Gefühle sind politisch. Zu dem Buch „Undemokratische Emotionen“ von Eva Illouz

Die israelisch-französische Kultursoziologin Eva Illouz beschäftigt sich in ihrem neuen Buch „Undemokratische Emotionen. Das Beispiel Israel“ mit den Grundlagen gegenwärtiger Phänomene des politischen Populismus. Es geht in ihrer Untersuchung, wie der Titel zeigt, in erster Linie um Israel unter der Regierung von Benjamin Netanjahu. Aber die Autorin verbindet mit ihr die Absicht, etwas Allgemeingültiges zu populistischen Bewegungen in modernen Gesellschaften zu sagen.

Emotionen in der Politik

Aber wieso setzt sie bei Emotionen, bei Gefühlen an? Sollte es in populistischen Bewegungen also allein um Gefühle gehen, während vernünftige Menschen einer Politik der Argumente folgen? Das wäre ein verbreitetes Klischee und zu einfach gedacht. Politisch relevante Emotionen haben alle Menschen unabhängig ihrer politischen Einstellung. Emotionen sind Ausdruck von Bindungsverlangen und Ausdruck von bestimmten Bindungen, die Menschen eingehen. Sie werden gesellschaftlich geformt. In gewisser Weise zeigen die Emotionen die nach wie vor bestehende Bedeutung von Verbundenheit von Menschen untereinander, gemeinsame Emotionen verbinden in starker Weise.

Emotionen sind Ausdruck ihrer gesellschaftlichen Verhältnisse

Illouz ist dafür bekannt geworden, dass sie Gefühle, auch solche intimen wie die romantische Liebe, mit einer kritisch-soziologischen Analyse der spätkapitalistischen Gesellschaft verbindet. Solche Gefühle, so die gängige Meinung, sind authentische Erfahrungen von Individuen, sie bürgen für Wahrheit: Was ich fühle, ist wahr. Das ist geradezu programmatisch für spätkapitalistische Gesellschaften: Authentizität findet sich in den Gefühlswelten der Individuen.

Aufklärung über politische Emotionen

Doch genau das ist die große Gefahr im Umgang mit politisch relevanten Emotionen. Wenn Menschen sie als authentische und aufrichtige Regungen verstehen, sind sie nicht mehr in der Lage sich kritisch zu ihnen zu verhalten. Das große Problem ist, dass die meisten Menschen ihre Gefühle nicht im Zusammenhang mit einer gesellschaftskritischen Analyse dekodieren. Genau diese Kritik will Illouz mit ihrem Buch herausarbeiten. Grundlegend ist dabei, die Gesellschaft als eine kapitalistisch dominierte Gesellschaft zu beschreiben. Der Vorrang des Marktes verformt nicht nur gesellschaftliche Beziehungen, sondern auch die Gefühle, die die Menschen mit ihnen verbinden. In einer gewissen Weise steht immer auch die Vereinzelung in modernen Gesellschaften im Hintergrund der Analysen.

Emotionen zwischen Erfahrung und Verführung

Politische Emotionen entstehen aus einer Mischung aus eigenen Erfahrungen und politischer Beeinflussung. Diese Mischung macht es, dass es auch bei der Analyse populistischer Einstellungen nicht leicht ist, wahre Emotionen von falschen zu unterscheiden. Illouz zieht es vor, nicht von falschen, sondern von fehlgeleiteten Emotionen zu sprechen. Denn die sozialen Erfahrungen sind nie einfach falsch. Fehlgeleitet sind sie, wenn populistische Interpreten und Verführer sie in eine bestimmte Richtung drängen.

Die vier wichtigsten populistischen Emotionen

Illouz identifiziert vier hauptsächliche Gefühle, die in populistischen Bewegungen von Bedeutung sind: Angst, Abscheu, Ressentiment, und Liebe zur Nation. Angst entsteht bei einer existentiellen Bedrohung von außen oder von Kräften innerhalb einer Gesellschaft. Populistische Kräfte schüren gerade diese Angst, zumeist unter massiver Verzerrung der Realität. Abscheu wiederum führt zur Ablehnung von Menschen, die anders sind, die anders aussehen. Die Schemata neigen zu klaren Freund-Feind Unterscheidungen. Ressentiment richtet sich gegen Ungleichheit in der eigenen Gesellschaft, es geht um ein erlebtes „Unten“ gegen die da „Oben“. Die Liebe zur Nation ist die Emotion, die mit den negativen Abgrenzungen korrespondiert: Das Eigene, vertreten durch die Nation, wird dem Fremden gegenüber vorgezogen.

Emotionen in der Politik müssen thematisiert werden!

Die Studie von Eva Illouz ist ein wichtiger Beitrag zu dem Verständnis moderner Gesellschaften. In der anti-populistischen Politik wird gerne aus Vernunftgründen argumentiert und rationalisiert. Dies ist auf der einen Seite dringend gefordert und doch zugleich eine Gefahr, weil diese Haltung dazu neigt, die politische Bedeutung von Emotionen zu unterschätzen. Emotionen gibt es aber in allen politischen Richtungen.

Emotionen in der Klimapolitik

Welche Emotionen etwa dominieren in der Klima Diskussion? Die Angst ist schnell zu identifizieren, doch wie steht es mit Ressentiment, mit Abscheu, mit dem Bedürfnis nach einer Einbindung sowohl auf Seiten der Klimaproteste wie der Klimaleugner? Kann es sein, dass auch hier die Emotionen eine viel größere Macht haben und dass sie in den bestehenden Diskursen der Klimapolitik ungenügend repräsentiert sind? Die Untersuchung von Eva Illouz weist den Weg, den man auch in anderen Politikbereichen begehen muss.

Kann Moral schädlich sein?

Die Frage mutet eigentümlich an: Üblicherweise ist Moral in der öffentlichen Diskussion eine begehrte Ressource. Je stärker die eigene Position moralisch abgesichert werden kann, desto besser. Wer zeigen kann, dass die eigene Position sich als moralisch begründet, ja moralisch gefordert darstellen lässt, ist im Vorteil.

Moralische Forderungen sind notwendig

Ist das nicht auch gut so? Ist es nicht erforderlich, dass moralische Werte wie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Selbstbestimmung usw. in gesellschaftlichen politischen Debatten möglichst viel Aufmerksamkeit finden? Was sollte dagegensprechen? Alles, was diese Werte fördert und vergrößert, ist gut.

Moralische Forderungen führen aber nicht automatisch zu moralischem Handeln

Es gibt aber ein grundlegendes Problem: Nicht alle moralischen Forderungen stärken die Moral im Handeln. Es gibt keinen Automatismus zwischen der Proklamation der Werte und ihrer Umsetzung. Nicht jeder und jede, die, der das Gute im Munde führt, stärkt auch eine gute Sache.

Lügen sind oft leicht durchschaubar

Dabei geht es hier nicht um eine bewusste Lüge oder Verstellung. Diese Möglichkeit ist Menschen immer gegeben: Dass sie das eine sagen, das andere aber tatsächlich wollen. Dass sie Gerechtigkeit im Munde führen, sich aber Zielen mit größerer Ungerechtigkeit verschreiben. Aber oft können solche Positionen auch schnell durchschaut werden. Mit genügenden Informationen können aber andere Menschen das böse Spiel erkennen und die Haltung verurteilen.

Moral unterschätzt die Eigenständigkeit der kulturellen und ökonomischen Kräfte

Es geht hier vielmehr um jene, die subjektiv den Eindruck haben, ihre Position sei tatsächlich moralisch und sie mit großer Aufrichtigkeit vertreten. Aber eine Konzentration auf den moralischen Anspruch legt oft nicht genügend Rechenschaft darüber ab, ob das moralisch Vorzügliche auch umgesetzt werden kann. Sie ignorieren, dass dem moralisch Vorzüglichen widrige politisch-kulturelle Kräfte entgegenstehen, die sich nicht einfach mit Empörung beseitigen lassen. Der Soziologe Hans Joas stellt mit Bezug auf das moralische Engagement der Kirchen fest: „Mit der Konzentration auf Moral wird aber nicht nur der Eigencharakter des Religiösen verfehlt, sondern auch der des Politischen.“ (Kirche als Moralagentur, S. 64) Dadurch aber kann eine starke Betonung der Moral eine politische Position schwächen, statt ihr zu nützen.

Beispiel Klimadiskussion

Nehmen wir als Beispiel die Diskussion um das Klima. Seit über 50 Jahren, seit der Veröffentlichung des Berichts des Club of Rome ist die Ahnung einer nahenden Katastrophe in der Öffentlichkeit. Vieles haben wir seitdem dazu gelernt, aber die Grundaussage war von Beginn an richtig: Wenn der Mensch weiterhin Raubbau an der Erde, an der Ökosphäre begeht, wird sie zerstört werden. Nun sind wir 50 Jahre weiter, können die Gefahren viel präziser beschreiben, erleben auch schon starke Auswirkungen, etwa durch die Erhöhung der Welttemperatur. Doch unser alltägliches Handeln hat sich kaum darauf eingestellt. Viele Menschen fahren Auto, fliegen gern, leben in großen Wohnungen, kaufen sich energieintensive Güter. Die allermeisten stimmen aber sofort zu, wenn sie gefragt werden, ob es wichtig sei, den Klimawandel zu begrenzen. Offenkundig geht beides gut zusammen: Der allgemeine moralische Anspruch und das konterkarierende alltägliche Verhalten.

Die kritische Frage an eine ganze Generation

Diese Frage muss sich eine ganze Generation stellen: Warum sind die Aufbrüche der 90er Jahre (die UN Konferenz von Rio de Janeiro 1992, die Diskussion um die Agenda 21, lokale Agenden etc.) so wenig ertragreich gewesen? Die moralischen Forderungen waren da. Viele Initiativen entstanden, die Umweltverbände wuchsen und gewannen an Macht. Warum ist die Zahl der Fernflüge seitdem explodiert, sind die produzierten Automobile immer schwerer geworden, statt kleiner und leichter?

Aussagestarke Bilder

Wer das Problem moralisiert, macht es sich offenkundig zu einfach und bekommt nicht die widrigen Kräfte in den Blick. Diese Kräfte sitzen offenkundig tief in den bewussten und unbewussten kulturellen Wahrnehmungsmustern. Nachrichten über einen wirtschaftlichen Aufschwung werden auch heute gerne mit dampfenden Schloten bebildert. Bilder eines glücklichen Urlaubs zeigt Menschen an Südseestränden. Auch die viel gepriesenen E-Autos sind groß und schwer und rasen in Werbebildern durch eine offene Ebene.

Kulturelle Prägungen, ökonomische Interessen

Eine Arbeit an dem Problem müsste also sich der Frage widmen, wie die widrigen Kräfte überwunden werden können. Diese Kräfte aber sind kulturelle Prägungen einer großen Zahl von Menschen in Tateinheit mit handfesten politischen und ökonomischen Interessen. Hinzu kommen soziale Verwerfungen, die die Moral nicht abbilden kann: Manchen Menschen fällt es bei den sehr ungleichen Vermögen leichter, sich umweltbewusst zu geben als anderen, die weniger Geld zur Verfügung haben. Eine einfache Moralisierung lässt all dies unberührt und so bleibt das alltägliche Verhalten  neben dem allgemeinen moralischen Anspruch bestehen. Das eigentlich Gewünschte, die Veränderung des Verhaltens, bleibt aus.

Freund und Feind in der Demokratie?

Eine lebendige Demokratie lebt von Vertrauen und Misstrauen gleichermaßen. Beide haben in der Demokratie ihre Bedeutung, aber in unterschiedlichen Anteilen und an unterschiedlichen Orten.

Misstrauen ist notwendig in offenen Gesellschaften

Misstrauen ist unumgänglich in einer offenen Gesellschaft. Diese Gesellschaft besteht aus sehr unterschiedlichen Gruppen, zwischen denen immer auch Konflikte herrschen. Diese Konflikte lassen sich auch nicht aus einer übergeordneten Perspektive auflösen, sie gehören wie die Politologen Chantal Mouffe und Ernesto Laclau gezeigt haben, zu jeder offenen demokratischen Gesellschaft. Selbst wenn immer wieder einmal Konflikte auch beseitigt werden können, so entstehen im Nu neue Konflikte. Das Ziel kann nicht sein, dass eine demokratische Gesellschaft alle Konflikte auflöst, sondern dass sie in einer besonderen Weise mit Konflikten umgeht.

In jeder offenen Gesellschaft gibt es deshalb Misstrauen unter den vielfältigen Akteuren. In einer Demokratie aber verständigen sich darauf, dass demokratisch legitimierte Prozeduren von allen zu respektieren sind. Hier ist bei allem Misstrauen im Einzelfall ein grundlegendes Vertrauen in die demokratischen Entscheidungsprozeduren zentral. Wenn aber dieses grundlegende Vertrauen erodiert, ist die Demokratie in Gefahr.

Demokratische Prozeduren müssen von Vertrauen bestimmt sein

Genau dieses Vertrauen aber geht in den letzten Jahren deutlich zurück. Zu den Alarmzeichen gehört die Popularität von Verschwörungstheorien. Diese so genannten „Theorien“ sind oft zu abstrus als dass sie glaubhaft sind. Aber das ist auch nicht ihre Funktion. Ihre Hauptaufgabe ist es, die Wirklichkeit anders zu beschreiben als es die „herrschende“ Meinung zum Ausdruck bringt. Verschwörungstheorien setzen ein fundamentales Misstrauen, das sich durch demokratische Prozeduren nicht mehr abschwächen lässt. Das Misstrauen gegen die so genannten „herrschenden“ Eliten gewinnt eine absolute Rolle.

Verschwörungstheorien, Freund-Feind Unterscheidungen

Die Verschwörungstheorien schaffen Freund-Feind Unterscheidungen, die keine Vermittlung kennen. Möglicherweise besteht ihre verschwiegene Erfolgsstrategie gerade darin, dass sie mit diesem Schema ein neues Wir schaffen, ein Wir, das sich darauf einschwört, dem „Feind“ zu widerstehen. Da fallen die unglaubhaften Theorien kaum in Gewicht. Damit aber generieren die Verschwörungstheorien auch Vertrauen, zu eben jenen Menschen, die diese „Theorien“ folgen. Hier ist aber das Vertrauen-Misstrauen Schema ganz anders geartet als es für Demokratien verträglich ist. Das Misstrauen dominiert, das Vertrauen gilt nur noch einer kleinen Gruppe in der Gesellschaft.

Das Beispiel der US-amerikanischen Parteien

Der Journalist Ezra Klein hat die demokratischen Mechanismen der amerikanischen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten untersucht. Dabei kam er einem fundamentalen Wandel auf die Spur: Im 20. Jahrhundert haben Menschen die Republikaner oder die Demokraten gewählt, weil sie von deren Position überzeugt waren. Im Vordergrund stand immer noch das gemeinsame Verfahren der Mehrheitsbildung. Doch das wandelte sich in den letzten Jahren fundamental. Heute wird von vielen eine Partei gewählt, weil sie gegen die anderen ist. Auch hier überwiegen unversöhnliche Freund-Feind-Schemata und das Misstrauen gegenüber dem Vertrauen.

Die Erosion des Vertrauen

Das aber erodiert demokratische Prozeduren und macht sie immer schwächer. Das Vertrauen in die demokratisch verfasste Gesellschaft schwindet. Langsam aber sicher schleicht sich überall ein Freund Feind Schema ein: Was Schlechtes über den Feind gesagt werden kann, ist im Zweifel richtig. Es entsteht eine Lagerbildung, die immer mehr die politische Landschaft kennzeichnet. Die demokratischen Entscheidungsprozeduren werden schnell als Mittel der Gegner, der Feinde denunziert, ihre Position durchzusetzen. Das Misstrauen überwiegt und dominiert die politischen Prozesse.

Aktueller Nachtrag (26.1.): Die FAZ heute bringt eine neue Untersuchung von Allensbach und ich gehe davon aus, dass neben einem politischen Bias die empirischen Daten korrekt bearbeitet sind. Der Artikel endet mit: „Das Vertrauen der Bevölkerung, dass die Politik die Probleme und Herausforderungen in den Griff bekommt, ist gering; lediglich 17 Prozent sind hier zuversichtlich. Angesichts der großen Transformationsprozesse ist es für die Politik jedoch eminent wichtig, dass die Bürger der Ratio und Kompetenz politischer Entscheidungen vertrauen und einen Staat erleben, der Entscheidungen qualifiziert trifft, effizient umsetzt und generell leistungsfähig ist. Dieses Vertrauen erodiert seit Jahren.“

Zur Einführung zum Thema Vertrauen und zu weiteren Beiträgen

Vertrauen als Grundlage der Wirtschaft

In dieser kleinen Blogreihe steht die Frage im Mittelpunkt, welche Rolle das Vertrauen in unterschiedlichen Bereichen unserer Gesellschaft spielt. Es ist auffällig, dass die existentielle Größe Vertrauen sich nicht auf zwischenmenschliche Beziehungen beschränken lasst. Sie ist auch eine Grundbedingung für das Funktionieren moderner ausdifferenzierter gesellschaftlicher Systeme. Das zeigt sich auch in der Wirtschaft.

Ehrbares Verhalten“

Klar ist, dass jeder Tausch, jeder Handel zwischen Menschen mit Vertrauen zu tun hat. Keiner kauft gerne „die Katze im Sack“. Ist das angebotene Gut auch wertvoll? Ist Betrug ausgeschlossen? Hat der Mensch, der kauft und noch nicht gezahlt hat oder der verkauft und noch nicht die Ware geliefert hat, auch einen guten Leumund? In der Zeit der Hanse entstand die Auszeichnung des „ehrbaren Kaufmanns“. Diese Zuschreibung verpflichtet die Kaufleute, sich korrekt und vertrauenswürdig zu verhalten. Wer die Zuschreibung verliert, gerät ins Abseits.

Vertrauen in Markenprodukte

Das zwischenmenschliche Vertrauen ist Teil jeder wirtschaftlichen Transaktion, auch schon des einfachsten Tausches. Leicht lässt sich das zwischenmenschliche Vertrauen auch auf Institutionen ausweiten. Produziert das Unternehmen X wirklich gute und nachhaltige Produkte? Oder wird unter dem Schein einer hochwertigen qualitativen Ware tatsächlich Wertloses verkauft? Unternehmen agieren am Markt und je transparenter der Markt ist, desto größer ist ihr Bestreben, sich vertrauenswürdig zu verhalten. Je intransparenter dagegen der Markt, desto leichter fällt es betrügerischen Unternehmen in kurzer Zeit viel Geld zu machen.

Vertrauen in Unternehmen

Transparenz schafft Vertrauen. Nun ist die Transparenz auch in unserer gut informierten Zeit nicht trivial. Eigentlich sollten Unternehmen, insbesondere solche, die dem Aktienrecht bzw. -gesetz unterliegen, stets transparent sein, es gelten Berichtspflichten, Wirtschaftsprüfungen werden durchgeführt. Doch Skandale wie bei dem Unternehmen Wirecard zeigen, dass die Regeln des gegenwärtige Wirtschaftssystems mit genügend krimineller Energie leicht ausgehebelt werden können!

Vertrauen in der Volkswirtschaft

In ganz andere Dimensionen führt das Thema Vertrauen, wenn es um die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen des wirtschaftlichen Handelns geht. Im Mittelpunkt stehen hier die Verschuldung und die Begleichung von Schulden und die Stabilität von Währungen. Diese Themen sind besonders in unserer Zeit von größter Bedeutung.

Vertrauenskrisen durch Inflation und Schulden

Eine Währung zu akzeptieren, bedeutet, ihrem Wert eine Stabilität zuzumessen. Zeiten der Inflation können Krisenzeiten des Vertrauens in eine Währung sein, wenn die Erwartung auf Stabilität schwindet. Dann entstehen Inflationsspiralen. In Erwartung sinkender Kaufkraft werden höhere Löhne gefordert, die Preise steigen durch die Erwartung, dass die realen Gewinne schrumpfen.

Insbesondere die Fähigkeit, Schulden zu machen, ist elementar mit Vertrauen verbunden. Hier möchte ich auf ein sehr lesenswertes Buch über Wirtschaftskrisen: „Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen“ von Carmen Reinhardt und Kenneth Rogoff (München 2010) hinweisen. Die Autorin, der Autor sind sehr ausgewiesen, Carmen Reinhardt ist Chefökonomin der Weltbank, Rogoff lehrt in Harvard. Ein zentrales Zitat aus dem Buch hebt die Rolle des Vertrauens für das gesamte wirtschaftliche System hervor:

Vertrauen ist grundlegend, aber nicht prognostizierbar

„Die Wirtschaftstheorie besagt, dass es gerade die launische Natur des Vertrauens ist, einschließlich seiner Abhängigkeit von der öffentlichen Erwartung über zukünftige Ereignisse, welche die Vorhersage von Schuldenkrisen so schwer macht. (…) Ökonomen haben keine sehr genau Vorstellung darüber, welche Ereignisse Einfluss auf das Vertrauen haben und wie sich die Verwundbarkeit des Vertrauens konkret einschätzen lässt. In der Geschichte der Finanzkrisen kann man immer wieder feststellen, dass ein Ereignis, das sich am Horizont erahnen lässt, irgendwann auch eintreten wird. (…) Der genaue Zeitpunkt einer Krise lässt sich jedoch nur schwer vorhersagen.“ (40f)

Das heißt, dass Vertrauen von grundlegender Bedeutung auch in komplexen, modernen ökonomischen Systemen ist. Trotz der unglaublichen Fülle von exakten Kennzahlen, die heute zur Verfügung stehen, lässt sich diese Basisgröße nicht berechnen! Das Wirtschaftssystem ist im Kern kein stabiles Konstrukt, sondern elementar von Faktoren abhängig, die in hohem Maße volatil sein können. Vertrauen als existentielle menschliche Größe entzieht sich einer Quantifizierung und damit einer technischen Rationalisierung. Solange Vertrauen da ist, sind wachsende Schuldenberge kein Problem. Finanzkrisen aber entstehen, wenn dieses Vertrauen plötzlich verloren geht.

Weitere Blogbeiträge zum Thema Vertrauen:

Zur Einführung zum Thema Vertrauen und zu weiteren Beiträgen

Was ist Vertrauen?

In dieser Reihe geht es um das Thema Vertrauen in gesellschaftlichen Krisenzeiten. In Krisenzeiten sind grundlegende Formen des Vertrauens gefährdet. Dabei ist Vertrauen ist eine grundlegende Dimension menschlicher Existenz, ohne die vieles andere auch gefährdet ist. 

Vertrauen in die Umwelt

Menschen sind leibliche Wesen, sie brauchen Luft, Wärme, Flüssigkeit und Nahrung, um zu überleben. Jeder Mensch muss sich darauf verlassen, dass seine Umgebung diese Versorgung auch ermöglicht. Wir sind auf unsere Umwelt angewiesen, das erleben wir gerade jetzt, am Ende einer langen Periode der Ausbeutung fossiler Energien auf drastische Weise. Die Natur verändert sich durch unsere Eingriffe, sie wird bedrohlicher. Das ist auch für moderne Gesellschaften eine elementare Störung, weil Vertrauen immer auch Weltvertrauen ist.

Das soziale Miteinander lebt von Vertrauen

Menschen sind soziale Wesen, sie sind als endliche und bedürftige Wesen von Beginn des Lebens aufeinander angewiesen. Natürlich kann man sich im Idealfall einen Menschen vorstellen, der sich als Erwachsener völlig von der Gesellschaft isoliert und autark lebt. Das gilt jedoch nie für das gesamte Leben. Alle Menschen müssen ausnahmelos von anderen Menschen gezeugt, geboren, erzogen und behütet werden, bis sie dann im späteren Leben möglicherweise zur Selbstversorgung in der Lage sind. Die Menschheitsgeschichte ist auch die Geschichte einer zunehmenden sozialen Vernetzung. Das soziale Miteinander kompensiert nicht einfach nur Mängel, es setzt in den Kulturen einen großen Reichtum frei.

Vertrauen geht über Kontrolle hinaus

Die gegenseitige Abhängigkeit und die Unfähigkeit einzelner, ihre Beziehungen zur Umwelt, zu anderen Menschen vollständig zu kontrollieren, zeigen die grundlegende Bedeutung von Vertrauen. Wenn ich nicht alles kontrollieren kann, muss ich einfach darauf vertrauen, dass ich auch morgen satt werde, dass mir nahestehende Menschen nichts Böses wollen.

Eine Welt ohne Vertrauen ist kalt

Angenommen, die Kompensation wäre nicht mehr notwendig, angenommen es wäre einzelnen Menschen möglich, eine vollständige Kontrolle über ihre Versorgung und auch über die Entstehung von Nachkommen zu erlangen, so wäre diese Welt einer kontrollierten Sicherheit dennoch eine Horrorvorstellung. Alles wäre kalt und auf Funktionen reduziert. Vertrauen erst macht die menschliche Welt warm, erst sie lässt zwischenmenschliche Beziehungen reich werden und über sich selbst hinaus streben.

Vertrauen ist eine positive Kraft

Vertrauen ist nämlich nicht Ausdruck einer Strategie mit den eigenen Mängeln umzugehen. Als Kompensationsstrategie wäre Vertrauen nicht angemessen erfasst. Denn das Vertrauen ist eine positive, eine gestaltende Kraft. Menschen haben die Begabung, anderen Menschen zu vertrauen. Dies zeigt etwa auch die Redewendung „jemandem Vertrauen schenken“.  Hier zeigt sich eine Stärke, die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung möglich macht und bereichert.

Vertrauen ist immer gefährdet

Vertrauen ist nie von Sicherheit und Eindeutigkeit bestimmt. Das unterscheidet es fundamental von der Kontrolle. Vertrauen ist nicht ohne Risiko. Vertrauen kann ebenso gewonnen wie verloren werden. Es gibt beim Vertrauen eine grundlegende Asymmetrie, die wir alle kennen und auch schon erfahren haben: Vertrauen kann schnell zerstört werden, lässt sich aber nur langsam aufbauen. Das macht das Vertrauen gerade in gesellschaftlich krisenhaften Zeiten zu einer so kostbaren Größe.

Die große Anfrage an moderne Gesellschaften

Moderne Gesellschaften leben wie jede menschliche Gesellschaft von Vertrauen.  Stabile Vertrauensverhältnisse über die geteilte Lebenswelt vermittelt. Ich traue den Menschen, mit denen ich auf geraume Zeit zusammenlebe. Die starke Verunsicherung des gesellschaftlich vermittelten Vertrauens hat auch mit der Gestalt moderner Gesellschaften zu tun. Hier wird Vertrauen schnell zu einer prekären Größe, weil sie nicht mehr über traditionelle Formen sozialer Verbundenheit stabilisiert werden kann. In einer Krise, also in einer Situation, in der die eingeübten gesellschaftlichen Abläufe und Systeme nicht mehr so einfach fortgesetzt werden können, ist das Vertrauen schnell gefährdet und in besonderer Weise herausgefordert. Komplexe Gesellschaften leben aber von einer erheblichen Vertrauensbereitschaft. Vertrauenskrisen treffen moderne Gesellschaften unmittelbar.

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