Der Mensch, das rationale und moralische Individuum?

Zur Zukunft des linksliberalen Lagers

Die Entwicklungen in der Politik sind weltweit sehr turbulent geworden. Machtverhältnisse verschieben sich, alte Gewissheiten fallen, neue Orientierungen zeichnen sich (aber) nur undeutlich ab. Bei fast allen politischen Akteuren gibt es zurzeit sehr unklare Zukunftsvorstellungen. Das gilt für die beiden politischen Ränder, der Linken ebenso wie der Rechten, und erst recht für die Mitte. Natürlich behaupten alle Parteien, klare Ziele zu verfolgen. Doch das ist oft politische Rhetorik, die allein das Ziel hat, die aktuelle Lage zu stabilisieren. Starke Zukunftsentwürfe fehlen.

Eine diffuse Zukunft der Rechten

Die Rechte etwa artikuliert vorrangig Protest gegen die Institutionen der liberalen Demokratie. Doch in der Frage, was denn genau die Alternative sein soll, bleibt sie eigentümlich unscharf. In den USA etwa will Trump offenkundig die Freiheiten der großen Tech-Konzerne fördern, was massive soziale Verwerfungen zur Folge haben wird. Gleichzeitig versteht er sich als Stimme der abgehängten Arbeiterschaft traditioneller Industrien. Europäische rechte Parteien bekämpfen die Migration und finden gleichzeitig eine der wichtigsten Migrationsursachen, die Klimakrise, irrelevant.

Eine diffuse Zukunft der Linken

Doch auch im progressiven Lager sind die Zukunftsbilder schwächer geworden. Es wird immer undeutlicher, wohin die Entwicklung gehen soll, was umgesetzt werden kann. Natürlich geht es um die Orientierung an zentralen Werten, mehr Gerechtigkeit, mehr Nachhaltigkeit, mehr Freiheit. Doch wie sollen diese Ziele erreicht werden, was sind machbare Entwicklungsschritte? Politik besteht ja nicht nur in der Artikulation von Werten, sondern in der Umsetzung von mittel- und langfristigen Zielen.

Solidarität damals und heute

Das Hauptproblem progressiver Positionen liegt nicht in der Werteorientierung, sondern in der Beschreibung der Ressourcen, die notwendig sind, um die Ziele zu erreichen. Was ist mit Ressourcen gemeint? Es geht um die gesellschaftliche Machtbasis, die einen gesellschaftlichen Wandel ermöglichen und befördern kann.

Um das deutlicher zu machen, soll ein Vergleich mit der klassischen Linken des 19. Jahrhunderts gezogen werden. Aus der Rückschau erscheint die Entwicklung der Arbeiterbewegung nahezu zwangsläufig. Aber ihre Entwicklung war im Prozess für die beteiligten Akteure zu Beginn alles andere als eindeutig. Das Selbstbewusstsein, dass Arbeiterinnen und Arbeiter gemeinsame Ziele haben und sich gemeinsam artikulieren, ja dass sich eine Arbeiterkultur entwickelt, mit einem starken Selbstbewusstsein, mit eigenen Medien, Liedern, Vereinen, Symbolen, war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts alles andere als wahrscheinlich. Das kommunistische Manifest von Marx und Engels von 1848 kann als einen groß angelegten Versuch gedeutet werden, für die Notwendigkeit und Möglichkeit von Solidarität unter arbeitenden Menschen zu werben. Es ist vielleicht nicht von ungefähr, dass die Ziele der Französischen Revolution durch drei Werte gekennzeichnet werden: Freiheit, Gleichheit und – Brüderlichkeit (Solidarität). Solidarität ist die politische DImension der sozialen Verbundenheit.

Wo stehen wir heute? Es gibt gerade im progressiven politischen Lager sehr tiefgreifende und große Vorbehalte gegen verbindliche soziale Strukturen. Im Zentrum des eigenen Selbstverständnisses steht das sich frei und ungehindert entfaltende Individuum. Dieses Individuum wird idealerweise bestimmt durch eine Orientierung an Moral und Rationalität. Das gesellschaftliche Leitbild leitet sich aus dieser Zentralfigur ab: Die Gesellschaft besteht aus aktiven, moralisch und rational engagierten Individuen, die für mehr Gerechtigkeit, mehr Nachhaltigkeit, mehr Freiheit kämpfen. Die Moralität ist bestimmt durch die gesellschaftlich kommunizierten Werte, die Rationalität ist bestimmt durch die Orientierung an den Erkenntnissen der Wissenschaften und an den Erfordernissen einer globalen, kreativen, von immer neuen Technologien getriebenen Wirtschaft.

Ist der Mensch moralisch und rational?

Zwei gravierende kritische Fragen muss man an dieses Selbstverständnis richten. Zum einen ist es die Frage, ob Menschen als moralisch und rational handelnde Wesen nicht erheblich unterbestimmt sind. Zumindest in der Vergangenheit gab es erkennbar viele Facetten der menschlichen Existenz, die sich nicht unter Moralität und Rationalität fassen ließen – egoistische, aggressive und auch destruktive Anteile, aber auch Tendenzen der Trägheit, der Ausgrenzung und der Abwertung anderer Lebensformen. All diese Kräfte haben neben den genannten Werten in nicht unerheblichem Maße die politische Entwicklung mitbestimmt. Sollte der moderne Mensch diese Kräfte überwunden haben? Diese Diskussion bleibt natürlich immer ein wenig hypothetisch, es gibt sicherlich eine kulturelle Veränderung, die erhebliche positive Wirkungen auf das Selbstverständnis der Menschen hat. Aber es bleibt die Frage, ob die Veränderung so durchgreifend ist, dass die anderen Kräfte nicht mehr berücksichtigt werden müssen.

Grenzen des Aktivismus

Zum anderen ist es die Frage, ob das Individuum als Bezugspunkt für gesellschaftliche Veränderungen ausreicht. Für die sozialen Bewegungen engagierter Individuen hat sich der Ausdruck „Aktivismus“ eingebürgert. Zumeist sind es bestimmte Anlässe, dass sich aktivistische Konstellationen bilden, die eine große mediale Aufmerksamkeit finden können. Sie sind fast immer durch einen geringen und temporären Organisationsgrad bestimmt. Dazu zählen ganz prominent die „MeToo“ Bewegung, die Bewegung „Fridays for Future“, die Bewegung „Black Live Matters“, aber auch viele andere. Sie haben ohne Zweifel nachhaltige Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen, sie haben Diskussionen auch auf längere Sicht geprägt. Aber sie verändern oder prägen nur wenig die gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen. Die aktivistischen Bewegungen fordern in erster Linie den einzelnen Menschen auf, sein Verhalten zu ändern, auf das Verhalten anderer Menschen einzuwirken.

Die Institutionenblindheit

Die Achillesferse des progressiven Lagers ist eine gewisse Institutionenblindheit und das geringe Interesse am Aufbau verpflichtender Strukturen und lebensweltlicher Bindungen. Das unterscheidet sie von der klassischen Linken, die immer auch an dem Aufbau langfristiger Strukturen, Parteien, Verlage, Vereine etc. interessiert waren. Dies wiederum liegt an der Konzentration auf den einzelnen Menschen.

Die Fokussierung auf die Ressource „moralisch und rational handelndes Individuum“ ist viel zu schwach für die gesellschaftlichen Veränderungen, die anstehen. Dadurch entsteht eine eigentümliche große Diskrepanz zwischen den tatsächlichen gesellschaftlichen Fortschritten und den notwendigen Veränderungen für die selbstgesetzten Ziele.  

Gesinnung versus Tat

Die Gefahr ist, dass der Aktivismus der Individuen bei einer reinen Proklamation der Gesinnungen stehen bleibt, auf die eine gesellschaftliche Veränderung nicht im erforderlichen Maße folgt. Diese Diskrepanz kann bei allen großen Themen der Zeit beobachtet werden: In der Reaktion auf den Überfall Russlands auf die Ukraine, in der Frage einer langfristigen Flüchtlingspolitik, in der Frage der ökologischen Transformation. Die Meinungen sind oft sehr klar, aber die gesellschaftliche Reaktion ist nicht angemessen, getroffene Maßnahmen nicht ausreichend.

Diese Diskrepanz führt zu einer nachhaltigen Schwächung des progressiven Lagers. Dies geschieht gerade in einer Zeit, in der rechte gesellschaftliche Kräfte immer mehr um sich greifen. Vielleicht bedingt beides einander: Die Schwäche der einen führt zu einer Stärke der anderen. Eine neue Stärke progressiver Positionen würde aber ein Umdenken in grundlegenden Orientierungen erfordern.

Eine epochale Zäsur in der Klimapolitik

Die Ergebnisse der Wahlen in den USA treffen viele Menschen direkt und emotional. Dafür gibt es viele gute Gründe. Es ist immer etwas gewagt, so unmittelbar nach einem relativ überraschenden großen Ereignis über dessen Wirkungen zu reden. Und doch zeichnen sich Folgen ab, die sehr weitreichend sein werden für die politische Kultur in den USA, aber auch in Europa.

Das Project 2025

Im Zentrum der Aktivitäten der künftigen, von Trump geführten Regierung soll das „Project 2025“ stehen, eine Aufstellung von Regierungszielen, die der rechte Think Tank Heartland Institute in enger Abstimmung mit dem Trump Team aufgestellt hat. Durch diesen umfassenden Plan auf mehreren hundert Seiten unterscheidet sich der kommende Regierungsantritt Trumps von dem im Jahr 2017 fundamental. Nach der überraschenden Wahl 2016 hatte Trump lose Ideen, kein festes Programm, kein größeres Team. Das ist jetzt anders. Die kommenden Schritte sind alle recht detailliert geplant. Inwieweit sie sich durchsetzen lassen, mag offen sein. Aber ihre Umsetzung ist bei den Akteuren der kommenden Trump Administration fest im Blick.

Die künftige Energiepolitik

Die Wirkungen werden weitreichend sein und auch über die amerikanische Gesellschaft hinaus gehen. Ich möchte nur einen Punkt beispielhaft hervorheben: Die Energiepolitik. Die kommende Trump Regierung wird, sollte sie die Vorgaben des Project 2025 umsetzen, alle verfügbaren Energieressourcen für das Wachstum der US- amerikanischen Wirtschaft nutzen, einerlei ob es fossile Energiequellen sind oder regenerative. Klimapolitische Ziele werden aufgegeben. Weitere Öl- und Gasvorkommen sollen erschlossen werden.

Die Treibhausgasemissionen der USA

Die Folgen sind gravierend: Zunächst sind die USA auch jetzt schon, nach vier Jahren Biden und 8 Jahren Obama Administration der zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen. Schon jetzt ist es so, dass die weltweiten Klimaemissionen ohne Unterlass steigen, 2023 war wieder ein Rekordjahr.

Wenn nun durch die neue Ausrichtung fossile Energiequellen in den USA ohne Einschränkung erschlossen und genutzt werden sollen, werden viele weltweite klimapolitischen Ziele Makulatur sein. 

Der Kampf um billige Energie

Noch gravierender sind die klimapolitischen Folgen durch die wirtschaftlichen Zwänge, die damit einher gehen. Trump sprach in seinen Wahlkampfreden immer wieder davon, die Energiepreise in den USA durch die größere Verfügbarkeit innerhalb eines Jahres zu halbieren. Das bevorzugt im internationalen Wettbewerb den Produktionsstandort USA, Trump rechnet offenkundig damit, dass inflationäre Folgen seiner Zollpolitik durch die geringeren Energiekosten eingefangen werden können.

Der weltweite Wettbewerb

Doch lösen deutlich geringere Energiekosten eine Kaskade aus, die sich auf Wettbewerber, auf Schwellenländer, aber auch Europa auswirken werden. Unternehmen mit energieintensiver Produktion werden sich gut überlegen müssen, wo sie längerfristige Investitionen tätigen. Die Länder werden darum wetteifern, preisgünstige Energie zur Verfügung zu stellen. Die Zurückhaltung gegenüber fossilen Energien gerät gerade in den Schwellenländern stark unter Druck. Die Klimapolitik wird allein dadurch schwächer, dass immer mehr Akteure sich aus wirtschaftlichem Druck anpassen müssen. Das wird für klimapolitische Anliegen zu einer „slipping slope“, zu einer schiefen Bahn, Standards, die vielleicht schon erreicht worden sind, werden wahrscheinlich wieder in Frage gestellt.

Es wird spannend sein, wie die Entwicklung in den USA die kommende UN Klimakonferenz COP 29 in Aserbaidschan beeinflussen wird. Auch für Europa und besonders für Deutschland wird das zu einer großen Herausforderung. Wie können die klimapolitischen Beschlüsse auf nationaler und europäischer Ebene bewahrt werden, wenn sie mit wettbewerblichen Nachteilen einhergehen? Klimaspezifische Zölle gegenüber Produzenten, die extensiv fossile Energiequellen nutzen, sind schon länger im Gespräch. Doch auch eine solche Zollpolitik kann nicht alle Probleme lösen: Die Einfuhren lassen sich zwar eingrenzen, aber die Exporte sind trotzdem aufgrund der hohen Kosten im Wettbewerb gefährdet.

Wie die Zeit der Energieumstellung überstehen?

Ohne Zweifel sind in langer Sicht regenerative Energiequellen die kostengünstigste Weise, Energie bereitzustellen. Doch gibt es erhebliche Kosten in der Phase der Umstellung. Die aber dauert noch etliche Jahre, etwa zwei Jahrzehnte. Kein Land mit Industrieproduktion kann es sich leisten, über einen solch langen Zeitraum Wettbewerbsnachteile zu erleiden. Kein Staat kann auf lange Sicht die eigene Produktion subventionieren.

Diese wenigen Überlegungen zeigen, welche weitreichenden Folgen eine klimapolitische Wende einer Regierung Trump zur Folge haben wird! Das Project 2025 stellt für die klimapolitischen Ziele eine fundamentale Herausforderung dar. Es wird sehr mühsam sein, unter den genannten Bedingungen das Ziel einer Treibhausgasneutralität aufrecht zu erhalten.

Weitere Informationen zum Project 2025: https://www.project2025.org/policy/

(5) Hoffnung hat die Kraft zu Erzählungen

Hoffnung ist nicht einfach der Ausdruck für eine positive Sicht auf die Zukunft. Eine positive Sicht auf die Zukunft kann sich aus einigermaßen sicheren Prognosen ableiten: Morgen scheint die Sonne. Mit guten Daten ist die Wetterprognose heute einigermaßen sicher. Doch ist es ein Ausdruck von Hoffnung, wenn dann jemand aufgrund der Prognose zuversichtlich ist, dass morgen die Sonne scheint? 

Am Anfang ein Defizit

Hoffnung, so das bisherige Ergebnis, ist gerade elementar mit einem Mangel verbunden, mit einem Mangel an Überblick über die Gegenwart, mit einem Mangel an Prognosefähigkeit. Die radikale Hoffnung ist sogar von dem tiefgreifenden Defizit geprägt, dass ein ganzer kultureller Rahmen abbricht und es keinen Zugang mehr gibt zu den vertrauten Erzählungen.

Die Brücke zu künftigem Sinn

Was macht die Hoffnung mit dieser Situation? Sie entwickelt trotz der Einschränkungen die Fähigkeit zu Erzählungen, die in die Zukunft weisen. Erzählungen wiederum unterscheiden sich von Prognosen. Prognosen sind desto besser, je genauer die Datenbasis, je umfassender das Wissen um die Gegenwart ist. Erzählungen bleiben vage. Sie fixieren kein Wunschbild als zukünftigen Zustand. Aber das ist kein Makel, das ist ihre Stärke. Denn mit ihrer Unbestimmtheit eröffnen sie einen Raum für künftige Entwicklungen. Sie bieten ein Gerüst, das nicht darüber bestimmt, was mit welcher Wahrscheinlichkeit eintrifft, sondern das hilft, in den möglichen Entwicklungen Sinn zu finden.

Ein Traum als Brücke

Diese Erzählungen in die Zukunft hinein können sehr bruchstückhaft sein. Sie bieten keine ausgeschmückten, detailverliebten Szenerien. Plenty Coups, der Häuptling der Crow (siehe letzter Blog-Eintrag), leitet die Erzählung, die ihm eine sinnhafte und erfüllte Zukunft der Crow auch nach dem kulturellen Abbruch durch den Einzug in das Reservat ermöglicht, aus einem Traum ab. Der Traum kennzeichnet für ihn den Kontakt mit Kräften, die weiter reichen als das menschliche Vermögen. Der Traum legt damit ein Fundament für eine Erzählung in die Zukunft, die Sinnerwartungen ermöglicht.

Die Meise fordert zum Zuhören auf

Sein Traum ist der von einer Meise, die in einem Baum sitzt. Es kommen Stürme auf, aber die Meise widersteht allen Stürmen, anders als alle anderen Vögel. Ihr wird in dem Traum die Fähigkeit zugeschrieben, genau zuzuhören. Die Weisheit der Meise besteht also nicht darin, selbst wahr und falsch zu unterscheiden, sondern sich ihrer Umgebung zu öffnen und genau hinzuhören und angemessen auf die Umgebung zu reagieren. Diese Haltung weist für Plenty Coups in die Zukunft: Die Pfade der Zukunft sind nicht solche, die sich bruchlos aus der Vergangenheit ableiten lassen, sondern solche, in denen es darauf ankommt, die Umgebung genau zu studieren und flexibel auf diese Kräfte einzugehen.

Plenty Coups hört zu

Plenty Coups versteht dies so, dass er auf die neuen Bedingungen hört, die durch die Anwesenheit der Weißen und ihrer staatlichen Ordnung gegeben sind. Diese Ordnungen sind ihm und den Crow fremd, er übernimmt sie auch nicht einfach. Aber zugleich opponiert er nicht. Er achtet auf die Freiräume, die sich bieten. Er engagiert sich unter den neuen Bedingungen politisch und pflegt die Kontakte nach Washington. Dadurch gelingt es ihm, manche Entscheidungen im Sinne der Crow zu beeinflussen. Aus der traditionellen Erzählstoffen wäre sein Verhalten nicht beschreibbar, in gewisser Weise sinnlos.

Der zukünftige Sinn

Für Plenty Coups galt: Nur wer genau hinhört, überlebt die Stürme der Veränderung. In gewisser Weise bietet der Traum von der Meise eine Brücke. Er partizipiert an der alten Welt der Crow, auch dort hat die Meise eine bestimmte Rolle. Er weist zugleich in die Zukunft, er wird zum Ausdruck radikaler Hoffnung, die über das traditionell Beschreibbare hinaus geht. Hoffnungen bieten mit Erzählungen Brücken zu zukünftigem Sinn.

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(4) Was ist radikale Hoffnung?

Hoffnung ist eine große Kraft in der Gegenwart. Doch diese Kraft bezieht sie weniger aus einer Fülle, sondern eher aus einem Mangel. Davon war schon in den vorigen Blogeinträgen die Rede: Hoffnung ist grundlegend durch einen Mangel an Wissen gekennzeichnet. Anders gesagt: Wer alles weiß, hofft nicht. Es gilt eben nicht die Formel: Mehr Wissen führt zu mehr Hoffnung. Zugleich gilt auch nicht die Formel: Weniger Wissen führt zu mehr Hoffnung. Und doch ist Hoffnung nur möglich, wenn das Wissen begrenzt ist. Der Mangel kann bei der Hoffnung nicht zu weniger, sondern zu mehr Kraft führen!

Hoffnung und Wissen

Nichtwissen ist natürlich schon dadurch gegeben, weil es um die Zukunft geht. Aber das Nichtwissen erfasst bei der Hoffnung auch schon die Gegenwart. Ernst Bloch beschreibt das „Dunkel des gelebten Augenblicks“. Daraus erwächst bei ihm Hoffnung. In dem theologischen Ansatz von Jürgen Moltmann ist es die Verheißung Gottes. Die Menschen wissen nicht, wie die Zukunft aussieht, sie hören auf die Verheißung.  

Radikales Nichtwissen

Was ist dann radikale Hoffnung? Es ist naheliegend zu folgern: Eine radikale Hoffnung ist jene Hoffnung, die Menschen haben, bei denen auch das Nichtwissen radikal wird. Radikale Hoffnung können nur jene Menschen entwickeln, die weder ein noch aus wissen, die keine Zukunft mehr sehen. Diese Definition legt tatsächlich auch das Buch von Jonathan Lear nah: „Radikale Hoffnung. Ethik im Angesicht kultureller Zerstörung“. In einem früheren Blogbeitrag bin ich auf dieses Buch schon eingegangen (link).

Das Schicksal der Crow

Lear untersucht und beschreibt das Schicksal einer bestimmten Volksgruppe der indigenen Bevölkerung Nordamerikas, der Crow. Im Mittelpunkt steht Plenty Coups, jener Häuptling, der in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts darin eingewilligte, dass die Crow in ein ihnen zugewiesenes Reservat umzogen. Im Zentrum von Lears Buch steht ein einprägsamer Satz von Plenty Coups: „Danach ist nichts mehr geschehen.“ Dieser Satz bezieht sich auf den Umzug. Warum sollte nichts nach dem Einzug ins Reservat mehr geschehen sein? Tatsächlich hat Plenty Coups noch viele Jahre erfolgreich Politik gemacht und ist in Washington immer wieder für die Interessen seines Volkes eingetreten.

Dieser Satz weist darauf hin, dass es für das Volk der Crow mit dem Umzug in das Reservat einen völligen kulturellen Umbruch gab. All ihre Symbole, ihre Erzählungen, ihre sozialen Rollen, ihre Ideale funktionierten mit einem Mal nicht mehr. Der Umzug in das Reservat stand für einen tiefgreifenden, für einen radikalen kulturellen Umbruch. Das Neue, das, was die Menschen erwartete, war mit ihren Mitteln nicht beschreibbar, deshalb die Formulierung: Danach ist nichts mehr geschehen.

Umbruch der Lebensformen

Lear macht in nüchterner Distanz deutlich, dass es nicht um eine kurzschlüssige Romantik geht, also darum, die Lebenssituation der Crow vor dem Umzug schön zu malen. Für die Crow gab es zwei bedeutende Ereignisse in ihrem Leben: Die Jagd der Büffel und der ständige Krieg mit den Sioux. „Einen Coup setzen“ bedeutet, einem Todfeind im Kampf eine Grenze zu zeigen und diese mit Einsatz des Lebens zu verteidigen. Lear stellt das Leben der Crow durch und durch kriegerisch dar.

Doch um eine Beurteilung der Lebensform geht es ihm nicht. Es geht ihm um den radikalen kulturellen Einbruch, den die Crow erleben und durchleben mussten durch den Umzug ins Reservat. Wie sollten sie in dieser Situation positiv in eine ihnen völlig unzugängliche Zukunft schauen?   Ihr Wissen um das, was sich von da an entwickeln sollte, war radikal begrenzt. Eine solche Nullpunktsituation ist nach Lear aber zugleich der Ort radikaler Hoffnung.

Radikale Hoffnung als radikale Kraft

Radikale Hoffnung hat nichts mit Optimismus zu tun, nichts mit der treuherzigen Devise: „Es wird schon irgendwie gut gehen.“ Radikale Hoffnung ist eher die Fähigkeit, bei einem totalen Abbruch der Sinnzusammenhänge weiter zu leben und das Leben zu gestalten, neuen Sinn zu schaffen. Das ist eine erstaunliche Fähigkeit, die Selbstaufgabe läge näher. Diese „Tugend“ mussten die Crow ausbilden, um zu überleben. In diesem Sinne kann es offenkundig für Menschen und Gemeinschaften, die vor einem tiefgreifenden kulturellen Neuanfang stehen, den Weg der radikalen Hoffnung geben.  

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(3) Hoffnung – eine theologische Perspektive auf die Welt

Die letzten Beiträge dieses Blogs kreisten um die Frage, in welchem Verhältnis die Hoffnung zu unserem Wissen über die Welt steht. Offenkundig ist unser Wissen über die Welt, vor allem über die geschichtliche Entwicklung der Welt begrenzt. Hoffnung wiederum ist eng mit dieser Wissensgrenze verbunden. Könnten wir ableiten, wie die Zukunft aussieht, wären unsere Prognosen vollständig, so könnte es keine Hoffnung geben. Die Welt entwickelt sich dann genau so, wie es die Zahlen, Messungen und Hochrechnungen vorgeben. Unsere Haltung kann nur eine der Akzeptanz dieser Berechnungen sein.

Gegen einen „ruchlosen Optimismus“

Ernst Bloch relativiert in seiner Philosophie diese Vorstellung und nennt einen auf Berechnungen beruhenden Optimismus „ruchlos“. Weder haben wir Menschen die Zukunft im Griff, noch ist sie berechenbar. Diese außerordentlich wichtige Leerstelle, die seine Philosophie ausweist, kennt ein Pendant in der Theologie. Hier ist die Verheißung die Grenze aller Berechenbarkeit.

Hoffnung aufgrund von Verheißung

Jürgen Moltmann hat 1964 die berühmt gewordene „Theologie der Hoffnung“ geschrieben. Doch wenn man den Text genau liest, geht es um Hoffnung eigentlich nur am Rande. Nur das einleitende Kapitel befasst sich mit Hoffnung. Bei allen folgenden steht nicht Hoffnung, sondern Verheißung im Mittelpunkt der Betrachtung. Es ist die Verheißung Gottes, die der Grund menschlicher Hoffnung ist.

Verheißung des Reiches Gottes

Was aber ist Verheißung? Kurz und bündig: „Eine Verheißung ist eine Zusage, die eine Wirklichkeit ankündigt, die noch nicht da ist.“ (Theologie der Hoffnung, 1997, S. 92) Die Verheißung ist die Verheißung Gottes. Die Geschichte steht unter dem Vorzeichen, dass letztendlich das Reich Gottes kommen wird. Gott wird bei den Menschen sein und sie werden sein Volk sein.

Nun öffnet das natürlich nicht alle Möglichkeiten für willkürliche Behauptungen über die Zukunft. Der biblische Gott, so zeigt es Moltmann, bindet sich in Zusagen an sein Volk, er gibt diesem Volk eine Verheißung. Dies gilt auch nach der Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Nun steht die Geschichte für alle Menschen unter der Verheißung Gottes. Die christliche Botschaft „versteht Geschichte als die durch Verheißung geöffnete Wirklichkeit.“ (a.a.O., S. 204)   

Die Verheißung bleibt die Verheißung Gottes

Es ist nicht der Mensch, der ihre Verwirklichung bewerkstelligen kann, es ist der verheißende Gott. Dadurch aber kann die Verheißung nicht aus dem Bekannten abgeleitet werden. Die Wirklichkeit ist ähnlich wie bei Bloch im Fluss, sie verändert sich. Ja, es kann sogar sein, dass das Verheißungswort „zur gegenwärtigen und ehedem erfahrenen Wirklichkeit im Widerspruch steht.“ (a.a.O., S. 93)

Dies spitzt die Unkenntnis, von der Bloch ausgeht, noch weiter zu. Die Hoffnung folgt einer Verheißung, die in gewisser Weise sogar kontrafaktisch sein kann! Das heißt, dass der christliche Glaube nach Jürgen Moltmann in sehr strengem Sinne auch mit dem rechnen sollte, was sich als unberechenbar erweist.

Unser Handeln soll unserer Hoffnung und der Verheißung Ausdruck geben

Das Nichtwissen um die Zukunft wird in der Theologie der Hoffnung durch die Unterscheidung von Gott und Mensch beschrieben. Die Geschichte steht unter der Verheißung Gottes, die für uns aber kein „Masterplan“ ist, aus dem alle zukünftigen Entwicklungen ablesbar wären. Aber weil die Verheißung Gottes in der christlichen Gemeinde wachgehalten und erinnert wird, „muss auch ihr Leben und Leiden, ihr Wirken und Handeln in der Welt und an der Welt von dem geöffneten Vorraum ihrer Hoffnung für die Welt bestimmt sein.“ (a.a.O., S. 301)

Zugespitzt formuliert: Gerade die Beachtung der Differenz zwischen Gott und Mensch macht es möglich, immer neu auf die Verheißung Gottes zu hören, die wir uns selbst nicht geben können. Diese Verheißung kann in unseren Lebensverhältnissen geradezu kontrafaktisch sein. Aber dennoch bleibt die Verheißung bestehen und wir sind aufgefordert, unser Handeln nicht aus der berechenbaren Wirklichkeit abzuleiten, sondern aus einer Geschichte, die n dem Vorschein des Reiches Gottes unter seiner Verheißung steht.

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