Arme werden ärmer, das ist kein Zufall

Die Corona-Pandemie und die Gegenmaßnahmen

Die Corona Pandemie wütet nun weltweit seit zwei Jahren. Ein wenig haben wir uns schon daran gewöhnt, dass die Nachrichten des Tages stets mit der Diskussion um die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie beginnen. Deutschland ist in den ersten 1 ½ Jahren recht gimpflich durch die Pandemie gekommen. Der Staat hat massiv interveniert und die Irritationen durch Lockdowns in der ersten, zweiten und dritten Welle eingegrenzt. Erhebliche Schulden im Umfang eines ganzen Jahresetats wurden zusätzlich gemacht. Die Europäische Zentralbank hat zeitgleich die Zinsen auf null gesetzt und mit Sonderkaufprogrammen die Wirtschaft stimuliert und verschuldeten Staaten im europäischen Süden geholfen.

Die beginnende Inflation trifft besonders die Armen

Doch so gimpflich wie es bislang war, wird es nicht weiter gehen. Die Inflation frisst sich durch die Wirtschaft. Hiervon sind vor allem die ärmeren Menschen betroffen, denn sie brauchen das Geld, das sie zur Verfügung haben, für das alltägliche Leben. Jede Preiserhöhung schränkt ihren Handlungsraum sehr schnell stark ein. Es wird deutlich, dass die Ärmeren der Gesellschaft die größten Einschränkungen erleben werden.

Die wirtschaftliche Destabilisierung der Schwellenländer

Doch das, was wir nun in Deutschland erleben, ist an anderen Orten der Welt längst Alltag. Dies betrifft insbesondere die Schwellenländer wie Südafrika, Brasilien, Argentinien, viele mittelamerikanische Staaten, die Türkei oder eben auch Russland, dessen angrenzende Staaten, und schließlich zeigen sich sogar in der kommenden Supermacht China erste Risse. Unbezweifelbar gibt es eine Menge guter Argumente, die klar zeigen, dass in diesen Ländern in der einen oder anderen Weise auch wirtschaftspolitische Fehler gemacht worden sind. Jedoch ist das dann nur die halbe Wahrheit. Denn es bleibt zu erklären, warum all diese Staaten zeitgleich in wirtschaftliche Turbulenzen geraten. Wenn ich die ökonomischen Vorgänge richtig verstanden habe: In Zeiten wirtschaftlicher Krisen wandert das Kapital von unsicheren Schwellenländern hin zu sicheren Anlagen in den zentralen Ländern. Das führt aber zu einer Kapitalknappheit der ohnehin schon ärmeren Ländern und schwächt ihre ohnehin dünne Kapitalausstattung schnell noch mehr.

Die Folgen sind auf der einen Seite in den ärmeren Staaten Kapitalknappheit, weitere Verschuldung und instabile Situationen, auf der anderen Seite in den wohlhabenderen Staaten zu einer Ausweitung der Kapitalmenge. Inflationäre Effekte durch höhere Verschuldung treffen wiederum die ärmeren Menschen. (hier ein schon etwas älterer Hinweis: https://www.handelsblatt.com/politik/international/inflation-lebensmittelpreise-in-schwellenlaendern-explodieren/27399862.html?ticket=ST-237199-NetbUhHRJTNwi3jezOno-ap5 ) Diese Situation wiederholt sich innerhalb der betroffenen Staaten, Vermögende legen ihr Geld bei den seit längerem boomenden Aktienmärkten an, Ärmere können das nicht. Die Corona Pandemie legt schonungslos offen, wie die Mechanismen der Weltwirtschaft funktionieren.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

In Zeiten, in denen ein allgemeines Wachstum herrscht, das war etwa in den vergangenen 10 Jahren der Fall, haben alle etwas davon, allerdings: Die Reicheren bekommen das größere Stück, der Wohlstand der Ärmeren wächst nur mäßig. Doch in dem Moment, in der eine Krise entsteht, in der ein kontinuierliches Wachstum gefährdet ist, wandert das Kapital in die sicheren Häfen der reicheren Länder.

Die Finanzmärkte – ein Segen?

Nur in Ländern mit starken Regierungen und erheblichen Wohlstand ist es zumindest zeitweilig möglich, den Mechanismen entgegen zu steuern und die gröbsten Ungerechtigkeiten zu verhindern. Doch abgeschafft werden diese auch in den reicheren Ländern nicht. Es ist in vielen meinungsbildenden Medien Mode geworden, den Segen der Finanzmärkte herauszustellen. Wie können Menschen ihren künftigen Wohlstand absichern? Indem sie in Aktien investieren! Immer wieder gibt es Erfolgsberichte, von jungen Menschen, die schon früh für später ausgesorgt haben, weil sie klug in Aktien investiert haben. Die ETFs sind gerade unter jüngeren Menschen populär geworden. Das Vertrauen wird in eine nicht enden wollende Wohlstandssteigerung durch technischen Wandel und immer neue Innovationen gesetzt. Wer daran partizipiert, hat im Alter ausgesorgt. Diese Erwartung mag sich erfüllen, sie muss es aber nicht. Nicht vergessen aber sollte man, dass das gleiche System ärmere Staaten und ärmere Menschen in diesen Staaten in jeder Krise zuerst beutelt. Dort ist dann kein Staat, der für einen Ausgleich sorgen kann.

Die dunklen Seiten der wirtschaftlichen Entwicklung

Diese Entwicklung hat ine andere, eine noch besorgniserregendere Seite. Wie reagieren Staaten und Gesellschaften unter dem längerfristigen Stress der Corona Pandemie? Zwei Länder fallen besonders ins Auge. In den USA wurde der Erstürmung des Capitols vor einem Jahr gedacht. Die Gesellschaft ist nach wie vor stark gespalten. Der Plan von Präsident Biden, mit viel Geld die Gräben einzuebnen, hat bislang nicht gefruchtet. In Russland bröckelt es an allen Orten, vor einem Jahr war eine Krise in Belarus, jetzt ist eine Krise in Kasachstan. Stets ist es staatliche Gewalt, die auf Proteste antwortet. Ob Putin daraus die Notwendigkeit ableitet, nun einen heißen Krieg gegen die Ukraine zu beginnen? Diese bedrohlichen Entwicklungen lassen sich sicherlich nicht einfach aus der wirtschaftlichen Randbedingungen abzuleiten, aber: Sie sind auch nicht davon unabhängig.

Abschied vom Auenland

Der Psychologe Stephan Grünewald hat in seinem Buch „Wie tickt Deutschland“ eine Metapher eingeführt, die erhebliche Aussagekraft für die Stimmung in Deutschland des vergangenen Jahrzehnts hat: die Metapher des Auenlandes. (Am Ende dieses Textes ist ein Link zu einem Video mit einem Gespräch mit Stephan Grünewald vom November letzten Jahres.) Die Metapher ist natürlich eine Anspielung an die Saga von Tolkien „Der Herr der Ringe“. Das Auenland wird von den Hobbits bewohnt, es ist wohl gefügt. Die Hobbits sind in der Regel friedliche und freundliche Zeitgenossen. Sie leben in einer Idylle, in der es an nichts Grundlegendem fehlt. Im Großen und Ganzen ist alles in einer guten Ordnung, es gibt natürlich immer Gründe zur Klage, doch kann man mit einigem guten Willen diese Gründe beseitigen. Gerne appellieren viele Politikerinnen und Politiker in Deutschland an ein diffuses „Wir“, das dem „Wir“ der Auenlandbewohner gleicht. Gesellschaftliche Interessenkonflikte scheinen der Vergangenheit anzugehören. Dieses „Wir“ wird auch dadurch befeuert, dass dem „Auenland“ in der Terminologie von Grünewald das „Grauenland“ gegenüber steht. Das Auenland „Wir“ ist insgeheim froh, nicht dort leben zu müssen. In gewisser Weise fand aber mit diesem vorherrschenden Gefühl und „Wir“ Verständnis in der Politik eine erhebliche Entpolitisierung statt.

Wie das Auenland-„Wir“ entstand

Das Auenland Gefühl erfasst eine breite Mehrheit, wenn auch bei weitem nicht alle in der Gesellschaft, denn viele können an den Wohlstand gerade nicht partizipieren. Aber ihr kultureller Einfluss ist sehr begrenzt und kann dem Gefühl der Mehrheit wenig entgegen setzen. Das Auenland Gefühl darf nicht mit der sozialen Realität verwechselt werden. Allerdings es ist auch nicht willkürlich entstanden, die wirtschaftlichen und politischen Randbedingungen Deutschlands waren und sind tatsächlich sehr vorteilhaft und das beförderte bei einem großen Teil der Bevölkerung das Auenland Gefühl. Als starker exportorientierter Industriestandort ist Deutschlands Position innerhalb der EU unangefochten. Gleichzeitig ist der gemeinsame Euro nicht so stark wie es die alte D-Mark wäre. Das beflügelt zudem den Export in Staaten außerhalb der EU. Die guten Kontakte zu dem aufsteigenden Markt China aber auch zu dem großen Markt in den USA haben die Exporte kontinuierlich wachsen lassen. Die Wirtschaftsdaten Deutschlands waren deshalb über einen langen Zeitraum allesamt positiv. Die Arbeitslosigkeit nahm kontinuierlich ab, die Zahl der Arbeitsplätze kontinuierlich zu, hin und wieder war Deutschland Exportweltmeister. Mit keiner anderen Politikerin werden die positiven Daten assoziiert wie mit Angela Merkel. Ihr öffentliches Bild ist zu dem der mütterlichen und mit Umsicht sorgenden Kanzlerin geworden, die dafür sorgt, dass die Dinge auch für alle, für das große „Wir“ des Auenlandes gut bleiben.

Das Auenland-„Wir“ in der ersten Welle der Pandemie

Nun, in der Corona Pandemie aber gerät diese Auenland-Stimmung ins Wanken. Noch in der ersten Welle stellte sich das alte Gefühl nach einem anfänglichen Erschrecken recht schnell wieder ein. Die Inzidenzwerte waren besser als in anderen Ländern, der Lockdown wirkte schneller, das stark ausgebaute Gesundheitssystem war zu keiner Zeit ernsthaft in Gefahr einer Überlastung. Die Politik machte mit zum Teil martialischen Bildern deutlich, dass sie alle Widrigkeiten auffangen werde (Bazooka). Das Auenland will verteidigt werden. Dementsprechend stieg die Zuversicht im Sommer schnell wieder, wirtschaftliche Daten ließen den Schluss zu, dass sich der Standort Deutschland sehr schnell von dem Einbruch erholen werde. Die Politik bestärkte wiederum das diffuse „Wir“ Gefühl des Auenlandes. Man will die Herausforderungen „gemeinsam“ bewältigen. Auch hier geht es nur um ein Gefühl: Was meint dieses „Wir“ angesichts von starken Vermögensunterschieden, von sehr unterschiedlichen Partizipationschancen? Wenn Unternehmen, die Jahre zuvor viel Gewinn gemacht haben, nun vom Staat durch die Krise getragen und vor Verlusten beschützt werden, so fragt aufgrund des „Wir“ Gefühls niemand nach den Verteilungswirkungen dieser Hilfen. Jene, die zuvor die Gewinne verbuchen konnten, werden unterstützt von allen Steuerzahlern, bis sie wieder Gewinne für sich verbuchen können. Wie steht es mit denen, die in dieser Gesellschaft keine Gewinne machen können?

Die zweite Welle der Corona Pandemie

Doch dann kam im Herbst die zweite Welle. Nun kommen zu viele Mängel zum Vorschein, um sie noch in das Auenland-Gefühl integrieren zu können. Die öffentliche Infrastruktur ist in einem wesentlich schlechteren Zustand als es das Gefühl vermutet hätte. Da sind die Schulen, die auch in der zweiten Welle zumeist nicht auf digitalen Fernunterricht umstellen können. Da sind die Gesundheitsämter, die eine schon lange existierende Software zum überwiegenden Teil nicht installiert haben und die Daten auf gesondertem Weg übermitteln müssen. Da ist die Corona Warn App, die keinen tragenden Anteil an der Pandemiebekämpfung hat. Da ist die förderale politische Struktur, die während der Pandemiebekämpfung kontinuierlich Dissonanzen erzeugt. Im Dezember geriet auch das deutsche Gesundheitssystem an eine Belastungsgrenze, weniger wegen der technischen Geräte als  mehr wegen der ausgedünnten Belegschaften in den Krankenhäusern. In all dem zeigen sich Mängel, die schon vor der Pandemie da waren, die aber nicht sichtbar wurden. Hinzu kommen zwei Besonderheiten der Pandemiebekämpfung. Zum einen zehrt der langsame Impfstart an den Nerven vieler Menschen. Zum anderen existiert eine ständige Bedrohung, dass eine aggressivere Mutation des Virus die Zahlen wieder hochschnellen lassen kann.

Vom Schwinden des Auenland-„Wir“

Immer wieder wird gesagt, dass die Pandemie so etwas sei wie ein Brennglas, das die Verhältnisse sichtbarer macht. Das gilt auch für das diffuse „Wir“ des Auenlandgefühls. Es ist zu befürchten, dass nach der akuten Krise, wenn wir sie in einigen Monaten durchstanden haben, soziale Verwerfungen offensichtlicher werden. Es werden nicht alle in gleicher Weise die Krise durchstehen. Erste Schätzungen zeigen, dass die Krise zu einer Umverteilung von unten nach oben führen wird. Menschen mit viel Kapital verlieren nur wenig, solche, die weit überwiegende Mehrheit aber mit geringer Kapitalausstattung verlieren relativ mehr. Doch auch dies ist nicht einfach etwas Neues. Die Risse, die vorher angelegt waren, werden nur deutlicher.

Damit schwindet das diffuse „Wir“ des Auenlandes. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden wieder transparenter. Sie lassen sich bei weitem nicht auf ein Gemeinsames reduzieren. Es gibt Interessen, die sich in der Gesellschaft durchsetzen und solche, die dazu keine Chance haben. Sicherlich geschieht alles nach wie vor auf einem sehr hohen Wohlstandsniveau. Dadurch ließen sich die gesellschaftlichen Risse auch eine lange Zeit kaschieren. Mit ihnen schwindet das integrative Gefühl des Auenlandes, das diffuse „Wir“, das alle umfasst und auf ein Gemeinsames verpflichtet.

Möglicherweise gerät die Gesellschaft in die Lage, das Vordergründige des Auenland Gefühls besser wahrnehmen zu können. Für die Politik muss das kein Nachteil sein, es führt zu mehr Ehrlichkeit. Die Konflikte, denen man nicht ausweichen kann, können die Politik beleben. Es geht in ihr dann um unterschiedliche gesellschaftliche Entwürfe, die die einen oder die anderen Interessen vertreten. Möglicherweise wird diese Einsicht in dem kommenden Wahlkampf zur Bundestagswahl noch nicht so recht zur Geltung kommen können. Aber in mittlerer Sicht wäre es für die politische Kultur Deutschlands sehr hilfreich, weniger von dem Auenland-„Wir“ zu haben und mehr wieder um divergente Interessen zu ringen.

Hier der Link zu dem Gespräch mit dem Psychologen Stefan Grünebaum.

Wie stabil ist das Wirtschaftswachstum? (Fragen eines ökonomischen Laien)

Die Herausforderungen der Corona Krise

Die Nachrichten aus der Wirtschaftswelt sind in diesen Tagen sehr schwer zu deuten. Auf der einen Seite gibt es Klagen über grundstürzende Veränderungen, über große Verluste, auf der anderen Seite gibt es freudige Botschaften aus der Industrie, deren Auftragslage gut zu sein scheint. Klar ist: Die Corona Krise schüttelt alles durcheinander. Der Staat greift mit seinen Maßnahmen stark in das wirtschaftliche Leben ein. Noch im Herbst  war zu erleben, dass das Wirtschaftssystem erstaunlich resistent gegenüber diesen starken Störungen reagierte. Obwohl im Frühjahr ein radikaler Lockdown verhängt wurde und das Bruttoinlandsprodukt spürbar geschrumpft war, hatten sich die Zahlen schnell wieder verbessert. Der deutsche Wirtschaftsminister präsentierte der Öffentlichkeit stolz ein Diagramm, das ein „V“ zeigte: Fast ebenso schnell wie die Wirtschaft im zweiten Quartal geschrumpft war, ist sie in dritten Quartal gewachsen. Das zeigt eine beeindruckende Robustheit des Systems. Doch das ist nicht mit dem Endergebnis zu verwechseln. Die Pandemie wird leider noch einige Zeit andauern und das wirtschaftliche Handeln weiter beeinflussen. So gibt es sehr unterschiedliche Kommentatoren, solche, die beruhigende Signale aussenden ebenso wie solche, die vor langfristigen Folgen mahnen.

Wirtschaftswachstum, Wirtschaftsflauten

Schaut man also auf die aktuellen Ereignisse, so lässt sich zurzeit jedenfalls kein eindeutiges Urteil fällen. Die kritischen Fragen aber gegenüber dem Geschehen werden drängender, wenn man den Blick weitet und die letzten Jahrzehnte mit in den Blick nimmt. Dabei hat gerade Deutschland in dem letzten Jahrzehnt erheblich von der wirtschaftlichen Entwicklung profitiert. Das Wachstum war stabil, die Zahl der Arbeitsplätze wuchs jedes Jahr mit schöner Regelmäßigkeit, es wurde immer mehr, fast nie weniger. Aber gerade das hinterlässt ein mulmiges Gefühl. Denn auf einen zweiten Blick zeigen sich einige Entwicklungen des Wirtschaftssystems im Ganzen, die hochproblematisch sind. Wenn man auf die makroökonomischen Lehren etwa der 70er und 80er Jahre zurückblickt, so war da immer von zyklischen Entwicklungen der Wirtschaft die Rede. Es gab ein Auf und Ab des Wirtschaftsgeschehens. Die Politik sah ihre Aufgabe darin, dieses wechselhafte Geschehen in seinen negativen Folgen zu reduzieren und die positiven zu stärken. Es war aber klar, dass es auch bei einem positiven Gesamttrend einen Wechsel von Hochs und Tiefs im wirtschaftlichen Handeln gab.

Wachstum, Wachstum

Das war in dem letzten Jahrzehnt definitiv anders. Es schien nur noch bergauf zu gehen. Auch andere Indikatoren zeigten eine einseitige Entwicklung: So war die Außenhandelsbilanz für Deutschland kontinuierlich sehr positiv. Auch hier gab es kein Geben und Nehmen, sondern (aus deutscher Sicht) vor allem ein Geben. Auch das scheint eine positive Nachricht zu sein, doch wie sieht es aus der Perspektive anderer Länder aus, etwa aus der Perspektive der europäischen Nachbarn oder den USA? Auf Dauer, das sagen viele Ökonomen, kann eine solche Einseitigkeit nicht stabil sein, sie wird zu politischen Verwerfungen führen.

Stabilisiert dauerhaftes Wachstum?

Man könnte sich nun über diese Entwicklung aus deutscher Perspektive heimlich freuen und die Hände reiben. Ich glaube auch, dass das die deutsche Regierung gerne und oft getan hat. Aber die Verhältnisse können nicht langfristig stabil sein. Denn darüber hinaus  gibt es eine Vielzahl von Indikatoren, die nahe legen, dass das System „Wirtschaft“ sich zurzeit in einem hoch instabilen Zustand befindet. Ein wenig ähnelt es, der Vergleich sei einem Ingenieur erlaubt, dem Betrieb einer Maschine, die nur noch in den höchsten Drehzahlen, am Anschlag, die gewünschte Leistung erbringt. Weltweit haben die Notenbanken die Leitzinsen immer weiter gesenkt, sie haben zum Teil einen negativen Bereich erreicht. Die Verschuldung sowohl von öffentlicher Hand als auch von privater ist seit der Finanzkrise 2008 erheblich ausgeweitet worden. Die Notenbanken haben darüber hinaus große Aufkaufprogramme von Anleihen gestartet, bei der EZB umfangreiche Programme, die sich mit Kürzeln wie APP und PSPP verbinden. Diese sind jedes Jahr ausgeweitet und vergrößert worden. Die jetzt viel beachteten Sonderprogramme angesichts der Corona Pandemie (PEPP) stellen nur einen Teil der Maßnahmen dar. Dadurch wird die Geldmenge erheblich ausgeweitet. All das geschieht und geschah, um das Wachstum zu stabilisieren.  

Wachstum und Ungleichheit

Rückblickend kann man feststellen, dass das auch leidlich gelungen ist. Aber was sagt das für die Zukunft? Hinzu kommt das gravierendste Warnzeichen: die massive Zunahme von Ungleichheit in der Welt! Das forcierte Wachstum führt zu einer Zunahme der Ungleichheit, nicht zu ihrer Beseitigung. Was sehr erstaunt: Es gibt fast keine Diskussionen um die Verteilungswirkung der gerade genannten Aufkaufprogramme der Notenbanken! Eine Vermutung: Sie führen zu steigenden Aktienkursen und wachsenden Immobilienpreisen. Wem kommt das zu Gute: natürlich denjenigen, die viel davon besitzen. Zur weltweit wachsenden Ungleichheit gibt es viele Zahlen. Eine Nachricht der letzten Tage hilft bei der Veranschaulichung: Die ehemalige Ehefrau von Jeff Bezos und Mitgründerin des Unternehmens amazon, MacKenzie Scott hat kürzlich angekündigt, eine Milliarde Dollar für wohltätige Zwecke zu spenden. Allerdings tut sie das seit einiger Zeit und das jeden Monat! Ihr Gesamtvermögen wird ja auch auf 57 Milliarden Dollar geschätzt.

Die aktuellen Corona Maßnahmen sind nur Teil einer hoch problematischen übergreifenden Entwicklung. Alle Maßnahmen versuchen vor allem das Wirtschaftswachstum zu fördern. Doch, auch das sagen viele Ökonomen, sind diese Maßnahmen nicht beliebig erweiterbar und können nicht beliebig verlängert werden. Die Zinsen lassen sich nicht mehr senken, die Ausweitung der Aufkaufprogramme wird immer geringere Effekte haben. Bislang also ist das System damit stabilisiert, aber wie geht es auf Dauer weiter? Um das Bild der Maschine zu bemühen: Wie kann man die Drehzahl senken und dabei die Leistung erhalten? Wie kann man in einen Zustand übergehen, wo Geben und Nehmen sich abwechseln, wo es einen Normalzustand gibt, der nicht durch immer neue Sonderprogramme stabilisiert werden muss?

Ist die Zukunft durch Wachstum gesichert?

Wenn die Wirtschaft wächst, lassen sich alle Problem lösen, die der Verschuldung, die der Stabilisierung und so weiter und so fort. Doch, was, wenn die Wirtschaft nicht wie gewünscht wächst? Zudem hat ein Wachstum, das von der CO2 Produktion entkoppelt wäre, bislang nicht stattgefunden. Das Gesamtsystem ist aber ohne Wachstumsgarantie in einem hoch instabilen Zustand. Es gibt ein Buch der Chefökonomin der Weltbank, Carmen Reinhart, auf Deutsch mit dem Titel, „Dieses Mal ist alles anders – 800Jahre Finanzkrisen“. Das Buch ruft zur Nüchternheit auf. Der Titel deutet an, worum es geht: Stets haben Finanzkrisen einander abgelöst. Stets hat man auch versucht, aus den Krisen zu lernen. Aber offenkundig haben sich immer wieder neue Mängel eingeschlichen, die wieder zu einer krisenhaften Zuspitzung führten. Angesichts des aktuellen Zustands des Gesamtsystems der Wirtschaft fordert das zu erhöhter Wachsamkeit auf.

Die Hoffnung einer guten Zukunft für alle sollte nicht allein auf der Erwartung von Wirtschaftswachstum liegen, sondern vielmehr auf der Entwicklung von Lebensstilen, auf neue kulturelle Deutungen des gemeinsamen Lebens auf dieser  begrenzten Erde. Wohlstand ist eine große Errungenschaft, aber er kann nicht beliebig erweitert oder vergrößert werden. Um alternative Wege zu finden, sind aber genau jene kulturellen Ressourcen notwendig, die man jetzt in der Pandemie sträflich vernachlässigt, weil es ja darum geht, irgendwie vor allem das Wachstum der Wirtschaft zu erhalten!

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