Wie kann die Beziehung des Reiches Gottes zu unserer Welt beschrieben werden? Offensichtlich, das zeigt der vorangegangene Beitrag dieses Blogs ist weder eine Verinnerlichung noch eine Identifizierung mit politischen Programmen aus theologischer Sicht möglich.
Fehlerhafte Identifizierungen
Eine Verinnerlichung schützt in keiner Weise vor gravierenden Fehlern der Akteure, die die Zugehörigkeit zum Reich Gottes durch ihre innere Ausrichtung sicher glauben. Wenn das Reich Gottes als eigene innere Orientierung verstanden wird, das eigene Handeln aber nicht die Welt erkennbar verbessert, sondern ambivalent bleibt, dann kann dem christlichen Zeugnis des Reiches Gottes ein erheblicher Schaden zugefügt werden. Doch nicht nur einer Behauptung einer inneren Reich Gottes Haltung gegenüber sollte Distanz gewahrt werden, sondern auch gegenüber einem Versuch, das Reich Gottes mit einer expliziten politischen Programmatik zu identifizieren. Bislang hatten alle politischen Programme problematische Folgen und dunkle Stellen, die erst in späterer Zeit, in einem Blick zurück deutlich wurden. Auch wenn politischen Akteure überzeugt sind, nur für das Gute einzutreten, so ist aus theologischer Sicht die Skepsis wichtig, ob diese Selbstwahrnehmung auch dem historischen Urteil Stand hält. Insofern ist vor allen Identifizierungen des Reiches Gottes in menschlichen Verhältnissen und damit vor allen Versuchen der Selbstüberhöhung zu warnen.
Die bleibende Relevanz des Reiches Gottes für unsere Welt
Dennoch hat die Ankündigung des nahen Reiches Gottes eine große und bleibende politische Bedeutung. Es ist für die menschliche Politik höchst relevant, dass die Botschaft Jesu Christi auf die Bedeutung des Reiches Gottes für diese Welt wies. Die Beziehung zwischen dem Reich Gottes und unserer Welt ist also so, dass die Botschaft von dem Reich Gottes unsere Welt in Frage stellt und in Bewegung bringt, dass Akteurinnen und Akteure sich darauf ausrichten und die Welt zu verändern beginnen.
Eine angemessene Beschreibung der Beziehung zwischen dem Reich Gottes und unserer Welt hat damit zweierlei zugleich zu leisten: Einerseits muss sie die bleibende Differenz zwischen beiden betonen, um eine Vereinnahmung durch eine politische Bewegung zu unterbinden. Andererseits muss sie deutlich machen, dass das Reich Gottes für die Welt und ihre politische Entwicklung von größter Bedeutung und Relevanz ist.
Die Unterscheidung von Gestalt und Grund, von Vordergrund und Hintergrund
Ich möchte hier nun vorschlagen, diese Beziehung ähnlich der Unterscheidung von Gestalt und Grund oder von Vordergrund und Hintergrund zu beschreiben, so wie sie in der Phänomenologie herausgearbeitet wurde. Dabei gilt das folgende Grundverhältnis: Jede Gestalt, die wir erkennen, hebt sich vor einem Hintergrund ab. Die Differenz von Gestalt und Grund oder Gestalt und Hintergrund ist eine Voraussetzung, dass die Gestalt überhaupt als eine geschlossene Form sichtbar wird. Ein Mensch geht auf einer Straße. Ist es der Mensch, auf den wir aufmerksam werden, wird er zur Gestalt, auf die wir uns konzentrieren, so werden die Straße, die Häuser etc. automatisch zum Hintergrund. Ein Hintergrund ist in gewisser Weise unscharf, er wird nicht direkt thematisiert, solange er Hintergrund ist, aber er ist nicht ohne Wirkung auf die Gestalt. Sähen wir dieselbe Gestalt, den Menschen, auf einer blühenden Wiese gehen, so würde der veränderte Hintergrund sich das auch auf die Wahrnehmung der Gestalt des Menschen auswirken. Porträts von Menschen können sehr unterschiedlich wirken je nach dem Hintergrund, vor dem sie sich zeigen.
Der Wechsel von Hintergrund und Vordergrund
In unseren alltäglichen Erfahrungen können wir nun immer wieder den Hintergrund zum Vordergrund erheben. Das geschieht in dem Beispiel einfach dadurch, dass wir auf die Straße oder auf die Wiese aufmerksam werden. Dadurch versinkt die Gestalt, der gehende Mensch, in den Hintergrund. In unserer Welt gibt es keinen Hintergrund, auf den wir nicht aufmerksam werden können. Besonders deutlich wird das bei so genannten Vexierbildern. Hier können die Betrachtenden mit etwas Übung schnell von der einen auf die andere Weise umschalten, der Hintergrund wird zu Gestalt, die Gestalt zum Hintergrund. Je nach Einstellung ist eine Vase zu sehen oder zwei sich gegenüberstehende Gesichter:

Das Reich Gottes als bleibender Hintergrund
Der Vorschlag ist nun, das Reich Gottes als einen Hintergrund zu deuten, vor dem sich die Dinge und Geschehnisse unserer Welt abheben. Das Besondere dieses Hintergrundes ist allerdings, dass dieser Hintergrund nicht zum Vordergrund gemacht werden kann. Das Reich Gottes ist ein für uns Menschen nicht zugänglicher Hintergrund. So unterscheidet sich das Reich Gottes von Phänomenen unserer Welt. Wir können indirekt darauf aufmerksam werden, aber wir können uns nicht direkt darauf beziehen. Wir müssen in Metapher, in Gleichnissen, mit indirekten Verweisen reden, wenn wir uns auf das Reich Gottes beziehen wollen.
Die Ahnung des Reiches Gottes als höherer Realismus
Daraus lässt sich zweierlei ableiten: Einerseits können wir in dieser Interpretation nicht über das Reich Gottes verfügen, es kann nicht in eine wie auch immer geartete politische Programmatik eingebunden werden. Denn eine politische Programmatik bezieht sich auf das Gestalt- und Machbare. Es bleibt also die Gefahr der Identifizierungen gebannt.
Andererseits wirkt die „Nähe“ des Reiches Gottes schon heute, denn es lässt die Dinge der Welt in einem anderen Licht erscheinen. Es wird deutlich, dass in Handlungen der Mitmenschlichkeit, in der Liebe, in dem Engagement für mehr Gerechtigkeit, in dem Kampf um den Erhalt der lebendigen Natur ein höherer Realismus steckt.
Dieser Realismus ist bestimmt von der Ahnung der Nähe des Reiches Gottes. Das Reich Gottes ist schon jetzt wirksam und ihm gehört die Zukunft. Vor dem Hintergrund des Reiches Gottes haben dagegen die destruktiven und tödlichen Kräfte dieser Welt keine Zukunft. Die Todesmächte verschwinden nicht einfach, sie bleiben eine bittere Realität unserer Welt und eine Anfechtung für alle, die die Nähe des Reiches Gottes ahnen. Aber mit der Ahnung der Nähe des Reiches Gottes wissen sie, dass die Todesmächte nicht das letzte Wort behalten. Wer auch immer die Welt vor diesem Hintergrund sieht, sieht sie anders und handelt anders, mit einem höheren Realismus und einer aktiven Ausrichtung, wie Jesus von Nazareth sie gelehrt hat. Insofern gilt: Eine Politik mit Zukunft berücksichtigt die Nähe des Reiches Gottes.
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Weitere Informationen zum hier vertretenen theologischen Ansatz
Gewiss kommt in der Sehnsucht des Menschen nach Mitmenschlichkeit, nach einem harmonischen Zusammenleben dieser und mit der Natur, Göttliches zum Ausruck. Aber das bleibt ohnmächtig wenn sich das Individuum mit seiner Transzendenz, also seiner unsterblichen Seele, mit dem Ewigen, nicht identifiziert. Denn in dieser neuen Identifizierung besteht ja die Wiedergeburt von der Jesus spricht und die den Ausgangspunkt der neuen Menschwerdung bildet. https://manfredreichelt.wordpress.com/2021/05/01/alles-in-meiner-macht-stehende/
Erst in der Identifizierung mit dem Ewigen kann alle Abhängigkeit von der Natur allmählich überwunden werden. Ist dies geschehen, kann es keine Kriege, keinen Hunger und Durst, keine Krankheit und Tod mehr geben. Erst dann ist das Reich Gottes verwirklicht. Bis dahin besteht es in den schrittweisen Siegen, die das Individuum mit einem solchen Ziel, erringt. Da das eine ganzheitliche Angelegenheit ist, hat es auf alles Auswirkungen, aber die Früchte kann nur das jeweilige Individuum selbst genießen. Das Heil, worum es im Reich Gottes geht, ist eben nur in Freiheit zu erlangen. https://www.academia.edu/47776276/Ursprung_und_Ziel_Wie_die_Evolution_weitergeht_
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