(6) Der Himmel und das Jenseits

In der christlichen Tradition gab es schon sehr früh eine Verbindung des Himmels mit Jenseitserwartungen, mit Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. In den ersten christlichen Gemeinden wird schnell der Himmel zu dem Ort, zu dem der auferstandene Christus aufgefahren ist. Es ist auch der Ort, der den Christinnen und Christen nach der künftigen Auferstehung eine neue Heimat bieten wird: „Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch, der zweite Mensch ist vom Himmel.“ (1 Kor 15,47) Die Vorstellungen über die zukünftige himmlische Existenz werden aber ebenso wenig ausgemalt wie die Existenz des auferstandenen Christus zur Rechten Gottes. Der Himmel hat hier die Funktion des Jenseits.

Der Himmel als Jenseits

Die Vorstellungen des Himmels als Ort des Jenseits, als der Ort, an dem die Toten bei Gott sind, hat sich in der christlichen Tradition immer mehr durchgesetzt. Himmel und Jenseits verschmolzen miteinander. Bernhard Lang und Colleen McDannell haben ein wichtiges umfassendes Buch über die Kulturgeschichte des Himmels in christlichen Vorstellungen geschrieben („Der Himmel. Eine Kulturgeschichte des ewigen Lebens, Frankfurt am Main 1996) Entscheidend ist die Botschaft: Wie auch immer die Existenz nach der Auferstehung sein wird, es wird eine himmlische Existenz in der ungehinderten Nähe Gottes sein, das ewige Leben knüpft an die Vorstellungen vom Himmel an.

Die Vorstellung vom Himmel als Jenseits ist aber eine Engführung gegenüber der Vielfalt der biblischen Vorstellungen. Denn dort überwiegen die Hinweise auf den Himmel als Teil dieser Schöpfung, als deren besonderer Teil, nicht als das etwas Jenseitiges.

Himmel als Nähe Gottes

In den bisherigen Blogbeiträgen war von dem diesseitigen Himmel die Rede, der auch schon eine Nähe und Präsenz Gottes zum Ausdruck bringt.

 Wie verhalten sich die Vorstellungen des Himmels als Jenseits mit den bisher in diesem Blog besprochenen Vorstellungen vom Himmel? In den bisherigen Überlegungen war der Himmel ein Ort der besonderen Nähe Gottes, aber er war ganz klar zugleich Teil der Schöpfung, in der wir jetzt schon leben. Er wies auf die schiere Größe des Universums und damit indirekt auf die Herrlichkeit des Schöpfers, aber er war nicht das unbekannte Jenseits.

Alter Himmel, neuer Himmel?

In der Apokalypse des Johannes zeigt sich, dass die Rede vom Himmel schon in den biblischen Texten nicht einheitlich ist. Am Ende allen Geschehens kommt es zu einer neuen Schöpfung, eines neuen Himmels und einer neuen Erde (Apk 21, 1.2). Bedeutet das aber, dass auch der Himmel veränderungsbedürftig ist, dass es vorher einen „alten“ Himmel gab? Hier ist eine Doppelbedeutung angelegt, die sich bis heute auswirkt.

Ein Kernanliegen dieser Blogbeiträge ist es, jene biblischen Vorstellungen vom Himmel wieder zu entdecken, die nicht gleich mit den Jenseitsvorstellungen überfrachtet werden. Vielleicht ist es ganz gut zwischen Himmel1 und Himmel2 zu unterscheiden.

Himmel1 als Ort der Nähe Gottes in dieser Schöpfung

Himmel1 ist Ort der Nähe Gottes. Er ist Teil der Schöpfung und sehr viele biblische Texte beziehen sich auf ihn. Er ist ein Ort der besonderen Nähe Gottes, er ist aber er steht nicht einfach für das Jenseits. Wenn der Turmbau zu Babel den Himmel zu erreichen versucht, wenn Jakob die Himmelsleiter im Traum sieht, wenn Jesaja im Tempel den Thron Gottes erahnt, der in den Himmel ragt, wenn Mose und Jesus auf hohe Berge steigen, um Gott nah zu sein, dann ist stets der Himmel1 gemeint, jener Himmel, der ganz fraglos Teil der Schöpfung ist als Gegenüber und in steter Spannung zur Erde.

Himmel2 als Jenseits

Wenn im Glaubensbekenntnis von dem Himmel die Rede ist, zu dem der Auferstandene aufsteigt, wenn der Himmel der Ort ist, an dem die Menschen nach ihrem Tode sind, dann ist vom Himmel2 die Rede. Der Himmel2 kann mit dem Jenseits identifiziert werden. Natürlich ist auch da eine Nähe Gottes, sogar auf besondere, auf endgültige Weise. Aber dieses Jenseits steht in keinem definierten Verhältnis zur Schöpfung, in der wir leben.

Beide Reden vom Himmel haben eine Bedeutung. Die Rede vom Himmel1 als Teil der Schöpfung aber hat die Fähigkeit, sogar an die naturwissenschaftliche Beschreibung des Universums anzuknüpfen. Das haben die bisherigen Beiträge gezeigt. Der Himmel2 dagegen will Aussagen über die Existenz nach dem Tode, nach der Auferstehung verorten.

Wäre es also nicht an der Zeit, einmal das wieder zu entdecken, was der Himmel1 meint? Er bezeugt: Die Nähe Gottes beginnt nicht im Jenseits!

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(1) Eine echt komplizierte Beziehung: Unsere Welt und das Reich Gottes

Ein Blick zurück

Die Rede vom Reich Gottes war im 19. Jahrhundert und im 20. Jahrhundert in der christlichen Theologie immer wieder außerordentlich populär. In vielen theologischen Entwürfen erschien es als eine bewegende Kraft, die die Welt verändern soll. Das Reich Gottes bildete etwa einen christlich fundierten Orientierungspunkt für den steten menschlichen Fortschritt oder es war eine theologische Quelle politischer Kritik an den herrschenden Verhältnissen.  

Die westlichen Gesellschaften der vergangenen zwei Jahrhunderte, die Zeit der Moderne, waren von einer Ausrichtung auf Zukunft bestimmt. Der Historiker Lucian Hölscher hat in einer umfangreichen Studie herausgearbeitet, dass diese Zukunft eine Entdeckung aus unserer Epoche, aus der Epoche der Moderne ist. Nach der Französischen Revolution und mit der Industrialisierung taucht die Zukunft erstmals als das auf, was uns so selbstverständlich ist, als ein eigenständiger Raum auf, der sich in die kommende Zeit hin öffnet. Die Welt wird variabel, gestaltbar. Auf den imaginierten Zukunftsraum richten sich viele Erwartungen und Hoffnungen. Besonders stark war die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Hölscher in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und dann wieder in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Die Identifizierung gesellschaftlicher Zukunftserwartungen und der Rede vom Reich Gottes

Die Theologie ist mit ihren Interpretationen des Reiches Gottes diesen gesellschaftlichen Trends gefolgt. Am Ende des 19. Jahrhunderts dominierte eine liberale Theologie, die eine „Reich Gottes“ Arbeit forderte, ein stetes Wirken an der Verbesserung der Verhältnisse, die mit dem wirtschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen Fortschritt einher gingen. Dazu war eine innere Haltung erforderlich, die des gesitteten, modernen Menschen. Das Reich Gottes wurde zu einem inneren Kompass. Diese Theologie wurde mit den Gräuel des Ersten Weltkrieg stark geschwächt. Im 20. Jahrhundert, vor allem in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 60er Jahren wurde eine Reich Gottes Theologie populär, die in den grundlegenden, auch revolutionären Veränderungen der Gesellschaft, in der Bekämpfung von Ungerechtigkeit und Ausbeutung ihre Ziele sah. Am bekanntesten wurde der Entwurf von Jürgen Moltmann: „Die Theologie der Hoffnung“.

Die Grenze menschlicher Handlungsmöglichkeiten

Diese Entwürfe sind davon geprägt, dass sie Möglichkeiten menschlichen Handelns, die Gestaltung von Zukunft eng mit Reich Gottes Erwartungen verbinden. Doch genau da liegt eine gravierende theologische Gefahr. Werden hier nicht weltliche Verhältnisse und menschliche Handlungsoptionen zu schnell mit theologischen Beschreibungen des Reich Gottes kurzgeschlossen? Kann eine biblisch begründete Rede vom Reich Gottes mit bestimmten politischen Handlungen der Moderne identifiziert werden?

Nun hatte die Reich Gottes in den Predigten Jesu ohne Zweifel mit der vorfindlichen Welt zu tun, es geht nicht um irgendein getrenntes Jenseits. Seine Predigten waren sehr diesseitig, die Gleichnisse nahmen die Erfahrungen einer agrarischen Alltagswelt auf und nutzten sie für die Beschreibung des nahen Reiches Gottes. Aber das ist etwas anderes als die Identifizierungen mit bestimmten gesellschaftlichen Erwartungen an die Zukunft. Vor allem betonen die Gleichnisse vom Reich Gottes Jesu immer wieder und wieder die Grenzen menschlicher Handlungsmöglichkeiten!

Unsere Welt und das Reich Gottes: Nähe und Differenz

Das Verhältnis der Predigt vom Reich Gottes zu unserer Welt ist also kompliziert. Eine Identifizierung ist kurzschlüssig und hielt in der Regel auch nicht lange. Hierdurch erwies sich die Theologie vordergründig als gesellschaftlich relevant. Aber es mündete auch in der Unterstützung des Ersten Weltkrieges durch viele liberale Theologen. Eine deutliche Enttäuschung folgte. Die dialektische Theologie erhob nach dem ersten Weltkrieg einen sehr berechtigten Protest gegen eine liberale Rede vom Reich Gottes, die sich sehr der vorherrschenden bürgerlichen Gesellschaft angepasst hatte. Wie auch immer vom Reich Gottes geredet werden kann, es muss so geschehen, dass die Differenz und Distanz zur Welt, in der wir leben, gewahrt bleibt. Die Botschaft von der Nähe lässt trotz der Nähe keine Identifizierungen zu.

Warum die Rede vom Reich Gottes dennoch wichtig ist

Trotz dieser unübersehbaren Gefahr kurzschlüssiger Identifizierungen möchte ich in den folgenden Blogbeiträgen auch an der Rede vom Reiches Gottes anknüpfen. Denn es bietet viele Möglichkeiten, theologische Aussagen auf unsere Welt zu beziehen, diese Welt in Frage zu stellen und zu ihrer Veränderung beizutragen. Es geht dann aber nicht um eine Identifizierung einer politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Option mit dem Reich Gottes, es geht nicht um eine kurzschlüssige Reich-Gottes-Arbeit. Das Reich Gottes ist vor allem und zunächst einmal eine Sache Gottes.

Doch lässt die Ansage des nahen Gottesreiches die Menschen nicht ruhen. Durch die nach wie vor gültige Ansage des nahenden Reiches Gottes wird die Welt einer grundlegenden Kritik unterzogen. Dies gilt auch für die theologischen Positionen und Ausarbeitungen, die sich einerseits kritisch zur Welt verhalten sollen und doch immer auch Teil dieser Welt sind. Die Rede vom Reich Gottes ist für die Theologie deshalb immer auch Grund zur Selbstkritik.

Es kommt also viel darauf an, wie das Reich Gottes zur Welt in Beziehung gesetzt wird. Wenn diese Differenz beachtet wird und das Reich Gottes nicht als Bestätigung theologischer, kultureller, gesellschaftlicher Positionen verwendet wird, sondern zu ihrer immer neuen Kritik und Motivation der Veränderung, dann kann diese Rede vom Reich Gottes gerade auch den Impuls der dialektischen Theologie vor 100 Jahren aufnehmen! Es geht um die Differenz zwischen unserer Welt und dem Reich Gottes, aber eine Differenz, die nicht schiedlich, friedlich trennt, sondern immer wieder die Verkündigung des Reiches Gottes kritisch auf die Welt bezieht und damit die Welt in Bewegung setzt.

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(3) Hoffnung – eine theologische Perspektive auf die Welt

Die letzten Beiträge dieses Blogs kreisten um die Frage, in welchem Verhältnis die Hoffnung zu unserem Wissen über die Welt steht. Offenkundig ist unser Wissen über die Welt, vor allem über die geschichtliche Entwicklung der Welt begrenzt. Hoffnung wiederum ist eng mit dieser Wissensgrenze verbunden. Könnten wir ableiten, wie die Zukunft aussieht, wären unsere Prognosen vollständig, so könnte es keine Hoffnung geben. Die Welt entwickelt sich dann genau so, wie es die Zahlen, Messungen und Hochrechnungen vorgeben. Unsere Haltung kann nur eine der Akzeptanz dieser Berechnungen sein.

Gegen einen „ruchlosen Optimismus“

Ernst Bloch relativiert in seiner Philosophie diese Vorstellung und nennt einen auf Berechnungen beruhenden Optimismus „ruchlos“. Weder haben wir Menschen die Zukunft im Griff, noch ist sie berechenbar. Diese außerordentlich wichtige Leerstelle, die seine Philosophie ausweist, kennt ein Pendant in der Theologie. Hier ist die Verheißung die Grenze aller Berechenbarkeit.

Hoffnung aufgrund von Verheißung

Jürgen Moltmann hat 1964 die berühmt gewordene „Theologie der Hoffnung“ geschrieben. Doch wenn man den Text genau liest, geht es um Hoffnung eigentlich nur am Rande. Nur das einleitende Kapitel befasst sich mit Hoffnung. Bei allen folgenden steht nicht Hoffnung, sondern Verheißung im Mittelpunkt der Betrachtung. Es ist die Verheißung Gottes, die der Grund menschlicher Hoffnung ist.

Verheißung des Reiches Gottes

Was aber ist Verheißung? Kurz und bündig: „Eine Verheißung ist eine Zusage, die eine Wirklichkeit ankündigt, die noch nicht da ist.“ (Theologie der Hoffnung, 1997, S. 92) Die Verheißung ist die Verheißung Gottes. Die Geschichte steht unter dem Vorzeichen, dass letztendlich das Reich Gottes kommen wird. Gott wird bei den Menschen sein und sie werden sein Volk sein.

Nun öffnet das natürlich nicht alle Möglichkeiten für willkürliche Behauptungen über die Zukunft. Der biblische Gott, so zeigt es Moltmann, bindet sich in Zusagen an sein Volk, er gibt diesem Volk eine Verheißung. Dies gilt auch nach der Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Nun steht die Geschichte für alle Menschen unter der Verheißung Gottes. Die christliche Botschaft „versteht Geschichte als die durch Verheißung geöffnete Wirklichkeit.“ (a.a.O., S. 204)   

Die Verheißung bleibt die Verheißung Gottes

Es ist nicht der Mensch, der ihre Verwirklichung bewerkstelligen kann, es ist der verheißende Gott. Dadurch aber kann die Verheißung nicht aus dem Bekannten abgeleitet werden. Die Wirklichkeit ist ähnlich wie bei Bloch im Fluss, sie verändert sich. Ja, es kann sogar sein, dass das Verheißungswort „zur gegenwärtigen und ehedem erfahrenen Wirklichkeit im Widerspruch steht.“ (a.a.O., S. 93)

Dies spitzt die Unkenntnis, von der Bloch ausgeht, noch weiter zu. Die Hoffnung folgt einer Verheißung, die in gewisser Weise sogar kontrafaktisch sein kann! Das heißt, dass der christliche Glaube nach Jürgen Moltmann in sehr strengem Sinne auch mit dem rechnen sollte, was sich als unberechenbar erweist.

Unser Handeln soll unserer Hoffnung und der Verheißung Ausdruck geben

Das Nichtwissen um die Zukunft wird in der Theologie der Hoffnung durch die Unterscheidung von Gott und Mensch beschrieben. Die Geschichte steht unter der Verheißung Gottes, die für uns aber kein „Masterplan“ ist, aus dem alle zukünftigen Entwicklungen ablesbar wären. Aber weil die Verheißung Gottes in der christlichen Gemeinde wachgehalten und erinnert wird, „muss auch ihr Leben und Leiden, ihr Wirken und Handeln in der Welt und an der Welt von dem geöffneten Vorraum ihrer Hoffnung für die Welt bestimmt sein.“ (a.a.O., S. 301)

Zugespitzt formuliert: Gerade die Beachtung der Differenz zwischen Gott und Mensch macht es möglich, immer neu auf die Verheißung Gottes zu hören, die wir uns selbst nicht geben können. Diese Verheißung kann in unseren Lebensverhältnissen geradezu kontrafaktisch sein. Aber dennoch bleibt die Verheißung bestehen und wir sind aufgefordert, unser Handeln nicht aus der berechenbaren Wirklichkeit abzuleiten, sondern aus einer Geschichte, die n dem Vorschein des Reiches Gottes unter seiner Verheißung steht.

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Christlicher Glaube als Weggemeinschaft. Anmerkungen zu einem Buch von Christoph Nötzel

Christoph Nötzel hat ein gut und allgemein verständliches und zugleich theologisch fundiertes Buch zum christlichen Glauben geschrieben: „Glauben – Was ist das eigentlich? verstehen – leben – teilen“ (Neukirchener Verlag 2020, ISBN-10 : 3761567405, 287 Seiten, 20 Euro). Wir leben in einer Zeit, in der eine solche Arbeit dringend notwendig ist. Hatte noch vor 50 Jahren ein Buch über die christlichen Glauben eher die Funktion, die eigenen Traditionen zu bestätigen, sie noch einmal umfassend darzustellen, so ist heute jede Selbstverständlichkeit verloren gegangen und bis in die inneren Zirkel der verfassten Kirche eine Unsicherheit darüber groß, worauf sich der Begriff „Glaube“ eigentlich bezieht. Leichter fällt es, in den alltäglichen Debatten eine moralische Position zu beziehen als die Grundlagen des Glaubens darzulegen. Denn moralische Positionen werden in der Gesellschaft stark diskutiert, die Anschlussfähigkeit ist hoch. Wohl auch nicht zuletzt deshalb haben sich diese Debatten in der Kommunikation der Kirche in den Vordergrund geschoben.

Doch was genau meint es, wenn ein Mensch sagt, sie oder er glaube an Gott? Im ersten Kapitel beschreibt Christoph Nötzel n einer ersten Orientierung zum Thema unterschiedliche Erfahrungen des Glaubens. Das tut er nicht allgemein, abstrakt im Stile einer Dogmatik, sondern indem er immer auch bei sich selbst, bei seinen eigenen Erfahrungen ansetzt. Das ist folgerichtig, weil man heute nicht mehr leicht auf geteilte Überzeugungen und Erzählungen, schon gar nicht auf dogmatische Lehrsätze Bezug nehmen kann. Das zweite Kapitel behandelt den Glauben, wie er sich in den biblischen Texten widerspiegelt, sowohl in den Schriften der Hebräischen Bibel wie auch in den Schriften des Neuen Testaments. Es folgt im dritten Kapitel ein kurzer Abriss einiger herausgehobener Positionen der Geschichte der Theologie, von Augustinus über Luther und Dietrich Bonhoeffer bis hin zu Dorothee Sölle. Im vierten und letzten Kapitel schließlich stellt Nötzel die christliche Gemeinschaft als Basis für den Glauben dar.

Ich möchte mich hier auf das vierte Kapitel konzentrieren, weil der Autor dort eine alte theologische Einsicht betont, die leider in unserer Zeit aus dem Blick geraten ist: Der christliche Glaube ist nicht in erster Linie eine „innere“ Eigenschaft oder „innere“ Einstellung einzelner Menschen. Der Glaube ist vielmehr eine Erfahrung, die wir notwendigerweise in Gemeinschaft mit anderen, in Verbundenheit mit anderen Menschen und mit Gott machen! Der Glaube ist die Erfahrung einer Weggemeinschaft.

Der Glaube als individuelle Erfahrung

Üblicherweise konzentriert sich die Theologie in der Moderne gerne auf das „Subjekt des Glaubens“. Dieses Subjekt ist in der Regel der einzelne Mensch, der vielleicht eine Predigt hört und der zum Glauben kommt, zu einer festen persönlichen Überzeugung. Es gibt sehr unterschiedliche theologische Strömungen, die diese Fokussierung auf den Einzelnen gefördert haben. Da sind manche Strömungen des Pietismus und der Erweckungsbewegung, die die Bekehrungserlebnisse der Einzelnen betonen. Im Gottesdienst ist es gern gesehen, wenn ein einzelner Mensch nach vorne geht und Zeugnis ablegt davon, wie sie oder er zum Glauben gekommen ist. Aber auch in der großen konkurrierenden theologischen Strömung, der liberalen Theologie, steht es nicht anders. Hier bezieht man sich auf das Bewusstsein, des Gefühl, das subjektive Erleben von Einzelnen. Diese Haltung ist bis zum heutigen Tag in der Kirche dominant. Nicht selten lautet in kirchlichen Kreisen die Antwort auf die Frage nach dem Glauben, dass da jede, jeder ganz eigene Erfahrungen machen muss. Die Antwort ist auf der einen Seite entlastend, weil niemand vorschreibt, was sie oder er zu glauben hat. Aber zugleich ist jeder Mensch auf sich selbst zurück verwiesen, die Frage wird nicht von der Gemeinschaft aufgenommen, die Antwort wird nicht von einer Gemeinschaft getragen.

Der entscheidende Punkt ist aber nun: Es gibt ein Drittes zwischen einem autoritären Glauben, der von einer Institution vorgegeben wird und einem Glauben, den jede und jeder Einzelne für sich selbst finden muss! Dieses dritte ist die wechselvolle, die sich verändernde und sich immer wieder neu findende Weggemeinschaft der Glaubenden. Hier wird die wechselseitige Verbundenheit im Glauben nicht starr, sie wird aber auch nicht kaschiert. Als Weggemeinschaft wird sie immer wieder neu gestaltet!

Der Glaube als Erfahrung von Beziehung

Die Vorstellung des Einzelnen, die, der glaubt, ist tatsächlich eine Abstraktion, eine Fiktion. Christoph Nötzel stellt deshalb fest: „Am Anfang also ist Beziehung. Mit-Sein. Erst im Mit-Sein werde ich zum ICH.“ (S. 221). So wie sich kein Mensch aus sich selbst heraus selbst gestaltet, so ist der Glaube nicht eine innere Haltung, sondern eine bestimmte Weise der Verbundenheit mit anderen Menschen, mit Gott. „Glauben jedenfalls geschieht nicht bloß innerlich in mir. Zum Glauben braucht es immer einen Anderen.“ (S. 221) Auch gegenüber Gott ist der Glaube keine einsame Tätigkeit, sondern innigste Verbindung, Verbundenheit. „Von Gott kann deshalb nicht anders als in personhaft-menschlichen Bildern gesprochen werden.“ (S. 229) Unsere Verbundenheit mit anderen Menschen weist uns den Weg zur Verbundenheit mit Gott, auch wenn diese immer größer und umfassender ist. Denn mit Gott sind wir nicht nur verbunden, wir existieren durch ihn und werden von ihm gehalten. Der Glaube bringt diese elementare, ja radikale Verbundenheit zum Ausdruck.

Der Glaube aus und in einer geschichtlichen Gemeinschaft

Dieser Glaube ist nicht durch eine Theorie zu fassen. Er drückt sich in der Lebensgeschichte immer wieder neu aus. Keine Antwort ist dauerhaft und hinreichend. Glaubende Menschen setzen immer wieder neu an, um eine angemessene Ausdrucksform für den Glauben zu finden. Der christliche Glaube ist kein statisches Verhältnis, deshalb lebt er von Erzählungen und regt er zu Erzählungen an. „Mein Glaube ist geschichtlich. Er erzählt deshalb auch in Geschichten. Und er stellt mich zugleich in eine Geschichte.“(S. 230) Er vermittelt sich in und durch Sprache, durch Worte, menschliche Worte, die zum Wort Gottes werden können. “Der Glaube wird in Gemeinschaft weitergegeben.“ (S. 234) Diese Gemeinschaft  steht in einer wechselvollen Geschichte, in der sich ständig etwas ändert. Deshalb ändert sich auch die Gemeinschaft kontinuierlich, sie ist eine Weggemeinschaft. Die Gemeinschaft des Glaubens ist deshalb auch immer eine experimentelle, eine experimentierende Gemeinschaft (S. 265).

Der Glaube als Erfahrung von Weggemeinschaft

Die Kirchen befinden sich auf absehbare Zeit in einem gravierenden Umbruch. Die Volkskirchlichkeit werden sie verlieren. Damit verlieren aber auch konventionelle Ausdrucksformen an Bedeutung, wie „man“ vom Glauben redet. Die Institution „Kirche“ wird sich mit dem Wandel schwer tun, denn es ist für sie ein Schrumpfungsprozess. Es geht immer auch um Beschäftigte, um etablierte Arbeitsfelder, die nicht mehr fortgesetzt werden können. Doch ist dieser beschwerlich Wandel ist für die christliche Gemeinde nicht etwas völlig Neues, das über sie kommt. Sie war immer schon und ist auch heute experimentierende Gemeinschaft auf dem Wege, sie kann als Weggemeinschaft auf die Zusage Gottes vertrauen, dass er auch in schwierigeren Zeiten bei ihr sein wird, „bis an der Welt Ende“. Was braucht es mehr? Das Verständnis des christlichen Glaubens als Zeugnis der Weggemeinschaft zu fördern, das ist ein sehr wichtiger Beitrag des Buches von Christoph Nötzel.

Sind Kirchen systemrelevant?

In Zeiten von Corona ist eine Diskussion um die Systemrelevanz von Kirchen entstanden. Einige Stimmen betonen aus unterschiedlichen Gründen, dass die Kirchen nicht mehr systemrelevant seien. Die einen stellen fest, dass die Kirchen keine starken orientierenden Worte gesprochen haben. Die anderen weisen darauf hin, dass die Kirchen ihren Regelbetrieb ohne Protest weitgehend eingestellt haben. Dritte sehen, dass sie in die digitalen Medien ausweichen und unter dem großen Angebot dort, kaum wahrnehmbar sind.

Im Kontrast dazu ist die Systemrelevanz des Gesundheitssystems unbestritten. Ärztinnen und Ärzte, Krankenschwestern und Krankenpfleger bekommen einen Sonderstatus etwa bei der Kinderbetreuung, weil ihr Einsatz unverzichtbar ist. Sind also religiöse Organisationen wie die Kirchen gesellschaftlich vielleicht geduldet, aber für das Funktionieren des Systems nicht mehr relevant?

Der Vorwurf ist von außen herangetragen und maliziös. Es scheint, dass einige die Gelegenheit nutzen, die Kirchen in ihrer Schwäche zu zeigen. Doch stimmt das überhaupt? Hierzu drei Überlegungen:

1. Ist Systemrelevanz überhaupt ein Qualitätskriterium für Kirchen?

Was genau meint Systemrelevanz? Wenn man die Gesellschaft als ein Zusammenspiel unterschiedlicher Systeme deutet, dann ist etwas systemrelevant, wenn es diese Systeme in ihrer Funktionalität aufrechterhält. Hier schon wird deutlich, wie verkürzt die Vorstellung ist, die Kirchen sähen ihre Aufgabe darin, systemrelevant zu sein. Christliche Kirchen sehen ihre Aufgabe darin, Gott in Wort und Tat zu bezeugen. Sie verstehen sich als Versammlung jener Menschen, die an den Menschwerdung des gnädigen Gottes glauben. Sie sind Orte des Gebets, des Gottesdienstes, der Gemeinschaft und des Engagements für die Schwachen und Armen der Gesellschaft. Ist das systemrelevant? Möglicherweise kann ein solches Handeln gesellschaftliche Funktionen stützen. Wenn es aber darum geht, in einer Pandemie sich den Kranken zuzuwenden, so geschieht das durchaus in den viele diakonischen Einrichtungen, zu denen auch eine große Zahl von kirchlichen Krankenhäusern gehört.

Doch möglicherweise kann das Handeln von Kirchen auch systemkritisch sein. Es ist nicht die primäre Aufgabe und auch nicht das primäre Interesse von Kirchen, gesellschaftliche Systeme zu stützen. Es gibt ja durchaus gesellschaftliche Systeme, die Menschenrechte einschränken, die den Reichtum von wenigen massiv steigern, die die Ausbeutung von Mensch und Natur vorantreiben. Das können autoritäre Systeme sein, aber auch manche Systeme des freien und unregulierten Marktes. Kurz: Systemrelevanz an sich ist in keiner Weise ein Qualitätskriterium für Kirchen.

2. Mediale Präsenz von Kirchen

Nun waren kirchliche Stimmen tatsächlich in den letzten Wochen in geringerem Maße in den klassischen Medien wie Zeitungen und Fernsehen durch Meinungsbeiträge präsent. Dagegen dominierten dort  Vertreterinnen und Vertreter der Virologie und Epidemiologie. Doch warum sollte das verwunderlich sein? Es gibt gerade in diesen Zeiten viel zu tun, was nicht direkt öffentlichkeitsrelevant und doch wichtig ist. Dazu gehört auch die Seelsorge, vor allem die Telefonseelsorge, die Versorgung auch der Gemeindemitglieder, die keinen Internetzugang haben, mit gedruckten Andachten.

Es gibt darüber hinaus auch eine Zeit des Schweigens.Darauf hat auch der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, in einer Videobotschaft hingewiesen. Das öffentliche Interesse war eindeutig darauf ausgerichtet, erstens zu verstehen, wie groß die Gefahr ist, die mit der Pandemie einher geht, welche Hoffnung man haben kann auf eine Besserung, auf eine Reduzierung der Zahl der Neuerkrankungen. Ein weiterer Fokus lag auf dem staatlichen Handeln: Was ist erlaubt, was nicht? Zeiten der Krise sind immer auch Zeiten der Exekutive. Dies sieht man nicht zuletzt an der sprunghaft angestiegenen Zustimmung zu der Regierungspartei CDU. Ein dritter Fokus der öffentlichen Debatte lag auf den wirtschaftlichen Folgen dieser Maßnahmen. Wie groß wird der wirtschaftliche Schaden sein, ist er zu vermeiden? Mit welcher Zielrichtung sollten sich die Kirchen in diese Debatten einbringen?

3. Die theologische Herausforderung. Der Umgang mit dem Widrigen und dem Unvorhersehbaren, mit der Abhängigkeit und der existentiellen Verbundenheit

Nun gibt es aber auch einen wahren Kern mancher kritischer Äußerungen. Doch der hat nichts mit der öffentlichen Sichtbarkeit zu tun als vielmehr mit der Erwartung, dass auch im vertrauten Gespräch Vertreterinnen und Vertreter von Kirchen zu solchen schicksalshaften Ereignissen nicht viel zu sagen haben. Diese kritische Anfrage geht in die Richtung der Theologie und sie hat einen ernstzunehmenden Kern. Günter Thomas hat das in einem Beitrag in Zeitzeichen zum Ausdruck gebracht: In einer solchen Zeit wird zum Beispiel deutlich, dass die Natur nichteinfach nur die gute Schöpfung ist, dass sie lebensbejahende wie auch lebenszerstörende Kräfte enthält. Doch welche theologischen Ressourcen haben wir, um das Lebenszerstörende einer Pandemie, die über uns kommt, zu beschreiben? In der Fähigkeit zu Beschreibung des natürlichen Lebenswidrigen, das sich einer moralischen Beurteilung entzieht, hat die Theologie in der Tat in den letzten Jahrzehnten viel verloren. Man kann weitere Defizite in der Beschreibung der Endlichkeit des Menschen, in seiner Abhängigkeit vom Geist Gottes, in der Art und Weise sehen, wie wir theologisch Hoffnung äußern.

Theologisch ist also nicht einfach alles in Ordnung. Aber zeigt sich in Zeiträumen von vielen Jahren, nicht von einigen Wochen der Medienbeobachtung.

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