KI als Sprachentwerter

Die Sprache ist ein Medium, aus dem Menschen schon immer ihr Selbstbewusstsein geschöpft haben. Menschen sind vor allem soziale Wesen und ihre Verbundenheit zeichnet sich durch nichts deutlicher aus als durch das gemeinsame Sprachvermögen. Kein Mensch spricht eine „Eigensprache“, die nur ihr oder ihm zugänglich wäre. Es ist konstitutiv für Sprache, dass sie von mehreren Menschen geteilt wird.

Die Bedeutung von Sprache

Sprache verbindet die Menschen miteinander und Sprache ist zugleich das Medium, in dem Menschen ihre Unterschiede deutlich machen können. Auch „Nein“ sagen geschieht in der Sprache. Sprache ist so fundamental, dass sie zugleich die Verbundenheit und Angewiesenheit von Menschen zum Ausdruck bringt, wie auch ihre gegenseitige Abgrenzung.

KI als Sprachmaschine

Sprache ist nicht irgendein menschliches Vermögen, sondern ein sehr zentrales, konstitutiv für jede menschliche Gesellschaft. Mitten in diese Sphäre ist nun sehr erfolgreich mit neuen Sprachmodellen versehene Künstliche Intelligenz gedrungen. Die Dynamik der Entwicklung ist hoch, schnell entwickeln diese Sprachprogramme übermenschliche Fähigkeiten. Sie verarbeiten Texte in unglaublicher Geschwindigkeit, verfügen in kurzer Zeit über ein immenses Wissen, können ohne Zeitverzögerung Sätze und lange Texte formulieren. Das wird erhebliche kulturelle Folgen haben, wie sind sie einzuschätzen?

Computer können rechnen

Wir haben schon so etwas wie eine Vorerfahrung. In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts waren allmählich Taschenrechner allgemein verfügbar, deren Rechenleistung menschliches Vermögen weit überstieg. Das war zunächst erstaunlich, aber schnell trat eine Gewöhnung ein. Computer waren schnell als exzellente Rechenmaschinen anerkannt mit übermenschlichen Fähigkeiten. Kopfrechnen wurde entwertet, niemand rechnet komplexere Rechnungen, die Arithmetik wird ganz dem Computer überlassen. Wird das bei den KI Aggregaten mit Sprachprogrammen wie ChatGPT nicht ganz ähnlich ablaufen?

Wahrscheinlich, jedoch ist der Unterschied zwischen der allgemeinen Verfügbarkeit von Sprache und der Beherrschung arithmetischer Fähigkeiten riesig. Die Arithmetik ist ein leicht eingrenzbarer Bereich menschlicher Fähigkeiten. Sprache ist ein viel stärker generalisiertes Medium ist als die Mathematik, viel stärker mit der Gesellschaft, ihrer Entwicklung und der menschlichen Identität verbunden.

Funktionale Sprache

Wir werden wohl dennoch ebenso alltägliche, routinierte Sprechakte und das Verfassen von Texten immer mehr den KI Aggregaten überlassen. Jede Form telefonischer Beratung kann künftig von Maschinen erledigt werden. Die Maschinen verfügen über ein nahezu ideales Wissen und sind unendlich geduldig und präzise, vielleicht auch bald einfühlsam. Ebenso wird die Abfassung von alltäglichen Texten und Gebrauchstexten künftig einer KI überlassen. Auch hier ist das instantan verfügbare Wissen nahezu perfekt.

Medial vermittelte Sprache wird als soziale Form entwertet

Vor allem medial vermittelte Sprache (Texte, Telefon, digitale Medien, soziale Medien) wird entwertet werden. Mit zunehmendem Gebrauch ist immer unklarer, wer oder was die Quelle der Äußerungen ist. Spricht eine KI mit mir? Antwortet auf meinen Post eine KI? Unterhalte ich mich nur mit Avataren? Hat das Buch ein Mensch geschrieben?

Die Folge: Die medial vermittelte Sprache wird entwertet. Wir werden sie weiterhin nutzen, doch ohne großes Engagement, sie hat keine soziale, eher noch funktionale Bedeutung. Die Folgen für die in unserer Gesellschaft sehr prominenten digitalen Medien werden dann erheblich sein. Wir antworten nur noch auf die Accounts, die wir persönlich kennen und hoffen, dass sie keine KI Avatare beschäftigen.

Der Nahbereich wird wieder bedeutender

Digital vermittelte Kommunikation zur sozialen Vernetzung verliert dadurch massiv an Bedeutung. Viele Menschen werden sich stärker auf den Nahbereich zurückziehen, dorthin, wo sichergestellt ist, dass echte Menschen Urheber der Sprache sind. In dem Nahbereich funktionieren dann auch digitale Medien, aber nicht mehr als weltumspannendes Kommunikationsmittel. Oder irre ich mich da?

Zur Leitidee der Künstlichen Intelligenz

KI – großes Mysterium und gesellschaftliche Herausforderung

Gefühle sind politisch. Zu dem Buch „Undemokratische Emotionen“ von Eva Illouz

Die israelisch-französische Kultursoziologin Eva Illouz beschäftigt sich in ihrem neuen Buch „Undemokratische Emotionen. Das Beispiel Israel“ mit den Grundlagen gegenwärtiger Phänomene des politischen Populismus. Es geht in ihrer Untersuchung, wie der Titel zeigt, in erster Linie um Israel unter der Regierung von Benjamin Netanjahu. Aber die Autorin verbindet mit ihr die Absicht, etwas Allgemeingültiges zu populistischen Bewegungen in modernen Gesellschaften zu sagen.

Emotionen in der Politik

Aber wieso setzt sie bei Emotionen, bei Gefühlen an? Sollte es in populistischen Bewegungen also allein um Gefühle gehen, während vernünftige Menschen einer Politik der Argumente folgen? Das wäre ein verbreitetes Klischee und zu einfach gedacht. Politisch relevante Emotionen haben alle Menschen unabhängig ihrer politischen Einstellung. Emotionen sind Ausdruck von Bindungsverlangen und Ausdruck von bestimmten Bindungen, die Menschen eingehen. Sie werden gesellschaftlich geformt. In gewisser Weise zeigen die Emotionen die nach wie vor bestehende Bedeutung von Verbundenheit von Menschen untereinander, gemeinsame Emotionen verbinden in starker Weise.

Emotionen sind Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse

Illouz ist dafür bekannt geworden, dass sie Gefühle, auch solche intimen wie die romantische Liebe, mit einer kritisch-soziologischen Analyse der spätkapitalistischen Gesellschaft verbindet. Solche Gefühle, so die gängige Meinung, sind authentische Erfahrungen von Individuen, sie bürgen für Wahrheit: Was ich fühle, ist wahr. Das ist geradezu programmatisch für spätkapitalistische Gesellschaften: Authentizität findet sich in den Gefühlswelten der Individuen.

Aufklärung über politische Emotionen

Doch genau das ist die große Gefahr im Umgang mit politisch relevanten Emotionen. Wenn Menschen sie als authentische und aufrichtige Regungen verstehen, sind sie nicht mehr in der Lage sich kritisch zu ihnen zu verhalten. Das große Problem ist, dass die meisten Menschen ihre Gefühle nicht im Zusammenhang mit einer gesellschaftskritischen Analyse dekodieren. Genau diese Kritik will Illouz mit ihrem Buch herausarbeiten. Grundlegend ist dabei, die Gesellschaft als eine kapitalistisch dominierte Gesellschaft zu beschreiben. Der Vorrang des Marktes verformt nicht nur gesellschaftliche Beziehungen, sondern auch die Gefühle, die die Menschen mit ihnen verbinden. In einer gewissen Weise steht immer auch die Vereinzelung in modernen Gesellschaften im Hintergrund der Analysen.

Emotionen zwischen Erfahrung und Verführung

Politische Emotionen entstehen aus einer Mischung aus eigenen Erfahrungen und politischer Beeinflussung. Diese Mischung macht es, dass es auch bei der Analyse populistischer Einstellungen nicht leicht ist, wahre Emotionen von falschen zu unterscheiden. Illouz zieht es vor, nicht von falschen, sondern von fehlgeleiteten Emotionen zu sprechen. Denn die sozialen Erfahrungen sind nie einfach falsch. Fehlgeleitet sind sie, wenn populistische Interpreten und Verführer sie in eine bestimmte Richtung drängen.

Die vier wichtigsten populistischen Emotionen

Illouz identifiziert vier hauptsächliche Gefühle, die in populistischen Bewegungen von Bedeutung sind: Angst, Abscheu, Ressentiment, und Liebe zur Nation. Angst entsteht bei einer existentiellen Bedrohung von außen oder von Kräften innerhalb einer Gesellschaft. Populistische Kräfte schüren gerade diese Angst, zumeist unter massiver Verzerrung der Realität. Abscheu wiederum führt zur Ablehnung von Menschen, die anders sind, die anders aussehen. Die Schemata neigen zu klaren Freund-Feind Unterscheidungen. Ressentiment richtet sich gegen Ungleichheit in der eigenen Gesellschaft, es geht um ein erlebtes „Unten“ gegen die da „Oben“. Die Liebe zur Nation ist die Emotion, die mit den negativen Abgrenzungen korrespondiert: Das Eigene, vertreten durch die Nation, wird dem Fremden gegenüber vorgezogen.

Emotionen in der Politik müssen thematisiert werden!

Die Studie von Eva Illouz ist ein wichtiger Beitrag zu dem Verständnis moderner Gesellschaften. In der anti-populistischen Politik wird gerne aus Vernunftgründen argumentiert und rationalisiert. Dies ist auf der einen Seite dringend gefordert und doch zugleich eine Gefahr, weil diese Haltung dazu neigt, die politische Bedeutung von Emotionen zu unterschätzen. Emotionen gibt es aber in allen politischen Richtungen.

Emotionen in der Klimapolitik

Welche Emotionen etwa dominieren in der Klima Diskussion? Die Angst ist schnell zu identifizieren, doch wie steht es mit Ressentiment, mit Abscheu, mit dem Bedürfnis nach einer Einbindung sowohl auf Seiten der Klimaproteste wie der Klimaleugner? Kann es sein, dass auch hier die Emotionen eine viel größere Macht haben und dass sie in den bestehenden Diskursen der Klimapolitik ungenügend repräsentiert sind? Die Untersuchung von Eva Illouz weist den Weg, den man auch in anderen Politikbereichen begehen muss.

Kann Moral schädlich sein?

Die Frage mutet eigentümlich an: Üblicherweise ist Moral in der öffentlichen Diskussion eine begehrte Ressource. Je stärker die eigene Position moralisch abgesichert werden kann, desto besser. Wer zeigen kann, dass die eigene Position sich als moralisch begründet, ja moralisch gefordert darstellen lässt, ist im Vorteil.

Moralische Forderungen sind notwendig

Ist das nicht auch gut so? Ist es nicht erforderlich, dass moralische Werte wie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Selbstbestimmung usw. in gesellschaftlichen politischen Debatten möglichst viel Aufmerksamkeit finden? Was sollte dagegensprechen? Alles, was diese Werte fördert und vergrößert, ist gut.

Moralische Forderungen führen aber nicht automatisch zu moralischem Handeln

Es gibt aber ein grundlegendes Problem: Nicht alle moralischen Forderungen stärken die Moral im Handeln. Es gibt keinen Automatismus zwischen der Proklamation der Werte und ihrer Umsetzung. Nicht jeder und jede, die, der das Gute im Munde führt, stärkt auch eine gute Sache.

Lügen sind oft leicht durchschaubar

Dabei geht es hier nicht um eine bewusste Lüge oder Verstellung. Diese Möglichkeit ist Menschen immer gegeben: Dass sie das eine sagen, das andere aber tatsächlich wollen. Dass sie Gerechtigkeit im Munde führen, sich aber Zielen mit größerer Ungerechtigkeit verschreiben. Aber oft können solche Positionen auch schnell durchschaut werden. Mit genügenden Informationen können aber andere Menschen das böse Spiel erkennen und die Haltung verurteilen.

Moral unterschätzt die Eigenständigkeit der kulturellen und ökonomischen Kräfte

Es geht hier vielmehr um jene, die subjektiv den Eindruck haben, ihre Position sei tatsächlich moralisch und sie mit großer Aufrichtigkeit vertreten. Aber eine Konzentration auf den moralischen Anspruch legt oft nicht genügend Rechenschaft darüber ab, ob das moralisch Vorzügliche auch umgesetzt werden kann. Sie ignorieren, dass dem moralisch Vorzüglichen widrige politisch-kulturelle Kräfte entgegenstehen, die sich nicht einfach mit Empörung beseitigen lassen. Der Soziologe Hans Joas stellt mit Bezug auf das moralische Engagement der Kirchen fest: „Mit der Konzentration auf Moral wird aber nicht nur der Eigencharakter des Religiösen verfehlt, sondern auch der des Politischen.“ (Kirche als Moralagentur, S. 64) Dadurch aber kann eine starke Betonung der Moral eine politische Position schwächen, statt ihr zu nützen.

Beispiel Klimadiskussion

Nehmen wir als Beispiel die Diskussion um das Klima. Seit über 50 Jahren, seit der Veröffentlichung des Berichts des Club of Rome ist die Ahnung einer nahenden Katastrophe in der Öffentlichkeit. Vieles haben wir seitdem dazu gelernt, aber die Grundaussage war von Beginn an richtig: Wenn der Mensch weiterhin Raubbau an der Erde, an der Ökosphäre begeht, wird sie zerstört werden. Nun sind wir 50 Jahre weiter, können die Gefahren viel präziser beschreiben, erleben auch schon starke Auswirkungen, etwa durch die Erhöhung der Welttemperatur. Doch unser alltägliches Handeln hat sich kaum darauf eingestellt. Viele Menschen fahren Auto, fliegen gern, leben in großen Wohnungen, kaufen sich energieintensive Güter. Die allermeisten stimmen aber sofort zu, wenn sie gefragt werden, ob es wichtig sei, den Klimawandel zu begrenzen. Offenkundig geht beides gut zusammen: Der allgemeine moralische Anspruch und das konterkarierende alltägliche Verhalten.

Die kritische Frage an eine ganze Generation

Diese Frage muss sich eine ganze Generation stellen: Warum sind die Aufbrüche der 90er Jahre (die UN Konferenz von Rio de Janeiro 1992, die Diskussion um die Agenda 21, lokale Agenden etc.) so wenig ertragreich gewesen? Die moralischen Forderungen waren da. Viele Initiativen entstanden, die Umweltverbände wuchsen und gewannen an Macht. Warum ist die Zahl der Fernflüge seitdem explodiert, sind die produzierten Automobile immer schwerer geworden, statt kleiner und leichter?

Aussagestarke Bilder

Wer das Problem moralisiert, macht es sich offenkundig zu einfach und bekommt nicht die widrigen Kräfte in den Blick. Diese Kräfte sitzen offenkundig tief in den bewussten und unbewussten kulturellen Wahrnehmungsmustern. Nachrichten über einen wirtschaftlichen Aufschwung werden auch heute gerne mit dampfenden Schloten bebildert. Bilder eines glücklichen Urlaubs zeigt Menschen an Südseestränden. Auch die viel gepriesenen E-Autos sind groß und schwer und rasen in Werbebildern durch eine offene Ebene.

Kulturelle Prägungen, ökonomische Interessen

Eine Arbeit an dem Problem müsste also sich der Frage widmen, wie die widrigen Kräfte überwunden werden können. Diese Kräfte aber sind kulturelle Prägungen einer großen Zahl von Menschen in Tateinheit mit handfesten politischen und ökonomischen Interessen. Hinzu kommen soziale Verwerfungen, die die Moral nicht abbilden kann: Manchen Menschen fällt es bei den sehr ungleichen Vermögen leichter, sich umweltbewusst zu geben als anderen, die weniger Geld zur Verfügung haben. Eine einfache Moralisierung lässt all dies unberührt und so bleibt das alltägliche Verhalten  neben dem allgemeinen moralischen Anspruch bestehen. Das eigentlich Gewünschte, die Veränderung des Verhaltens, bleibt aus.

Follow the Science?

Wie steht es in unserer Gesellschaft um das Vertrauen in wissenschaftliche Forschung? Wissenschaften werden sehr unterschiedlich beurteilt. Das Spektrum reicht von Verschwörungstheorien bis hin zu dem Aufruf „Follow the Science“. In gewisser Weise finden sich die Wissenschaften mitten in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wieder. Können wir einem offenen wissenschaftlichen Erkenntnisprozess trauen? Gerade auch dann, wenn die Unsicherheit der Erkenntnis betont wird? Welche Wirkung hat die gesellschaftliche Auseinandersetzung um Vertrauen/Misstrauen auf die Wissenschaften und ihre Stellung in der Gesellschaft?

Der wissenschaftsskeptische romantische Ansatz

Nicht wenige gesellschaftliche Stimmen heute lehnen Wissenschaften rundum ab. Die Fundamentalkritik an wissenschaftlicher Erkenntnis ist nicht über Nacht entstanden. Seit vielen Jahrzehnten gibt es gesellschaftliche Strömungen, die wissenschaftliche Erkenntnisse radikal hinterfragen. Wichtige Quellen sind die alternative Medizin, eine weitgehende die Ablehnung der technikdominierten Industriegesellschaft, der Wunsch, zur naturnahen Lebensweise zurückzukehren, die Hochschätzung der Erkenntnisse antiker und indigener Völker. Für all diese Haltungen gibt es gute Argumente, aber bei vielen verhärten sie sich zu einer Weltanschauung, in der das vermeintlich Ursprüngliche den modernen zerstörerischen Entwicklungen gegenübersteht. Populär wurde die Einstellung in den 70er Jahren, für eine längere Zeit war sie eng verbunden mit einem progressiven politischen Ansatz.

Von der Romantik zur Gegenaufklärung

Doch das wandelte sich zusehends. Es entstanden Milieus, die von einem tiefsitzenden Misstrauen gegenüber den Wissenschaften geprägt sind. Das verknüpft sich in der letzten Zeit immer mehr mit der Bereitschaft, alternative Erkenntnisquellen zu trauen, die Tür zu Verschwörungstheorien ist weit offen. Denn alle eint miteinander das Feindbild einer seelenlosen wissenschaftlichen Forschung, die nur Ausdruck der herrschenden Schichten sei. Der politische Ansatz ist nicht mehr progressiv, sondern aufklärungsfeindlich.

Die Gegenbewegung: Follow the Science!

Zugleich entstanden in den letzten Jahren jene Milieus, die sich gegensätzlich orientieren. Es scheint, dass ihre Einstellung sich auch darüber findet, dass sie ein Antipode zu der erstgenannten ist. Hier gilt geradezu die Devise „Follow the science“. Im Zentrum stehen die neuen Bewegungen gegen den Klimawandel. Wird der Wahrheitsgehalt wissenschaftlicher Aussagen von der ersten Gruppe in Frage gestellt, so wird hier ein nahezu unbedingtes Vertrauen gefordert. „Die Wissenschaft“ wird zur Instanz, die über die richtige politische Einstellung entscheidet. Die Wissenschaft ist die Quelle moderner und weltoffener Erkenntnis.

Die Wissenschaft sagt Wahrheit?

Doch auch diese zweite Haltung ist in hohem Maße fragwürdig. Das ist aus mindestens zwei Gründen so. Zum einen ist auch der wissenschaftliche Forschungsprozess korrumpierbar. Das hat sich in der Vergangenheit leider des Öfteren gezeigt. Deshalb muss wissenschaftliche Forschung vor allem eines sein: selbstkritisch. Eine kritiklos angenommene wissenschaftliche Aussage droht ihre Wissenschaftlichkeit zu verlieren. Nach Popper ist es gerade die hohe Würde wissenschaftlicher Aussagen, dass sie widerlegt werden können. Man kann der Wissenschaft nichts Schlimmeres antun, als ihre Aussagen kritiklos zu akzeptieren. „Follow the science“? Verräterisch ist hier schon der Singular: Es gibt die Wissenschaften nicht im Singular. Es gibt „die Wissenschaft“ als Instanz nicht, sie ist eher ein Fetisch. Es gibt sehr wohl wissenschaftlich arbeitende Menschen, Gruppen, Communities. Aber diese ringen, wenn sie wissenschaftlich arbeiten, immer wieder darum, ob ihre Erkenntnisse konsistent, korrekt sind, was noch unbeantwortet, was unverstanden ist.

Wissenschaft nicht im Elfenbeinturm

Es gibt einen weiteren Grund, warum die zweite Haltung fragwürdig ist. Es gibt gute Gründe, den real existierenden Wissenschaften zu misstrauen. Tatsächlich ist jede wissenschaftliche Forschung von Geltungsdrang, Machtfragen, Ressourcengewinnung und so weiter bedroht. Es sind Menschen, die forschen. Es steht immer in Gefahr, dass gesellschaftliche Macht- und Einflussfragen in die Wissenschaft hineingetragen werden: Wer die Forschung bezahlt, will auch an den Ergebnissen partizipieren. Das gilt für Patentierungsverfahren wie für die Erschließung staatlicher Ressourcen.

Im Für und im Wider fehlt das Vertrauen in offene Erkenntnisprozesse

Beide Haltungen haben im Grunde kein Vertrauen in einen offenen und fehleranfälligen wissenschaftlichen Forschungsprozess. Die einen lehnen die Wissenschaft grundsätzlich ab, die anderen machen sie zur Instanz, die sagt, was wahr ist. Der größte Teil der wissenschaftlichen Forschung besteht aus Vermutungen und Hypothesen. Ein aufgeklärter Umgang mit Wissenschaft wird das immer betonen. Doch auch hier zeigt sich eine Variante eines grundlegenden Vertrauensverlustes in unserer Gesellschaft!

Zur Einführung zum Thema Vertrauen und zu weiteren Beiträgen

Freund und Feind in der Demokratie?

Eine lebendige Demokratie lebt von Vertrauen und Misstrauen gleichermaßen. Beide haben in der Demokratie ihre Bedeutung, aber in unterschiedlichen Anteilen und an unterschiedlichen Orten.

Misstrauen ist notwendig in offenen Gesellschaften

Misstrauen ist unumgänglich in einer offenen Gesellschaft. Diese Gesellschaft besteht aus sehr unterschiedlichen Gruppen, zwischen denen immer auch Konflikte herrschen. Diese Konflikte lassen sich auch nicht aus einer übergeordneten Perspektive auflösen, sie gehören wie die Politologen Chantal Mouffe und Ernesto Laclau gezeigt haben, zu jeder offenen demokratischen Gesellschaft. Selbst wenn immer wieder einmal Konflikte auch beseitigt werden können, so entstehen im Nu neue Konflikte. Das Ziel kann nicht sein, dass eine demokratische Gesellschaft alle Konflikte auflöst, sondern dass sie in einer besonderen Weise mit Konflikten umgeht.

In jeder offenen Gesellschaft gibt es deshalb Misstrauen unter den vielfältigen Akteuren. In einer Demokratie aber verständigen sich darauf, dass demokratisch legitimierte Prozeduren von allen zu respektieren sind. Hier ist bei allem Misstrauen im Einzelfall ein grundlegendes Vertrauen in die demokratischen Entscheidungsprozeduren zentral. Wenn aber dieses grundlegende Vertrauen erodiert, ist die Demokratie in Gefahr.

Demokratische Prozeduren müssen von Vertrauen bestimmt sein

Genau dieses Vertrauen aber geht in den letzten Jahren deutlich zurück. Zu den Alarmzeichen gehört die Popularität von Verschwörungstheorien. Diese so genannten „Theorien“ sind oft zu abstrus als dass sie glaubhaft sind. Aber das ist auch nicht ihre Funktion. Ihre Hauptaufgabe ist es, die Wirklichkeit anders zu beschreiben als es die „herrschende“ Meinung zum Ausdruck bringt. Verschwörungstheorien setzen ein fundamentales Misstrauen, das sich durch demokratische Prozeduren nicht mehr abschwächen lässt. Das Misstrauen gegen die so genannten „herrschenden“ Eliten gewinnt eine absolute Rolle.

Verschwörungstheorien, Freund-Feind Unterscheidungen

Die Verschwörungstheorien schaffen Freund-Feind Unterscheidungen, die keine Vermittlung kennen. Möglicherweise besteht ihre verschwiegene Erfolgsstrategie gerade darin, dass sie mit diesem Schema ein neues Wir schaffen, ein Wir, das sich darauf einschwört, dem „Feind“ zu widerstehen. Da fallen die unglaubhaften Theorien kaum in Gewicht. Damit aber generieren die Verschwörungstheorien auch Vertrauen, zu eben jenen Menschen, die diese „Theorien“ folgen. Hier ist aber das Vertrauen-Misstrauen Schema ganz anders geartet als es für Demokratien verträglich ist. Das Misstrauen dominiert, das Vertrauen gilt nur noch einer kleinen Gruppe in der Gesellschaft.

Das Beispiel der US-amerikanischen Parteien

Der Journalist Ezra Klein hat die demokratischen Mechanismen der amerikanischen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten untersucht. Dabei kam er einem fundamentalen Wandel auf die Spur: Im 20. Jahrhundert haben Menschen die Republikaner oder die Demokraten gewählt, weil sie von deren Position überzeugt waren. Im Vordergrund stand immer noch das gemeinsame Verfahren der Mehrheitsbildung. Doch das wandelte sich in den letzten Jahren fundamental. Heute wird von vielen eine Partei gewählt, weil sie gegen die anderen ist. Auch hier überwiegen unversöhnliche Freund-Feind-Schemata und das Misstrauen gegenüber dem Vertrauen.

Die Erosion des Vertrauen

Das aber erodiert demokratische Prozeduren und macht sie immer schwächer. Das Vertrauen in die demokratisch verfasste Gesellschaft schwindet. Langsam aber sicher schleicht sich überall ein Freund Feind Schema ein: Was Schlechtes über den Feind gesagt werden kann, ist im Zweifel richtig. Es entsteht eine Lagerbildung, die immer mehr die politische Landschaft kennzeichnet. Die demokratischen Entscheidungsprozeduren werden schnell als Mittel der Gegner, der Feinde denunziert, ihre Position durchzusetzen. Das Misstrauen überwiegt und dominiert die politischen Prozesse.

Aktueller Nachtrag (26.1.): Die FAZ heute bringt eine neue Untersuchung von Allensbach und ich gehe davon aus, dass neben einem politischen Bias die empirischen Daten korrekt bearbeitet sind. Der Artikel endet mit: „Das Vertrauen der Bevölkerung, dass die Politik die Probleme und Herausforderungen in den Griff bekommt, ist gering; lediglich 17 Prozent sind hier zuversichtlich. Angesichts der großen Transformationsprozesse ist es für die Politik jedoch eminent wichtig, dass die Bürger der Ratio und Kompetenz politischer Entscheidungen vertrauen und einen Staat erleben, der Entscheidungen qualifiziert trifft, effizient umsetzt und generell leistungsfähig ist. Dieses Vertrauen erodiert seit Jahren.“

Zur Einführung zum Thema Vertrauen und zu weiteren Beiträgen