Warum Vertrauen? Eine kleine Einführung

Mit diesem Blogbeitrag beginne ich eine Reihe, die sich mit dem Phänomen „Vertrauen“ auseinandersetzt. Warum „Vertrauen“? Vertrauen ist eine grundlegende Dimension menschlicher Existenz. Es ist grundlegend für alle zwischenmenschlichen Beziehungen, soziale Formen können ohne ein Mindestmaß an Vertrauen nicht existieren. Es geht dabei nicht nur um das Vertrauen, das ein Mensch zu einem anderen haben kann. Es geht vielmehr auch um das Vertrauen in zwischenmenschliche Strukturen, in Formen der Verbundenheit. Das können mehr oder weniger formale Strukturen sein, Nachbarschaften, Freundeskreise auf der einen Seite, Staat und Kommunen, Vereine, Parteien, Kirchen auf der anderen Seite. Wenn wir uns auf soziale Beziehungen einlassen, müssen wir ihnen gegenüber auch Vertrauen haben: Vertrauen, dass ein Wort gilt, Vertrauen, dass eine Regel gilt, Vertrauen, dass eine Zusage gilt. In eine kurze Formel gefasst: Vertrauen ist der Kitt menschlicher Gesellschaften.

Aktuelle Signale des Mißtrauens

Vieles deutet nun darauf hin, dass diese grundlegende menschliche Erfahrungsdimension in der kommenden Zeit in unserer Gesellschaft an vielen Stellen besonders herausgefordert, besonders gefährdet ist. Viele aktuelle Debatten zeigen, wie brüchig bislang zweifelfreies Vertrauen heute schon ist. Das zeigt sich auf der einen Seite in der Bereitschaft, Verschwörungstheorien zu folgen, die ja immer auch ein starker Ausweis von Misstrauen sind, das zeigt sich aber auch auf der anderen Seite in dem Unwohlsein, ob es vielleicht untergründige gesellschaftliche Bewegungen gibt, die das Ganze gefährden, wenn etwa „Volksaufstände“ befürchtet werden.

Eine Gesellschaft „im Stress“

Vertrauen als eigenständiges Thema gerät schnell in den Hintergrund, wenn das Leben „in geregelten Bahnen“ verläuft, wenn die nahen Menschen sich verlässlich zeigen, wenn die gesellschaftlichen Systeme funktionieren, wenn die Bedürfnisse weitgehend befriedigt werden können, kurz, wenn wir uns „aufgehoben“ fühlen. Das aber ändert sich in Krisenzeiten. Krisenzeiten führen zu vielfältigen Verunsicherungen und damit auch zur Belastung von Vertrauensstrukturen.

Wir bewegen uns nun nach einer längeren Phase der Beständigkeit und Konsolidierung in Deutschland (die Zeit nach der Finanzkrise 2008) aktuell auf eine Zeit multipler Krisen zu: die Pandemie, der Krieg, die Inflation, die Energieversorgung. Die Gesellschaft gerät in eine erhebliche Stresssituation. In diesen Zeiten zeigen sich jene gesellschaftlichen Risse deutlicher, die schon vorher da waren, die aber nicht so stark wahrgenommen wurden. Da Vertrauen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen sich ganz unterschiedlich zeigen kann, macht es Sinn, die Bereiche gesondert zu betrachten. Genau das soll in den folgenden Blogbeiträgen geschehen.

Die Linkliste zu den einzelnen Beiträgen findet sich unter diesem Artikel.

Die Wirtschaft:

Hier sind die Anlässe ein Schwinden des Vertrauens besonders vielfältig: Können wir unserer Währung noch vertrauen? Kann ich noch der Rentenzusage vertrauen? Können wir noch einem allgemeinen Versprechen einer Wohlstandssteigerung vertrauen, die in den vergangenen Jahren so unhinterfragt zu gelten schien? Können wir vertrauen, dass es in der Gesellschaft in der Verteilung zumindest einigermaßen gerecht zugeht?

Die nationale Politik:

Umfragen zeigen eine wachsende Entfremdung vieler Menschen gegenüber den politischen Parteien aus sehr unterschiedlichen, manchmal gegensätzlichen Gründen. Kann die Politik wirklich die sozialen Verwerfungen und Ungerechtigkeiten verhindern, die durch die Krisenhäufung drohen? Hat die Politik wirklich den Willen, die notwendige ökologische Transformation mit allen Konsequenzen zu gestalten?

Die internationale Politik:

Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine vertraut Russland im Westen niemand mehr. Aber wie ist es mit China, mit dem Iran, mit Katar, Saudi-Arabien? Diese Reihe ließe sich mühelos fortsetzen.

Die Wissenschaft:

Impfgegnern zweifeln an der Wirksamkeit der Impfstoffe, andere vermuten Inszenierungen oder bösartige Geschäftsideen. In der Corona Pandemie zeigt sich aber nur, dass das Misstrauen vieler Menschen in die evidenzbasierte, wissenschaftliche Medizin schon in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen ist.

Führende Medien:

Gerade in diesem Jahr wurden etliche Skandale in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten aufgedeckt und intensiv diskutiert. Aber auch die digitalen Medien sind in einer Vertrauenskrise, der Kauf von Twitter durch Elon Musk irritiert, der erratische Kurs von Zuckerberg mit dem Meta Projekt verstört die Nutzerinnen und Nutzer. Hinzu kommt eine Kommunikation, wo eine Aufregung die andere jagt, oft bleibt undeutlich, was davon Fake oder fakt ist.

Die Kirchen:

Insbesondere in der katholischen Kirche wächst mit jeder Missbrauch-Nachricht das Misstrauen. Das Misstrauen breitet sich ökumenisch aus, der Institution Kirche werden unabhängig der Konfession verdeckte, selbstbezogene Interessen zugesprochen.   

Die Kultur:

Welche kulturellen Traditionen sind akzeptabel, welche dagegen sind nur Begleiterscheinungen einer auf Unterdrückung anderer ausgerichteten kolonialen Kultur? Was transportiert die herkömmliche Sprache, welche Aussageformen sind zulässig, welche zu meiden? Wer sagt was und wie? Die Sprache wird immer mehr zu einem Feld der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Die Diskussion um die Documenta 15 hat jenseits der konkreten Vorwürfe gezeigt, wie schnell Misstrauen auch in der internationalen Kulturszene entstehen kann.

Der Sport:

Gerade in seinen internationalen Erscheinungen ist der Sport immer stärker mit intransparenten Geschäftsideen verflochten. Warum finden die Großereignisse in diesem, nicht in jenem Land statt? Durch die weltweite Aufmerksamkeit sind diese Großereignisse mit viel Geld verknüpft. Eine Missbrauchsdebatte bahnt sich hier erst gerade an.

Die zwischenmenschlichen Beziehungen: In einer hoch individualistischen Gesellschaft ist zwischenmenschliches Vertrauen stets eine herausgeforderte Größe, sofern sie vertragliche Verhältnisse überschreitet. Wie verbindlich ist eine Zusage, wie tragfähig diese Freundschaft, bewährt sich jene Beziehung auch morgen noch? Ist eine Gemeinschaft auf Dauer gestellt oder zerfällt sie schon in kürzerer Zeit?

Es gibt also viel Diskussionsstoff zum Thema Vertrauen! Bevor die einzelnen gesellschaftlichen Bereiche näher betrachtet werden, soll in dem kommenden Beitrag gefragt werden, warum wir Menschen ohne Vertrauen nicht auskommen können, warum es ein so grundlegendes menschliches Bedürfnis ist.

Vertrauen in der Philosophie

Vertrauen in der Wirtschaft

Vertrauen in der Politik

Vertrauen in die Wissenschaften

Zur Debatte um die Documenta 15

In die Schlagzeilen geriet die diesjährige Documenta durch Kunstwerke mit antisemitischen Inhalten. Tatsächlich zeigten einige Exponate explizit grobe antisemitische Stereotype. Viele kritische Reaktionen in der Öffentlichkeit waren in wünschenswerter Weise deutlich.  

Das Argument von Bazon Brock

Der Kunsttheoretiker Bazon Brock stellt die Diskussion über die Documenta in einen weiteren Horizont. Wäre, so die Frage, alles ansonsten in guter Ordnung gewesen, hätte es die explizit antisemitischen Kunstwerke nicht gegeben? In einem Radiointerview verneint Brock diese Frage. Seiner Ansicht nach geht es über den expliziten Antisemitismus hinaus in Kassel um ein Ende des europäischen Weges der Kunst. (Ein Link zum Audiofile befindet sich am Ende dieses Textes.) Was sind seine Argumente?

Brock sieht die europäische Kunst als das Schaffen von einzelnen Menschen, die sich durch ihre Kreativität über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzen. Ihm ist wichtig, dass Künstlerinnen und Künstler nicht mit einer institutionellen Absicherung handeln, sondern aus individueller Freiheit, allein auf ihr Werk vertrauend. Brock parallelisiert die Kunst mit der Wissenschaft: Auch die Wissenschaft lebt seiner Ansicht nach von der Argumentation einzelner, die allein durch die Kraft ihrer Argumente überzeugen. Kunst und Wissenschaft sind das Werk freier Individuen, die Kultur dagegen ist in der Interpretation von Brock ein Geschehen von sozialen Kollektiven.

Die Documenta 15 setzt seiner Ansicht nach auf kulturelle Identitäten und kulturelle Kollektive. Die Ausstellung zielt auf bestimmte moralische und politische Milieus, auf soziale Sphären, die eine gewisse Homogenität aufweisen. Die zentrale Rolle von Künstlerkollektiven wie Ruangrupa steht für diese soziale Bindung.

Individuelle Kunst und soziale Vermittlung

Über Brocks Thesen kann man gut streiten. Dabei macht er aber auf eine Dynamik aufmerksam, die meiner Ansicht nach von großer Bedeutung ist. Denn tatsächlich waren es in der Vergangenheit oft einzelne Menschen, die die Kunst – wie auch die Wissenschaft – vorangebracht haben. Jedoch haben sie gegen Brock nie nur als Einzelne gehandelt, sondern immer in enger Verflechtung und zugleich in expliziter Abgrenzung von einem sozialen Umfeld. Auf den Punkt gebracht: Die Kunst der europäischen Geschichte war nur als Abgrenzung einzelner Menschen möglich, weil die soziale Situation auf einer vorgängigen Verflechtung und Vermittlung beruhte.

Die gegenwärtige Situation ist nun aber die: Der lange Weg der kontinuierlichen Individuierung des künstlerischen Schaffens als Abgrenzung gegen soziale, kulturelle Vorgaben ist schon vor einiger Zeit zu einem Ende gekommen. Wenn es aber keine Standards mehr gibt, gegen die eine Künstlerin, ein Künstler sich abgrenzen kann, wenn alles möglich ist, was dann? Abgrenzung ist keine Option mehr, im Gegenteil, die Suche nach einer neuen Anbindung setzt ein.

Neue soziale Standards durch Politik und Moral

Viele Künstlerinnen und Künstler finden neue soziale Standards durch einen politisch-moralischen Aktivismus. Die sozialen Strukturen, die nun eine feste Bezugsgröße bieten, sind moralisch konstituiert: Es sind in ihrer Identität bedrohte Völker, es sind Opfer von politischer Verfolgung und wirtschaftlicher Ausbeutung. Die politisch orientierte Moral konstituiert neue soziale Verbindungen.

Was heißt das für das Geschehen in Kassel? Hier zeigte sich im Brennglas die Problematik dieser Entwicklung, denn politisch-moralische Standards lassen sich weltweit nicht harmonisieren. Was den einen Opfer sind, sind den anderen Täter. Die Gruppen, die die Documenta gestalteten, nahmen vor allem eine Perspektive der armen Länder und Bevölkerungen dieser Welt ein. Sie revoltierten gegen eine westlich dominierte Ausbeutung. In dieser Perspektive sehen offenkundig viele den Staat Israel auf der Täterseite. Die Folge davon waren in Kassel krude antisemitischen Karikaturen und Stereotype. Dagegen steht gerade der Staat Israel nach jahrhundertelangen antisemitischen Verfolgungen und Pogromen, nach der Schoah für eine wehrhafte Abwehr gegen jede Form von Antisemitismus!  

Kunst als Ausdruck einer „Weltgemeinschaft“?

Gescheitert ist also im Kern ein Anspruch derjenigen, die die Ausstellung verantworten: Sie wollten eine Weltausstellung gestalten, in der durch politisch-moralischen Aktivismus klare Täter-Opfer-Unterscheidungen möglich und weltweit vermittelbar sind. Die Kunst als Ausdruck einer „Weltgemeinschaft“ scheint angesichts der Verwerfungen in der Welt unmöglich, so auch Hanno Rauterberg in Die ZEIT.  Damit weist das Geschehen in Kassel weit über die Antisemitismusdebatte hinaus. Auf diese Dimension des Problems moralisch-politischer Anbindung hat Bazon Brock zurecht hingewiesen.

Hier der Link zu dem Interview von Bazon Brock

Geld und Vertrauen

Zurzeit ist das Wort „Inflation“ in aller Munde. Nachdem jahrzehntelang die Inflationsrate niedrig war, steigt sie in Folge der währungs- und finanzpolitischen Maßnahmen wegen der Corona Pandemie deutlich an. Nun sind die aktuellen Werte in Deutschland möglicherweise beunruhigend, aber in keiner Weise dramatisch. Expertinnen, Experten streiten sich, was zu tun ist, wie es weiter geht. Unabhängig von dem Ausgang dieser ökonomischer Fachdebatte ist der Hinweis hilfreich, dass Inflation nicht irgendein wirtschaftspolitisches Thema darstellt. Vielmehr betrifft es Grundfragen moderner Gesellschaften, denn eine funktionierende Währung ist eine ihrer elementaren Voraussetzungen. Darauf macht in einem aktuellen Kommentar der Wirtschaftswoche der Autor Dieter Schnaas aufmerksam. (Link am Ende dieses Textes). Ich möchte dessen Gedanken aufnehmen und in den Kontext der Diskussion um moderne Gesellschaften stellen.

Moderne Gesellschaften haben gering ausgeprägte Formen der Verbundenheit

Die Grundfrage, die mit der Inflation aufscheint, ist die, wie moderne Gesellschaften Vertrauen zwischen den handelnden Menschen ermöglichen. Moderne liberale Gesellschaften sind hoch voraussetzungsreiche Gebilde, die noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts tiefgreifende Veränderungen erfahren haben. Umfassendere Formen der Verbundenheit, also Institutionen und Organisationen, die viele Teile der Gesellschaft miteinander verknüpfen, werden in diesen Gesellschaften kontinuierlich schwächer (siehe auch hier). Solche Formen der Verbundenheit können große Parteien, religiöse Gemeinschaften, Traditionsvereine, Gewerkschaften, Verbände sein, aber auch Medien mit großer Reichweite. Traditionelle Lebensformen wird durch eine große Vielfalt und hoch differente Lebensformen ersetzt, eine Entwicklung, die als Individualisierung oder Gesellschaft der Singularitäten beschrieben wurde. Die Freiheitsgrade steigen in diesen Gesellschaften sehr deutlich an.

Woher kommt Vertrauen?

Woher kommt in einer solchen Gesellschaft die Ressource Vertrauen, ohne die gesellschaftliches Handeln nicht möglich ist? Zwischenmenschliches und gesellschaftliches Vertrauen ist ja nicht einfach eine natürliche Ressource, sondern muss in sozialen Interaktionen immer wieder aufgebaut und bestätigt werden. Der Aufbau von Vertrauen ist langwierig, seine Zerstörung geht schnell. Statt der traditionellen Institutionen regulieren in modernen Gesellschaften ausdifferenzierte Teilsysteme die Gesellschaft wie die Rechtsprechung oder der ökonomische Markt oder die staatliche Administration.  Diese Systeme spielen auch einen zentrale Rolle in der Ermöglichung von Vertrauen.

Die Bedeutung ist vielen Akteuren sehr bewusst. Zum Beispiel sind die zahlreichen Debatten um die Neutralität oder (politische, in der Debatte oftmals rechte) Voreingenommenheit von Teilen der Polizei davon geprägt. Wenn erhebliche Teile der Gesellschaft den Eindruck haben, dass die Polizei zu ihren Ungunsten handelt, ist nicht nur das Vertrauen gegenüber einer bestimmten staatlichen Behörde in Gefahr, sondern zugleich einer der Pfeiler moderner Gesellschaften.

Der Stellenwert des Geldes ist für moderne Gesellschaften zentral

Die Bedeutung des ökonomischen Systems und damit der Rolle des Geldes ist ähnlich groß. Moderne Gesellschaften sind viel sensibler gegenüber einem Vertrauensverlust durch Währungsverfall als traditionale Gesellschaften. In solchen sind Großfamilien, Stämme oder ähnliche größere Verbünde in einer Währungskrise leichter in der Lage, den Austausch zu organisieren. Das geschieht zugegebenermaßen nicht mit jener Effizienz, die modernen Gesellschaften auszeichnen. Aber mit dem Ausfall der Landeswährung könnten Tauschbeziehungen einspringen, die vielleicht auch schon vorher in einer Art Parallelstruktur existiert haben.

Wie bedeutend die Währung für moderne, hochindividualisierte Gesellschaften ist, zeigt sich in dem Extrem. Schnaas zitiert den Germanisten Jochen Hörisch mit einer eindrucksvollen Gedankenexperiment: „Gäbe es schlagartig kein Geld mehr, wäre alles so wie in der Stunde zuvor: kein Haus, keine Frucht, kein Gut, keine Ware, kein Seiendes (außer eben den Münzen, Scheinen, Schecks, Wechseln, Sparbüchern, Aktien etc.) würde fehlen. Und doch wäre sofort alles anders. Die Welt wäre gänzlich unlesbar geworden und verschwände im Taumel einer universalen, entstrukturierenden Desorientierung.“

Geld reguliert Weltzugang: In God we trust

Geld reguliert in modernen Gesellschaften den Weltzugang. Dies ist aber so, weil andere, kleinräumigere soziale Beziehungsgeflechte und Formen der Verbundenheit so geschwächt worden sind. Wenn das Geld den Tauschwert verliert, verringert sich auch der Weltzugang der freien, am Markt agierenden Individuen. Das Geld hat deshalb eine existentielle Bedeutung in modernen Gesellschaften. Die Dollarnote hat bekanntlich den Schriftzug: „In God we trust“. Diese aus theologischer Sicht verwerfliche Grenzüberschreitung findet in dem Gesagten durchaus eine Begründung. Geld ist nicht einfach ein Geldmittel, sondern eine existentielle welterschließende Größe in modernen Gesellschaften ähnlich den Glaubensüberzeugungen in früheren Jahrhunderten.

Der Text von Dieter Schnaas „Hilfe, die Inflation ist da“, Wirtschaftswoche online vom 20.2.2022

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Was kann man über Gott wissen? Gottesbeweise, Widerlegungen, Bekenntnisse….

In unserer Zeit wirkt die Vorstellung befremdlich, dass man über Gott etwas wissen kann. Umstritten ist zunächst einmal, ob Gott überhaupt existiert. Doch auch von denjenigen, die die Existenz Gottes bejahen, wird ein großer Teil feste und verbindliche Aussagen über Gott ablehnen. Gott wird eher mit dem unmittelbaren persönlichen Erleben in Beziehung gesetzt als mit allgemeinen und verbindlichen Aussagen. Bekenntnisse zu Gott als Ausdruck einer persönlichen Verpflichtung mag es vielleicht geben, aber Beweise oder Widerlegungen? Diese Zweifel über die Rede von Gott haben erst in den letzten 200 Jahren im Zuge der europäischen Aufklärung durchgesetzt. Zuvor war es vor allem in den abrahamitischen Religionen selbstverständlich, dass nicht nur Aussagen über Gott möglich sind, sondern dass es darum geht, wahre von falschen Aussagen über Gott zu unterscheiden. Auch lag es nahe, Beweise oder Widerlegungen anzustreben. Gott war eine Sache der religiös informierten Vernunft. Wie steht es heute? Kann man daran anknüpfen, muss man den alten Anspruch verwerfen?

An 15. September hat eine öffentliche Podiumsdiskussion zwischen Helmut Fink, Diplomphysiker, Philosoph und Vertreter eines säkularen Humanismus und mir zu der Frage gegeben, welche Aussagen über Gott möglich sind und wie sie zu begründen sind. Uns beiden war und ist wichtig, dass die Rede von Gott eine Begründungsverpflichtung der Vernunft nach sich zieht. Aber natürlich beantworten wir die Frage, was man über Gott mit Vernunftgründen sagen kann, sehr unterschiedlich.

Der Link zur Videoaufzeichnung der Veranstaltung

Der Diskussion  lagen Thesen zugrunde, die beide vorher formuliert haben:

Die Thesenreihe von Helmut Fink:

1. Das theologische Projekt, Glaubensintuitionen so zu rationalisieren, dass daraus „Gottesbeweise“ werden, ist gescheitert.

Religiöse Überzeugungen streben nach Gewissheit. Neben dogmatischen Festlegungen wurde jahrhundertelang nach rationalen Herleitungen und empirischen Befunden gesucht, die die Existenz (eines) Gottes zweifelsfrei begründen und über seine Eigenschaften, Handlungen und Absichten Aufschluss geben sollten. Spätestens seit Kant ist jedoch klar, dass solche Begründungsversuche immer schon Glaubensaussagen voraussetzen und daher als „Beweis“ nicht taugen. Glaube und Vernunft stehen in einem Spannungsverhältnis.

2. Der heute weit verbreitete Agnostizismus schweigt zu Fragen, über die man reden kann.

Es gibt in der Moderne eine berechtigte Scheu, sich auf Antworten auf letzte Fragen festzulegen. Berechtigt ist diese Scheu insofern, als die Begründungspflicht bei vielen der möglichen Antworten nicht eingelöst werden kann. Das heißt jedoch nicht, dass überhaupt keine rationalen Aussagen zur Gottesfrage möglich wären (oder dass man gar aus Höflichkeit schweigen müsste). Oft werden Reichweite und Durchschlagskraft der Argumente nicht ernst genug genommen. Ein umfassender Agnostizismus kann sich daher oft mit falscher Überlegenheit schmücken und ist zu Unrecht zur dominanten Hintergrundüberzeugung der Gebildeten geworden.  

3. Dass es keinen zugleich allmächtigen, allwissenden und allgütigen personalen Gott gibt, kann man wissen.

Die Gesetze der Logik sind für menschliches Denken unaufgebbar. Der grundlegendste und zugleich härteste Test für jedes sprachlich formulierbare Wissen ist der Ausschluss logischer Widersprüche. Erkenntnisfortschritte entstehen letztlich immer durch Beseitigen der logischen Unverträglichkeit von Aussagen. Das gilt auch für die Gottesfrage. Da es Leid in der Welt gibt, das ein allwissender Gott kennen würde, kann dieser nicht zugleich allmächtig und allgütig sein. Denn entweder kann oder will er das Leid nicht lindern, falls er existiert. Das wusste bereits Epikur.

4. Der menschliche Einfallsreichtum ermöglicht stets weitere „Gottesbilder“, die nicht widerlegbar sind.

Die Begründungspflicht für die Existenz und Eigenschaften von Wesenheiten liegt grundsätzlich bei dem, der sie behauptet. Viele Gottesvorstellungen sind zwar leicht zu widerlegen, weil sie mit rational ableitbaren oder mit empirisch prüfbaren Aussagen kollidieren. Wie in der Esoterik oder bei Verschwörungsmythen gibt es jedoch auch in der Theologie stets die Möglichkeit, sich in kreativen Rückzugsgefechten dem Urteil der Vernunft zu entziehen. Glaubenssehnsucht und literarische Freiheit führen dann zum Einsickern von Wunschdenken in den weltanschaulichen Klärungsprozess. Gottesvorstellungen, die durch Korrekturen und Hilfsannahmen gekennzeichnet sind, entfalten allerdings wenig Überzeugungskraft. Sie deuten nicht auf Wissen hin.

5. Die gemeinsame Lebenswelt Gläubiger und Nichtgläubiger kann und muss gestaltet werden, bevor ein theoretischer Konsens über die (Nicht-)Existenz Gottes erreicht ist.

Religiösen Glaubensaussagen kann keine kritikbefreite Sonderrolle im menschlichen Erkenntnisprozess zugestanden werden. Dennoch ist realistischerweise nicht damit zu rechnen, dass eine allgegenwärtige kritische Vernunft in absehbarer Zeit einen umfassenden weltanschaulichen Konsens bewirkt. Vielmehr scheinen weltanschauliche Überzeugungen jeder Art in der Gesellschaft der Gegenwart an Bindekraft zu verlieren. Daher gewinnt die Frage an Bedeutung, wie die Regeln des Zusammenlebens und die Tugenden des Zusammenhalts ohne Gottesbezug verankert werden können. Christliche und humanistische Wertvorstellungen münden hier in eine gemeinsame kulturelle Zukunftsaufgabe, die die Erinnerung an das Ringen um ein „Wissen über Gott“ einschließt, bearbeitet und historisiert.

Die Thesenreihe von Frank Vogelsang

1. Die Geschichte des christlichen Glaubens zeugt von dem Erkenntnisanspruch des Glaubens.

In der christlichen Tradition war die Rede von Gott über lange Zeit stark normiert. Schon in den ersten Jahrhunderten entstand in den jungen christlichen Gemeinden ein lebhafter Streit darum, was man über Gott sagen kann und was nicht. Erste Bekenntnisse wurden schon im ersten Jahrhundert formuliert, der Kanon der biblischen Texte wurde im zweiten Jahrhundert festgelegt. All dies geschah unter Gemeinden, die sich in der Verfolgung befanden, die Festlegungen waren anders als in späteren Zeiten nicht mit weltlicher Macht verbunden. Dieser Streit um die Deutung zeigt, dass das christliche Zeugnis von Gott immer auch mit dem Anspruch verbunden war und ist, verstanden zu werden.

2. Der Bezug auf Aussagenwahrheit ist kulturell höchst bedeutsam.

Diese Auseinandersetzungen waren wichtig, weil sie eine immer genauere Ausdeutung der christlichen Botschaft und so einen deutlichen Rationalisierungsprozess möglich machten. Wer behauptet, dass Aussagen über Gott wahrheitsfähig sind, geht auch die Verpflichtung ein, diese Aussagen bestmöglich zu begründen. Die Formulierung von Aussagen und ihre Verteidigung zielen auf die Gemeinschaft der Glaubenden. Eine Religion, die ihre Aussagen für begründungsfähig sieht, stärkt die Gemeinschaft, sie ist auf Mitteilung aus. Dies ist ein Zeichen für die Bedeutung der sozialen Verbundenheit für den christlichen Glauben, der Glaube ist nicht die Sache eines Einzelnen, sondern ein gemeinschaftsstiftender Ausdruck.

3. Der christliche Glaube ist auf Erkenntnis aus.  

Nach christlicher Überzeugung ist es möglich, etwas über Gott zu wissen. Wenn Gott allein ein religiöses Numinosum wäre, dann machte es auch keinen Sinn, um Aussagen über ihn zu streiten. Zugleich aber bleibt Gott menschlichem Wissen in entscheidendem Maße entzogen. Denn der christliche Glaube bezeugt, dass Gott immer größer als das ist, was der Mensch wissen kann. Es gilt beides: Wir können über Gott etwas wissen und er übersteigt unser Wissen. Deshalb ist die Rede von Gott auch immer spannungsvoll, sie versucht stets mehr als sie leisten kann. Die Ausrichtung auf Erkenntnis setzt die Glaubenden unter Spannung.

4. Der christliche Glaube ist so Quelle für permanente Selbstkritik.

Die skizzierte Spannung kann nicht aufgelöst werden. Das Nichtwissen Gottes ist immer größer als das Wissen. Und doch ist das Wissen nicht irrelevant. Wenn man aber etwas über Gott wissen kann, ohne zu einer letztgültigen Erkenntnis zu kommen, so ist auch ein Streit um die Deutung angelegt. Es entstanden in der Vergangenheit theologische Schulen, die um die Deutung der christlichen Botschaft rangen. Ihre Auseinandersetzungen waren auch philosophisch äußerst fruchtbar und haben Auswirkungen bis in die gegenwärtige Philosophie hinein. In der Philosophie gibt es eine analoge Situation: Es gibt unterschiedliche Schulen, immer wieder neue Streitpunkte. Und es ist nicht zu erwarten, dass es eine letzte, endgültige Philosophie geben könnte.

5. Ein Verständnis des christlichen Glaubens als subjektive Erfahrung hat destruktive Folgen für die christliche Gemeinschaft

Wenn der christliche Glaube heute so verstanden wird, dass er mehr oder weniger Ausdruck persönlicher Überzeugungen und subjektiver Erfahrungen ist, dann schwindet die oben skizzierte Spannung. Dann kann der Glaube eines Menschen neben dem Glauben eines anderen Menschen stehen, ohne dass sich die Menschen einander etwas zu sagen haben. Das Interesse an der Auseinandersetzung, das Interesse an Erkenntnis schwindet. In gewisser Weise wird der christliche Glaube sprachlos. Er hat  zu wenige oder auch zu viele Worte, weil alle Worte für singuläre Erfahrungen genutzt werden können. Die christliche Gemeinschaft löst sich in eine Ansammlung von Individuen auf, die vielleicht ähnliche Erfahrungen machen. Schwindet der Eindruck ähnlicher Erfahrungen, schwindet auch die Gemeinschaft.

Zur Videoaufzeichnung der Veranstaltung

Eine eigentümliche Kraft der Gegenwart: die Hoffnung

Handeln in Zeiten der Unsicherheit

Wie auch immer die Bundestagswahl ausgehen wird, den meisten ist klar, dass sich die Verhältnisse tiefgreifend ändern müssen, wenn die Klimaziele auch nur annähernd erreicht werden sollen. Wir durchleben eine Zeit der Unsicherheit, in der entscheidende Fragen, die alle spüren, von den politischen Akteuren nicht angesprochen werden. Was kann bleiben von unserer Lebensweise, was muss sich ändern? Es ist nicht von ungefähr, dass in dieser letzten Phase des Wahlkampfes das Thema der sozialen Sicherheit nach oben schnellt.

In Zeiten der Unsicherheit ist Zuversicht vonnöten, die Handeln ermöglicht. Diese Zuversicht ist von Hoffnung geprägt. Es ist nicht eine kleinmütige Hoffnung, die vermutet, dass es schon irgendwie gut ausgehen wird. Es ist vielmehr die Hoffnung, die auch bei einer schlechten Entwicklung nicht aufgibt, eine Beherztheit bei unklaren Bedingungen.

Wie kann man in Zeiten radikaler Unsicherheit handeln? Was ist Hoffnung? Manchmal kann man von Extremen lernen. Der amerikanische Philosoph Jonathan Lear hat sich in einem Buch intensiv mit dem Schicksal und der Geschichte des nordamerikanischen indigenen Volkes der Crow auseinandergesetzt. Dieses Volk durchlebte durch die Zuweisung in ein Reservat eine Zeit massiver kultureller Zerstörung. Doch dem stand eine radikale Hoffnung entgegen. Das Buch von Lear hat den Titel „Radikale Hoffnung. Ethik im Angesicht kultureller Zerstörung“. Es schildert eine Form extremer Verletzlichkeit und enthält doch auch darüber hinaus Lehren für alle Zeiten von kulturellem Wandel, von Unsicherheit.

Das Schicksal der Crow

Die Geschichte der Crow in den wichtigsten Zügen: Die Crow sind ein indigenes Volk Nordamerikas, das in den vergangenen Jahrhunderten in den Weiten der Prärie östlich der Rocky Mountains beheimatet war. Sie lebten nomadisch und konzentrierten sich vor allem auf die Büffeljagd. Das Volk, das über Generationen bekämpft wurde, waren die Sioux. Die Lebensweise war kriegerisch, junge Männer sollten sich im Kampf erweisen oder sterben.  Lear demonstriert das an der Sitte des „Coup“ Machens. Einen Coup machen bedeutete, eine Linie zu ziehen, die der Feind nur bei Verlust des eigenen Lebens überwinden soll. Der Tod in diesem Kampf war ehrenvoll. Über Jahrhunderte lebten die Crow so von Büffeljagd und zogen von einem Ort zum anderen. Es geht in der Darstellung Lears nicht um Romantik, nicht um die moralische Vorzüglichkeit einer naturorientierten Lebensweise. Aber es geht um die Selbstbestimmung eines Volkes und um seine kulturelle Verletzlichkeit.

„Danach ist nichts mehr geschehen.“

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts drangen immer mehr europäische Siedler in die Gegend vor. Über mehrere Stufen wurde das Land, in dem sich die Crow bewegen konnten, verkleinert, schließlich zogen sie in den 80er Jahren in ein Reservat. Der Häuptling, der sie dabei geleitet hat, war Plenty Coups. Er steht im Mittelpunkt der Beschreibungen von Jonathan Lear. Auf dessen Memoiren, die er in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts jemanden diktiert hatte, ist Lear aufmerksam geworden. Dort findet sich der zentrale Satz: „Danach ist nichts mehr geschehen.“ Der Satz beschreibt den Moment, als die Crow ins Reservat zogen. Er meint nicht, dass die Crow sich aufgaben oder in einer Depression versanken. Im Gegenteil, Plenty Coups hatte auch später ein hohes Ansehen in Washington DC, repräsentierte dort des Öfteren die indigene Bevölkerung und konnte mit einer geschickten Politik zugunsten seines Volkes intervenieren.

Lear geht es um etwas anderes: Was auch immer geschah, als die Crow in das Reservat zogen, als sie nicht mehr Büffel jagten, es war im Rahmen ihrer eigenen Traditionen und kulturellen Begriffe nicht darstellbar. Mit dem Einzug ins Reservat geschah ein radikaler Abbruch ihrer narrativen Traditionen. Es geht um die kulturelle Selbstbestimmung eines Volkes, die damals zerstört wurde. Im Kontext ihrer eigenen Erzählungen, die die Kämpfe mit den Sioux thematisierten oder die Jagd der Büffel oder tapfere Taten der Beharrung, Coup machen genannt, gab es keine Ausdrucksmöglichkeiten für ein sesshaftes Leben in gesicherten Verhältnissen. Ihre Begriffe und ihre Erzählungen konnten das nicht abbilden. Alles in allem erlitten die Crow durch die Übersiedlung in ein Reservat eine radikale kulturelle Zerstörung. Solch ein Abbruch führt nicht einfach zu dem Beginn von etwas Neuem, sondern zunächst zu einer Fassungs- und Ausdruckslosigkeit. „Danach ist nichts mehr geschehen.“

Menschliche Verletzbarkeit

Lear interpretiert diesen Abbruch über das Schicksal der Crow hinaus als eine fundamentale Erfahrung menschlicher Verletzlichkeit. Sie führt zu der Anerkennung der eigenen Verletzlichkeit, vor allem der Verletzlichkeit einer sozialen Gemeinschaft, einer Kultur, einer Zivilisation. Die Erfahrung, in einer scheinbar stabilen Kultur zu leben, ist immer von der Ahnung begleitet, dass diese Kultur auch ein Ende erleben kann. Lear bezieht sich auch auf die Naturkatastrophen, denen viele Menschen in unserer Zeit ausgesetzt sind.

Die radikale Hoffnung als Antwort

Radikale Hoffnung korrespondiert nach Lear mit diesem radikalen kulturellen Abbruch. Das Leben der Crow ging ja weiter. Obwohl Plenty Coups dafür keine Worte hatte, gab er sich und sein Volk nicht auf, sondern richtete sich auf eine unbekannte und unbestimmbare Zukunft aus. Entscheidend ist ein symbolischer Traum, den Plenty Coups hatte und der ihn aufforderte, sich auf Neues einzulassen. Der Traum handelt von einer Meise. Er sah sich aufgefordert, dem Unbekannten gut zuzuhören, so wie das eine Meise tut, um dann so handeln zu können, dass die eigenen Interessen gewahrt bleiben. Radikale Hoffnung ist eine Möglichkeit von Menschen in Ausnahmesituationen, im Angesicht eines radikalen kulturellen Abbruchs, eines großen Verlustes. Sie bezeichnet die Fähigkeit, über den Abbruch hinweg, sich auf das Unbekannte einzulassen. Hier ist kein Bezug auf eine objektive Welt, die Menschen stolpern in das Offene. Hier ist auch kein Sehnen auf eine bessere Zukunft, die beschreibbar wäre. Es geht vielmehr auch bei der radikalen Hoffnung vor allem um das Bestehen in der Gegenwart.

Radikale Hoffnung als Extrem einer allgemeinen Fähigkeit?

In einer Fußnote vergleicht Lear, der Jude ist, diesen Bruch mit der Zerstörung des Tempels durch die Römer 70 nach Christus.  Plenty Coups engagierte sich für die Lebensbedingungen seines Volkes und war darin sehr erfolgreich. Lear schließt mit dem Resümee: „Obwohl er also für eine neue Lebensweise der Crow eintrat, schöpfte der dabei auf lebendige Weise aus der Vergangenheit. Wie ich es daher sehe, spricht vieles dafür, dass Plenty Coups den Crow einen traditionellen Weg nach vorne eröffnet hat.“

Einen Weg nach vorne kann die so verstandene Hoffnung auch heute weisen. Natürlich ist alles, was wir erleben nur ein schwacher Reflex jener dramatischen Situation, die die Crow durchleben mussten. Und doch kann das Extrem ja vielleicht auf Kräfte weisen, die auch in Zeiten geringerer Unsicherheit gelten. Die Hoffnung ist dann eine Kraft der Gegenwart, die es möglich macht, sich auf eine unbekannte Zukunft einzulassen, die anders sein wird als das, was wir gewohnt waren und gewohnt sind. Die Hoffnung, das zeigen die Ausführungen von Lear zur radikalen Hoffnung, ist eine eigentümliche Kraft der Gegenwart