(2) Hoffnung, die verzagte Schwester des Optimismus?

Was zeichnet Hoffnung aus? Immer wieder wird gesagt, Menschen könnten heute kaum noch Hoffnung haben, weil doch die Aussichten so schlecht sind. Aber was meint das? Heißt das im Umkehrschluss, dass Hoffnung dann besonders stark und kräftig ist, wenn die Aussichten gut sind? Das wirkt wie eine Trivialität und ist auch eine. Wenn der Blick auf die Zukunft gut ist, wenn es sicher scheint, dass sich die Verhältnisse zum Guten wendet, braucht es dann noch Hoffnung?

Grenzen des Wissens bei Bloch

Im letzten Beitrag ging es um einige Beobachtungen zu Ernst Bloch. Es ist doch sehr aufschlussreich, dass sein Ansatz der Hoffnung gerade mit einer grundlegend unbekannten Gegenwart, dem Dunkel des gelebten Augenblicks korrespondiert. Hier taucht ein Mangel auf. Hoffnung ist gerade dann stark, wenn wir etwas nicht wissen. Bei Bloch ist es die Gegenwart, die wir nicht genau kennen. Denn die Gegenwart ist seiner Ansicht nach nicht ausmessbar, sondern verändert sich ständig, sie gärt, in ihr formt sich Zukünftiges. Hoffnung hat also mit einem Nichtwissen zu tun, das durch die unablässige Veränderung der Welt bestimmt ist. Die Welt selbst ist im steten Wandel. Dementsprechend kennt unser Bewusstsein einen dunklen Punkt. Es fällt leichter, etwas mit Abstand zu beurteilen als aus dem unmittelbaren Geschehen heraus, deshalb ist der Augenblick immer auch unverstanden.

Geschichte als Tendenzwissenschaft

Nach Bloch ist der Wandel der Welt nicht willkürlich, allein durch einen blinden Zufall bestimmt. Es gibt Tendenzen, die sich aus der Geschichte ablesen lassen. Hier knüpft Bloch an den klassischen Marxismus an. Aber auch dann bleibt vieles unverstanden. Diese konzeptionelle Offenheit des Ansatzes von Bloch bietet eine reiche Verbindung zur Kultur, zur Musik und Dichtkunst, weil er ihnen zubilligt, mehr über die Zukunft zum Ausdruck bringen zu können als die simple Berechnung.

Die Ideologie der Berechenbarkeit

Die Einsicht in die sich wandelnde Welt und in unser begrenztes Wissen hilft, sich nicht ganz den Berechnungen und Prognosen zu überlassen und sich an sie zu klammern. Viele Menschen unserer Zeit neigen dagegen dazu, die Welt im Großen und Ganzen für berechenbar zu halten. Dementsprechend gehorcht die Welt festen Gesetzen und entwickelt sich geradlinig in die Zukunft wie auf Schienen. Gäbe es nur Computer, die groß genug wären, gäbe es nur genügend Daten, könnten alle zukünftigen Weltzustände berechnet werden. Und da die Fähigkeit zu Simulationen im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz große Fortschritte gemacht hat, rückt das Ziel einer berechenbaren Welt scheinbar immer näher.

Das ist nach Bloch ein radikaler Irrtum. Es ist im Übrigen auch eine Fehlinterpretation der wissenschaftlichen Beschreibungen der Wirklichkeit, die an vielen Stellen keine letzten Antworten kennen, sondern offene Frage haben. Die Einsicht in den Wandel der Welt wird von einer Unwissenheit begleitet, die nicht aufgehoben werden kann. In Zeiten der Berechnungen und Prognosen wird diese fundamentale Unwissenheit verdrängt. In dieser Zeit gibt es auch wenig Platz für Hoffnung. Der Grund ist aber nicht in erster Linie, dass die Zukunft so düster dasteht, sondern, dass die Ahnung von den Grenzen des eigenen Wissens geschwunden ist.

Ist die Prognose der Hoffnung vorzuziehen?

In einer durchgerechneten Welt gälte: Eine fundierte optimistische Prognose ist auf jeden Fall besser als eine diffuse Hoffnung. Hoffnung ist eher ein Zeichen für eine beklagenswerte Situation: Gibt es keine gute Prognose, lassen sich die verfügbaren Daten nicht mit der Aussicht auf eine gute Zukunft verbinden, dann bleibt nur eine (vage) Hoffnung. Hoffnung ist Optimismus in düsteren Zeiten. „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Aber sie stirbt eben auch. Hoffnung wird dann schnellt zu einer Haltung, sich eine Sache schön zu reden. Dann ist Hoffnung angesichts einer schlechten Prognose so trivial wie auf der anderen Seite ein Optimismus angesichts einer guten Prognose.

Doch, wenn die Wirklichkeit in ihrem Wandel Untiefen hat, die sich nicht einfach ausloten lassen, wenn wir Menschen bei aller Technik und Wissenschaft über begrenztes Wissen verfügen, wenn unsere Gegenwart immer von einem Schleier des Unverstandenen begleitet wird, dann kann die Hoffnung eine ganz andere Rolle spielen. Sie wird zum Ausdruck einer Haltung, die der Gegenwart jene Tendenzen abspürt, die in eine bessere Zukunft weisen. Diese Tendenzen gibt es immer, in jeder noch so verfahrenen Situation. Dann ist die Hoffnung nicht die verzagte Schwester der Prognose, sondern eine ganz eigene existentielle Kraft, die nicht davon lässt, dass es gute Tendenzen in der Geschichte gibt, die es zu verwirklichen gilt.

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(1) Hoffnung – Was können wir von Ernst Bloch lernen?

Kaum ein Buch ist so sehr mit einer Philosophie der Hoffnung verbunden, wie das Hauptwerk von Ernst Bloch „Das Prinzip Hoffnung“. Im letzten Beitrag dieses Blogs habe ich es kurz erwähnt, es hat in den 60er Jahren Furore gemacht, es ist zahlreich gelesen und kommentiert worden, in einer Zeit einer großen Zukunftserwartung. Die 60er Jahre waren in vielfacher Hinsicht eine Zeit des Aufbruchs. Technologische Visionen mischten sich mit sozialen und politischen Visionen.

Doch ist „Das Prinzip Hoffnung“ nicht in dieser Zeit geschrieben worden, im Gegenteil: In dunkelster Zeit hat Ernst Bloch an dem Text gearbeitet, als Flüchtling in den USA, herausgerissen aus der deutschsprachigen akademischen Welt, jemand, der in der erzwungenen neuen Umgebung nicht leicht Fuß fassen konnte. In dieser Zeit beschäftigte sich Bloch mit dem Thema der Hoffnung.

Blochs Lebensthema

Schon in seiner Dissertation und in größeren Veröffentlichungen hatte sich Bloch immer wieder mit der Dimension der Zukunft befasst, zentral sind seine Untersuchungen zur Utopie. Insofern ist das Thema biographisch angelegt und doch ist es im Nachhinein verwunderlich, dass sich Bloch ausgerechnet in der kargen und in vieler Hinsicht entbehrungsreichen Zeit des Exils mit dem Thema Hoffnung befasst hat. Denn zur Hoffnung gab es über lange Zeit wenig Anlass. Blochs Flucht aus Deutschland hatte mehrere Stationen, zuletzt war er bis 1939 in Prag, musste aber auch von dort kurz vor der Annexion fliehen.

Die dunkle Zeit

Auch in den USA gab es wenig Grund zur Hoffnung. In den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs eilte das Deutsche Reich von einem Erfolg zum nächsten, eine Wende zeichnete sich erst ab Ende 1942 ab. In den letzten Kriegsjahren begannen die systematische Verfolgung und Ermordung der in Europa lebenden Juden. Die Zerstörungen, die der Krieg hinterließ, waren von einem bis dahin unbekannten Ausmaß. Auch nach 1945 folgte nach dem Krieg erst einmal eine Zeit der Entbehrungen angesichts all der Zerstörungen.

Die Zukunft ist offen

Über die persönlichen Beweggründe kann man sicherlich nur spekulieren. Ich glaube aber, dass es in dem Ansatz der Philosophie von Ernst Bloch einen Grund gibt, warum er in der Lage war, sich in dunkler Zeit gerade mit Hoffnung zu befassen. Und dieser Grund ist außerordentlich wichtig für die heutige Beschäftigung mit dem Thema.

Bloch unterscheidet Hoffnung deutlich von einer Prognose, gleich aus zwei Gründen. Zum einen ist die materielle Wirklichkeit für ihn ein offener Prozess, der Neues hervorzubringen in der Lage ist, es gibt in der Zukunft eine reale Offenheit („Das Prinzip Hoffnung“ 1973, Bd. 1, S. 274). Vor allem aber können Menschen das Künftige nur erahnen, denn sie leben im „Dunkel des Augenblicks“ (a.a.O. S. 334). Menschen sind der Gegenwart verhaftet, haben nicht den Überblick. Es ist möglich, Tendenzen der Geschichte zu erkennen, das ist der wichtigste Grund zur Hoffnung. Aber die Tendenz ist keine Prognose. Sie bietet keinen Automatismus, dass sich alles zum Guten wendet.

Wäre es nicht besser, wir wüssten genau, wie es in Zukunft weiter geht? Wäre es nicht besser, wir hätten klare Prognosen, eindeutige Daten, um die Zukunft zu gestalten? Bloch hat da eine klare Position: Wer meint, die Zukunft mit seinem Wissen in den Griff bekommen zu können, hat seiner Ansicht nach keine Hoffnung. Vielmehr entsteht auf diese Weise ein „abstrakt-ruchloser Optimismus“ (a.a.O. S. 277), wie Bloch es nennt. Die Aussagekraft jeder wissenschaftlichen Prognose im Hellfeld aller verfügbaren Daten will die Zukunft in den Griff kriegen und verliert das Wichtigste, was sie für uns in der Gegenwart ausmacht: Die Hoffnung.

Was wir nicht wissen, nicht wissen können

Die Fähigkeit, Hoffnung zu haben, ist also gerade nicht durch ein detailliertes Wissen bestimmt, sondern durch ein fundamentales Nicht-Wissen! Dieses Nicht-Wissen über die Zukunft trotz aller realen Tendenzen, die Bloch so wichtig waren, ermöglicht ein Staunen und eine Offenheit über das, was da kommen wird.

Was heißt das für unsere eher hoffnungsarme Zeit? Haben wir das Staunen verlernt? Geben wir den wissenschaftlichen Prognosen zu viel Raum? Glauben wir zu sehr, es sei alles berechenbar? In einer solchermaßen ausgeleuchteten Welt fehlt nicht nur das Überraschende, auch die Hoffnung, die sich aus den Ahnungen, den Visionen, den Symbolen und Erzählungen nach vorne nährt, hat es schwer.

Über den philosophischen Ansatz von Ernst Bloch kann man mit guten Gründen streiten. In seiner Betonung der Fruchtbarkeit der Begrenztheit unseres Wissens scheint aber eine zentrale Erkenntnis auf. Sie ist eng mit der Fähigkeit zu einer kraftvollen Hoffnung verbunden. Die Neugier auf die immer auch unbekannte Zukunft, die Offenheit für das noch Unverstandene, das Staunen über das, was da kommt, ist eine Quelle jener Hoffnung, auf die Bloch in seinem Werk weist. Das ist auch der Grund zu suchen, warum er auch in dunkler Zeit sich so intensiv mit der Hoffnung beschäftigen konnte.

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(0) Konjunkturen der Hoffnung

Die hier beginnende Reihe von Blog-Beiträgen zu den Wegen der Hoffnung möchte ich mit einer eher anekdotischen Beobachtung beginnen: Es gab offensichtlich Zeiten, in denen es einfacher, ja, populärer war, von Hoffnung zu reden. Das waren zum Beispiel die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Diese Jahre waren geprägt von einem außerordentlichen Zukunftsoptimismus. Es war leicht, von Hoffnung zu reden, Hoffnungsbilder zu entwerfen.

Am wichtigsten war wohl ein Abstand zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und die Erfahrungen eines stetigen Wirtschaftsaufschwungs. Im Rückblick werden die 30 Jahre zwischen dem Ende der 40er und den 70er Jahren in der Ökonomie auch „trente glorieuses“ genannt. Es gab ein kontinuierliches Wachstum in der westlichen Welt, es ging aufwärts, dieser Trend erfasst alle Menschen, die Ärmeren ebenso wie die Reicheren. Eine Metapher, die dieses Phänomen eines kollektiven Aufschwungs zum Ausdruck bringt, ist der „Fahrstuhleffekt“, ein von dem Soziologen Ulrich Beck geprägter Begriff. Die schmerzliche Aufarbeitung der Katastrophe der Shoah wurde dagegen in dieser Zeit weitgehend vermieden. Erst Ende des Jahrzehnts gab es immer mehr Stimmen, die auf das geschehene Unrecht hinwiesen und die eine gesellschaftliche Befassung erzwangen.

Zu dem wirtschaftlichen Aufschwung gesellte sich ein spürbarer technologischer Fortschritt.  Zu Beginn der 60er Jahre rief der amerikanische Präsident John F. Kennedy dazu auf, den Mond zu erreichen, 1969 wurde dies durch den berühmten Schritt des Astronauten Neil Armstrong in die Wirklichkeit umgesetzt. Die Computertechnik wurde vorangetrieben, die Rechenkapazität der Geräte stieg merklich an, auch wenn diese Zahlen für uns heute sehr klein erscheinen. Eine erste Simulation einer Künstlichen Intelligenz wurde durch das Computerprogramm Eliza von Joseph Weizenbaum realisiert. Die Atomspaltung schien eine unerschöpfliche Energiequelle zu verheißen, Proteste gab es in den 60er Jahren nur vereinzelt.

Science Fiction eroberte die Populärkultur. In den USA begeisterten die ersten Ausstrahlungen der neuen Serie „Star Trek“, in Deutschland wurde die Serie „Raumschiff Orion“ produziert. Die Eroberung des Weltalls schien eine logische Konsequenz des technischen Fortschritts auf der Erde.

In dieser Zeit traf das zentrale Werk von Ernst Bloch „Das Prinzip Hoffnung“ auf große Resonanz. Bloch erschließt in dem Werk auf vielschichtige Weise das Thema Hoffnung. Er bot neben einer tiefgreifenden philosophischen Analyse einen umfassenden Überblick über Utopie Entwürfe und „Tagträume“ der europäischen Kulturgeschichte. Das Werk war so umfassend, dass eine Behandlung des Themas Hoffnung ohne Referenz auf Ernst Bloch heute nicht mehr möglich ist.

Eng verbunden mit diesem Ansatz war eine politische Hoffnung, dass es nach der Aufteilung der Welt in zwei Blöcke, in einen kapitalistischen Block und einen sozialistischen, kommunistischen Block, möglich sein könne, auf einem dritten Weg die Vorteile beider miteinander zu kombinieren und einen freiheitlichen Sozialismus zu schaffen. Die politischen Diskussionen der Linken führten schließlich zu der eruptiven Entwicklung des Jahr 1968. Bis heute steht das Jahr als Kennzeichen für eine progressive politische Bewegung, einen politischen und kulturellen Aufbruch, der damals alle Länder des Westens erfasste.

Auch in der Theologie fand das Thema Hoffnung große Aufmerksamkeit. Der Theologe Jürgen Moltmann wurde schnell berühmt durch seinen Entwurf „Theologie der Hoffnung“. Aber auch andere Theologen wie Wolf-Dieter Marsch befassten sich mit einer theologischen Interpretation von Hoffnung.

Kurz, die 60er Jahren waren ofenkundig eine hoffnungsvolle Zeit. Es war leicht, von Hoffnung zu reden. Wäre es da nicht sehr attraktiv, an diese Zeit umstandslos anknüpfen zu können? Doch das ist nicht möglich. Wer heute an die Hoffnung appelliert, ist nicht zu Unrecht vielen kritischen Fragen ausgesetzt. In der Tat, kann der Appell „Seid hoffnungsvoll!“ schnell schal werden. Was unterscheidet eine solche Hoffnung von einem oberflächlichen Optimismus, der der Devise folgt: Besser Optimist sein als Pessimist?!

Der Kontrast der damaligen Zeit zu der unseren heute ist sehr auffällig. Aber was lässt sich daraus ableiten? Gibt es heute keinen Grund zur Hoffnung mehr? Oder war vielleicht der damalige Gebrauch des Wortes fahrlässig? Was meint Hoffnung genau? Hat Ernst Bloch die abschließende Antwort gegeben? Wir können wir heute uns wieder auf Hoffnung ausrichten, ohne einem Zweckoptimismus zu verfallen? Meint der Begriff „Hoffnung“ in jeder Zeit dasselbe oder je etwas anderes? Fragen über Fragen, die Anlass für die folgenden Beiträge in diesem Blog sind. Ob am Ende befriedigende Antworten stehen, muss offenbleiben. Sich mit Hoffnung zu befassen, scheint mir angesichts der gegenwärtigen Situation aber aller Mühe wert.

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Kann Moral schädlich sein?

Die Frage mutet eigentümlich an: Üblicherweise ist Moral in der öffentlichen Diskussion eine begehrte Ressource. Je stärker die eigene Position moralisch abgesichert werden kann, desto besser. Wer zeigen kann, dass die eigene Position sich als moralisch begründet, ja moralisch gefordert darstellen lässt, ist im Vorteil.

Moralische Forderungen sind notwendig

Ist das nicht auch gut so? Ist es nicht erforderlich, dass moralische Werte wie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Selbstbestimmung usw. in gesellschaftlichen politischen Debatten möglichst viel Aufmerksamkeit finden? Was sollte dagegensprechen? Alles, was diese Werte fördert und vergrößert, ist gut.

Moralische Forderungen führen aber nicht automatisch zu moralischem Handeln

Es gibt aber ein grundlegendes Problem: Nicht alle moralischen Forderungen stärken die Moral im Handeln. Es gibt keinen Automatismus zwischen der Proklamation der Werte und ihrer Umsetzung. Nicht jeder und jede, die, der das Gute im Munde führt, stärkt auch eine gute Sache.

Lügen sind oft leicht durchschaubar

Dabei geht es hier nicht um eine bewusste Lüge oder Verstellung. Diese Möglichkeit ist Menschen immer gegeben: Dass sie das eine sagen, das andere aber tatsächlich wollen. Dass sie Gerechtigkeit im Munde führen, sich aber Zielen mit größerer Ungerechtigkeit verschreiben. Aber oft können solche Positionen auch schnell durchschaut werden. Mit genügenden Informationen können aber andere Menschen das böse Spiel erkennen und die Haltung verurteilen.

Moral unterschätzt die Eigenständigkeit der kulturellen und ökonomischen Kräfte

Es geht hier vielmehr um jene, die subjektiv den Eindruck haben, ihre Position sei tatsächlich moralisch und sie mit großer Aufrichtigkeit vertreten. Aber eine Konzentration auf den moralischen Anspruch legt oft nicht genügend Rechenschaft darüber ab, ob das moralisch Vorzügliche auch umgesetzt werden kann. Sie ignorieren, dass dem moralisch Vorzüglichen widrige politisch-kulturelle Kräfte entgegenstehen, die sich nicht einfach mit Empörung beseitigen lassen. Der Soziologe Hans Joas stellt mit Bezug auf das moralische Engagement der Kirchen fest: „Mit der Konzentration auf Moral wird aber nicht nur der Eigencharakter des Religiösen verfehlt, sondern auch der des Politischen.“ (Kirche als Moralagentur, S. 64) Dadurch aber kann eine starke Betonung der Moral eine politische Position schwächen, statt ihr zu nützen.

Beispiel Klimadiskussion

Nehmen wir als Beispiel die Diskussion um das Klima. Seit über 50 Jahren, seit der Veröffentlichung des Berichts des Club of Rome ist die Ahnung einer nahenden Katastrophe in der Öffentlichkeit. Vieles haben wir seitdem dazu gelernt, aber die Grundaussage war von Beginn an richtig: Wenn der Mensch weiterhin Raubbau an der Erde, an der Ökosphäre begeht, wird sie zerstört werden. Nun sind wir 50 Jahre weiter, können die Gefahren viel präziser beschreiben, erleben auch schon starke Auswirkungen, etwa durch die Erhöhung der Welttemperatur. Doch unser alltägliches Handeln hat sich kaum darauf eingestellt. Viele Menschen fahren Auto, fliegen gern, leben in großen Wohnungen, kaufen sich energieintensive Güter. Die allermeisten stimmen aber sofort zu, wenn sie gefragt werden, ob es wichtig sei, den Klimawandel zu begrenzen. Offenkundig geht beides gut zusammen: Der allgemeine moralische Anspruch und das konterkarierende alltägliche Verhalten.

Die kritische Frage an eine ganze Generation

Diese Frage muss sich eine ganze Generation stellen: Warum sind die Aufbrüche der 90er Jahre (die UN Konferenz von Rio de Janeiro 1992, die Diskussion um die Agenda 21, lokale Agenden etc.) so wenig ertragreich gewesen? Die moralischen Forderungen waren da. Viele Initiativen entstanden, die Umweltverbände wuchsen und gewannen an Macht. Warum ist die Zahl der Fernflüge seitdem explodiert, sind die produzierten Automobile immer schwerer geworden, statt kleiner und leichter?

Aussagestarke Bilder

Wer das Problem moralisiert, macht es sich offenkundig zu einfach und bekommt nicht die widrigen Kräfte in den Blick. Diese Kräfte sitzen offenkundig tief in den bewussten und unbewussten kulturellen Wahrnehmungsmustern. Nachrichten über einen wirtschaftlichen Aufschwung werden auch heute gerne mit dampfenden Schloten bebildert. Bilder eines glücklichen Urlaubs zeigt Menschen an Südseestränden. Auch die viel gepriesenen E-Autos sind groß und schwer und rasen in Werbebildern durch eine offene Ebene.

Kulturelle Prägungen, ökonomische Interessen

Eine Arbeit an dem Problem müsste also sich der Frage widmen, wie die widrigen Kräfte überwunden werden können. Diese Kräfte aber sind kulturelle Prägungen einer großen Zahl von Menschen in Tateinheit mit handfesten politischen und ökonomischen Interessen. Hinzu kommen soziale Verwerfungen, die die Moral nicht abbilden kann: Manchen Menschen fällt es bei den sehr ungleichen Vermögen leichter, sich umweltbewusst zu geben als anderen, die weniger Geld zur Verfügung haben. Eine einfache Moralisierung lässt all dies unberührt und so bleibt das alltägliche Verhalten  neben dem allgemeinen moralischen Anspruch bestehen. Das eigentlich Gewünschte, die Veränderung des Verhaltens, bleibt aus.

Follow the Science?

Wie steht es in unserer Gesellschaft um das Vertrauen in wissenschaftliche Forschung? Wissenschaften werden sehr unterschiedlich beurteilt. Das Spektrum reicht von Verschwörungstheorien bis hin zu dem Aufruf „Follow the Science“. In gewisser Weise finden sich die Wissenschaften mitten in den gesellschaftlichen Auseinandersetzungen wieder. Können wir einem offenen wissenschaftlichen Erkenntnisprozess trauen? Gerade auch dann, wenn die Unsicherheit der Erkenntnis betont wird? Welche Wirkung hat die gesellschaftliche Auseinandersetzung um Vertrauen/Misstrauen auf die Wissenschaften und ihre Stellung in der Gesellschaft?

Der wissenschaftsskeptische romantische Ansatz

Nicht wenige gesellschaftliche Stimmen heute lehnen Wissenschaften rundum ab. Die Fundamentalkritik an wissenschaftlicher Erkenntnis ist nicht über Nacht entstanden. Seit vielen Jahrzehnten gibt es gesellschaftliche Strömungen, die wissenschaftliche Erkenntnisse radikal hinterfragen. Wichtige Quellen sind die alternative Medizin, eine weitgehende die Ablehnung der technikdominierten Industriegesellschaft, der Wunsch, zur naturnahen Lebensweise zurückzukehren, die Hochschätzung der Erkenntnisse antiker und indigener Völker. Für all diese Haltungen gibt es gute Argumente, aber bei vielen verhärten sie sich zu einer Weltanschauung, in der das vermeintlich Ursprüngliche den modernen zerstörerischen Entwicklungen gegenübersteht. Populär wurde die Einstellung in den 70er Jahren, für eine längere Zeit war sie eng verbunden mit einem progressiven politischen Ansatz.

Von der Romantik zur Gegenaufklärung

Doch das wandelte sich zusehends. Es entstanden Milieus, die von einem tiefsitzenden Misstrauen gegenüber den Wissenschaften geprägt sind. Das verknüpft sich in der letzten Zeit immer mehr mit der Bereitschaft, alternative Erkenntnisquellen zu trauen, die Tür zu Verschwörungstheorien ist weit offen. Denn alle eint miteinander das Feindbild einer seelenlosen wissenschaftlichen Forschung, die nur Ausdruck der herrschenden Schichten sei. Der politische Ansatz ist nicht mehr progressiv, sondern aufklärungsfeindlich.

Die Gegenbewegung: Follow the Science!

Zugleich entstanden in den letzten Jahren jene Milieus, die sich gegensätzlich orientieren. Es scheint, dass ihre Einstellung sich auch darüber findet, dass sie ein Antipode zu der erstgenannten ist. Hier gilt geradezu die Devise „Follow the science“. Im Zentrum stehen die neuen Bewegungen gegen den Klimawandel. Wird der Wahrheitsgehalt wissenschaftlicher Aussagen von der ersten Gruppe in Frage gestellt, so wird hier ein nahezu unbedingtes Vertrauen gefordert. „Die Wissenschaft“ wird zur Instanz, die über die richtige politische Einstellung entscheidet. Die Wissenschaft ist die Quelle moderner und weltoffener Erkenntnis.

Die Wissenschaft sagt Wahrheit?

Doch auch diese zweite Haltung ist in hohem Maße fragwürdig. Das ist aus mindestens zwei Gründen so. Zum einen ist auch der wissenschaftliche Forschungsprozess korrumpierbar. Das hat sich in der Vergangenheit leider des Öfteren gezeigt. Deshalb muss wissenschaftliche Forschung vor allem eines sein: selbstkritisch. Eine kritiklos angenommene wissenschaftliche Aussage droht ihre Wissenschaftlichkeit zu verlieren. Nach Popper ist es gerade die hohe Würde wissenschaftlicher Aussagen, dass sie widerlegt werden können. Man kann der Wissenschaft nichts Schlimmeres antun, als ihre Aussagen kritiklos zu akzeptieren. „Follow the science“? Verräterisch ist hier schon der Singular: Es gibt die Wissenschaften nicht im Singular. Es gibt „die Wissenschaft“ als Instanz nicht, sie ist eher ein Fetisch. Es gibt sehr wohl wissenschaftlich arbeitende Menschen, Gruppen, Communities. Aber diese ringen, wenn sie wissenschaftlich arbeiten, immer wieder darum, ob ihre Erkenntnisse konsistent, korrekt sind, was noch unbeantwortet, was unverstanden ist.

Wissenschaft nicht im Elfenbeinturm

Es gibt einen weiteren Grund, warum die zweite Haltung fragwürdig ist. Es gibt gute Gründe, den real existierenden Wissenschaften zu misstrauen. Tatsächlich ist jede wissenschaftliche Forschung von Geltungsdrang, Machtfragen, Ressourcengewinnung und so weiter bedroht. Es sind Menschen, die forschen. Es steht immer in Gefahr, dass gesellschaftliche Macht- und Einflussfragen in die Wissenschaft hineingetragen werden: Wer die Forschung bezahlt, will auch an den Ergebnissen partizipieren. Das gilt für Patentierungsverfahren wie für die Erschließung staatlicher Ressourcen.

Im Für und im Wider fehlt das Vertrauen in offene Erkenntnisprozesse

Beide Haltungen haben im Grunde kein Vertrauen in einen offenen und fehleranfälligen wissenschaftlichen Forschungsprozess. Die einen lehnen die Wissenschaft grundsätzlich ab, die anderen machen sie zur Instanz, die sagt, was wahr ist. Der größte Teil der wissenschaftlichen Forschung besteht aus Vermutungen und Hypothesen. Ein aufgeklärter Umgang mit Wissenschaft wird das immer betonen. Doch auch hier zeigt sich eine Variante eines grundlegenden Vertrauensverlustes in unserer Gesellschaft!

Zur Einführung zum Thema Vertrauen und zu weiteren Beiträgen