Was ist mit Geschichte?

Ich empfinde schon seit längerer Zeit ein Unbehagen, wenn ich aktuelle Diskussionen zum Zeitgeschehen verfolge. Ich habe den Eindruck, dass wir in einer Zeit gravierender Geschichtsvergessenheit leben. Nicht in dem Sinne, dass wir uns nicht mehr erinnern würden. Schließlich ist doch die Evangelische Kirche in diesem Jahr mit großer Intensität dabei, das Reformationsjubiläum zu begehen! Auch gibt es vielfältige Gedenkfeiern, oft motiviert durch die schreckliche deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert. Ich meine eher die Geschichtsvergessenheit in der Deutung der Gegenwart. Wir diskutieren unsere Zeit, als sei sie so, wie sie ist und viel Neues sei auch nicht zu erwarten. Kaum gibt es in der Deutung der Gegenwart einen Blick zurück, schon gar nicht gibt es einen Blick nach vorne.

Es stellt sich die Frage, ob dies nicht die Folge eines im Grundsatz liberalen Schemas ist. Danach gibt es zwar eine Geschichte, aber die Geschichte ist doch eher die Geschichte der Störungen eines sich selbst stabilisierenden Systems. Der freie Markt ist das Paradebeispiel. Wenn es nur den wirklich freien Markt gäbe, dann stabilisierte er sich immer wieder neu, kleinere Veränderungen würden aufgenommen und in einen neuen stabilen Zustand überführt. Hier ist Geschichte Nebensache. Natürlich gibt es Veränderungen, aber den Hauptton setzen die sich selbst stabilisierenden Systeme. Wenn man die Störung gering halten kann, dann geht das System wieder in einen stabilen Zustand über. Das gilt dann auch für die Natur: eigentlich ist sie stabil. Als ob die Evolution nicht von etwas ganz anderem reden würde: Hier ist alles Bewegung und Veränderung. Evolutionäre Nischen sind die Ausnahme und meist nicht auf Dauer gestellt.

Ich habe diese Grundgedanken liberaler Theorien schon immer für eine Fiktion gehalten: Eigentlich wäre die Welt wunderbar eingerichtet, nur leider gibt es ständig Störungen. Ich glaube, dass umgekehrt „ein Schuh daraus wird“: Wir leben in einer Welt, die sich in einer kontinuierlichen  geschichtlichen Veränderung befindet. Was gestern war, ist heute anders und wird morgen wiederum verändert sein. Stabilisierende Systeme sind Abstraktionen aus dieser Entwicklung. Sie mögen eine Zeit lang Stabilität ermöglichen, aber es ist immer damit zu rechnen, dass sie sich grundlegend verändern können.

Diese Sichtweise ist im Übrigen meiner Ansicht nach auch biblischer. Der christliche Gott ist ein Gott der Geschichte. Er hat sein Volk durch die Geschichte begleitet. Israel hat immer wieder die bewahrende Kraft Gottes, aber auch seinen Zorn erfahren und zum Ausdruck gebracht. Auch nach der Offenbarung Gottes in Christus hört die Geschichte nicht auf. Christinnen und Christen leben im Vorschein des kommenden Reiches Gottes. Deshalb ist die Erinnerung so wichtig, ist es wichtig, von Gottes Geschichte mit dem Menschen erinnernd zu erzählen. Und deshalb ist auch die Hoffnung so wichtig, weil sie einen Sinn dafür gibt, was noch aussteht. Wir sind eingebunden in eine geschichtliche Entwicklung, die wir nur mit Mühe überschauen können. Aber Versuche dazu, etwa durch Erzählungen, können auch immer wieder Neues entdecken, Neues in dem Vergangenen, das aber auch überraschende Einblicke in das gewähren kann, was kommen wird.

Doch wir diskutieren unsere Gegenwart nicht in diesem Spannungsbogen. Wir beschreiben sie nur in Ansätzen aus der Entwicklung der Vergangenheit heraus. Aber schon gar nicht beschreiben wir sie unter dem Vorzeichen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Stattdessen sind wir vernünftig und realistisch. Wir wissen nun, was Sache ist, haben die Lehren aus der Vergangenheit gezogen. Wir stehen nicht in einer kontinuierlichen Entwicklung, sondern sehen die Vergangenheit als ein Reservoir an, aus dem wir unsere Folgerungen ziehen. Wir schauen natürlich in die Zukunft. Aber auch das tun wir vernünftig und realistisch: Wir stellen Prognosen an, zumeist mit „wissenschaftlichen“ Mitteln. Zumeist fallen die Prognosen negativ aus. Aber das zeigt ja nur, wie vernünftig und realistisch wir geworden sind.

Da ist etwas Grundsätzliches verloren gegangen. Nichts gegen Prognosen, die jeder Mensch, der tatsächlich vernünftig und verantwortlich ist, anstellen muss. Aber warum fragen wir nicht viel intensiver danach, in welcher geschichtlichen Entwicklung wir leben? Warum versuchen wir nicht die politische und kulturelle Bewegung aus der Vergangenheit in die Zukunft fortzuschreiben. Warum entwickeln wir keine Hoffnung und sehen die Wirklichkeit als eine zukunftsoffene Wirklichkeit an? Warum sind wir eigentlich kaum neugierig auf das, was da kommen wird? Der Versuch, die Welt als sich selbst stabilisierendes System zu verstehen, kann in manchen Fragen hilfreich sein. Die Menschheitsgeschichte aber zeigt: Zumeist wurde es auf überraschende Weise anders, als die Menschen zuvor geglaubt haben. Das gilt auch heute so, seien wir doch vernünftig und realistisch!

Bemerkungen zu dem Buch von Hartmut Rosa: „Resonanz“

Vorbemerkung (2.10.18) Nach diesem Blogbeitrag ist eine längere Rezension, die auch noch deutlicher Position bezieht, in der Internetzeitschrift „Euangel“ 2/2018 erschienen.

In einem Vortrag vor einigen Tagen habe ich einige Überlegungen vorgestellt, die die Verbundenheit für die Beschreibung des christlichen Glaubens hervorheben: Es geht im Glauben um eine grundlegende Verbundenheit mit anderen Menschen, um die Verbundenheit mit der Welt. Beide resultieren aus einer radikalen Verbundenheit mit Gott. In der anschließenden Diskussion ist mir die Frage gestellt worden, in welchem Zusammenhang diese Gedanken mit dem Ansatz des Soziologen Hartmut Rosa stehen, wie er ihn in seinem Buch „Resonanz“ dargestellt hat (Hartmut Rosa, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Frankfurt am Main 2016). Ich habe das Buch noch einmal zur Hand genommen. Einige Beobachtungen zu dem, was mir auffiel.

Zunächst: Rosa beruft sich unter anderem auf drei Philosophen, die auch für mich sehr wichtig sind, Charles Taylor, Maurice Merleau-Ponty und Bernhard Waldenfels. Ich finde auch viele Gedanken bei Rosa, die mir selbst sehr wichtig sind. Was meint Resonanz  nach Rosa? Resonanz weist zunächst einmal darauf, dass das Entscheidende eines gelingenden Lebens nicht in einem selbst liegt, sondern in der Beziehung, die man zur Welt hat! Wir sollten nicht zu ergründen versuchen, wie es tief in unserm Innern aussieht, um zu uns selbst zu kommen. Vielmehr geht es darum, darauf aufmerksam zu werden, dass wir schon immer in der Welt und in den Beziehungen zu anderen Menschen eingebunden sind. Diese „Soziologie der Weltbeziehung“ (56) ist gegenüber den üblichen Selbstvervollkommnungsansätzen eine wichtige Korrektur: Wir kommen nicht dadurch zu uns selbst, dass wir uns auf uns selbst konzentrieren, sondern nur so, dass wir auf unsere Beziehung zur Welt achten.

Was Rosa unter Resonanz versteht, macht er in einem Bild deutlich: Bei Resonanz entsteht so etwas wie ein vibrierender Draht zwischen uns und der Welt. (24) Dabei kommt es auch auf die Haltung an, die man gegenüber der Welt einnimmt: „Auf dem Gipfel eines Berges oder am Ufer des Meeres sind (zumal moderne) Menschen auf eine andere Weise in die Welt gestellt als in der Großstadt (…).“(31) Resonanz kann man also besonders gut in diesen außergewöhnlichen Momenten erleben. Aber es kommt darauf an, dass Resonanz nicht nur eine Ausnahmeerscheinung im Leben ist, sondern eine Struktur, die unser Leben begleitet. Was ist nach Rosa ein gutes Leben? Das gute Leben ist das „Ergebnis einer Weltbeziehung, die durch die Etablierung und Erhaltung stabiler Resonanzachsen gekennzeichnet ist (…).“ (59)

Der Begriff der Resonanz stellt vor allem die klassische Subjekt-Objekt-Unterscheidung in Frage. Diese Unterscheidung vollzieht zunächst einmal eine Trennung: Wir sind die Subjekte, die dem Objekt „Welt“ gegenüber stehen. Wir sind aber als Subjekte nicht unabhängig von der Welt, sondern immer schon aufeinander bezogen. Das ist ohne Zweifel ein Erbe des Ansatzes von Merleau-Ponty (und vonHeidegger), durch den ja auch Taylor und Waldenfels beeinflusst sind. Rosa definiert die Resonanz sehr kompakt in wenigen Sätzen, die theoretisch hoch verdichtet sind. Der zentrale Satz lautet:

„Resonanz ist eine durch Af<-fizierung und E->motion, instrinsisches Interesse und Selbstwirksamkeitserwartung gebildete Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren und zugleich transformieren.“ (298)

Ein nicht gerade leicht zu verstehender Satz. Man merkt, dass hier sich verdichtet der Kern der Theorie von Rosa befindet. Aber die beiden Sonderzeichen in den Wörtern Affizierung und Emotion zeigen an: Resonanz ist ein Geschehen zwischen dem Subjekt und der Welt, das zwei Richtungen kennt. Beide müssen füreinander offen sein, nur so kann es zur Resonanz kommen.

Für Rosa hat die Resonanz nicht nur eine beschreibende Bedeutung, dem Begriff kommt auch eine kritische Funktion zu. Deshalb setzt er den Begriff der Resonanz von jenem Begriff ab, der für die Missstände unserer Zeit verantwortlich ist: von dem Begriff der Entfremdung. Bei der Entfremdung ist das Verhältnis des Subjekts zur Welt durch Gleichgültigkeit oder gar Ablehnung bestimmt (306) Entfremdung hat nach Rosa viel mit der kontinuierlichen Beschleunigung  zu tun, durch die unsere Zeit geprägt ist.

So weit in wenigen Worten einige wichtige Gedanken aus dem Ansatz von Rosa. Er lässt sich leicht auf Erfahrungen unserer Zeit beziehen. Das ist seine Stärke, aber auch seine Gefährdung. Mir scheint es, dass man beim Lesen doch nur allzu schnell sagen kann: Ja, so ist es! Doch diese Bestätigung gefährdet den Anspruch, mit dem Ansatz etwas Neues zeigen zu wollen. Ich habe Probleme damit, dass Rosa sich zwar gegen die Unterscheidungen von Objekt und Subjekt wendet, das Arsenal der herkömmlichen Weltvorstellung aber bestehen lässt: Es gibt Subjekte, es gibt die Welt. Es kommt nur darauf an, wie man damit umgeht. Wenn man es falsch macht, entsteht Trennung, wenn man es richtig macht, entsteht Resonanz. Nur allzu schnell kann der Ansatz therapeutisch verkürzt werden: Es kommt nur darauf an, die Beziehung zur Welt (und zu anderen Menschen) besser zu gestalten. Leiden wir nicht an den neueren gesellschaftlichen Entwicklungen, an der Beschleunigung? Das ist die Entfremdung! Wie können wir uns aus dieser Entfremdung befreien? Indem wir neue Resonanzachsen aufbauen bzw. sie pflegen. Das ist möglich, denn: „Die Resonanztheorie geht im Gegenteil von der Überzeugung aus, dass beide Seiten von Resonanz- oder Entfremdungsverhältnissen – Subjekt und Welt – grundsätzlich veränderbar sind (…).“ (728)

Und dann folgt bei Rosa ein Programm, das eigentlich bekannt ist. Es geht um die Postwachstumsgesellschaft, die natürlich liberal, demokratisch und pluralistisch ist. Ebenso klingen viele andere zurzeit aktuelle Begriffe an: Urban Gardening, Shared Economy usw. usf. Man könnte auf den Gedanken kommen, dass, wenn man sich in dem richtigen sozialen Milieu befindet, dass man dann auch schon auf dem richtigen Wege ist. Das muss alles jetzt nur noch umgesetzt werden.

Mir behagen diese überraschungsfreien Konsequenzen nicht, die Rosa aus dem Ansatz ableitet. Der Ansatz ist im Grunde fundamental, wichtig und richtig. Doch die Durchführung der Theorie ist nur allzu anschlussfähig an die Grundüberzeugungen bestimmter Milieus in unserer Gesellschaft. Da wirkt der Ansatz wie eine Bestätigungstheorie. Viele Leserinnen und Leser dieser Milieus können das Buch zuklappen, zufrieden, dass sie das doch immer schon gewusst haben. Das erhöht sicherlich die Resonanz des Buches selbst. Aber müssen wir in unseren Zeiten des Umbruchs und der Verunsicherung nicht tiefer graben? Gilt es nicht, neue Antworten zu finden, die vielleicht auf dem ersten Blick nicht schlüssig klingen? Der Ansatz von Rosa bietet meiner Ansicht nach dazu Möglichkeiten. Nur sind sie nicht ausgeführt.