Fragen zu Lützerath

Die Demonstration heute (Samstag, 14.2.) in der Nähe von Lützerath führt allen vor Augen, wie dramatisch die Auseinandersetzung um den noch benötigten Umfang des Braunkohleabbaus ist. Lützerath ist ein Symbol geworden für die Auseinandersetzung um die zukünftige Energieversorgung.

Die Eckpunktevereinbarung mit RWE

Im Mittelpunkt steht die Eckpunktevereinbarung, die Bundesregierung und Landesregierung NRW mit der RWE Konzern Mitte des Jahres geschlossen haben. Diese Vereinbarung sollte eigentlich eine positive Botschaft aussenden: In NRW soll der Ausstieg aus der Braunkohleförderung um 8 Jahre von 2038 auf 2030 vorgezogen werden. Die Vereinbarung beinhaltet eine Rechnung, wie ein vorzeitiger Ausstieg gelingen kann. Hierbei hat das so genannten Osterpaket der Bundesregierung von 2022 eine große Bedeutung, das den konsequenten Ausbau von regenerativen Energien vorsieht. Nur wenn dieser Ausbau geschieht, dann ist es möglich, den Ausstieg aus der Braunkohle um 8 Jahre vorzuziehen.

Die Kritik an der Vereinbarung

Nun steht die Vereinbarung mit dem RWE Konzern im Mittelpunkt der Proteste in Lützerath. Kritische Stimmen wie die des BUND und andere stellen alternative Rechnungen an, die einen viel schnelleren Ausstieg aus der Braunkohleförderung als möglich ansehen. Die Demonstrierenden fordern deshalb eine Revision der Vereinbarung und einen früheren Ausstieg.

Warum der Protest um die Vereinbarung?

Aber ist der skizzierte Streitpunkt aber wirklich so relevant wie es die dramatischen Bilder nahe legen? Stellt er nicht eher einen Nebenschauplatz dar? Es geht doch im Kern um die Bekämpfung des Klimawandels, um die Reduktion von CO2 Emissionen. Diese Reduktion wird möglich, indem klimaschädliche Energiequellen wie die Braunkohle, aber auch Schwarzkohle, Öl und Gas, so schnell als möglich reduziert werden. Das ist unstrittig.

Die Auseinandersetzung, die unsere Zukunft entscheidet

Die eigentlichen Felder der Auseinandersetzung, um dieses Ziel zu erreichen, sind genau zwei: Einerseits muss alles getan werden, um den Ausbau regenerativer Energien voranzutreiben. Andererseits muss alles getan werden, um den Energieverbrauch zu reduzieren. Von diesen beiden Seiten kann der Verbrauch klimaschädlicher Energiequellen und die Produktion von CO2 reduziert werden.

Szenario 2028

Nun nehmen wir einmal in der besten aller Welten an, es wäre möglich weit mehr und schneller als im Osterplan der Bundesregierung vorgesehen regenerative Energiequellen zu erschließen. Und nehmen wir an, es gelänge wirklich, unseren Energieverbrauch in der kommenden Zeit stark zu senken. Dann könnten wir vielleicht im Jahr 2028 feststellen, dass für die Energieversorgung in Deutschland Braunkohle nicht länger notwendig ist. Wer glaubt, angesichts der bis dahin weiter voranschreitenden Belastungen durch den Klimawandel, dass eine Bundesregierung dann für die Verfeuerung von Braunkohle eintritt, nur weil es in einer Vereinbarung von 2022 festgehalten ist?

Hindert die Vereinbarung den Ausbau regenerativer Energien? Das wäre vielleicht denkbar, wenn billige Braunkohle den Ausbau bremst. Hier müssen die Instrumente wie CO2 Besteuerung viel stärker zum Zugen kommen als bislang geplant. Dann steigen die Preise für Braunkohle und werden wirtschaftlich unrentabel, auch für RWE.

Was ist eine Vereinbarung?

Vereinbarungen und Verträge kann man bekanntlich kündigen. Ja, dann würde RWE klagen und müsste entschädigt werden. Dadurch entsteht ein Schaden. Deshalb sollte RWE nicht durch unbedachte Verträge in eine zu gute Position versetzt werden. Aber es ist ein finanzieller Schaden, keiner der den Klimawandel betrifft. Solche Entschädigungen sind immer wieder vorgekommen. Etwa auch beim vorgezogenen Atomausstieg. Nach der Katastrophe von Fukushima wurde der Ausstieg in kürzester Zeit politisch durchgesetzt. Die Firma UNIPER hat in kürzester Zeit ihr Geschäftsfeld durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine verloren. Dann ist der Staat eingetreten. Die Interventionen des Staates in privatwirtschaftliche Verhältnisse sind seit 2020 sehr zahlreich. Das alles ist teuer, aber nicht unmöglich. Die Diskussion im Jahr 2028 um den Klimaschutz wird noch viel heftiger sein als heute. Welche politische Partei würde es durchsetzen, wegen alter Verträge der Allgemeinheit massiven Schaden zuzufügen?

Deshalb ist die Konzentration auf den Vereinbarung mit dem Konzern RWE sehr fragwürdig, weil sie von den eigentlichen Feldern der Auseinandersetzung ablenkt: Der Ausbau regenerativer Energien und die Einsparung beim Energieverbrauch. Das und nur das reduziert CO2 Emissionen. Hier entscheidet sich, wie die Zukunft aussieht. Hier muss mobilisiert und müssen alle Kräfte konzentriert werden. Der Klimawandel schreitet voran, die Maßnahmen werden immer dringlicher.

Vertrauen als Grundlage der Wirtschaft

In dieser kleinen Blogreihe steht die Frage im Mittelpunkt, welche Rolle das Vertrauen in unterschiedlichen Bereichen unserer Gesellschaft spielt. Es ist auffällig, dass die existentielle Größe Vertrauen sich nicht auf zwischenmenschliche Beziehungen beschränken lasst. Sie ist auch eine Grundbedingung für das Funktionieren moderner ausdifferenzierter gesellschaftlicher Systeme. Das zeigt sich auch in der Wirtschaft.

Ehrbares Verhalten“

Klar ist, dass jeder Tausch, jeder Handel zwischen Menschen mit Vertrauen zu tun hat. Keiner kauft gerne „die Katze im Sack“. Ist das angebotene Gut auch wertvoll? Ist Betrug ausgeschlossen? Hat der Mensch, der kauft und noch nicht gezahlt hat oder der verkauft und noch nicht die Ware geliefert hat, auch einen guten Leumund? In der Zeit der Hanse entstand die Auszeichnung des „ehrbaren Kaufmanns“. Diese Zuschreibung verpflichtet die Kaufleute, sich korrekt und vertrauenswürdig zu verhalten. Wer die Zuschreibung verliert, gerät ins Abseits.

Vertrauen in Markenprodukte

Das zwischenmenschliche Vertrauen ist Teil jeder wirtschaftlichen Transaktion, auch schon des einfachsten Tausches. Leicht lässt sich das zwischenmenschliche Vertrauen auch auf Institutionen ausweiten. Produziert das Unternehmen X wirklich gute und nachhaltige Produkte? Oder wird unter dem Schein einer hochwertigen qualitativen Ware tatsächlich Wertloses verkauft? Unternehmen agieren am Markt und je transparenter der Markt ist, desto größer ist ihr Bestreben, sich vertrauenswürdig zu verhalten. Je intransparenter dagegen der Markt, desto leichter fällt es betrügerischen Unternehmen in kurzer Zeit viel Geld zu machen.

Vertrauen in Unternehmen

Transparenz schafft Vertrauen. Nun ist die Transparenz auch in unserer gut informierten Zeit nicht trivial. Eigentlich sollten Unternehmen, insbesondere solche, die dem Aktienrecht bzw. -gesetz unterliegen, stets transparent sein, es gelten Berichtspflichten, Wirtschaftsprüfungen werden durchgeführt. Doch Skandale wie bei dem Unternehmen Wirecard zeigen, dass die Regeln des gegenwärtige Wirtschaftssystems mit genügend krimineller Energie leicht ausgehebelt werden können!

Vertrauen in der Volkswirtschaft

In ganz andere Dimensionen führt das Thema Vertrauen, wenn es um die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen des wirtschaftlichen Handelns geht. Im Mittelpunkt stehen hier die Verschuldung und die Begleichung von Schulden und die Stabilität von Währungen. Diese Themen sind besonders in unserer Zeit von größter Bedeutung.

Vertrauenskrisen durch Inflation und Schulden

Eine Währung zu akzeptieren, bedeutet, ihrem Wert eine Stabilität zuzumessen. Zeiten der Inflation können Krisenzeiten des Vertrauens in eine Währung sein, wenn die Erwartung auf Stabilität schwindet. Dann entstehen Inflationsspiralen. In Erwartung sinkender Kaufkraft werden höhere Löhne gefordert, die Preise steigen durch die Erwartung, dass die realen Gewinne schrumpfen.

Insbesondere die Fähigkeit, Schulden zu machen, ist elementar mit Vertrauen verbunden. Hier möchte ich auf ein sehr lesenswertes Buch über Wirtschaftskrisen: „Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen“ von Carmen Reinhardt und Kenneth Rogoff (München 2010) hinweisen. Die Autorin, der Autor sind sehr ausgewiesen, Carmen Reinhardt ist Chefökonomin der Weltbank, Rogoff lehrt in Harvard. Ein zentrales Zitat aus dem Buch hebt die Rolle des Vertrauens für das gesamte wirtschaftliche System hervor:

Vertrauen ist grundlegend, aber nicht prognostizierbar

„Die Wirtschaftstheorie besagt, dass es gerade die launische Natur des Vertrauens ist, einschließlich seiner Abhängigkeit von der öffentlichen Erwartung über zukünftige Ereignisse, welche die Vorhersage von Schuldenkrisen so schwer macht. (…) Ökonomen haben keine sehr genau Vorstellung darüber, welche Ereignisse Einfluss auf das Vertrauen haben und wie sich die Verwundbarkeit des Vertrauens konkret einschätzen lässt. In der Geschichte der Finanzkrisen kann man immer wieder feststellen, dass ein Ereignis, das sich am Horizont erahnen lässt, irgendwann auch eintreten wird. (…) Der genaue Zeitpunkt einer Krise lässt sich jedoch nur schwer vorhersagen.“ (40f)

Das heißt, dass Vertrauen von grundlegender Bedeutung auch in komplexen, modernen ökonomischen Systemen ist. Trotz der unglaublichen Fülle von exakten Kennzahlen, die heute zur Verfügung stehen, lässt sich diese Basisgröße nicht berechnen! Das Wirtschaftssystem ist im Kern kein stabiles Konstrukt, sondern elementar von Faktoren abhängig, die in hohem Maße volatil sein können. Vertrauen als existentielle menschliche Größe entzieht sich einer Quantifizierung und damit einer technischen Rationalisierung. Solange Vertrauen da ist, sind wachsende Schuldenberge kein Problem. Finanzkrisen aber entstehen, wenn dieses Vertrauen plötzlich verloren geht.

Weitere Blogbeiträge zum Thema Vertrauen:

Zur Einführung zum Thema Vertrauen und zu weiteren Beiträgen

Was ist Vertrauen?

In dieser Reihe geht es um das Thema Vertrauen in gesellschaftlichen Krisenzeiten. In Krisenzeiten sind grundlegende Formen des Vertrauens gefährdet. Dabei ist Vertrauen ist eine grundlegende Dimension menschlicher Existenz, ohne die vieles andere auch gefährdet ist. 

Vertrauen in die Umwelt

Menschen sind leibliche Wesen, sie brauchen Luft, Wärme, Flüssigkeit und Nahrung, um zu überleben. Jeder Mensch muss sich darauf verlassen, dass seine Umgebung diese Versorgung auch ermöglicht. Wir sind auf unsere Umwelt angewiesen, das erleben wir gerade jetzt, am Ende einer langen Periode der Ausbeutung fossiler Energien auf drastische Weise. Die Natur verändert sich durch unsere Eingriffe, sie wird bedrohlicher. Das ist auch für moderne Gesellschaften eine elementare Störung, weil Vertrauen immer auch Weltvertrauen ist.

Das soziale Miteinander lebt von Vertrauen

Menschen sind soziale Wesen, sie sind als endliche und bedürftige Wesen von Beginn des Lebens aufeinander angewiesen. Natürlich kann man sich im Idealfall einen Menschen vorstellen, der sich als Erwachsener völlig von der Gesellschaft isoliert und autark lebt. Das gilt jedoch nie für das gesamte Leben. Alle Menschen müssen ausnahmelos von anderen Menschen gezeugt, geboren, erzogen und behütet werden, bis sie dann im späteren Leben möglicherweise zur Selbstversorgung in der Lage sind. Die Menschheitsgeschichte ist auch die Geschichte einer zunehmenden sozialen Vernetzung. Das soziale Miteinander kompensiert nicht einfach nur Mängel, es setzt in den Kulturen einen großen Reichtum frei.

Vertrauen geht über Kontrolle hinaus

Die gegenseitige Abhängigkeit und die Unfähigkeit einzelner, ihre Beziehungen zur Umwelt, zu anderen Menschen vollständig zu kontrollieren, zeigen die grundlegende Bedeutung von Vertrauen. Wenn ich nicht alles kontrollieren kann, muss ich einfach darauf vertrauen, dass ich auch morgen satt werde, dass mir nahestehende Menschen nichts Böses wollen.

Eine Welt ohne Vertrauen ist kalt

Angenommen, die Kompensation wäre nicht mehr notwendig, angenommen es wäre einzelnen Menschen möglich, eine vollständige Kontrolle über ihre Versorgung und auch über die Entstehung von Nachkommen zu erlangen, so wäre diese Welt einer kontrollierten Sicherheit dennoch eine Horrorvorstellung. Alles wäre kalt und auf Funktionen reduziert. Vertrauen erst macht die menschliche Welt warm, erst sie lässt zwischenmenschliche Beziehungen reich werden und über sich selbst hinaus streben.

Vertrauen ist eine positive Kraft

Vertrauen ist nämlich nicht Ausdruck einer Strategie mit den eigenen Mängeln umzugehen. Als Kompensationsstrategie wäre Vertrauen nicht angemessen erfasst. Denn das Vertrauen ist eine positive, eine gestaltende Kraft. Menschen haben die Begabung, anderen Menschen zu vertrauen. Dies zeigt etwa auch die Redewendung „jemandem Vertrauen schenken“.  Hier zeigt sich eine Stärke, die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung möglich macht und bereichert.

Vertrauen ist immer gefährdet

Vertrauen ist nie von Sicherheit und Eindeutigkeit bestimmt. Das unterscheidet es fundamental von der Kontrolle. Vertrauen ist nicht ohne Risiko. Vertrauen kann ebenso gewonnen wie verloren werden. Es gibt beim Vertrauen eine grundlegende Asymmetrie, die wir alle kennen und auch schon erfahren haben: Vertrauen kann schnell zerstört werden, lässt sich aber nur langsam aufbauen. Das macht das Vertrauen gerade in gesellschaftlich krisenhaften Zeiten zu einer so kostbaren Größe.

Die große Anfrage an moderne Gesellschaften

Moderne Gesellschaften leben wie jede menschliche Gesellschaft von Vertrauen.  Stabile Vertrauensverhältnisse über die geteilte Lebenswelt vermittelt. Ich traue den Menschen, mit denen ich auf geraume Zeit zusammenlebe. Die starke Verunsicherung des gesellschaftlich vermittelten Vertrauens hat auch mit der Gestalt moderner Gesellschaften zu tun. Hier wird Vertrauen schnell zu einer prekären Größe, weil sie nicht mehr über traditionelle Formen sozialer Verbundenheit stabilisiert werden kann. In einer Krise, also in einer Situation, in der die eingeübten gesellschaftlichen Abläufe und Systeme nicht mehr so einfach fortgesetzt werden können, ist das Vertrauen schnell gefährdet und in besonderer Weise herausgefordert. Komplexe Gesellschaften leben aber von einer erheblichen Vertrauensbereitschaft. Vertrauenskrisen treffen moderne Gesellschaften unmittelbar.

Zur Einführung zum Thema Vertrauen und zu weiteren Beiträgen

Warum Vertrauen? Eine kleine Einführung

Mit diesem Blogbeitrag beginne ich eine Reihe, die sich mit dem Phänomen „Vertrauen“ auseinandersetzt. Warum „Vertrauen“? Vertrauen ist eine grundlegende Dimension menschlicher Existenz. Es ist grundlegend für alle zwischenmenschlichen Beziehungen, soziale Formen können ohne ein Mindestmaß an Vertrauen nicht existieren. Es geht dabei nicht nur um das Vertrauen, das ein Mensch zu einem anderen haben kann. Es geht vielmehr auch um das Vertrauen in zwischenmenschliche Strukturen, in Formen der Verbundenheit. Das können mehr oder weniger formale Strukturen sein, Nachbarschaften, Freundeskreise auf der einen Seite, Staat und Kommunen, Vereine, Parteien, Kirchen auf der anderen Seite. Wenn wir uns auf soziale Beziehungen einlassen, müssen wir ihnen gegenüber auch Vertrauen haben: Vertrauen, dass ein Wort gilt, Vertrauen, dass eine Regel gilt, Vertrauen, dass eine Zusage gilt. In eine kurze Formel gefasst: Vertrauen ist der Kitt menschlicher Gesellschaften.

Aktuelle Signale des Mißtrauens

Vieles deutet nun darauf hin, dass diese grundlegende menschliche Erfahrungsdimension in der kommenden Zeit in unserer Gesellschaft an vielen Stellen besonders herausgefordert, besonders gefährdet ist. Viele aktuelle Debatten zeigen, wie brüchig bislang zweifelfreies Vertrauen heute schon ist. Das zeigt sich auf der einen Seite in der Bereitschaft, Verschwörungstheorien zu folgen, die ja immer auch ein starker Ausweis von Misstrauen sind, das zeigt sich aber auch auf der anderen Seite in dem Unwohlsein, ob es vielleicht untergründige gesellschaftliche Bewegungen gibt, die das Ganze gefährden, wenn etwa „Volksaufstände“ befürchtet werden.

Eine Gesellschaft „im Stress“

Vertrauen als eigenständiges Thema gerät schnell in den Hintergrund, wenn das Leben „in geregelten Bahnen“ verläuft, wenn die nahen Menschen sich verlässlich zeigen, wenn die gesellschaftlichen Systeme funktionieren, wenn die Bedürfnisse weitgehend befriedigt werden können, kurz, wenn wir uns „aufgehoben“ fühlen. Das aber ändert sich in Krisenzeiten. Krisenzeiten führen zu vielfältigen Verunsicherungen und damit auch zur Belastung von Vertrauensstrukturen.

Wir bewegen uns nun nach einer längeren Phase der Beständigkeit und Konsolidierung in Deutschland (die Zeit nach der Finanzkrise 2008) aktuell auf eine Zeit multipler Krisen zu: die Pandemie, der Krieg, die Inflation, die Energieversorgung. Die Gesellschaft gerät in eine erhebliche Stresssituation. In diesen Zeiten zeigen sich jene gesellschaftlichen Risse deutlicher, die schon vorher da waren, die aber nicht so stark wahrgenommen wurden. Da Vertrauen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen sich ganz unterschiedlich zeigen kann, macht es Sinn, die Bereiche gesondert zu betrachten. Genau das soll in den folgenden Blogbeiträgen geschehen.

Die Linkliste zu den einzelnen Beiträgen findet sich unter diesem Artikel.

Die Wirtschaft:

Hier sind die Anlässe ein Schwinden des Vertrauens besonders vielfältig: Können wir unserer Währung noch vertrauen? Kann ich noch der Rentenzusage vertrauen? Können wir noch einem allgemeinen Versprechen einer Wohlstandssteigerung vertrauen, die in den vergangenen Jahren so unhinterfragt zu gelten schien? Können wir vertrauen, dass es in der Gesellschaft in der Verteilung zumindest einigermaßen gerecht zugeht?

Die nationale Politik:

Umfragen zeigen eine wachsende Entfremdung vieler Menschen gegenüber den politischen Parteien aus sehr unterschiedlichen, manchmal gegensätzlichen Gründen. Kann die Politik wirklich die sozialen Verwerfungen und Ungerechtigkeiten verhindern, die durch die Krisenhäufung drohen? Hat die Politik wirklich den Willen, die notwendige ökologische Transformation mit allen Konsequenzen zu gestalten?

Die internationale Politik:

Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine vertraut Russland im Westen niemand mehr. Aber wie ist es mit China, mit dem Iran, mit Katar, Saudi-Arabien? Diese Reihe ließe sich mühelos fortsetzen.

Die Wissenschaft:

Impfgegnern zweifeln an der Wirksamkeit der Impfstoffe, andere vermuten Inszenierungen oder bösartige Geschäftsideen. In der Corona Pandemie zeigt sich aber nur, dass das Misstrauen vieler Menschen in die evidenzbasierte, wissenschaftliche Medizin schon in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen ist.

Führende Medien:

Gerade in diesem Jahr wurden etliche Skandale in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten aufgedeckt und intensiv diskutiert. Aber auch die digitalen Medien sind in einer Vertrauenskrise, der Kauf von Twitter durch Elon Musk irritiert, der erratische Kurs von Zuckerberg mit dem Meta Projekt verstört die Nutzerinnen und Nutzer. Hinzu kommt eine Kommunikation, wo eine Aufregung die andere jagt, oft bleibt undeutlich, was davon Fake oder fakt ist.

Die Kirchen:

Insbesondere in der katholischen Kirche wächst mit jeder Missbrauch-Nachricht das Misstrauen. Das Misstrauen breitet sich ökumenisch aus, der Institution Kirche werden unabhängig der Konfession verdeckte, selbstbezogene Interessen zugesprochen.   

Die Kultur:

Welche kulturellen Traditionen sind akzeptabel, welche dagegen sind nur Begleiterscheinungen einer auf Unterdrückung anderer ausgerichteten kolonialen Kultur? Was transportiert die herkömmliche Sprache, welche Aussageformen sind zulässig, welche zu meiden? Wer sagt was und wie? Die Sprache wird immer mehr zu einem Feld der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Die Diskussion um die Documenta 15 hat jenseits der konkreten Vorwürfe gezeigt, wie schnell Misstrauen auch in der internationalen Kulturszene entstehen kann.

Der Sport:

Gerade in seinen internationalen Erscheinungen ist der Sport immer stärker mit intransparenten Geschäftsideen verflochten. Warum finden die Großereignisse in diesem, nicht in jenem Land statt? Durch die weltweite Aufmerksamkeit sind diese Großereignisse mit viel Geld verknüpft. Eine Missbrauchsdebatte bahnt sich hier erst gerade an.

Die zwischenmenschlichen Beziehungen: In einer hoch individualistischen Gesellschaft ist zwischenmenschliches Vertrauen stets eine herausgeforderte Größe, sofern sie vertragliche Verhältnisse überschreitet. Wie verbindlich ist eine Zusage, wie tragfähig diese Freundschaft, bewährt sich jene Beziehung auch morgen noch? Ist eine Gemeinschaft auf Dauer gestellt oder zerfällt sie schon in kürzerer Zeit?

Es gibt also viel Diskussionsstoff zum Thema Vertrauen! Bevor die einzelnen gesellschaftlichen Bereiche näher betrachtet werden, soll in dem kommenden Beitrag gefragt werden, warum wir Menschen ohne Vertrauen nicht auskommen können, warum es ein so grundlegendes menschliches Bedürfnis ist.

Vertrauen in der Philosophie

Vertrauen in der Wirtschaft

Vertrauen in der Politik

Vertrauen in die Wissenschaften

Zur Debatte um die Documenta 15

In die Schlagzeilen geriet die diesjährige Documenta durch Kunstwerke mit antisemitischen Inhalten. Tatsächlich zeigten einige Exponate explizit grobe antisemitische Stereotype. Viele kritische Reaktionen in der Öffentlichkeit waren in wünschenswerter Weise deutlich.  

Das Argument von Bazon Brock

Der Kunsttheoretiker Bazon Brock stellt die Diskussion über die Documenta in einen weiteren Horizont. Wäre, so die Frage, alles ansonsten in guter Ordnung gewesen, hätte es die explizit antisemitischen Kunstwerke nicht gegeben? In einem Radiointerview verneint Brock diese Frage. Seiner Ansicht nach geht es über den expliziten Antisemitismus hinaus in Kassel um ein Ende des europäischen Weges der Kunst. (Ein Link zum Audiofile befindet sich am Ende dieses Textes.) Was sind seine Argumente?

Brock sieht die europäische Kunst als das Schaffen von einzelnen Menschen, die sich durch ihre Kreativität über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzen. Ihm ist wichtig, dass Künstlerinnen und Künstler nicht mit einer institutionellen Absicherung handeln, sondern aus individueller Freiheit, allein auf ihr Werk vertrauend. Brock parallelisiert die Kunst mit der Wissenschaft: Auch die Wissenschaft lebt seiner Ansicht nach von der Argumentation einzelner, die allein durch die Kraft ihrer Argumente überzeugen. Kunst und Wissenschaft sind das Werk freier Individuen, die Kultur dagegen ist in der Interpretation von Brock ein Geschehen von sozialen Kollektiven.

Die Documenta 15 setzt seiner Ansicht nach auf kulturelle Identitäten und kulturelle Kollektive. Die Ausstellung zielt auf bestimmte moralische und politische Milieus, auf soziale Sphären, die eine gewisse Homogenität aufweisen. Die zentrale Rolle von Künstlerkollektiven wie Ruangrupa steht für diese soziale Bindung.

Individuelle Kunst und soziale Vermittlung

Über Brocks Thesen kann man gut streiten. Dabei macht er aber auf eine Dynamik aufmerksam, die meiner Ansicht nach von großer Bedeutung ist. Denn tatsächlich waren es in der Vergangenheit oft einzelne Menschen, die die Kunst – wie auch die Wissenschaft – vorangebracht haben. Jedoch haben sie gegen Brock nie nur als Einzelne gehandelt, sondern immer in enger Verflechtung und zugleich in expliziter Abgrenzung von einem sozialen Umfeld. Auf den Punkt gebracht: Die Kunst der europäischen Geschichte war nur als Abgrenzung einzelner Menschen möglich, weil die soziale Situation auf einer vorgängigen Verflechtung und Vermittlung beruhte.

Die gegenwärtige Situation ist nun aber die: Der lange Weg der kontinuierlichen Individuierung des künstlerischen Schaffens als Abgrenzung gegen soziale, kulturelle Vorgaben ist schon vor einiger Zeit zu einem Ende gekommen. Wenn es aber keine Standards mehr gibt, gegen die eine Künstlerin, ein Künstler sich abgrenzen kann, wenn alles möglich ist, was dann? Abgrenzung ist keine Option mehr, im Gegenteil, die Suche nach einer neuen Anbindung setzt ein.

Neue soziale Standards durch Politik und Moral

Viele Künstlerinnen und Künstler finden neue soziale Standards durch einen politisch-moralischen Aktivismus. Die sozialen Strukturen, die nun eine feste Bezugsgröße bieten, sind moralisch konstituiert: Es sind in ihrer Identität bedrohte Völker, es sind Opfer von politischer Verfolgung und wirtschaftlicher Ausbeutung. Die politisch orientierte Moral konstituiert neue soziale Verbindungen.

Was heißt das für das Geschehen in Kassel? Hier zeigte sich im Brennglas die Problematik dieser Entwicklung, denn politisch-moralische Standards lassen sich weltweit nicht harmonisieren. Was den einen Opfer sind, sind den anderen Täter. Die Gruppen, die die Documenta gestalteten, nahmen vor allem eine Perspektive der armen Länder und Bevölkerungen dieser Welt ein. Sie revoltierten gegen eine westlich dominierte Ausbeutung. In dieser Perspektive sehen offenkundig viele den Staat Israel auf der Täterseite. Die Folge davon waren in Kassel krude antisemitischen Karikaturen und Stereotype. Dagegen steht gerade der Staat Israel nach jahrhundertelangen antisemitischen Verfolgungen und Pogromen, nach der Schoah für eine wehrhafte Abwehr gegen jede Form von Antisemitismus!  

Kunst als Ausdruck einer „Weltgemeinschaft“?

Gescheitert ist also im Kern ein Anspruch derjenigen, die die Ausstellung verantworten: Sie wollten eine Weltausstellung gestalten, in der durch politisch-moralischen Aktivismus klare Täter-Opfer-Unterscheidungen möglich und weltweit vermittelbar sind. Die Kunst als Ausdruck einer „Weltgemeinschaft“ scheint angesichts der Verwerfungen in der Welt unmöglich, so auch Hanno Rauterberg in Die ZEIT.  Damit weist das Geschehen in Kassel weit über die Antisemitismusdebatte hinaus. Auf diese Dimension des Problems moralisch-politischer Anbindung hat Bazon Brock zurecht hingewiesen.

Hier der Link zu dem Interview von Bazon Brock