Zur Gelassenheit (3)

Die beiden vorigen Blogeinträge machen deutlich: Gelassenheit ist weit mehr als eine alltägliche Lockerheit, sie ist keine Wellness Strategie. Sie ist eine existentielle Ausrichtung, die dazu führt, die ganze Welt anders zu sehen. Die Gelassenheit nimmt Abstand von der Fixierung auf die technische Gestaltung der Welt, von der Fixierung auf das Machbare, auf das Veränderbare. Sie ist bestimmt von der Erkenntnis, dass die Welt bei aller Gestaltbarkeit von einem unauflösbaren Geheimnis geprägt ist, sie ist eine offene Wirklichkeit.

Handeln in Gelassenheit

Die Unauflösbarkeit des Geheimnisses ist jedoch kein Grund, alles zu einem Geheimnis zu erklären, alles zu mystifizieren. Gelassenheit im hier vertretenen Sinne geht mit der Kraft zur weisheitlichen Unterscheidung einher. Auch wenn das Geheimnis, die Offenheit der Wirklichkeit auf alles abfärbt, so ist doch nicht alles einerlei. Zur Gelassenheit gehört auch die Fähigkeit, das zu tun, was getan werden kann, was getan werden muss, etwa um ein Unheil abzuwenden oder eine Situation zu verbessern, zur Gelassenheit gehört auch eine tätige Auseinandersetzung mit der Welt.

Maria und Marta

Das war insbesondere Meister Eckhart wichtig, was er in einer eigenwilligen Auslegung der neutestamentlichen Erzählung von Maria und Marta zum Ausdruck brachte. Jesus kehrt bei Maria und Marta ein. Während Maria sich zu Jesus setzt und seiner Predigt zuhört, ist Marta beschäftigt. Die Erzählung endet mit der Mahnung Jesu: „Marta, Marta Du hast viel Sorge und Mühe. Eins aber tut not. Maria aber hat das gute Teil erwählt.“ (LK 10, 41f) Die Aussageabsicht scheint eindeutig: Es ist besser, wie Maria der Rede Jesu zuzuhören, als sich aktiv auf die Welt einzulassen, wie Marta es tut.

Die Auslegung von Meister Eckhart

Doch Meister Eckhart gibt der Geschichte eine überraschende Deutung: Nicht Maria ist vorbildlich, sondern Marta! Nach seiner Auslegung hat Marta die größere Souveränität, denn sie hat die Lehre Jesu schon so verinnerlicht, dass sie sie auch in Sorge und Mühe lebt. Maria ist zu loben, weil sie sich auf die Lehre einlässt, Marta dagegen lebt die Lehre schon. Die vollendete Maria wird dann wie Marta in ihrem tätigen Leben die Lehre beherzigen.

Gelassenheit in Sorge und Mühe

Diese Auslegung zeigt, dass Gelassenheit im Sinne Eckharts in keiner Weise Weltabgeschiedenheit meint, sondern die Fähigkeit, sich ganz und gar auf die Welt einzulassen, jedoch so, dass sie nicht vereinnahmt. Die Haltung der Gelassenheit, von Meister Eckhart auch Abgeschiedenheit genannt, qualifiziert ein bestimmtes Weltverhältnis. Die Welt ist nicht einerlei, wer gelassen ist, lebt nicht in anderen Sphären, sondern vielmehr mitten in der Welt der Sorgen und Mühen. Aber auf eine solche Weise, dass die Sorgen und Mühen der Welt erheblich relativiert sind.

Gelassenheit entspringt dem Glauben an Gott

Gelassenheit in diesem Sinne weiß, bei aller Gestaltung der Welt, bei allem Gebrauch von Technik von dem unauflöslichen Geheimnis, das durch keine Technik aufgehoben werden kann. Die Wirklichkeit ist eine offene, das heißt auch unergründliche Wirklichkeit. Für Meister Eckhart sind Gelassenheit und Abgeschiedenheit Ausdrücke einer existentiellen Beziehung zu Gott. Die Welt ist unergründlich, weil sie Schöpfung Gottes ist. Die Beziehung zu Gott verändert die Beziehung zu der Welt. Sie entwertet sie nicht, aber sie qualifiziert sie auf neue Weise. Die Beziehung zu Gott beweist sich nach Meister Eckhart gerade in den Mühen und Sorgen der Welt.

 Zur Gelassenheit (2)

Der vorige Eintrag in diesem Blog macht deutlich: Die Haltung der Gelassenheit lässt sich in Beziehung setzen zu der Unterscheidung zwischen dem, was veränderbar ist und dem, was nicht veränderbar ist, einem gleichzeitigen Ja und Nein zur technisch verstandenen Welt. So hat Heidegger den Begriff in seiner Meßkirch-Rede verwendet.

Offenheit für das Geheimnis

Aber das ist in gewisser Weise nur die Spitze des Eisbergs. Denn Gelassenheit hat eine existentielle Tiefe, sie ist nicht mit Klugheit zu verwechseln. Auch bei Heidegger klingt das an, denn Gelassenheit ist auch die Offenheit für das Geheimnis. Das Geheimnis der Welt ist kein lösbares Rätsel, sondern zeigt, dass die Welt eine Unergründlichkeit hat. Wenn dem so ist, wie sollen wir mit der Unergründlichkeit umgehen?

Gelassenheit bei Meister Eckhart

Die fundamentale Dimension von Gelassenheit hat derjenige betont, der das Wort Gelassenheit das erste Mal explizit in der deutschen Sprache verwendet hat: Meister Eckhart. Bei ihm ist Gelassenheit eine fundamentale Haltung zu der der Mensch fähig ist. Was bezeichnet er mit dem Wort? In der Gelassenheit lässt der Mensch von seinen weltlichen Bindungen und seiner Selbstbindung und ist ganz von Gott bestimmt. „In Gott wird das Leben einfach, weil es ganz bei sich selber ist. Auf dieses Dasein kommt es an. Man muss nichts ‚verlassen‘, man muss ‚gelassen‘ sein.“ (Dietmar Mieth, Meister Eckhart 2025, 44)

Gelassenheit ist radikal

Gelassenheit bekommt hier eine fundamentale, existentielle Qualität. Es geht nicht um eine Mehr oder Weniger, es geht nicht um eine Klugheitsregel. Es ist radikal, es geht vielmehr um ein ganz oder gar nicht. Entweder wir hängen der Welt und dem Selbstwillen an oder wir werden davon völlig frei und hängen Gott an.  Meister Eckhart kennt da keine Vermittlung, keine Kompromisse. Die menschliche Seele muss leer werden von allem Weltlichen und aller Ichsucht und sich ganz auf Gott beziehen.

Gelassenheit in diesem Sinne ist eine Umkehr der gewohnten Sichtweise, sie beruht nicht eine Unterscheidung innerhalb der Welt, der Unterscheidung von dem, was veränderbar ist und dem, was nicht veränderbar ist. Sie ist eine Abwendung von der Welt, wie wir sie kennen, das Ziel ist „Abgeschiedenheit“ oder eben „Gelassenheit“.

Die ganze Wirklichkeit zeigt sich anders

Nun ist die Sicht Meister Eckharts die eines christlichen Mystikers aus dem Mittelalter. Was hat das mit uns heute zu tun? Seine schroffe und radikale Sichtweise hilft, in Bezug auf Gelassenheit eine Warnung auszusprechen. Wenn wir ernsthaft von einer Wirklichkeit reden, die aus fundamentalen Gründen nicht vollständig beherrschbar ist, dann ist das nicht eine Kleinigkeit am Rande. Die Wirklichkeit im Ganzen sieht anders aus, auch das Beherrschbare erscheint anders.  „Die Offenheit für das Geheimnis“, von der Heidegger spricht, zeigt nicht harmlos an, dass nicht alles verstanden ist. Das Geheimnis färbt auch auf das ab, was verstanden ist, das Verstandene verliert seine Selbstverständlichkeit.

Gelassenheit: Brauchen und nicht brauchen

In einem Text von Paulus in der Bibel heißt es: „Die Zeit ist kurz. Auch sollen die (…) die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“ (1. Kor 7, 29ff) Auch hier ist von einer scheinbar bekannten Welt die Rede. Doch die verliert angesichts des Evangeliums, der frohen Botschaft, ihre Selbstverständlichkeit. Die Texte von Paulus, Meister Eckhart und Heidegger zeigen, welche Konsequenz eine weisheitliche Gelassenheit hat, die mit dem Geheimnis, mit dem Unverstandenen, mit dem Unverstehbaren rechnet und es von dem Verstehbaren unterscheidet. Diese Gelassenheit klammert auch die Bedeutung der verstehbaren Dinge ein, sie relativiert sie.