Zu den Grenzen physikalischer Weltmodelle

Die Astrophysik arbeitet mit einer erfolgreichen kosmologischen Theorie, die so etwas wie einen „Stand der Wissenschaft“ darstellt, eine Übereinkunft unter den führenden Astrophysikerinnen und Astrophysikern. Dieses Modell beschreibt ein expandierendes Universum. Es nimmt an, dass das Universum in einer extrem kurzen Zeit nach dem „Urknall“ mit Über-Lichtgeschwindigkeit expandiert ist, die so genannte Inflationsphase. Danach expandiert es mit deutlich geringerer Geschwindigkeit bis heute.

Warum ist das Universum so wie es ist?

Soweit das vorherrschende Modell in der Kosmologie. Doch unter der Oberfläche lauern tiefgreifende ungelöste Fragen, die an die Grundfeste des erfolgreichen Modells rühren. Zum einen ist vollkommen unklar, warum das Universum zu Beginn des Prozesses in der Inflationsphase so schnell expandiert ist. Nun gibt es eine beliebte „Erklärung“, die beliebte „Multiversentheorie“. Danach existiert nicht nur das uns bekannte Universum, sondern es existiert eine Vielzahl anderer, in denen es keine Inflationsphase gab. Es ist in gewisser Weise Zufall, dass wir in dem Universum leben, in dem es die Inflation gab. Andererseits ist es nicht zufällig, denn in einem Universum ohne Inflation könnten wir nicht existieren. Es ist nicht so erstaunlich, dass auch das uns bekannte Universum existiert. Es ist nur eines unter vielen.

Nun hat diese „Erklärung“ allerdings einen riesigen Nachteil: Um zu erklären, dass die Inflationsphase stattgefunden hat, wird der Bestand der Welt kurzerhand extrem ausgeweitet um eine Vielzahl weiterer Universen. Das Fatale dieser Vorstellung ist: Wir werden niemals die Chance haben, die Behauptung der Multiversen empirisch nachzuprüfen. Denn wir sind auf unser Universum beschränkt. Ist damit aber nicht eine der wichtigsten Grundlagen moderner Physik verlassen, nämlich die Forderung, dass physikalische Modelle auch empirisch überprüfbar sein müssen?

Die Grenzen der bisher bekannten physikalische Theorien

Das Fehlen einer Erklärung für die inflationäre Phase ist nicht das einzige Krisensymptom in der Physik. Lesch weist in dem Gespräch auf noch ein gravierenderes Problem hin: Bislang ist es nicht gelungen, die Relativitätstheorie und die Quantentheorie zu vereinigen. In der Vereinigung der beiden physikalischen Großtheorien gibt es bislang unüberwindbare physikalische und mathematische Hindernisse. Zugleich aber gibt es immer mehr empirische Befunde, die nahe legen, dass jede der beiden Theoriekomplexe in sich richtig und stimmig ist. Welcher Ausweg ist hier denkbar?

Sollte man daraus ableiten, dass es hier etwas gibt, was eine definitive Grenze der wissenschaftlichen Forschung darstellt? Nun hat die Vergangenheit gezeigt, dass fast alle Prognosen, etwas sei wissenschaftlich nicht nachweisbar, irgendwann gefallen sind. Man sollte mit solchen Prognosen äußerst vorsichtig sein. Zunächst einmal ist die Situation eine Herausforderung für die Wissenschaft und kein Mangelsymptom! Doch zugleich ist es eben auch nicht so, dass man angesichts der Lage sagen kann, dass die Welt weitgehend verstanden sei. Auf jeden Fall sollte man vorsichtig sein, von einem festen Bestand des Weltverständnisses auszugehen, dafür sind die Fundamente zu fragil. Sind grundstürzend neue Theorien denkbar?

Physik in einer offenen Wirklichkeit

Das wirft uns auf die Frage zurück, ob es überhaupt denkbar sein kann, dass es DIE eine und umfassende physikalische Theorie über die Welt geben kann. Möglicherweise müssen wir Menschen uns damit begnügen, dass wir nur kontextabhängige Modelle mit beschränkter Reichweite haben und kein umfassendes Wissen von der Welt. Es gibt gute philosophische Argumente, die diese Interpretation stützen. Als leibliche Wesen sind wir immer schon mit der Welt verbunden. Ein Überblickswissen ist uns verwehrt. (weitere Informationen zum Konzept einer offenen Wirklichkeit: http://www.mensch-welt-gott.de/offene-wirklichkeit-1574.php)

Wir mögen dank wissenschaftlicher Forschung die Welt immer besser verstehen können, doch die Erwartung einer letztgültigen Theorie, der TOE, der Theory of Everything, zielt dann ins Leere. Das entwertet die Wissenschaft nicht, wer könnte mit Verstand all das Wissen, das wir erlangt haben, gering schätzen! Aber das Argument zielt kritisch auf eine bestimmte philosophische Haltung, die dem Menschen zuspricht, ein letztgültiges und umfassendes Wissen über die Welt erlangen zu können. In einer offenen Wirklichkeit bleiben immer offene Fragen, immer neuer Ansporn für den Versuch, sie zu bearbeiten!

Dahinter steht ein grundlegendes philosophisches Problem: Diejenigen, die Physik betreiben, sind endliche Menschen. Kein Mensch aber kann „die Welt“ als Ganze zum Objekt machen.  Die Welt ist kein Objekt, weil wir uns nicht genügend distanzieren können. Wir sind Teil der Welt, die wir betrachten wollen. Diese Grundbedingung für alle Erkenntnis können wir nicht aufheben. Wenn wir die Welt als Ganze betrachten wollen, müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass wir immer schon verbunden sind. Wir können durch Distanzierung manches aufhellen, aber nicht alles!

Über die Rolle von moralischen Werten in der Politik

In den letzten Jahren hat die Rede von moralischen Werten in der deutschen Politik dramatisch zugenommen. Wenn man den öffentlichen Verlautbarungen glaubt, geht es in der politischen Auseinandersetzung vor allem darum, welchen Werten man folgt. Oft hat die Rede von den Werten appellativen Charakter: Man müsse sich auf die gemeinsamen Werte besinnen, es gehe darum, den richtigen Werten zu folgen, im Ernstfall geht es darum, die gemeinsamen Werte zu verteidigen.

Die Politik als Mechanismus zur kollektiven Ausrichtung auf gemeinsame Werte? Für mich ist diese Beschreibung in keiner Weise überzeugend. Zunächst einmal vorab, damit keine Missverständnisse entstehen: Natürlich spielen Werte eine wichtige Rolle in politischen Handlungen. Das gilt aber nicht nur für die politischen Handlungen, sondern ebenso auch für alle anderen menschlichen Handlungsweisen. Auch wirtschaftliches, unternehmerisches, wissenschaftliches, kulturelles und religiöses Handeln sollte wertorientiert sein. Es ist eine Auszeichnung aller menschlichen Handlungen, dass sie Werten folgen können. Und es ist weiterhin eine Auszeichnung, dass wir diese Werte diskutieren, dass wir über Wertkonflikte reden und bestehende Wertorientierungen in Frage stellen können.

Politik ist der Ort der Aushandlung gesellschaftlicher Konflikte

Doch gilt das für alle menschlichen Handlungen, da hat die Politik keine Sonderstellung. Ich bezweifle aber, dass die Politik als ein herausragender Ort für wertorientiertes Handeln beschrieben werden kann. Politik ist in der Tradition doch viel überzeugender als ein Ort der Aushandlung von Interessenskonflikten beschrieben worden. Es geht in der Politik nicht darum, wer den besseren oder richtigen Werten folgt, sondern darum, auf wertorientierte Weise Konflikte zwischen unterschiedlichen Interessen zu bearbeiten. Das war nicht nur in der Vergangenheit richtig, sondern hat auch heute eine große Bedeutung. Eine moderne offene Gesellschaft ist zu kompliziert, als dass ein Mastermind eine für alle gleichermaßen gültige und zufrieden stellende Lösung finden könnte. Geschichtliche Entwicklungen sind kontingent, zufallsbestimmt und oft nicht „systemlogisch“.

Es gibt in einer offenen Gesellschaft unterschiedliche kollektive Erinnerungen, unterschiedliche ökonomische Interessen, es gibt technische Innovationen mit unübersehbaren sozialen Folgen. Wenn es also nicht die eine Position gibt, von der aus die Problemlösungen dirigiert werden können, bleibt es bei der pragmatischen Aushandlung von je und je entstehenden Konflikten. Die Interessensgruppen können sich in der Gesellschaft mehr oder weniger gut hörbar machen und ihre Interessen vertreten. Es gibt Gewinner und Verlierer. Nicht alle haben gleichen Zugang zu Ressourcen.

Die biblische Geschichte ist voller Konfliktdarstellungen

Zum Verständnis der aktuellen politischen Diskussion kann es auch hilfreich sein, einmal in die Bibel zu schauen. Die biblischen Darstellungen von Geschichte legen ein Verständnis von Geschichte nah, das von Konflikten und immer wieder neu entstehenden Verwerfungen geprägt ist. Die Geschichte ist hier eher eine turbulente Entwicklung mit immer wieder neuen Herausforderungen. Scheint einmal alles einigermaßen gut geordnet wie im Königreich David und Salomon (das aber auch durch nicht enden wollende Konflikte gekennzeichnet ist), entstehen alsbald neue Probleme und Verwerfungen. Immer wieder intervenieren Seher und Propheten, die situationsbezogen handeln. Eine dauerhafte Lösung von Konflikten zeichnet sich nicht ab. Das gilt für das Verhältnis der Menschen zueinander. Das gilt im Übrigen aber auch für ihr Verhältnis zu Gott. Wenn die christliche Botschaft davon redet, dass die Konflikte zwischen Mensch und Gott aufgehoben sind, dann lag das nicht an der richtigen Wertorientierung der Menschen…

Kann es einen Zustand weitgehender Konfliktlosigkeit geben?

Es gibt allerdings eine Tradition der politischen Theorie, die die Beschreibung von Politik durch Interessenkonflikte eher gering schätzt. Das ist die liberale Tradition. Sie legt nah, dass es ein harmonisches Miteinander der vielen Menschen in einer komplexen Gesellschaft geben kann, wenn nur die richtigen Randbedingungen gesetzt sind. Richtige Randbedingungen sind solche, die die freie Entfaltung von Individuen befördern. Dann stellt sich ein Zustand ein, der den größten Nutzen für alle erzeugt. Doch hat diese Tradition den Nachteil, dass sie auf keine historische Erfahrung verweisen kann, in der die Bedingungen erfüllt gewesen wären. Die Geschichte der Menschheit ist aus dieser Perspektive eine fortgesetzte Folge von Störungen und Abweichungen von dem idealen Zustand. Ist man aber nah dem idealen Zustand, dann kann man sich in der Politik auf die Werte konzentrieren und an die Individuen appellieren, sich entsprechend der gemeinsamen Werte zu verhalten.

Aber vielleicht sind die Störungen gar keine Abweichungen von einem an sich idealen Zustand, vielleicht sind die immer neuen geschichtlichen Konstellationen mit immer neuen Herausforderungen der Normalfall der menschlichen Existenz in der Geschichte! Dann ist es nicht so einfach, globale Rezepte zu dekretieren. Erst in den Mühen der Ebene, bei dem Aushandeln der vielen kleineren und größeren Konflikte, mag sich herausschälen, welche politische Entscheidung gerechtfertigt ist und welche nicht.

Die Rede von den Werten wirkt strukturkonservativ

Welche Funktionen hat die ausufernde Rede von den Werten in der Politik, die man in den letzten Jahren beobachten kann? Wer Werte immer wieder thematisiert, zeigt, dass es ihm an ihrer Aufrechterhaltung der Werte gelegen ist. Im Grunde ist die Rede, so wie sie bei uns geführt wird, aber nicht nur wertkonservativ, sie ist auch strukturkonservativ. Sie legt nah, dass politischen Rahmenbedingungen schon mehr oder minder gut eingerichtet ist. Es kommt nur darauf an, dass die Menschen auch den „richtigen“ Werten folgen.

In der öffentlichen Darstellung geht es den politisch Tätigen anscheinend vor allem darum, darauf zu achten, dass die gemeinsamen Werte eingehalten werden. Der Appell an die gemeinsamen Werte betont aber die Gemeinsamkeit und lässt gesellschaftliche Konflikte gering erscheinen. Der Rest von Politik besteht aus untergeordneten technischen Fragen, wie man das gemeinsam Bestätigte am besten erhalten kann. Diese öffentliche Darstellung kaschiert damit die Konflikte, die in jeder offenen Gesellschaft, besonders aber in einer modernen Gesellschaft bestehen. Wer Werte thematisiert, braucht nicht so sehr über Interessenskonflikte zu reden, es geht schließlich um das Gemeinsame.

Die politische Exekutive kann sich durch den Appell an die gemeinsamen Werte den Anstrich einer präsidialen Rolle geben. Dass die Exekutive in der Politik in „westlichen“ Gesellschaften eine problematische zentrale Machtstellung gewonnen hat, dass die Legislative, das Parlament, nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, hat etwa der Historiker Pierre Rosanvallon klar herausgearbeitet. Doch das Parlament ist der eigentliche Ort, um Konflikte öffentlichkeitswirksam zum Ausdruck zu bringen.

Die deutschen Konflikte werden zurzeit nach Europa exportiert

Für unser politisches Gemeinwesen wäre viel gewonnen, wenn es gelänge, Interessenskonflikte wieder deutlicher zur Geltung zu bringen. Denn das bildet besser ab, was in der Gesellschaft tatsächlich stattfindet: Eine unausgesetztes Ringen um Ressourcen und Interessenseinflüssen. Diese Interessenskonflikte gibt es innerhalb der nationalen Gesellschaften, aber auch im internationalen Kontext. Es scheint so, als habe die deutsche Gesellschaft die Konflikte externalisiert: in der aktuellen europäischen Situation profitiert Deutschland als stärkster Produktionsstandort von der gemeinsamen, eher schwachen Währung, während andere Länder in einer wirtschafts- und sozialpolitisch prekären Situation sind. Das ist dann eine gute Voraussetzung, die Werte in der politischen Rhetorik nach vorne zu kehren, an gemeinsame Werte zu appellieren, die Konflikte sind ja im eigenen Land gemildert.

Es ist aber äußerst wahrscheinlich, dass die Interessenkonflikte sehr bald wieder hervorbrechen werden: In der Europäischen Union gibt es eine Vielzahl tiefgreifender struktureller Konflikte, die bislang kaum in unser Bewusstsein gedrungen sind. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis sie offen thematisiert werden. Dann stehen Entscheidungen an und dann werden wir wohl auch in der deutschen Politik wieder stärker von Konflikten reden müssen.

Ist der Urknall der Anfang des Universums?

Zum Gespräch mit Harald Lesch

Vor fast einem Jahr hatte ich die Gelegenheit, mit dem Astrophysiker Harald Lesch ein längeres Interview führen zu können. Das Interview, wie auch einzelne Teile daraus kann man finden unter: www.mensch-welt-gott.de. Wir haben über sehr unterschiedliche Themen gesprochen, die sich aber alle um Fragen des Verhältnisses von Naturwissenschaften und Theologie drehten, unter anderem über die Krise in der Physik, über die Wichtigkeit alltäglicher Erfahrungen für das Verständnis der Welt, über die Rolle der Mathematik in der physikalischen Beschreibung und so weiter. Ich hatte schon vorher Harald Lesch in kleineren Veranstaltungen kennen gelernt und immer wieder erlebt, wie offen er sich darum bemüht, seine persönliche Haltung als evangelischer Christ mit seiner Arbeit als Astrophysiker in ein konstruktives Verhältnis zu setzen. Das kommt auch in dem Interview zur Geltung.

Wir haben über Themen geredet, die alle im Grenzbereich zwischen der Physik und der Philosophie bzw. der Theologie liegen. Es ging beispielsweise um die Frage, ob die Physik einen absoluten Anfang beschreiben kann, unter welche Bedingungen eine Vorstellung von dem Großen und Ganzen möglich ist, ob die Beschreibung des Universums sich mit einem Bedürfnis nach Sinn verbinden lässt, welche Rolle die Alltagssprache in der Vermittlung der physikalischen Erkenntnis spielt. Harald Lesch hat aber auch Grundfragen der Physik skizziert, die heute virulent sind, insbesondere die Frage, wie die beiden großen Theoriezusammenhänge Quantenphysik und Relativitätstheorie miteinander verbunden werden können. Lesch macht in dem Gespräch auch seine persönliche Glaubenshaltung als evangelischer Christ deutlich.

Was ist ein Anfang?

Was ist der Anfang von allem? Aller Anfang ist schwer sagt der Volksmund – das trifft auch schon auf den Versuch zu, erst einmal genau zu bestimmen, was überhaupt mit einem Anfang gemeint ist! Im Alltag ist das klar: wir setzen einen Anfang, wir beginnen etwas. Aber wir können ein Spiel beginnen, der Schiedsrichter pfeift das Spiel an. Er setzt damit einen Anfang. Anfänge sind in diesem Zusammenhang mit menschlichen Handlungen verbunden. Menschen setzen durch ihr Handeln einen Anfang.

Gibt es dann auch einen Anfang in der Physik? Kennt die Natur, so wie sie die Physik beschreibt, einen Anfang? Natürlich spielt auch in der Physik das menschliche Handeln eine große Rolle. Das gilt etwa für Experimente. Hier kann man einen Anfangspunkt t0 definieren, an dem das Experiment startet. Doch kann man auch solch einen ausgezeichneten Zeitpunkt t0 in der Natur beobachten? Es gilt offenkundig: einen Anfangspunkt setzt man, man findet ihn aber nicht. In der Beschreibung der physikalischen Zeit ist jeder Zeitpunkt gleich berechtigt. Deshalb gibt es keine ausgezeichneten Zeitpunkte. Wenn man einen Zeitpunkt t0 als Anfang definiert, dann kann man stets fragen: Und was geschah davor, also zu einem Zeitpunkt (t0 –t)?!

Es ist also nicht abwegig, davon zu reden, dass die Rede vom Anfang aus dem Alltag in die Physik importiert wird. Wir setzen als Menschen einen Anfang, aber es gibt in der wissenschaftlichen Beschreibung der Natur keine Zeitpunkte, die als Anfang ausgezeichnet wären. Auch biologisch sind Anfänge schwer zu bestimmen. So scheint es nahezu unmöglich zu bestimmen, wann genau etwa Leben anfängt. Das, was man biologisch beschreiben kann, zeigt sich als kontinuierlicher Prozess, da ist nirgendwo wo eine Zäsur, ein klarer Ausgangspunkt.

Aber redet nicht die Kosmologie von einem Anfang, dem Urknall? Dieser Anfang ist zudem ein besonderer Anfang, weil er der Anfang von allem ist. Doch was ist mit dem Urknall als dem Anfang von allem genau gemeint? Dieser Zeitpunkt erfasst zunächst einmal eine so genannte Singularität – eine physikalische Größe nimmt zu einem bestimmten Zeitpunkt beliebig große Werte an: Die Massedichte des Universums war vor etwa 13,7 Mrd Jahren beliebig groß. Das scheint ein ausgezeichneter Zeitpunkt der Physik zu sein. Aber ist es auch ein Anfang? Dieser Anfang nicht so eindeutig wie jene, die wir im Alltag setzen. Auch hier gilt, dass man durchaus fragen kann, was davor war. So gibt es kosmologische Theorien, die gehen davon aus, dass sich das Universum immer wieder ausdehnt und zusammenzieht und wieder ausdehnt…

Die entscheidende Frage ist, ob mit dem Anfang nicht etwas in die Physik eingetragen worden ist, was hier aber keinen Ort hat. Die Rede von einem Anfang der Welt stammt aus mythischen Erzählungen. Erzählungen haben einen Anfang. Sie berichten von einem Anfang, weil sie von Wesen berichten, die handeln. So auch der biblische Schöpfungsbericht: Er redet von einem Anfang, hier setzt Gott einen Anfang. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde“. Das ist nah bei unserem Alltagsverständnis. Ein Akteur setzt einen Anfang. Vermenschlichen wir da Gott? Oder ist es nicht vielmehr so, dass aus Gottes Vermögen, einen Anfang zu setzen, sich das menschliche Vermögen ableitet? Das letztere wäre die theologische Deutung. Offenkundig hängt auf jeden Fall die Rede vom Anfang mit einer Handlung zusammen. Wie steht es dann von der Rede eines Anfangs in der Physik? In der physikalischen Welt handelt keiner. Insofern ist die Rede von einem Anfang des Universums heikel.

Eine Überlegung zu einer kirchlichen Kreiskultur

Anfang Mai haben wir, die Evangelische Akademie im Rheinland und die Melanchthon-Akademie in Köln (Martin Horstmann), eine gut besuchte Kooperationstagung durchgeführt zu dem Thema „Kreiskultur“. Unser Ansinnen war es allen Ernstes, die Kreiskultur in der Kirche zu stärken. Das hat sicherlich bei dem einen oder der anderen Stirnrunzeln ausgelöst: Erst einmal klingt ja nichts Abgestandener, als „Kreise“ in der Kirche zu initiieren, gab und gibt es nicht schon genügend Bibelkreise, Gebetskreise, Hauskreise und Stuhlkreise?

Ja, die gab es schon immer und erst einmal ist das doch ein wichtiges Zeichen, dass da offenkundig etwas stimmt! Uns ging es aber nicht darum, Bestehendes zu pflegen, sondern darauf aufmerksam zu machen, wie sehr die Kreisform eine Hilfe sein kann, das Besondere der Kirche zu verstehen. Es ging nicht um eine bestimmte Geselligkeitskultur, sondern um ein Verständnis für das, wofür der Kreis steht. Vieles haben wir während der Veranstaltung diskutiert, vor allem auch jede Menge praktischer Hinweise für die Gestaltung einer Kreiskultur.

Eine Überlegung möchte ich hier gerne mitteilen, die uns während der Vorbereitung gekommen ist. Es geht darum, die mathematische Form des Kreises symbolisch zu deuten. Das lässt überraschende Einsichten zu. Ein Kreis besteht aus Punkten. Diese Punkte sind alle auf einen Mittelpunkt bezogen, nur so werden sie zu Punkten eines Kreises. Leicht lässt sich folgern: Die Punkte sind die Christinnen und Christen, der Mittelpunkt ist Christus.

Nun lässt sich das Bild des Kreises überraschend tiefgründig auslegen. Zunächst: Die Punkte sind untereinander gleich berechtigt. Es gibt keinen Punkt, der den Kreis in hervorragender Weise repräsentiert. Damit wird der Kreis zu einem guten Bild für ein reformatorisches Verständnis von Kirche.

Wie wird ein Mensch Christin bzw. Christ? Die Figur des Kreises legt nah, dass ein einzelner Mensch aus sich heraus, dazu nicht in der Lage ist! Denn ein einzelner Punkt liegt auf unendlich vielen Kreisen von unendlich vielen Mittelpunkten. Ein einzelner Mensch kann nicht Christ werden, eine steile These. Aber ist sie nicht biblisch? Wenn ein Mensch nie von dem Evangelium gehört hat, wenn dieser Mensch nie etwas über Christus gelesen hat, kann er dann Christin oder Christ genannt werden? (Das sagt im Übrigen meiner Ansicht erst einmal nichts über die Beziehung dieses Menschen zu Gott aus. Wenn man aber Menschen allein dadurch, dass sie Menschen sind, zu Christen erklärt, wird es theologisch mehr als schwierig).

Wenn aber ein zweiter Punkt hinzu kommt und sich beide Punkte demselben Kreis zugehörig wissen, dann gibt es mathematisch nur noch zwei Punkte, die als Mittelpunkte für beide in Frage kommen. Sind es aber drei Punkte, so ist der Kreismittelpunkt in der Mathematik eindeutig bestimmt! Dies nimmt schön die Aussagen auf: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20)

Nun darf man es mit der Ausdeutung von Symbolen nicht übertreiben, aber das Symbol des Kreises gibt erstaunlicher Weise eine Menge von dem wieder, wie Kirche sich verstehen kann. Zuletzt und vor allem: Nicht Kathedralen und Dome machen Kirche zu Kirche, auch nicht Gesetze und Verordnungen, nicht Haushalte und auch nicht Institutionen, sondern die gegenseitige Verbundenheit der Menschen. Wir sind aufeinander angewiesen, wenn wir Christen sein wollen, alleine geht es nicht. Wenn wir aber „in Christus“ aufeinander bezogen sind, dann sind wir auch auf Christus als dem Mittelpunkt bezogen.

Was ist mit Geschichte?

Ich empfinde schon seit längerer Zeit ein Unbehagen, wenn ich aktuelle Diskussionen zum Zeitgeschehen verfolge. Ich habe den Eindruck, dass wir in einer Zeit gravierender Geschichtsvergessenheit leben. Nicht in dem Sinne, dass wir uns nicht mehr erinnern würden. Schließlich ist doch die Evangelische Kirche in diesem Jahr mit großer Intensität dabei, das Reformationsjubiläum zu begehen! Auch gibt es vielfältige Gedenkfeiern, oft motiviert durch die schreckliche deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Ich meine eher die Geschichtsvergessenheit in der Deutung der Gegenwart. Wir diskutieren unsere Zeit, als sei sie so, wie sie ist und viel Neues sei auch nicht zu erwarten. Kaum gibt es in der Deutung der Gegenwart einen Blick zurück, schon gar nicht gibt es einen Blick nach vorne.

Es stellt sich die Frage, ob dies nicht die Folge eines im Grundsatz liberalen Schemas ist. Danach gibt es zwar eine Geschichte, aber die Geschichte ist doch eher die Geschichte der Störungen eines sich selbst stabilisierenden Systems. Der freie Markt ist das Paradebeispiel. Wenn es nur den wirklich freien Markt gäbe, dann stabilisierte er sich immer wieder neu, kleinere Veränderungen würden aufgenommen und in einen neuen stabilen Zustand überführt. Hier ist Geschichte Nebensache. Natürlich gibt es Veränderungen, aber den Hauptton setzen die sich selbst stabilisierenden Systeme. Wenn man die Störung gering halten kann, dann geht das System wieder in einen stabilen Zustand über. Das gilt dann auch für die Natur: eigentlich ist sie stabil. Als ob die Evolution nicht von etwas ganz anderem reden würde: Hier ist alles Bewegung und Veränderung. Evolutionäre Nischen sind die Ausnahme und meist nicht auf Dauer gestellt.

Ich habe diese Grundgedanken liberaler Theorien schon immer für eine Fiktion gehalten: Eigentlich wäre die Welt wunderbar eingerichtet, nur leider gibt es ständig Störungen. Ich glaube, dass umgekehrt „ein Schuh daraus wird“: Wir leben in einer Welt, die sich in einer kontinuierlichen  geschichtlichen Veränderung befindet. Was gestern war, ist heute anders und wird morgen wiederum verändert sein. Stabilisierende Systeme sind Abstraktionen aus dieser Entwicklung. Sie mögen eine Zeit lang Stabilität ermöglichen, aber es ist immer damit zu rechnen, dass sie sich grundlegend verändern können.

Diese Sichtweise ist im Übrigen meiner Ansicht nach auch biblischer. Der christliche Gott ist ein Gott der Geschichte. Er hat sein Volk durch die Geschichte begleitet. Israel hat immer wieder die bewahrende Kraft Gottes, aber auch seinen Zorn erfahren und zum Ausdruck gebracht. Auch nach der Offenbarung Gottes in Christus hört die Geschichte nicht auf. Christinnen und Christen leben im Vorschein des kommenden Reiches Gottes. Deshalb ist die Erinnerung so wichtig, ist es wichtig, von Gottes Geschichte mit dem Menschen erinnernd zu erzählen. Und deshalb ist auch die Hoffnung so wichtig, weil sie einen Sinn dafür gibt, was noch aussteht. Wir sind eingebunden in eine geschichtliche Entwicklung, die wir nur mit Mühe überschauen können. Aber Versuche dazu, etwa durch Erzählungen, können auch immer wieder Neues entdecken, Neues in dem Vergangenen, das aber auch überraschende Einblicke in das gewähren kann, was kommen wird.

Doch wir diskutieren unsere Gegenwart nicht in diesem Spannungsbogen. Wir beschreiben sie nur in Ansätzen aus der Entwicklung der Vergangenheit heraus. Aber schon gar nicht beschreiben wir sie unter dem Vorzeichen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Stattdessen sind wir vernünftig und realistisch. Wir wissen nun, was Sache ist, haben die Lehren aus der Vergangenheit gezogen. Wir stehen nicht in einer kontinuierlichen Entwicklung, sondern sehen die Vergangenheit als ein Reservoir an, aus dem wir unsere Folgerungen ziehen. Wir schauen natürlich in die Zukunft. Aber auch das tun wir vernünftig und realistisch: Wir stellen Prognosen an, zumeist mit „wissenschaftlichen“ Mitteln. Zumeist fallen die Prognosen negativ aus. Aber das zeigt ja nur, wie vernünftig und realistisch wir geworden sind.

Da ist etwas Grundsätzliches verloren gegangen. Nichts gegen Prognosen, die jeder Mensch, der tatsächlich vernünftig und verantwortlich ist, anstellen muss. Aber warum fragen wir nicht viel intensiver danach, in welcher geschichtlichen Entwicklung wir leben? Warum versuchen wir nicht die politische und kulturelle Bewegung aus der Vergangenheit in die Zukunft fortzuschreiben. Warum entwickeln wir keine Hoffnung und sehen die Wirklichkeit als eine zukunftsoffene Wirklichkeit an? Warum sind wir eigentlich kaum neugierig auf das, was da kommen wird? Der Versuch, die Welt als sich selbst stabilisierendes System zu verstehen, kann in manchen Fragen hilfreich sein. Die Menschheitsgeschichte aber zeigt: Zumeist wurde es auf überraschende Weise anders, als die Menschen zuvor geglaubt haben. Das gilt auch heute so, seien wir doch vernünftig und realistisch!

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