Abschied vom Auenland

Der Psychologe Stephan Grünewald hat in seinem Buch „Wie tickt Deutschland“ eine Metapher eingeführt, die erhebliche Aussagekraft für die Stimmung in Deutschland des vergangenen Jahrzehnts hat: die Metapher des Auenlandes. (Am Ende dieses Textes ist ein Link zu einem Video mit einem Gespräch mit Stephan Grünewald vom November letzten Jahres.) Die Metapher ist natürlich eine Anspielung an die Saga von Tolkien „Der Herr der Ringe“. Das Auenland wird von den Hobbits bewohnt, es ist wohl gefügt. Die Hobbits sind in der Regel friedliche und freundliche Zeitgenossen. Sie leben in einer Idylle, in der es an nichts Grundlegendem fehlt. Im Großen und Ganzen ist alles in einer guten Ordnung, es gibt natürlich immer Gründe zur Klage, doch kann man mit einigem guten Willen diese Gründe beseitigen. Gerne appellieren viele Politikerinnen und Politiker in Deutschland an ein diffuses „Wir“, das dem „Wir“ der Auenlandbewohner gleicht. Gesellschaftliche Interessenkonflikte scheinen der Vergangenheit anzugehören. Dieses „Wir“ wird auch dadurch befeuert, dass dem „Auenland“ in der Terminologie von Grünewald das „Grauenland“ gegenüber steht. Das Auenland „Wir“ ist insgeheim froh, nicht dort leben zu müssen. In gewisser Weise fand aber mit diesem vorherrschenden Gefühl und „Wir“ Verständnis in der Politik eine erhebliche Entpolitisierung statt.

Wie das Auenland-„Wir“ entstand

Das Auenland Gefühl erfasst eine breite Mehrheit, wenn auch bei weitem nicht alle in der Gesellschaft, denn viele können an den Wohlstand gerade nicht partizipieren. Aber ihr kultureller Einfluss ist sehr begrenzt und kann dem Gefühl der Mehrheit wenig entgegen setzen. Das Auenland Gefühl darf nicht mit der sozialen Realität verwechselt werden. Allerdings es ist auch nicht willkürlich entstanden, die wirtschaftlichen und politischen Randbedingungen Deutschlands waren und sind tatsächlich sehr vorteilhaft und das beförderte bei einem großen Teil der Bevölkerung das Auenland Gefühl. Als starker exportorientierter Industriestandort ist Deutschlands Position innerhalb der EU unangefochten. Gleichzeitig ist der gemeinsame Euro nicht so stark wie es die alte D-Mark wäre. Das beflügelt zudem den Export in Staaten außerhalb der EU. Die guten Kontakte zu dem aufsteigenden Markt China aber auch zu dem großen Markt in den USA haben die Exporte kontinuierlich wachsen lassen. Die Wirtschaftsdaten Deutschlands waren deshalb über einen langen Zeitraum allesamt positiv. Die Arbeitslosigkeit nahm kontinuierlich ab, die Zahl der Arbeitsplätze kontinuierlich zu, hin und wieder war Deutschland Exportweltmeister. Mit keiner anderen Politikerin werden die positiven Daten assoziiert wie mit Angela Merkel. Ihr öffentliches Bild ist zu dem der mütterlichen und mit Umsicht sorgenden Kanzlerin geworden, die dafür sorgt, dass die Dinge auch für alle, für das große „Wir“ des Auenlandes gut bleiben.

Das Auenland-„Wir“ in der ersten Welle der Pandemie

Nun, in der Corona Pandemie aber gerät diese Auenland-Stimmung ins Wanken. Noch in der ersten Welle stellte sich das alte Gefühl nach einem anfänglichen Erschrecken recht schnell wieder ein. Die Inzidenzwerte waren besser als in anderen Ländern, der Lockdown wirkte schneller, das stark ausgebaute Gesundheitssystem war zu keiner Zeit ernsthaft in Gefahr einer Überlastung. Die Politik machte mit zum Teil martialischen Bildern deutlich, dass sie alle Widrigkeiten auffangen werde (Bazooka). Das Auenland will verteidigt werden. Dementsprechend stieg die Zuversicht im Sommer schnell wieder, wirtschaftliche Daten ließen den Schluss zu, dass sich der Standort Deutschland sehr schnell von dem Einbruch erholen werde. Die Politik bestärkte wiederum das diffuse „Wir“ Gefühl des Auenlandes. Man will die Herausforderungen „gemeinsam“ bewältigen. Auch hier geht es nur um ein Gefühl: Was meint dieses „Wir“ angesichts von starken Vermögensunterschieden, von sehr unterschiedlichen Partizipationschancen? Wenn Unternehmen, die Jahre zuvor viel Gewinn gemacht haben, nun vom Staat durch die Krise getragen und vor Verlusten beschützt werden, so fragt aufgrund des „Wir“ Gefühls niemand nach den Verteilungswirkungen dieser Hilfen. Jene, die zuvor die Gewinne verbuchen konnten, werden unterstützt von allen Steuerzahlern, bis sie wieder Gewinne für sich verbuchen können. Wie steht es mit denen, die in dieser Gesellschaft keine Gewinne machen können?

Die zweite Welle der Corona Pandemie

Doch dann kam im Herbst die zweite Welle. Nun kommen zu viele Mängel zum Vorschein, um sie noch in das Auenland-Gefühl integrieren zu können. Die öffentliche Infrastruktur ist in einem wesentlich schlechteren Zustand als es das Gefühl vermutet hätte. Da sind die Schulen, die auch in der zweiten Welle zumeist nicht auf digitalen Fernunterricht umstellen können. Da sind die Gesundheitsämter, die eine schon lange existierende Software zum überwiegenden Teil nicht installiert haben und die Daten auf gesondertem Weg übermitteln müssen. Da ist die Corona Warn App, die keinen tragenden Anteil an der Pandemiebekämpfung hat. Da ist die förderale politische Struktur, die während der Pandemiebekämpfung kontinuierlich Dissonanzen erzeugt. Im Dezember geriet auch das deutsche Gesundheitssystem an eine Belastungsgrenze, weniger wegen der technischen Geräte als  mehr wegen der ausgedünnten Belegschaften in den Krankenhäusern. In all dem zeigen sich Mängel, die schon vor der Pandemie da waren, die aber nicht sichtbar wurden. Hinzu kommen zwei Besonderheiten der Pandemiebekämpfung. Zum einen zehrt der langsame Impfstart an den Nerven vieler Menschen. Zum anderen existiert eine ständige Bedrohung, dass eine aggressivere Mutation des Virus die Zahlen wieder hochschnellen lassen kann.

Vom Schwinden des Auenland-„Wir“

Immer wieder wird gesagt, dass die Pandemie so etwas sei wie ein Brennglas, das die Verhältnisse sichtbarer macht. Das gilt auch für das diffuse „Wir“ des Auenlandgefühls. Es ist zu befürchten, dass nach der akuten Krise, wenn wir sie in einigen Monaten durchstanden haben, soziale Verwerfungen offensichtlicher werden. Es werden nicht alle in gleicher Weise die Krise durchstehen. Erste Schätzungen zeigen, dass die Krise zu einer Umverteilung von unten nach oben führen wird. Menschen mit viel Kapital verlieren nur wenig, solche, die weit überwiegende Mehrheit aber mit geringer Kapitalausstattung verlieren relativ mehr. Doch auch dies ist nicht einfach etwas Neues. Die Risse, die vorher angelegt waren, werden nur deutlicher.

Damit schwindet das diffuse „Wir“ des Auenlandes. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden wieder transparenter. Sie lassen sich bei weitem nicht auf ein Gemeinsames reduzieren. Es gibt Interessen, die sich in der Gesellschaft durchsetzen und solche, die dazu keine Chance haben. Sicherlich geschieht alles nach wie vor auf einem sehr hohen Wohlstandsniveau. Dadurch ließen sich die gesellschaftlichen Risse auch eine lange Zeit kaschieren. Mit ihnen schwindet das integrative Gefühl des Auenlandes, das diffuse „Wir“, das alle umfasst und auf ein Gemeinsames verpflichtet.

Möglicherweise gerät die Gesellschaft in die Lage, das Vordergründige des Auenland Gefühls besser wahrnehmen zu können. Für die Politik muss das kein Nachteil sein, es führt zu mehr Ehrlichkeit. Die Konflikte, denen man nicht ausweichen kann, können die Politik beleben. Es geht in ihr dann um unterschiedliche gesellschaftliche Entwürfe, die die einen oder die anderen Interessen vertreten. Möglicherweise wird diese Einsicht in dem kommenden Wahlkampf zur Bundestagswahl noch nicht so recht zur Geltung kommen können. Aber in mittlerer Sicht wäre es für die politische Kultur Deutschlands sehr hilfreich, weniger von dem Auenland-„Wir“ zu haben und mehr wieder um divergente Interessen zu ringen.

Hier der Link zu dem Gespräch mit dem Psychologen Stefan Grünebaum.

Die USA nach Trump. Zu einem Buch von Ezra Klein

Wie geht es weiter in den USA nach Trump? Biden macht gleich zu Anfang viele Entscheidungen von Trump rückgängig. Aber das Land ändert sich nicht einfach mit einem neuen Präsidenten. Die Probleme bleiben und sie sind gewaltig. Das macht ein neues Buch deutlich, geschrieben von dem US amerikanischen Journalisten und Politikberater Ezra Klein: „Der tiefe Graben. Die Geschichte der gespaltenen Staaten von Amerika.“ Das Buch legt auf eindringliche Weise viele Verwerfungen frei, unter denen die gegenwärtige amerikanische Gesellschaft leidet.

Medien ringen um Aufmerksamkeit

Erst im zweiten Teil des Buches führt Klein die Gründe für die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft auf und nennt nacheinander wichtige gesellschaftliche Institutionen. Da sind die Medien, die immer weniger an einem objektiven Journalismus orientiert sind und immer mehr um Aufmerksamkeit kämpfen müssen. Aufmerksam wird man angesichts der großen Zahl von Nachrichtenquellen nur auf solche Nachrichten, die Emotionen wecken oder die extreme Positionen zum Ausdruck bringen. Die vorrangige Emotion aber ist die Empörung über die jeweils gegnerische Seite.

Parteien suchen die Auseinandersetzung

Die Parteien, also die Republikaner und die Demokraten verlieren kontinuierlich an Gestaltungskraft. Es sind insbesondere die Funktionäre, die an Einfluss verlieren. Das mag für die eine oder den anderen sich erst einmal gut anhören. Jedoch sind die Spitzenpolitiker viel unmittelbarer von den Stimmungen der Bevölkerung und ihrer Wählerinnen und Wähler abhängig. Das verringert die Kraft zum Kompromiss, die Fähigkeit zur Sachpolitik. Wenn sich die Wählergruppen auseinander entwickeln, entwickelt die Politik ein immer stärkeres Lagerdenken. Eine sachorientierte, parteiübergreifende Zusammenarbeit wird immer weniger möglich. Klein formuliert pointiert: „Der Niedergang der Parteien und der Aufstieg der Parteianhänger.“ (260)

Die Rechtsprechung gerät in Mitleidenschaft

Das hat auch Folgen für andere staatliche Institutionen und zeigt sich an der Besetzung von Positionen des Supreme Courts. Diese wurden zwar immer schon politisch besetzt. Jedoch in Zeiten, in denen die beiden großen Parteien einander näher standen, führte das nicht zu solche kompromisslosen Kämpfen um die Positionen, wie wir sie jetzt erleben. Ein Beispiel: Der republikanische Mehrheitsführer im Senat, Mitch McConnell, verhinderte kurz vor dem Ende der Präsidentschaft von Obama die Besetzung einer Position des Supreme Courts. (vgl. S. 270) Eben derselbe aber drückte kurz vor Ende der Präsidentschaft von Trump im November eine Neubesetzung durch, was der Autor bei Abfassung des Buches noch nicht wissen konnte.

Der Unterschied zwischen Demokraten und Republikanern

Nun ist Klein selbst nicht neutral, er hat eine steile Karriere als Journalist und Blogger in dem liberalen Lager Washingtons gemacht. So unterscheidet er in einem späten Kapitel auch die beiden Parteien: Während die Republikaner immer mehr zum Extrem neigen, weil ihre Wählerschaft immer homogener wird, haben die Demokraten eher die Aufgabe, sehr diverse Wählergruppen hinter sich zu scharen. Dadurch sind die Demokraten vor einer allzu extremen Polarisierung zunächst einmal geschützt. (vgl. S. 306) Doch ist in einem binären System natürlich die eine Seite abhängig von der anderen. So haben auch die Demokraten an der Polarisierung der Gesellschaft und der Politik einen Anteil.

Zur Geschichte der Parteien im 20. Jahrhundert

Im ersten Teil des Buches zeichnet Klein die Entwicklung der beiden Parteien nach. In Kürze und grob gesagt ist es so, dass beide Parteien in der Mitte des 20. Jahrhunderts eine Rochade durchgeführt haben. Die Demokraten übernahmen Positionen der Republikaner und umgekehrt. Das gilt besonders für die Frage der Bürgerrechte. Die Demokraten der Südstaaten waren seit dem Bürgerkrieg lange Zeit Verfechter der Rassenpolitik dort (Dixiekraten, S. 53). In den 60er Jahren aber wandten sich die nationalen Demokraten vor allem unter Johnson entschieden den Bürgerrechtsbewegungen zu. Die Republikaner wiederum entdeckten die Konservativen im Süden und übernahmen viele ihrer Positionen. In dieser Phase des Übergangs standen sich beide Parteien nicht eindeutig in Lagern gegenüber.

Das immer extremere Lagerdenken

Doch dann setzte in den folgenden Jahren eine kontinuierliche Polarisierung ein. Die Polarisierung setzt vor allem in der Bevölkerung ein. Klein führt eine Vielzahl von Studien an, die zeigen, dass die Menschen in den letzten Jahrzehnten immer stärker ein Lagerdenken ausprägten. In vielfältigen Untersuchungen zeigt sich, wie dieses Gruppendenken funktioniert. Wird eine Aussage als „republikanisch“ beschrieben, findet es Zustimmung bei den Anhängern der Republikaner und Ablehnung bei den Anhängern der Demokraten. Wird dieselbe Aussage als „demokratisch“ beschrieben, ist es umgekehrt. Klein folgert zugespitzt: „Die Leute nutzen ihr Denkvermögen nicht dazu, die richtige Antwort zu finden; sie nutzen es, um die von ihnen erwünschte Antwort zu bekommen.“ (S. 141) Diese politische Entwicklung in den USA fördert Feindbilder, nicht die Suche nach Kompromissen. Klein spricht von einer negativen Parteibindung: Es ist nicht so entscheidend, was die Partei will, die man wählt, es ist entscheidend, dass die andere Partei nicht zum Zuge kommt!

Auflösung von gesellschaftlichen Strukturen

Klein macht deutlich, dass kein Mensch aus einer Identität alleine besteht. Es gibt immer mehrere Identitäten, neben der politischen die des Sportfans, die der Musikliebhaberin usw. Jedoch schmelzen seiner Analyse nach genau diese Identitäten in der amerikanischen Gesellschaft zusammen. Diejenigen, die Demokraten wählen, gehen zu bestimmten Sportveranstaltungen, hören bestimmte Musik, lesen bestimmte Medien usw.

All die Befunde, die Klein anführt, läßt sich gut mit der Aussage verbinden, dass die traditionellen Formen der Verbundenheit schwächer werden („Soziale Verbundenheit). Dadurch entstehen Megaidentitäten für viele. Gewöhnliche Orte, regionale Unterschiede, bestimmte Traditionen und Vereinskulturen verlieren an Gewicht. Die neuen Gruppen in der Gesellschaft sind die Großgruppen „Demokraten“ und „Republikaner“, wobei die nur bedingt mit den Parteien übereinstimmen.

Die demographische Entwicklung, die Frage der Hautfarbe

Erheblicher Sprengstoff zeigt sich in dem mittleren Kapitel des Buches von Klein, in dem er die demographische Entwicklung der USA beschreibt. Zurzeit findet dort ein erheblicher Wandel statt. Die Unterscheidung zwischen den Kategorien „weiß“, „schwarz“, „asiatisch“ und „latino“ ist eine oft durchgeführte Unterscheidung in der US amerikanischen Gesellschaft. Die Dominanz der „weißen“ Bevölkerung schwindet nun unabwendbar. Die „weiße“ Bevölkerung ist  im Schnitt deutlich älter. Nun fügen sich diese Unterscheidungen wiederum mit den eben beschriebenen Großgruppen. Die „Republikaner“ sind vornehmlich „weiß“, die „Demokraten“ sind divers und haben von allen Gruppen Anteile. Wenn man nun bedenkt, wie unversöhnlich sich die Lager gegenüber stehen und dann sieht, dass die Unterscheidungen nach Hautfarbe sich damit überlagert, wird deutlich, wie gefährlich die Risse in der US amerikanischen Gesellschaft sind. Auch Klein kann am Ende des Buches kaum Lösungen bieten. Die Betonung des Kommunalen und Lokalen mag eine Rolle spielen. Nicht alles lässt sich als nationales Problem darstellen. Aber es bleibt offenkundig: Die US amerikanische Gesellschaft wird auf längere Zeit durch eine Phase der Instabilität laufen. Trump war nicht einfach nur ein singulärer Ausreißer.

Nicht nur Trump

Die Wirkung der gestrigen Bilder vom US amerikanischen Kapitol (6. Januar 2021) ist gewaltig. Es ist nicht die Wucht einer unmittelbaren Zerstörung, es ist vielmehr die Erkenntnis, dass das Herz der US amerikanischen Demokratie durch die Demonstranten erheblich gestört ist: Volksvertreter müssen in Sicherheit gebracht werden, eine reguläre Sitzung des Parlaments muss abgebrochen werden.

Wie wird es mit der US amerikanischen Demokratie weiter gehen?

Wie konnte es dazu kommen? Dieser Frage und dem Entsetzen gesellt sich eine zweite zu: Was kommt noch? Ich glaube, allen ist klar, dass dieses Ereignis nicht einmalig bleiben wird, dass sich hier etwas andeutet, was die Amtszeit des neu gewählten Präsidenten Biden überschatten wird. Da zeigen sich Kräfte, die einen gruseln lassen. Vieles Schreckliche scheint denkbar, wenn man berücksichtigt, wie stark manche radikale Anhängergruppen Trumps bewaffnet sind (Proud Boys). Rutscht die alte, stolze US amerikanische Demokratie in anomische Zustände?

Der Agitator Trump als Brandbeschleuniger

Wenn man aber zunächst einmal danach fragt, wie es dazu kommen konnte, so gerät unweigerlich die Person Donald Trump in den Fokus. Zu einem Marsch auf das Kapitol hatte er aufgerufen, er selbst wolle sich beteiligen, was er dann nicht getan hat. Die Rede, die er gestern hielt, versuchte zum wiederholten Male die Wahl Bidens zum Präsidenten zu delegitimieren. Der folgende Tweet Trumps, man solle friedlich bleiben, war nur noch für das Protokoll, damit klar ist, dass er nicht zur Gewalt aufgerufen hat.

Trump handelt wie ein populistischer Agitator, wie wir es bislang eher aus kleinen instabilen Staaten kannten. Er bleibt bei seiner Behauptung, die Wahl sei „gefäscht“,die Stimmen „gestohlen“. Die Wirkung dieser Worte Trumps ist die das sprichwörtliche Öl, das man ins Feuer gießt. Es facht die Flammen an, verbunden mit der Gefahr, dass der Brand unkontrollierbar wird. Hinter vielem, was Trump in diesen Tagen tut, aber steckt Kalkül. Auf keinen Fall will der Großnarzist Trump abtreten mit dem Eingeständnis seiner Niederlage. Da lieber mit wehenden Fahnen untergehen. Also versucht er möglichst viel Wind zu erzeugen, damit die kleinen Feuer größer werden.

Wahrscheinlich, und das ist die bedrückende Erkenntnis, wird das nicht aufhören, wenn Joe Biden fest nach allen Regeln der Verfassung im Amt installiert ist. Trump wird große Versammlungen abhalten und seine Anhänger weiterhin darauf einschwören, dass die Wahl unrechtmäßig war, dass sie wiederholt werden muss, dass die aktuelle Regierung keine Legitimation hat. Und er wird auf Resonanz stoßen, das hat sich gestern gezeigt. Das gilt auch für den Fall, dass etliche Republikaner zur Vernunft kommen und sich gegen Trump stellen. Diese Situation lässt einen ratlos. Auch Radikallösungen, wie die Inhaftierung Trumps scheinen kein Ausweg zu sein, weil dies ihn nur zum Märtyrer machen würde.

Die Kräfte hinter Trump: Neokonservative, Tea Party…

Das eigentliche Problem aber, das sich zeigt, ist nicht allein an der Person Trumps festzumachen. Es ist der kontinuierliche Zerfall der Zivilgesellschaft in den USA: Dies ist der Nährboden für Personen wie Trump. Ohne eine eklatante Schwäche der Republikaner hätte Trump es nie zum Präsidentschaftskandidaten geschafft. Die Republikaner aber sind schon seit vielen Jahren geschwächt. Barack Obama hat jüngst darauf hingewiesen. Erste entscheidende Bewegungen zur Schwächung war die Popularität von Sarah Palin, der Running Mate von John McCain. Sie war später eng verbunden mit der Tea Party, einer radikalen Gruppierung, die später großen Einfluss auf die Republikaner gewann. Hier ist der Boden bereitet für eine Aufkündigung der Loyalität zu dem US amerikanische Staat. Noch in Erinnerung ist der unmäßige Protest, den viele gegen die ObamaCare erhoben.

Trump verstärkte diese Entwicklung nach Kräften. Aus dem Slogan „I want my country back” wurde “America first”. Aber das Phänomen Trump ist nicht zu verstehen ohne auf die Kräfte zu schauen, die ihn tragen und die er sich zunutze macht. Diese Kräfte wiederum zeigen, dass nicht unerhebliche Anteile der US amerikanischen Bevölkerung zu so etwas wie einer „inneren Kündigung“ ihrer Bürgerschaft neigen. Sie sehen in dem Staat und seinen Organen eher einen Gegner. Wie konnte es so weit kommen?

Der Zerfall der US amerikanischen Zivilgesellschaft

An der Wurzel liegt letztlich eine Entwicklung, auf die zum Beispiel Robert Putnam und Michael Sandel hingewiesen haben. In den USA wie auch in Großbritannien liegen in den 80er Jahren die Ausgangsorte für einen Wechsel zu einer neoliberalen Wirtschaftspolitik. In der Folge fühlen sich immer größere Bevölkerungsgruppen in der Mehrheitsgesellschaft und ihrem staatlichen Organen nicht mehr repräsentiert. Große zivilgesellschaftliche Kräfte, die politischen Parteien, die Gewerkschaften, Vereine, Kirchen usw. wurden nachhaltig geschwächt, die soziale Verbundenheit nahm kontinuierlich ab. Dadurch wächst der Boden für Populismus. Davon nähren sich politische Figuren wie Trump. Es muss entscheidend in der Zukunft darum gehen, ihnen diesen Nährboden zu entziehen!

Wie stabil ist das Wirtschaftswachstum? (Fragen eines ökonomischen Laien)

Die Herausforderungen der Corona Krise

Die Nachrichten aus der Wirtschaftswelt sind in diesen Tagen sehr schwer zu deuten. Auf der einen Seite gibt es Klagen über grundstürzende Veränderungen, über große Verluste, auf der anderen Seite gibt es freudige Botschaften aus der Industrie, deren Auftragslage gut zu sein scheint. Klar ist: Die Corona Krise schüttelt alles durcheinander. Der Staat greift mit seinen Maßnahmen stark in das wirtschaftliche Leben ein. Noch im Herbst  war zu erleben, dass das Wirtschaftssystem erstaunlich resistent gegenüber diesen starken Störungen reagierte. Obwohl im Frühjahr ein radikaler Lockdown verhängt wurde und das Bruttoinlandsprodukt spürbar geschrumpft war, hatten sich die Zahlen schnell wieder verbessert. Der deutsche Wirtschaftsminister präsentierte der Öffentlichkeit stolz ein Diagramm, das ein „V“ zeigte: Fast ebenso schnell wie die Wirtschaft im zweiten Quartal geschrumpft war, ist sie in dritten Quartal gewachsen. Das zeigt eine beeindruckende Robustheit des Systems. Doch das ist nicht mit dem Endergebnis zu verwechseln. Die Pandemie wird leider noch einige Zeit andauern und das wirtschaftliche Handeln weiter beeinflussen. So gibt es sehr unterschiedliche Kommentatoren, solche, die beruhigende Signale aussenden ebenso wie solche, die vor langfristigen Folgen mahnen.

Wirtschaftswachstum, Wirtschaftsflauten

Schaut man also auf die aktuellen Ereignisse, so lässt sich zurzeit jedenfalls kein eindeutiges Urteil fällen. Die kritischen Fragen aber gegenüber dem Geschehen werden drängender, wenn man den Blick weitet und die letzten Jahrzehnte mit in den Blick nimmt. Dabei hat gerade Deutschland in dem letzten Jahrzehnt erheblich von der wirtschaftlichen Entwicklung profitiert. Das Wachstum war stabil, die Zahl der Arbeitsplätze wuchs jedes Jahr mit schöner Regelmäßigkeit, es wurde immer mehr, fast nie weniger. Aber gerade das hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Denn auf einen zweiten Blick zeigen sich einige Entwicklungen des Wirtschaftssystems im Ganzen, die hochproblematisch sind. Wenn man auf die makroökonomischen Lehren etwa der 70er und 80er Jahre zurückblickt, so war da immer von zyklischen Entwicklungen der Wirtschaft die Rede. Es gab ein Auf und Ab des Wirtschaftsgeschehens. Die Politik sah ihre Aufgabe darin, dieses wechselhafte Geschehen in seinen negativen Folgen zu reduzieren und die positiven zu stärken. Es war aber klar, dass es auch bei einem positiven Gesamttrend einen Wechsel von Hochs und Tiefs im wirtschaftlichen Handeln gab.

Wachstum, Wachstum

Das war in dem letzten Jahrzehnt definitiv anders. Es schien nur noch bergauf zu gehen. Auch andere Indikatoren zeigten eine einseitige Entwicklung: So war die Außenhandelsbilanz für Deutschland kontinuierlich sehr positiv. Auch hier gab es kein Geben und Nehmen, sondern (aus deutscher Sicht) vor allem ein Geben. Auch das scheint eine positive Nachricht zu sein, doch wie sieht es aus der Perspektive anderer Länder aus, etwa aus der Perspektive der europäischen Nachbarn oder den USA? Auf Dauer, das sagen viele Ökonomen, kann eine solche Einseitigkeit nicht stabil sein, sie wird zu politischen Verwerfungen führen.

Stabilisiert dauerhaftes Wachstum?

Man könnte sich nun über diese Entwicklung aus deutscher Perspektive heimlich freuen und die Hände reiben. Ich glaube auch, dass das die deutsche Regierung gerne und oft getan hat. Aber die Verhältnisse können nicht langfristig stabil sein. Denn darüber hinaus  gibt es eine Vielzahl von Indikatoren, die nahe legen, dass das System „Wirtschaft“ sich zurzeit in einem hoch instabilen Zustand befindet. Ein wenig ähnelt es, der Vergleich sei einem Ingenieur erlaubt, dem Betrieb einer Maschine, die nur noch in den höchsten Drehzahlen, am Anschlag, die gewünschte Leistung erbringt. Weltweit haben die Notenbanken die Leitzinsen immer weiter gesenkt, sie haben zum Teil einen negativen Bereich erreicht. Die Verschuldung sowohl von öffentlicher Hand als auch von privater ist seit der Finanzkrise 2008 erheblich ausgeweitet worden. Die Notenbanken haben darüber hinaus große Aufkaufprogramme von Anleihen gestartet, bei der EZB umfangreiche Programme, die sich mit Kürzeln wie APP und PSPP verbinden. Diese sind jedes Jahr ausgeweitet und vergrößert worden. Die jetzt viel beachteten Sonderprogramme angesichts der Corona Pandemie (PEPP) stellen nur einen Teil der Maßnahmen dar. Dadurch wird die Geldmenge erheblich ausgeweitet. All das geschieht und geschah, um das Wachstum zu stabilisieren.  

Wachstum und Ungleichheit

Rückblickend kann man feststellen, dass das auch leidlich gelungen ist. Aber was sagt das für die Zukunft? Hinzu kommt das gravierendste Warnzeichen: die massive Zunahme von Ungleichheit in der Welt! Das forcierte Wachstum führt zu einer Zunahme der Ungleichheit, nicht zu ihrer Beseitigung. Was sehr erstaunt: Es gibt fast keine Diskussionen um die Verteilungswirkung der gerade genannten Aufkaufprogramme der Notenbanken! Eine Vermutung: Sie führen zu steigenden Aktienkursen und wachsenden Immobilienpreisen. Wem kommt das zu Gute: natürlich denjenigen, die viel davon besitzen. Zur weltweit wachsenden Ungleichheit gibt es viele Zahlen. Eine Nachricht der letzten Tage hilft bei der Veranschaulichung: Die ehemalige Ehefrau von Jeff Bezos und Mitgründerin des Unternehmens amazon, MacKenzie Scott hat kürzlich angekündigt, eine Milliarde Dollar für wohltätige Zwecke zu spenden. Allerdings tut sie das seit einiger Zeit und das jeden Monat! Ihr Gesamtvermögen wird ja auch auf 57 Milliarden Dollar geschätzt.

Die aktuellen Corona Maßnahmen sind nur Teil einer hoch problematischen übergreifenden Entwicklung. Alle Maßnahmen versuchen vor allem das Wirtschaftswachstum zu fördern. Doch, auch das sagen viele Ökonomen, sind diese Maßnahmen nicht beliebig erweiterbar und können nicht beliebig verlängert werden. Die Zinsen lassen sich nicht mehr senken, die Ausweitung der Aufkaufprogramme wird immer geringere Effekte haben. Bislang also ist das System damit stabilisiert, aber wie geht es auf Dauer weiter? Um das Bild der Maschine zu bemühen: Wie kann man die Drehzahl senken und dabei die Leistung erhalten? Wie kann man in einen Zustand übergehen, wo Geben und Nehmen sich abwechseln, wo es einen Normalzustand gibt, der nicht durch immer neue Sonderprogramme stabilisiert werden muss?

Ist die Zukunft durch Wachstum gesichert?

Wenn die Wirtschaft wächst, lassen sich alle Problem lösen, die der Verschuldung, die der Stabilisierung und so weiter und so fort. Doch, was, wenn die Wirtschaft nicht wie gewünscht wächst? Zudem hat ein Wachstum, das von der CO2 Produktion entkoppelt wäre, bislang nicht stattgefunden. Das Gesamtsystem ist aber ohne Wachstumsgarantie in einem hoch instabilen Zustand. Es gibt ein Buch der Chefökonomin der Weltbank, Carmen Reinhart, auf Deutsch mit dem Titel, „Dieses Mal ist alles anders – 800Jahre Finanzkrisen“. Das Buch ruft zur Nüchternheit auf. Der Titel deutet an, worum es geht: Stets haben Finanzkrisen einander abgelöst. Stets hat man auch versucht, aus den Krisen zu lernen. Aber offenkundig haben sich immer wieder neue Mängel eingeschlichen, die wieder zu einer krisenhaften Zuspitzung führten. Angesichts des aktuellen Zustands des Gesamtsystems der Wirtschaft fordert das zu erhöhter Wachsamkeit auf.

Die Hoffnung einer guten Zukunft für alle sollte nicht allein auf der Erwartung von Wirtschaftswachstum liegen, sondern vielmehr auf der Entwicklung von Lebensstilen, auf neue kulturelle Deutungen des gemeinsamen Lebens auf dieser  begrenzten Erde. Wohlstand ist eine große Errungenschaft, aber er kann nicht beliebig erweitert oder vergrößert werden. Um alternative Wege zu finden, sind aber genau jene kulturellen Ressourcen notwendig, die man jetzt in der Pandemie sträflich vernachlässigt, weil es ja darum geht, irgendwie vor allem das Wachstum der Wirtschaft zu erhalten!

Christlicher Glaube als Weggemeinschaft. Anmerkungen zu einem Buch von Christoph Nötzel

Christoph Nötzel hat ein gut und allgemein verständliches und zugleich theologisch fundiertes Buch zum christlichen Glauben geschrieben: „Glauben – Was ist das eigentlich? verstehen – leben – teilen“ (Neukirchener Verlag 2020, ISBN-10 : 3761567405, 287 Seiten, 20 Euro). Wir leben in einer Zeit, in der eine solche Arbeit dringend notwendig ist. Hatte noch vor 50 Jahren ein Buch über die christlichen Glauben eher die Funktion, die eigenen Traditionen zu bestätigen, sie noch einmal umfassend darzustellen, so ist heute jede Selbstverständlichkeit verloren gegangen und bis in die inneren Zirkel der verfassten Kirche eine Unsicherheit darüber groß, worauf sich der Begriff „Glaube“ eigentlich bezieht. Leichter fällt es, in den alltäglichen Debatten eine moralische Position zu beziehen als die Grundlagen des Glaubens darzulegen. Denn moralische Positionen werden in der Gesellschaft stark diskutiert, die Anschlussfähigkeit ist hoch. Wohl auch nicht zuletzt deshalb haben sich diese Debatten in der Kommunikation der Kirche in den Vordergrund geschoben.

Doch was genau meint es, wenn ein Mensch sagt, sie oder er glaube an Gott? Im ersten Kapitel beschreibt Christoph Nötzel n einer ersten Orientierung zum Thema unterschiedliche Erfahrungen des Glaubens. Das tut er nicht allgemein, abstrakt im Stile einer Dogmatik, sondern indem er immer auch bei sich selbst, bei seinen eigenen Erfahrungen ansetzt. Das ist folgerichtig, weil man heute nicht mehr leicht auf geteilte Überzeugungen und Erzählungen, schon gar nicht auf dogmatische Lehrsätze Bezug nehmen kann. Das zweite Kapitel behandelt den Glauben, wie er sich in den biblischen Texten widerspiegelt, sowohl in den Schriften der Hebräischen Bibel wie auch in den Schriften des Neuen Testaments. Es folgt im dritten Kapitel ein kurzer Abriss einiger herausgehobener Positionen der Geschichte der Theologie, von Augustinus über Luther und Dietrich Bonhoeffer bis hin zu Dorothee Sölle. Im vierten und letzten Kapitel schließlich stellt Nötzel die christliche Gemeinschaft als Basis für den Glauben dar.

Ich möchte mich hier auf das vierte Kapitel konzentrieren, weil der Autor dort eine alte theologische Einsicht betont, die leider in unserer Zeit aus dem Blick geraten ist: Der christliche Glaube ist nicht in erster Linie eine „innere“ Eigenschaft oder „innere“ Einstellung einzelner Menschen. Der Glaube ist vielmehr eine Erfahrung, die wir notwendigerweise in Gemeinschaft mit anderen, in Verbundenheit mit anderen Menschen und mit Gott machen! Der Glaube ist die Erfahrung einer Weggemeinschaft.

Der Glaube als individuelle Erfahrung

Üblicherweise konzentriert sich die Theologie in der Moderne gerne auf das „Subjekt des Glaubens“. Dieses Subjekt ist in der Regel der einzelne Mensch, der vielleicht eine Predigt hört und der zum Glauben kommt, zu einer festen persönlichen Überzeugung. Es gibt sehr unterschiedliche theologische Strömungen, die diese Fokussierung auf den Einzelnen gefördert haben. Da sind manche Strömungen des Pietismus und der Erweckungsbewegung, die die Bekehrungserlebnisse der Einzelnen betonen. Im Gottesdienst ist es gern gesehen, wenn ein einzelner Mensch nach vorne geht und Zeugnis ablegt davon, wie sie oder er zum Glauben gekommen ist. Aber auch in der großen konkurrierenden theologischen Strömung, der liberalen Theologie, steht es nicht anders. Hier bezieht man sich auf das Bewusstsein, des Gefühl, das subjektive Erleben von Einzelnen. Diese Haltung ist bis zum heutigen Tag in der Kirche dominant. Nicht selten lautet in kirchlichen Kreisen die Antwort auf die Frage nach dem Glauben, dass da jede, jeder ganz eigene Erfahrungen machen muss. Die Antwort ist auf der einen Seite entlastend, weil niemand vorschreibt, was sie oder er zu glauben hat. Aber zugleich ist jeder Mensch auf sich selbst zurück verwiesen, die Frage wird nicht von der Gemeinschaft aufgenommen, die Antwort wird nicht von einer Gemeinschaft getragen.

Der entscheidende Punkt ist aber nun: Es gibt ein Drittes zwischen einem autoritären Glauben, der von einer Institution vorgegeben wird und einem Glauben, den jede und jeder Einzelne für sich selbst finden muss! Dieses dritte ist die wechselvolle, die sich verändernde und sich immer wieder neu findende Weggemeinschaft der Glaubenden. Hier wird die wechselseitige Verbundenheit im Glauben nicht starr, sie wird aber auch nicht kaschiert. Als Weggemeinschaft wird sie immer wieder neu gestaltet!

Der Glaube als Erfahrung von Beziehung

Die Vorstellung des Einzelnen, die, der glaubt, ist tatsächlich eine Abstraktion, eine Fiktion. Christoph Nötzel stellt deshalb fest: „Am Anfang also ist Beziehung. Mit-Sein. Erst im Mit-Sein werde ich zum ICH.“ (S. 221). So wie sich kein Mensch aus sich selbst heraus selbst gestaltet, so ist der Glaube nicht eine innere Haltung, sondern eine bestimmte Weise der Verbundenheit mit anderen Menschen, mit Gott. „Glauben jedenfalls geschieht nicht bloß innerlich in mir. Zum Glauben braucht es immer einen Anderen.“ (S. 221) Auch gegenüber Gott ist der Glaube keine einsame Tätigkeit, sondern innigste Verbindung, Verbundenheit. „Von Gott kann deshalb nicht anders als in personhaft-menschlichen Bildern gesprochen werden.“ (S. 229) Unsere Verbundenheit mit anderen Menschen weist uns den Weg zur Verbundenheit mit Gott, auch wenn diese immer größer und umfassender ist. Denn mit Gott sind wir nicht nur verbunden, wir existieren durch ihn und werden von ihm gehalten. Der Glaube bringt diese elementare, ja radikale Verbundenheit zum Ausdruck.

Der Glaube aus und in einer geschichtlichen Gemeinschaft

Dieser Glaube ist nicht durch eine Theorie zu fassen. Er drückt sich in der Lebensgeschichte immer wieder neu aus. Keine Antwort ist dauerhaft und hinreichend. Glaubende Menschen setzen immer wieder neu an, um eine angemessene Ausdrucksform für den Glauben zu finden. Der christliche Glaube ist kein statisches Verhältnis, deshalb lebt er von Erzählungen und regt er zu Erzählungen an. „Mein Glaube ist geschichtlich. Er erzählt deshalb auch in Geschichten. Und er stellt mich zugleich in eine Geschichte.“(S. 230) Er vermittelt sich in und durch Sprache, durch Worte, menschliche Worte, die zum Wort Gottes werden können. “Der Glaube wird in Gemeinschaft weitergegeben.“ (S. 234) Diese Gemeinschaft  steht in einer wechselvollen Geschichte, in der sich ständig etwas ändert. Deshalb ändert sich auch die Gemeinschaft kontinuierlich, sie ist eine Weggemeinschaft. Die Gemeinschaft des Glaubens ist deshalb auch immer eine experimentelle, eine experimentierende Gemeinschaft (S. 265).

Der Glaube als Erfahrung von Weggemeinschaft

Die Kirchen befinden sich auf absehbare Zeit in einem gravierenden Umbruch. Die Volkskirchlichkeit werden sie verlieren. Damit verlieren aber auch konventionelle Ausdrucksformen an Bedeutung, wie „man“ vom Glauben redet. Die Institution „Kirche“ wird sich mit dem Wandel schwer tun, denn es ist für sie ein Schrumpfungsprozess. Es geht immer auch um Beschäftigte, um etablierte Arbeitsfelder, die nicht mehr fortgesetzt werden können. Doch ist dieser beschwerlich Wandel ist für die christliche Gemeinde nicht etwas völlig Neues, das über sie kommt. Sie war immer schon und ist auch heute experimentierende Gemeinschaft auf dem Wege, sie kann als Weggemeinschaft auf die Zusage Gottes vertrauen, dass er auch in schwierigeren Zeiten bei ihr sein wird, „bis an der Welt Ende“. Was braucht es mehr? Das Verständnis des christlichen Glaubens als Zeugnis der Weggemeinschaft zu fördern, das ist ein sehr wichtiger Beitrag des Buches von Christoph Nötzel.