KI – großes Mysterium und gesellschaftliche Herausforderung

Zurzeit gibt es eine intensive Debatte um neue Systeme Künstlicher Intelligenz. Diese IT-Systeme bieten in der Tat einen großen Innovationssprung gegenüber ihren Vorgängern, weil sie erstmals über Sprachmodelle verfügen, die so gut sind, dass auch längere Texte von ihnen in wenigen Sekunden generiert werden können. In vielen Medien wird nun diskutiert, was das bedeutet, dass nun so etwas wie ein intelligentes Gegenüber zum Menschen existiert, ein Gegenüber, das selbständig kommunizieren kann und vielleicht auf dem Wege ist, intelligenter als der Mensch zu werden.

Wir stehen tatsächlich vor einem Rätsel, einem Mysterium. Die KI ist unbestreitbar etwas so Großes und führt zu Veränderungen, die wir zurzeit kaum überschauen können. Diese Situation bietet ein Eldorado für Spekulationen und wilde Gerüchte. Wenn dann auch die Entwickler wie Sam Altman von Open AI mit drastischen Warnungen an die Öffentlichkeit gehen, scheint die Gefahr durch die neuen KI Systeme wirklich groß zu sein.

Was ist das Neue an ChatGPT?

Umso wichtiger ist es aber, sich vor weitreichenden Schlüssen zunächst einmal auf das Bekannte und Wahrscheinliche zu beziehen. Aufregung erzeugen diese Systeme, weil ihre Anwendungsmöglichkeiten gegenüber den älteren viel variantenreicher sind. Bisher konnten KI Systeme vor allem optisch vermittelte Muster erkennen und aus den Mustern bestimmte Folgerungen ableiten. Solche Muster waren Konstellationen von Spielsteinen wie bei dem höchstkomplexen Go-Spiel oder Bilder von Computertomographen im medizinischen Bereich oder die Konstellation von Verkehrsteilnehmern für Systeme des autonomen Fahrens. Auch gesprochene Sätze bestehen aus Mustern, aus akustischen Mustern, und können dementsprechend erkannt und übersetzt oder zu einer Sprachsteuerung verwendet werden.

Neu ist nun nach der Veröffentlichung von ChatGPT durch das Unternehmen OpenAI im letzten Herbst, dass Texte nicht nur übersetzt oder für die Maschinensteuerung verwendet werden, sondern von der KI autonom generiert werden können. Diese sind in der Lage, angemessen auf eingegebene Fragen, Aufforderungen oder auf andere Texte zu reagieren. Entscheidend ist, dass die neue Form von KI jetzt über ein leistungsfähiges Sprachmodell verfügt, das ihr hilft, scheinbar souverän mit der Bedeutung von Texten umzugehen.

Eine KI, die Sprache souverän verwendet, wirft Fragen auf

Damit, das ist wahrlich ein dramatischer Entwicklungssprung, sind die KI Maschinen nun in den Sprachraum der Menschen eingedrungen.  Sie produzieren selbständig Texte, die eine sinnvolle Bedeutung haben. Was sind die Folgen? Es zeichnen sich in der aktuellen Diskussion zwei Themenfelder ab, die sehr unterschiedlich zu bewerten sind. In dem ersten steht die große Frage nach einer Intelligenz im Mittelpunkt, die dem Menschen nun gegenübertritt, ja ihn möglicherweise dominieren kann. In dem zweiten konzentriert sich die Diskussion auf den Einfluss der Systeme auf die weitere Entwicklung der Gesellschaft, auf die zwischenmenschliche Kommunikation.

Wird die KI zu einem Gegenüber für den Menschen?

Zum ersten Themenfeld, der KI als menschliches Gegenüber: Sind diese Systeme so etwas wie eine menschlich geschaffene Kreatur, die der Entstehung des Menschen selbst nahekommt? Findet nun der Mensch in diesen Maschinen ein Gegenüber? Wir wissen es nicht. Die KI ist offenkundig ein schwer zu entschlüsselndes Mysterium.

Es gibt aber gute Gründe, die aktuellen Erfolge nicht zu hoch zu bewerten. Denn die Idee, dem Menschen ein maschinelles Gegenüber zu schaffen, stand schon ganz am Anfang der KI Forschung in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. (vgl. den Beitrag zur Leitidee) Hier zeigt sich eine kulturell tiefsitzende Erwartung bzw. Befürchtung, es geht um Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Handlungsmacht. Zu Beginn der KI Forschung waren technologische Mittel noch völlig unzureichend, aber die Idee prägte von Beginn an die weitere Entwicklung. Es ging von Anfang an um eine künstliche, aber menschenanaloge Intelligenz. Es ist deshalb nicht sehr überraschend, dass nach diesem Technologiesprung durch die Sprachmodelle erneut die Diskussion um die Menschenähnlichkeit auftaucht.

Was genau ist Intelligenz?

Ich vermute, dass das erste Themenfeld einigermaßen unfruchtbar ist. Das große Problem: Wir wissen nicht einmal genau, was das menschliche Bewusstsein, was menschliche Intelligenz auszeichnet. Es gibt keine allgemein geteilte Definition. Umso schwieriger wird es sein, die neuen KI Systeme einzuschätzen. Das Themenfeld war und ist hochspekulativ, viele suchten schon in der Vergangenheit weite Aufmerksamkeit, wie etwa die Singularitätsthese von Ray Kurzweil. Wahrscheinlich ist, dass sich nach einiger Zeit auch bei den neuen KI Modellen Grenzen zeigen werden, die den Unterschied zwischen Maschine und Mensch wieder deutlicher machen.  

KI verändert menschliche Gesellschaften

Das zweite Themenfeld ist aber schon dramatisch genug. Sprachliche Kommunikation ist für menschliche Gesellschaften von zentraler Bedeutung. Welche Folgen hat es, wenn nun Maschinen mühelos und eigenständig sinnvolle und situationsangemessene Texte schaffen können?

Was ist authentisch?

Ein erstes Problem ist die Frage der Authentizität. Wenn wir bislang einen längeren Text gelesen haben, konnten wir davon ausgehen, dass sie auf einer menschlichen Autorenschaft beruhten. Das ist nun vorbei. Auch noch so sinnvolle, bedeutende und gedanklich weiterführende Texte können das Ergebnis maschineller Algorithmen sein. Die Maschinen sind extrem leistungsfähig, sie produzieren fast zeitgleich Millionen von Texten zu völlig unterschiedlichen Themen. Die Systeme lernen darüber hinaus schnell dazu, sie werden von Textproduktion zu Textproduktion besser. Kurz: Sie erlangen übermenschliche Fähigkeiten in einem Bereich, der bislang allein den Menschen vorbehalten war. Was macht das mit der Autorenschaft, wird sie entwertet?

Was ist Fake, was sind Facts?

Ein zweites Problem ist eng mit dem ersten verwandt. Wir haben in den letzten Jahren viele Diskussionen um Fake News und Facts. Was ist nun, wenn Maschinen hunderttausende unterschiedlicher aber semantisch konsistenter Texte produzieren können, die eine ganz andere Welt vorgaukeln? Wenn sie zugleich in der Lage sind, Bilder zu manipulieren, die die Behauptungen der Texte scheinbar belegen? Was ist dann noch authentisch, was ist Fake? Es entsteht die Diskussion um Deep Fakes, die so präzise und umfassend sind, dass sie für die Endverbraucher kaum noch entschlüsselt werden können.

Wie sollen wir mit Wissen umgehen?

Ein drittes Problem zeigt sich im Bildungsbereich. Die Allverfügbarkeit von Texten und Wissen wertet den Erwerb von Wissen ab. Warum sollte sich irgendjemand die Mühe machen, jahrelang Bücher zu lesen und das Gelesene zu verarbeiten, wenn es eine Abkürzung in jedem Windows Word Programm gibt, in dem per Befehl die KI die gesuchten Inhalte in individuellen Texten ausgibt? Auch hier kann die KI Übermenschliches. Ein Mensch mag in seinem Leben einige tausend Bücher lesen und gedanklich verarbeiten können, eine KI leistet das einhunderttausendfache in kurzer Zeit und ist zugleich präzise, ohne Gedächtnisschwäche. Wie wird zukünftig der Umgang mit Wissen aussehen, wie wird sich die Bildung in den Schulen verändern?

Dies sind nur einige der zentralen gesellschaftlichen Probleme, die nun zu bearbeiten sind. Wie werden die Gesellschaften darauf reagieren? Wir wissen es noch nicht. Auch in ihren gesellschaftlichen Wirkungen ist die KI ein Mysterium. Die Veränderungen sind riesengroß und werden unsere Kultur herausfordern. Wir werden sehr wichtige, ja existentielle Debatten in der Zukunft zu führen haben, damit aufgeklärte, liberale und demokratische Gesellschaften auch in Zukunft bestehen können.

Zur Leitidee der KI

Follow the Science?

Wie steht es in unserer Gesellschaft um das Vertrauen in wissenschaftliche Forschung? Wissenschaften werden sehr unterschiedlich beurteilt. Das Spektrum reicht von Verschwörungstheorien bis hin zu dem Aufruf „Follow the Science“. In gewisser Weise finden sich die Wissenschaften mitten in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wieder. Können wir einem offenen wissenschaftlichen Erkenntnisprozess trauen? Gerade auch dann, wenn die Unsicherheit der Erkenntnis betont wird? Welche Wirkung hat die gesellschaftliche Auseinandersetzung um Vertrauen/Misstrauen auf die Wissenschaften und ihre Stellung in der Gesellschaft?

Der wissenschaftsskeptische romantische Ansatz

Nicht wenige gesellschaftliche Stimmen heute lehnen Wissenschaften rundum ab. Die Fundamentalkritik an wissenschaftlicher Erkenntnis ist nicht über Nacht entstanden. Seit vielen Jahrzehnten gibt es gesellschaftliche Strömungen, die wissenschaftliche Erkenntnisse radikal hinterfragen. Wichtige Quellen sind die alternative Medizin, eine weitgehende die Ablehnung der technikdominierten Industriegesellschaft, der Wunsch, zur naturnahen Lebensweise zurückzukehren, die Hochschätzung der Erkenntnisse antiker und indigener Völker. Für all diese Haltungen gibt es gute Argumente, aber bei vielen verhärten sie sich zu einer Weltanschauung, in der das vermeintlich Ursprüngliche den modernen zerstörerischen Entwicklungen gegenübersteht. Populär wurde die Einstellung in den 70er Jahren, für eine längere Zeit war sie eng verbunden mit einem progressiven politischen Ansatz.

Von der Romantik zur Gegenaufklärung

Doch das wandelte sich zusehends. Es entstanden Milieus, die von einem tiefsitzenden Misstrauen gegenüber den Wissenschaften geprägt sind. Das verknüpft sich in der letzten Zeit immer mehr mit der Bereitschaft, alternative Erkenntnisquellen zu trauen, die Tür zu Verschwörungstheorien ist weit offen. Denn alle eint miteinander das Feindbild einer seelenlosen wissenschaftlichen Forschung, die nur Ausdruck der herrschenden Schichten sei. Der politische Ansatz ist nicht mehr progressiv, sondern aufklärungsfeindlich.

Die Gegenbewegung: Follow the Science!

Zugleich entstanden in den letzten Jahren jene Milieus, die sich gegensätzlich orientieren. Es scheint, dass ihre Einstellung sich auch darüber findet, dass sie ein Antipode zu der erstgenannten ist. Hier gilt geradezu die Devise „Follow the science“. Im Zentrum stehen die neuen Bewegungen gegen den Klimawandel. Wird der Wahrheitsgehalt wissenschaftlicher Aussagen von der ersten Gruppe in Frage gestellt, so wird hier ein nahezu unbedingtes Vertrauen gefordert. „Die Wissenschaft“ wird zur Instanz, die über die richtige politische Einstellung entscheidet. Die Wissenschaft ist die Quelle moderner und weltoffener Erkenntnis.

Die Wissenschaft sagt Wahrheit?

Doch auch diese zweite Haltung ist in hohem Maße fragwürdig. Das ist aus mindestens zwei Gründen so. Zum einen ist auch der wissenschaftliche Forschungsprozess korrumpierbar. Das hat sich in der Vergangenheit leider des Öfteren gezeigt. Deshalb muss wissenschaftliche Forschung vor allem eines sein: selbstkritisch. Eine kritiklos angenommene wissenschaftliche Aussage droht ihre Wissenschaftlichkeit zu verlieren. Nach Popper ist es gerade die hohe Würde wissenschaftlicher Aussagen, dass sie widerlegt werden können. Man kann der Wissenschaft nichts Schlimmeres antun, als ihre Aussagen kritiklos zu akzeptieren. „Follow the science“? Verräterisch ist hier schon der Singular: Es gibt die Wissenschaften nicht im Singular. Es gibt „die Wissenschaft“ als Instanz nicht, sie ist eher ein Fetisch. Es gibt sehr wohl wissenschaftlich arbeitende Menschen, Gruppen, Communities. Aber diese ringen, wenn sie wissenschaftlich arbeiten, immer wieder darum, ob ihre Erkenntnisse konsistent, korrekt sind, was noch unbeantwortet, was unverstanden ist.

Wissenschaft nicht im Elfenbeinturm

Es gibt einen weiteren Grund, warum die zweite Haltung fragwürdig ist. Es gibt gute Gründe, den real existierenden Wissenschaften zu misstrauen. Tatsächlich ist jede wissenschaftliche Forschung von Geltungsdrang, Machtfragen, Ressourcengewinnung und so weiter bedroht. Es sind Menschen, die forschen. Es steht immer in Gefahr, dass gesellschaftliche Macht- und Einflussfragen in die Wissenschaft hineingetragen werden: Wer die Forschung bezahlt, will auch an den Ergebnissen partizipieren. Das gilt für Patentierungsverfahren wie für die Erschließung staatlicher Ressourcen.

Im Für und im Wider fehlt das Vertrauen in offene Erkenntnisprozesse

Beide Haltungen haben im Grunde kein Vertrauen in einen offenen und fehleranfälligen wissenschaftlichen Forschungsprozess. Die einen lehnen die Wissenschaft grundsätzlich ab, die anderen machen sie zur Instanz, die sagt, was wahr ist. Der größte Teil der wissenschaftlichen Forschung besteht aus Vermutungen und Hypothesen. Ein aufgeklärter Umgang mit Wissenschaft wird das immer betonen. Doch auch hier zeigt sich eine Variante eines grundlegenden Vertrauensverlustes in unserer Gesellschaft!

Zur Einführung zum Thema Vertrauen und zu weiteren Beiträgen

Fragen zu Lützerath

Die Demonstration heute (Samstag, 14.2.) in der Nähe von Lützerath führt allen vor Augen, wie dramatisch die Auseinandersetzung um den noch benötigten Umfang des Braunkohleabbaus ist. Lützerath ist ein Symbol geworden für die Auseinandersetzung um die zukünftige Energieversorgung.

Die Eckpunktevereinbarung mit RWE

Im Mittelpunkt steht die Eckpunktevereinbarung, die Bundesregierung und Landesregierung NRW mit der RWE Konzern Mitte des Jahres geschlossen haben. Diese Vereinbarung sollte eigentlich eine positive Botschaft aussenden: In NRW soll der Ausstieg aus der Braunkohleförderung um 8 Jahre von 2038 auf 2030 vorgezogen werden. Die Vereinbarung beinhaltet eine Rechnung, wie ein vorzeitiger Ausstieg gelingen kann. Hierbei hat das so genannten Osterpaket der Bundesregierung von 2022 eine große Bedeutung, das den konsequenten Ausbau von regenerativen Energien vorsieht. Nur wenn dieser Ausbau geschieht, dann ist es möglich, den Ausstieg aus der Braunkohle um 8 Jahre vorzuziehen.

Die Kritik an der Vereinbarung

Nun steht die Vereinbarung mit dem RWE Konzern im Mittelpunkt der Proteste in Lützerath. Kritische Stimmen wie die des BUND und andere stellen alternative Rechnungen an, die einen viel schnelleren Ausstieg aus der Braunkohleförderung als möglich ansehen. Die Demonstrierenden fordern deshalb eine Revision der Vereinbarung und einen früheren Ausstieg.

Warum der Protest um die Vereinbarung?

Aber ist der skizzierte Streitpunkt aber wirklich so relevant wie es die dramatischen Bilder nahe legen? Stellt er nicht eher einen Nebenschauplatz dar? Es geht doch im Kern um die Bekämpfung des Klimawandels, um die Reduktion von CO2 Emissionen. Diese Reduktion wird möglich, indem klimaschädliche Energiequellen wie die Braunkohle, aber auch Schwarzkohle, Öl und Gas, so schnell als möglich reduziert werden. Das ist unstrittig.

Die Auseinandersetzung, die unsere Zukunft entscheidet

Die eigentlichen Felder der Auseinandersetzung, um dieses Ziel zu erreichen, sind genau zwei: Einerseits muss alles getan werden, um den Ausbau regenerativer Energien voranzutreiben. Andererseits muss alles getan werden, um den Energieverbrauch zu reduzieren. Von diesen beiden Seiten kann der Verbrauch klimaschädlicher Energiequellen und die Produktion von CO2 reduziert werden.

Szenario 2028

Nun nehmen wir einmal in der besten aller Welten an, es wäre möglich weit mehr und schneller als im Osterplan der Bundesregierung vorgesehen regenerative Energiequellen zu erschließen. Und nehmen wir an, es gelänge wirklich, unseren Energieverbrauch in der kommenden Zeit stark zu senken. Dann könnten wir vielleicht im Jahr 2028 feststellen, dass für die Energieversorgung in Deutschland Braunkohle nicht länger notwendig ist. Wer glaubt, angesichts der bis dahin weiter voranschreitenden Belastungen durch den Klimawandel, dass eine Bundesregierung dann für die Verfeuerung von Braunkohle eintritt, nur weil es in einer Vereinbarung von 2022 festgehalten ist?

Hindert die Vereinbarung den Ausbau regenerativer Energien? Das wäre vielleicht denkbar, wenn billige Braunkohle den Ausbau bremst. Hier müssen die Instrumente wie CO2 Besteuerung viel stärker zum Zugen kommen als bislang geplant. Dann steigen die Preise für Braunkohle und werden wirtschaftlich unrentabel, auch für RWE.

Was ist eine Vereinbarung?

Vereinbarungen und Verträge kann man bekanntlich kündigen. Ja, dann würde RWE klagen und müsste entschädigt werden. Dadurch entsteht ein Schaden. Deshalb sollte RWE nicht durch unbedachte Verträge in eine zu gute Position versetzt werden. Aber es ist ein finanzieller Schaden, keiner der den Klimawandel betrifft. Solche Entschädigungen sind immer wieder vorgekommen. Etwa auch beim vorgezogenen Atomausstieg. Nach der Katastrophe von Fukushima wurde der Ausstieg in kürzester Zeit politisch durchgesetzt. Die Firma UNIPER hat in kürzester Zeit ihr Geschäftsfeld durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine verloren. Dann ist der Staat eingetreten. Die Interventionen des Staates in privatwirtschaftliche Verhältnisse sind seit 2020 sehr zahlreich. Das alles ist teuer, aber nicht unmöglich. Die Diskussion im Jahr 2028 um den Klimaschutz wird noch viel heftiger sein als heute. Welche politische Partei würde es durchsetzen, wegen alter Verträge der Allgemeinheit massiven Schaden zuzufügen?

Deshalb ist die Konzentration auf den Vereinbarung mit dem Konzern RWE sehr fragwürdig, weil sie von den eigentlichen Feldern der Auseinandersetzung ablenkt: Der Ausbau regenerativer Energien und die Einsparung beim Energieverbrauch. Das und nur das reduziert CO2 Emissionen. Hier entscheidet sich, wie die Zukunft aussieht. Hier muss mobilisiert und müssen alle Kräfte konzentriert werden. Der Klimawandel schreitet voran, die Maßnahmen werden immer dringlicher.

Energiearmut – was bedeutet das?

Russland hat nun die Gas Pipelines stillgelegt. Welche Folgen hat das für unseren Lebenswandel, für unsere Gesellschaft? Das ist tatsächlich sehr schwer abzuschätzen. Denn wir leben in einer modernen, vielfach vernetzten, hochkomplexen Gesellschaft. Wer die Diskussionen in diesen Tagen verfolgt, spürt die Unsicherheit in der Gesellschaft, eine Unsicherheit nicht nur über die Tagespolitik oder den kommenden Winter, sondern auch über die mittel- und langfristigen Wirkungen.  

Ein Wort zu den Fehlern der Vergangenheit

Vor der Abschätzung der gegenwärtigen Lage ein Wort zu den drastischen Fehlern der Vergangenheit, die uns in die heutige Lage gebracht haben. Der erste Fehler war offenkundig, sehr stark auf einen politisch äußerst schwierigen Energieexporteur Russland zu setzen. Der Reiz der leichten und preiswerten Energieversorgung, die nicht ganz so klimaschädlich ist wie Kohle, war zu groß. Preiswerte Energie ist für ein Hochindustrie- und Exportland von großer Bedeutung, es senkt die Produktionskosten. Der zweite mindestens ebenso große Fehler war, dass der Ausbau der Energiegewinnung der Zukunft, der regenerativen Energien in den 10er Jahren massiv vernachlässigt worden ist. Der Ausbau der Photovoltaik brach zu Beginn des Jahrzehnts ein, der Ausbau der Windenergie in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts. Stattdessen wurde auch angesichts der offen aggressiven Politik Russlands Nordstream 2 beschlossen und zügig gebaut.

Unsere aktuelle Situation

Nun also liegt eine Zeit der Energiearmut vor uns, Deutschland muss mit weniger Energie auskommen. Die relative Energiearmut wird auch eine geraume Zeit anhalten. Die Anteile der Energieversorgung aus Russland war noch 2021 erheblich. Die Zufuhr von russischer Kohle und von russischem Öl wurden schon durch die Sanktionen zuvor gedrosselt. Unter den Primärenergieträgern hat Erdgas in etwa den Anteil von einem Viertel der Gesamtversorgung. Davon wiederum die Hälfte war bis zum letzten Jahr Gas aus Russland. Dieser Anteil ist in den letzten Tagen fast auf Null gefallen.

Die Besonderheit der Erdgasversorgung

Wenn eine Energieexporteur wie Russland nicht mehr zur Verfügung steht, ist es natürlich möglich, ihn durch andere zu ersetzen. Das ist bei Kohle und Öl auch recht leicht möglich. Für beide Energieträger gibt es ausgebaute weltweite Handelsstrukturen, es gibt einen Weltmarkt, auf dem weitere Käufe möglich sind. Die Infrastruktur für die Versorgung ist flexibel, Züge und Schiffe transportieren Kohle und Öl an nahezu beliebige Orte. Die Reduktion von russischem Öl und von russischer Kohle wird auch kaum diskutiert. Das ist allerdings bei Erdgas anders. Größere Mengen lassen sich als Flüssiggas transportieren oder durch Röhren senden. Die Umwandlung in Flüssiggas ist kompliziert und erfordert wiederum eine größere Logistik und Infrastruktur. Deutschland hat in der Vergangenheit auf die Versorgung durch Röhren gesetzt. Röhren lassen sich aber nicht schnell verlegen oder neu legen. Insofern ist das System viel starrer als bei Kohle und Öl. Das heißt: Erdgas kann erstens nicht so schnell ersetzt werden nd zweitens wird jeder Ersatz teurer und führt zu einer Verteuerung der Energieversorgung.

Akuter Energiemangel, höhere Preise

Energiearmut kann sich in akutem Energiemangel und in höheren Preisen äußern. Wenn ein eklatanter Energiemangel entsteht, wirkt das unmittelbar auf die hochkomplexen Versorgungssysteme zurück. Reicht die Energie oder fallen bestimmte Teile des Versorgungssystems im Winter aus? Die Bundesnetzagentur berät ja auch über Notfallpläne, um möglichen Schaden zu reduzieren. Eine akute Unterversorgung ist eine reale Gefahr. Dann potenziert sich der Schaden. Die aktuelle Preisentwicklung, die exorbitanten Steigerungen haben vor allem mit Ungewissheit und Spekulation zu tun, ob ein solcher eklatanter Mangel eintritt.

Was tun?

Gegen einen solchen drohenden Versorgungsausfall gibt es zwei Maßnahmen: Energie einsparen und Energie substituieren. Ersteres ist die beste aller Möglichkeiten. Sie hat positive Effekte auf den Klimawandel, sie schafft vielleicht dauerhaft ein verändertes Verhalten im Alltag, sie hilft durch verringerte Nachfrage zu einer Preissenkung. Die zweite Maßnahme verhindert auch einen akuten Ausfall, sie führt aber auch zu deutlich höheren Kosten. Und sie kann nicht so schnell zum Zuge kommen, weil Gas in der Infrastruktur nicht einfach durch Öl oder Kohle zu ersetzen ist.

Trotz aller Maßnahmen ist Energiearmut unausweichlich

Beide Maßnahmen aber können eine Energiearmut nicht verhindern, nur lindern. Wir werden nicht so schnell alternative Energiequellen im ausreichenden Umfang erschließen können. Welche Folgen hat das jenseits der katastrophischen Szenarien? Auf jeden Fall wird die verfügbare Energie auf lange Sicht deutlich teurer, auch mit einer LNG Gas Infrastruktur. Schon das hat erhebliche Auswirkungen auf das Industrie- und Exportland Deutschland. Die Produktion von energieintensiven Gütern wird unter Druck geraten. Die erhöhten Preise werden wirtschaftliche Verwerfungen zur Folge haben. Der einzige langfristige Ausweg daraus ist langfristig nur der radikale Ausbau erneuerbarer Energiequellen. Aber das dauert viele Jahre.

Gegen idealistische Tendenzen: Energie ist auch heute eine existentielle Grundgröße

In dieser Situation zeigt sich, dass Energieversorgung eine elementare Dimension auch einer hochmodernen Gesellschaft darstellt. Die Bundesregierung kann auch mit noch so viel Geld, Energie nicht ersetzen. Energie ist eine existentielle Grundgröße. Energiearmut ist deshalb auch eine bedrohliche Situation. Wir haben das lange unterschätzt. Da gibt es übrigens eine erkennbare Parallele zu unserem Verhältnis zur Landwirtschaft. Wir lebten viele Jahre in einem Energiereichtum, in einer Situation, in der Energie immer in größerem Umfang zur Verfügung stand als wir sie brauchten. Die gesellschaftlichen Diskussionen haben einen idealistischen Zug, sie unterschätzen die materiellen und damit auch energetischen Bedingungen des basalen Lebens (das gilt eigentümlicher Weise auch für die Börsen). Der richtige Wille und der erfinderische Geist machen aber nicht alles möglich. Wir waren zu leichtfertig, glaubten uns geschützt vor einer Energiearmut. Sonst hätten wir sonst den Ausbau regenerativer Energien viel entschlossener vorangetrieben.

Die erbarmungslose Logik des Krieges

Wenn ein Krieg ausbricht, herrschen andere Verhältnisse als in Friedenszeiten. Je länger ein Krieg dauert, desto mehr zwingt er den beteiligten Gesellschaften seine Logik auf. In dieser Logik des Krieges ist vor allem eine Schlussfolgerung dominant: Der Zwang zur Eskalation. Alle Handlungen sind direkt oder indirekt darauf ausgerichtet, noch umfangreichere folgen zu lassen. Diese Logik war auch schon in Syrien und in Tschetschenien zu beobachten, nun mit erbarmungslosen Zwang, auch in der Ukraine.

Die Logik der Abschreckung

Schon der Aufmarsch der Russen war eine Vorwegnahme der Eskalation. Nach westlicher Beobachtung hat die russische Armee immer mehr schwere Waffen an der Grenze der Ukraine stationiert. Darauf hin haben die USA und einige weitere Verbündete die Lieferungen von Abwehrwaffen erhöht. Aber das alles folgte noch der Logik der Abschreckung. Waffen, so kann man argumentieren, wurden geliefert, damit es gerade nicht zu einem offenen Konflikt kommt. Gerade die westliche Argumentation ist nachvollziehbar: Wie will man einen offenkundigen Aggressor, Russland, daran hindern, offene Gewalt gegen ein anderes Land auszuüben? Androhung aller Arten von Sanktionen wie auch die Lieferung von Waffen sind dazu da, den status quo des fragilen Friedens zu erhalten. Doch ist auch diese Logik schon höchst gefählich. Denn die Abschreckung kann auch misslingen und dann sind alle Schritte, die die Abschreckung größer gemacht haben, vorbereitende Schritte, den folgenden offenen Krieg größer zu machen.

Die wechselvollen Entwicklungen in einem Krieg

Das ist nun in der Ukraine geschehen. Russland hat trotz aller Ankündigungen von scharfen Sanktionen, trotz der größt möglichen Drohkulisse mit aller Macht angegriffen. Ein offener Krieg tobt seit Wochen. Das Geschehen war bislang wechselhaft: Erst schien es, als könne sich die russischen Übermacht brachial durchsetzen. Doch schon nach wenigen Tagen wendete sich das Blatt. In den westlichen Medien werden seitdem vor allem die russischen Verluste verzeichnet. Es scheint, dass der Abwehrkampf der Ukrainer erfolgreich ist. Sind das die Vorboten zu einem Friedensschluss?

Keine Kompromisse: Sieg oder Niederlage

Das ist noch lange nicht der Fall, jetzt greift offenkundig die erbarmungslose Logik des Krieges erst richtig durch. Der Krieg ist ein offener Kampf um Sieg oder Niederlage, um Leben oder Tod. Gerade aber wenn es um Alles oder Nichts geht, ist folglich kein Einsatz zu hoch. Gerade wenn Kompromisse ausgeschlagen werden und Friedensverhandlungen nur Alibi Veranstaltungen sind, greift die Logik, den Einsatz immer weiter zu erhöhen. Solange die Situation auf dem Schlachtfeld noch unklar ist – und das ist es in der Ukraine noch auf längere Zeit, beide Seite verfügen über sehr große Ressourcen, die Russen durch ihre Armee, die Ukrainer durch die Lieferungen und Unterstützung des Westens – solange kann die Logik der Eskalation greifen. Wenn die aktuelle Situation nicht nach einem Sieg aussieht, müssen beide Seiten eben den Einsatz von Waffen erhöhen. Das ist auch Schritt für Schritt geschehen und es wird weiter geschehen, erbarmungslos in der ihm ganz eigenen Logik des Krieges.

Schritt für Schritt in die Eskalation

Zuerst haben die westlichen Staaten kleinere Waffensysteme, vor allem Defensivwaffen geliefert. Dann war zu lesen, dass Großbritannien auch größere Waffen geliefert hat zur Abwehr von Flugzeugen und Schiffen. Die Russen lassen währenddessen aus dem weiten Land weitere Kolonnen von Panzern auffahren. Ihr Waffenarsenal ist groß, niemand möchte wissen, was die Militärs für Pläne haben, wenn die konventionellen Streitkräfte sich nicht durchsetzen können. Nun hat die NATO offenkundig beschlossen, auch größere Systeme, Panzer und anderes Großgerät zu liefern. Sehenden Auges verwandelt sich die Ukraine immer mehr in ein Schlachtfeld.

In der Logik des Krieges ist die unschuldig beteiligte und leidende Bevölkerung nur noch eine Randgröße. 4 Millionen Menschen sind geflohen, das heißt aber, auch, dass noch fast 40 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer im Lande sind! Was soll da werden?

Zur Hauptseite