(4) Himmel und Erde – ein dauerhaftes Spannungsverhältnis

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Dieser Vers steht ganz am Anfang des biblischen Textes. „Am Anfang“ bedeutet: Gott schuf gleich zu Beginn, als erstes eine Dualität: Himmel UND Erde. Da steht nicht: Gott schuf die Welt. Oder: Gott schuf die Wirklichkeit. Sondern: Gott schuf Himmel und Erde, sowohl das Eine wie auch das Andere. Das Eine ist nicht ohne das Andere.  Der Himmel ist nicht ohne die Erde, aber für uns, die Erdlinge, ist viel wichtiger: Die Erde ist auch nicht ohne den Himmel. Der war von Anfang an da und von Anfang an war die Erde auf den Himmel bezogen.

Himmel und Erde – Gott und Mensch

Und das ist auch heute so. In gewisser Weise schafft diese Dualität, das Gegenüber der Sphäre Gottes und der Sphäre des Menschen eine stete Spannung, auf die die biblischen Texte immer wieder zu sprechen kommen. Die Bezogenheit des Menschen auf Gott, des Geschöpfes auf den Schöpfer, ist in die Wirklichkeit eingeprägt durch die Sphären von Himmel und Erde.

Engel als klassische Mittlerwesen

Engel, die Boten Gottes überqueren regelmäßig die Grenze zwischen Himmel und Erde. Sie überbringen den Menschen göttliche Nachrichten. Sie wirken auf die Verhältnisse auf der Erde ein, aber nie so, dass das Spannungsverhältnis grundsätzlich in Frage gestellt wird.

Orte der Nähe Gottes

Es gibt in dem Rahmen der biblischer Erfahrungswelt Orte auf der Erde, die Gott näher sind, da sind die hohen Berge. Menschen steigen in biblischen Erzählungen auf Berge, um Gott näher zu kommen. Da ist der Berg Horeb, wo sich Gott Mose offenbart und sein Gesetz verkündigt, da ist der Berg in Jerusalem, auf dem der Tempel Gottes steht, da ist der Berg Tabor, an dem Jesus verklärt wird. Menschen können sich, wenn Gott will, dem Himmel nähern, auf Bergen, im Tempel. Versuchen Sie es aber eigenmächtig, so scheitert der Versuch wie beim Turmbau zu Babel.

Himmlische Verhältnisse wirken auf irdische Verhältnisse

Jesus nun verkündet auf neue Weise die Nähe des Reiches Gottes. Diese Nähe revolutioniert die Verhältnisse auf der Erde. Sicher geglaubte Ordnungen werden in Frage gestellt. Das Reich Gottes fügt sich nicht einfach den menschlichen Ordnungen. Besonders deutlich wird das im Magnifikat, mit dem Maria auf die Verkündigung der himmlischen Engel reagiert, dass sie schwanger wird. Sie singt in Dankbarkeit von dem Gott, der irdische Verhältnisse umstürzt.

Und seine Barmherzigkeit währet für und für

bei denen, die ihn fürchten.

Er übt Gewalt mit seinem Arm

und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

Er stößt die Gewaltigen vom Thron

und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern

und lässt die Reichen leer ausgehen. (Lk 1, 50-53)

Der Himmel ist stets präsent

Der Himmel ist so eine in der Bibel stets präsente Dimension der Wirklichkeit. Sie verändert die Verhältnisse auf der Erde. Sie motiviert die Menschen, dementsprechend anders zu handeln. Zweierlei ist bemerkenswert:

  1. Die Erde und ihre Verhältnisse wird nie isoliert betrachtet. Die Welt des Menschen ist nie nur für sich.
  2. Die Dynamik des Verhältnisses von Himmel und Erde ist eindeutig ausgerichtet, sie weist vom Himmel auf die Erde.

Die Moderne eine Zeit ohne Himmel?

In unserer Zeit versuchen die Menschen auf der Erde ohne den Himmel auzukommen. Sie setzen auf die eigene Kraft und Gestaltungsmacht. Wenn etwas gelingt, neue Erfindungen, neue Entdeckungen, fühlt sie sich bestätigt. Doch was ist, wenn etwas misslingt, wenn ihnen ihre eigenen Erfindungen über den Kopf wachsen (Klimawandel, Künstliche Intelligenz)?

Der Mensch zwischen Himmel und Erde

So schwanken wir zwischen Selbstermächtigungsfantasien (Kolonisierung des Mars!, Die Schaffung des neuen Menschen!, Transhumanismus!, Überwindung der Krankheiten und der Sterblichkeit!) und Weltuntergangsfantasien (Klimakatastrophe!, Fremdherrschaft der KI Systeme!, Atomare Kriege und Auslöschung der Menschheit!)

Weder diese Ängste noch diese Hoffnungen führen uns weiter. Wahrscheinlich wären wir eher zu rationalem Handeln fähig wenn wir uns unsere eigene Begrenztheit im Guten wie im Schlechten eingestehen würden. Wir sind leibliche Wesen, Erdlinge. Die biblischen Texte haben die Erde stets begrenzt gesehen durch den Himmel. Aber auch ausgerichtet auf den Himmel. Dieses Zugleich von Verbundenheit mit der Erde und von Verbundenheit mit dem Himmel macht uns selbst zu Mittlerwesen. Wir geraten in Gefahr, wenn wir die eine oder die andere Verbundenheit vernachlässigen.

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(3) Ist das Reich Gottes transzendent?

Religion bezieht sich auf Transzendenz, die über unsere Welt, die Immanenz, hinausgeht. Das klingt nur auf dem ersten Blick einleuchtend. Tatsächlich ist das aber eine moderne Verzerrung eines alten Anliegens.

Die Unterscheidung von Vordergrund/Gestalt und Hintergrund

Jesus von Nazareth predigte vom Reich Gottes. Ist das Reich Gottes damit eine transzendente Größe?

In dem letzten Blogbeitrag habe ich vorgeschlagen, die Differenz zwischen der Welt und dem Reich Gottes analog zu einer Differenz zwischen der Gestalt im Vordergrund und einem Hintergrund zu deuten. (siehe hier). Das Reich Gottes ist in diesem Sinne aber nicht irgendein Hintergrund. In gewisser Weise ist es der Hintergrund aller Hintergründe, es ist ein absoluter Hintergrund. Es ist jener Hintergrund all dessen, was uns in der Welt erscheinen kann, was wir beobachten können, was in den Vordergrund gehoben werden kann.

Dieser Hintergrund ist einerseits umfassend, keine Gestalt in dieser Welt nicht auch vor dem Hintergrund des Reiches Gottes gesehen werden kann. Es ist als absoluter Hintergrund andererseits auch unzugänglich. Er kann selbst nie zum Vordergrund gemacht, direkt untersucht werden.

Die neuzeitliche Unterscheidung von Transzendenz und Immanenz

Die Differenz zwischen Gestalt und Hintergrund unterscheidet sich tatsächlich gravierend von der klassischen Differenz zwischen Immanenz und Transzendenz. Denn zwischen Transzendenz und Immanenz gibt es eine nicht zu überbrückende Grenze. Beide Seiten haben nichts gemeinsam, wo das eine anfängt, hört das andere auf. Es sind zwei Bereiche, die klar voneinander getrennt sind. Der eine Bereich, die Immanenz, ist weltlich zu deuten, der andere Bereich, die Transzendenz, ist religiös zu deuten.

Die Immanenz umfasst alle Erscheinungen der Welt. Diese stehen miteinander in einem nachvollziehbaren Zusammenhang. Die Neuzeit brachte mit den Naturwissenschaften eine Revolution der Welterkenntnis mit sich, die es möglich machte, die Verhältnisse in der Welt immer genauer zu beschreiben und zu deuten. Die Wissenschaften erforschen die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten. Diese neue, bis dahin ungeahnte Stärke der naturwissenschaftlichen Weltbeschreibung zwang die Theologie zu einer Antwort. Denn bis zur Neuzeit war es für sie selbstverständlich, die Welt und ihren Aufbau mit religiöser Autorität zu deuten. Das wurde nun immer weniger plausibel. Die neuzeitliche Theologie betonte deshalb zunehmend die Differenz zwischen Immanenz und Transzendenz. So hatte sie einen Bereich, der für die Naturwissenschaften unzugänglich war.

Die biblische Unterscheidung von Himmel und Erde

Biblisch gibt es dafür scheinbar eine gute Grundlage: Die Unterscheidung zwischen Himmel und Erde. Der Himmel ist die Sphäre Gottes, die Erde ist jener Bereich, in dem die Menschen leben und handeln. Gott kann die Sphärengrenze durchbrechen und in das Geschehen auf der Erde direkt oder indirekt eingreifen, er kann Botinnen und Boten schicken, die sein Wort, seinen Willen verkünden. Die Menschen mögen ihrerseits versuchen, die Grenze zum Himmel zu durchbrechen, es gelingt ihnen aber nicht. Biblisch steht dafür die Erzählung vom Turmbau zu Babel. Gott interveniert, er lässt die Menschen nicht seine Sphäre erreichen.

Der „Erfolg“ der Rede von der Transzendenz

So gibt es also auf erstem Blick eine gute biblische Vorlage für die neuzeitliche Unterscheidung zwischen Transzendenz und Immanenz. Diese Unterscheidung erscheint nur als eine kleine Modifikation der traditionellen christlichen Rede von der Schöpfung mit der Unterscheidung von Himmel und Erde. Der unbestreitbare „Erfolg“ ist zunächst einmal eine Immunisierung theologischer Aussagen. Sie stehen nicht mehr in Konkurrenz zu den Naturwissenschaften, weil sie sich ja auf die Transzendenz beziehen, die die Naturwissenschaften als weltliches Erkenntnisprojekt nicht erreichen können. Die Unterscheidung schien also eine kluge Strategie zu sein. Was auch immer die naturwissenschaftliche Forschung entdeckt, es sind stets Verhältnisse, die sich auf die Immanenz beziehen. Die Transzendenz, die Sphäre Gottes, die die Theologie beschreibt, bleibt davon unberührt.

Die negativen Folgen der Rede von der Transzendenz

Doch ist die Vorstellung, die Unterscheidung von Himmel und Erde lasse sich übersetzen in Transzendenz und Immanenz nicht nur theologisch falsch. Auch die Wirkung dieser Unterscheidung war katastrophal. Durch eine immer bessere Beschreibung der Welt durch die Naturwissenschaften, durch eine immer weitere Durchdringung von wissenschaftsbasierter Technik und Lebenswelt blieben immer mehr Menschen von der theologischen Rede von einem transzendenten Gott unberührt. Mag sein, dass es einen solchen transzendenten Gott gibt, aber wen interessiert das, wenn es um eine völlig unbekannte Transzendenz geht? Im technikgeprägten Alltag gibt es keinen Anlass, sich über diese Transzendenz Gedanken zu machen. Der Bezug auf Gott wird zu einer möglichen, aber in der Regel wohl eher überflüssigen Referenz.

Das Reich Gottes als absoluter Hintergrund ist nah und wirkt

Mit Hilfe der hier getroffenen Unterscheidung von Gestalt und Hintergrund wird aber deutlich, dass die neuzeitliche Reinterpretation von Himmel und Erde als Transzendenz und Immanenz etwas Entscheidendes übersieht und damit auch theologisch falsch wird. Der in der Bibel beschriebene Himmel ist zwar für antike Menschen eine völlig unzugängliche Sphäre, aber sie bleibt sichtbar, zu jedem Augenblick eines Lebens auf der Erde. Diese Sichtbarkeit ist nicht nebensächlich. In gewisser Weise war für die antiken Menschen der Himmel so etwas wie ein stets präsenter, aber unerreichbarer Hintergrund. Er war ebenso präsent und nah wie das Reich Gottes in den Reden Jesu erscheint.

Die Unterscheidung von Gestalt und Hintergrund nimmt diese Erfahrung der Nähe auf. Das Reich Gottes ist hier der umfassende Hintergrund aller weltlicher Vorgänge.  Auch hier gilt, dass der Hintergrund nicht zugänglich ist, er ist ein absoluter Hintergrund. Das ist eine Eigenschaft, die das Reich Gottes als Hintergrund mit dem antiken Himmel und der neuzeitlichen Transzendent eint. Aber entgegen der neuzeitlichen Vorstellung von Transzendenz ist das Reich Gottes als absoluter Hintergrund in den weltlichen, alltäglichen Wahrnehmungen zu ahnen, es ist möglich, sich zumindest indirekt darauf zu beziehen, es ist nicht jenseits einer undurchdringlichen Grenze, sondern beeinflusst das Diesseits auf Schritt und Tritt.

Das Reich Gottes als Hintergrund weltlicher Vorgänge ist damit für unsere weltlichen Verhältnisse relevant. Es ist nicht eine transzendente Sphäre, völlig unzugänglich aus irdischer Perspektive. Wer eine Ahnung von der Nähe des Reiches Gottes bekommt, sieht die Dinge der Welt in einem anderen Licht. Diese Nähe des Reiches Gottes führt zu einem anderen reden über die Welt und zu einem anderen Handeln in der Welt.

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(3) Hoffnung – eine theologische Perspektive auf die Welt

Die letzten Beiträge dieses Blogs kreisten um die Frage, in welchem Verhältnis die Hoffnung zu unserem Wissen über die Welt steht. Offenkundig ist unser Wissen über die Welt, vor allem über die geschichtliche Entwicklung der Welt begrenzt. Hoffnung wiederum ist eng mit dieser Wissensgrenze verbunden. Könnten wir ableiten, wie die Zukunft aussieht, wären unsere Prognosen vollständig, so könnte es keine Hoffnung geben. Die Welt entwickelt sich dann genau so, wie es die Zahlen, Messungen und Hochrechnungen vorgeben. Unsere Haltung kann nur eine der Akzeptanz dieser Berechnungen sein.

Gegen einen „ruchlosen Optimismus“

Ernst Bloch relativiert in seiner Philosophie diese Vorstellung und nennt einen auf Berechnungen beruhenden Optimismus „ruchlos“. Weder haben wir Menschen die Zukunft im Griff, noch ist sie berechenbar. Diese außerordentlich wichtige Leerstelle, die seine Philosophie ausweist, kennt ein Pendant in der Theologie. Hier ist die Verheißung die Grenze aller Berechenbarkeit.

Hoffnung aufgrund von Verheißung

Jürgen Moltmann hat 1964 die berühmt gewordene „Theologie der Hoffnung“ geschrieben. Doch wenn man den Text genau liest, geht es um Hoffnung eigentlich nur am Rande. Nur das einleitende Kapitel befasst sich mit Hoffnung. Bei allen folgenden steht nicht Hoffnung, sondern Verheißung im Mittelpunkt der Betrachtung. Es ist die Verheißung Gottes, die der Grund menschlicher Hoffnung ist.

Verheißung des Reiches Gottes

Was aber ist Verheißung? Kurz und bündig: „Eine Verheißung ist eine Zusage, die eine Wirklichkeit ankündigt, die noch nicht da ist.“ (Theologie der Hoffnung, 1997, S. 92) Die Verheißung ist die Verheißung Gottes. Die Geschichte steht unter dem Vorzeichen, dass letztendlich das Reich Gottes kommen wird. Gott wird bei den Menschen sein und sie werden sein Volk sein.

Nun öffnet das natürlich nicht alle Möglichkeiten für willkürliche Behauptungen über die Zukunft. Der biblische Gott, so zeigt es Moltmann, bindet sich in Zusagen an sein Volk, er gibt diesem Volk eine Verheißung. Dies gilt auch nach der Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Nun steht die Geschichte für alle Menschen unter der Verheißung Gottes. Die christliche Botschaft „versteht Geschichte als die durch Verheißung geöffnete Wirklichkeit.“ (a.a.O., S. 204)   

Die Verheißung bleibt die Verheißung Gottes

Es ist nicht der Mensch, der ihre Verwirklichung bewerkstelligen kann, es ist der verheißende Gott. Dadurch aber kann die Verheißung nicht aus dem Bekannten abgeleitet werden. Die Wirklichkeit ist ähnlich wie bei Bloch im Fluss, sie verändert sich. Ja, es kann sogar sein, dass das Verheißungswort „zur gegenwärtigen und ehedem erfahrenen Wirklichkeit im Widerspruch steht.“ (a.a.O., S. 93)

Dies spitzt die Unkenntnis, von der Bloch ausgeht, noch weiter zu. Die Hoffnung folgt einer Verheißung, die in gewisser Weise sogar kontrafaktisch sein kann! Das heißt, dass der christliche Glaube nach Jürgen Moltmann in sehr strengem Sinne auch mit dem rechnen sollte, was sich als unberechenbar erweist.

Unser Handeln soll unserer Hoffnung und der Verheißung Ausdruck geben

Das Nichtwissen um die Zukunft wird in der Theologie der Hoffnung durch die Unterscheidung von Gott und Mensch beschrieben. Die Geschichte steht unter der Verheißung Gottes, die für uns aber kein „Masterplan“ ist, aus dem alle zukünftigen Entwicklungen ablesbar wären. Aber weil die Verheißung Gottes in der christlichen Gemeinde wachgehalten und erinnert wird, „muss auch ihr Leben und Leiden, ihr Wirken und Handeln in der Welt und an der Welt von dem geöffneten Vorraum ihrer Hoffnung für die Welt bestimmt sein.“ (a.a.O., S. 301)

Zugespitzt formuliert: Gerade die Beachtung der Differenz zwischen Gott und Mensch macht es möglich, immer neu auf die Verheißung Gottes zu hören, die wir uns selbst nicht geben können. Diese Verheißung kann in unseren Lebensverhältnissen geradezu kontrafaktisch sein. Aber dennoch bleibt die Verheißung bestehen und wir sind aufgefordert, unser Handeln nicht aus der berechenbaren Wirklichkeit abzuleiten, sondern aus einer Geschichte, die n dem Vorschein des Reiches Gottes unter seiner Verheißung steht.

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(0) Konjunkturen der Hoffnung

Die hier beginnende Reihe von Blog-Beiträgen zu den Wegen der Hoffnung möchte ich mit einer eher anekdotischen Beobachtung beginnen: Es gab offensichtlich Zeiten, in denen es einfacher, ja, populärer war, von Hoffnung zu reden. Das waren zum Beispiel die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Diese Jahre waren geprägt von einem außerordentlichen Zukunftsoptimismus. Es war leicht, von Hoffnung zu reden, Hoffnungsbilder zu entwerfen.

Am wichtigsten war wohl ein Abstand zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und die Erfahrungen eines stetigen Wirtschaftsaufschwungs. Im Rückblick werden die 30 Jahre zwischen dem Ende der 40er und den 70er Jahren in der Ökonomie auch „trente glorieuses“ genannt. Es gab ein kontinuierliches Wachstum in der westlichen Welt, es ging aufwärts, dieser Trend erfasst alle Menschen, die Ärmeren ebenso wie die Reicheren. Eine Metapher, die dieses Phänomen eines kollektiven Aufschwungs zum Ausdruck bringt, ist der „Fahrstuhleffekt“, ein von dem Soziologen Ulrich Beck geprägter Begriff. Die schmerzliche Aufarbeitung der Katastrophe der Shoah wurde dagegen in dieser Zeit weitgehend vermieden. Erst Ende des Jahrzehnts gab es immer mehr Stimmen, die auf das geschehene Unrecht hinwiesen und die eine gesellschaftliche Befassung erzwangen.

Zu dem wirtschaftlichen Aufschwung gesellte sich ein spürbarer technologischer Fortschritt.  Zu Beginn der 60er Jahre rief der amerikanische Präsident John F. Kennedy dazu auf, den Mond zu erreichen, 1969 wurde dies durch den berühmten Schritt des Astronauten Neil Armstrong in die Wirklichkeit umgesetzt. Die Computertechnik wurde vorangetrieben, die Rechenkapazität der Geräte stieg merklich an, auch wenn diese Zahlen für uns heute sehr klein erscheinen. Eine erste Simulation einer Künstlichen Intelligenz wurde durch das Computerprogramm Eliza von Joseph Weizenbaum realisiert. Die Atomspaltung schien eine unerschöpfliche Energiequelle zu verheißen, Proteste gab es in den 60er Jahren nur vereinzelt.

Science Fiction eroberte die Populärkultur. In den USA begeisterten die ersten Ausstrahlungen der neuen Serie „Star Trek“, in Deutschland wurde die Serie „Raumschiff Orion“ produziert. Die Eroberung des Weltalls schien eine logische Konsequenz des technischen Fortschritts auf der Erde.

In dieser Zeit traf das zentrale Werk von Ernst Bloch „Das Prinzip Hoffnung“ auf große Resonanz. Bloch erschließt in dem Werk auf vielschichtige Weise das Thema Hoffnung. Er bot neben einer tiefgreifenden philosophischen Analyse einen umfassenden Überblick über Utopie Entwürfe und „Tagträume“ der europäischen Kulturgeschichte. Das Werk war so umfassend, dass eine Behandlung des Themas Hoffnung ohne Referenz auf Ernst Bloch heute nicht mehr möglich ist.

Eng verbunden mit diesem Ansatz war eine politische Hoffnung, dass es nach der Aufteilung der Welt in zwei Blöcke, in einen kapitalistischen Block und einen sozialistischen, kommunistischen Block, möglich sein könne, auf einem dritten Weg die Vorteile beider miteinander zu kombinieren und einen freiheitlichen Sozialismus zu schaffen. Die politischen Diskussionen der Linken führten schließlich zu der eruptiven Entwicklung des Jahr 1968. Bis heute steht das Jahr als Kennzeichen für eine progressive politische Bewegung, einen politischen und kulturellen Aufbruch, der damals alle Länder des Westens erfasste.

Auch in der Theologie fand das Thema Hoffnung große Aufmerksamkeit. Der Theologe Jürgen Moltmann wurde schnell berühmt durch seinen Entwurf „Theologie der Hoffnung“. Aber auch andere Theologen wie Wolf-Dieter Marsch befassten sich mit einer theologischen Interpretation von Hoffnung.

Kurz, die 60er Jahren waren ofenkundig eine hoffnungsvolle Zeit. Es war leicht, von Hoffnung zu reden. Wäre es da nicht sehr attraktiv, an diese Zeit umstandslos anknüpfen zu können? Doch das ist nicht möglich. Wer heute an die Hoffnung appelliert, ist nicht zu Unrecht vielen kritischen Fragen ausgesetzt. In der Tat, kann der Appell „Seid hoffnungsvoll!“ schnell schal werden. Was unterscheidet eine solche Hoffnung von einem oberflächlichen Optimismus, der der Devise folgt: Besser Optimist sein als Pessimist?!

Der Kontrast der damaligen Zeit zu der unseren heute ist sehr auffällig. Aber was lässt sich daraus ableiten? Gibt es heute keinen Grund zur Hoffnung mehr? Oder war vielleicht der damalige Gebrauch des Wortes fahrlässig? Was meint Hoffnung genau? Hat Ernst Bloch die abschließende Antwort gegeben? Wir können wir heute uns wieder auf Hoffnung ausrichten, ohne einem Zweckoptimismus zu verfallen? Meint der Begriff „Hoffnung“ in jeder Zeit dasselbe oder je etwas anderes? Fragen über Fragen, die Anlass für die folgenden Beiträge in diesem Blog sind. Ob am Ende befriedigende Antworten stehen, muss offenbleiben. Sich mit Hoffnung zu befassen, scheint mir angesichts der gegenwärtigen Situation aber aller Mühe wert.

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KI – großes Mysterium und gesellschaftliche Herausforderung

Zurzeit gibt es eine intensive Debatte um neue Systeme Künstlicher Intelligenz. Diese IT-Systeme bieten in der Tat einen großen Innovationssprung gegenüber ihren Vorgängern, weil sie erstmals über Sprachmodelle verfügen, die so gut sind, dass auch längere Texte von ihnen in wenigen Sekunden generiert werden können. In vielen Medien wird nun diskutiert, was das bedeutet, dass nun so etwas wie ein intelligentes Gegenüber zum Menschen existiert, ein Gegenüber, das selbständig kommunizieren kann und vielleicht auf dem Wege ist, intelligenter als der Mensch zu werden.

Wir stehen tatsächlich vor einem Rätsel, einem Mysterium. Die KI ist unbestreitbar etwas so Großes und führt zu Veränderungen, die wir zurzeit kaum überschauen können. Diese Situation bietet ein Eldorado für Spekulationen und wilde Gerüchte. Wenn dann auch die Entwickler wie Sam Altman von Open AI mit drastischen Warnungen an die Öffentlichkeit gehen, scheint die Gefahr durch die neuen KI Systeme wirklich groß zu sein.

Was ist das Neue an ChatGPT?

Umso wichtiger ist es aber, sich vor weitreichenden Schlüssen zunächst einmal auf das Bekannte und Wahrscheinliche zu beziehen. Aufregung erzeugen diese Systeme, weil ihre Anwendungsmöglichkeiten gegenüber den älteren viel variantenreicher sind. Bisher konnten KI Systeme vor allem optisch vermittelte Muster erkennen und aus den Mustern bestimmte Folgerungen ableiten. Solche Muster waren Konstellationen von Spielsteinen wie bei dem höchstkomplexen Go-Spiel oder Bilder von Computertomographen im medizinischen Bereich oder die Konstellation von Verkehrsteilnehmern für Systeme des autonomen Fahrens. Auch gesprochene Sätze bestehen aus Mustern, aus akustischen Mustern, und können dementsprechend erkannt und übersetzt oder zu einer Sprachsteuerung verwendet werden.

Neu ist nun nach der Veröffentlichung von ChatGPT durch das Unternehmen OpenAI im letzten Herbst, dass Texte nicht nur übersetzt oder für die Maschinensteuerung verwendet werden, sondern von der KI autonom generiert werden können. Diese sind in der Lage, angemessen auf eingegebene Fragen, Aufforderungen oder auf andere Texte zu reagieren. Entscheidend ist, dass die neue Form von KI jetzt über ein leistungsfähiges Sprachmodell verfügt, das ihr hilft, scheinbar souverän mit der Bedeutung von Texten umzugehen.

Eine KI, die Sprache souverän verwendet, wirft Fragen auf

Damit, das ist wahrlich ein dramatischer Entwicklungssprung, sind die KI Maschinen nun in den Sprachraum der Menschen eingedrungen.  Sie produzieren selbständig Texte, die eine sinnvolle Bedeutung haben. Was sind die Folgen? Es zeichnen sich in der aktuellen Diskussion zwei Themenfelder ab, die sehr unterschiedlich zu bewerten sind. In dem ersten steht die große Frage nach einer Intelligenz im Mittelpunkt, die dem Menschen nun gegenübertritt, ja ihn möglicherweise dominieren kann. In dem zweiten konzentriert sich die Diskussion auf den Einfluss der Systeme auf die weitere Entwicklung der Gesellschaft, auf die zwischenmenschliche Kommunikation.

Wird die KI zu einem Gegenüber für den Menschen?

Zum ersten Themenfeld, der KI als menschliches Gegenüber: Sind diese Systeme so etwas wie eine menschlich geschaffene Kreatur, die der Entstehung des Menschen selbst nahekommt? Findet nun der Mensch in diesen Maschinen ein Gegenüber? Wir wissen es nicht. Die KI ist offenkundig ein schwer zu entschlüsselndes Mysterium.

Es gibt aber gute Gründe, die aktuellen Erfolge nicht zu hoch zu bewerten. Denn die Idee, dem Menschen ein maschinelles Gegenüber zu schaffen, stand schon ganz am Anfang der KI Forschung in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. (vgl. den Beitrag zur Leitidee) Hier zeigt sich eine kulturell tiefsitzende Erwartung bzw. Befürchtung, es geht um Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Handlungsmacht. Zu Beginn der KI Forschung waren technologische Mittel noch völlig unzureichend, aber die Idee prägte von Beginn an die weitere Entwicklung. Es ging von Anfang an um eine künstliche, aber menschenanaloge Intelligenz. Es ist deshalb nicht sehr überraschend, dass nach diesem Technologiesprung durch die Sprachmodelle erneut die Diskussion um die Menschenähnlichkeit auftaucht.

Was genau ist Intelligenz?

Ich vermute, dass das erste Themenfeld einigermaßen unfruchtbar ist. Das große Problem: Wir wissen nicht einmal genau, was das menschliche Bewusstsein, was menschliche Intelligenz auszeichnet. Es gibt keine allgemein geteilte Definition. Umso schwieriger wird es sein, die neuen KI Systeme einzuschätzen. Das Themenfeld war und ist hochspekulativ, viele suchten schon in der Vergangenheit weite Aufmerksamkeit, wie etwa die Singularitätsthese von Ray Kurzweil. Wahrscheinlich ist, dass sich nach einiger Zeit auch bei den neuen KI Modellen Grenzen zeigen werden, die den Unterschied zwischen Maschine und Mensch wieder deutlicher machen.  

KI verändert menschliche Gesellschaften

Das zweite Themenfeld ist aber schon dramatisch genug. Sprachliche Kommunikation ist für menschliche Gesellschaften von zentraler Bedeutung. Welche Folgen hat es, wenn nun Maschinen mühelos und eigenständig sinnvolle und situationsangemessene Texte schaffen können?

Was ist authentisch?

Ein erstes Problem ist die Frage der Authentizität. Wenn wir bislang einen längeren Text gelesen haben, konnten wir davon ausgehen, dass sie auf einer menschlichen Autorenschaft beruhten. Das ist nun vorbei. Auch noch so sinnvolle, bedeutende und gedanklich weiterführende Texte können das Ergebnis maschineller Algorithmen sein. Die Maschinen sind extrem leistungsfähig, sie produzieren fast zeitgleich Millionen von Texten zu völlig unterschiedlichen Themen. Die Systeme lernen darüber hinaus schnell dazu, sie werden von Textproduktion zu Textproduktion besser. Kurz: Sie erlangen übermenschliche Fähigkeiten in einem Bereich, der bislang allein den Menschen vorbehalten war. Was macht das mit der Autorenschaft, wird sie entwertet?

Was ist Fake, was sind Facts?

Ein zweites Problem ist eng mit dem ersten verwandt. Wir haben in den letzten Jahren viele Diskussionen um Fake News und Facts. Was ist nun, wenn Maschinen hunderttausende unterschiedlicher aber semantisch konsistenter Texte produzieren können, die eine ganz andere Welt vorgaukeln? Wenn sie zugleich in der Lage sind, Bilder zu manipulieren, die die Behauptungen der Texte scheinbar belegen? Was ist dann noch authentisch, was ist Fake? Es entsteht die Diskussion um Deep Fakes, die so präzise und umfassend sind, dass sie für die Endverbraucher kaum noch entschlüsselt werden können.

Wie sollen wir mit Wissen umgehen?

Ein drittes Problem zeigt sich im Bildungsbereich. Die Allverfügbarkeit von Texten und Wissen wertet den Erwerb von Wissen ab. Warum sollte sich irgendjemand die Mühe machen, jahrelang Bücher zu lesen und das Gelesene zu verarbeiten, wenn es eine Abkürzung in jedem Windows Word Programm gibt, in dem per Befehl die KI die gesuchten Inhalte in individuellen Texten ausgibt? Auch hier kann die KI Übermenschliches. Ein Mensch mag in seinem Leben einige tausend Bücher lesen und gedanklich verarbeiten können, eine KI leistet das einhunderttausendfache in kurzer Zeit und ist zugleich präzise, ohne Gedächtnisschwäche. Wie wird zukünftig der Umgang mit Wissen aussehen, wie wird sich die Bildung in den Schulen verändern?

Dies sind nur einige der zentralen gesellschaftlichen Probleme, die nun zu bearbeiten sind. Wie werden die Gesellschaften darauf reagieren? Wir wissen es noch nicht. Auch in ihren gesellschaftlichen Wirkungen ist die KI ein Mysterium. Die Veränderungen sind riesengroß und werden unsere Kultur herausfordern. Wir werden sehr wichtige, ja existentielle Debatten in der Zukunft zu führen haben, damit aufgeklärte, liberale und demokratische Gesellschaften auch in Zukunft bestehen können.

Zur Leitidee der KI