(4) Himmel und Erde – ein dauerhaftes Spannungsverhältnis

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Dieser Vers steht ganz am Anfang des biblischen Textes. „Am Anfang“ bedeutet: Gott schuf gleich zu Beginn, als erstes eine Dualität: Himmel UND Erde. Da steht nicht: Gott schuf die Welt. Oder: Gott schuf die Wirklichkeit. Sondern: Gott schuf Himmel und Erde, sowohl das Eine wie auch das Andere. Das Eine ist nicht ohne das Andere.  Der Himmel ist nicht ohne die Erde, aber für uns, die Erdlinge, ist viel wichtiger: Die Erde ist auch nicht ohne den Himmel. Der war von Anfang an da und von Anfang an war die Erde auf den Himmel bezogen.

Himmel und Erde – Gott und Mensch

Und das ist auch heute so. In gewisser Weise schafft diese Dualität, das Gegenüber der Sphäre Gottes und der Sphäre des Menschen eine stete Spannung, auf die die biblischen Texte immer wieder zu sprechen kommen. Die Bezogenheit des Menschen auf Gott, des Geschöpfes auf den Schöpfer, ist in die Wirklichkeit eingeprägt durch die Sphären von Himmel und Erde.

Engel als klassische Mittlerwesen

Engel, die Boten Gottes überqueren regelmäßig die Grenze zwischen Himmel und Erde. Sie überbringen den Menschen göttliche Nachrichten. Sie wirken auf die Verhältnisse auf der Erde ein, aber nie so, dass das Spannungsverhältnis grundsätzlich in Frage gestellt wird.

Orte der Nähe Gottes

Es gibt in dem Rahmen der biblischer Erfahrungswelt Orte auf der Erde, die Gott näher sind, da sind die hohen Berge. Menschen steigen in biblischen Erzählungen auf Berge, um Gott näher zu kommen. Da ist der Berg Horeb, wo sich Gott Mose offenbart und sein Gesetz verkündigt, da ist der Berg in Jerusalem, auf dem der Tempel Gottes steht, da ist der Berg Tabor, an dem Jesus verklärt wird. Menschen können sich, wenn Gott will, dem Himmel nähern, auf Bergen, im Tempel. Versuchen Sie es aber eigenmächtig, so scheitert der Versuch wie beim Turmbau zu Babel.

Himmlische Verhältnisse wirken auf irdische Verhältnisse

Jesus nun verkündet auf neue Weise die Nähe des Reiches Gottes. Diese Nähe revolutioniert die Verhältnisse auf der Erde. Sicher geglaubte Ordnungen werden in Frage gestellt. Das Reich Gottes fügt sich nicht einfach den menschlichen Ordnungen. Besonders deutlich wird das im Magnifikat, mit dem Maria auf die Verkündigung der himmlischen Engel reagiert, dass sie schwanger wird. Sie singt in Dankbarkeit von dem Gott, der irdische Verhältnisse umstürzt.

Und seine Barmherzigkeit währet für und für

bei denen, die ihn fürchten.

Er übt Gewalt mit seinem Arm

und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

Er stößt die Gewaltigen vom Thron

und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern

und lässt die Reichen leer ausgehen. (Lk 1, 50-53)

Der Himmel ist stets präsent

Der Himmel ist so eine in der Bibel stets präsente Dimension der Wirklichkeit. Sie verändert die Verhältnisse auf der Erde. Sie motiviert die Menschen, dementsprechend anders zu handeln. Zweierlei ist bemerkenswert:

  1. Die Erde und ihre Verhältnisse wird nie isoliert betrachtet. Die Welt des Menschen ist nie nur für sich.
  2. Die Dynamik des Verhältnisses von Himmel und Erde ist eindeutig ausgerichtet, sie weist vom Himmel auf die Erde.

Die Moderne eine Zeit ohne Himmel?

In unserer Zeit versuchen die Menschen auf der Erde ohne den Himmel auzukommen. Sie setzen auf die eigene Kraft und Gestaltungsmacht. Wenn etwas gelingt, neue Erfindungen, neue Entdeckungen, fühlt sie sich bestätigt. Doch was ist, wenn etwas misslingt, wenn ihnen ihre eigenen Erfindungen über den Kopf wachsen (Klimawandel, Künstliche Intelligenz)?

Der Mensch zwischen Himmel und Erde

So schwanken wir zwischen Selbstermächtigungsfantasien (Kolonisierung des Mars!, Die Schaffung des neuen Menschen!, Transhumanismus!, Überwindung der Krankheiten und der Sterblichkeit!) und Weltuntergangsfantasien (Klimakatastrophe!, Fremdherrschaft der KI Systeme!, Atomare Kriege und Auslöschung der Menschheit!)

Weder diese Ängste noch diese Hoffnungen führen uns weiter. Wahrscheinlich wären wir eher zu rationalem Handeln fähig wenn wir uns unsere eigene Begrenztheit im Guten wie im Schlechten eingestehen würden. Wir sind leibliche Wesen, Erdlinge. Die biblischen Texte haben die Erde stets begrenzt gesehen durch den Himmel. Aber auch ausgerichtet auf den Himmel. Dieses Zugleich von Verbundenheit mit der Erde und von Verbundenheit mit dem Himmel macht uns selbst zu Mittlerwesen. Wir geraten in Gefahr, wenn wir die eine oder die andere Verbundenheit vernachlässigen.

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(3) Ist das Reich Gottes transzendent?

Religion bezieht sich auf Transzendenz, die über unsere Welt, die Immanenz, hinausgeht. Das klingt nur auf dem ersten Blick einleuchtend. Tatsächlich ist das aber eine moderne Verzerrung eines alten Anliegens.

Die Unterscheidung von Vordergrund/Gestalt und Hintergrund

Jesus von Nazareth predigte vom Reich Gottes. Ist das Reich Gottes damit eine transzendente Größe?

In dem letzten Blogbeitrag habe ich vorgeschlagen, die Differenz zwischen der Welt und dem Reich Gottes analog zu einer Differenz zwischen der Gestalt im Vordergrund und einem Hintergrund zu deuten. (siehe hier). Das Reich Gottes ist in diesem Sinne aber nicht irgendein Hintergrund. In gewisser Weise ist es der Hintergrund aller Hintergründe, es ist ein absoluter Hintergrund. Es ist jener Hintergrund all dessen, was uns in der Welt erscheinen kann, was wir beobachten können, was in den Vordergrund gehoben werden kann.

Dieser Hintergrund ist einerseits umfassend, keine Gestalt in dieser Welt nicht auch vor dem Hintergrund des Reiches Gottes gesehen werden kann. Es ist als absoluter Hintergrund andererseits auch unzugänglich. Er kann selbst nie zum Vordergrund gemacht, direkt untersucht werden.

Die neuzeitliche Unterscheidung von Transzendenz und Immanenz

Die Differenz zwischen Gestalt und Hintergrund unterscheidet sich tatsächlich gravierend von der klassischen Differenz zwischen Immanenz und Transzendenz. Denn zwischen Transzendenz und Immanenz gibt es eine nicht zu überbrückende Grenze. Beide Seiten haben nichts gemeinsam, wo das eine anfängt, hört das andere auf. Es sind zwei Bereiche, die klar voneinander getrennt sind. Der eine Bereich, die Immanenz, ist weltlich zu deuten, der andere Bereich, die Transzendenz, ist religiös zu deuten.

Die Immanenz umfasst alle Erscheinungen der Welt. Diese stehen miteinander in einem nachvollziehbaren Zusammenhang. Die Neuzeit brachte mit den Naturwissenschaften eine Revolution der Welterkenntnis mit sich, die es möglich machte, die Verhältnisse in der Welt immer genauer zu beschreiben und zu deuten. Die Wissenschaften erforschen die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten. Diese neue, bis dahin ungeahnte Stärke der naturwissenschaftlichen Weltbeschreibung zwang die Theologie zu einer Antwort. Denn bis zur Neuzeit war es für sie selbstverständlich, die Welt und ihren Aufbau mit religiöser Autorität zu deuten. Das wurde nun immer weniger plausibel. Die neuzeitliche Theologie betonte deshalb zunehmend die Differenz zwischen Immanenz und Transzendenz. So hatte sie einen Bereich, der für die Naturwissenschaften unzugänglich war.

Die biblische Unterscheidung von Himmel und Erde

Biblisch gibt es dafür scheinbar eine gute Grundlage: Die Unterscheidung zwischen Himmel und Erde. Der Himmel ist die Sphäre Gottes, die Erde ist jener Bereich, in dem die Menschen leben und handeln. Gott kann die Sphärengrenze durchbrechen und in das Geschehen auf der Erde direkt oder indirekt eingreifen, er kann Botinnen und Boten schicken, die sein Wort, seinen Willen verkünden. Die Menschen mögen ihrerseits versuchen, die Grenze zum Himmel zu durchbrechen, es gelingt ihnen aber nicht. Biblisch steht dafür die Erzählung vom Turmbau zu Babel. Gott interveniert, er lässt die Menschen nicht seine Sphäre erreichen.

Der „Erfolg“ der Rede von der Transzendenz

So gibt es also auf erstem Blick eine gute biblische Vorlage für die neuzeitliche Unterscheidung zwischen Transzendenz und Immanenz. Diese Unterscheidung erscheint nur als eine kleine Modifikation der traditionellen christlichen Rede von der Schöpfung mit der Unterscheidung von Himmel und Erde. Der unbestreitbare „Erfolg“ ist zunächst einmal eine Immunisierung theologischer Aussagen. Sie stehen nicht mehr in Konkurrenz zu den Naturwissenschaften, weil sie sich ja auf die Transzendenz beziehen, die die Naturwissenschaften als weltliches Erkenntnisprojekt nicht erreichen können. Die Unterscheidung schien also eine kluge Strategie zu sein. Was auch immer die naturwissenschaftliche Forschung entdeckt, es sind stets Verhältnisse, die sich auf die Immanenz beziehen. Die Transzendenz, die Sphäre Gottes, die die Theologie beschreibt, bleibt davon unberührt.

Die negativen Folgen der Rede von der Transzendenz

Doch ist die Vorstellung, die Unterscheidung von Himmel und Erde lasse sich übersetzen in Transzendenz und Immanenz nicht nur theologisch falsch. Auch die Wirkung dieser Unterscheidung war katastrophal. Durch eine immer bessere Beschreibung der Welt durch die Naturwissenschaften, durch eine immer weitere Durchdringung von wissenschaftsbasierter Technik und Lebenswelt blieben immer mehr Menschen von der theologischen Rede von einem transzendenten Gott unberührt. Mag sein, dass es einen solchen transzendenten Gott gibt, aber wen interessiert das, wenn es um eine völlig unbekannte Transzendenz geht? Im technikgeprägten Alltag gibt es keinen Anlass, sich über diese Transzendenz Gedanken zu machen. Der Bezug auf Gott wird zu einer möglichen, aber in der Regel wohl eher überflüssigen Referenz.

Das Reich Gottes als absoluter Hintergrund ist nah und wirkt

Mit Hilfe der hier getroffenen Unterscheidung von Gestalt und Hintergrund wird aber deutlich, dass die neuzeitliche Reinterpretation von Himmel und Erde als Transzendenz und Immanenz etwas Entscheidendes übersieht und damit auch theologisch falsch wird. Der in der Bibel beschriebene Himmel ist zwar für antike Menschen eine völlig unzugängliche Sphäre, aber sie bleibt sichtbar, zu jedem Augenblick eines Lebens auf der Erde. Diese Sichtbarkeit ist nicht nebensächlich. In gewisser Weise war für die antiken Menschen der Himmel so etwas wie ein stets präsenter, aber unerreichbarer Hintergrund. Er war ebenso präsent und nah wie das Reich Gottes in den Reden Jesu erscheint.

Die Unterscheidung von Gestalt und Hintergrund nimmt diese Erfahrung der Nähe auf. Das Reich Gottes ist hier der umfassende Hintergrund aller weltlicher Vorgänge.  Auch hier gilt, dass der Hintergrund nicht zugänglich ist, er ist ein absoluter Hintergrund. Das ist eine Eigenschaft, die das Reich Gottes als Hintergrund mit dem antiken Himmel und der neuzeitlichen Transzendent eint. Aber entgegen der neuzeitlichen Vorstellung von Transzendenz ist das Reich Gottes als absoluter Hintergrund in den weltlichen, alltäglichen Wahrnehmungen zu ahnen, es ist möglich, sich zumindest indirekt darauf zu beziehen, es ist nicht jenseits einer undurchdringlichen Grenze, sondern beeinflusst das Diesseits auf Schritt und Tritt.

Das Reich Gottes als Hintergrund weltlicher Vorgänge ist damit für unsere weltlichen Verhältnisse relevant. Es ist nicht eine transzendente Sphäre, völlig unzugänglich aus irdischer Perspektive. Wer eine Ahnung von der Nähe des Reiches Gottes bekommt, sieht die Dinge der Welt in einem anderen Licht. Diese Nähe des Reiches Gottes führt zu einem anderen reden über die Welt und zu einem anderen Handeln in der Welt.

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(2) Das Reich Gottes als „Hintergrund“ der Welt

Wie kann die Beziehung des Reiches Gottes zu unserer Welt beschrieben werden? Offensichtlich, das zeigt der vorangegangene Beitrag dieses Blogs ist weder eine Verinnerlichung noch eine Identifizierung mit politischen Programmen aus theologischer Sicht möglich.

Fehlerhafte Identifizierungen

Eine Verinnerlichung schützt in keiner Weise vor gravierenden Fehlern der Akteure, die die Zugehörigkeit zum Reich Gottes durch ihre innere Ausrichtung sicher glauben. Wenn das Reich Gottes als eigene innere Orientierung verstanden wird, das eigene Handeln aber nicht die Welt erkennbar verbessert, sondern ambivalent bleibt, dann kann dem christlichen Zeugnis des Reiches Gottes ein erheblicher Schaden zugefügt werden. Doch nicht nur einer Behauptung einer inneren Reich Gottes Haltung gegenüber sollte Distanz gewahrt werden, sondern auch gegenüber einem Versuch, das Reich Gottes mit einer expliziten politischen Programmatik zu identifizieren. Bislang hatten alle politischen Programme problematische Folgen und dunkle Stellen, die erst in späterer Zeit, in einem Blick zurück deutlich wurden. Auch wenn politischen Akteure überzeugt sind, nur für das Gute einzutreten, so ist aus theologischer Sicht die Skepsis wichtig, ob diese Selbstwahrnehmung auch dem historischen Urteil Stand hält. Insofern ist vor allen Identifizierungen des Reiches Gottes in menschlichen Verhältnissen und damit vor allen Versuchen der Selbstüberhöhung zu warnen.

Die bleibende Relevanz des Reiches Gottes für unsere Welt

Dennoch hat die Ankündigung des nahen Reiches Gottes eine große und bleibende politische Bedeutung. Es ist für die menschliche Politik höchst relevant, dass die Botschaft Jesu Christi auf die Bedeutung des Reiches Gottes für diese Welt wies. Die Beziehung zwischen dem Reich Gottes und unserer Welt ist also so, dass die Botschaft von dem Reich Gottes unsere Welt in Frage stellt und in Bewegung bringt, dass Akteurinnen und Akteure sich darauf ausrichten und die Welt zu verändern beginnen.

Eine angemessene Beschreibung der Beziehung zwischen dem Reich Gottes und unserer Welt hat damit zweierlei zugleich zu leisten: Einerseits muss sie die bleibende Differenz zwischen beiden betonen, um eine Vereinnahmung durch eine politische Bewegung zu unterbinden. Andererseits muss sie deutlich machen, dass das Reich Gottes für die Welt und ihre politische Entwicklung von größter Bedeutung und Relevanz ist.

Die Unterscheidung von Gestalt und Grund, von Vordergrund und Hintergrund

Ich möchte hier nun vorschlagen, diese Beziehung ähnlich der Unterscheidung von Gestalt und Grund oder von Vordergrund und Hintergrund zu beschreiben, so wie sie in der Phänomenologie herausgearbeitet wurde. Dabei gilt das folgende Grundverhältnis: Jede Gestalt, die wir erkennen, hebt sich vor einem Hintergrund ab. Die Differenz von Gestalt und Grund oder Gestalt und Hintergrund ist eine Voraussetzung, dass die Gestalt überhaupt als eine geschlossene Form sichtbar wird. Ein Mensch geht auf einer Straße. Ist es der Mensch, auf den wir aufmerksam werden, wird er zur Gestalt, auf die wir uns konzentrieren, so werden die Straße, die Häuser etc. automatisch zum Hintergrund. Ein Hintergrund ist in gewisser Weise unscharf, er wird nicht direkt thematisiert, solange er Hintergrund ist, aber er ist nicht ohne Wirkung auf die Gestalt. Sähen wir dieselbe Gestalt, den Menschen, auf einer blühenden Wiese gehen, so würde der veränderte Hintergrund sich das auch auf die Wahrnehmung der Gestalt des Menschen auswirken. Porträts von Menschen können sehr unterschiedlich wirken je nach dem Hintergrund, vor dem sie sich zeigen.

Der Wechsel von Hintergrund und Vordergrund

In unseren alltäglichen Erfahrungen können wir nun immer wieder den Hintergrund zum Vordergrund erheben. Das geschieht in dem Beispiel einfach dadurch, dass wir auf die Straße oder auf die Wiese aufmerksam werden. Dadurch versinkt die Gestalt, der gehende Mensch, in den Hintergrund. In unserer Welt gibt es keinen Hintergrund, auf den wir nicht aufmerksam werden können. Besonders deutlich wird das bei so genannten Vexierbildern. Hier können die Betrachtenden mit etwas Übung schnell von der einen auf die andere Weise umschalten, der Hintergrund wird zu Gestalt, die Gestalt zum Hintergrund. Je nach Einstellung ist eine Vase zu sehen oder zwei sich gegenüberstehende Gesichter:

Das Reich Gottes als bleibender Hintergrund

Der Vorschlag ist nun, das Reich Gottes als einen Hintergrund zu deuten, vor dem sich die Dinge und Geschehnisse unserer Welt abheben. Das Besondere dieses Hintergrundes ist allerdings, dass dieser Hintergrund nicht zum Vordergrund gemacht werden kann. Das Reich Gottes ist ein für uns Menschen nicht zugänglicher Hintergrund. So unterscheidet sich das Reich Gottes von Phänomenen unserer Welt. Wir können indirekt darauf aufmerksam werden, aber wir können uns nicht direkt darauf beziehen. Wir müssen in Metapher, in Gleichnissen, mit indirekten Verweisen reden, wenn wir uns auf das Reich Gottes beziehen wollen.

Die Ahnung des Reiches Gottes als höherer Realismus

Daraus lässt sich zweierlei ableiten: Einerseits können wir in dieser Interpretation nicht über das Reich Gottes verfügen, es kann nicht in eine wie auch immer geartete politische Programmatik eingebunden werden. Denn eine politische Programmatik bezieht sich auf das Gestalt- und Machbare. Es bleibt also die Gefahr der Identifizierungen gebannt.

Andererseits wirkt die „Nähe“ des Reiches Gottes schon heute, denn es lässt die Dinge der Welt in einem anderen Licht erscheinen. Es wird deutlich, dass in Handlungen der Mitmenschlichkeit, in der Liebe, in dem Engagement für mehr Gerechtigkeit, in dem Kampf um den Erhalt der lebendigen Natur ein höherer Realismus steckt.

Dieser Realismus ist bestimmt von der Ahnung der Nähe des Reiches Gottes. Das Reich Gottes ist schon jetzt wirksam und ihm gehört die Zukunft. Vor dem Hintergrund des Reiches Gottes haben dagegen die destruktiven und tödlichen Kräfte dieser Welt keine Zukunft. Die Todesmächte verschwinden nicht einfach, sie bleiben eine bittere Realität unserer Welt und eine Anfechtung für alle, die die Nähe des Reiches Gottes ahnen. Aber mit der Ahnung der Nähe des Reiches Gottes wissen sie, dass die Todesmächte nicht das letzte Wort behalten. Wer auch immer die Welt vor diesem Hintergrund sieht, sieht sie anders und handelt anders, mit einem höheren Realismus und einer aktiven Ausrichtung, wie Jesus von Nazareth sie gelehrt hat. Insofern gilt: Eine Politik mit Zukunft berücksichtigt die Nähe des Reiches Gottes.

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Weitere Informationen zum hier vertretenen theologischen Ansatz

(1) Eine echt komplizierte Beziehung: Unsere Welt und das Reich Gottes

Ein Blick zurück

Die Rede vom Reich Gottes war im 19. Jahrhundert und im 20. Jahrhundert in der christlichen Theologie immer wieder außerordentlich populär. In vielen theologischen Entwürfen erschien es als eine bewegende Kraft, die die Welt verändern soll. Das Reich Gottes bildete etwa einen christlich fundierten Orientierungspunkt für den steten menschlichen Fortschritt oder es war eine theologische Quelle politischer Kritik an den herrschenden Verhältnissen.  

Die westlichen Gesellschaften der vergangenen zwei Jahrhunderte, die Zeit der Moderne, waren von einer Ausrichtung auf Zukunft bestimmt. Der Historiker Lucian Hölscher hat in einer umfangreichen Studie herausgearbeitet, dass diese Zukunft eine Entdeckung aus unserer Epoche, aus der Epoche der Moderne ist. Nach der Französischen Revolution und mit der Industrialisierung taucht die Zukunft erstmals als das auf, was uns so selbstverständlich ist, als ein eigenständiger Raum auf, der sich in die kommende Zeit hin öffnet. Die Welt wird variabel, gestaltbar. Auf den imaginierten Zukunftsraum richten sich viele Erwartungen und Hoffnungen. Besonders stark war die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Hölscher in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts und dann wieder in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Die Identifizierung gesellschaftlicher Zukunftserwartungen und der Rede vom Reich Gottes

Die Theologie ist mit ihren Interpretationen des Reiches Gottes diesen gesellschaftlichen Trends gefolgt. Am Ende des 19. Jahrhunderts dominierte eine liberale Theologie, die eine „Reich Gottes“ Arbeit forderte, ein stetes Wirken an der Verbesserung der Verhältnisse, die mit dem wirtschaftlichen, technischen und wissenschaftlichen Fortschritt einher gingen. Dazu war eine innere Haltung erforderlich, die des gesitteten, modernen Menschen. Das Reich Gottes wurde zu einem inneren Kompass. Diese Theologie wurde mit den Gräuel des Ersten Weltkrieg stark geschwächt. Im 20. Jahrhundert, vor allem in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, in den 60er Jahren wurde eine Reich Gottes Theologie populär, die in den grundlegenden, auch revolutionären Veränderungen der Gesellschaft, in der Bekämpfung von Ungerechtigkeit und Ausbeutung ihre Ziele sah. Am bekanntesten wurde der Entwurf von Jürgen Moltmann: „Die Theologie der Hoffnung“.

Die Grenze menschlicher Handlungsmöglichkeiten

Diese Entwürfe sind davon geprägt, dass sie Möglichkeiten menschlichen Handelns, die Gestaltung von Zukunft eng mit Reich Gottes Erwartungen verbinden. Doch genau da liegt eine gravierende theologische Gefahr. Werden hier nicht weltliche Verhältnisse und menschliche Handlungsoptionen zu schnell mit theologischen Beschreibungen des Reich Gottes kurzgeschlossen? Kann eine biblisch begründete Rede vom Reich Gottes mit bestimmten politischen Handlungen der Moderne identifiziert werden?

Nun hatte die Reich Gottes in den Predigten Jesu ohne Zweifel mit der vorfindlichen Welt zu tun, es geht nicht um irgendein getrenntes Jenseits. Seine Predigten waren sehr diesseitig, die Gleichnisse nahmen die Erfahrungen einer agrarischen Alltagswelt auf und nutzten sie für die Beschreibung des nahen Reiches Gottes. Aber das ist etwas anderes als die Identifizierungen mit bestimmten gesellschaftlichen Erwartungen an die Zukunft. Vor allem betonen die Gleichnisse vom Reich Gottes Jesu immer wieder und wieder die Grenzen menschlicher Handlungsmöglichkeiten!

Unsere Welt und das Reich Gottes: Nähe und Differenz

Das Verhältnis der Predigt vom Reich Gottes zu unserer Welt ist also kompliziert. Eine Identifizierung ist kurzschlüssig und hielt in der Regel auch nicht lange. Hierdurch erwies sich die Theologie vordergründig als gesellschaftlich relevant. Aber es mündete auch in der Unterstützung des Ersten Weltkrieges durch viele liberale Theologen. Eine deutliche Enttäuschung folgte. Die dialektische Theologie erhob nach dem ersten Weltkrieg einen sehr berechtigten Protest gegen eine liberale Rede vom Reich Gottes, die sich sehr der vorherrschenden bürgerlichen Gesellschaft angepasst hatte. Wie auch immer vom Reich Gottes geredet werden kann, es muss so geschehen, dass die Differenz und Distanz zur Welt, in der wir leben, gewahrt bleibt. Die Botschaft von der Nähe lässt trotz der Nähe keine Identifizierungen zu.

Warum die Rede vom Reich Gottes dennoch wichtig ist

Trotz dieser unübersehbaren Gefahr kurzschlüssiger Identifizierungen möchte ich in den folgenden Blogbeiträgen auch an der Rede vom Reiches Gottes anknüpfen. Denn es bietet viele Möglichkeiten, theologische Aussagen auf unsere Welt zu beziehen, diese Welt in Frage zu stellen und zu ihrer Veränderung beizutragen. Es geht dann aber nicht um eine Identifizierung einer politischen, gesellschaftlichen oder kulturellen Option mit dem Reich Gottes, es geht nicht um eine kurzschlüssige Reich-Gottes-Arbeit. Das Reich Gottes ist vor allem und zunächst einmal eine Sache Gottes.

Doch lässt die Ansage des nahen Gottesreiches die Menschen nicht ruhen. Durch die nach wie vor gültige Ansage des nahenden Reiches Gottes wird die Welt einer grundlegenden Kritik unterzogen. Dies gilt auch für die theologischen Positionen und Ausarbeitungen, die sich einerseits kritisch zur Welt verhalten sollen und doch immer auch Teil dieser Welt sind. Die Rede vom Reich Gottes ist für die Theologie deshalb immer auch Grund zur Selbstkritik.

Es kommt also viel darauf an, wie das Reich Gottes zur Welt in Beziehung gesetzt wird. Wenn diese Differenz beachtet wird und das Reich Gottes nicht als Bestätigung theologischer, kultureller, gesellschaftlicher Positionen verwendet wird, sondern zu ihrer immer neuen Kritik und Motivation der Veränderung, dann kann diese Rede vom Reich Gottes gerade auch den Impuls der dialektischen Theologie vor 100 Jahren aufnehmen! Es geht um die Differenz zwischen unserer Welt und dem Reich Gottes, aber eine Differenz, die nicht schiedlich, friedlich trennt, sondern immer wieder die Verkündigung des Reiches Gottes kritisch auf die Welt bezieht und damit die Welt in Bewegung setzt.

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Der Mensch, das rationale und moralische Individuum?

Zur Zukunft des linksliberalen Lagers

Die Entwicklungen in der Politik sind weltweit sehr turbulent geworden. Machtverhältnisse verschieben sich, alte Gewissheiten fallen, neue Orientierungen zeichnen sich (aber) nur undeutlich ab. Bei fast allen politischen Akteuren gibt es zurzeit sehr unklare Zukunftsvorstellungen. Das gilt für die beiden politischen Ränder, der Linken ebenso wie der Rechten, und erst recht für die Mitte. Natürlich behaupten alle Parteien, klare Ziele zu verfolgen. Doch das ist oft politische Rhetorik, die allein das Ziel hat, die aktuelle Lage zu stabilisieren. Starke Zukunftsentwürfe fehlen.

Eine diffuse Zukunft der Rechten

Die Rechte etwa artikuliert vorrangig Protest gegen die Institutionen der liberalen Demokratie. Doch in der Frage, was denn genau die Alternative sein soll, bleibt sie eigentümlich unscharf. In den USA etwa will Trump offenkundig die Freiheiten der großen Tech-Konzerne fördern, was massive soziale Verwerfungen zur Folge haben wird. Gleichzeitig versteht er sich als Stimme der abgehängten Arbeiterschaft traditioneller Industrien. Europäische rechte Parteien bekämpfen die Migration und finden gleichzeitig eine der wichtigsten Migrationsursachen, die Klimakrise, irrelevant.

Eine diffuse Zukunft der Linken

Doch auch im progressiven Lager sind die Zukunftsbilder schwächer geworden. Es wird immer undeutlicher, wohin die Entwicklung gehen soll, was umgesetzt werden kann. Natürlich geht es um die Orientierung an zentralen Werten, mehr Gerechtigkeit, mehr Nachhaltigkeit, mehr Freiheit. Doch wie sollen diese Ziele erreicht werden, was sind machbare Entwicklungsschritte? Politik besteht ja nicht nur in der Artikulation von Werten, sondern in der Umsetzung von mittel- und langfristigen Zielen.

Solidarität damals und heute

Das Hauptproblem progressiver Positionen liegt nicht in der Werteorientierung, sondern in der Beschreibung der Ressourcen, die notwendig sind, um die Ziele zu erreichen. Was ist mit Ressourcen gemeint? Es geht um die gesellschaftliche Machtbasis, die einen gesellschaftlichen Wandel ermöglichen und befördern kann.

Um das deutlicher zu machen, soll ein Vergleich mit der klassischen Linken des 19. Jahrhunderts gezogen werden. Aus der Rückschau erscheint die Entwicklung der Arbeiterbewegung nahezu zwangsläufig. Aber ihre Entwicklung war im Prozess für die beteiligten Akteure zu Beginn alles andere als eindeutig. Das Selbstbewusstsein, dass Arbeiterinnen und Arbeiter gemeinsame Ziele haben und sich gemeinsam artikulieren, ja dass sich eine Arbeiterkultur entwickelt, mit einem starken Selbstbewusstsein, mit eigenen Medien, Liedern, Vereinen, Symbolen, war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts alles andere als wahrscheinlich. Das kommunistische Manifest von Marx und Engels von 1848 kann als einen groß angelegten Versuch gedeutet werden, für die Notwendigkeit und Möglichkeit von Solidarität unter arbeitenden Menschen zu werben. Es ist vielleicht nicht von ungefähr, dass die Ziele der Französischen Revolution durch drei Werte gekennzeichnet werden: Freiheit, Gleichheit und – Brüderlichkeit (Solidarität). Solidarität ist die politische DImension der sozialen Verbundenheit.

Wo stehen wir heute? Es gibt gerade im progressiven politischen Lager sehr tiefgreifende und große Vorbehalte gegen verbindliche soziale Strukturen. Im Zentrum des eigenen Selbstverständnisses steht das sich frei und ungehindert entfaltende Individuum. Dieses Individuum wird idealerweise bestimmt durch eine Orientierung an Moral und Rationalität. Das gesellschaftliche Leitbild leitet sich aus dieser Zentralfigur ab: Die Gesellschaft besteht aus aktiven, moralisch und rational engagierten Individuen, die für mehr Gerechtigkeit, mehr Nachhaltigkeit, mehr Freiheit kämpfen. Die Moralität ist bestimmt durch die gesellschaftlich kommunizierten Werte, die Rationalität ist bestimmt durch die Orientierung an den Erkenntnissen der Wissenschaften und an den Erfordernissen einer globalen, kreativen, von immer neuen Technologien getriebenen Wirtschaft.

Ist der Mensch moralisch und rational?

Zwei gravierende kritische Fragen muss man an dieses Selbstverständnis richten. Zum einen ist es die Frage, ob Menschen als moralisch und rational handelnde Wesen nicht erheblich unterbestimmt sind. Zumindest in der Vergangenheit gab es erkennbar viele Facetten der menschlichen Existenz, die sich nicht unter Moralität und Rationalität fassen ließen – egoistische, aggressive und auch destruktive Anteile, aber auch Tendenzen der Trägheit, der Ausgrenzung und der Abwertung anderer Lebensformen. All diese Kräfte haben neben den genannten Werten in nicht unerheblichem Maße die politische Entwicklung mitbestimmt. Sollte der moderne Mensch diese Kräfte überwunden haben? Diese Diskussion bleibt natürlich immer ein wenig hypothetisch, es gibt sicherlich eine kulturelle Veränderung, die erhebliche positive Wirkungen auf das Selbstverständnis der Menschen hat. Aber es bleibt die Frage, ob die Veränderung so durchgreifend ist, dass die anderen Kräfte nicht mehr berücksichtigt werden müssen.

Grenzen des Aktivismus

Zum anderen ist es die Frage, ob das Individuum als Bezugspunkt für gesellschaftliche Veränderungen ausreicht. Für die sozialen Bewegungen engagierter Individuen hat sich der Ausdruck „Aktivismus“ eingebürgert. Zumeist sind es bestimmte Anlässe, dass sich aktivistische Konstellationen bilden, die eine große mediale Aufmerksamkeit finden können. Sie sind fast immer durch einen geringen und temporären Organisationsgrad bestimmt. Dazu zählen ganz prominent die „MeToo“ Bewegung, die Bewegung „Fridays for Future“, die Bewegung „Black Live Matters“, aber auch viele andere. Sie haben ohne Zweifel nachhaltige Spuren in unserer Gesellschaft hinterlassen, sie haben Diskussionen auch auf längere Sicht geprägt. Aber sie verändern oder prägen nur wenig die gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen. Die aktivistischen Bewegungen fordern in erster Linie den einzelnen Menschen auf, sein Verhalten zu ändern, auf das Verhalten anderer Menschen einzuwirken.

Die Institutionenblindheit

Die Achillesferse des progressiven Lagers ist eine gewisse Institutionenblindheit und das geringe Interesse am Aufbau verpflichtender Strukturen und lebensweltlicher Bindungen. Das unterscheidet sie von der klassischen Linken, die immer auch an dem Aufbau langfristiger Strukturen, Parteien, Verlage, Vereine etc. interessiert waren. Dies wiederum liegt an der Konzentration auf den einzelnen Menschen.

Die Fokussierung auf die Ressource „moralisch und rational handelndes Individuum“ ist viel zu schwach für die gesellschaftlichen Veränderungen, die anstehen. Dadurch entsteht eine eigentümliche große Diskrepanz zwischen den tatsächlichen gesellschaftlichen Fortschritten und den notwendigen Veränderungen für die selbstgesetzten Ziele.  

Gesinnung versus Tat

Die Gefahr ist, dass der Aktivismus der Individuen bei einer reinen Proklamation der Gesinnungen stehen bleibt, auf die eine gesellschaftliche Veränderung nicht im erforderlichen Maße folgt. Diese Diskrepanz kann bei allen großen Themen der Zeit beobachtet werden: In der Reaktion auf den Überfall Russlands auf die Ukraine, in der Frage einer langfristigen Flüchtlingspolitik, in der Frage der ökologischen Transformation. Die Meinungen sind oft sehr klar, aber die gesellschaftliche Reaktion ist nicht angemessen, getroffene Maßnahmen nicht ausreichend.

Diese Diskrepanz führt zu einer nachhaltigen Schwächung des progressiven Lagers. Dies geschieht gerade in einer Zeit, in der rechte gesellschaftliche Kräfte immer mehr um sich greifen. Vielleicht bedingt beides einander: Die Schwäche der einen führt zu einer Stärke der anderen. Eine neue Stärke progressiver Positionen würde aber ein Umdenken in grundlegenden Orientierungen erfordern.