Christlicher Glaube als Weggemeinschaft. Anmerkungen zu einem Buch von Christoph Nötzel

Christoph Nötzel hat ein gut und allgemein verständliches und zugleich theologisch fundiertes Buch zum christlichen Glauben geschrieben: „Glauben – Was ist das eigentlich? verstehen – leben – teilen“ (Neukirchener Verlag 2020, ISBN-10 : 3761567405, 287 Seiten, 20 Euro). Wir leben in einer Zeit, in der eine solche Arbeit dringend notwendig ist. Hatte noch vor 50 Jahren ein Buch über die christlichen Glauben eher die Funktion, die eigenen Traditionen zu bestätigen, sie noch einmal umfassend darzustellen, so ist heute jede Selbstverständlichkeit verloren gegangen und bis in die inneren Zirkel der verfassten Kirche eine Unsicherheit darüber groß, worauf sich der Begriff „Glaube“ eigentlich bezieht. Leichter fällt es, in den alltäglichen Debatten eine moralische Position zu beziehen als die Grundlagen des Glaubens darzulegen. Denn moralische Positionen werden in der Gesellschaft stark diskutiert, die Anschlussfähigkeit ist hoch. Wohl auch nicht zuletzt deshalb haben sich diese Debatten in der Kommunikation der Kirche in den Vordergrund geschoben.

Doch was genau meint es, wenn ein Mensch sagt, sie oder er glaube an Gott? Im ersten Kapitel beschreibt Christoph Nötzel n einer ersten Orientierung zum Thema unterschiedliche Erfahrungen des Glaubens. Das tut er nicht allgemein, abstrakt im Stile einer Dogmatik, sondern indem er immer auch bei sich selbst, bei seinen eigenen Erfahrungen ansetzt. Das ist folgerichtig, weil man heute nicht mehr leicht auf geteilte Überzeugungen und Erzählungen, schon gar nicht auf dogmatische Lehrsätze Bezug nehmen kann. Das zweite Kapitel behandelt den Glauben, wie er sich in den biblischen Texten widerspiegelt, sowohl in den Schriften der Hebräischen Bibel wie auch in den Schriften des Neuen Testaments. Es folgt im dritten Kapitel ein kurzer Abriss einiger herausgehobener Positionen der Geschichte der Theologie, von Augustinus über Luther und Dietrich Bonhoeffer bis hin zu Dorothee Sölle. Im vierten und letzten Kapitel schließlich stellt Nötzel die christliche Gemeinschaft als Basis für den Glauben dar.

Ich möchte mich hier auf das vierte Kapitel konzentrieren, weil der Autor dort eine alte theologische Einsicht betont, die leider in unserer Zeit aus dem Blick geraten ist: Der christliche Glaube ist nicht in erster Linie eine „innere“ Eigenschaft oder „innere“ Einstellung einzelner Menschen. Der Glaube ist vielmehr eine Erfahrung, die wir notwendigerweise in Gemeinschaft mit anderen, in Verbundenheit mit anderen Menschen und mit Gott machen! Der Glaube ist die Erfahrung einer Weggemeinschaft.

Der Glaube als individuelle Erfahrung

Üblicherweise konzentriert sich die Theologie in der Moderne gerne auf das „Subjekt des Glaubens“. Dieses Subjekt ist in der Regel der einzelne Mensch, der vielleicht eine Predigt hört und der zum Glauben kommt, zu einer festen persönlichen Überzeugung. Es gibt sehr unterschiedliche theologische Strömungen, die diese Fokussierung auf den Einzelnen gefördert haben. Da sind manche Strömungen des Pietismus und der Erweckungsbewegung, die die Bekehrungserlebnisse der Einzelnen betonen. Im Gottesdienst ist es gern gesehen, wenn ein einzelner Mensch nach vorne geht und Zeugnis ablegt davon, wie sie oder er zum Glauben gekommen ist. Aber auch in der großen konkurrierenden theologischen Strömung, der liberalen Theologie, steht es nicht anders. Hier bezieht man sich auf das Bewusstsein, des Gefühl, das subjektive Erleben von Einzelnen. Diese Haltung ist bis zum heutigen Tag in der Kirche dominant. Nicht selten lautet in kirchlichen Kreisen die Antwort auf die Frage nach dem Glauben, dass da jede, jeder ganz eigene Erfahrungen machen muss. Die Antwort ist auf der einen Seite entlastend, weil niemand vorschreibt, was sie oder er zu glauben hat. Aber zugleich ist jeder Mensch auf sich selbst zurück verwiesen, die Frage wird nicht von der Gemeinschaft aufgenommen, die Antwort wird nicht von einer Gemeinschaft getragen.

Der entscheidende Punkt ist aber nun: Es gibt ein Drittes zwischen einem autoritären Glauben, der von einer Institution vorgegeben wird und einem Glauben, den jede und jeder Einzelne für sich selbst finden muss! Dieses dritte ist die wechselvolle, die sich verändernde und sich immer wieder neu findende Weggemeinschaft der Glaubenden. Hier wird die wechselseitige Verbundenheit im Glauben nicht starr, sie wird aber auch nicht kaschiert. Als Weggemeinschaft wird sie immer wieder neu gestaltet!

Der Glaube als Erfahrung von Beziehung

Die Vorstellung des Einzelnen, die, der glaubt, ist tatsächlich eine Abstraktion, eine Fiktion. Christoph Nötzel stellt deshalb fest: „Am Anfang also ist Beziehung. Mit-Sein. Erst im Mit-Sein werde ich zum ICH.“ (S. 221). So wie sich kein Mensch aus sich selbst heraus selbst gestaltet, so ist der Glaube nicht eine innere Haltung, sondern eine bestimmte Weise der Verbundenheit mit anderen Menschen, mit Gott. „Glauben jedenfalls geschieht nicht bloß innerlich in mir. Zum Glauben braucht es immer einen Anderen.“ (S. 221) Auch gegenüber Gott ist der Glaube keine einsame Tätigkeit, sondern innigste Verbindung, Verbundenheit. „Von Gott kann deshalb nicht anders als in personhaft-menschlichen Bildern gesprochen werden.“ (S. 229) Unsere Verbundenheit mit anderen Menschen weist uns den Weg zur Verbundenheit mit Gott, auch wenn diese immer größer und umfassender ist. Denn mit Gott sind wir nicht nur verbunden, wir existieren durch ihn und werden von ihm gehalten. Der Glaube bringt diese elementare, ja radikale Verbundenheit zum Ausdruck.

Der Glaube aus und in einer geschichtlichen Gemeinschaft

Dieser Glaube ist nicht durch eine Theorie zu fassen. Er drückt sich in der Lebensgeschichte immer wieder neu aus. Keine Antwort ist dauerhaft und hinreichend. Glaubende Menschen setzen immer wieder neu an, um eine angemessene Ausdrucksform für den Glauben zu finden. Der christliche Glaube ist kein statisches Verhältnis, deshalb lebt er von Erzählungen und regt er zu Erzählungen an. „Mein Glaube ist geschichtlich. Er erzählt deshalb auch in Geschichten. Und er stellt mich zugleich in eine Geschichte.“(S. 230) Er vermittelt sich in und durch Sprache, durch Worte, menschliche Worte, die zum Wort Gottes werden können. “Der Glaube wird in Gemeinschaft weitergegeben.“ (S. 234) Diese Gemeinschaft  steht in einer wechselvollen Geschichte, in der sich ständig etwas ändert. Deshalb ändert sich auch die Gemeinschaft kontinuierlich, sie ist eine Weggemeinschaft. Die Gemeinschaft des Glaubens ist deshalb auch immer eine experimentelle, eine experimentierende Gemeinschaft (S. 265).

Der Glaube als Erfahrung von Weggemeinschaft

Die Kirchen befinden sich auf absehbare Zeit in einem gravierenden Umbruch. Die Volkskirchlichkeit werden sie verlieren. Damit verlieren aber auch konventionelle Ausdrucksformen an Bedeutung, wie „man“ vom Glauben redet. Die Institution „Kirche“ wird sich mit dem Wandel schwer tun, denn es ist für sie ein Schrumpfungsprozess. Es geht immer auch um Beschäftigte, um etablierte Arbeitsfelder, die nicht mehr fortgesetzt werden können. Doch ist dieser beschwerlich Wandel ist für die christliche Gemeinde nicht etwas völlig Neues, das über sie kommt. Sie war immer schon und ist auch heute experimentierende Gemeinschaft auf dem Wege, sie kann als Weggemeinschaft auf die Zusage Gottes vertrauen, dass er auch in schwierigeren Zeiten bei ihr sein wird, „bis an der Welt Ende“. Was braucht es mehr? Das Verständnis des christlichen Glaubens als Zeugnis der Weggemeinschaft zu fördern, das ist ein sehr wichtiger Beitrag des Buches von Christoph Nötzel.

Wer entscheidet, wenn der „Einzelne“ entscheidet? Kritische Anmerkungen zu der ARD Sendung „GOTT“

Gestern, am 23.11.2020 ist zur besten Sendezeit ein für das Fernsehen inszeniertes Theaterstück von Ferdinand von Schirach ausgestrahlt worden mit dem etwas reißerischen Titel „GOTT“. In ihm wird der Wunsch eines gesunden, älteren Menschen verhandelt, selbstbestimmt aus dem Leben scheiden zu wollen mit Hilfe von anderen, so dass das Risiko von Leiden minimiert wird. Dieser Wunsch wird von einem fiktiven Ethikrat verhandelt, eine Juristin, eine Ärztin, ein Arzt und ein Theologe kommen zu Wort. Nun kann man etliche Fragen an das Stück, den Titel und seine Inszenierung stellen. Am Ende sollen auch ein paar Fragen aufgelistet werden. Doch die berechtigte Kritik an vielem soll nicht ablenken von dem zentralen Problem, das mit dem Stück und seiner fernsehgerechten Inszenierung einhergeht: Wer entscheidet, wenn der Einzelne entscheidet?

Diese Frage richtet sich nicht nur an das Stück von Schirach, sondern auch an das Urteil des Bundesverfassungsgerichts und an einen breiten Strom öffentlicher Meinung. Das Thema geht weit über die Frage nach der Begleitung beim Suizid hinaus und spiegelt sich in vielen gesellschaftlichen Debatten. Im Kern geht es darum: Die Selbstbestimmung ist ein zentraler gesellschaftlicher Wert, die Instanz des Einzelnen ist deshalb von größter Bedeutung. Ein zentraler Satz des Urteils des Bundesverfassungsgerichts bringt die Haltung so auf den Punkt: „Die Entscheidung des Einzelnen (…) ist (…) von Staat und Gesellschaft zu respektieren.“

Wer ist der Einzelne?

Doch was oder wer ist dieser Einzelne? Man stellt sich paradigmatisch einen einzelnen Menschen, erwachsen, im Vollbesitz der eigenen körperlichen und geistigen Kräfte vor. Nun ist die Leitidee, dass jede und jeder ihres bzw. seines Glückes Schmied ist und deshalb die eigenen Lebensgeschicke selbst bestimmt, sehr plausibel. Das gilt für zahllose Entscheidungen, die jede und jeder im Leben fällen muss. Dabei gilt aber: Je stärker die Entscheidung sich dem alltäglichen Leben nähert, desto plausibler ist das Konzept. Welches Auto man gerne fährt, mit welcher Kleidung man sich zeigt, welche Freizeitvorlieben man hat, kann und soll jede und jeder selbst entscheiden. Es ist sehr plausibel, dass die Instanz der Entscheidung klar benennbar ist, nämlich jene Person, die die Entscheidung trifft. Es gibt keine klare Grenze zu den Personen des sozialen Umfeldes und die Person wird in der Regel dazu neigen, die Entscheidung in ähnlicher Form zu wiederholen. Sie kann sie aber auch revidieren und künftig eine andere Automarke bevorzugen oder sich ganz gegen das Autofahren entscheiden.

Der Einzelne im Alltag

Je grundlegender und je irreversibler aber eine Entscheidung wird, desto schwieriger wird es, die Instanz der Entscheidung eindeutig auszumachen. Man kann die Instanz von zwei Seiten problematisieren und beide Seiten können durch gute Argumente gestärkt werden. Man nach der inneren Seite hin fragen, ob ein Mensch überhaupt so selbsttransparent sein kann, dass da eine eineindeutige Entscheidung möglich ist. Entscheiden wir nicht zu oft unter Unsicherheit? Und sind wir nicht oft erst im Nachhinein in der Lage, zu sagen, ob eine Entscheidung richtig war oder falsch? Gibt es nicht bei sehr vielen Entscheidungen konfligierende innere Stimmen und Stimmungen, so dass es schwer fällt, einer dieser Stimmen und Stimmungen den Vorzug zu geben? Diese Stimmen weisen zugleich auch auf die äußere Seite, denn sie sind natürlich nicht unabhängig von den Menschen, mit denen wir leben.

Der Einzelne als Konstrukt

Und hier setzt die grundlegende Kritik an der Instanz des Einzelnen an: Menschen sind nicht einfach aus sich heraus einzelne Wesen. Der Mensch ist ein homo socialis, ein zoon politikon. Wir sind immer mehrere. Menschen wachsen in der Begleitung und in der Obhut mit anderen Menschen auf. Menschen beeinflussen einander in ihren Meinungen und Wertorientierungen. Kein Mensch denkt sich die Werte aus, denen sie oder er folgt. Menschen sind auf elementare Weise miteinander verbundene Wesen. Der menschliche Geist erwächst aus dieser Verbundenheit. Die wirkmächtigste Form der Verbundenheit ist die menschliche Sprache. Ebenso wichtig sind zentrale Werte, die wir miteinander teilen. Wenn man also auf Entscheidungen schaut, die von großer Bedeutung sind, die nicht leicht revidierbar sind, kann man immer weniger davon ausgehen, dass ein einzelner Mensch als unabhängige Instanz gelten kann.

Der Einzelne als Errungenschaft

Nach dieser grundlegenden Kritik gilt es, einen Schritt zurückzutreten. Denn tatsächlich hat die Instanz des Einzelnen, so wie sie sich in den letzten Jahrhunderten entwickelt hat, große gesellschaftliche Vorteile und Errungenschaften mit sich gebracht. Das lässt sich leicht an dem Gegenüber von Selbstbestimmung und Fremdbestimmung erläutern. Die Instanz des Einzelnen bewährt sich dann, wenn es darum geht, Fremdbestimmung abzuwehren. Eine Gesellschaft, für die Freiheit ein zentraler Wert ist, muss darauf bedacht sein, dass Fremdbestimmung möglichst gering gehalten wird.

Das Arbeitsprogramm

Doch ist diese Vorstellung vom Einzelnen für das zoon politikon nicht die Feststellung einer gegebenen Wirklichkeit, sondern eher ein ständiges Arbeitsprogramm! Der Mensch bleibt als soziales Wesen von anderen abhängig und kann sich nicht von ihnen vollständig lösen. Wir sind immer von anderen abhängig, gerade auch in grundlegenden Entscheidungen. Das, was wir für lebenswert ansehen, ist auch stark davon bestimmt, was unser soziales Umfeld als lebenswert erachtet. Wie viel dieser Entscheidung ist unsere Entscheidung, wie viel davon ist Spiegelung unseres sozialen Umfeldes? Aus diesem Dilemma kommen wir nicht heraus. Im Fazit also gilt: Die Meinung des Einzelnen ist eine sehr wichtige Kategorie, aber sie ist keine absolute.

Was heißt das im Fall des begleiteten Suizids? Man soll, man muss die Stimme des einzelnen Menschen hören. Sie hat im Zweifel das größte Gewicht. Eindrucksvoll wurde in der Sendung „Hart aber fair“ der Fall einer älteren Frau dargestellt, die sterben wollte. Aber hier bewegt man sich nicht auf sicherem Grund, sondern auf wackeligem Boden. Deshalb ist es notwendig, die Stimme des Einzelnen immer wieder zu befragen. Könnte es nicht sein, dass der Mensch, der sich äußert, nur vorweg nimmt, was andere ihm subtil nahe gelegt haben? Wer will sich vom Zeitgeist frei sprechen? Diese Mühe hat sich aber in dem Stück von Schirach und in der Verfilmung niemand so recht gemacht. Da tritt ein Einzelner auf, verkündet seine Meinung und dieses wird als gegeben und gesetzt genommen, das zunächst einmal nichts mit den anderen zu tun hat. Das ist ein gravierender Fehler, der vor allem eines zum Ausdruck bringt: den aktuell geltenden Zeitgeist. Thomas E. Schmidt formuliert in „Die Zeit“: „Ferdinand von Schirach will aber, dass der Zeitgeist entscheide. Wie in seinen anderen Büchern fühlt er sich auch in Gott ganz einig mit ihm.“

Ärgerliche Randbemerkungen

Dann noch eine Reihe von ärgerlichen Dingen nur angemerkt: Warum heißt das Stück, die Sendung GOTT? Folgt man dem Inhalt weist der Titel ins Leere. Ist es nur das Reißerische, das Verkaufsfördernde?

Warum tritt lediglich ein Vertreter der katholischen Kirche auf? Weil man sich von einem normativen Naturrecht so leicht absetzen kann, weil es so definitiv vormodern wirkt? Warum dieser komische Exkurs, Parforceritt durch die Geschichte der Dogmatik? Soll das allen Ernstes jemand verstehen? Nein, wahrscheinlich nicht, aber das alles klingt so hübsch antiquiert: Es lächelt der moderne Mensch in Gestalt des Anwalts überlegen und ein wenig nachsichtig und wendet sich SELBSTgewiss ab.

Der Mensch als Egoist. Politische Analysen von Erik Flügge. Eine Rezension

Erik Flügge hat ein Buch veröffentlicht, das den kurzen und prägnanten Titel „Egoismus“ trägt. (Egoismus. Wie wir dem Zwang entkommen, anderen zu schaden, Dietz Verlag, Bonn 2020) Das Buch ist mit 111 Seiten von überschaubarer Länge, der Preis, den der Verlag angesetzt hat, ist aber auch nicht hoch, er beträgt 10 Euro.

Der Egoismus lässt sich nicht durch Moral einhegen

Der Egoismus hat nach Flügge in unserer Gesellschaft eine zwiespältige Rolle: Auf der einen Seite prägt er den Alltag und viele gesellschaftliche Strukturen, auf der anderen Seite aber wird er von den meisten als eine zu verurteilende Haltung abgelehnt. Flügge macht zu Beginn klar, dass er in dieser Ambivalenz ein Problem sieht. Er fragt pointiert: „Sind Sie ein Egoist? Ich hoffe doch. Alles andere wäre die blanke Unvernunft.“ (S. 13) Es ist hier und auch an vielen anderen Stellen des Buches eindeutig, was Flügge auf jeden Fall ablehnt, das ist eine Moralisierung des Problems. Im Text bezieht er sich immer wieder auf Moralisten, die für ihn  an der Oberfläche hängen bleiben, die nicht erkennen, wie fundamental der Egoismus für unsere Gesellschaft ist. Das zeigt sich auch bei politischen Wahlen: „Die moralische Rede vom Zusammenhalt erhält Applaus, weil sie eine Sehnsucht befriedigt, aber sie erhält keine Stimme,weil sie nicht mehr ist als eine hohle Phrase.“ (S. 20) Es steht seiner Ansicht nach außer Frage, dass man den verbreiteten Egoismus nicht mit moralischen Vorhaltungen einhegen kann. Immer wieder scheint durch, dass er eine solche Haltung verlogen findet, denn tatsächlich dominiert der Egoismus in vielen unserer Handlungen. Zwischen Egoismus und Zusammenhalt liegt die Freiheit

Ist der Egoismus nun ein Verhängnis? Nein, das ist er nicht, er ist für Flügge in gewisser Weise ein Pol eines Spektrums. Die Extreme des Spektrums sind problematisch:Der unbegrenzte Egoismus führt zu einer Ordnung der Unterdrückung. Der andere Pol ist bestimmt von absoluter Gleichheit und Gemeinschaft. Hier gilt zwar die Norm des Zusammenhalts, aber: „Egal wie sehr man behauptet, die Gemeinschaft sei offen für alle, so wird der Gedanke vom Zusammenhalt doch immer eine so starke innere Norm entfalten (…) eine Gesellschaft, in der Gleichheit zementiert wird und echte individuelle Freiheit stirbt.“ (S. 16) Beide, Egoismus und Zusammenhalt im Sinne der Anerkennung durch andere möchte Flügge gerne zusammen denken: „Nur zwischen diesen beiden Polen gibt es echte Freiheit für jedermann.“ (S. 15)

Die kluge Ordnung fördert beides, Egoismus und Zusammenhalt

Wie aber soll man mit der ständigen Gefahr eines Überhangs an Egoismus umgehen, wie soll man ihn eindämmen, so dass die Gesellschaft sich nicht in dieses eine Extrem entwickelt? Hierzu gibt Flügge die Losung aus, systemisch zu denken. Gesellschaften bestehen aus Regeln, wenn diese Regeln egoistisches Verhalten nicht eindämmen können, so muss man die Regeln ändern. Aber anders als es die von Flügge so zu Recht gescholtenen Moralisten tun. Es geht nicht darum, mehr Verbote zu erlassen oder das Handeln zu erschweren, vielmehr geht es darum, die Regeln auf kluge Weise so zu gestalten, dass sie den Egoismus nicht absolute Freiheit lassen, dass Zusammenhalt auch möglich ist: „Es geht also darum, systemisch gedacht, den Menschen in möglichst vielen organisierbaren Situationen zur Kooperation zu bringen (…).“ (S. 29)

Flügge unternimmt das Wagnis, in den folgenden kurzen Kapiteln des Teils „Die kluge Ordnung“ konkrete Vorschläge für Regeländerungen auf ganz unterschiedlichen politischen Feldern zu entwickeln. So macht er Vorschläge zur Finanzierung der Gewerkschaften, zu einer Linderung der kontinuierlichen Mietsteigerungen, zu einer gerechteren Bildung, zu mehr Ökologie und Verbraucherschutz. All diese Gedanken sind kurz ausgeführt und leuchten mehr oder weniger ein. Alle sind sicherlich innovativ gedacht, sie hangeln sich nicht entlang einer liberalen Doktrin der Freiheit des Einzelnen oder einer dogmatischen Doktrin der Umverteilung von Vermögen.

Institutionen müssen ihre Eigenart erkennen, um überleben zu können

In einem letzten Teil befasst sich Flügge mit großen gesellschaftlichen Institutionen, vor allem den Kirchen und den politischen Parteien. Der zentrale Satz zu den Kirchen lautet. „ Überall dort, wo Kirchengemeinden sich nicht um sich selbst, sondern um andere drehen, da sind sie stark.“ (S. 97) Flügge sieht die latente Gefahr der Selbstbeschäftigung der Kirchen. Die Gefahr ist in den kommenden Zeiten schwindender Mittel in der Tat manifest. Den Parteien empfiehlt er nicht luftige Visionen, sondern eine klare Gegnerschaft: „ Wer nicht weiß, wogegen man antritt, verliert auch alle Überzeugungskraft.“ (S: 107)Politik hat es in der Tat mit Konflikten zu tun. Auch hier zeigt Flügge, dass er aus guten Gründen einer Moralisierung von Politik wehren möchte.

Die Kritik: Auch der Egoismus setzt immer schon eine grundlegendere Verbundenheit von Menschen voraus.

In manchem  kann ich Flügge folgen, an entscheidenden Punkten aber möchte ich ihm widersprechen. Er ist offenkundig der Auffassung, dass die Gegenwart und auch die Zukunft von den gegenwärtigen gesellschaftlichen Systemen bestimmt sind, die Formen der Gemeinschaft und des Zusammenhalts veraltet sein lassen. „Unser System liefert keinen Gewinn aus Gemeinsinn mehr. Uns gingen Gott und Tradition verloren.“ (S. 22) So oder ähnlich formuliert er auch an anderen Stellen. Doch hier kommt mir die philosophische Analyse zu kurz. Flügge neigt dazu, den Status quo zu zementieren. Doch die gesellschaftliche Gegenwart, die wir erleben, ist in einer gesellschaftlichen und kulturellen Formation entstanden und sie wird sich weiter entwickeln. Das Gleiche gilt für das vorherrschende  Menschenbild. Der Mensch ist nicht einfach ein egoistisches Individuum. Natürlich gab es und gibt es immer egoistische Beweggründe. Man darf dies aber weder moralisieren, noch überhöhen. Bestimmte gesellschaftliche und kulturelle Strömungen der Gegenwart legen letzteres nah. Um aber ein vollständigeres Bild zu zeichnen, ist es meiner Ansicht nach unerlässlich, Zusammenhalt – ich würde ja den Begriff der sozialen Verbundenheit bevorzugen – auch analytisch genauer zu bestimmen. Er ist weit mehr als Anerkennung. Die Verbundenheit konstituiert den Menschen und gibt ihm die Grundlage, überhaupt erst einmal Individuum werden zu können: Aus der Verbundenheit heraus lernen wir sprechen. Aus der Verbundenheit heraus, eignen wir uns Werte an. Aus der Verbundenheit heraus, empfinden wir Treue zu manchen Menschen. Das sind keine veralteten Kategorien, schon gar nicht haben wir sie einfach verloren. Gerade die moderne Anthropologie (Michael Tomasello: „Mensch werden“) weist dies im Detail nach, hier ist es die geteilte Intentionalität. Theologisch: Gerade die Verbundenheit mit Gott bringt sich im Glauben zum Ausdruck. So sehr ich also in der Skepsis gegenüber kurzschlüssigen Moralisierungen übereinstimme, so sehr beschreibt Flügge eine ganze Dimension menschlicher Realität, die Verbundenheit, nur unzureichend. Mehr dazu: https://frank-vogelsang.de/soziale-verbundenheit/

Die Impfung – Ist eine „technische“ Lösung der Corona Pandemie möglich?

Die Corona-Pandemie baut sich in Europa zu einer zweiten Welle auf. Im Sommer war angesichts der geringen Fallzahlen der Eindruck der Pandemie eher verblasst, man redete stets über sie, aber doch eher mit Blick auf andere Länder wie den USA, Brasilien, Indien. Die Bekämpfung der ersten Welle im Frühjahr war gelungen, die Wirtschaft zog wieder an, Kultureinrichtungen hatten Hygienekonzepte entwickelt, Restaurants und Hotels waren wieder offen, die Mobilität war fast auf einen Normalwert zurückgekehrt.

Eine Zeit der Entbehrungen

Für EpidemiologInnen nicht überraschend und doch für die Öffentlichkeit unerwartet schnell steigt nun die Fallzahl in den letzten drei Wochen wieder dramatisch an. Die Politik sieht sich zum Handeln gezwungen. Der Anstieg ist zu rasant, als dass er ignoriert werden könnte. So ist erneut ein „Lockdown“ verhängt worden, dieses Mal in einer leichteren Version.

Möglicherweise hilft die Maßnahme, diese zweite Welle zu brechen. Unter den Kommentaren mischen sich aber zu Recht zweifelnde Fragen, wie es denn auf lange Sicht weiter gehen soll. Folgt der zweiten Welle eine dritte, eine vierte? Folgt diesem „Lockdown“ dann weitere? Denn eines scheint offenkundig: Das Virus ist im Land und kann und kann und wird wohl immer wieder ausbrechen. Sobald man zu dem gewohnten Leben zurückkehrt, werden die Fallzahlen wieder steigen. Folgt nun eine Zeit mit einem Wechsel von „Lockdowns“ und Erleichterungen? Das ist schwer vorstellbar.

Die Impfung – Ziel aller Hoffnungen

Erträglich ist für viele die Situation nur, weil es eine explizite Hoffnung gibt, dass Anfang des kommenden Jahres ein Impfstoff  geben wird. Immer wieder wird von politischen Akteuren die Zeit Frühjahr 2021 ins Spiel gebracht. Das lässt die Herausforderung überschaubar erscheinen. Manche VirologInnen warnen aber vor zu großen Erwartungen und stellen eine Vielzahl von Fragen: Führt der Impfstoff zu einer bleibenden Immunität? In welchem Umfang und in welcher Zeit ist der Impfstoff verfügbar? Gibt es unerwünschte Nebenwirkungen?

All diese Fragen kann zurzeit niemand beantworten. Ich möchte an dieser Stelle nur eine Beobachtung einbringen, dass die Sehnsucht nach dem Impfstoff auch eine Besonderheit unserer Zeit der Moderne zum Ausdruck bringt: Wir bevorzugen bei ethischen und kulturellen Herausforderungen gerne „technische Lösungen“. Warum ist der Impfstoff eine technische Lösung des Problems, was kennzeichnet technische Lösungen? Sie erlauben die weitgehend ungestörte Fortsetzung der eigenen Lebensführung und produzieren relativ geringe Kosten. So können kulturelle und ethische Herausforderungen umgangen werden, eine neue kulturelle Deutung der eigenen Situation kann unterbleiben.

Die Parabel vom Sadhu

Man kann dies an einer Parabel deutlich machen, die in Kreisen der Unternehmensberatung oft eingesetzt wird, um ethische Dilemmata zu diskutieren, der Parabel vom Sadhu. Bowen Mc Coy hat sie aufgeschrieben. Worum geht es? Mehrere internationale Expeditionsgruppen wollen an einem Tag mit gutem Wetter einen unwegsamen Himalaya Pass überwinden. Nur an diesem Tag ist die Passage in der Saison noch möglich. Ein Abbruch hieße, lange Vorbereitungszeiten und Investitionen aufzugeben. Sehr früh brechen sie auf. Bald findet die erste Gruppe im Schnee einen nur mit Tüchern bekleideten Asketen, einen Sadhu, der nicht spricht, sich aber auch kaum bewegt. Muss man ihm helfen? Ist er absichtliche in der kalten Einöde? Soll eine der Gruppen den Aufstieg abbrechen? Können alle gemeinsam ein wenig zur Lösung beitragen? An dieser Situation lassen sich viele ethische Probleme erläutern. Am einfachsten für alle wäre aber eine (nicht ganz ernst gemeinte) technische Lösung: Wer solche ausgesetzten Himalaya Touren durchführen will, schließt vorab eine „Sadhu Versicherung“ ab. Mit dem Geld wird ein Hilfesystem bereitgestellt, wer einem Sadhu trifft, löst einen Alarmmechanismus aus und das Hilfesystem wird aktiviert. Alle können ihre, Weg weiter folgen, ethische und kulturelle Herausforderungen können umgangen werden.

Die oft begrenzte Reichweite technischer Lösungen

In unserer Zeit haben wir eine Vielzahl solcher technischer Lösungen installiert. Viele Versicherungen sind von dieser Art wie etwa die Pflegeversicherung. Sie ermöglichen einen möglichst ungestörten Lebenswandel bei möglichst geringen Kosten. Auf das Problem der Pandemie bezogen heißt das, die Impfung ist in der Tat die beste Lösung. Auch hier kann dann alles beim Alten bleiben. Die Frage ist aber, ob immer technische Lösungen zur Verfügung stehen. Nur in selteneren Fällen lassen sich ethische und kulturelle Herausforderungen durch technische Lösungen vollständig beantworten. Oft produzieren technische Lösungen auch neue ethische Probleme. Die Pflegeversicherung wird nicht die kulturelle Herausforderung beseitigen, das mit einer alternden Bevölkerung einhergeht. Möglicherweise gilt das auch für den Impfstoff in der Bearbeitung der Corona Pandemie. Er wird nicht verhindern, dass es viele Verlierer in der Pandemie geben wird, dass der soziale Zusammenhalt noch weiter geschwächt wird, dass gewohnte Lebensformen und kulturelle Errungenschaften nachhaltig irritiert werden. Wir werden mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht umhin kommen, auch eine Vielzahl kultureller und ethischer Ressourcen in unserer Gesellschaft zu mobilisieren, um die Herausforderungen der Pandemie zu genügen! Die Vorstellung, eine technische Lösung würde alle Probleme auflösen, greift zu kurz.

Sitzen wir nicht in demselben Boot? Anmerkungen am Tag der deutschen Einheit

Am 30. Jahrestag der deutschen Einheit wurden viele Reden gehalten, die eine Bilanz zogen: Was hat sich in den letzten 30 Jahren geändert? Die Antworten konzentrierten sich vor allem auf innerdeutsche Verhältnisse, die Angleichung von Ost und West, der Aufbau Ost, die Ab- und Zuwanderung der Bevölkerung usw. Diese Fokussierung liegt nah, weil im Hintergrund die zentrale Frage steht, wie die Entwicklung sich für die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, den Ossis und den Wessis, ausmacht.

Ein Boot im Meer des globalen Kapitalismus

Aus dem Blick gerät dabei aber, dass Deutschland keine Insel ist und im Jahr 2020 mehr denn je in internationale Verflechtungen von Wirtschaft und Kultur eingebunden ist. Es ist nicht einfach so, dass sich der Lebensstil der einen, der Wessis, sich gegenüber dem Lebensstil der anderen, den Ossis, durchgesetzt hat. Vielmehr hat sich beider Lebensbedingungen deutlich verändert. Beide sitzen im demselben Boot. Dies hat mit globalen gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun, die zumindest in allen westlichen Industrieländern parallel verläuft und die zurzeit gravierende Auswirkungen vor allem in den „Kernlanden des Kapitalismus“ zeigt, in England und in den USA.

Moderne und Spätmoderne

Soziologen unterscheiden gerne zwischen der Moderne und der Spätmoderne. Was kennzeichnet unsere Zeit, die Spätmoderne? Hegemonial, das heißt herrschend sind vor allem zwei zentrale Gedanken: Erstens ist der Mensch vor allem ein Individuum, das sich aus sich selbst entfaltet, das sich selbst verwirklicht. Alles, was seine Selbstverwirklichung befördert, ist gut, alles andere dagegen, was sie einschränkt, ist schlecht. Die Individualisierung konnte über lange Zeit als emanzipatorische Entwicklung beschrieben werden, die war Ausdruck der Freiheit, des ersten Wertes der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, „Brüderlichkeit“, also Solidarität) Zweitens wird die Gesellschaft auf die gegenwärtigen Verhältnisse, auf die Steuerungen von Systemen wie dem Markt reduziert. An die Vergangenheit kann man sich erinnern, aber sie spielt in der Gegenwart eine untergeordnete Rolle. Auch die Zukunft wird abgewertet. Starke Bilder von einer besseren Zukunft haben wir verloren. Zukunft ist eher die Fortschreibung der Gegenwart mit den Mitteln von Prognosen, die zudem meist negativ sind. Doch negative Prognosen sind in der Regel wenig hilfreich für die Förderung neuer kultureller Entwicklungen, die wir aber dringend brauchen. In der ökologischen Krise leben wir in einem scheinbar unbeirrbaren Double-Bind: Wir wollen das Klima retten und wir wollen unseren Wohlstand und unsere Lebensweise bewahren. Beides geht nicht.

Auf Kosten der Solidarität

Durch die Faktoren von Individualisierung und Gegenwartsfixierung geht vor allem der Sinn für soziale Verbundenheit verloren, einerseits von Verbundenheit der Menschen untereinander und andererseits von Verbundenheit durch die Zeit hindurch, in Richtung auf Vergangenheit aber auch in Richtung auf Zukunft. Nun ist aber jede Solidarität ein Ausdruck von sozialer Verbundenheit und eine politische Solidarität auch eine Ahnung einer besseren Zukunft. Jede Vorstellung einer besseren Zukunft lebt von der Hoffnung, dass man in und durch die Geschichte gesellschaftliche Verbesserungen erreichen kann. Es ist gerade der dritte Wert der Französischen Revolution, die Brüderlichkeit bzw. die Solidarität, der heute zu kurz kommt!

Was hat die Entwicklung zu der individualistischen Spätmoderne befördert? Zuerst ist der wirtschaftspolitische Wandel zum Neoliberalismus zu nennen. Maßgebliche Verfechter dieses Wandels waren in den 80er Jahren Ronald Reagan und Margret Thatcher. Doch sie allein hätten keine langfristigen Wirkungen gehabt, wenn nicht ihre Nachfolger im Amt der eingeschlagenen Richtung gefolgt wären, also Politiker des linksliberalen Spektrums wie Bill Clinton, Tony Blair und Gerhard Schröder. Die Globalisierung nahm in den 90er Jahren Fahrt auf, Finanzmärkte wurden geöffnet und alle Arten von Handelsbeschränkungen abgebaut.

Dieser Neoliberalismus erhebt normative Ansprüche an die Menschen. Der ideale Mitarbeiter von Konzernen ist ein gut ausgebildetes, vielsprachiges und flexibles Individuum, jederzeit bereit, auch ins Ausland zu gehen. Weiterhin sollte jeder Mensch mit seinem noch so kleinen Vermögen an Börsen handeln, ganz nach dem Vorbild großer Investmentgesellschaften, die in dieser Zeit entstanden. Die Leitideen des Neoliberalismus haben erhebliche gesellschaftliche Folgen. Große soziale Organisationen sind hier grundsätzlich verdächtig, sie verzerren im Zweifel die Märkte. Bekannt ist, wie Thatcher die Gewerkschaften in den 80er Jahren niedergerungen hat. Der Soziologe Robert Putnam hat im Jahr 2000 die US amerikanische Gesellschaft analysiert und dies in dem Buch „Bowling alone“ veröffentlicht. Seine Diagnose: Seit den 80er Jahren nehmen Intensität und Umfang von Vereinsleben in den USA massiv ab.

Gesellschaftliche Zerrüttung

Die Folgen spüren heute alle westlichen Demokratien. Wenn man auf die größeren Zusammenhänge schaut, zeigt sich, dass die gegenwärtige Entwicklung kein Zufall ist. England war im 19. Jahrhundert die führende Nation der Globalisierung, die USA waren es im 20.Jahrhundert. Beide Länder sind Standort der beiden größten Börsen der Welt, London und New York. In beiden Ländern hat die neoliberale Wende in den 80er Jahren begonnen. Und nun sind es gerade diese beiden Länder, die zurzeit eine derart nationale Orientierung suchen und eine starke gesellschaftliche Zerrüttung aufweisen! Über die Person Donald Trumps kann man viel sagen, Trump ist aber vor allem ein Symptom, ein Symptom für eine tiefgreifende gesellschaftliche Spaltung.

Das neoliberale Wirtschaftssystem kann auch meritokratisch genannt werden. Es herrscht die Ideologie der Leistung: Die, die etwas leisten, gelten etwas. Alle messen sich mit allen. Der amerikanische Philosoph Michael Sandel hat in diesen Tagen ein neues Buch veröffentlicht, in dem er dieser Gesellschaft vorwirft, die Orientierung an dem Gemeinwohl vergessen und gerade dadurch die Wahl von Trump befördert zu haben.

Die 68er und der Niedergang des real existierenden Sozialismus

Doch die neoliberale Wende in der Wirtschaft, so bedeutend sie ist, kann nicht allein die Macht des herrschenden Zeitgeistes in der Spätmoderne erklären. Andere, kulturelle und technische Faktoren kommen hinzu. So etwa der Authentizitätsgedanke der 68er Bewegung. Er verstärkt die Wertschätzung des sich selbst verwirklichenden Individuums. Die Haltung war in den 60er Jahren ein emanzipatorischer Fortschritt gegen die verknöcherten und autoritären Strukturen der Nachkriegszeit. Doch ist die Geschichte oft dialektisch: Das, was damals Emanzipation war, wurde dann im weiteren Verlauf zu einer Verstärkung neoliberaler Grundgedanken, des sich in selbständiger Produktion verwirklichenden Individuums. Die Soziologen Luc Boltanski und Richard Sennett haben den Zusammenhang eindrucksvoll dargestellt.

Last not least muss als Faktor auch der epochale Wandel genannt werden, der gerade zu dem Ausgangspunkt für die deutsche Einheit wurde: der Niedergang des real existierenden Sozialismus. Die Zukunft war in den 70er und 80er Jahren noch offen, es galt, sie zu erringen. Es gab eine Debatte um einen dritten Weg jenseits von Kommunismus und Kapitalismus. All diese Vorstellungen aber brachen in den 90er Jahren zusammen. Autoren wie Francis Fukuyama riefen damals das Ende der Geschichte aus. Die Zukunft wurde opak und unzugänglich, die Gegenwart der gesellschaftlichen Systeme dominierte.

Und die Corona Krise?

All diese Faktoren stützen den hegemonialen Diskurs in unserer Gesellschaft. Ändert an all dem die aktuelle Corona Krise etwas? Es mag tatsächlich sein, dass die Zeit des Neoliberalismus dem Ende zugeht. Ein Impresario der globalen Wirtschaft, Klaus Schwab, Direktor des World Economy Forums, hat jüngst in der „Zeit“ das Ende des Neoliberalismus ausgerufen. Doch ist das allein in keiner Weise die Lösung der bestehenden Probleme. Es ist doch deutlich, dass die Krise die gesellschaftlichen Gräben eher vertieft, dass  wiederum die Armen und Marginalisierten am meisten leiden werden. Ob die riesigen Summen, die die Zentralbanken in Umlauf bringen, die Regelsätze der sozialen Transferleistungen erhöhen oder doch nicht eher helfen, die Vermögen der Immobilien-und Aktienbesitzer abzusichern?

Der Weg zu einer großen Transformation

Der Text hier endet mit offenen Fragen. Er will eine Problemanzeige sein. Aber vielleicht muss man erst einmal die Fragen aushalten und sollte nicht vorschnell Antworten suchen. Technokratische Lösungen, die schnell in das eine oder andere Gesetz gegossen werden könnten, werden den Weg nicht weisen. Es geht um eine grundlegende kulturelle und auch gesellschaftspolitische Transformation. Es wird wohl wieder eine große Transformation sein müssen, wie Karl Polanyi sie im 19.Jahrhundert analysierte. Sie wird auf jeden Fall viel umfangreicher sein, als das, was innerdeutsch zwischen Ost und West in den letzten 30 Jahren stattgefunden hat.