Diskurse in Zeiten des Gebrülls – Vom Schwinden des Vertrauens

Dieser Beitrag ist ein Impulsvortrag im Rahmen des theologischen Kolloquiums der Evangelischen Akademien in Deutschland im Januar 2020 in Berlin

Das Gebrüll kann überall entstehen

In den Tagen um Weihnachten ist in Deutschland Unerhörtes geschehen. Ein Skandal erschüttert die Republik. Ein kleiner Chor aus etwa 20 Kindern im Grundschulalter singt das bekannte Nonsenselied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ mit umgedichteten Textzeilen, unter anderem der Zeile: „Meine Oma ist ne alte Umweltsau!“ Die Kids sind sichtbar übermütig und beschwingt, das Lied macht ihnen Spaß. Doch die Republik steht Kopf: In den sozialen Medien schwappt die Wut über. Die Hashtags „#Umweltsau“ und „#Umweltsaugate“ explodieren. Innerhalb kurzer Zeit äußern sich der Ministerpräsident des Landes und weitere führende Politiker. Der Intendant der größten Sendeanstalt der ARD formuliert in einem hastig arrangierten Pressetermin ein öffentliches Meaculpa. Es gibt eine Sondersendung am folgenden Tag. Das gesellschaftsgefährdende Video wird sofort von allen Internetseiten des Senders gelöscht. Alles geht rasend schnell. Der betroffene Chorleiter erinnert sich: „Am Freitagabend war bei uns alles noch relativ ruhig und am Samstag entwickelte sich für uns das Thema in unerwartete Richtungen. Am Nachmittag war schließlich klar, dass das Thema bundesweit diskutiert werden würde.“ Am Samstag berichteten alle Zeitungen und Medien, von Skandal ist die Rede, von Entsetzen. Die Empörungswelle hielt für mehrere Tage an.

Diskurse in Zeiten des Gebrülls? Das Beispiel zeigt: Der Anlass für das Gebrüll kann sehr trivial sein. Ich bin gebeten worden, aus einer theologischen/philosophischen Perspektive auf das Thema zu schauen. Ich werde mich dem Thema so nähern, dass ich danach frage, was die beiden Begriffe repräsentieren: Wofür steht der Begriff „Diskurs“? Wofür wiederum steht der Begriff „Gebrüll“? Und welche Rolle spielt die Gesellschaft, in der das „Gebrüll“ bzw. der „Diskurs“ stattfinden?

Die Motivation, die beiden Begriffe einander gegenüber zu stellen, ist offenkundig. Wir erleben in unserer Zeit einen deutlichen Verfall der öffentlichen und semiöffentlichen Kommunikation. Neu ist der Einfluss digitaler Medien und dort insbesondere der so genannten sozialen Netzwerke, also jener von privaten Unternehmen betriebenen Plattformen, auf denen sehr viele Menschen tagtäglich kommunizieren. Diese Kommunikation steht immer in Gefahr, bei unterschiedlichen Meinungen nicht die Verständigung zu suchen, sondern die Polemik, den persönlichen Angriff, die Verunglimpfung bis hin zur Drohungen gegen Leib und Leben.

Keine monokausalen Erklärungen (die digitalen Medien sind Schuld)

Wichtig ist mir hier die Formulierung „steht in Gefahr“. Denn es gibt tatsächlich auch nach wie vor substantielle und auch fachlich anregende Diskussionen in den digitalen Medien. Eine simple Technikkritik greift zu kurz, insbesondere eine einfache Gegenüberstellung von der guten „face to face“ Kommunikation und der üblen Kommunikation mit digitalen Technologien. Die Technologien haben nicht über Nacht alles geändert. Man braucht nur an das Gebrüll im Faschismus zu denken, um zu sehen, dass schon sehr viel einfachere Technologien Gebrüll gesellschaftlich relevant sein lassen können.

Wenn das Gebrüll nicht erst durch digitale Medien entstanden ist, so ist auf der anderen Seite aber auch die Annahme falsch, dass sich nichts geändert hat, dass es Phänomene wie „hate speeches“ immer schon gegeben hat, dass die Eckkneipe nur durch das Facebook-Kommunikation ersetzt wird. Tatsächlich sind die digitalen Technologien für die aktuelle Entwicklung der Gesellschaft in hohem Maße relevant. Eine Kommunikation auf Facebook etwa ist in einem entscheidenden Sinne offener, von größerer, oft unvorhersehbarer Dynamik bestimmt als die Kommunikation im Kreis von Bekannten. Das Gebrüll kann durch die Technologien im Nu anschwellen. Dagegen ist die Eckkneipe doch eher mit geschlossenen Foren vergleichbar.

Interessierte Kreise können, das macht das Problem noch gewichtiger, die Dynamik des Gebrülls mit Hilfe der digitalen Technologien gezielt anfachen. So waren es offenkundig rechte Kreise, die das umgedichtete Oma Lied als Resonanzverstärker genutzt haben. Grundsätzlich gilt: Zugespitzte und eindeutige Meinungen werden durch die digitalen Medien schneller verstärkt als abwägende.

Das Gebrüll als Indikator für gesellschaftliche Risse – Vertrauen als immer knapper werdende Ressource

Mit guten Gründen kann man manches, von dem, was in den digitalen Medien stattfinden, „Gebrüll“ nennen. So wie jemand einen anderen Menschen in direkter Kommunikation von Angesicht zu Angesicht niederbrüllen kann, so bedienen sich nicht wenige Menschen der Kommunikationsoberfläche der digitalen Medien, um Menschen mit anderer Meinung ins Aus zu stellen.

Wofür steht das „Gebrüll“ aus theologischer bzw. philosophischer Perspektive? In dem Gebrüll zeigen sich ein offenes Desinteresse und ein fundamentales Misstrauen gegenüber der Gesellschaft und den Mitmenschen. Gelingende Kommunikation setzt zumindest ein basales Vertrauen voraus, die Erwartung, dass das Gegenüber etwas Wichtiges zu sagen hat und wiederum ein echtes Interesse an dem hat, was man selbst zu sagen hat. Doch genau diese Relevanzerwartung existiert bei dem nicht, der brüllt. Man rechnet nicht mit Verständigung und man sucht auch keine Verständigung.

Macht das Gebrüll in den digitalen Medien nur bestehende Risse in der Gesellschaft deutlicher oder erzeugen sie diese Risse selbst? Wahrscheinlich ist beides richtig. Unabhängig vom Henne-Ei-Problem gilt: Das Gebrüll ist auf jeden Fall ein Indikator für einen bestimmten gesellschaftlichen Zustand. Die Bindungskräfte in unserer Gesellschaft lassen nach. Das lässt sich leicht nachvollziehen, wenn man auf die Entwicklung der großen Institutionen, Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Vereine usw. schaut: Sie verlieren allesamt an Prägekraft. In einer Gesellschaft ohne hohe soziale Integration, ohne gemeinsame kommunikative Standards können leicht Kommunikationsverwerfungen entstehen. Gesellschaftliche Kommunikation über das eigene engere Milieu hinaus wird voraussetzungsreicher, sie kann schnell misslingen. Was kann mit der Zeile: „Meine Oma ist ne alte Umweltsau“ gemeint sein? Wenn auch absurd, Verdächtigungen lassen sich schnell konstruieren: Die Entmündigung von Menschen im fortgeschrittenen Alte, eine Instrumentalisierung von unschuldigen Kindern zur Durchsetzung bestimmter Gesellschaftsziele.

Eine vielleicht nicht unwichtige Randbemerkung: Das Gebrüll ist nicht nur von Verständigung, sondern auch von der Austragung gesellschaftlicher Interessenkonflikte zu unterscheiden. Bei letzteren haben die Protagonisten klare konfligierende Ziele und sie artikulieren diese. Es geht darum, die eigenen Ziele durchzusetzen, nicht darum, sich von anderen abzusetzen. Akteure in Interessenkonflikten suchen andere Ausdrucksformen, zumeist  und regelmäßig auch ganz klassisch die Demonstration auf der Straße. Das gilt etwa für die Gelbwesten, die Vertreterinnen und Vertreter von Fridays for Future. Wer brüllt, will nichts Bestimmtes durchsetzen, sondern sich hörbar machen und andere verunsichern. Gebrüll ist immer auch eine Form der Selbstversicherung.

Diskurse brauchen einen gesellschaftlichen Rahmen – Vertrauen durch institutionelle Garantien

Wofür steht wiederum der „Diskurs“ aus theologischer bzw. philosophischer Perspektive? Hier geht es um eine verständigungsorientierte, wenn auch niemals konfliktfreie Kommunikation. Die Relevanz der Kommunikation basiert auf einer grundlegenden Gemeinsamkeit zwischen Ego und Alter. Nun weiß man: Jede menschliche Kommunikation ist auch in guten Zeiten heikel, sie ist immer dem Risiko ausgesetzt, zu misslingen. Wer kommuniziert, riskiert etwas, insbesondere dann, wenn ein Konflikt zwischen den kommunizierenden Parteien deutlich wird. Auch im Diskurs ist man dem Risiko des Missverständnisses ausgesetzt. Ein Diskurs hat zur Absicherung vor kommunikativen Verwerfungen einen expliziten oder impliziten formalen Rahmen, er folgt vorgegebenen Regeln. Ein Argument von A darf von B kritisiert werden. A muss wiederum versuchen, das ursprüngliche Argument zu verteidigen. B muss wiederum in der Lage sein, die geäußerte Kritik zu begründen. Die gegenseitige Verpflichtung auf diese Regeln schafft ein institutionalisiertes Grundvertrauen. In besonders strittigen Diskussionen im Rahmen der Arbeit evangelischer Akademien gibt es immer auch Versuche, die Regeln aufzuweichen, zu umgehen. Es kann dann polemisch werden, unfaire rhetorische Mittel werden angewendet, ein Missverstehen vorgetäuscht, eine Zuspitzung oder Übertreibung genutzt. Doch ist auch diese Kommunikation in den Akademien eingebunden in ein institutionelles Setting, die den Vorrang des Arguments fordert und zumeist auch ermöglicht.

Das Ideal des rein verständigungsorientierten Diskurses im Habermasschen Sinne ist vor allem eines: Ein Ideal. Tatsächlich finden gesellschaftliche Diskurse immer unter Verzerrungen statt, bestimmt durch informationelle Asymmetrien, durch Machtgefälle, durch Ressourcendifferenzen. Kein Diskurs ist rein und ausschließlich verständigungsorientiert, immer spielen strategische Aspekte in den Kommunikationsakten eine Rolle. Nicht von ungefähr haben sich die evangelischen Akademien 2012 in dem Positionspapier „Diskurskultur“ auch eher auf den Diskursbegriff von Foucault bezogen. Das Entscheidende aber auch eines machtorientierten Diskurses ist dennoch vor allem eines: Die Fähigkeit, immer wieder an das Ideal zu appellieren und die Diskutanten auf ein gemeinsames Verständnis des Gesagten zu verpflichten.

Der Diskurs als verständigungsorientierte Kommunikation setzt eine Gemeinsamkeit voraus, die, frei nach dem Diktum von Ernst-Wolfgang Böckenförde, der Diskurs selbst nicht garantieren kann. Das ist die zentrale These, die ich hier vortragen möchte. Beide, Gebrüll wie Diskurs leben von gesellschaftlichen Voraussetzungen, die sie selbst im Wesentlichen nicht schaffen. Die Risse in der Gesellschaft werden durch Gebrüll verstärkt und durch gelingende Diskurse gekittet. Aber die Risse sind nicht einfach durch Gebrüll entstanden. Die Gesellschaft ist über die Kommunikationsformen hinaus durch eine Vielzahl von weiteren Faktoren bestimmt, neben kulturellen vor allem aber durch sozioökonomische Faktoren.

Hier sei ein kurzer Blick auf den Konsultationsprozess „Politik in Rheinland-Pfalz im Jahr 2030“ erlaubt, den Christoph Picker, Thorsten Latzel, der Beauftragte der Landeskirchen in Mainz Thomas Posern und ich durchführen und deren Ergebnisse im Sommer 2020 der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die bisherige Arbeit hat eine Dreiteilung zum Vorschein gebracht. Zur Beurteilung der Lage und der künftigen Entwicklung sind drei Faktoren wichtig: die Wirkungen der digitalen Medien ebenso wie Repräsentationsdefizite im politischen System und kulturelle und sozioökonomische Entwicklungen. In allen drei Bereichen zeigen sich Risse, die nicht aufeinander reduziert werden können.

Insofern sind beide, der Diskurs wie auch das Gebrüll, Indikatoren für einen weiteren und schon zuvor bestehenden gesellschaftlichen Zustand. Die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland ist wie die anderer westlicher Industrienationen in einem Wandel begriffen von recht hoch integrierten Nachkriegsgesellschaften hin zu Gesellschaften mit deutlich geringeren Bindekräften. Die Entwicklung der Wirtschaft hin zu dem, was man „Neoliberalismus“ nennt, liefert dazu einen wichtigen Anteil, aber auch die Entstehung einer Kultur der Singularitäten, wie sie Andreas Reckwitz beschreibt. Zurzeit sind die Gesellschaften in einem labilen Zustand, Risse nehmen zu und es ist nicht so leicht abzusehen, wann und wodurch die Kohäsionskräfte wieder wachsen.

Die Grenzen des Gebrülls und die langfristige Bedeutung von Diskursen

Das Gebrüll hat zugenommen. Welche Chance hat da der Diskurs? Besteht die Gefahr, dass das Gebrüll überhandnimmt, dass es die Diskurse verdrängt? Ja, die Gefahr besteht meiner Ansicht nach, weil es niemanden in der Gesellschaft gibt, der über die Mittel verfügt, entstandenes Gebrüll wieder abzustellen. Aber es gibt neben dem Katastrophenszenario auch die Möglichkeit, dass sich neue gesellschaftliche Möglichkeiten auftun. Diskurse haben eine eigene Kraft. Sie können vor allem langfristige Standards setzen anders als das Gebrüll. Eines ist offenkundig: Das Gebrüll kann niederreißen und zerstören, aber sicherlich nicht etwas dauerhaft neue gesellschaftliche Verhältnisse aufbauen. Auch die Gesellschaft der Zukunft wird deshalb in jedem Fall von Diskursen abhängig sein, insbesondere weil moderne Gesellschaften von hoher Komplexität bestimmt sind. In The Long Run also wird der Diskurs mit einiger Sicherheit obsiegen. Ein besonderes Augenmerk sollte dabei der Entwicklung der kleineren und überschaubareren politischen Einheiten, der Kommunen zukommen. Es ist wahrscheinlich, dass die Kommunen bei der Gestaltung gesellschaftlicher Prozesse künftig eine herausragende Rolle spielen werden. Dies kann gerade auch mit Hilfe der digitalen Medien geschehen, die eine Vielzahl von Initiativen und Beteiligungsformen ermöglichen können. Hier kann man etwa ein effizientes kommunales Beschwerdeverfahren oder eine digital unterstützte Stadtteilarbeit denken. Hier können neue Formen der Verbundenheit entstehen, die auch in der Lage sind, Vertrauen zu generieren und Prozesse transparent zu gestalten. Dieses Vertrauen wiederum kann dann eine Ressource sein für die Gestaltung landes- und bundesweiter politischer und gesellschaftlicher Prozesse.

 

Zur Diskussion der Widerspruchslösung bei der Organspende – Der Mensch ist mehr als ein Organismus

In diesem Herbst wird der Bundestag ein Gesetzentwurf zur Organspende diskutieren, der die so genannte „Widerspruchslösung“. Sie soll einen Ausweg aus dem Problem der zu geringen Zahl von Organspendern in Deutschland weisen. Doch geht es bei dem Wechsel der jetzt geltenden erweiterten Zustimmungslösung zur Widerspruchslösung nicht einfach nur um eine Änderung in einer Prozedur. Die Änderung gegenüber der bisher bestehenden Regelung ist tatsächlich weitreichend, weil sie die Grundbedingungen für eine „Organspende“ ändert.

Die erweiterte Zustimmungslösung und ihre Probleme

Nach der bislang geltenden so genannten erweiterten Zustimmungsregelung muss die mögliche Spenderin, der mögliche Spender schon vorab die Bereitschaft zur Organspende dokumentiert haben, etwa durch einen Organspendeausweis. Liegt eine solche Dokumentation des Willens nicht vor, werden die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen gefragt.

Dieses Verfahren ist alles andere als ideal. Insbesondere kann es besondere Härten schaffen, wenn die Angehörigen gefragt werden. Dies ist durch die Situation einer möglichen Organspende bedingt. Als Organspender kommen ja nur solche Menschen in Betracht, bei denen während einer intensivmedizinischen Behandlung der Hirntod festgestellt wird, deren körperlicher Zustand aber noch in einem solchen Zustand ist, dass spendefähige Organe entnommen werden können. Das ist zum Beispiel bei Unfallopfern der Fall. Ist eine mögliche Spenderin, ein möglicher Spender erst einmal identifiziert, kann der folgende Prozess der Organentnahme nicht beliebig hinausgezögert werden. Zum einen warten mögliche Empfänger auf ein Spendeorgan, zum anderen kann eine intensivmedizinische Behandlung nicht unbegrenzt fortgeführt werden.

In dieser Situation entsteht also ein großer Druck auf alle Beteiligten. Ärztinnen und Ärzte sehen sich zu schnellem Handeln veranlasst. Wenn nun eine eindeutige Willensbekundung in Form eines Organspendeausweises vorliegt, wird die weitere Prozedur zügig abgewickelt. Das Krankenhaus meldet die Organe, die Entnahme kann vorbereitet werden. Äußerst problematisch ist die geltende Regelung aber, wenn kein Organspendeausweis vorliegt. Dann müssend die nächsten Angehörigen gefragt werden. Das aber geschieht in einer denkbar belasteten Situation. Hier kommt die existentielle Verbundenheit zur Geltung, die zwischen nahen Verwandten besteht. Wenn denn die möglichen Spender durch einen schweren Unfall in diese Situation geraten sind, so liegt zwischen der Nachricht der Unfallfolgen, der Nachricht, wie schwer die Verletzungen sind und der Frage, ob Organe entnommen werden können, nur sehr wenig Zeit. Die Angehörigen können also nicht in Ruhe entscheiden, sondern sind mit der Frage unmittelbar nach der Erkenntnis konfrontiert, dass der mit ihnen verbundene Mensch irreparable Verletzungen erlitten hat und nach keine Möglichkeiten hat, zu einem stabilen Leben zurückzukehren. Sie oder er liegt im Sterben. In dieser Situation wird nun eine weitreichende Entscheidung der Angehörigen notwendig. Hier kommt es immer wieder zu Entscheidungen, die von den Angehörigen im Nachhinein bitter bereut wurden. Dies kann zu langanhaltenden traumatischen Erlebnissen führen, so dass die Angehörigen im Nachhinein urteilen, dass sie den ihnen nahe stehenden Menschen in einem entscheidenden Moment verlassen, ja verraten haben. Die existentielle Verbundenheit kann zu tiefen Verletzungen auch der Angehörigen führen.

Der Wechsel zur Widerspruchslösung

Was ist nun die doppelte Widerspruchslösung? Nun kommt jede Bürgerin, jeder Bürger zunächst einmal für eine Organspende in Frage. Der von der staatlichen Gesetzgebung vorgesehene Standardfall ist also der, dass einem  Mensch im Falle der Diagnose des Hirntodes Organe entnommen werden können. Die behandelnden Ärzte, die den Hirntod feststellen, fragen bei einem Zentralregister nach, ob von der fraglichen Person ein Widerspruch vorliegt. Wenn das nicht der Fall ist, müssen noch die Angehörigen gefragt werden, ob sie von einem Dokument mit einem Widerspruch wissen oder ob sie von einem solchen klar geäußerten Willen Kenntnis haben. Wenn beides nicht der Fall ist, können die Organe entnommen werden.

Der Wechsel von der Zustimmung zum Widerspruch ist weitreichend. In dem ersten Fall ist ein Patient zunächst einmal kein Organspender, kann sich aber zu einem solchen erklären, wenn er aktiv einer Organspende zustimmt. In dem zweiten Fall ist jede Bürgerin, jeder Bürger Organspender. Diejenigen, die widersprechen, bilden nun die Ausnahme. Das heißt, die Patienten in der Intensivmedizin, bei denen der Hirntod festgestellt wurde, sind zunächst einmal Spender. Doch stellen sich in dieser neuen Konstellation grundlegende Fragen. Kann man einen Menschen in dieser Prozedur noch als „Spender“ ansehen? Es ist immer ein Akt von Nächstenliebe, wenn man sich als Spenderin, als Spender zu erkennen gibt. Doch was ist, wenn dieser Akt durch einen Automatismus ersetzt wird? Dann fehlt die die Geste des Gebens, die Spenderin, der Spender zeigt sich nicht mehr mit der Empfängerin, den Empfänger verbunden, sondern wird als objektiver Körper „verwendet“. Wenn man von Staatswegen davon ausgehen kann, dass jeder Bürgerin, jedem Bürger in dem spezifischen Fall der Hirntoddiagnose Organe entnommen werden können, ist dieser Vorgang dann noch eine Spende? Diese ist doch gerade ein ungezwungener und freier Akt! Statt von Organspende müsste man dann von einer regulierten Organentnahme reden. Diese terminologische Differenz zeigt schon an, dass hier ein grundlegender Wechsel vorliegt und nicht nur eine Veränderung einer Prozedur.

Erhebliche praktische Probleme der Widerspruchslösung

Neben der fundamentalen Anfrage stellen sich auch organisatorische Probleme, die eine erhebliche Reichweite haben. Eine Widerspruchslösung setzt voraus, dass jede und jeder vollumfänglich informiert ist und nach reiflicher Überlegung frei entscheidet. Doch wie will man das angesichts der gesellschaftlichen Verwerfungen, der Milieuunterschiede und des unterschiedlichen Umgangs mit Medien sicherstellen? Wie will man verhindern, dass die für eine Widerspruchslösung notwendige Auseinandersetzung nicht in sehr unterschiedlichem Maße in den unterschiedlichen Schichten stattfindet und etwa stark mit dem Bildungsgrad korreliert? Hier tun sich erhebliche Gerechtigkeitsfragen auf. Die unterschiedlichen Grade der Informiertheit in der Gesellschaft lassen erwarten, dass es eine sehr unterschiedliche Intensität in der Beschäftigung mit dem Thema gibt.

Weiterhin wird die problematische Rolle der Angehörigen, die ja schon bei der Zustimmungslösung besteht, nicht gemindert. In der vorgesehenen Widerspruchslösung müssen die Angehörigen sogar gefragt werden. Wer will verhindern, dass nicht noch mehr Menschen im Nachhinein ihre Entscheidung bereuen und sich Vorwürfe machen, weil sie in einer entscheidenden Situation falsch entschieden haben?

Andere Auswege aus der geringen Zahl von Spenderorganen

Es ist unbestritten, dass die geringe Zahl von Spendern ein Problem darstellt und man darf das Problem nicht kleinreden. Es gibt sehr viele schwer kranke Menschen in diesem Land die vergeblich auf Spenderorgane warten. Das ist umso bitterer, als es nach dem Stand der Medizintechnik möglich gewesen wäre, ihnen zu helfen. Jedoch sollte man zunächst alle weiteren Optionen innerhalb des Systems der Zustimmungslösung ausschöpfen bevor man zu so einer drastischen Maßnahme greift wie des Systemwechsels zur Widerspruchslösung. Dazu gehören etwa die Verbesserung der Infrastruktur, etwa eine bessere Ausstattung der Krankenhäuser, so dass sie adäquat reagieren können. Diese Veränderungen kosten Geld und sind keine schnelle Lösung. Aber schnelle Lösungen haben oft im Nachhinein weitreichende und vielleicht auch nicht intendierte Folgen.

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Wissenschaft oder Weltanschauung oder…? Glaubensaussagen zeugen von der Verbundenheit mit der Wirklichkeit

Dieser Vorwurf wird im Dialog zwischen Naturwissenschaften und Theologie von Vertreterinnen und Vertretern einer naturalistischen Position oft erhoben: Gläubige Menschen argumentieren weltanschaulich, weil sie sich nicht mit einer (natur-)wissenschaftlichen Beschreibung der Welt zufrieden geben. Der Vorwurf impliziert, dass man entweder die Welt wissenschaftlich beschreibt oder, wenn man die Grenzen der Wissenschaften überschreitet, weltanschaulich argumentiert.

Zwei getrennte Bereiche?

Zunächst legt sie nah, es gäbe zwei säuberlich abgetrennte Bereiche, den der Wissenschaft und den der Weltanschauung. Der eine Bereich ist von Aussagen bestimmt, die empirisch bestätigt sind, der andere von Aussagen, die auf Wünschen, Fantasien, Glaubensvorstellungen und so weiter beruhen. Etwas Drittes ist nicht möglich, Aussagen über die Welt sind entweder wissenschaftlich oder weltanschaulich. Da aber weltanschauliche Aussagen vermieden werden sollten, ist man als vernünftiger Mensch gehalten, sich auf die wissenschaftlichen beschränken. Meiner Ansicht nach aber ist diese Unterscheidung, auf die der Vorwurf beruht, nicht zu halten.

Ein Beispiel aus der Kultur

Was macht man mit der Aussage: „Bertold Brecht war ein begnadeter Dichter.“? Es ist offenkundig, dass diese Aussage über Bertold Brecht keine wissenschaftliche Aussage ist. Es gibt kein Verfahren, keine Methode, die die Aussage bestätigen oder widerlegen kann. Nun werden die Verfechter des Naturalismus einschränken, dass die Aussage über Bertold Brecht als begnadeter Dichter ja eine Wertung beinhaltet. Das ist der Fall. Und doch ist es keine Aussage über fantastische Begebenheiten, über Einhörner oder Fantasiewelten. Vielmehr ist dies eine Aussage über jemanden, der unbezweifelbar Teil der wissenschaftlich beschriebenen Welt war, nämlich das Individuum Bertold Brecht mit einer bestimmten DNA, einem bestimmten, historisch nachvollziehbaren Lebensweg. Folgt man dieser Einschränkung, dass alle wertenden Aussagen nicht wissenschaftlich sind, dann sind sie notwendigerweise nach der obigen Unterscheidung weltanschaulich.

Nicht wissenschaftliche Aussagen sind sogar notwendig

Nun aber kann kein Mensch wertende Aussagen vermeiden. Niemand kann sich ohne wertende Aussagen in der Welt orientieren, dementsprechend machen in der obigen groben Unterscheidung alle Menschen notwendigerweise immer auch weltanschauliche Aussagen. Die Vorstellung zweier in sich geschlossener Bereiche ist damit hinfällig. Wertende und damit weltanschauliche Aussagen durchdringen den Alltag. Dann aber geht der Vorwurf, Christinnen und Christen würden weltanschaulich argumentieren, ins Leere, da doch alle Menschen, sofern sie Wertungen vornehmen, notwendigerweise weltanschauliche Aussagen vertreten.

Nicht wissenschaftliche Aussagen sind nicht nur subjektiv

Nun können die Verfechter des Naturalismus weiterhin einschränken, dass die Aussage „Bertold Brecht war ein begnadeter Dichter“ als wertende Aussage eine subjektive Aussage ist, die nicht den Anspruch erhebt, objektiv gültig zu sein. Doch was heißt das? Könnte man genauso gut das Gegenteil behaupten? Diejenigen, die Brecht für einen guten Dichter halten, werden vehement widersprechen, auch jene, die zugleich Naturalisten sind. Denn eine solche wertende Aussage soll nicht nur für den Menschen gültig sein, der sie ausspricht, sondern für möglichst viele, wenn sie denn zustimmen. Wenn nur ein einziger Mensch etwas mit einer Aussage anfangen kann, braucht er sie gar nicht erst zu äußern. Sie ist so inhaltsleer wie irgendein unverständiger Laut. Vielmehr erwartet der Mensch, der die Aussage macht, dass andere ihr oder ihm zustimmen. „Ja in der Tat, Brecht war ein begnadeter Dichter, man denke nur an seine Kunst, mit sprachlich kargen Mitteln so treffende Ausdrücke zu finden!“ An die erste Aussage mit einem wertenden Gehalt schließt sich im Dialog eine weitere, ebenfalls mit einem wertenden Gehalt an. Deshalb werden wertorientierte Aussagen gemacht. Sie appellieren an andere Menschen, zuzustimmen.

Nicht wissenschaftliche Aussagen sind wichtig für das Zusammenleben

Das heißt aber, dass solche wertenden Aussagen in zahlreicher Form existieren und menschliche Gemeinschaften durchdringen. Diese Aussagen sind nicht wissenschaftlich, das sei zugestanden und doch sind sie für keinen Menschen, der in einer sozialen Umwelt lebt, verzichtbar. Dann aber ist es nicht entscheidend, dass man wertende Aussagen macht, sondern, wie man mit ihnen umgeht. Nun steht der anfangs geäußerte Vorwurf der Weltanschauung im Raum. Doch eine Weltanschauung ist eine geschlossene Theorie über die Welt, allerdings eine, die auch auf nicht wissenschaftliche Aussagen ruht.

Glaubensaussagen jenseits von Wissenschaft und Weltanschauung

Es wäre in der Tat gefährlich, weltanschauliche Aussagen mit den wissenschaftlichen Aussagen gleichzusetzen. Überhaupt ist die Vorstellung, es gäbe so etwas wie die eine und richtige Anschauung von der Welt für eine offene Gesellschaft bedrohlich. Und ja, es gab Zeiten, in denen christliche Aussagen über die Welt wie weltanschauliche Aussagen behandelt wurden. Aber es gibt ein tertium datur. Man kann die christlichen Aussagen über die Welt als Schöpfung Gottes vielleicht besser verstehen, wenn man sie mit wertenden Aussagen vergleicht. Sie sind nicht einfach subjektive Eindrücke, schon gar nicht sind sie Aussage über Fantasiewelten. Sie sind Aussagen über die Welt, die um Zustimmung werben. Sie verweisen auf eine existentielle Verbundenheit, die nur die übersehen, die allein wissenschaftlich-objektivierenden Beschreibungen folgen. Sie hegen die Hoffnung, dass möglichst viele andere diesen Aussagen zustimmen. Und doch sind sie keine geschlossene Weltanschauung. Denn Christinnen und Christen wissen, dass man Gott nicht in geschlossene Theorien fassen kann. Der christliche Glaube bezeugt die Wahrheit des Glaubens, sie hat sie aber nicht verfügbar. Dieser Unterschied ist entscheidend. Wer ihn berücksichtigt findet sich in größerer Nähe zu jenen, die Bertold Brecht einen großen Dichter nennen als zu jenen, die sich allein auf Wissenschaftliches reduzieren und jenen, die geschlossene Weltbilder verkünden.

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Warum die Schöpfung mehr meint als die naturwissenschaftlich beschriebene Welt

Warum reden wir von der Schöpfung?

Die „Schöpfung“ ist auch heute ein öfter gebrauchtes Wort. Auch in einer säkularen Kultur kommt es hin und wieder vor. Der Slogan „Die Schöpfung bewahren“ leuchtet vielen ein, auch wenn sie nicht viel mit dem Glauben an Gott anfangen können. Es geht vielen, auch den Aktivisten von „Fridays for Future“ darum, zu verhindern, dass sich das Weltklima drastisch ändert. Es geht darum, die Verhältnisse, die wir auf der Erde vorgefunden haben, möglichst zu erhalten. „Unser Klima erhalten“ hat eine große Nähe zu „Schöpfung bewahren“. Damit ist in der Tat etwas ganz Wichtiges angesprochen, worauf das Wort „Schöpfung“ zielt.

Schöpfung und Natur – ein Spannungsverhältnis

Andererseits einmal wirkt das Wort „Schöpfung“ veraltet, aus der Zeit gefallen. Wer „Schöpfung“ sagt, muss doch auch einen „Schöpfer“ annehmen, wer von der „Schöpfung“ redet, redet auch von Gott, den Schöpfer. Doch genau das fällt immer mehr Menschen in unserer Zeit sehr schwer. In früheren Zeiten war die Rede von der Schöpfung eine allgemein akzeptierte Weise, von der Welt zu reden. Die christliche Rede von der Schöpfung war eng verbunden mit den Vorstellungen der klassischen griechischen Philosophie. Im Mittelalter waren sie die schlüssigsten Weltbeschreibungen, die man kannte.

Doch das änderte sich mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften in der frühen Neuzeit. Nun entstanden Theorien über die Welt, die nicht so leicht mit der christlichen Überlieferung vereinbaren ließen. In den ersten Jahrhunderten gab es nicht wenige Naturforscher, die die Hoffnung hatten, beides, das Christentum und die Wissenschaft mit zu einem harmonischen Ganzen  vereinen zu können. Dazu gehörten viele führende Forscher wie Isaak Newton oder Johannes Kepler. Doch spätestens im 19. Jahrhundert brach diese Verbindung ab. Nun standen auf der einen Seite die Naturwissenschaften und auf der anderen Seite die christlichen Überlieferungen. Die große Mehrzahl der Christinnen und Christen entziehen sich seitdem dieser Spannung, indem sie den Glauben als etwas Subjektives, als etwas Individuelles beschreiben. Es kommt danach vor allem auf die eigenen persönlichen Erfahrungen an, die man macht. Das ermöglicht, den Glauben zu bewahren, auch wenn man auf der anderen Seite als moderner Mensch den Naturwissenschaften Recht gibt.

Die Rede von der Schöpfung bleibt unverzichtbar

Eine Ausnahme stellt dann die moralische, die appellative Rede dar: „Wir müssen die Schöpfung bewahren!“. Doch wenn man dann nachfragt, was genau unter der Schöpfung zu verstehen ist, dann ist damit oft nichts anderes gemeint, als das, was die Naturwissenschaften beschreiben, es geht dann etwa um das 2 Grad Ziel. Meiner Ansicht nach, reicht eine solche mahnende Rede von der Schöpfung nicht aus. Wenn die biblischen Texte von der Schöpfung reden, meinen sie viel mehr. Sie weisen auf eine ganz eigene Dimension von Wirklichkeit, die nicht subjektiv ist, die aber auch von den Naturwissenschaften nicht erfasst werden kann. Wie kommt diese Dimension von Wirklichkeit in den Blick? Der entscheidende Punkt ist, auf den zu achten, wer redet. Menschen, die über die Welt reden, sind voll und ganz Teil von dem, worüber sie reden. Diese Ausgangsbedingung dürfen wir nicht ignorieren, denn wenn man sie übersieht, führt das zu Verzerrungen. Die Welt ist kein Gegenüber, sondern umhüllt uns. Wir sind auf das Innigste mit der uns umgebenden Wirklichkeit verbunden. Das belegt jeder Atemzug, die Nahrung, die Wärme, ohne die wir nicht existieren können.

Die Naturwissenschaften beschreiben dagegen die Welt, als ob die Wissenschaftler als Beobachter nicht dazu gehörten. Das ist der Kern des Erfolgs der Wissenschaften: Sie erkennen nur, indem sie strenge Methoden anwenden. Methoden aber sind ein geregeltes Verfahren, um etwas auf Abstand zu bringen. Wenn man einen klaren Nachthimmel mit einer überwältigenden Zahl von Sternen sieht, kann man ganz ehrfürchtig werden. So reagieren auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Doch dürfen sie nicht bei dem Staunen stehen bleiben, wenn sie die Wissenschaft ernst nehmen, sondern müssen dann nüchtern und kontrolliert eine Fülle von Details untersuchen, die einem laienhaften Blick verborgen bleiben.

Wer aber von der Schöpfung redet, hält an dem Staunen und der Ehrfurcht fest. Denn auch das Staunen und die Ehrfurcht zeigen etwas über diese Welt. Das ist so, gerade weil wir Menschen uns nicht auf die Rolle eines neutralen Beobachters beschränken können. Wir sind Teil von dem, was wir betrachten. Als im letzten Sommer für längere Zeit in Deutschland der Regen ausblieb, beschlich nicht wenige Menschen eine starke Irritation. Die scheinbar bekannten Landschaften, die Felder und Wälder zeigten sich mit einem Mal in einem neuen Licht: Sie waren durch die Trockenheit gefährdet, die Ernte war gering oder blieb ganz aus, Waldbrandgefahr an allen Orten. In solchen Situationen erkennen wir mit aller Intensität, wenn abhängig wir sind von unserer Umgebung, von der uns umgebenden Wirklichkeit.

Die Schöpfung weist auf den Schöpfer

Es geht hier um Abhängigkeit, um Verletzlichkeit, um Verbundenheit. Auf diese Dimension der Wirklichkeit will der Begriff der Schöpfung weisen! Das steht im Zentrum der biblischen Texte. Es geht auch nicht um eine Welttheorie, sondern um das Verhältnis, das wir leibliche Menschen zu unserer Umwelt haben. Auch in der naturwissenschaftlich und technisch bestimmten Moderne haben wir uns nicht von der Abhängigkeit lösen können. Die Abhängigkeit und die Verbundenheit gehören zum Menschsein, solange Menschen leben.

Soweit können auch säkulare Menschen, die dem Glauben fern stehen, zustimmen, ohne dass sie deshalb die Natur Schöpfung nennen müssten. Der Abhängigkeit und Verbundenheit mit der Wirklichkeit wird von Christinnen und Christen nun aber mit dem Wort der Schöpfung beschrieben. Denn die Verbundenheit mit der uns umgebenden Natur ist nur ein Hinweis auf die noch  tiefere Verbundenheit mit Gott. Das kommt zum Ausdruck, wenn Gott Noah verspricht: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22) In der Verbundenheit mit der Natur kann die tiefere Verbundenheit mit Gott entdeckt werden. Das kommt auch zum Ausdruck, wenn Jesus auf die Lilie auf dem Felde weist: „Schaut die Lilien auf dem Felde an! (…) Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte er nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?“ (Mt 5, 28.30)

Wer von der Schöpfung redet, sieht sich bewusst als ein endlicher und verletzlicher Mensch. Der Hinweis auf die Schöpfung ist eine Möglichkeit, Spuren Gottes in der Welt zu entdecken. Genau das tun die Naturwissenschaften nicht, das können und wollen sie nicht, gerade weil sie methodisch kontrolliert die Welt betrachten. Es gibt ein weiteres Indiz, dass die Rede von der Schöpfung von derselben Wirklichkeit redet und doch etwas ganz anderes meint als die Naturwissenschaften. Die Zuwendung Gottes in der Schöpfung zeigt sich immer konkret in diesem oder jenem Lebewesen. Die Liebe ist immer konkret, nie abstrakt allgemein. Doch einzelne Wesen sind in der Regel in den Naturwissenschaften irrelevant. Denn das, was das einzelne Lebewesen, auch den einzelnen Menschen betrifft, ist nie allgemein, sondern immer konkret. Die Naturwissenschaften interessieren sich nur dann für einzelne Wesen, wenn sie von ihnen aus Allgemeines ableiten können.

Wir reden von der Schöpfung, wenn wir in konkreten Begegnungen sind, wenn wir uns selbst nicht aus der Beziehung herausnehmen. Dann reden wir in Dankbarkeit oder auch als Klage, aber nie neutral so wie in theoretischen Ansätzen. Die Dankbarkeit wie auch die Klage wird Gott gegenüber geäußert als dem Schöpfer der Schöpfung.

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Das Virtuelle digitaler Medien ist nie nur virtuell. Es ist Teil der menschlichen Realität.

In der Diskussion über die digitalen Medien ist es in bestimmten Kreisen beliebt, das Eigentliche, das Reale von dem Virtuellen, dem Scheinbaren zu unterscheiden. Das Eigentliche ist dann natürlich das, worin wir unseren Alltag fristen, wo wir anderen Menschen face to face begegnen, wo wir uns miteinander austauschen, wo wir essen und uns bewegen. Das Virtuelle dagegen ist in den künstlichen Räumen, die digitale Medien produzieren. Es ist in gewisser Weise immer nur eine „Schein“-Welt, weil die Töne und Bilder nahelegen, dass da etwas sei, wo es doch nur elektronisch simuliert wird.

Das Eigentliche und das Uneigentliche

Die Vorstellung lautet: Wenn wir mit einem Menschen face to face intensiv kommunizieren, dann sind wir wirklich mit ihm verbunden. Wir teilen miteinander den Raum, in dem wir uns treffen. Schon der gemeinsame Raum verbürgt, dass das Treffen real ist, denn es findet an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit statt. Dagegen ist ein Treffen in den digitalen Medien uneigentlich. Auch dort kann eine Kommunikation stattfinden, wir können Bilder austauschen und die Sprache nutzen. Doch findet das Treffen nur im „digitalen Raum“ statt. Doch was ist der „digitale Raum“? Eigentlich ist er nur ein Kommunikationskanal, der durch bestimmte Technologien bereitgestellt wird. Damit ist aus Sicht der skizzierten Position klar: Der Raum wird in gewisser Weise vorgetäuscht. Durch Austausch von Bildern und von Tönen mag es den Anschein haben, man sei miteinander in einer direkten Kommunikation, aber das ist nicht der Fall. Es ist „nur“ eine durch die Technik vermittelte Kommunikation. Diese Unterscheidung hat Folgen, für viele führt das zu einer eindeutigen Bewertung digitaler Medien.

Diese Argumente werden nicht selten von Skeptikern in der Diskussion um digitale Medien vorgebracht. Digitale Medien wird damit gleich ein mehrfacher Vorwurf gemacht. Der erste Vorwurf ist, dass sie nur eine reduzierte Wirklichkeit wiedergeben. Der zweite Vorwurf ist, dass sie dies mit den Mitteln moderner Technik zu kaschieren versuchen, dass sie in gewisser Weise täuschen. Der dritte Vorwurf ist schließlich der weitest gehende: Digitale Medien bieten die Möglichkeit zur Weltflucht. Wenn man schon mit der realen Wirklichkeit nicht gut umgehen kann, dann hilft es, sich in virtuelle Welten zu flüchten, die vor der Konfrontation mit der Wirklichkeit schützen.

Was ist dran an dieser Unterscheidung? Eine Unterscheidung ist in der Tat notwendig, es gibt offenkundig einen Unterschied zwischen dem Materiellen und dem Virtuellen, aber die angedeutete Bewertung setzt falsch an und führt zu falschen Folgerungen.

Die Virtualität des Realen – die Realität des Virtuellen

Das Wichtigste ist: Woher wissen wir, was die „eigentliche“ Realität ist? Wir sind als leibliche Wesen in dieser Welt und können uns nur mit unvollkommenen Mitteln in ihr orientieren. Als leibliche Wesen sind wir immer zugleich materiell und virtuell: Wir sehen die Farbe und die Leinwand eines Bildes und wir sehen das Abgebildete. Die Welt lässt sich nicht auf das eine oder andere reduzieren. Die Welt als Ganze können wir aus einem philosophisch fundamentalen Grund nur unvollkommen beschreiben: Sie ist uns zu nah, weil wir als leibliche Wesen auch ein Teil von ihr sind, weil wir elementar mit ihr verbunden sind. Als Teil des Ganzen können wir keinen privilegierten, keinen neutralen oder objektiven Zugang zur Wirklichkeit im Ganzen haben. Es gibt für uns also nicht einfach eine „originale“, „reale“ Welt, die wir beschreiben könnten wie eine Kaffeetasse, die wir von uns distanziert halten können. Was auch immer wir wissen, ist sprachlich und kulturell vermittelt, auch wenn mit Hilfe der Methoden der Wissenschaften wir viele Aspekte und Dinge relativ objektiv beschreiben können. Jede Sprache und jede Kultur aber hat auch verzerrende Effekte.  Jeder sprachliche Ausdruck, jeder Begriff hat eine schwer zu kontrollierende Konnotation. Jede Äußerung ist eingebunden in einen Strom weiterer kultureller Äußerungen. Über die Sprache der Wissenschaften kommen wir nur in definierten Ausschnitten zu so etwas wie einer objektiven Realität. Der Fehler, der oft gemacht wird, ist, diese Ausschnitte für das Ganze der Welt zu nehmen. Wenn wir das Ganze als physikalisches Universum beschreiben, lässt sich daraus weder Sinn, noch Schönheit, noch Liebe noch Vertrauen, noch Haß noch all das ableiten, in dem wir alltäglich leben. All das hat in dem physikalischen Universum keinen definierten Ort. Zu meinen, wir stünden sicher auf dem Boden der „Tatsachen“, ist mit Sicherheit eine Täuschung.

Wir müssen also als leibliche Wesen in unserer Orientierung in der Wirklichkeit jederzeit mit Ambivalenzen umgehen, mit einer Wirklichkeit, die größer ist als unsere Modelle von ihr. Nehmen wir das Gespräch zwischen zwei Menschen face to face: Natürlich kann man den Raum, in dem sie sich treffen, ausmessen: etwa 3x5x4 Meter. Doch das ist für das Treffen nahezu irrelevant. Relevant ist aber zum Beispiel die Atmosphäre des Raumes. Doch was genau ist in diesem Zusammenhang eine „Tatsache“? Atmosphären können hoch ambivalent sein, sie haben immer etwas Virtuelles, sie lassen sich nicht auf physikalische Dinge zurückführen. In Atmosphären kann man eintauchen, man ist mit ihnen verbunden, sie umhüllen und durchdringen. Ähnliches gilt auch für die Menschen, die sich so treffen: Was sehen sie im Gegenüber? Sicherlich keine Fakten, keine bloßen Tatsachen, sondern unendlich viele Überlagerungen von virtuellen Anteilen: Gesellschaftlichen Rollen, Symbolen, Anspielungen, Sehnsüchten, Ängsten, Hoffnungen usw. usf. Kurz: Auch jedes Gespräch face to face hat in entscheidenden Anteilen an kulturell vermittelten „virtuellen“ Welten teil, die wir nie so ganz überblicken, weil wir immer schon in sie eingetaucht sind.

Das Reale des Virtuellen

Andererseits ist ein virtuelles Gespräch durch digitale Medien zugleich sehr real: Handelsgeschäfte können abgeschlossen werden, Beziehungen können angebahnt oder auch beendet werden. Es gibt keine virtuelle Kommunikation in digitalen Medien, die nicht auch Teil der menschlichen „Realität“ wäre. Weltraumschlachten in Computerspielen können reale Werte zerstören. In live Übertragungen kann man durch digitale Medien Augenzeuge eines schrecklichen Vorfalls werden, wie bei dem Terror-Attentat in Christchurch. Und auch die darauf folgende Kommunikation schafft wiederum reale Verhältnisse und ist voll und ganz Teil unserer Realität.

Mehr und weniger, wahrscheinlich und unwahrscheinlich…

Wenn die Realität aber von Virtuellem durchsetzt ist und das Virtuelle immer auch real ist, kann man dann nicht mehr unterscheiden zwischen dem Virtuellen und dem Realen? Es macht aber tatsächlich Sinn, aber nicht in der großen zwischen Sein und Schein, zwischen Original und Kopie. In der Regel gibt es zwischen beiden immer wieder ein Mischverhältnis mit einem Mehr und Weniger. Wenn man aber zwischen Mehr und Weniger unterscheidet, dann gibt es keinen klaren Schnitt. Es lässt sich keine „eigentliche“ Realität aussondern. Eine Kommunikation zwischen zwei Menschen in einem festen Raum kann „vernebelter“ sein als eine achtsame Kommunikation über Skype. Allerdings: Es ist wahrscheinlicher, dass die face to face Kommunikation mehr Zugänge ermöglicht, da sie umfassender ist.

Es gibt also Unterschiede zwischen der „direkten“ Kommunikation zwischen Menschen und der Kommunikation über digitale Medien. Diese Unterschiede sind nur nicht eindeutig, nicht festgeschrieben, sie befinden sich in einem Feld des Mehr und Weniger und lassen lediglich Tendenzsaussagen zu. Es gibt nicht die eine ausgezeichnete Realität, sondern unterschiedliche kulturell vermittelten Zugänge zu ihr. Nicht alles ist digitalisierbar, aber das Digitale ist ebenso Teil der Realität wie materielle Dinge.

Wer Überlegungen hierzu vertiefen möchte: Die hier vorgebrachten Gedanken resultieren aus einem philosophischen Konzept der Wirklichkeit, das die Wirklichkeit in seiner Vieldimensionalität darstellen möchte. Die landläufigen Vorstellungen sind zumeist von Verkürzungen geprägt: Die eigentliche Wirklichkeit ist materiell oder das, was die Vernunft zeigt. Ein phänomenologischer Ansatz kann hier besser differenzieren und führt zu dem Konzept einer „offenen Wirklichkeit“.

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