Die Impfung – Ist eine „technische“ Lösung der Corona Pandemie möglich?

Die Corona-Pandemie baut sich in Europa zu einer zweiten Welle auf. Im Sommer war angesichts der geringen Fallzahlen der Eindruck der Pandemie eher verblasst, man redete stets über sie, aber doch eher mit Blick auf andere Länder wie den USA, Brasilien, Indien. Die Bekämpfung der ersten Welle im Frühjahr war gelungen, die Wirtschaft zog wieder an, Kultureinrichtungen hatten Hygienekonzepte entwickelt, Restaurants und Hotels waren wieder offen, die Mobilität war fast auf einen Normalwert zurückgekehrt.

Eine Zeit der Entbehrungen

Für EpidemiologInnen nicht überraschend und doch für die Öffentlichkeit unerwartet schnell steigt nun die Fallzahl in den letzten drei Wochen wieder dramatisch an. Die Politik sieht sich zum Handeln gezwungen. Der Anstieg ist zu rasant, als dass er ignoriert werden könnte. So ist erneut ein „Lockdown“ verhängt worden, dieses Mal in einer leichteren Version.

Möglicherweise hilft die Maßnahme, diese zweite Welle zu brechen. Unter den Kommentaren mischen sich aber zu Recht zweifelnde Fragen, wie es denn auf lange Sicht weiter gehen soll. Folgt der zweiten Welle eine dritte, eine vierte? Folgt diesem „Lockdown“ dann weitere? Denn eines scheint offenkundig: Das Virus ist im Land und kann und kann und wird wohl immer wieder ausbrechen. Sobald man zu dem gewohnten Leben zurückkehrt, werden die Fallzahlen wieder steigen. Folgt nun eine Zeit mit einem Wechsel von „Lockdowns“ und Erleichterungen? Das ist schwer vorstellbar.

Die Impfung – Ziel aller Hoffnungen

Erträglich ist für viele die Situation nur, weil es eine explizite Hoffnung gibt, dass Anfang des kommenden Jahres ein Impfstoff  geben wird. Immer wieder wird von politischen Akteuren die Zeit Frühjahr 2021 ins Spiel gebracht. Das lässt die Herausforderung überschaubar erscheinen. Manche VirologInnen warnen aber vor zu großen Erwartungen und stellen eine Vielzahl von Fragen: Führt der Impfstoff zu einer bleibenden Immunität? In welchem Umfang und in welcher Zeit ist der Impfstoff verfügbar? Gibt es unerwünschte Nebenwirkungen?

All diese Fragen kann zurzeit niemand beantworten. Ich möchte an dieser Stelle nur eine Beobachtung einbringen, dass die Sehnsucht nach dem Impfstoff auch eine Besonderheit unserer Zeit der Moderne zum Ausdruck bringt: Wir bevorzugen bei ethischen und kulturellen Herausforderungen gerne „technische Lösungen“. Warum ist der Impfstoff eine technische Lösung des Problems, was kennzeichnet technische Lösungen? Sie erlauben die weitgehend ungestörte Fortsetzung der eigenen Lebensführung und produzieren relativ geringe Kosten. So können kulturelle und ethische Herausforderungen umgangen werden, eine neue kulturelle Deutung der eigenen Situation kann unterbleiben.

Die Parabel vom Sadhu

Man kann dies an einer Parabel deutlich machen, die in Kreisen der Unternehmensberatung oft eingesetzt wird, um ethische Dilemmata zu diskutieren, der Parabel vom Sadhu. Bowen Mc Coy hat sie aufgeschrieben. Worum geht es? Mehrere internationale Expeditionsgruppen wollen an einem Tag mit gutem Wetter einen unwegsamen Himalaya Pass überwinden. Nur an diesem Tag ist die Passage in der Saison noch möglich. Ein Abbruch hieße, lange Vorbereitungszeiten und Investitionen aufzugeben. Sehr früh brechen sie auf. Bald findet die erste Gruppe im Schnee einen nur mit Tüchern bekleideten Asketen, einen Sadhu, der nicht spricht, sich aber auch kaum bewegt. Muss man ihm helfen? Ist er absichtliche in der kalten Einöde? Soll eine der Gruppen den Aufstieg abbrechen? Können alle gemeinsam ein wenig zur Lösung beitragen? An dieser Situation lassen sich viele ethische Probleme erläutern. Am einfachsten für alle wäre aber eine (nicht ganz ernst gemeinte) technische Lösung: Wer solche ausgesetzten Himalaya Touren durchführen will, schließt vorab eine „Sadhu Versicherung“ ab. Mit dem Geld wird ein Hilfesystem bereitgestellt, wer einem Sadhu trifft, löst einen Alarmmechanismus aus und das Hilfesystem wird aktiviert. Alle können ihre, Weg weiter folgen, ethische und kulturelle Herausforderungen können umgangen werden.

Die oft begrenzte Reichweite technischer Lösungen

In unserer Zeit haben wir eine Vielzahl solcher technischer Lösungen installiert. Viele Versicherungen sind von dieser Art wie etwa die Pflegeversicherung. Sie ermöglichen einen möglichst ungestörten Lebenswandel bei möglichst geringen Kosten. Auf das Problem der Pandemie bezogen heißt das, die Impfung ist in der Tat die beste Lösung. Auch hier kann dann alles beim Alten bleiben. Die Frage ist aber, ob immer technische Lösungen zur Verfügung stehen. Nur in selteneren Fällen lassen sich ethische und kulturelle Herausforderungen durch technische Lösungen vollständig beantworten. Oft produzieren technische Lösungen auch neue ethische Probleme. Die Pflegeversicherung wird nicht die kulturelle Herausforderung beseitigen, das mit einer alternden Bevölkerung einhergeht. Möglicherweise gilt das auch für den Impfstoff in der Bearbeitung der Corona Pandemie. Er wird nicht verhindern, dass es viele Verlierer in der Pandemie geben wird, dass der soziale Zusammenhalt noch weiter geschwächt wird, dass gewohnte Lebensformen und kulturelle Errungenschaften nachhaltig irritiert werden. Wir werden mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht umhin kommen, auch eine Vielzahl kultureller und ethischer Ressourcen in unserer Gesellschaft zu mobilisieren, um die Herausforderungen der Pandemie zu genügen! Die Vorstellung, eine technische Lösung würde alle Probleme auflösen, greift zu kurz.

Sitzen wir nicht in demselben Boot? Anmerkungen am Tag der deutschen Einheit

Am 30. Jahrestag der deutschen Einheit wurden viele Reden gehalten, die eine Bilanz zogen: Was hat sich in den letzten 30 Jahren geändert? Die Antworten konzentrierten sich vor allem auf innerdeutsche Verhältnisse, die Angleichung von Ost und West, der Aufbau Ost, die Ab- und Zuwanderung der Bevölkerung usw. Diese Fokussierung liegt nah, weil im Hintergrund die zentrale Frage steht, wie die Entwicklung sich für die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen, den Ossis und den Wessis, ausmacht.

Ein Boot im Meer des globalen Kapitalismus

Aus dem Blick gerät dabei aber, dass Deutschland keine Insel ist und im Jahr 2020 mehr denn je in internationale Verflechtungen von Wirtschaft und Kultur eingebunden ist. Es ist nicht einfach so, dass sich der Lebensstil der einen, der Wessis, sich gegenüber dem Lebensstil der anderen, den Ossis, durchgesetzt hat. Vielmehr hat sich beider Lebensbedingungen deutlich verändert. Beide sitzen im demselben Boot. Dies hat mit globalen gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun, die zumindest in allen westlichen Industrieländern parallel verläuft und die zurzeit gravierende Auswirkungen vor allem in den „Kernlanden des Kapitalismus“ zeigt, in England und in den USA.

Moderne und Spätmoderne

Soziologen unterscheiden gerne zwischen der Moderne und der Spätmoderne. Was kennzeichnet unsere Zeit, die Spätmoderne? Hegemonial, das heißt herrschend sind vor allem zwei zentrale Gedanken: Erstens ist der Mensch vor allem ein Individuum, das sich aus sich selbst entfaltet, das sich selbst verwirklicht. Alles, was seine Selbstverwirklichung befördert, ist gut, alles andere dagegen, was sie einschränkt, ist schlecht. Die Individualisierung konnte über lange Zeit als emanzipatorische Entwicklung beschrieben werden, die war Ausdruck der Freiheit, des ersten Wertes der Französischen Revolution (Freiheit, Gleichheit, „Brüderlichkeit“, also Solidarität) Zweitens wird die Gesellschaft auf die gegenwärtigen Verhältnisse, auf die Steuerungen von Systemen wie dem Markt reduziert. An die Vergangenheit kann man sich erinnern, aber sie spielt in der Gegenwart eine untergeordnete Rolle. Auch die Zukunft wird abgewertet. Starke Bilder von einer besseren Zukunft haben wir verloren. Zukunft ist eher die Fortschreibung der Gegenwart mit den Mitteln von Prognosen, die zudem meist negativ sind. Doch negative Prognosen sind in der Regel wenig hilfreich für die Förderung neuer kultureller Entwicklungen, die wir aber dringend brauchen. In der ökologischen Krise leben wir in einem scheinbar unbeirrbaren Double-Bind: Wir wollen das Klima retten und wir wollen unseren Wohlstand und unsere Lebensweise bewahren. Beides geht nicht.

Auf Kosten der Solidarität

Durch die Faktoren von Individualisierung und Gegenwartsfixierung geht vor allem der Sinn für soziale Verbundenheit verloren, einerseits von Verbundenheit der Menschen untereinander und andererseits von Verbundenheit durch die Zeit hindurch, in Richtung auf Vergangenheit aber auch in Richtung auf Zukunft. Nun ist aber jede Solidarität ein Ausdruck von sozialer Verbundenheit und eine politische Solidarität auch eine Ahnung einer besseren Zukunft. Jede Vorstellung einer besseren Zukunft lebt von der Hoffnung, dass man in und durch die Geschichte gesellschaftliche Verbesserungen erreichen kann. Es ist gerade der dritte Wert der Französischen Revolution, die Brüderlichkeit bzw. die Solidarität, der heute zu kurz kommt!

Was hat die Entwicklung zu der individualistischen Spätmoderne befördert? Zuerst ist der wirtschaftspolitische Wandel zum Neoliberalismus zu nennen. Maßgebliche Verfechter dieses Wandels waren in den 80er Jahren Ronald Reagan und Margret Thatcher. Doch sie allein hätten keine langfristigen Wirkungen gehabt, wenn nicht ihre Nachfolger im Amt der eingeschlagenen Richtung gefolgt wären, also Politiker des linksliberalen Spektrums wie Bill Clinton, Tony Blair und Gerhard Schröder. Die Globalisierung nahm in den 90er Jahren Fahrt auf, Finanzmärkte wurden geöffnet und alle Arten von Handelsbeschränkungen abgebaut.

Dieser Neoliberalismus erhebt normative Ansprüche an die Menschen. Der ideale Mitarbeiter von Konzernen ist ein gut ausgebildetes, vielsprachiges und flexibles Individuum, jederzeit bereit, auch ins Ausland zu gehen. Weiterhin sollte jeder Mensch mit seinem noch so kleinen Vermögen an Börsen handeln, ganz nach dem Vorbild großer Investmentgesellschaften, die in dieser Zeit entstanden. Die Leitideen des Neoliberalismus haben erhebliche gesellschaftliche Folgen. Große soziale Organisationen sind hier grundsätzlich verdächtig, sie verzerren im Zweifel die Märkte. Bekannt ist, wie Thatcher die Gewerkschaften in den 80er Jahren niedergerungen hat. Der Soziologe Robert Putnam hat im Jahr 2000 die US amerikanische Gesellschaft analysiert und dies in dem Buch „Bowling alone“ veröffentlicht. Seine Diagnose: Seit den 80er Jahren nehmen Intensität und Umfang von Vereinsleben in den USA massiv ab.

Gesellschaftliche Zerrüttung

Die Folgen spüren heute alle westlichen Demokratien. Wenn man auf die größeren Zusammenhänge schaut, zeigt sich, dass die gegenwärtige Entwicklung kein Zufall ist. England war im 19. Jahrhundert die führende Nation der Globalisierung, die USA waren es im 20.Jahrhundert. Beide Länder sind Standort der beiden größten Börsen der Welt, London und New York. In beiden Ländern hat die neoliberale Wende in den 80er Jahren begonnen. Und nun sind es gerade diese beiden Länder, die zurzeit eine derart nationale Orientierung suchen und eine starke gesellschaftliche Zerrüttung aufweisen! Über die Person Donald Trumps kann man viel sagen, Trump ist aber vor allem ein Symptom, ein Symptom für eine tiefgreifende gesellschaftliche Spaltung.

Das neoliberale Wirtschaftssystem kann auch meritokratisch genannt werden. Es herrscht die Ideologie der Leistung: Die, die etwas leisten, gelten etwas. Alle messen sich mit allen. Der amerikanische Philosoph Michael Sandel hat in diesen Tagen ein neues Buch veröffentlicht, in dem er dieser Gesellschaft vorwirft, die Orientierung an dem Gemeinwohl vergessen und gerade dadurch die Wahl von Trump befördert zu haben.

Die 68er und der Niedergang des real existierenden Sozialismus

Doch die neoliberale Wende in der Wirtschaft, so bedeutend sie ist, kann nicht allein die Macht des herrschenden Zeitgeistes in der Spätmoderne erklären. Andere, kulturelle und technische Faktoren kommen hinzu. So etwa der Authentizitätsgedanke der 68er Bewegung. Er verstärkt die Wertschätzung des sich selbst verwirklichenden Individuums. Die Haltung war in den 60er Jahren ein emanzipatorischer Fortschritt gegen die verknöcherten und autoritären Strukturen der Nachkriegszeit. Doch ist die Geschichte oft dialektisch: Das, was damals Emanzipation war, wurde dann im weiteren Verlauf zu einer Verstärkung neoliberaler Grundgedanken, des sich in selbständiger Produktion verwirklichenden Individuums. Die Soziologen Luc Boltanski und Richard Sennett haben den Zusammenhang eindrucksvoll dargestellt.

Last not least muss als Faktor auch der epochale Wandel genannt werden, der gerade zu dem Ausgangspunkt für die deutsche Einheit wurde: der Niedergang des real existierenden Sozialismus. Die Zukunft war in den 70er und 80er Jahren noch offen, es galt, sie zu erringen. Es gab eine Debatte um einen dritten Weg jenseits von Kommunismus und Kapitalismus. All diese Vorstellungen aber brachen in den 90er Jahren zusammen. Autoren wie Francis Fukuyama riefen damals das Ende der Geschichte aus. Die Zukunft wurde opak und unzugänglich, die Gegenwart der gesellschaftlichen Systeme dominierte.

Und die Corona Krise?

All diese Faktoren stützen den hegemonialen Diskurs in unserer Gesellschaft. Ändert an all dem die aktuelle Corona Krise etwas? Es mag tatsächlich sein, dass die Zeit des Neoliberalismus dem Ende zugeht. Ein Impresario der globalen Wirtschaft, Klaus Schwab, Direktor des World Economy Forums, hat jüngst in der „Zeit“ das Ende des Neoliberalismus ausgerufen. Doch ist das allein in keiner Weise die Lösung der bestehenden Probleme. Es ist doch deutlich, dass die Krise die gesellschaftlichen Gräben eher vertieft, dass  wiederum die Armen und Marginalisierten am meisten leiden werden. Ob die riesigen Summen, die die Zentralbanken in Umlauf bringen, die Regelsätze der sozialen Transferleistungen erhöhen oder doch nicht eher helfen, die Vermögen der Immobilien-und Aktienbesitzer abzusichern?

Der Weg zu einer großen Transformation

Der Text hier endet mit offenen Fragen. Er will eine Problemanzeige sein. Aber vielleicht muss man erst einmal die Fragen aushalten und sollte nicht vorschnell Antworten suchen. Technokratische Lösungen, die schnell in das eine oder andere Gesetz gegossen werden könnten, werden den Weg nicht weisen. Es geht um eine grundlegende kulturelle und auch gesellschaftspolitische Transformation. Es wird wohl wieder eine große Transformation sein müssen, wie Karl Polanyi sie im 19.Jahrhundert analysierte. Sie wird auf jeden Fall viel umfangreicher sein, als das, was innerdeutsch zwischen Ost und West in den letzten 30 Jahren stattgefunden hat.

Künstliche Intelligenz – auf dem Weg zu einem neuen Menschen?

Der Umgang mit digitalen Daten ist heute im Alltag nahezu unausweichlich: Wer ein Auto fährt, nutzt ein Navigationssystem. Wer Informationen zu einem beliebigen Thema erhalten möchte, nutzt die Funktionen der stets zugänglichen Suchmaschinen oder „schlägt“ bei Wikipedia „nach“. Telefonate, Fotografien und Filme, schriftliche Notizen: alles geschieht fast ausschließlich mit Hilfe digitaler Technologien. Durch die alltäglichen Aktivitäten entsteht weltweit eine unglaublich große Menge an Daten.

Wer beherrscht die moderne Datenflut?

Wer kann mit dieser schier unübersehbaren Menge von Daten umgehen? Menschen sind dazu nicht mehr in der Lage. Aber es gibt immer bessere Computerprogramme, die so schnell lernen wie neue Datensätze entstehen. Diese Computerprogramme haben hochspezialisierte Fähigkeiten, in denen sie den Menschen weit überlegen sind. Ist all das der Anfang vom Ende des Menschen? Werden künstliche Intelligenzen irgendwann die Herrschaft übernehmen, beherrschen uns dann Algorithmen, ja sind wir Menschen dann nur noch Algorithmen und vielen anderen, wie etwa der Erfolgsautor Noah Yuval Harari mutmaßt? Entsteht ein neues Wesen, eine künstliche Intelligenz, die für den Menschen selbst eine Bedrohung darstellt oder ihn in ganz neue Zeiten führt?

Der alte Traum vom künstlichen Menschen

Der Traum, dass der Mensch in der Lage sei, menschenähnliche Wesen zu schaffen, ist schon alt: Nach einer Sage soll der bekannte Rabbi Löw im 16. Jahrhundert in Prag mit kabbalistischer Kunst einen Golem, ein menschenähnliches Wesen aus Lehm geschaffen haben. Hier wird dem bekannten Gelehrten also eine gottähnliche Fähigkeit zugesprochen. Das Wesen wird, nachdem es seinen Zweck erfüllt hat, wieder zerstört. Im 18. Jahrhundert macht ein Automat, ein schachspielender Türke Furore. Allein aus mechanischen Elementen soll er menschliche Spieler schlagen. Natürlich war dies ein Betrug, ein versteckter Mensch in der Apparatur musste nachhelfen. Anfang des 19. Jahrhunderts hat Mary Shelley die Geschichte von Frankenstein erfunden, hier ging die Schöpfung schon neben alchemistischen Künsten auch mit den damals bekannten Naturwissenschaften vonstatten. Im 20. Jahrhundert schließlich wächst in der Science Fiction Literatur mit zunehmenden technischen Fähigkeiten auch die Zahl der künstlichen, von Menschen geschaffenen Wesen. So bevölkern Menschen-Maschine Mischwesen, die Cyborgs Romane und Filme. In dem Film „2001 Odyssee im Weltraum“ kämpft der Computer HAL gegen die Astronauten eines intergalaktischen Raumschiffes.

Die rasante technologische Entwicklung der letzten Jahrzehnte

Auch wenn man weltanschauliche Erwartungen oder Befürchtungen relativieren muss, so ist dennoch richtig, dass die Entwicklung der Technik in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hat. Maschinen erwerben eine immer komplexere Intelligenz und Roboter gewinnen immer mehr Freiheitsgrade in der Bewegung. Der Rechner Deep Blue von IBM hat 1997 den Weltmeister Kasparov im Schachspiel geschlagen, das Programm  Watson von IBM hat es 2011 geschafft, ein komplexes Wissensspiel, „Jeopardy“ im Fernsehen gegen gut gebildete Menschen zu gewinnen, das Programm AlphaGo von Google hat es 2016 geschafft, den weltbesten Go Spieler zu schlagen.

Allein diese Erfolge sind schon aufsehenerregend. Fundamental neu ist dabei zudem die Technik, die AlphaGo verwendet. Anders als in den vorigen Maschinen wird nun nicht mehr ein Programm Schritt für Schritt vorgedacht und abgearbeitet, sondern die Maschine „programmiert sich selbst“, indem sie mit immer neuen Daten gefüttert wird, die sie analysiert und daraus weitere Schritte abgeleitet werden. Die Technik, die hier verwendet wird, nennt sich „neuronales Programmieren“. Programmeinheiten des Rechners simulieren Neuronen, die zu einem Gitter verbunden werden. Diese Gitter werden über mehrere Ebenen gestapelt, die „Neuronen“ sind miteinander verkoppelt. Ihre Verbindungen zueinander gestalten sie wie biologische Neuronen durch Rückkoppelungsprozesse, Erfolge stärken bestehende Verbindungen, Misserfolge schwächen bestehende Verbindungen oderstärken alternative Wege. Die Technik, die neuronalen Netze zu gestalten nennt sich Deep Learning, der Begriff des „Lernens“ wird hier vom Menschen auf Maschinen übertragen. Das radikal Neue ist nun, das Maschinen mit solchen Netzwerken, die viele Millionen Mal gegen sich selbst Go oder Schach gespielt haben, was in kurzer Zeit möglich ist, eine Kombinationsfähigkeit besitzen, die auch für Programmierer nicht mehr nachvollziehbar ist. Das unterscheidet sie von Maschinen, die wie die klassischen Computer Rechenoperationen Schritt für Schritt nachvollziehbar abarbeiten. So hat AlphaGo in den Partien Züge gewählt, die alle menschlichen Spieler erstaunten und die doch letztlich zum Erfolg führten. Hier wird der Computer zu einer Blackbox, die in gewisser Weise ein eigenes, unvorhergesehenes Verhalten entwickeln kann, ähnlich wie die Geschöpfe aus dem Science Fiction.

Thesen zur Diskussion: Ist ein Künstlicher Mensch, ein transhumanes Wesen zu erwarten?

Was gilt nun: Reden wir von einem alten Traum unserer Kultur, den man getrost illusionär nennen kann oder stehen wir durch die digitalen Technologien vor der Erfüllung dieses Traums? Hier sind fünf Thesen, die auch die Grundlage für eine Debatte um KI am 17. September 2020 in der Kreuzeskirche in Essen gewesen sind.

(Die Thesen des Gesprächspartners Helmut Fink, Akademie für säkularen Humanismus, finden sich hier)

(Vorbemerkung: Die folgenden Thesen beziehen Intelligenz auf „Maschinen“. Entscheidend für intelligente Fähigkeiten sind natürlich eher die Programme und Programmarchitekturen, die auf Maschinen laufen. Beide können nicht aufeinander reduziert werden. Jedoch ist es immer das Aggregat, also eine Maschine, ein Computers, ein Roboters oder ein Netzwerke dieser Einheiten, auf den und die sich die Zuschreibung von Intelligenz bezieht. Der allgemeinste Begriff ist der der Maschine. So ist ja auch von einer Von-Neumann-Maschine die Rede.)

1. These

Menschen werden sich dauerhaft von Maschinen unterscheiden. Das wichtigste Kriterium: Menschen finden sich immer schon vor, sind Teil einer menschlichen Umgebung und entwickeln sich von dort aus. Maschinen werden von Menschen, nicht von Maschinen gemacht. Ihre Entwicklung wird von ebenso von Menschen, nicht von Maschinen geplant. Theologisch lässt sich das deuten als die Unterscheidung des Schöpfungshandelns Gottes und des Gestaltungshandelns des Menschen. So wie die Menschen nicht die Ebene Gottes erreichen können, so Maschinen nicht die Ebene des Menschen.

2. These

Die Intelligenz von Maschinen ist in allen Realisierungen bislang streng begrenzt und auf bestimmte Leistungen fokussiert. In den begrenzten Spezifikationen haben Maschinen leicht übermenschliche Fähigkeiten. Dies gilt schon für einen konventionellen Taschenrechner, der schneller und exakter multiplizieren kann als jeder Mensch. Den Menschen zeichnet dagegen eine generalisierte Intelligenz aus. Er kann rechnen, Fahrrad fahren, jonglieren, malen, musizieren und in vielfältigster Weise kommunizieren. Die Intelligenz ist sowohl kognitiv wie auch emotional, beide Seiten lassen sich nicht trennen. Damit ist die generalisierte Intelligenz eine Eigenschaft des Leibes. Bislang gibt noch nicht einmal in Ansätzen eine Definition für diese allgemeine Intelligenz.

3. These

Entscheidend für ein Verständnis des Menschen ist, dass er nicht in Einzahl existiert. Es kann also nicht ein Mensch mit einer Maschine verglichen werden, da ansonsten entscheidende Eigenschaften des Menschen aus dem Blick gerieten. Menschen leben in Verbundenheit. Kultur und das, was man traditionell den „Geist“ oder die „Vernunft“ nennt, sind Produkte von Kollektiven. Man kann menschliche Verbundenheit als eine nahezu unendliche Überlagerung von kommunikativen Rückkopplungen beschreiben.

4. These

Der Anthropologe Michael Tomasello beschreibt die menschliche Verbundenheit auch als geteilte Intentionalität: Zwei Menschen können sich auf etwas Drittes beziehen und wissen, dass sie sich beide auf etwas Drittes beziehen. Diese Eigenschaft ist schon bei Menschenaffen in ihrem Verhalten nicht zu entdecken. Diese unscheinbare Fähigkeit ist aber die Wiege der menschlichen Kultur. Sie schweißt die Menschen auf der kognitiven Ebene zusammen, etwas, was sich im Tierreich nicht findet. Noch weniger ist es bei Maschinen zu erwarten: Es ist völlig unklar, was eine Maschine leisten muss, so dass man ihr Intentionalität zuschreiben kann.

5. These

Mit der Intentionalität hängen mehrere grundlegende menschliche Vermögen zusammen. Ein Mensch kann einem anderen vertrauen. Das bedeutet aber auch, dass man sich täuschen kann, dass Vertrauen gebrochen werden kann. Kann eine Maschine Vertrauen brechen oder verhält sie sich nicht einfach nur anders als erwartet? Kann eine Maschine ein Versprechen abgeben? Ist das mehr als eine Prognose?

Das Problem mit den Fakten und den „fact news“

Es findet in den letzten Jahren eine bedenkliche Verschiebung in der gesellschaftlichen Debatte statt. Es wird oft eine Zweiteilung vorgenommen. Danach gibt es zwei grundlegende Strömungen: Einerseits ist da eine Seite, die sich modern, weltoffen und rational verhält. Sie vertraut den „fact news“ und hört auf „die Wissenschaft“. Andererseits ist da eine andere Seite, die bereit ist, „fake news“ zu folgen.

Im Hintergrund dieser Debatte steht ein gravierendes Problem. Gesellschaften stabilisieren sich über Ressourcen, die Vertrauen ermöglichen. Das sind in erster Linie langfristig aufgebaute Formen der Verbundenheit, Institutionen und Organisationen, auf die sich Menschen über viele Jahre, wenn nicht sogar lebensbegleitend beziehen können. Solche Institutionen sind Volksparteien, Vereine, Gewerkschaften, Kirchen und Verbände. Jedoch sind all diese Institutionen und Organisationen in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich schwächer geworden. Damit schwindet aber auch die durch die unterschiedlichen gesellschaftlichen Institutionen vermittelte Ressource des Vertrauens, die Attraktivität von Verschwörungstheorien wird größer.

Die Gefahr, die von Verschwörungstheorien ausgeht

Diese Situation verschärft sich in Krisenzeiten wie in der aktuellen Corona Krise. Welche Maßnahme ist in dieser neuartigen Pandemie angemessen? Wem kann man trauen? Wer spricht und handelt in wessen Interesse? Die Unsicherheit, die in einer Krise entsteht, ist so etwas wie ein Humus Boden für Verschwörungstheorien. Wenn man nicht mehr den handelnden gesellschaftlichen Akteuren traut, ist der Verdacht schnell zur Hand, dass sie in einem anderen Interesse handeln, dass es eine verschwiegene Motivation gibt, die sie nicht offen legen. Hierin steckt eine nicht zu unterschätzende Gefahr für eine demokratische Gesellschaft. Es gab und es gibt immer Verschwörungstheoretiker, die eine alternative Wahrheit anbieten, die sich jeder kritischen Nachprüfung entzieht. Doch wenn diese in den größeren Kreisen der Mehrheitsgesellschaft Gehör finden, kann das die Gesellschaft auf Dauer destabilisieren. Die Evangelische Akademie im Rheinland thematisiert deshalb aktuell in einer Vielzahl von spannenden Veranstaltungen die Wirkungen und Mechanismen von gegenwärtigen Verschwörungstheorien.

Aber auch die Rede von den „fact news“ ist hoch problematisch

Die gesellschaftliche Debatte hat aber neben einer stärkeren Resonanz von „fake news“ noch eine weitere problematische Folge, über die auch gesprochen werden muss: die Auszeichnung von „fact news“. Was sollte an den „fact news“ schwierig sein? In dem Gegenüber zu den Verschwörungstheorien ist scheinbar klar, was gemeint ist. Zugleich aber verselbstständigt sich die Rede von den „fact news“ und fällt dann auf eine gefährliche Weise hinter den aufklärerischen Standards zurück, die wir schon erlangt haben.

„Fact news“ werden oft mit der Stimme „der Wissenschaft“ identifiziert. Waren wir da nicht in der gesellschaftlichen Interpretation von Wissenschaften schon einmal viel weiter? Hier werden Identifizierungen vorgenommen, die auch den aufklärerischen Umgang mit den Wissenschaften in der Gesellschaft gefährden und die langfristig sehr negative Folgen auch für die Wissenschaften haben können.

1. Wissenschaften produzieren nicht einfach Fakten

Es gehört zu den grundlegenden Standards der Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts, dass die Wissenschaften als ein offener Forschungsprozess zu beschreiben sind. „Fakten“ sind immer Teil einer Theorie, die jederzeit problematisiert werden kann. Die Auszeichnung wissenschaftlicher Theorien gegenüber Verschwörungstheorien ist es ja gerade, dass sie sich kritischen Nachfragen stellen müssen, dass sie falsifizierbar sind. Keine Theorie steht einfach für die Wahrheit. Natürlich gibt es eine Vielzahl wissenschaftlicher Erkenntnisse, die nach menschlichem Ermessen kaum revidiert werden können. Wer sie kritisiert, muss schon sehr, sehr gute Argumente haben. Man darf in keiner Weise leichtfertig mit dem Erreichten umgehen. Aber keine Theorie ist unumstößlich. Das ist auch eine Lehre aus der Entwicklung der Wissenschaften im 20. Jahrhundert.

2. Die Stellung der Wissenschaft in der Gesellschaft ist nicht die einer Wahrheitsagentur

Hier muss man sich am stärksten wundern. Es gehörte zu dem Grundbestand jeder progressiven, gesellschaftskritischen Theorie vor wenigen Jahrzehnten, einer positivistischen Rede von den „wissenschaftlichen Fakten“ zu wehren. Damals hätte es einen Aufschrei gegeben, hätte jemand eine gesellschaftliche Position mit unumstößlichen wissenschaftlichen Fakten untermauern wollen. Doch die Positivismus Debatte scheint vergessen, heute redet, wer modern sein will und etwas auf sich hält, von den unbestreitbaren Fakten der Wissenschaft. Die Wissenschaften erscheinen als Wahrheitsagentur innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses. Das ist äußerst heikel. Einerseits, weil wissenschaftliche Forschung sich auch irren kann, etwa auch die beste Virologie. Zum anderen sind „wissenschaftliche Wahrheiten“ IN den gesellschaftlichen Verhältnissen IMMER gedeutete Aussagen. Schon gar sind Folgerungen, die man aus wissenschaftlichen Erkenntnissen zieht, Deutungen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich in der Öffentlichkeit äußern und für sich in Anspruch nehmen, DIE Stimme der Wissenschaft zu sein, bewegen sich auf dünnem Eis. Dem mahnenden Ausruf von Thea Dorn an öffentlich auftretende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf zeitonline ist deshalb sehr zuzustimmen: „Nicht predigen sollt ihr, sondern forschen!“ Man muss ergänzen: Und auch öffentlich von der Forschung reden, aber nicht im Habitus der Wissenden, sondern der Forschenden!

3. Der problemtatische Singular „Wissenschaft“

Auf die Spitze getrieben wird diese Entwicklung immer dann, wenn nur noch von dem Singular „Wissenschaft“ die Rede ist: „die Wissenschaft sagt,…“, „wir sollten auf die Wissenschaft hören…“, „die Wissenschaft hat da eine klare Position“. Hier ist der Schritt zur Ideologisierung einer vermeintlich Wahrheit sprechenden Instanz mit Namen „Wissenschaft“ nicht mehr fern. Mit der wissenschaftlichen Forschung hat das nur noch begrenzt zu tun. Die Wissenschaft als Instanz ist immer wieder missbraucht worden. So hat man sich in den finsteren Zeiten der UDSSR auf die Wissenschaft berufen, um parteipolitische Positionen abzusichern. So hat man im 19. Jahrhundert rassistische Positionen mit der Wissenschaft (damals die beginnende Evolutionsforschung) abzusichern versucht. Das hohe Gut der Wissenschaften bestehtaber darin, dass es hier keinen Singular gibt, sondern eine offene Gemeinschaft von selbstkritischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Es gibt in der Summe also viele Gründe, warum man die Rede von den „fact news“ und „DER Wissenschaft“ für sehr problematisch halten sollte. Die Wissenschaften waren darin unschlagbar stark, dass sie einen selbstkritischen Erkenntnisprozess organisiert und in Bewegung gehalten haben. Hoffen wir, dass das auch die künftigen gesellschaftlichen Verhältnisse diese Bewegung weiter unterstützen!

Der kurzatmige Umgang mit einer langfristigen Herausforderung – Die Debatte um das Ende der Corona Krise

Seit Januar wird über das Virus SARS CoV 2 geredet und debattiert. Seit Anfang März ist die Diskussion der deutschen Öffentlichkeit als existentielles Problem bewusst. Das ist spät, wenn man bedenkt, dass schon Mitte Januar in China eine partielle Quarantäne ausgerufen wurde. Nun ist es Mitte April. Schon aber wächst der Chor jener Stimmen täglich, die in der einen oder anderen Weise den Ausstieg aus den Pandemie-Maßnahmen und den Rückkehr zur „Normalität“, zu „unserem gewohnten Leben“ fordern. Ich möchte mich hier auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen der Krise beschränken. Die Krankheit selbst kann sehr schreckliche Folgen haben und es muss alles getan werden, um sie zu bewältigen und zurückzudrängen. Doch geht das leider nicht so einfach und eine Eindämmung hat weitreichende gesellschaftliche Folgen. Darum soll es im Folgenden gehen.

Viele leiden existentiell unter der Krise

Fatal ist, dass in vielen Beiträgen der Eindruck entsteht, in absehbarer Zeit ließe sich ein Normalzustand wieder herstellen. Der Wunsch zur baldigen Veränderung der Situation ist offenkundig, wenn man an den immensen wirtschaftlichen Schaden denkt, der durch die Einschränkungen in der Corona-Krise entsteht. Vielen Akteuren gerade im Dienstleistungssektor und in der Kultur bricht in diesen Wochen die Existenzgrundlage weg. Die gesundheitspolitischen Ziele widersprechen hier eklatant den existentiellen wirtschaftlichen Bedürfnissen vieler Menschen. Die Abwägung zwischen beiden Zielen fällt auch darum nicht leicht, weil starke wirtschaftliche Einbußen ebenfalls gesundheitliche Folgekosten für viele der Betroffenen haben. Für diese Betroffenen bedeutet die Rückkehr zum Normalzustand die Sicherung der eigenen Existenz. Staatliche Hilfsprogramme sind sehr segensreich, sie können aber auf Dauer die selbständige wirtschaftliche Existenz nicht ersetzen. Dennoch werden weitere staatliche Hilfsprogramme notwendig werden, um die gröbste Not zu lindern.

Die Rede vom schnellen Aufbruch

Doch nicht nur aus Not sehnt man sich nach Normalität. Die Börsenkurse nehmen den zu erwartenden Aufschwung nach der Krise schon vorweg. Das Dogma ist, dass steigende Börsenkurse den Normalzustand der Wirtschaftswelt kennzeichnen. Auch seriöse Zeitungen und Magazine spekulieren heute, Mitte April, also vier Wochen nach dem Beginn schon wieder über die Gestalt des neuen Aufbruchs. Ist es realistisch, auf ein baldiges Ende der Krise zu setzen? Ist es ratsam, dass führende politische Stimmen nahe legen, man müsse auf Sicht fahren und damit implizieren, hinter der nächsten Kurve könnte es schon wieder bergauf gehen?

Wie realistisch ist eine schnelle Rückkehr zur Normalität?

Die Argumente für eine langfristige Krise sind schwerwiegend. Ein Video von Mai Thi Nguyen-Kim hat alle wichtigen Faktoren zusammen getragen, um eine Abschätzung vornehmen zu können, wie sich die Pandemie weiter entwickeln wird. (hier) Es ist zu Recht sehr gelobt und oft geteilt worden. Frau Nguyen-Kim zeigt, dass es aus epidemiologischer Perspektive keinen Grund gibt, auf ein baldiges Ende der Pandemie zu spekulieren. Gerade dann, wenn es gelingt, die Zahl der Neuinfektionen gering zu halten, so dass die Gesundheitssysteme nicht überfordert sind, wird die Pandemie auf absehbare Zeit zu einer dauerhaften Herausforderung und Begleiter unseres Alltags. Viele Forscherteams  suchen weltweit nach einem Impfstoff. Doch bevor man ihn massenhaft einsetzen kann, müssen sorgsame Tests durchgeführt werden. Und das braucht Zeit, optimistische Prognosen gehen von dem Frühjahr 2021 aus.

Aber kann man nicht wenigstens auf einen baldigen wirtschaftlichen Aufschwung hoffen? Tatsächlich aber sind die Störungen des weltweiten Wirtschaftssystems aber gravierend und lassen sich wohl nicht schnell beheben. Es ist noch nie vorgekommen, dass weltweit sowohl die Produktion als auch die Nachfrage nach Waren zur gleichen Zeit eingebrochen sind. Die größten Irritationen mögen die wohlhabenderen Staaten mit viel staatlichem Geld für eine gewisse Zeit kompensieren können. Aber auch sie können die Störungen nicht aufheben und mittelfristig werden sie ihrerseits erhebliche Auswirkungen haben. Ein längerfristiger wirtschaftlicher Aufschwung ist trotz aller staatlicher Förderprogramme erst dann zu erwarten, wenn die Pandemie durch einen Impfstoff beendet wird.

War vorher alles gut?

Das alles sollte die Rede von der Rückkehr zur Normalität leiser werden lassen. Die voreilige Rede von einem baldigen Ende der Krise hat aber vor allem eine gravierende langfristige Nebenwirkung: Je schneller wieder die vertrauten Zustände eintreten, desto geringer ist die Chance, einen Neuaufbruch zu wagen. Die bedingungslose Rückkehr zur den gewohnten Verhältnissen ist nur für die sinnvoll, die der Meinung sind, dass vor der Krise alles weitgehend gut war. Doch war alles vorher gut?

Schon jetzt, im April, deutet sich ein trockener Somme an. Der Klimawandel ist in den Hintergrund der Aufmerksamkeit geraten. Doch ist er dadurch nicht gestoppt. Nun ist die unmittelbare Folge der Corona Krise, dass der Luftverkehr stark zurückgegangen ist. Der Absatz von Automobilen ist ebenso eingebrochen. Bedeutet die Rückkehr zur Normalität auch wieder eine Vollauslastung der Flughäfen, eine Emporschnellen der Automobilproduktion? Dann wird die sich abzeichnende Wirtschaftskrise erst einmal nicht so schlimm, die Klimakrise mit ihren weitreichenden Folgen aber nimmt ihren Lauf.

Die zurückliegende Phase des Wachstums der Weltwirtschaft hatte sehr unterschiedliche Auswirkungen. Einige Länder, wie Deutschland, haben stark gewonnen, andere wie Italien sind stagniert, wiederum andere wie viele südamerikanische Länder haben Jahre mit wachsenden sozialen Spannungen hinter sich. Kann es das Ziel sein, wieder möglichst schnell zu dieser Entwicklung zurückzukehren? Noch immer sind die langfristigen Folgen der Finanzkrise 2008 in vielen Ländern zu spüren. (Erstaunlich ist auch das bleibende Unbehagen vieler organisierter Fangruppen gegenüber einem durchkapitalisierten Fußball, der riesige Summen umsetzt und eine überschaubare Zahl von Profiteuren kennt.)

War also wirklich vorher alles gut? Kann man folgern, dass die möglichst rasche Rückkehr in den status quo ante, in den Zustand vor der Krise, der beste Weg ist? Die Rhetorik der raschen Erholung klingt zunächst einmal gut. Wer möchte sich nicht möglichst rasch von einer Krankheit erholen! Doch was, wenn der Zustand vor der Krankheit nur der einer tiefer gehenden, langsamer sich entwickelnden Krankheit war? Was, wenn die schnelle Rückkehr vor allem jenen dient, die schon vorher überproportional profitiert haben, wenn sie aber für die meisten langfristige Belastungen bedeuten?

Die Chance, die gesellschaftlichen Zielsetzungen zu überdenken

Die Corona Krise wird wahrscheinlich schon aus epidemiologischen und aus wirtschaftspolitischen Gründen nicht so schnell vorbei sein. Sie wird wahrscheinlich noch mindestens in diesem Jahr andauern. Wir sollten die Gelegenheit nutzen, uns neu zu orientieren und die Determinanten von Politik und Wirtschaft zu überdenken! Wir sollten kritisch Alternativen diskutieren, mit denen ein Neustart auch langfristig gelingen kann. Welche wirtschaftspolitischen, welche ökologischen Ziele sollen im Mittelpunkt stehen? Wir sollten die Chance zu einem gesellschaftlichen Diskurs nutzen, uns langfristig zu neu orientieren und nicht das Ziel einer kurzfristigen Erholung in den Zustand vor der Krise anstreben!

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