(6) Gegen Hoffnung auf Hoffnung hin

In den bisherigen Beiträgen zur Hoffnung wurde deutlich: die Haltung der Hoffnung ist nicht für gute Zeiten reserviert. Wenn alle Prognosen auf eine gute Zukunft weisen, bedarf es nicht viel Hoffnung. Da reichen schon die Informationen, ein wenig Informiertheit, ein wenig Zuversicht. Hoffnung erweist sich als eine Kraft, die gerade dann stark wird, wenn die Prognosen nicht so gut sind.

Die Hoffnung des Abraham in der Hebräischen Bibel

Das wird auch in biblischen Texten hervorgehoben. Ein prägnantes Vorbild ist Abraham. Nach der Darstellung im ersten Buch Mose waren Abraham und Sarah, seine Frau, schon alt und betagt, als Gott ihnen Nachkommen verhieß. Die realistischen Prognosen waren sehr schlecht. Ein Text spricht davon, dass Abraham 100 Jahre und Sarah 90 Jahre alt waren, also biologisch jenseits aller Möglichkeiten noch eigene Nachkommen zu haben. Die Erzählung der Erzeltern ist komplex, die Verheißungen Gottes an Abraham beginnen im 12. Kapitel, sie werden im 15. Kapitel wiederholt, im 17. Kapitel erfolgt der Bundesschluss, erst das 21. Kapitel schildert dann die Geburt des Sohnes Isaak.

Abraham in der Interpretation des Paulus

Paulus greift diese Erzählung auf, um die Vorbildlichkeit des Abraham darzustellen, der allein auf Hoffnung hin glaubte. Ein zentraler Vers im vierten Kapitel des Römerbriefs lautet in der Luther Übersetzung von 2017: „Wo keine Hoffnung war, hat er auf Hoffnung hin geglaubt.“  (Vers 18) Die Zürcher Bibel ist näher am griechischen Text: „Wider alle Hoffnung hat er auf Hoffnung hin geglaubt.“ Die Formulierung ist paradox zugespitzt: „gegen die Hoffnung auf Hoffnung hin“.

Diese Formulierung ist für Paulus zentral, um die vorbildliche Kraft des Glaubens bei Abraham hervorzuheben: „Er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben.“ (Vers 20) Im Gegenteil, er war stark in diesem Glauben der Hoffnung. „Er wusste auf das Allergewisseste: Das was Gott verheißt, das kann er auch tun.“ (Vers 21)

Es geht Paulus um die Interpretation des Glaubens. Für diesen Glauben ist die Hoffnung offenkundig eine zentrale Komponente. Die Hoffnung ist ein Festhalten und nicht Zweifeln an der Verheißung Gottes. Der Glaube, den Paulus hier in den Mittelpunkt stellt, ist ein Glaube an die Verheißung und damit zugleich ein Ausdruck der Hoffnung.

Hoffnung wider die Hoffnung? Eine Paradoxie, die keine ist

Die Paradoxie der Hoffnung in dem zitierten Vers von Paulus ist nur auf erstem Blick eine echte Paradoxie, ein unauflösbarer Widerspruch. Tatsächlich lässt sich der Widerspruch recht leicht auflösen. Denn es gibt zwei unterschiedliche Referenzrahmen, aus der heraus Hoffnung begründet werden kann. Der erste Rahmen wird durch die Lebenssituation und das biologische Alter von Abraham und Sarah aufgespannt. Hier ist klar: Alle Erwartungen auf eine positive Wende, auf die Geburt des ersehnten Nachkommens, sind vollkommen unrealistisch und unbegründet. Der zweite Rahmen wird durch die Verheißung Gottes aufgespannt: Da Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde, einen Nachkommen verheißt, kann das Unmögliche möglich werden.

Paulus lobt nun Abraham, weil er den einen Rahmen, den der Verheißung Gottes, dem anderen Rahmen, der nüchternen biologischen Betrachtung vorgezogen hat. Also ein Vorzug von religiösen Erfahrungen gegen eine realistische Einschätzung? Können wir das vorbildlich nennen?

Die Hoffnung jenseits des Realismus

Ja, gerade diese Möglichkeit zeichnet Hoffnung aus! Wer allein die realistische Blickrichtung einnimmt, die oder der braucht keine Hoffnung, sondern fragt nach der exaktesten Prognose. Doch hat die menschliche Geschichte die Eigenschaft, überkomplex zu sein. Die Zukunft lässt sich auch mit den besten Prognosen nicht genau vorhersagen. Und, noch wichtiger: Selbst wenn es in beschränkten Fragen eine eindeutige Prognose gibt, so bleibt offen, wie denn die Entwicklung zu bewerten ist, was sich weiterhin aus ihr ableiten lässt.

Die Hoffnung bindet sich wohlverstanden nicht an realistische und möglichst präzise Prognosen, sondern steht für die religiöse, spirituelle, philosophische Möglichkeit, auf die Grenzen realistischer Prognosen hinzuweisen oder ihre Vorhersagen neu zu bewerten.

Hoffnung sieht mehr

Abraham tat genau das. Hoffnung ist mehr als die Bestätigung einer möglichst realistischen Prognose. Sie ist die Kraft, unentdeckte Kraftlinien der Geschichte zu entdecken und sie ist die Kraft, die realistischen Daten der Geschichte neu zu bewerten. Dazu können Träume, kulturelle Ahnungen über die Tendenzen der Geschichte helfen wie bei Ernst Bloch. Oder es helfen die Verheißungen Gottes. Nach Paulus hat Abraham genau an diesen Verheißungen festgehalten. Darin bestätigt er eine besondere Fähigkeit, die dem christlichen Glauben zukommt.

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(1) Hoffnung – Was können wir von Ernst Bloch lernen?

Kaum ein Buch ist so sehr mit einer Philosophie der Hoffnung verbunden, wie das Hauptwerk von Ernst Bloch „Das Prinzip Hoffnung“. Im letzten Beitrag dieses Blogs habe ich es kurz erwähnt, es hat in den 60er Jahren Furore gemacht, es ist zahlreich gelesen und kommentiert worden, in einer Zeit einer großen Zukunftserwartung. Die 60er Jahre waren in vielfacher Hinsicht eine Zeit des Aufbruchs. Technologische Visionen mischten sich mit sozialen und politischen Visionen.

Doch ist „Das Prinzip Hoffnung“ nicht in dieser Zeit geschrieben worden, im Gegenteil: In dunkelster Zeit hat Ernst Bloch an dem Text gearbeitet, als Flüchtling in den USA, herausgerissen aus der deutschsprachigen akademischen Welt, jemand, der in der erzwungenen neuen Umgebung nicht leicht Fuß fassen konnte. In dieser Zeit beschäftigte sich Bloch mit dem Thema der Hoffnung.

Blochs Lebensthema

Schon in seiner Dissertation und in größeren Veröffentlichungen hatte sich Bloch immer wieder mit der Dimension der Zukunft befasst, zentral sind seine Untersuchungen zur Utopie. Insofern ist das Thema biographisch angelegt und doch ist es im Nachhinein verwunderlich, dass sich Bloch ausgerechnet in der kargen und in vieler Hinsicht entbehrungsreichen Zeit des Exils mit dem Thema Hoffnung befasst hat. Denn zur Hoffnung gab es über lange Zeit wenig Anlass. Blochs Flucht aus Deutschland hatte mehrere Stationen, zuletzt war er bis 1939 in Prag, musste aber auch von dort kurz vor der Annexion fliehen.

Die dunkle Zeit

Auch in den USA gab es wenig Grund zur Hoffnung. In den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs eilte das Deutsche Reich von einem Erfolg zum nächsten, eine Wende zeichnete sich erst ab Ende 1942 ab. In den letzten Kriegsjahren begannen die systematische Verfolgung und Ermordung der in Europa lebenden Juden. Die Zerstörungen, die der Krieg hinterließ, waren von einem bis dahin unbekannten Ausmaß. Auch nach 1945 folgte nach dem Krieg erst einmal eine Zeit der Entbehrungen angesichts all der Zerstörungen.

Die Zukunft ist offen

Über die persönlichen Beweggründe kann man sicherlich nur spekulieren. Ich glaube aber, dass es in dem Ansatz der Philosophie von Ernst Bloch einen Grund gibt, warum er in der Lage war, sich in dunkler Zeit gerade mit Hoffnung zu befassen. Und dieser Grund ist außerordentlich wichtig für die heutige Beschäftigung mit dem Thema.

Bloch unterscheidet Hoffnung deutlich von einer Prognose, gleich aus zwei Gründen. Zum einen ist die materielle Wirklichkeit für ihn ein offener Prozess, der Neues hervorzubringen in der Lage ist, es gibt in der Zukunft eine reale Offenheit („Das Prinzip Hoffnung“ 1973, Bd. 1, S. 274). Vor allem aber können Menschen das Künftige nur erahnen, denn sie leben im „Dunkel des Augenblicks“ (a.a.O. S. 334). Menschen sind der Gegenwart verhaftet, haben nicht den Überblick. Es ist möglich, Tendenzen der Geschichte zu erkennen, das ist der wichtigste Grund zur Hoffnung. Aber die Tendenz ist keine Prognose. Sie bietet keinen Automatismus, dass sich alles zum Guten wendet.

Wäre es nicht besser, wir wüssten genau, wie es in Zukunft weiter geht? Wäre es nicht besser, wir hätten klare Prognosen, eindeutige Daten, um die Zukunft zu gestalten? Bloch hat da eine klare Position: Wer meint, die Zukunft mit seinem Wissen in den Griff bekommen zu können, hat seiner Ansicht nach keine Hoffnung. Vielmehr entsteht auf diese Weise ein „abstrakt-ruchloser Optimismus“ (a.a.O. S. 277), wie Bloch es nennt. Die Aussagekraft jeder wissenschaftlichen Prognose im Hellfeld aller verfügbaren Daten will die Zukunft in den Griff kriegen und verliert das Wichtigste, was sie für uns in der Gegenwart ausmacht: Die Hoffnung.

Was wir nicht wissen, nicht wissen können

Die Fähigkeit, Hoffnung zu haben, ist also gerade nicht durch ein detailliertes Wissen bestimmt, sondern durch ein fundamentales Nicht-Wissen! Dieses Nicht-Wissen über die Zukunft trotz aller realen Tendenzen, die Bloch so wichtig waren, ermöglicht ein Staunen und eine Offenheit über das, was da kommen wird.

Was heißt das für unsere eher hoffnungsarme Zeit? Haben wir das Staunen verlernt? Geben wir den wissenschaftlichen Prognosen zu viel Raum? Glauben wir zu sehr, es sei alles berechenbar? In einer solchermaßen ausgeleuchteten Welt fehlt nicht nur das Überraschende, auch die Hoffnung, die sich aus den Ahnungen, den Visionen, den Symbolen und Erzählungen nach vorne nährt, hat es schwer.

Über den philosophischen Ansatz von Ernst Bloch kann man mit guten Gründen streiten. In seiner Betonung der Fruchtbarkeit der Begrenztheit unseres Wissens scheint aber eine zentrale Erkenntnis auf. Sie ist eng mit der Fähigkeit zu einer kraftvollen Hoffnung verbunden. Die Neugier auf die immer auch unbekannte Zukunft, die Offenheit für das noch Unverstandene, das Staunen über das, was da kommt, ist eine Quelle jener Hoffnung, auf die Bloch in seinem Werk weist. Das ist auch der Grund zu suchen, warum er auch in dunkler Zeit sich so intensiv mit der Hoffnung beschäftigen konnte.

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(0) Konjunkturen der Hoffnung

Die hier beginnende Reihe von Blog-Beiträgen zu den Wegen der Hoffnung möchte ich mit einer eher anekdotischen Beobachtung beginnen: Es gab offensichtlich Zeiten, in denen es einfacher, ja, populärer war, von Hoffnung zu reden. Das waren zum Beispiel die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. Diese Jahre waren geprägt von einem außerordentlichen Zukunftsoptimismus. Es war leicht, von Hoffnung zu reden, Hoffnungsbilder zu entwerfen.

Am wichtigsten war wohl ein Abstand zu den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und die Erfahrungen eines stetigen Wirtschaftsaufschwungs. Im Rückblick werden die 30 Jahre zwischen dem Ende der 40er und den 70er Jahren in der Ökonomie auch „trente glorieuses“ genannt. Es gab ein kontinuierliches Wachstum in der westlichen Welt, es ging aufwärts, dieser Trend erfasst alle Menschen, die Ärmeren ebenso wie die Reicheren. Eine Metapher, die dieses Phänomen eines kollektiven Aufschwungs zum Ausdruck bringt, ist der „Fahrstuhleffekt“, ein von dem Soziologen Ulrich Beck geprägter Begriff. Die schmerzliche Aufarbeitung der Katastrophe der Shoah wurde dagegen in dieser Zeit weitgehend vermieden. Erst Ende des Jahrzehnts gab es immer mehr Stimmen, die auf das geschehene Unrecht hinwiesen und die eine gesellschaftliche Befassung erzwangen.

Zu dem wirtschaftlichen Aufschwung gesellte sich ein spürbarer technologischer Fortschritt.  Zu Beginn der 60er Jahre rief der amerikanische Präsident John F. Kennedy dazu auf, den Mond zu erreichen, 1969 wurde dies durch den berühmten Schritt des Astronauten Neil Armstrong in die Wirklichkeit umgesetzt. Die Computertechnik wurde vorangetrieben, die Rechenkapazität der Geräte stieg merklich an, auch wenn diese Zahlen für uns heute sehr klein erscheinen. Eine erste Simulation einer Künstlichen Intelligenz wurde durch das Computerprogramm Eliza von Joseph Weizenbaum realisiert. Die Atomspaltung schien eine unerschöpfliche Energiequelle zu verheißen, Proteste gab es in den 60er Jahren nur vereinzelt.

Science Fiction eroberte die Populärkultur. In den USA begeisterten die ersten Ausstrahlungen der neuen Serie „Star Trek“, in Deutschland wurde die Serie „Raumschiff Orion“ produziert. Die Eroberung des Weltalls schien eine logische Konsequenz des technischen Fortschritts auf der Erde.

In dieser Zeit traf das zentrale Werk von Ernst Bloch „Das Prinzip Hoffnung“ auf große Resonanz. Bloch erschließt in dem Werk auf vielschichtige Weise das Thema Hoffnung. Er bot neben einer tiefgreifenden philosophischen Analyse einen umfassenden Überblick über Utopie Entwürfe und „Tagträume“ der europäischen Kulturgeschichte. Das Werk war so umfassend, dass eine Behandlung des Themas Hoffnung ohne Referenz auf Ernst Bloch heute nicht mehr möglich ist.

Eng verbunden mit diesem Ansatz war eine politische Hoffnung, dass es nach der Aufteilung der Welt in zwei Blöcke, in einen kapitalistischen Block und einen sozialistischen, kommunistischen Block, möglich sein könne, auf einem dritten Weg die Vorteile beider miteinander zu kombinieren und einen freiheitlichen Sozialismus zu schaffen. Die politischen Diskussionen der Linken führten schließlich zu der eruptiven Entwicklung des Jahr 1968. Bis heute steht das Jahr als Kennzeichen für eine progressive politische Bewegung, einen politischen und kulturellen Aufbruch, der damals alle Länder des Westens erfasste.

Auch in der Theologie fand das Thema Hoffnung große Aufmerksamkeit. Der Theologe Jürgen Moltmann wurde schnell berühmt durch seinen Entwurf „Theologie der Hoffnung“. Aber auch andere Theologen wie Wolf-Dieter Marsch befassten sich mit einer theologischen Interpretation von Hoffnung.

Kurz, die 60er Jahren waren ofenkundig eine hoffnungsvolle Zeit. Es war leicht, von Hoffnung zu reden. Wäre es da nicht sehr attraktiv, an diese Zeit umstandslos anknüpfen zu können? Doch das ist nicht möglich. Wer heute an die Hoffnung appelliert, ist nicht zu Unrecht vielen kritischen Fragen ausgesetzt. In der Tat, kann der Appell „Seid hoffnungsvoll!“ schnell schal werden. Was unterscheidet eine solche Hoffnung von einem oberflächlichen Optimismus, der der Devise folgt: Besser Optimist sein als Pessimist?!

Der Kontrast der damaligen Zeit zu der unseren heute ist sehr auffällig. Aber was lässt sich daraus ableiten? Gibt es heute keinen Grund zur Hoffnung mehr? Oder war vielleicht der damalige Gebrauch des Wortes fahrlässig? Was meint Hoffnung genau? Hat Ernst Bloch die abschließende Antwort gegeben? Wir können wir heute uns wieder auf Hoffnung ausrichten, ohne einem Zweckoptimismus zu verfallen? Meint der Begriff „Hoffnung“ in jeder Zeit dasselbe oder je etwas anderes? Fragen über Fragen, die Anlass für die folgenden Beiträge in diesem Blog sind. Ob am Ende befriedigende Antworten stehen, muss offenbleiben. Sich mit Hoffnung zu befassen, scheint mir angesichts der gegenwärtigen Situation aber aller Mühe wert.

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