Subjekt und Welt – grundsätzlich veränderbar sind (…).“ (728)

Und dann folgt bei Rosa ein Programm, das eigentlich bekannt ist. Es geht um die Postwachstumsgesellschaft, die natürlich liberal, demokratisch und pluralistisch ist. Ebenso klingen viele andere zurzeit aktuelle Begriffe an: Urban Gardening, Shared Economy usw. usf. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass, wenn man sich in dem richtigen sozialen Milieu befindet, dass man dann auch schon auf dem richtigen Wege ist. Das muss alles jetzt nur noch umgesetzt werden.

Mir behagen diese überraschungsfreien Konsequenzen nicht, die Rosa aus dem Ansatz ableitet. Der Ansatz ist im Grunde fundamental, wichtig und richtig. Doch die Durchführung der Theorie ist nur allzu anschlussfähig an die Grundüberzeugungen bestimmter Milieus in unserer Gesellschaft. Da wirkt der Ansatz wie eine Bestätigungstheorie. Viele Leserinnen und Leser dieser Milieus können das Buch zuklappen, zufrieden, dass sie das doch immer schon gewusst haben. Das erhöht sicherlich die Resonanz des Buches selbst. Aber müssen wir in unseren Zeiten des Umbruchs und der Verunsicherung nicht tiefer graben? Gilt es nicht, neue Antworten zu finden, die vielleicht auf dem ersten Blick nicht schlüssig klingen? Der Ansatz von Rosa bietet meiner Ansicht nach dazu Möglichkeiten. Nur sind sie nicht ausgeführt.