Es scheint nichts einfacher zu sein, als gelassen zu leben. Nichts besonderes ist vonnöten, keine besonderen Hilfsmittel, keine explizite Bildung, kein körperliches Training. Doch bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass Gelassenheit eine sehr voraussetzungsreiche und schwer zu erlangende Fähigkeit ist. Gelassenheit ist die Fähigkeit, sich von Handlungsimpulsen zu distanzieren, ohne aber in Passivität abzugleiten.
Das Gelassenheitsgebet
Es macht deshalb Sinn, dass es Gebete gibt, die um Gelassenheit bitten. Ein bekanntes Gebet ist das Gelassenheitsgebet, das Reinhold Niebuhr zugeschrieben wird, einem amerikanischen Theologen des 20. Jahrhunderts, der sich zeitweise stark in den Social-Gospel-Bewegung engagiert hat. Das Gebet lautet:
„Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Worum das Gebet bittet
Das Gebet bittet um etwas, was die Beterin, der Beter offenkundig nicht selbstverständlich zur Verfügung hat. Was ist es, das Probleme macht? Das Gebet bittet um dreierlei: Um Gelassenheit, um Mut und um Weisheit. Es lässt sich vermuten, dass es besonders auf die dritte Bitte zielt, auf die Weisheit der Unterscheidung.
Abwege
Zwei entgegengesetzte Haltungen, die die Unterscheidung von Gelassenheit und Mut vermeiden, scheinen leichter zu sein. Die eine ist die des Pessimismus, der die Hoffnung aufgibt, resigniert und schließlich aufhört zu handeln. Die andere ist im Gegensatz dazu die des uneingeschränkten Optimismus, der davon ausgeht, dass sich jedes Problem lösen lässt, wenn nur genügend Anstrengung aufgewendet wird.
Die Kunst der Unterscheidung
Die Weisheit vermeidet beide Extreme. Sie erkennt an, dass manche Gegebenheiten verändert werden können und verändert werden sollten, während andere angenommen werden müssen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, den Unterschied zu erkennen.
Gelassenheit ist auf die Weisheit der Unterscheidung und den Mut angewiesen. Denn, wenn der Mut zum Handeln fehlt, gibt es auch keine Gelassenheit, sondern nur Resignation. Umgekehrt lässt sich aber auch sagen: Die Weisheit ist auf Gelassenheit und Mut angewiesen. Eine Weisheit, die die Kunst der Unterscheidung beherrscht, die aber daraus aber nicht die angemessene Konsequenz zieht, ist keine Weisheit, sondern nur eine intellektuelle Übung.
Die Kunst der Balance
Das Gebet zeigt, dass Gelassenheit, Mut und Weisheit eng zusammengehören. Sie bilden ein Mobile, das sich in einer fragilen Balance befindet. Fehlt einer der drei Teile, gerät das Ganze aus der Balance und wird schief. Dann gehen auch die anderen Teile verloren.