Was ist Vertrauen?

In dieser Reihe geht es um das Thema Vertrauen in gesellschaftlichen Krisenzeiten. In Krisenzeiten sind grundlegende Formen des Vertrauens gefährdet. Dabei ist Vertrauen ist eine grundlegende Dimension menschlicher Existenz, ohne die vieles andere auch gefährdet ist. 

Vertrauen in die Umwelt

Menschen sind leibliche Wesen, sie brauchen Luft, Wärme, Flüssigkeit und Nahrung, um zu überleben. Jeder Mensch muss sich darauf verlassen, dass seine Umgebung diese Versorgung auch ermöglicht. Wir sind auf unsere Umwelt angewiesen, das erleben wir gerade jetzt, am Ende einer langen Periode der Ausbeutung fossiler Energien auf drastische Weise. Die Natur verändert sich durch unsere Eingriffe, sie wird bedrohlicher. Das ist auch für moderne Gesellschaften eine elementare Störung, weil Vertrauen immer auch Weltvertrauen ist.

Das soziale Miteinander lebt von Vertrauen

Menschen sind soziale Wesen, sie sind als endliche und bedürftige Wesen von Beginn des Lebens aufeinander angewiesen. Natürlich kann man sich im Idealfall einen Menschen vorstellen, der sich als Erwachsener völlig von der Gesellschaft isoliert und autark lebt. Das gilt jedoch nie für das gesamte Leben. Alle Menschen müssen ausnahmelos von anderen Menschen gezeugt, geboren, erzogen und behütet werden, bis sie dann im späteren Leben möglicherweise zur Selbstversorgung in der Lage sind. Die Menschheitsgeschichte ist auch die Geschichte einer zunehmenden sozialen Vernetzung. Das soziale Miteinander kompensiert nicht einfach nur Mängel, es setzt in den Kulturen einen großen Reichtum frei.

Vertrauen geht über Kontrolle hinaus

Die gegenseitige Abhängigkeit und die Unfähigkeit einzelner, ihre Beziehungen zur Umwelt, zu anderen Menschen vollständig zu kontrollieren, zeigen die grundlegende Bedeutung von Vertrauen. Wenn ich nicht alles kontrollieren kann, muss ich einfach darauf vertrauen, dass ich auch morgen satt werde, dass mir nahestehende Menschen nichts Böses wollen.

Eine Welt ohne Vertrauen ist kalt

Angenommen, die Kompensation wäre nicht mehr notwendig, angenommen es wäre einzelnen Menschen möglich, eine vollständige Kontrolle über ihre Versorgung und auch über die Entstehung von Nachkommen zu erlangen, so wäre diese Welt einer kontrollierten Sicherheit dennoch eine Horrorvorstellung. Alles wäre kalt und auf Funktionen reduziert. Vertrauen erst macht die menschliche Welt warm, erst sie lässt zwischenmenschliche Beziehungen reich werden und über sich selbst hinaus streben.

Vertrauen ist eine positive Kraft

Vertrauen ist nämlich nicht Ausdruck einer Strategie mit den eigenen Mängeln umzugehen. Als Kompensationsstrategie wäre Vertrauen nicht angemessen erfasst. Denn das Vertrauen ist eine positive, eine gestaltende Kraft. Menschen haben die Begabung, anderen Menschen zu vertrauen. Dies zeigt etwa auch die Redewendung „jemandem Vertrauen schenken“.  Hier zeigt sich eine Stärke, die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung möglich macht und bereichert.

Vertrauen ist immer gefährdet

Vertrauen ist nie von Sicherheit und Eindeutigkeit bestimmt. Das unterscheidet es fundamental von der Kontrolle. Vertrauen ist nicht ohne Risiko. Vertrauen kann ebenso gewonnen wie verloren werden. Es gibt beim Vertrauen eine grundlegende Asymmetrie, die wir alle kennen und auch schon erfahren haben: Vertrauen kann schnell zerstört werden, lässt sich aber nur langsam aufbauen. Das macht das Vertrauen gerade in gesellschaftlich krisenhaften Zeiten zu einer so kostbaren Größe.

Die große Anfrage an moderne Gesellschaften

Moderne Gesellschaften leben wie jede menschliche Gesellschaft von Vertrauen.  Stabile Vertrauensverhältnisse über die geteilte Lebenswelt vermittelt. Ich traue den Menschen, mit denen ich auf geraume Zeit zusammenlebe. Die starke Verunsicherung des gesellschaftlich vermittelten Vertrauens hat auch mit der Gestalt moderner Gesellschaften zu tun. Hier wird Vertrauen schnell zu einer prekären Größe, weil sie nicht mehr über traditionelle Formen sozialer Verbundenheit stabilisiert werden kann. In einer Krise, also in einer Situation, in der die eingeübten gesellschaftlichen Abläufe und Systeme nicht mehr so einfach fortgesetzt werden können, ist das Vertrauen schnell gefährdet und in besonderer Weise herausgefordert. Komplexe Gesellschaften leben aber von einer erheblichen Vertrauensbereitschaft. Vertrauenskrisen treffen moderne Gesellschaften unmittelbar.

Zur Einführung zum Thema Vertrauen und zu weiteren Beiträgen

Warum Vertrauen? Eine kleine Einführung

Mit diesem Blogbeitrag beginne ich eine Reihe, die sich mit dem Phänomen „Vertrauen“ auseinandersetzt. Warum „Vertrauen“? Vertrauen ist eine grundlegende Dimension menschlicher Existenz. Es ist grundlegend für alle zwischenmenschlichen Beziehungen, soziale Formen können ohne ein Mindestmaß an Vertrauen nicht existieren. Es geht dabei nicht nur um das Vertrauen, das ein Mensch zu einem anderen haben kann. Es geht vielmehr auch um das Vertrauen in zwischenmenschliche Strukturen, in Formen der Verbundenheit. Das können mehr oder weniger formale Strukturen sein, Nachbarschaften, Freundeskreise auf der einen Seite, Staat und Kommunen, Vereine, Parteien, Kirchen auf der anderen Seite. Wenn wir uns auf soziale Beziehungen einlassen, müssen wir ihnen gegenüber auch Vertrauen haben: Vertrauen, dass ein Wort gilt, Vertrauen, dass eine Regel gilt, Vertrauen, dass eine Zusage gilt. In eine kurze Formel gefasst: Vertrauen ist der Kitt menschlicher Gesellschaften.

Aktuelle Signale des Mißtrauens

Vieles deutet nun darauf hin, dass diese grundlegende menschliche Erfahrungsdimension in der kommenden Zeit in unserer Gesellschaft an vielen Stellen besonders herausgefordert, besonders gefährdet ist. Viele aktuelle Debatten zeigen, wie brüchig bislang zweifelfreies Vertrauen heute schon ist. Das zeigt sich auf der einen Seite in der Bereitschaft, Verschwörungstheorien zu folgen, die ja immer auch ein starker Ausweis von Misstrauen sind, das zeigt sich aber auch auf der anderen Seite in dem Unwohlsein, ob es vielleicht untergründige gesellschaftliche Bewegungen gibt, die das Ganze gefährden, wenn etwa „Volksaufstände“ befürchtet werden.

Eine Gesellschaft „im Stress“

Vertrauen als eigenständiges Thema gerät schnell in den Hintergrund, wenn das Leben „in geregelten Bahnen“ verläuft, wenn die nahen Menschen sich verlässlich zeigen, wenn die gesellschaftlichen Systeme funktionieren, wenn die Bedürfnisse weitgehend befriedigt werden können, kurz, wenn wir uns „aufgehoben“ fühlen. Das aber ändert sich in Krisenzeiten. Krisenzeiten führen zu vielfältigen Verunsicherungen und damit auch zur Belastung von Vertrauensstrukturen.

Wir bewegen uns nun nach einer längeren Phase der Beständigkeit und Konsolidierung in Deutschland (die Zeit nach der Finanzkrise 2008) aktuell auf eine Zeit multipler Krisen zu: die Pandemie, der Krieg, die Inflation, die Energieversorgung. Die Gesellschaft gerät in eine erhebliche Stresssituation. In diesen Zeiten zeigen sich jene gesellschaftlichen Risse deutlicher, die schon vorher da waren, die aber nicht so stark wahrgenommen wurden. Da Vertrauen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen sich ganz unterschiedlich zeigen kann, macht es Sinn, die Bereiche gesondert zu betrachten. Genau das soll in den folgenden Blogbeiträgen geschehen.

Die Linkliste zu den einzelnen Beiträgen findet sich unter diesem Artikel.

Die Wirtschaft:

Hier sind die Anlässe ein Schwinden des Vertrauens besonders vielfältig: Können wir unserer Währung noch vertrauen? Kann ich noch der Rentenzusage vertrauen? Können wir noch einem allgemeinen Versprechen einer Wohlstandssteigerung vertrauen, die in den vergangenen Jahren so unhinterfragt zu gelten schien? Können wir vertrauen, dass es in der Gesellschaft in der Verteilung zumindest einigermaßen gerecht zugeht?

Die nationale Politik:

Umfragen zeigen eine wachsende Entfremdung vieler Menschen gegenüber den politischen Parteien aus sehr unterschiedlichen, manchmal gegensätzlichen Gründen. Kann die Politik wirklich die sozialen Verwerfungen und Ungerechtigkeiten verhindern, die durch die Krisenhäufung drohen? Hat die Politik wirklich den Willen, die notwendige ökologische Transformation mit allen Konsequenzen zu gestalten?

Die internationale Politik:

Nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine vertraut Russland im Westen niemand mehr. Aber wie ist es mit China, mit dem Iran, mit Katar, Saudi-Arabien? Diese Reihe ließe sich mühelos fortsetzen.

Die Wissenschaft:

Impfgegnern zweifeln an der Wirksamkeit der Impfstoffe, andere vermuten Inszenierungen oder bösartige Geschäftsideen. In der Corona Pandemie zeigt sich aber nur, dass das Misstrauen vieler Menschen in die evidenzbasierte, wissenschaftliche Medizin schon in den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen ist.

Führende Medien:

Gerade in diesem Jahr wurden etliche Skandale in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten aufgedeckt und intensiv diskutiert. Aber auch die digitalen Medien sind in einer Vertrauenskrise, der Kauf von Twitter durch Elon Musk irritiert, der erratische Kurs von Zuckerberg mit dem Meta Projekt verstört die Nutzerinnen und Nutzer. Hinzu kommt eine Kommunikation, wo eine Aufregung die andere jagt, oft bleibt undeutlich, was davon Fake oder fakt ist.

Die Kirchen:

Insbesondere in der katholischen Kirche wächst mit jeder Missbrauch-Nachricht das Misstrauen. Das Misstrauen breitet sich ökumenisch aus, der Institution Kirche werden unabhängig der Konfession verdeckte, selbstbezogene Interessen zugesprochen.   

Die Kultur:

Welche kulturellen Traditionen sind akzeptabel, welche dagegen sind nur Begleiterscheinungen einer auf Unterdrückung anderer ausgerichteten kolonialen Kultur? Was transportiert die herkömmliche Sprache, welche Aussageformen sind zulässig, welche zu meiden? Wer sagt was und wie? Die Sprache wird immer mehr zu einem Feld der gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Die Diskussion um die Documenta 15 hat jenseits der konkreten Vorwürfe gezeigt, wie schnell Misstrauen auch in der internationalen Kulturszene entstehen kann.

Der Sport:

Gerade in seinen internationalen Erscheinungen ist der Sport immer stärker mit intransparenten Geschäftsideen verflochten. Warum finden die Großereignisse in diesem, nicht in jenem Land statt? Durch die weltweite Aufmerksamkeit sind diese Großereignisse mit viel Geld verknüpft. Eine Missbrauchsdebatte bahnt sich hier erst gerade an.

Die zwischenmenschlichen Beziehungen: In einer hoch individualistischen Gesellschaft ist zwischenmenschliches Vertrauen stets eine herausgeforderte Größe, sofern sie vertragliche Verhältnisse überschreitet. Wie verbindlich ist eine Zusage, wie tragfähig diese Freundschaft, bewährt sich jene Beziehung auch morgen noch? Ist eine Gemeinschaft auf Dauer gestellt oder zerfällt sie schon in kürzerer Zeit?

Es gibt also viel Diskussionsstoff zum Thema Vertrauen! Bevor die einzelnen gesellschaftlichen Bereiche näher betrachtet werden, soll in dem kommenden Beitrag gefragt werden, warum wir Menschen ohne Vertrauen nicht auskommen können, warum es ein so grundlegendes menschliches Bedürfnis ist.

Vertrauen in der Philosophie

Vertrauen in der Wirtschaft

Vertrauen in der Politik

Vertrauen in die Wissenschaften

Energiearmut – was bedeutet das?

Russland hat nun die Gas Pipelines stillgelegt. Welche Folgen hat das für unseren Lebenswandel, für unsere Gesellschaft? Das ist tatsächlich sehr schwer abzuschätzen. Denn wir leben in einer modernen, vielfach vernetzten, hochkomplexen Gesellschaft. Wer die Diskussionen in diesen Tagen verfolgt, spürt die Unsicherheit in der Gesellschaft, eine Unsicherheit nicht nur über die Tagespolitik oder den kommenden Winter, sondern auch über die mittel- und langfristigen Wirkungen.  

Ein Wort zu den Fehlern der Vergangenheit

Vor der Abschätzung der gegenwärtigen Lage ein Wort zu den drastischen Fehlern der Vergangenheit, die uns in die heutige Lage gebracht haben. Der erste Fehler war offenkundig, sehr stark auf einen politisch äußerst schwierigen Energieexporteur Russland zu setzen. Der Reiz der leichten und preiswerten Energieversorgung, die nicht ganz so klimaschädlich ist wie Kohle, war zu groß. Preiswerte Energie ist für ein Hochindustrie- und Exportland von großer Bedeutung, es senkt die Produktionskosten. Der zweite mindestens ebenso große Fehler war, dass der Ausbau der Energiegewinnung der Zukunft, der regenerativen Energien in den 10er Jahren massiv vernachlässigt worden ist. Der Ausbau der Photovoltaik brach zu Beginn des Jahrzehnts ein, der Ausbau der Windenergie in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts. Stattdessen wurde auch angesichts der offen aggressiven Politik Russlands Nordstream 2 beschlossen und zügig gebaut.

Unsere aktuelle Situation

Nun also liegt eine Zeit der Energiearmut vor uns, Deutschland muss mit weniger Energie auskommen. Die relative Energiearmut wird auch eine geraume Zeit anhalten. Die Anteile der Energieversorgung aus Russland war noch 2021 erheblich. Die Zufuhr von russischer Kohle und von russischem Öl wurden schon durch die Sanktionen zuvor gedrosselt. Unter den Primärenergieträgern hat Erdgas in etwa den Anteil von einem Viertel der Gesamtversorgung. Davon wiederum die Hälfte war bis zum letzten Jahr Gas aus Russland. Dieser Anteil ist in den letzten Tagen fast auf Null gefallen.

Die Besonderheit der Erdgasversorgung

Wenn eine Energieexporteur wie Russland nicht mehr zur Verfügung steht, ist es natürlich möglich, ihn durch andere zu ersetzen. Das ist bei Kohle und Öl auch recht leicht möglich. Für beide Energieträger gibt es ausgebaute weltweite Handelsstrukturen, es gibt einen Weltmarkt, auf dem weitere Käufe möglich sind. Die Infrastruktur für die Versorgung ist flexibel, Züge und Schiffe transportieren Kohle und Öl an nahezu beliebige Orte. Die Reduktion von russischem Öl und von russischer Kohle wird auch kaum diskutiert. Das ist allerdings bei Erdgas anders. Größere Mengen lassen sich als Flüssiggas transportieren oder durch Röhren senden. Die Umwandlung in Flüssiggas ist kompliziert und erfordert wiederum eine größere Logistik und Infrastruktur. Deutschland hat in der Vergangenheit auf die Versorgung durch Röhren gesetzt. Röhren lassen sich aber nicht schnell verlegen oder neu legen. Insofern ist das System viel starrer als bei Kohle und Öl. Das heißt: Erdgas kann erstens nicht so schnell ersetzt werden nd zweitens wird jeder Ersatz teurer und führt zu einer Verteuerung der Energieversorgung.

Akuter Energiemangel, höhere Preise

Energiearmut kann sich in akutem Energiemangel und in höheren Preisen äußern. Wenn ein eklatanter Energiemangel entsteht, wirkt das unmittelbar auf die hochkomplexen Versorgungssysteme zurück. Reicht die Energie oder fallen bestimmte Teile des Versorgungssystems im Winter aus? Die Bundesnetzagentur berät ja auch über Notfallpläne, um möglichen Schaden zu reduzieren. Eine akute Unterversorgung ist eine reale Gefahr. Dann potenziert sich der Schaden. Die aktuelle Preisentwicklung, die exorbitanten Steigerungen haben vor allem mit Ungewissheit und Spekulation zu tun, ob ein solcher eklatanter Mangel eintritt.

Was tun?

Gegen einen solchen drohenden Versorgungsausfall gibt es zwei Maßnahmen: Energie einsparen und Energie substituieren. Ersteres ist die beste aller Möglichkeiten. Sie hat positive Effekte auf den Klimawandel, sie schafft vielleicht dauerhaft ein verändertes Verhalten im Alltag, sie hilft durch verringerte Nachfrage zu einer Preissenkung. Die zweite Maßnahme verhindert auch einen akuten Ausfall, sie führt aber auch zu deutlich höheren Kosten. Und sie kann nicht so schnell zum Zuge kommen, weil Gas in der Infrastruktur nicht einfach durch Öl oder Kohle zu ersetzen ist.

Trotz aller Maßnahmen ist Energiearmut unausweichlich

Beide Maßnahmen aber können eine Energiearmut nicht verhindern, nur lindern. Wir werden nicht so schnell alternative Energiequellen im ausreichenden Umfang erschließen können. Welche Folgen hat das jenseits der katastrophischen Szenarien? Auf jeden Fall wird die verfügbare Energie auf lange Sicht deutlich teurer, auch mit einer LNG Gas Infrastruktur. Schon das hat erhebliche Auswirkungen auf das Industrie- und Exportland Deutschland. Die Produktion von energieintensiven Gütern wird unter Druck geraten. Die erhöhten Preise werden wirtschaftliche Verwerfungen zur Folge haben. Der einzige langfristige Ausweg daraus ist langfristig nur der radikale Ausbau erneuerbarer Energiequellen. Aber das dauert viele Jahre.

Gegen idealistische Tendenzen: Energie ist auch heute eine existentielle Grundgröße

In dieser Situation zeigt sich, dass Energieversorgung eine elementare Dimension auch einer hochmodernen Gesellschaft darstellt. Die Bundesregierung kann auch mit noch so viel Geld, Energie nicht ersetzen. Energie ist eine existentielle Grundgröße. Energiearmut ist deshalb auch eine bedrohliche Situation. Wir haben das lange unterschätzt. Da gibt es übrigens eine erkennbare Parallele zu unserem Verhältnis zur Landwirtschaft. Wir lebten viele Jahre in einem Energiereichtum, in einer Situation, in der Energie immer in größerem Umfang zur Verfügung stand als wir sie brauchten. Die gesellschaftlichen Diskussionen haben einen idealistischen Zug, sie unterschätzen die materiellen und damit auch energetischen Bedingungen des basalen Lebens (das gilt eigentümlicher Weise auch für die Börsen). Der richtige Wille und der erfinderische Geist machen aber nicht alles möglich. Wir waren zu leichtfertig, glaubten uns geschützt vor einer Energiearmut. Sonst hätten wir sonst den Ausbau regenerativer Energien viel entschlossener vorangetrieben.

Der Idealismus an den Börsen

Die wirtschaftliche Lage verdüstert sich zurzeit stetig. Früher hätte schon eine Botschaft ausgereicht, um erhebliche Turbulenzen auszulösen: die drastische Verteuerung und Verknappung der Energie insbesondere beim Gas, die rasch steigende Inflation, die bald vielleicht in Deutschland zweistellig werden kann, das Wegbrechen von Absatzmärkten in Russland, die Instabilität der Märkte in China, die Inflation in den USA usw. usf. Doch noch vor wenigen Tagen wurde in den Online Zeitungen, die die Börse beobachten, intensiv darüber debattiert, ob nun die Werte wieder stetiger steigen können, ob nicht eine längerfristige Rallye ansteht….

Die Börse als Ort der wahren Realisten?

Das ist komisch, vielleicht aber auch sehr bezeichnend, bezeichnend für eine bestimmte Haltung, einen bestimmten Umgang mit der Wirklichkeit in unserer Zeit. Diese Haltung weist über das Börsengeschehen hinaus, das hier als Indikator gelten soll für eine in der Gesellschaft verbreitete Geisteshaltung. Diese Haltung lässt sich meiner Ansicht nach aus guten Gründen als idealistisch bezeichnen. Das mag auf erstem Blick irritierend sein, weil ja gemeinhin mit Idealismus eine eher gesellschaftlich progressive, wertorientierte Deutung der Wirklichkeit gemeint ist und nicht die „Hyperrealisten“, die an den Märkten handeln.

Idealismus versus Materialismus

Der Idealismus steht klassischerweise, also in seinem Gebrauch im 19. Jahrhundert, in einem Gegenüber zum Materialismus. Was ist gewichtiger: Die materielle Gegebenheit der Wirklichkeit oder die eher (ideelle, kognitive) Kommunikation über sie? Die Phänomenologie nimmt an, dass beide miteinander verschränkt sind und beide berücksichtigt werden müssen. Deshalb kann und muss das eine immer auch als Korrektiv des anderen genutzt werden. Nehmen wir die materiellen Vorgaben der letzten Zeit, vor allem eine drastische Energiekrise, so wären die Börsen, die ja Zukunfts- und Erwartungswerte auf künftige wirtschaftliche Erfolge handeln, längst in einer tiefen Krise. Doch genau diese Parameter scheinen nur am Rande aufzutauchen. Im Zentrum steht dagegen die Kommunikationen über das Börsengeschehen selbst. Die Börsenkurse bewerten also vor allem die Kommunikation der Teilnehmenden am Börsengeschehen. Das lässt sich durchaus idealistisch nennen.

Die Märkte erkennen die Wirklichkeit

Dazu gibt es den ominösen Plural „die Märkte“. Die Regel ist einfach: Wenn die Märkte etwas positiv kommunizieren, dann ist es positiv. Wer sollte denn die Wirklichkeit besser deuten können als „die Märkte“? Ergo: Sind nur genügend viele Marktteilnehmenden optimistisch, so gibt es wirklich Grund für Optimismus. Es geht schlicht darum, Gewinnchancen zu identifizieren. In dieser Haltung konnten die schlechten Nachrichten der letzten Wochen und Monate aus der Realwirtschaft ignoriert werden. Erst in den letzten Tagen scheint sich das Blatt auch an den Börsen zu wenden.

Die Wirklichkeit ist mehr als die Kommunikation über sie

Warum ist die Börsenkommunikation interessant? Vielleicht zeigt sich hier ein Grundzug unserer Zeit: Wir neigen in der gegenwärtigen Gesellschaft dazu, die Kommunikation über etwas für wichtiger zu nehmen als das, worüber kommuniziert wird. Das ist sicherlich auch durch die wachsende Bedeutung der Kommunikation in den digitalen Medien beeinflusst. Allerdings ist der klassische Materialismus dann immer auch ein gutes Korrektiv. Es gibt Größen, die sind eben da oder sie sind nicht da. Sie weisen eine gewisse Widerständigkeit gegen eine beliebige Deutung auf. Zu diesen Größen gehört die Energie. Wenn Energie fehlt, geht vieles nicht mehr, auch die Kommunikation nimmt zwangsläufig ab. Die anstehende Energieknappheit kann uns lehren, dass eine intensivierte Diskussion um die Energie nicht ihre Knappheit beseitigt.

Energie – leicht verfügbar!

Der Überfall Russlands auf die Ukraine hat auch die Frage der Energiesicherheit aufgeworfen. Es wird schmerzlich bewusst, wie abhängig Europa, vor allem Deutschland von den Energielieferungen Russlands ist. Wieso ist das nicht früher deutlich geworden, warum haben viele Akteure die Energieabhängigkeit so unterschätzt?

Die These:

Neben einer fatalen Marktorientierung gibt es in unserer Gesellschaft eine kulturell tiefsitzende idealistische Unterschätzung materieller und energetischer Abhängigkeiten.

Der Beitrag der Globalisierung

Die Globalisierung hat die Warenströme stark ansteigen lassen. Dies gilt auch für die Energieträger. Noch vor einigen Jahrzehnten hatten die Länder einen deutlich höheren Autarkiegrad, das heißt, die vornehmlich verwendeten Energieträger wurden in den Ländern selbst gewonnen. Das war in Europa vorrangig Kohle, aber auch Gas. Erst die zunehmende Abhängigkeit von Öl änderte die Situation. Diese Abhängigkeit wurde in der Ölkrise in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts schmerzlich bewusst. Doch ließen sich die Konflikte vorerst bereinigen.

Doch nun kehrt eine Energiekrise mit deutlich größerer Wucht zurück. Das liegt daran, dass in den vergangenen 30 Jahren, in der Hochphase der Globalisierung, viele Länder das Streben nach Autarkie aufgegeben haben und Energieträger dort gekauft haben, wo sie am günstigsten waren. Steinkohle zum Beispiel ist in Australien günstig und auch in Russland. Die Förderung von Steinkohle in Deutschland wurde beendet. Der Energieträger Erdgas gewann in den zurückliegenden Jahren für Deutschland massiv an Bedeutung. Der Weltmarkt wurde zu der Referenzgröße, um die Energieversorgung zu gestalten.

Erneuerbare Energien als Alternative

Zu dem globalen Handel von Energieträgern kam die Diskussion um den Ausbau erneuerbarer Energien hinzu. Denn zu der gleichen Zeit, in sich der Weltenergiemarkt ausbaute, wuchs die Einsicht, dass der massenhafte Gebrauch fossiler Energieträger das Weltklima bedroht. In Deutschland ist spätestens Ende der 90er Jahre der Ausbau regenerativer Energien diskutiert worden, ein erster wichtiger Schritt war das Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) von 2000. Damit verbunden war die Hoffnung, dass die Energiewende zügig die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern beenden kann. Doch dann verlor der Ausbau regenerativer Energien wieder an Dynamik, er wurde in den folgenden Jahren nur halbherzig und vor allem leichtfertig betrieben. Es gab Fortschritte, aber auf den gesamten Energiebedarf gesehen ist der Anteil regenerativer Energiegewinnung nach wie vor klein. Meist wird in der Diskussion der Strommarkt hervorgehoben, an dem die regenerativen Quellen fast 50 % Anteil haben. Doch macht der Strommarkt nur 20% der gesamten Endenergie aus. Der Anteil von Sonne und Wind an der Endenergie beträgt auch 2021 weniger als 10 %.

Energie ist da!

Zu der Frage am Anfang zurück: Wie sind wir also in dies Situation geraten? Zum einen war die Erwartung dem Weltmarkt gegenüber zu naiv. Zum anderen aber gibt es auch eine unheilvolle Unterschätzung der Elementargröße „Energie“ in unserer Gesellschaft. Hier wirkt ein tiefsitzendes kulturelles Deutungsmuster einer idealistischen Zivilisation: Die Unterschätzung der materiellen und energetischen Abhängigkeiten. Viele neigen dazu, mit der Ressource Energie sorglos umzugehen. Die Debattenbeiträge legen eher nah, dass mit gutem Willen und klugem Vernunftgebrauch alle Engpässe beseitigt werden können. Die widrigen Kräfte der Wirklichkeit lassen sich leicht überwinden, Abhängigkeiten und Mängel aushebeln. Man könnte das einen technologischen Optimismus nennen, aber dann müsste es mehr Interesse an den technischen Lösungen geben. Auf die Frage, wie wir der Gasabhängigkeit entfliehen können, heißt es leichthin: Mit regenerativer Energiegewinnung. Das ist prinzipiell richtig, aber die Mühen und die Zeit, bis ein solcher Zustand erreicht wird, werden leichtfertig überspielt. Wer weiß, wie abhängig das eigene Leben von einer ausreichenden Energieversorgung ist, argumentiert vorsichtiger. Die widrigen Kräfte der Wirklichkeit lassen sich nicht allein durch die Absicht allein überwinden.

Die kostbare Ressource Energie

Es gilt heute mehr denn je die Aussage von Ernst-Ulrich von Weizsäcker: Die größte Energiequelle der Zukunft ist das Energiesparen. Doch auch dann muss man Energie ernster nehmen, als kostbare Ressource und kann annehmen, sie sei einfach jederzeit verfügbar. Die meisten Bilder der Automobilunternehmen zu E-Mobility strahlen aber genau das aus: Allein schon der Elektroantrieb macht die Autos nachhaltig, unabhängig von ihrem Verbrauch, als hätten wir beliebige Mengen regenerativer Energien zur Verfügung. Da ist es dann auch nicht verwerflich, nach wie vor große und schwere Karossen zu produzieren. Dagegen gilt: Die Energie der Zukunft ist eine knappe und kostbare Ressource. Die Widerstände einer geringeren Verfügbarkeit werden wir noch lange spüren.  

Zur Hauptseite