Zur Gelassenheit (2)

Der vorige Eintrag in diesem Blog macht deutlich: Die Haltung der Gelassenheit lässt sich in Beziehung setzen zu der Unterscheidung zwischen dem, was veränderbar ist und dem, was nicht veränderbar ist, einem gleichzeitigen Ja und Nein zur technisch verstandenen Welt. So hat Heidegger den Begriff in seiner Meßkirch-Rede verwendet.

Offenheit für das Geheimnis

Aber das ist in gewisser Weise nur die Spitze des Eisbergs. Denn Gelassenheit hat eine existentielle Tiefe, sie ist nicht mit Klugheit zu verwechseln. Auch bei Heidegger klingt das an, denn Gelassenheit ist auch die Offenheit für das Geheimnis. Das Geheimnis der Welt ist kein lösbares Rätsel, sondern zeigt, dass die Welt eine Unergründlichkeit hat. Wenn dem so ist, wie sollen wir mit der Unergründlichkeit umgehen?

Gelassenheit bei Meister Eckhart

Die fundamentale Dimension von Gelassenheit hat derjenige betont, der das Wort Gelassenheit das erste Mal explizit in der deutschen Sprache verwendet hat: Meister Eckhart. Bei ihm ist Gelassenheit eine fundamentale Haltung zu der der Mensch fähig ist. Was bezeichnet er mit dem Wort? In der Gelassenheit lässt der Mensch von seinen weltlichen Bindungen und seiner Selbstbindung und ist ganz von Gott bestimmt. „In Gott wird das Leben einfach, weil es ganz bei sich selber ist. Auf dieses Dasein kommt es an. Man muss nichts ‚verlassen‘, man muss ‚gelassen‘ sein.“ (Dietmar Mieth, Meister Eckhart 2025, 44)

Gelassenheit ist radikal

Gelassenheit bekommt hier eine fundamentale, existentielle Qualität. Es geht nicht um eine Mehr oder Weniger, es geht nicht um eine Klugheitsregel. Es ist radikal, es geht vielmehr um ein ganz oder gar nicht. Entweder wir hängen der Welt und dem Selbstwillen an oder wir werden davon völlig frei und hängen Gott an.  Meister Eckhart kennt da keine Vermittlung, keine Kompromisse. Die menschliche Seele muss leer werden von allem Weltlichen und aller Ichsucht und sich ganz auf Gott beziehen.

Gelassenheit in diesem Sinne ist eine Umkehr der gewohnten Sichtweise, sie beruht nicht eine Unterscheidung innerhalb der Welt, der Unterscheidung von dem, was veränderbar ist und dem, was nicht veränderbar ist. Sie ist eine Abwendung von der Welt, wie wir sie kennen, das Ziel ist „Abgeschiedenheit“ oder eben „Gelassenheit“.

Die ganze Wirklichkeit zeigt sich anders

Nun ist die Sicht Meister Eckharts die eines christlichen Mystikers aus dem Mittelalter. Was hat das mit uns heute zu tun? Seine schroffe und radikale Sichtweise hilft, in Bezug auf Gelassenheit eine Warnung auszusprechen. Wenn wir ernsthaft von einer Wirklichkeit reden, die aus fundamentalen Gründen nicht vollständig beherrschbar ist, dann ist das nicht eine Kleinigkeit am Rande. Die Wirklichkeit im Ganzen sieht anders aus, auch das Beherrschbare erscheint anders.  „Die Offenheit für das Geheimnis“, von der Heidegger spricht, zeigt nicht harmlos an, dass nicht alles verstanden ist. Das Geheimnis färbt auch auf das ab, was verstanden ist, das Verstandene verliert seine Selbstverständlichkeit.

Gelassenheit: Brauchen und nicht brauchen

In einem Text von Paulus in der Bibel heißt es: „Die Zeit ist kurz. Auch sollen die (…) die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“ (1. Kor 7, 29ff) Auch hier ist von einer scheinbar bekannten Welt die Rede. Doch die verliert angesichts des Evangeliums, der frohen Botschaft, ihre Selbstverständlichkeit. Die Texte von Paulus, Meister Eckhart und Heidegger zeigen, welche Konsequenz eine weisheitliche Gelassenheit hat, die mit dem Geheimnis, mit dem Unverstandenen, mit dem Unverstehbaren rechnet und es von dem Verstehbaren unterscheidet. Diese Gelassenheit klammert auch die Bedeutung der verstehbaren Dinge ein, sie relativiert sie.  

Zur Gelassenheit (1)

Ein Fortschreiten im Leben, das nicht einfach einer Fortschrittsorientierung folgt, braucht die Fähigkeit zur Unterscheidung, zur Unterscheidung zwischen dem, was veränderbar ist und dem, was unveränderlich ist, zur Unterscheidung zwischen dem, was technisch gestaltet werden kann und dem was sich der technischen Gestaltung entzieht.

Martin Heidegger?

Die Haltung, die diese Unterscheidung möglich macht, kann Gelassenheit genannt werden. Hier ist ein Philosoph Kronzeuge, dessen Philosophie in der Regel nicht mit Gelassenheit in Verbindung gebracht wird: Martin Heidegger. Aber wie bei allen Philosophierenden von Rang ist auch das Denken von Heidegger nicht auf einen einfachen Nenner zu bringen. Es gibt viele Aussagen von ihm, die sich heute verbieten, es gibt weiterhin solche, die philosophisch fragwürdig sind, etwa immer dann, wenn das Wort „eigentlich“ mitschwingt.

Ja und Nein zur technischen Welt

1955 aber hat Heidegger eine Rede in Meßkirch, seinem Geburtsort gehalten. In dieser Rede beschäftigt er sich mit dem Stellenwert der Technik in der modernen Gesellschaft. Er kritisiert die Technik und will sie gleichzeitig nicht einfach ablehnen. Eine zentrale Aussage in dem Text lautet: „Ich möchte diese Haltung des gleichzeitigen Ja und Nein zur technischen Welt mit einem alten Wort nennen: die Gelassenheit zu den Dingen.“ (Heidegger, Gelassenheit 2014, 23)

Die Offenheit für das unauflösbare Geheimnis

Gelassenheit ist hier eine Grundhaltung gegenüber der Welt, die damit rechnet, dass sie etwas regeln kann, aber Entscheidendes auch nicht. Die Welt ist hier kein einfacher Gestaltungsraum, sie bleibt bei aller wissenschaftlichen Durchdringung geheimnisvoll. „Die Gelassenheit zu den Dingen und die Offenheit für das Geheimnis gehören zusammen.“ (Heidegger, Gelassenheit 2014, 24)

Das Geheimnis bleibt immer, in der Haltung der Gelassenheit können wir das akzeptieren. Doch das heißt nicht, in Untätigkeit zu verfallen. Dort, wo es möglich ist, sollten wir die wissenschaftlichen Erkenntnisse und die Technologien nutzen. Doch wir sollten uns nicht mit ihnen identifizieren.

Die Suggestivkraft der Technik: Atomkraft und KI

Die Entwicklung der Technik hat eine hohe Suggestivkraft. Das galt zurzeit, da Heidegger schrieb, alle Welt redete von den künftigen Erfolgen der Atomkraft, das ist heute so, alle Welt redet von den künftigen Erfolgen der Künstlichen Intelligenz. Ja, der technische Fortschritt ist in hohem Maße relevant, aber nein, eine einlinige Fortschreibung seiner Entwicklung und die damit verbundenen Erwartungen gehen zumeist in eine falsche Richtung.

Gelassenheit als existentielle Grundhaltung

Gelassenheit ist aber mehr als ein Umgang mit den Erwartungen an Technik. Sie ist eine existentielle Grundhaltung gegenüber der Welt und dem Leben.  Sie ist wach und gegenwärtig, aber sie legt sich nicht fest, sie schöpft aus der Weisheit der Unterscheidung zwischen dem, was wir können und dem, was wir nicht können