Kann man unsere Alltagswelt mit den klassischen physikalischen Gesetzen beschreiben?

In dem schon in anderen Beiträgen erwähnten Gespräch mit Harald Lesch (www.mensch-welt-gott.de) gab es eine Gesprächssequenz  (Teil 2), die eine weitreichende Bedeutung für die Interpretation der Welt hat. Üblicherweise nehmen wir an, dass die Welt von Grund auf zunächst einmal eine physikalisch beschreibbare Welt ist. Was auch immer existiert, lässt sich auf die physikalischen Grundbestandteile reduzieren. Was auch immer uns in unserer Alltagswelt begegnet, es ist letztlich aus den Grundbestandteilen der Elementarteilchenphysik zusammengesetzt. Doch lohnt hier ein zweiter Blick, den Lesch in dem Gespräch einfordert. Er warnt vor einer „Substanzmetaphysik“, also vor der Meinung, dass es eine Substanz gäbe und dass es auf sie allein ankomme, wenn man die Welt beschreiben will.

Physik komplexer Prozesse

Ein wesentlich komplexeres Bild zeigt sich, wenn man sich gerade auf die Erkenntnis der modernen Physik einlässt! Hiernach sind es nicht nur die „Teilchen“, auf die es ankommt, sondern auch auf die Prozesse, in die sie verwickelt sind. Allein die Tatsache, dass man alle an einem Prozess beteiligte „Teilchen“ kennt, heißt noch nicht, dass man den Prozess im Prinzip berechnen kann. Schon in makroskopischen Verhältnissen kann man einigermaßen komplexe Vorgänge nicht mehr mit Hilfe von Gesetzen beschreiben (Vielkörperproblem). Und hier kommt unsere Alltagswelt ins Spiel. Wenn wir die Alltagswelt so beschreiben wollen, wie sie tatsächlich abläuft, dann müssen wir uns hochkomplexen Prozessen stellen, die wir nicht ansatzweise berechnen können.

Das unterscheidet die Alltagswelt von dem ganz Großen, dem Universum, und dem ganz Kleinen, den Elementarteilchen. In diesen Bereichen ist es möglich, Vereinfachungen einzuführen, um die Berechenbarkeit zu verbessern. So nimmt man beispielsweise an, dass die Masse im Universum annähernd gleichverteilt ist. Dadurch erst sind viele Berechnungen möglich. Natürlich ist die Masse nicht gleich verteilt, aber in den großen Dimensionen des Universums spielt das keine Rolle.

Doch in unserer Alltagswelt interessiert uns ja nicht, was wir berechnen können, wenn wir ähnliche Vereinfachungen vornehmen, sondern wir wollen doch wissen, wieso genau das geschieht, was geschieht! Und dann muss man feststellen, dass die Prozesse so komplex sind, dass sich gleich mehrere fundamentale Schwierigkeiten stellen.

Grenzen der physikalischen Beschreibung der Alltagswelt

Erstens kann man die Vorgänge nicht berechnen („Warum öffne ich gerade ein Fenster?“) Es handelt sich ausnahmelos um nichtlineare Prozesse mit einer Unzahl von Variablen. Schon bei dem ganz einfachen Drei-Körper-Problem kommt die physikalische Berechenbarkeit an seine Grenze, erst recht aber bei der Beschreibung unseres hochkomplexen Körpers, der mit den Dingen der Umwelt interagiert.

Zweitens kommen die konkreten Prozesse („Ich öffne jetzt ein Fenster“) immer nur in der Fallzahl 1 vor. Jede Situation mit der Vielzahl von Faktoren ist einmalig, die mich dazu bringt, das Fenster zu öffnen. Eine solche Situation wird niemals wieder eintreten. Also lassen sich so gut wie keine allgemeinen Gesetzmäßigkeiten für den Alltag ableiten. Ein „Gesetz“ müsste für jeden Fall neu geschrieben werden: „Am 28. Juni 2017 lässt sich gegen 11 Uhr für die Person Frank Vogelsang an dem Ort XY durch Berechnung eindeutig die Prognose ableiten, dass er das Fenster öffnen wird.“ Das ist eben nicht möglich.

 

Das bedeutet drittens, dass die Reproduzierbarkeit weg fällt, eine wichtige Voraussetzung zumindest der experimentellen Physik. Niemand kann die Konstellation rekonstruieren, nach der ich in genau dem Moment entschied, das Fenster zu öffnen.

Nun kann man entgegnen, dass das für den Einzelfall richtig sei, dass man aber trotzdem „im Prinzip“ alles beschreiben könne und nichts die physikalischen Gesetze bricht. Das ist richtig, aber es bleibt die Frage, wem die prinzipielle Aussage nützt? Wunder im Sinne der Durchbrechung allgemeiner physikalischer Gesetze können ausgeschlossen werden, das ist wahr, aber deshalb ist die Alltagswelt dennoch nicht berechenbarer geworden.

Die Alltagswelt ist eine Wirklichkeitsform, die nicht reduzierbar ist

Harald Lesch sagt in dem Interview deshalb: Die Vorgänge der Alltagswelt sind nicht reduzierbar. Es macht wenig Sinn, zu sagen, dass sie eigentlich nichts anderes sind als das, was die Bewegung der unendlich vielen beteiligten Elementarteilchen. Denn über dieser Aussage liegt der Schleier der fundamentalen Unberechenbarkeit. Eine genauere Analyse zu diesem Thema nimmt übrigens der Physiker und Philosoph Jan C. Schmidt vor in seinem Buch „Das Andere der Natur“, in dem er ausführlich die Physik nichtlinearer Prozesse und chaotischer Systeme behandelt.

Wenn wir aber an unserer Alltagswelt interessiert sind, dann brauchen wir also andere Beschreibungsformen als die der physikalischen Gesetze. Anders gesagt: Eine Physik der hochkomplexen Prozesse der Alltagswelt kommt schnell an ihre Grenzen. Da ist es dann eine hochrationale Folgerung, einen Methodenwechsel für die Beschreibung vorzunehmen: Wir fangen an zu erzählen, um das Vergangene zu beschreiben und Vermutungen zu äußern, um das Kommende zu beschreiben. Diese Verfahren in den Geisteswissenschaften und auch in der Theologie sind also in keiner Weise defizitär. Sie gehorchen nicht den Objektivitätsstandards wie die Gesetze der Physik, aber sie sind in hohem Maße sachadäquat!

Was wäre, wenn man die Seele fände?

Am Dienstag, dem 20. Juni, lautete die Tageslosung: „Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir, darum gedenke ich an dich.“ (Psalm 42,7) Die Seele spielt in der Frömmigkeit seit je her eine große Rolle. Die Seele ist Ausdruck unserer Identität vor Gott. Die Seele ist der Ort der tiefst empfundenen Gefühle. Die Seele steht für das wahre Ich, das unverfälscht von allen gesellschaftlichen Überformungen das zum Ausdruck bringt, was ich wirklich bin.

Das Wort „Seele“ hat so eine überragende Bedeutung und zugleich weist es auf etwas, was kaum richtig zu fassen ist. Wir gebrauchen das Wort zwar immer wieder und doch fällt es uns schwer, zu sagen, was eigentlich gemeint ist. Diese Diskrepanz ist vielleicht nicht von ungefähr so, vielleicht ist das sogar notwendig für das, was „Seele“ zum Ausdruck bringen will.

Der Einspruch der Naturwissenschaften

Im Dialog mit den Neurowissenschaften kommt immer wieder die Frage auf, ob es so etwas wie eine Seele überhaupt geben kann. Und in der Tat, eine Seele, die aus einer wie auch immer gestalteten Substanz besteht, wie sie in den Zeichnungen von Wilhelm Busch auftauchen (Die fromme Helene), ist weit und breit nicht zu finden. Es gibt offenkundig keine Substanz, auch keine feinstoffliche Verbindung, was auch immer das sein soll, die mit der Seele in Verbindung gebracht werden könnte. Und auch Wilhelm Busch hat die Vorstellung in seinen Zeichnungen schon ironisch verwendet.

Ebenso scheint es unsinnig, nun einen ausgezeichneten Teil des neuronalen Gewebes selbst zur Seele zu erklären. Die Zellenstrukturen haben je eigene, hochspezifische Funktionen. Was auch immer wir unter der Seele verstehen, auf keinen Fall aber handelt es sich um eine spezifische Struktur!

Es gibt in unserem naturwissenschaftlichen Wissen wenig bis keine Anhaltspunkte, von einer Seele zu reden. Und doch tun dies auch im 21. Jahrhundert noch sehr viele Menschen. Besonders erstaunlich: Auch viele naturwissenschaftlich ausgebildete Medizinerinnen und Mediziner halten das Wort für nicht veraltet.

Die Seele zu finden, wäre verheerend!

Aber wonach suchen wir überhaupt? Können wir die Erwartung haben, etwas zu finden? Man sollte sich einmal fragen, was geschähe, wenn wir die Seele eines Tages (etwa mit Hilfe neuer Messmethoden) doch finden würden?! Ich vermute, die Folgen wären alles andere als gut, sie wären verheerend! Denn wir verbinden ja mit der Seele unsere tiefstempfundene Identität. Die Seele steht für das, was wir eigentlich sind. Wenn wir also die Seele fänden als ein besonderer Teil des Körpers oder als etwas, das von dem Körper getrennt werden könnte, dann würde die Wertschätzung von all dem, was nicht Seele ist, sinken. Das hätte zwangsläufig zur Folge, dass der Rest des Körpers oder eben der ganze Körper abgewertet würden. Schließlich haben wir ja doch mit der Seele unseren Identitätskern gefunden!

Es gibt tatsächlich Religionen und Frömmigkeitsformen, die dazu tendieren, die Seele von dem Körper zu trennen. Die Folgen sind augenfällig: Die Seele wird dann das eigentlich Wichtige, der Körper ist nur noch äußere Hülle. Auch das Christentum war in manchen Zeiten vor solcher Interpretation nicht gefeit. Meiner Ansicht nach widerspricht das aber dem Zentrum des Evangeliums: Gott wurde Mensch in dem Menschen Jesus von Nazareth! Die „Inkarnation“ wertet gerade den Körper durch die Menschwerdung Gottes sehr stark auf. Genau das aber wäre gefährdet, gelänge es, so etwas wie die Seele zu finden! (Dass damit zugleich unendlich viele weitere Probleme anstünden, steht auf einem anderen Blatt

Die Seele aus der Sicht der Psalmen

Übrigens kommt man dem Begriff der Seele näher, wenn man die alttestamentlichen Texte genauer betrachtet. In dem oben genannten Psalmvers 42,11 wird das Wort „nefesch“ gebraucht. Das Wort heißt übersetzt Atem, aber auch Kehle, Gurgel, Schlund und weist nicht nur auf den Luftaustausch, der für das Leben notwendig ist, sondern auch auf den Nahrungsaustausch. Und hier kommen wir der Sache, was Seele meinen könnte, schon näher. Die Seele ist eben gerade kein abgegrenztes Etwas, keine in sich geschlossene Einheit, sondern gerade das, was verbindet, das, was uns im Austausch sein lässt! Meine Seele dürstet nach Gott, sagt der Beter des Psalms 42. Sie hat eben nicht in sich selbst Genüge. Eine Seele an und für sich ist verloren, sie sucht, sie dürstet, sie sehnt sich, sie harrt. Für den Beter ist klar: Vor allem sehnt sich die Seele nach Gott. Wenn sie im Austausch mit ihm ist, kommt sie zu sich selbst.

So bleibt eine Spannung: Offenkundig ist die Seele etwas, das sich nach etwas anderem sehnen kann. Sie kann also erleben, dass sie allein ist. Aber sie kommt nicht zu sich selbst, wenn sie allein ist. Deshalb sind alle Bilder eines abgetrennten Etwas falsch. Sie kommt zu sich selbst, wenn sie mit anderem in Kontakt ist, wenn eine tiefgreifende Verbindung besteht.

Für so etwas aber haben wir keine Bilder. Und doch können wir immer wieder die Realität der Seele spüren. Die Seele ist übrigens nicht so ganz viel anders als die Sprache: Sprechen können wir je und je allein, aber Sprache kann durch keinen Menschen allein erfunden werden. Sie entsteht erst in Gemeinschaft, in Verbundenheit.

Die traditionellen Bilder von der Seele in unserer Kultur sind hochproblematisch, denn sie verstärken die Vorstellung einer isolierten Existenz. Besser erscheinen mir da die Bilder der hebräischen Bibel. Meine Seele ist das, was aus einem ständigen Austausch lebt, wie der Atem. Im Gesangbuch wird das immer wieder aufgegriffen durch den Gesang – denn was ist der Gesang anderes als eine besonders kunstvolle Weise zu atmen?

Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön
dem, welchem alle Dinge / zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben / hier preisen auf der Erd;
ich will Ihn herzlich loben, / solang ich leben werd.

Über die Rolle von moralischen Werten in der Politik

In den letzten Jahren hat die Rede von moralischen Werten in der deutschen Politik dramatisch zugenommen. Wenn man den öffentlichen Verlautbarungen glaubt, geht es in der politischen Auseinandersetzung vor allem darum, welchen Werten man folgt. Oft hat die Rede von den Werten appellativen Charakter: Man müsse sich auf die gemeinsamen Werte besinnen, es gehe darum, den richtigen Werten zu folgen, im Ernstfall geht es darum, die gemeinsamen Werte zu verteidigen.

Die Politik als Mechanismus zur kollektiven Ausrichtung auf gemeinsame Werte? Für mich ist diese Beschreibung in keiner Weise überzeugend. Zunächst einmal vorab, damit keine Missverständnisse entstehen: Natürlich spielen Werte eine wichtige Rolle in politischen Handlungen. Das gilt aber nicht nur für die politischen Handlungen, sondern ebenso auch für alle anderen menschlichen Handlungsweisen. Auch wirtschaftliches, unternehmerisches, wissenschaftliches, kulturelles und religiöses Handeln sollte wertorientiert sein. Es ist eine Auszeichnung aller menschlichen Handlungen, dass sie Werten folgen können. Und es ist weiterhin eine Auszeichnung, dass wir diese Werte diskutieren, dass wir über Wertkonflikte reden und bestehende Wertorientierungen in Frage stellen können.

Politik ist der Ort der Aushandlung gesellschaftlicher Konflikte

Doch gilt das für alle menschlichen Handlungen, da hat die Politik keine Sonderstellung. Ich bezweifle aber, dass die Politik als ein herausragender Ort für wertorientiertes Handeln beschrieben werden kann. Politik ist in der Tradition doch viel überzeugender als ein Ort der Aushandlung von Interessenskonflikten beschrieben worden. Es geht in der Politik nicht darum, wer den besseren oder richtigen Werten folgt, sondern darum, auf wertorientierte Weise Konflikte zwischen unterschiedlichen Interessen zu bearbeiten. Das war nicht nur in der Vergangenheit richtig, sondern hat auch heute eine große Bedeutung. Eine moderne offene Gesellschaft ist zu kompliziert, als dass ein Mastermind eine für alle gleichermaßen gültige und zufrieden stellende Lösung finden könnte. Geschichtliche Entwicklungen sind kontingent, zufallsbestimmt und oft nicht „systemlogisch“.

Es gibt in einer offenen Gesellschaft unterschiedliche kollektive Erinnerungen, unterschiedliche ökonomische Interessen, es gibt technische Innovationen mit unübersehbaren sozialen Folgen. Wenn es also nicht die eine Position gibt, von der aus die Problemlösungen dirigiert werden können, bleibt es bei der pragmatischen Aushandlung von je und je entstehenden Konflikten. Die Interessensgruppen können sich in der Gesellschaft mehr oder weniger gut hörbar machen und ihre Interessen vertreten. Es gibt Gewinner und Verlierer. Nicht alle haben gleichen Zugang zu Ressourcen.

Die biblische Geschichte ist voller Konfliktdarstellungen

Zum Verständnis der aktuellen politischen Diskussion kann es auch hilfreich sein, einmal in die Bibel zu schauen. Die biblischen Darstellungen von Geschichte legen ein Verständnis von Geschichte nah, das von Konflikten und immer wieder neu entstehenden Verwerfungen geprägt ist. Die Geschichte ist hier eher eine turbulente Entwicklung mit immer wieder neuen Herausforderungen. Scheint einmal alles einigermaßen gut geordnet wie im Königreich David und Salomon (das aber auch durch nicht enden wollende Konflikte gekennzeichnet ist), entstehen alsbald neue Probleme und Verwerfungen. Immer wieder intervenieren Seher und Propheten, die situationsbezogen handeln. Eine dauerhafte Lösung von Konflikten zeichnet sich nicht ab. Das gilt für das Verhältnis der Menschen zueinander. Das gilt im Übrigen aber auch für ihr Verhältnis zu Gott. Wenn die christliche Botschaft davon redet, dass die Konflikte zwischen Mensch und Gott aufgehoben sind, dann lag das nicht an der richtigen Wertorientierung der Menschen…

Kann es einen Zustand weitgehender Konfliktlosigkeit geben?

Es gibt allerdings eine Tradition der politischen Theorie, die die Beschreibung von Politik durch Interessenkonflikte eher gering schätzt. Das ist die liberale Tradition. Sie legt nah, dass es ein harmonisches Miteinander der vielen Menschen in einer komplexen Gesellschaft geben kann, wenn nur die richtigen Randbedingungen gesetzt sind. Richtige Randbedingungen sind solche, die die freie Entfaltung von Individuen befördern. Dann stellt sich ein Zustand ein, der den größten Nutzen für alle erzeugt. Doch hat diese Tradition den Nachteil, dass sie auf keine historische Erfahrung verweisen kann, in der die Bedingungen erfüllt gewesen wären. Die Geschichte der Menschheit ist aus dieser Perspektive eine fortgesetzte Folge von Störungen und Abweichungen von dem idealen Zustand. Ist man aber nah dem idealen Zustand, dann kann man sich in der Politik auf die Werte konzentrieren und an die Individuen appellieren, sich entsprechend der gemeinsamen Werte zu verhalten.

Aber vielleicht sind die Störungen gar keine Abweichungen von einem an sich idealen Zustand, vielleicht sind die immer neuen geschichtlichen Konstellationen mit immer neuen Herausforderungen der Normalfall der menschlichen Existenz in der Geschichte! Dann ist es nicht so einfach, globale Rezepte zu dekretieren. Erst in den Mühen der Ebene, bei dem Aushandeln der vielen kleineren und größeren Konflikte, mag sich herausschälen, welche politische Entscheidung gerechtfertigt ist und welche nicht.

Die Rede von den Werten wirkt strukturkonservativ

Welche Funktionen hat die ausufernde Rede von den Werten in der Politik, die man in den letzten Jahren beobachten kann? Wer Werte immer wieder thematisiert, zeigt, dass es ihm an ihrer Aufrechterhaltung der Werte gelegen ist. Im Grunde ist die Rede, so wie sie bei uns geführt wird, aber nicht nur wertkonservativ, sie ist auch strukturkonservativ. Sie legt nah, dass politischen Rahmenbedingungen schon mehr oder minder gut eingerichtet ist. Es kommt nur darauf an, dass die Menschen auch den „richtigen“ Werten folgen.

In der öffentlichen Darstellung geht es den politisch Tätigen anscheinend vor allem darum, darauf zu achten, dass die gemeinsamen Werte eingehalten werden. Der Appell an die gemeinsamen Werte betont aber die Gemeinsamkeit und lässt gesellschaftliche Konflikte gering erscheinen. Der Rest von Politik besteht aus untergeordneten technischen Fragen, wie man das gemeinsam Bestätigte am besten erhalten kann. Diese öffentliche Darstellung kaschiert damit die Konflikte, die in jeder offenen Gesellschaft, besonders aber in einer modernen Gesellschaft bestehen. Wer Werte thematisiert, braucht nicht so sehr über Interessenskonflikte zu reden, es geht schließlich um das Gemeinsame.

Die politische Exekutive kann sich durch den Appell an die gemeinsamen Werte den Anstrich einer präsidialen Rolle geben. Dass die Exekutive in der Politik in „westlichen“ Gesellschaften eine problematische zentrale Machtstellung gewonnen hat, dass die Legislative, das Parlament, nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, hat etwa der Historiker Pierre Rosanvallon klar herausgearbeitet. Doch das Parlament ist der eigentliche Ort, um Konflikte öffentlichkeitswirksam zum Ausdruck zu bringen.

Die deutschen Konflikte werden zurzeit nach Europa exportiert

Für unser politisches Gemeinwesen wäre viel gewonnen, wenn es gelänge, Interessenskonflikte wieder deutlicher zur Geltung zu bringen. Denn das bildet besser ab, was in der Gesellschaft tatsächlich stattfindet: Eine unausgesetztes Ringen um Ressourcen und Interessenseinflüssen. Diese Interessenskonflikte gibt es innerhalb der nationalen Gesellschaften, aber auch im internationalen Kontext. Es scheint so, als habe die deutsche Gesellschaft die Konflikte externalisiert: in der aktuellen europäischen Situation profitiert Deutschland als stärkster Produktionsstandort von der gemeinsamen, eher schwachen Währung, während andere Länder in einer wirtschafts- und sozialpolitisch prekären Situation sind. Das ist dann eine gute Voraussetzung, die Werte in der politischen Rhetorik nach vorne zu kehren, an gemeinsame Werte zu appellieren, die Konflikte sind ja im eigenen Land gemildert.

Es ist aber äußerst wahrscheinlich, dass die Interessenkonflikte sehr bald wieder hervorbrechen werden: In der Europäischen Union gibt es eine Vielzahl tiefgreifender struktureller Konflikte, die bislang kaum in unser Bewusstsein gedrungen sind. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis sie offen thematisiert werden. Dann stehen Entscheidungen an und dann werden wir wohl auch in der deutschen Politik wieder stärker von Konflikten reden müssen.

Eine Überlegung zu einer kirchlichen Kreiskultur

Anfang Mai haben wir, die Evangelische Akademie im Rheinland und die Melanchthon-Akademie in Köln (Martin Horstmann), eine gut besuchte Kooperationstagung durchgeführt zu dem Thema „Kreiskultur“. Unser Ansinnen war es allen Ernstes, die Kreiskultur in der Kirche zu stärken. Das hat sicherlich bei dem einen oder der anderen Stirnrunzeln ausgelöst: Erst einmal klingt ja nichts Abgestandener, als „Kreise“ in der Kirche zu initiieren, gab und gibt es nicht schon genügend Bibelkreise, Gebetskreise, Hauskreise und Stuhlkreise?

Ja, die gab es schon immer und erst einmal ist das doch ein wichtiges Zeichen, dass da offenkundig etwas stimmt! Uns ging es aber nicht darum, Bestehendes zu pflegen, sondern darauf aufmerksam zu machen, wie sehr die Kreisform eine Hilfe sein kann, das Besondere der Kirche zu verstehen. Es ging nicht um eine bestimmte Geselligkeitskultur, sondern um ein Verständnis für das, wofür der Kreis steht. Vieles haben wir während der Veranstaltung diskutiert, vor allem auch jede Menge praktischer Hinweise für die Gestaltung einer Kreiskultur.

Eine Überlegung möchte ich hier gerne mitteilen, die uns während der Vorbereitung gekommen ist. Es geht darum, die mathematische Form des Kreises symbolisch zu deuten. Das lässt überraschende Einsichten zu. Ein Kreis besteht aus Punkten. Diese Punkte sind alle auf einen Mittelpunkt bezogen, nur so werden sie zu Punkten eines Kreises. Leicht lässt sich folgern: Die Punkte sind die Christinnen und Christen, der Mittelpunkt ist Christus.

Nun lässt sich das Bild des Kreises überraschend tiefgründig auslegen. Zunächst: Die Punkte sind untereinander gleich berechtigt. Es gibt keinen Punkt, der den Kreis in hervorragender Weise repräsentiert. Damit wird der Kreis zu einem guten Bild für ein reformatorisches Verständnis von Kirche.

Wie wird ein Mensch Christin bzw. Christ? Die Figur des Kreises legt nah, dass ein einzelner Mensch aus sich heraus, dazu nicht in der Lage ist! Denn ein einzelner Punkt liegt auf unendlich vielen Kreisen von unendlich vielen Mittelpunkten. Ein einzelner Mensch kann nicht Christ werden, eine steile These. Aber ist sie nicht biblisch? Wenn ein Mensch nie von dem Evangelium gehört hat, wenn dieser Mensch nie etwas über Christus gelesen hat, kann er dann Christin oder Christ genannt werden? (Das sagt im Übrigen meiner Ansicht erst einmal nichts über die Beziehung dieses Menschen zu Gott aus. Wenn man aber Menschen allein dadurch, dass sie Menschen sind, zu Christen erklärt, wird es theologisch mehr als schwierig).

Wenn aber ein zweiter Punkt hinzu kommt und sich beide Punkte demselben Kreis zugehörig wissen, dann gibt es mathematisch nur noch zwei Punkte, die als Mittelpunkte für beide in Frage kommen. Sind es aber drei Punkte, so ist der Kreismittelpunkt in der Mathematik eindeutig bestimmt! Dies nimmt schön die Aussagen auf: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20)

Nun darf man es mit der Ausdeutung von Symbolen nicht übertreiben, aber das Symbol des Kreises gibt erstaunlicher Weise eine Menge von dem wieder, wie Kirche sich verstehen kann. Zuletzt und vor allem: Nicht Kathedralen und Dome machen Kirche zu Kirche, auch nicht Gesetze und Verordnungen, nicht Haushalte und auch nicht Institutionen, sondern die gegenseitige Verbundenheit der Menschen. Wir sind aufeinander angewiesen, wenn wir Christen sein wollen, alleine geht es nicht. Wenn wir aber „in Christus“ aufeinander bezogen sind, dann sind wir auch auf Christus als dem Mittelpunkt bezogen.

Was ist mit Geschichte?

Ich empfinde schon seit längerer Zeit ein Unbehagen, wenn ich aktuelle Diskussionen zum Zeitgeschehen verfolge. Ich habe den Eindruck, dass wir in einer Zeit gravierender Geschichtsvergessenheit leben. Nicht in dem Sinne, dass wir uns nicht mehr erinnern würden. Schließlich ist doch die Evangelische Kirche in diesem Jahr mit großer Intensität dabei, das Reformationsjubiläum zu begehen! Auch gibt es vielfältige Gedenkfeiern, oft motiviert durch die schreckliche deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Ich meine eher die Geschichtsvergessenheit in der Deutung der Gegenwart. Wir diskutieren unsere Zeit, als sei sie so, wie sie ist und viel Neues sei auch nicht zu erwarten. Kaum gibt es in der Deutung der Gegenwart einen Blick zurück, schon gar nicht gibt es einen Blick nach vorne.

Es stellt sich die Frage, ob dies nicht die Folge eines im Grundsatz liberalen Schemas ist. Danach gibt es zwar eine Geschichte, aber die Geschichte ist doch eher die Geschichte der Störungen eines sich selbst stabilisierenden Systems. Der freie Markt ist das Paradebeispiel. Wenn es nur den wirklich freien Markt gäbe, dann stabilisierte er sich immer wieder neu, kleinere Veränderungen würden aufgenommen und in einen neuen stabilen Zustand überführt. Hier ist Geschichte Nebensache. Natürlich gibt es Veränderungen, aber den Hauptton setzen die sich selbst stabilisierenden Systeme. Wenn man die Störung gering halten kann, dann geht das System wieder in einen stabilen Zustand über. Das gilt dann auch für die Natur: eigentlich ist sie stabil. Als ob die Evolution nicht von etwas ganz anderem reden würde: Hier ist alles Bewegung und Veränderung. Evolutionäre Nischen sind die Ausnahme und meist nicht auf Dauer gestellt.

Ich habe diese Grundgedanken liberaler Theorien schon immer für eine Fiktion gehalten: Eigentlich wäre die Welt wunderbar eingerichtet, nur leider gibt es ständig Störungen. Ich glaube, dass umgekehrt „ein Schuh daraus wird“: Wir leben in einer Welt, die sich in einer kontinuierlichen  geschichtlichen Veränderung befindet. Was gestern war, ist heute anders und wird morgen wiederum verändert sein. Stabilisierende Systeme sind Abstraktionen aus dieser Entwicklung. Sie mögen eine Zeit lang Stabilität ermöglichen, aber es ist immer damit zu rechnen, dass sie sich grundlegend verändern können.

Diese Sichtweise ist im Übrigen meiner Ansicht nach auch biblischer. Der christliche Gott ist ein Gott der Geschichte. Er hat sein Volk durch die Geschichte begleitet. Israel hat immer wieder die bewahrende Kraft Gottes, aber auch seinen Zorn erfahren und zum Ausdruck gebracht. Auch nach der Offenbarung Gottes in Christus hört die Geschichte nicht auf. Christinnen und Christen leben im Vorschein des kommenden Reiches Gottes. Deshalb ist die Erinnerung so wichtig, ist es wichtig, von Gottes Geschichte mit dem Menschen erinnernd zu erzählen. Und deshalb ist auch die Hoffnung so wichtig, weil sie einen Sinn dafür gibt, was noch aussteht. Wir sind eingebunden in eine geschichtliche Entwicklung, die wir nur mit Mühe überschauen können. Aber Versuche dazu, etwa durch Erzählungen, können auch immer wieder Neues entdecken, Neues in dem Vergangenen, das aber auch überraschende Einblicke in das gewähren kann, was kommen wird.

Doch wir diskutieren unsere Gegenwart nicht in diesem Spannungsbogen. Wir beschreiben sie nur in Ansätzen aus der Entwicklung der Vergangenheit heraus. Aber schon gar nicht beschreiben wir sie unter dem Vorzeichen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Stattdessen sind wir vernünftig und realistisch. Wir wissen nun, was Sache ist, haben die Lehren aus der Vergangenheit gezogen. Wir stehen nicht in einer kontinuierlichen Entwicklung, sondern sehen die Vergangenheit als ein Reservoir an, aus dem wir unsere Folgerungen ziehen. Wir schauen natürlich in die Zukunft. Aber auch das tun wir vernünftig und realistisch: Wir stellen Prognosen an, zumeist mit „wissenschaftlichen“ Mitteln. Zumeist fallen die Prognosen negativ aus. Aber das zeigt ja nur, wie vernünftig und realistisch wir geworden sind.

Da ist etwas Grundsätzliches verloren gegangen. Nichts gegen Prognosen, die jeder Mensch, der tatsächlich vernünftig und verantwortlich ist, anstellen muss. Aber warum fragen wir nicht viel intensiver danach, in welcher geschichtlichen Entwicklung wir leben? Warum versuchen wir nicht die politische und kulturelle Bewegung aus der Vergangenheit in die Zukunft fortzuschreiben. Warum entwickeln wir keine Hoffnung und sehen die Wirklichkeit als eine zukunftsoffene Wirklichkeit an? Warum sind wir eigentlich kaum neugierig auf das, was da kommen wird? Der Versuch, die Welt als sich selbst stabilisierendes System zu verstehen, kann in manchen Fragen hilfreich sein. Die Menschheitsgeschichte aber zeigt: Zumeist wurde es auf überraschende Weise anders, als die Menschen zuvor geglaubt haben. Das gilt auch heute so, seien wir doch vernünftig und realistisch!