Warum beziehen wir uns im Alltag so selten auf Gott?

Im Alltag verlassen wir uns auf Routinen. Das sind solche Handlungsabläufe, über die wir nicht viel nachdenken müssen, die fast von selbst stattfinden. Die Dinge, mit denen wir umgehen, sind uns vertraut. Doch was passiert, wenn etwas Außergewöhnliches geschieht? Das Außergewöhnliche ist erst einmal eine Unterbrechung des Alltags. Die Routine greift nicht mehr, etwas gerät ins Stocken.

Unterbrechungen des Alltags

Wir müssen uns dann neu orientieren. Warum funktioniert das Licht im Keller nicht? Warum springt das Auto nicht an? Warum habe ich keinen Empfang mit meinem Handy? Es gibt tausend Gründe dafür, dass die Routinen unterbrochen werden. Nun haben wir moderne Menschen auch für solche Momente eine Routine entwickelt.  Wenn etwas fragwürdig wird, gehen wir mit der Situation in einer bestimmten Weise um. „Was ist los?“ Wenn wir die Frage zu beantworten versuchen, nehmen wir eine bestimmte Haltung ein und machen uns auf die Suche.

Wir suchen nach Indizien für die Ursachen der Unterbrechung und beziehen uns auf Hintergrundannahmen, die wir als sicher annehmen. Diese Hintergrundannahmen bestehen für uns  in der Regel aus dem Wissen über die objektive Welt. Wir akzeptieren in der Regel keine Erklärungen, in denen die Naturgesetze außer Kraft gesetzt sind. Eine Formulierung, die dieser Haltung Ausdruck gibt, lautet: „Es muss alles mit rechten Dingen zugehen.“

Ist das UFO wirklich gelandet?

Nehmen wir einmal die folgende Situation an: Ein Freund stürzt durch die Tür herein und behauptet aufgeregt, vor dem Haus sei ein UFO gelandet. Wir glauben ihm nicht, aber lassen uns mitreißen und laufen vor das Haus: Wir sehen nichts. Der Freund will sich nicht beruhigen, wir untersuchen mit ihm den Rasen vor dem Haus nach Spuren, wir finden wiederum nichts. Auch gibt es keine weiteren Zeugen im Umfeld. An Bäumen, an Strommasten oder Hausfassaden sind keine Spuren zu sehen, die auf die Landung eines UFOs schließen lassen. Unser Freund bleibt hartnäckig, um ihn zu beruhigen, gehen wir in der Überprüfung vielleicht noch weiter: Wir fragen in der Nachbarschaft, ob es irgendwo Stromausfälle oder andere außergewöhnliche Indizien gab, telefonieren mit Bekannten in der Nähe, ob sie etwas gesehen haben. Schließlich rufen wir bei der Leitwarte des nahe gelegenen Flughafens an. Doch auch da werden keine besonderen Vorkommnisse auf den Radarschirmen gemeldet. Was bleibt uns dann anderes übrig, als diese Erfahrung des Freundes als einen persönlichen subjektiven Eindruck einzuordnen, die eher einer Halluzination gleicht? Wir mögen immer noch ihn entschuldigen wollen, aber klar ist, dass seine Behauptung über die Wirklichkeit nicht zutrifft.

Das Objektive und das Subjektive

Was haben wir nun mit unserem Prüfprozess getan? Wir haben ein bestimmtes Programm durchgearbeitet, das auf ein allgemeines Verständnis von einer objektivierbaren Welt ausgerichtet ist. Wenn ein UFO gelandet sein sollte, so die Vermutung, dann hat es sicherlich auch objektive Spuren hinterlassen, die dem einen oder anderen Überprüfung zugänglich sind. Wenn es solche Spuren nicht gibt, müssen die Ursachen für die Erscheinung beim Freund selbst zu suchen sein. Dann war das UFO nur ein subjektiver Eindruck, ein Schein, dem aber kein Sein entspricht. Der Freund mag „innerlich“ überzeugt sein, aber seiner Überzeugung entspricht keine äußere Wirklichkeit.

Dieses Urteil ist gut begründet. Wenn wir unreflektiert einer Behauptung über die Wirklichkeit Glauben schenken, setzen wir uns dem Verdacht der Leichtfertigkeit, zumindest aber der Leichtgläubigkeit aus. Die objektivierende Beschreibung der Welt ist ein hohes Gut, das wir in den letzten Jahrhunderten errungen haben. Nicht nur bei einer so skurrilen Behauptung wie der Landung eines UFOs ist die Orientierung an dem objektiv Nachweisbaren von großer Bedeutung. Denn sie beruht auf einer Beschreibung der Wirklichkeit, die größtmögliche Allgemeinheit anstrebt.

Was hat all das mit der Rede von Gott zu tun? Um es klar zu sagen: Es wäre natürlich fatal, nun anzunehmen, Gott habe vor allem mit solchen unerklärlichen Ereignissen zu tun und sei an Wunder gebunden, also an Ereignisse, bei denen es nicht mit rechten Dingen zugeht. Dann würde sich der Glaube an Gott kaum vom Glauben an UFOs unterscheiden. Die Frage aber ist, ob unsere Routine der Unterscheidung zwischen Sein und Schein, zwischen subjektiven Eindrücken und objektiven Geschehnissen so gut begründet ist. Für Erfahrungen mit Gott bliebe nur die Kategorie „subjektiver Eindruck“ und da haben wir gelernt, misstrauisch zu sein.

Jenseits des Objektiven UND jenseits des Subjektiven – irgendwo dazwischen

Doch was ist, wenn diese Unterscheidung gar nicht so gut begründet ist? Was ist, wenn sie unterschlägt, dass die Wirklichkeit viel differenzierter ist, dass sie sehr viele Schattierungen kennt zwischen dem rein Objektiven und dem rein Subjektiven? Wie interpretieren wir dann die diffusen Zwischenzustände? Die sind nun gar nicht so selten, im Grunde leben wir in ihnen. Wenn ich sage „Das Wetter ist schön!“  – ist das eine subjektive Aussage? Eigentlich nicht, denn ich sollte solch eine Aussage auch begründen können, etwa, indem ich auf den Sonnenschein verweise. Ist es eine objektive Aussage? Eigentlich nicht, denn es steckt in ihr immer auch etwas von meiner persönlichen Wahrnehmung.

Die meisten Dinge um uns herum sind wie das Wetter weder objektiv noch subjektiv. Doch weil wir gelernt haben, im Zweifelsfall klar unterscheiden zu wollen, fällt es uns schwer, die Eigenständigkeit dieser Zwischenzustände zu akzeptieren. In diesen Zwischenzuständen aber zeigt sich die Wirklichkeit in einer Weise, die nicht auf etwas anderes reduziert werden kann. Wenn ich anderen Menschen begegne, ist das dann subjektiv oder objektiv? Wenn ich bestimmte Erfahrungen mit der Natur mache, ist das subjektiv oder objektiv? Erfahrungen mit Musik, sind sie subjektiv oder objektiv? Wir werden all diesen Erfahrungen nicht gerecht, wenn wir sie als eigentlich objektive Vorgänge beschreiben. Noch werden wir ihnen gerecht, wenn wir sie als subjektive Eindrücke einordnen.

Diese Zwischenzustände sind es, auf die eine leiborientierte Phänomenologie aufmerksam macht. Es sind auch diese Zwischenzustände, in denen Gott sich zeigt. Es sind zwischenmenschliche Konstellationen, die weder objektiv noch subjektiv sind, es sind Erzählungen, die weder objektiv noch subjektiv sind. Die biblischen Texte sind voller Hinweise auf solche Konstellationen. Es geht also darum, zunächst einmal wahrzunehmen, dass unser Leben von Verhältnissen geprägt ist, die ebenso wirklich sind wie die objektiven Dinge der Naturwissenschaften und doch sich nicht eindeutig fixieren lassen. Wenn wir stärker darauf aufmerksam würden, könnten wir auch unsere Erfahrungen stärker auf Gott beziehen. Erfahrungen mit Gott sind weder subjektiv noch sind sie objektiv.

Autor: Frank Vogelsang

Ingenieur und Theologe, Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland, Themenschwerpunkt: Naturwissenschaften und Theologie

3 Kommentare zu „Warum beziehen wir uns im Alltag so selten auf Gott?“

  1. Mehr auf die schwer fassbaren „Zwischenzustände“ zu achten, das ist Meditation im Alltag. Dabei geht es darum, das wahrzunehmen, was in der Hektik des Alltags meistens untergeht. Nicht einfach, aber lohnenswert! Danke für die Anregung!

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    1. Diese Antwort auf den Beitrag von Frank V. hat mir sehr gefallen, weil ich es öfter so erlebt habe, wie in der Antwort dargestellt. Was uns manchmal nicht behagt oder stört, entpuppt sich auch schon mal als großartig. Wir begreifen es oft nur erst später.

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