Ein Blick zurück
Die Rede vom Reich Gottes war im 19. Jahrhundert und im 20. Jahrhundert in der christlichen Theologie immer wieder außerordentlich populär. In vielen theologischen Entwürfen erschien es als eine bewegende Kraft, die die Welt verändern soll. Das Reich Gottes bildete etwa einen christlich fundierten Orientierungspunkt für den steten menschlichen Fortschritt oder es war eine theologische Quelle politischer Kritik an den herrschenden Verhältnissen.
Die westlichen Gesellschaften der vergangenen zwei Jahrhunderte, die Zeit der Moderne, waren von einer Ausrichtung auf Zukunft bestimmt. Der Historiker Lucian Hölscher hat in einer umfangreichen Studie herausgearbeitet, dass diese Zukunft eine Entdeckung aus unserer Epoche, aus der Epoche der Moderne ist. Nach der Französischen Revolution und mit der Industrialisierung taucht die Zukunft erstmals als das auf, was uns so selbstverständlich ist, als ein eigenständiger Raum auf, der sich in die kommende Zeit hin öffnet. Die Welt wird variabel, gestaltbar. Auf den imaginierten Zukunftsraum richten sich viele Erwartungen und Hoffnungen. Besonders stark war die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Hölscher in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und dann wieder in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts.
Die Identifizierung gesellschaftlicher Zukunftserwartungen und der Rede vom Reich Gottes
Die Theologie ist mit ihren Interpretationen des Reiches Gottes diesen gesellschaftlichen Trends gefolgt. Am Ende des 19. Jahrhunderts dominierte eine liberale Theologie, die eine „Reich Gottes“ Arbeit forderte, ein stetes Wirken an der Verbesserung der Verhältnisse, die mit dem wirtschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen Fortschritt einher gingen. Dazu war eine innere Haltung erforderlich, die des gesitteten, modernen Menschen. Das Reich Gottes wurde zu einem inneren Kompass. Diese Theologie wurde mit den Gräuel des Ersten Weltkrieg stark geschwächt. Im 20. Jahrhundert, vor allem in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 60er Jahren wurde eine Reich Gottes Theologie populär, die in den grundlegenden, auch revolutionären Veränderungen der Gesellschaft, in der Bekämpfung von Ungerechtigkeit und Ausbeutung ihre Ziele sah. Am bekanntesten wurde der Entwurf von Jürgen Moltmann: „Die Theologie der Hoffnung“.
Die Grenze menschlicher Handlungsmöglichkeiten
Diese Entwürfe sind davon geprägt, dass sie Möglichkeiten menschlichen Handelns, die Gestaltung von Zukunft eng mit Reich Gottes Erwartungen verbinden. Doch genau da liegt eine gravierende theologische Gefahr. Werden hier nicht weltliche Verhältnisse und menschliche Handlungsoptionen zu schnell mit theologischen Beschreibungen des Reich Gottes kurzgeschlossen? Kann eine biblisch begründete Rede vom Reich Gottes mit bestimmten politischen Handlungen der Moderne identifiziert werden?
Nun hatte die Reich Gottes in den Predigten Jesu ohne Zweifel mit der vorfindlichen Welt zu tun, es geht nicht um irgendein getrenntes Jenseits. Seine Predigten waren sehr diesseitig, die Gleichnisse nahmen die Erfahrungen einer agrarischen Alltagswelt auf und nutzten sie für die Beschreibung des nahen Reiches Gottes. Aber das ist etwas anderes als die Identifizierungen mit bestimmten gesellschaftlichen Erwartungen an die Zukunft. Vor allem betonen die Gleichnisse vom Reich Gottes Jesu immer wieder und wieder die Grenzen menschlicher Handlungsmöglichkeiten!
Unsere Welt und das Reich Gottes: Nähe und Differenz
Das Verhältnis der Predigt vom Reich Gottes zu unserer Welt ist also kompliziert. Eine Identifizierung ist kurzschlüssig und hielt in der Regel auch nicht lange. Hierdurch erwies sich die Theologie vordergründig als gesellschaftlich relevant. Aber es mündete auch in der Unterstützung des Ersten Weltkrieges durch viele liberale Theologen. Eine deutliche Enttäuschung folgte. Die dialektische Theologie erhob nach dem ersten Weltkrieg einen sehr berechtigten Protest gegen eine liberale Rede vom Reich Gottes, die sich sehr der vorherrschenden bürgerlichen Gesellschaft angepasst hatte. Wie auch immer vom Reich Gottes geredet werden kann, es muss so geschehen, dass die Differenz und Distanz zur Welt, in der wir leben, gewahrt bleibt. Die Botschaft von der Nähe lässt trotz der Nähe keine Identifizierungen zu.
Warum die Rede vom Reich Gottes dennoch wichtig ist
Trotz dieser unübersehbaren Gefahr kurzschlüssiger Identifizierungen möchte ich in den folgenden Blogbeiträgen auch an der Rede vom Reiches Gottes anknüpfen. Denn es bietet viele Möglichkeiten, theologische Aussagen auf unsere Welt zu beziehen, diese Welt in Frage zu stellen und zu ihrer Veränderung beizutragen. Es geht dann aber nicht um eine Identifizierung einer politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Option mit dem Reich Gottes, es geht nicht um eine kurzschlüssige Reich-Gottes-Arbeit. Das Reich Gottes ist vor allem und zunächst einmal eine Sache Gottes.
Doch lässt die Ansage des nahen Gottesreiches die Menschen nicht ruhen. Durch die nach wie vor gültige Ansage des nahenden Reiches Gottes wird die Welt einer grundlegenden Kritik unterzogen. Dies gilt auch für die theologischen Positionen und Ausarbeitungen, die sich einerseits kritisch zur Welt verhalten sollen und doch immer auch Teil dieser Welt sind. Die Rede vom Reich Gottes ist für die Theologie deshalb immer auch Grund zur Selbstkritik.
Es kommt also viel darauf an, wie das Reich Gottes zur Welt in Beziehung gesetzt wird. Wenn diese Differenz beachtet wird und das Reich Gottes nicht als Bestätigung theologischer, kultureller, gesellschaftlicher Positionen verwendet wird, sondern zu ihrer immer neuen Kritik und Motivation der Veränderung, dann kann diese Rede vom Reich Gottes gerade auch den Impuls der dialektischen Theologie vor 100 Jahren aufnehmen! Es geht um die Differenz zwischen unserer Welt und dem Reich Gottes, aber eine Differenz, die nicht schiedlich, friedlich trennt, sondern immer wieder die Verkündigung des Reiches Gottes kritisch auf die Welt bezieht und damit die Welt in Bewegung setzt.
Sehr einverstanden mit dem, was Sie schreiben. Ich bin nun sehr gespannt, wie Sie die Verkündigung des Reiches Gottes ( durch Jesus) produktiv ins Spiel bringen im kritischen Diskus über die Gegenwart. Reich Gottes als „Utopie Hoffnung“ (E. Bloch). – Damit knüpfen Sie ja auch an Ihre zurückliegenden Überlegungen an…
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Ein sehr ermutigender Aufruf, dem Reich Gottes zu dienen und es mitzugestalten, aber dann kommen diese beiden Sätze am Schluss:
„Das Reich Gottes ist allein eine Sache Gottes. Es geht aber darum, dass diese Welt durch die Ansage des nahenden Reiches Gottes grundlegender Kritik unterzogen wird. „
Nicht Dienst am Reich Gottes, keine Mitgestaltung, nur Ansage! Das Reich Gottes selbst sollen wir also „allein“ dem personalen (?) Gott in der Transzendenz überlassen? „Er (der Papa?) wird’s schon richten“ (Helmut Qualtinger). Nein, das ist viel zu wenig, und eine „Ansage“ führt gewiss nicht zu grundlegender Kritik. Sehr schade.
Jürgen Schnakenberg
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Danke für den Kommentar! Die Differenz mag ungewöhnlich sein, sie ist mir aber zentral wichtig: Wir Menschen können und sollen versuchen, die Welt zu verbessern, das Reich Gottes werden wir nicht herbeiführen. Das ist eine Mitgestaltung, die die Differenz nicht verwischt, denn sie ist nicht von unserer Seite aus aufhebbar. Menschliches Handeln bleibt menschliches Handeln, auch wenn es von der Nähe des Reiches Gottes inspiriert ist. Wir sollen etwas tun, aber wir sollten unser Handeln nicht mit dem Reich Gottes identifizieren. Da bleibt die Bitte gültig: Dein Reich komme! Die Differenz von Gott und Mensch steht so gerade auch kritisch gegenüber allen menschlichen Selbstüberhöhungen… Darin hatte die dialektische Theologie recht.
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