In welche gesellschaftliche Zukunft führen die KI Systeme?

Die Diskussionen um die Entwicklung neuer Generationen von Künstlicher Intelligenz nehmen immer mehr an Fahrt auf. Der entscheidende Durchbruch war die Entwicklung eines leistungsfähigen Sprachmodells ChatGPT, das die Firma OpenAI im letzten Herbst der staunenden Weltöffentlichkeit präsentierte.

Dynamik der Entwicklung nimmt stark zu

Seitdem sind viele weitere leistungsstarke KI Angebote hinzugekommen, große Firmen wie Google (LaMDA; Bard), Meta (LLaMA) und Microsoft (Azure) präsentieren eigene Varianten großer, leistungsfähiger KI. Hinzu kommen viele Entwickler, die mit Open Source Programmen wie LAION arbeiten. Die Dynamik der KI Entwicklung ist sehr hoch, es ist zu erwarten, dass eine Vielzahl von Anwendungen und Produkten demnächst verfügbar sein werden.

Welche Richtung schlagen die KI Entwicklungen ein?

Doch welche Richtung nimmt diese Entwicklung? Sind die KI Systeme einfach nur eine weitere Stufe der vielen Entwicklungen des Silicon Valley? Reihen sie sich ein in die Produktentwicklungen, die in den vergangenen Jahrzehnten die Welt verändert haben? Natürlich kann es nach dem jetzigen Stand keine eindeutige Antwort geben. Aber es gibt Indizien, die zeigen, dass mit der Entwicklung starker KI eine neue Richtung der Technikentwicklung eingeschlagen wurde, die sich definitiv von der vorigen unterscheidet. Diese Aussage möchte ich mit zwei Beobachtungen unterstützen.

Erste Beobachtung

Die erste Beobachtung betrifft die „Philosophie“, die Wertorientierung, die die Entwicklungen des Silicon Valley bislang getrieben haben. Gleich vorab muss ich einschränken, dass es nicht um die realen gesellschaftlichen Auswirkungen der Technologien geht. Die sind, das ist hinreichend bekannt, zum Teil höchst ambivalent. Es geht vielmehr um die Ideen, die die Entwicklungen getrieben haben.

Freiheit und Individualisierung

Die zentralen Ideen sind die der Freiheit und der Individualisierung und weltweite Vernetzung. Die Technologien des Silicon Valley sollten die freie Verfügbarkeit von Informationen fördern, sie sollten die Kommunikation unter den Menschen erleichtern. Die Menschen sollen frei entscheiden, mit wem sie wann und wo kommunizieren. Die traditionellen Bindungen und der soziale Nahraum sollten nicht mehr die entscheidende Rolle spielen. Zugleich zielten die Entwicklungen auch auf einen leichten Zugang zu Waren. Mit einem Klick soll jede und jeder die gewünschten Waren im Internet bestellen, Reisen buchen, Geld anlegen usw.

Diese Ideen sind in der Entwicklung eines Personal Computers zur individuellen Nutzung, in der Entwicklung des World Wide Web, in der Entwicklung unzähliger Internetseiten und der Suchmaschinen, die sie zugänglicher machen, in der Entwicklung der Social Media und in der Entwicklung des Smartphones und unzähliger Apps angelegt.

KI Systeme aggregieren Daten

Bei der Entwicklung der neuen leistungsstarken Formen der Künstlichen Intelligenz ist das anders. Hier werden im Kern Daten aggregiert, nicht distribuiert. Nun kann man sagen, dass auch die Leistungen der KI wie die Suchmaschinen allen verfügbar gemacht werden können. Doch bleiben die wertvollen Erkenntnisse wenigen vorbehalten.

Eine wichtige Einschränkung des Arguments weist darauf, dass Suchmaschinen wie Google und Plattformen wie Amazon auch in der Vergangenheit von der Aggregation von Daten gelebt haben, die nicht allen zugänglich sind. Das stimmt, hier gibt es eine kontinuierliche Entwicklung von den Plattformen und den Suchmaschinen zur KI. Aber die KI ist die erste Technologie, die von Beginn an darauf ausgerichtet ist.

Zweite Beobachtung

Die zweite Beobachtung, die das Argument stützt, ist die Art und Weise, wie die Entwickler der KI öffentlich kommunizieren.

Große Gefahren durch KI?

Statt in der für der Silicon Valley üblichen Weise Verheißungen für die Menschheit zu verkünden, warnten die Entwickler zunächst einmal im letzten Jahr und forderten den starken und regulierenden Staat, forderten ein Moratorium der Entwicklung.

Weltweites Grundeinkommen durch KI?

Besonders misstrauisch macht nun die Tatsache, dass Sam Altman, der an der Entwicklung von OpenAI zentral beteiligt war und der einen dystopischen Aufruf mit Warnungen vor wenigen Monaten unterschrieb, nun ins Gegenteil verfällt und eine Art Menschheitsbeglückung propagiert. Alle Menschen sollen ihre Identität über das Scannen der Augen sichern und fälschungssicher nachweisen (World ID) und dann ein weltweites Grundeinkommen in einer digitalen Währung (Worldcoin) erhalten. Dazu werden weltweit Millionen Augenscanner aufgestellt.

Neben der grundlegenden Frage, wie das ökonomisch bewertet werden kann, bleibt die Frage, warum die Entwickler von KI so wechselhaft agieren. Es liegt die Vermutung nah, dass sie selbst nicht wissen, wie sie eine Technologie, die definitiv demokratische Entwicklungen und Kulturen der Freiheit NICHT unterstützt, öffentlich vermarkten sollen. So schwanken sie zwischen öffentlichen Warnungen und einer Haltung der Menschheitsbeglückung.

KI als Herausforderung freier und demokratischer Gesellschaften

Fazit: die KI Technologien werden gerade die demokratischen und offenen Gesellschaften erheblich herausfordern. Politische und kulturelle Entwicklungen finden immer in Korrelation mit der technischen Basis einer Gesellschaft statt. Wie wird die Gesellschaft aussehen, in denen KI Systeme allgegenwärtig geworden sind?

Zur Leitidee der Künstlichen Intelligenz

Nicht nur Trump

Die Wirkung der gestrigen Bilder vom US amerikanischen Kapitol (6. Januar 2021) ist gewaltig. Es ist nicht die Wucht einer unmittelbaren Zerstörung, es ist vielmehr die Erkenntnis, dass das Herz der US amerikanischen Demokratie durch die Demonstranten erheblich gestört ist: Volksvertreter müssen in Sicherheit gebracht werden, eine reguläre Sitzung des Parlaments muss abgebrochen werden.

Wie wird es mit der US amerikanischen Demokratie weiter gehen?

Wie konnte es dazu kommen? Dieser Frage und dem Entsetzen gesellt sich eine zweite zu: Was kommt noch? Ich glaube, allen ist klar, dass dieses Ereignis nicht einmalig bleiben wird, dass sich hier etwas andeutet, was die Amtszeit des neu gewählten Präsidenten Biden überschatten wird. Da zeigen sich Kräfte, die einen gruseln lassen. Vieles Schreckliche scheint denkbar, wenn man berücksichtigt, wie stark manche radikale Anhängergruppen Trumps bewaffnet sind (Proud Boys). Rutscht die alte, stolze US amerikanische Demokratie in anomische Zustände?

Der Agitator Trump als Brandbeschleuniger

Wenn man aber zunächst einmal danach fragt, wie es dazu kommen konnte, so gerät unweigerlich die Person Donald Trump in den Fokus. Zu einem Marsch auf das Kapitol hatte er aufgerufen, er selbst wolle sich beteiligen, was er dann nicht getan hat. Die Rede, die er gestern hielt, versuchte zum wiederholten Male die Wahl Bidens zum Präsidenten zu delegitimieren. Der folgende Tweet Trumps, man solle friedlich bleiben, war nur noch für das Protokoll, damit klar ist, dass er nicht zur Gewalt aufgerufen hat.

Trump handelt wie ein populistischer Agitator, wie wir es bislang eher aus kleinen instabilen Staaten kannten. Er bleibt bei seiner Behauptung, die Wahl sei „gefäscht“,die Stimmen „gestohlen“. Die Wirkung dieser Worte Trumps ist die das sprichwörtliche Öl, das man ins Feuer gießt. Es facht die Flammen an, verbunden mit der Gefahr, dass der Brand unkontrollierbar wird. Hinter vielem, was Trump in diesen Tagen tut, aber steckt Kalkül. Auf keinen Fall will der Großnarzist Trump abtreten mit dem Eingeständnis seiner Niederlage. Da lieber mit wehenden Fahnen untergehen. Also versucht er möglichst viel Wind zu erzeugen, damit die kleinen Feuer größer werden.

Wahrscheinlich, und das ist die bedrückende Erkenntnis, wird das nicht aufhören, wenn Joe Biden fest nach allen Regeln der Verfassung im Amt installiert ist. Trump wird große Versammlungen abhalten und seine Anhänger weiterhin darauf einschwören, dass die Wahl unrechtmäßig war, dass sie wiederholt werden muss, dass die aktuelle Regierung keine Legitimation hat. Und er wird auf Resonanz stoßen, das hat sich gestern gezeigt. Das gilt auch für den Fall, dass etliche Republikaner zur Vernunft kommen und sich gegen Trump stellen. Diese Situation lässt einen ratlos. Auch Radikallösungen, wie die Inhaftierung Trumps scheinen kein Ausweg zu sein, weil dies ihn nur zum Märtyrer machen würde.

Die Kräfte hinter Trump: Neokonservative, Tea Party…

Das eigentliche Problem aber, das sich zeigt, ist nicht allein an der Person Trumps festzumachen. Es ist der kontinuierliche Zerfall der Zivilgesellschaft in den USA: Dies ist der Nährboden für Personen wie Trump. Ohne eine eklatante Schwäche der Republikaner hätte Trump es nie zum Präsidentschaftskandidaten geschafft. Die Republikaner aber sind schon seit vielen Jahren geschwächt. Barack Obama hat jüngst darauf hingewiesen. Erste entscheidende Bewegungen zur Schwächung war die Popularität von Sarah Palin, der Running Mate von John McCain. Sie war später eng verbunden mit der Tea Party, einer radikalen Gruppierung, die später großen Einfluss auf die Republikaner gewann. Hier ist der Boden bereitet für eine Aufkündigung der Loyalität zu dem US amerikanische Staat. Noch in Erinnerung ist der unmäßige Protest, den viele gegen die ObamaCare erhoben.

Trump verstärkte diese Entwicklung nach Kräften. Aus dem Slogan „I want my country back” wurde “America first”. Aber das Phänomen Trump ist nicht zu verstehen ohne auf die Kräfte zu schauen, die ihn tragen und die er sich zunutze macht. Diese Kräfte wiederum zeigen, dass nicht unerhebliche Anteile der US amerikanischen Bevölkerung zu so etwas wie einer „inneren Kündigung“ ihrer Bürgerschaft neigen. Sie sehen in dem Staat und seinen Organen eher einen Gegner. Wie konnte es so weit kommen?

Der Zerfall der US amerikanischen Zivilgesellschaft

An der Wurzel liegt letztlich eine Entwicklung, auf die zum Beispiel Robert Putnam und Michael Sandel hingewiesen haben. In den USA wie auch in Großbritannien liegen in den 80er Jahren die Ausgangsorte für einen Wechsel zu einer neoliberalen Wirtschaftspolitik. In der Folge fühlen sich immer größere Bevölkerungsgruppen in der Mehrheitsgesellschaft und ihrem staatlichen Organen nicht mehr repräsentiert. Große zivilgesellschaftliche Kräfte, die politischen Parteien, die Gewerkschaften, Vereine, Kirchen usw. wurden nachhaltig geschwächt, die soziale Verbundenheit nahm kontinuierlich ab. Dadurch wächst der Boden für Populismus. Davon nähren sich politische Figuren wie Trump. Es muss entscheidend in der Zukunft darum gehen, ihnen diesen Nährboden zu entziehen!