(6) Der Himmel und das Jenseits

In der christlichen Tradition gab es schon sehr früh eine Verbindung des Himmels mit Jenseitserwartungen, mit Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. In den ersten christlichen Gemeinden wird schnell der Himmel zu dem Ort, zu dem der auferstandene Christus aufgefahren ist. Es ist auch der Ort, der den Christinnen und Christen nach der künftigen Auferstehung eine neue Heimat bieten wird: „Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch, der zweite Mensch ist vom Himmel.“ (1 Kor 15,47) Die Vorstellungen über die zukünftige himmlische Existenz werden aber ebenso wenig ausgemalt wie die Existenz des auferstandenen Christus zur Rechten Gottes. Der Himmel hat hier die Funktion des Jenseits.

Der Himmel als Jenseits

Die Vorstellungen des Himmels als Ort des Jenseits, als der Ort, an dem die Toten bei Gott sind, hat sich in der christlichen Tradition immer mehr durchgesetzt. Himmel und Jenseits verschmolzen miteinander. Bernhard Lang und Colleen McDannell haben ein wichtiges umfassendes Buch über die Kulturgeschichte des Himmels in christlichen Vorstellungen geschrieben („Der Himmel. Eine Kulturgeschichte des ewigen Lebens, Frankfurt am Main 1996) Entscheidend ist die Botschaft: Wie auch immer die Existenz nach der Auferstehung sein wird, es wird eine himmlische Existenz in der ungehinderten Nähe Gottes sein, das ewige Leben knüpft an die Vorstellungen vom Himmel an.

Die Vorstellung vom Himmel als Jenseits ist aber eine Engführung gegenüber der Vielfalt der biblischen Vorstellungen. Denn dort überwiegen die Hinweise auf den Himmel als Teil dieser Schöpfung, als deren besonderer Teil, nicht als das etwas Jenseitiges.

Himmel als Nähe Gottes

In den bisherigen Blogbeiträgen war von dem diesseitigen Himmel die Rede, der auch schon eine Nähe und Präsenz Gottes zum Ausdruck bringt.

 Wie verhalten sich die Vorstellungen des Himmels als Jenseits mit den bisher in diesem Blog besprochenen Vorstellungen vom Himmel? In den bisherigen Überlegungen war der Himmel ein Ort der besonderen Nähe Gottes, aber er war ganz klar zugleich Teil der Schöpfung, in der wir jetzt schon leben. Er wies auf die schiere Größe des Universums und damit indirekt auf die Herrlichkeit des Schöpfers, aber er war nicht das unbekannte Jenseits.

Alter Himmel, neuer Himmel?

In der Apokalypse des Johannes zeigt sich, dass die Rede vom Himmel schon in den biblischen Texten nicht einheitlich ist. Am Ende allen Geschehens kommt es zu einer neuen Schöpfung, eines neuen Himmels und einer neuen Erde (Apk 21, 1.2). Bedeutet das aber, dass auch der Himmel veränderungsbedürftig ist, dass es vorher einen „alten“ Himmel gab? Hier ist eine Doppelbedeutung angelegt, die sich bis heute auswirkt.

Ein Kernanliegen dieser Blogbeiträge ist es, jene biblischen Vorstellungen vom Himmel wieder zu entdecken, die nicht gleich mit den Jenseitsvorstellungen überfrachtet werden. Vielleicht ist es ganz gut zwischen Himmel1 und Himmel2 zu unterscheiden.

Himmel1 als Ort der Nähe Gottes in dieser Schöpfung

Himmel1 ist Ort der Nähe Gottes. Er ist Teil der Schöpfung und sehr viele biblische Texte beziehen sich auf ihn. Er ist ein Ort der besonderen Nähe Gottes, er ist aber er steht nicht einfach für das Jenseits. Wenn der Turmbau zu Babel den Himmel zu erreichen versucht, wenn Jakob die Himmelsleiter im Traum sieht, wenn Jesaja im Tempel den Thron Gottes erahnt, der in den Himmel ragt, wenn Mose und Jesus auf hohe Berge steigen, um Gott nah zu sein, dann ist stets der Himmel1 gemeint, jener Himmel, der ganz fraglos Teil der Schöpfung ist als Gegenüber und in steter Spannung zur Erde.

Himmel2 als Jenseits

Wenn im Glaubensbekenntnis von dem Himmel die Rede ist, zu dem der Auferstandene aufsteigt, wenn der Himmel der Ort ist, an dem die Menschen nach ihrem Tode sind, dann ist vom Himmel2 die Rede. Der Himmel2 kann mit dem Jenseits identifiziert werden. Natürlich ist auch da eine Nähe Gottes, sogar auf besondere, auf endgültige Weise. Aber dieses Jenseits steht in keinem definierten Verhältnis zur Schöpfung, in der wir leben.

Beide Reden vom Himmel haben eine Bedeutung. Die Rede vom Himmel1 als Teil der Schöpfung aber hat die Fähigkeit, sogar an die naturwissenschaftliche Beschreibung des Universums anzuknüpfen. Das haben die bisherigen Beiträge gezeigt. Der Himmel2 dagegen will Aussagen über die Existenz nach dem Tode, nach der Auferstehung verorten.

Wäre es also nicht an der Zeit, einmal das wieder zu entdecken, was der Himmel1 meint? Er bezeugt: Die Nähe Gottes beginnt nicht im Jenseits!

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(5) Der Himmel – der faszinierend große Raum über uns.

Der Himmel hat die Menschheit immer schon beschäftigt. Für uns, die Menschen der Moderne, ist er das Fenster zu den gossen Weiten des Universums. Er ist der uns sichtbare Teil eines unglaublich großen Raums.

Das Universum als umfassende Größe

Dieser Raum ist schon deshalb ausgezeichnet, weil es keinen größeren gibt. Die frühen Weltbilder der europäischen Zivilisation waren geozentrisch. Das heißt, die Erde stand im Mittelpunkt des Kosmos, alles war auf sie ausgerichtet. Die modernen Wissenschaften haben diese Vorstellung deutlich relativiert. In gewisser Weise hat nun das Universum die Rolle der Erde übernommen, nun ist es das Universum, das eine letztgültige Bezugsgröße darstellt, die sich etwa in der Datierung des „Urknalls“ und der Ausmessung der Hintergrundstrahlung manifestiert.

Die bleibende Faszination

Auch durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Universum ist also der ehrfürchtige Blick der Menschen „nach oben“ nicht passé. Die bleibende Faszination lässt sich auch an der Resonanz ablesen, die neuer Erkenntnisse über das Universum auslösen. Aktuelle astrophysikalische Erkenntnisse wie die Ausmessung ferner schwarzer Löcher finden stets großes Interesse.

Anschauen des Universums

Die bleibende Ehrfurcht vor dem Himmel ist bei weitem nicht immer religiös, aber sie hat eine große Nähe zu religiösen Traditionen. Der Himmel, das von uns „angeschaute Universum“ ist auch für die christliche Religion von großer Bedeutung. Die zentrale These des jungen Theologen Friedrich Schleiermacher in seinen Reden „Über die Religion“, die schon über 200 Jahre alt sind, lautet: „Anschauen des Universums, ich bitte befreundet Euch mit diesem Begriff (…) er ist die allgemeinste und höchste Formel der Religion (…).“

Gottes Schöpfungsmacht

Die biblischen Texte bestätigen die Bedeutung des Himmels. In vielfältiger Variation machen sie deutlich, dass die irdischen Verhältnisse nicht ohne den Bezug zum Himmel verstanden werden können. Der Himmel steht für eine göttliche Nähe in der Schöpfung. Gott ist nicht ein abstrakter Gott (jene höhere Macht, die wir alle verehren…), sondern derjenige, der die Schöpfung in der Zweiteilung von Himmel und Erde geschaffen hat und der in der Gestalt des Jesus von Nazareth auf die Erde gekommen ist.

Unterscheidung von heaven und sky?

Aber muss heute nicht klar zwischen dem wissenschaftlichen Himmel (sky) und dem religiösen Himmel (heaven) unterschieden werden? Die beschriebene Faszination und Ehrfurcht gegenüber dem Universum zeigen: Der Himmel ist auch heute kein neutraler Raum, der die Erde einfach umhüllt. So kann auch der Himmel als wissenschaftlich beschriebenes Universum als Ort göttlicher Präsenz wahrgenommen werden. Es ist dann ein Ausweis für die den Menschen weit übersteigende Dimensionen, sie kann so ein Hinweis sein für die Schöpfermacht Gottes. Wer so auf das Universum blickt, die und der sieht auch das Leben auf der Erde anders.

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(3) Hoffnung – eine theologische Perspektive auf die Welt

Die letzten Beiträge dieses Blogs kreisten um die Frage, in welchem Verhältnis die Hoffnung zu unserem Wissen über die Welt steht. Offenkundig ist unser Wissen über die Welt, vor allem über die geschichtliche Entwicklung der Welt begrenzt. Hoffnung wiederum ist eng mit dieser Wissensgrenze verbunden. Könnten wir ableiten, wie die Zukunft aussieht, wären unsere Prognosen vollständig, so könnte es keine Hoffnung geben. Die Welt entwickelt sich dann genau so, wie es die Zahlen, Messungen und Hochrechnungen vorgeben. Unsere Haltung kann nur eine der Akzeptanz dieser Berechnungen sein.

Gegen einen „ruchlosen Optimismus“

Ernst Bloch relativiert in seiner Philosophie diese Vorstellung und nennt einen auf Berechnungen beruhenden Optimismus „ruchlos“. Weder haben wir Menschen die Zukunft im Griff, noch ist sie berechenbar. Diese außerordentlich wichtige Leerstelle, die seine Philosophie ausweist, kennt ein Pendant in der Theologie. Hier ist die Verheißung die Grenze aller Berechenbarkeit.

Hoffnung aufgrund von Verheißung

Jürgen Moltmann hat 1964 die berühmt gewordene „Theologie der Hoffnung“ geschrieben. Doch wenn man den Text genau liest, geht es um Hoffnung eigentlich nur am Rande. Nur das einleitende Kapitel befasst sich mit Hoffnung. Bei allen folgenden steht nicht Hoffnung, sondern Verheißung im Mittelpunkt der Betrachtung. Es ist die Verheißung Gottes, die der Grund menschlicher Hoffnung ist.

Verheißung des Reiches Gottes

Was aber ist Verheißung? Kurz und bündig: „Eine Verheißung ist eine Zusage, die eine Wirklichkeit ankündigt, die noch nicht da ist.“ (Theologie der Hoffnung, 1997, S. 92) Die Verheißung ist die Verheißung Gottes. Die Geschichte steht unter dem Vorzeichen, dass letztendlich das Reich Gottes kommen wird. Gott wird bei den Menschen sein und sie werden sein Volk sein.

Nun öffnet das natürlich nicht alle Möglichkeiten für willkürliche Behauptungen über die Zukunft. Der biblische Gott, so zeigt es Moltmann, bindet sich in Zusagen an sein Volk, er gibt diesem Volk eine Verheißung. Dies gilt auch nach der Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Nun steht die Geschichte für alle Menschen unter der Verheißung Gottes. Die christliche Botschaft „versteht Geschichte als die durch Verheißung geöffnete Wirklichkeit.“ (a.a.O., S. 204)   

Die Verheißung bleibt die Verheißung Gottes

Es ist nicht der Mensch, der ihre Verwirklichung bewerkstelligen kann, es ist der verheißende Gott. Dadurch aber kann die Verheißung nicht aus dem Bekannten abgeleitet werden. Die Wirklichkeit ist ähnlich wie bei Bloch im Fluss, sie verändert sich. Ja, es kann sogar sein, dass das Verheißungswort „zur gegenwärtigen und ehedem erfahrenen Wirklichkeit im Widerspruch steht.“ (a.a.O., S. 93)

Dies spitzt die Unkenntnis, von der Bloch ausgeht, noch weiter zu. Die Hoffnung folgt einer Verheißung, die in gewisser Weise sogar kontrafaktisch sein kann! Das heißt, dass der christliche Glaube nach Jürgen Moltmann in sehr strengem Sinne auch mit dem rechnen sollte, was sich als unberechenbar erweist.

Unser Handeln soll unserer Hoffnung und der Verheißung Ausdruck geben

Das Nichtwissen um die Zukunft wird in der Theologie der Hoffnung durch die Unterscheidung von Gott und Mensch beschrieben. Die Geschichte steht unter der Verheißung Gottes, die für uns aber kein „Masterplan“ ist, aus dem alle zukünftigen Entwicklungen ablesbar wären. Aber weil die Verheißung Gottes in der christlichen Gemeinde wachgehalten und erinnert wird, „muss auch ihr Leben und Leiden, ihr Wirken und Handeln in der Welt und an der Welt von dem geöffneten Vorraum ihrer Hoffnung für die Welt bestimmt sein.“ (a.a.O., S. 301)

Zugespitzt formuliert: Gerade die Beachtung der Differenz zwischen Gott und Mensch macht es möglich, immer neu auf die Verheißung Gottes zu hören, die wir uns selbst nicht geben können. Diese Verheißung kann in unseren Lebensverhältnissen geradezu kontrafaktisch sein. Aber dennoch bleibt die Verheißung bestehen und wir sind aufgefordert, unser Handeln nicht aus der berechenbaren Wirklichkeit abzuleiten, sondern aus einer Geschichte, die n dem Vorschein des Reiches Gottes unter seiner Verheißung steht.

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(1) Hoffnung – Was können wir von Ernst Bloch lernen?

Kaum ein Buch ist so sehr mit einer Philosophie der Hoffnung verbunden, wie das Hauptwerk von Ernst Bloch „Das Prinzip Hoffnung“. Im letzten Beitrag dieses Blogs habe ich es kurz erwähnt, es hat in den 60er Jahren Furore gemacht, es ist zahlreich gelesen und kommentiert worden, in einer Zeit einer großen Zukunftserwartung. Die 60er Jahre waren in vielfacher Hinsicht eine Zeit des Aufbruchs. Technologische Visionen mischten sich mit sozialen und politischen Visionen.

Doch ist „Das Prinzip Hoffnung“ nicht in dieser Zeit geschrieben worden, im Gegenteil: In dunkelster Zeit hat Ernst Bloch an dem Text gearbeitet, als Flüchtling in den USA, herausgerissen aus der deutschsprachigen akademischen Welt, jemand, der in der erzwungenen neuen Umgebung nicht leicht Fuß fassen konnte. In dieser Zeit beschäftigte sich Bloch mit dem Thema der Hoffnung.

Blochs Lebensthema

Schon in seiner Dissertation und in größeren Veröffentlichungen hatte sich Bloch immer wieder mit der Dimension der Zukunft befasst, zentral sind seine Untersuchungen zur Utopie. Insofern ist das Thema biographisch angelegt und doch ist es im Nachhinein verwunderlich, dass sich Bloch ausgerechnet in der kargen und in vieler Hinsicht entbehrungsreichen Zeit des Exils mit dem Thema Hoffnung befasst hat. Denn zur Hoffnung gab es über lange Zeit wenig Anlass. Blochs Flucht aus Deutschland hatte mehrere Stationen, zuletzt war er bis 1939 in Prag, musste aber auch von dort kurz vor der Annexion fliehen.

Die dunkle Zeit

Auch in den USA gab es wenig Grund zur Hoffnung. In den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs eilte das Deutsche Reich von einem Erfolg zum nächsten, eine Wende zeichnete sich erst ab Ende 1942 ab. In den letzten Kriegsjahren begannen die systematische Verfolgung und Ermordung der in Europa lebenden Juden. Die Zerstörungen, die der Krieg hinterließ, waren von einem bis dahin unbekannten Ausmaß. Auch nach 1945 folgte nach dem Krieg erst einmal eine Zeit der Entbehrungen angesichts all der Zerstörungen.

Die Zukunft ist offen

Über die persönlichen Beweggründe kann man sicherlich nur spekulieren. Ich glaube aber, dass es in dem Ansatz der Philosophie von Ernst Bloch einen Grund gibt, warum er in der Lage war, sich in dunkler Zeit gerade mit Hoffnung zu befassen. Und dieser Grund ist außerordentlich wichtig für die heutige Beschäftigung mit dem Thema.

Bloch unterscheidet Hoffnung deutlich von einer Prognose, gleich aus zwei Gründen. Zum einen ist die materielle Wirklichkeit für ihn ein offener Prozess, der Neues hervorzubringen in der Lage ist, es gibt in der Zukunft eine reale Offenheit („Das Prinzip Hoffnung“ 1973, Bd. 1, S. 274). Vor allem aber können Menschen das Künftige nur erahnen, denn sie leben im „Dunkel des Augenblicks“ (a.a.O. S. 334). Menschen sind der Gegenwart verhaftet, haben nicht den Überblick. Es ist möglich, Tendenzen der Geschichte zu erkennen, das ist der wichtigste Grund zur Hoffnung. Aber die Tendenz ist keine Prognose. Sie bietet keinen Automatismus, dass sich alles zum Guten wendet.

Wäre es nicht besser, wir wüssten genau, wie es in Zukunft weiter geht? Wäre es nicht besser, wir hätten klare Prognosen, eindeutige Daten, um die Zukunft zu gestalten? Bloch hat da eine klare Position: Wer meint, die Zukunft mit seinem Wissen in den Griff bekommen zu können, hat seiner Ansicht nach keine Hoffnung. Vielmehr entsteht auf diese Weise ein „abstrakt-ruchloser Optimismus“ (a.a.O. S. 277), wie Bloch es nennt. Die Aussagekraft jeder wissenschaftlichen Prognose im Hellfeld aller verfügbaren Daten will die Zukunft in den Griff kriegen und verliert das Wichtigste, was sie für uns in der Gegenwart ausmacht: Die Hoffnung.

Was wir nicht wissen, nicht wissen können

Die Fähigkeit, Hoffnung zu haben, ist also gerade nicht durch ein detailliertes Wissen bestimmt, sondern durch ein fundamentales Nicht-Wissen! Dieses Nicht-Wissen über die Zukunft trotz aller realen Tendenzen, die Bloch so wichtig waren, ermöglicht ein Staunen und eine Offenheit über das, was da kommen wird.

Was heißt das für unsere eher hoffnungsarme Zeit? Haben wir das Staunen verlernt? Geben wir den wissenschaftlichen Prognosen zu viel Raum? Glauben wir zu sehr, es sei alles berechenbar? In einer solchermaßen ausgeleuchteten Welt fehlt nicht nur das Überraschende, auch die Hoffnung, die sich aus den Ahnungen, den Visionen, den Symbolen und Erzählungen nach vorne nährt, hat es schwer.

Über den philosophischen Ansatz von Ernst Bloch kann man mit guten Gründen streiten. In seiner Betonung der Fruchtbarkeit der Begrenztheit unseres Wissens scheint aber eine zentrale Erkenntnis auf. Sie ist eng mit der Fähigkeit zu einer kraftvollen Hoffnung verbunden. Die Neugier auf die immer auch unbekannte Zukunft, die Offenheit für das noch Unverstandene, das Staunen über das, was da kommt, ist eine Quelle jener Hoffnung, auf die Bloch in seinem Werk weist. Das ist auch der Grund zu suchen, warum er auch in dunkler Zeit sich so intensiv mit der Hoffnung beschäftigen konnte.

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Warum die Schöpfung mehr meint als die naturwissenschaftlich beschriebene Welt

Warum reden wir von der Schöpfung?

Die „Schöpfung“ ist auch heute ein öfter gebrauchtes Wort. Auch in einer säkularen Kultur kommt es hin und wieder vor. Der Slogan „Die Schöpfung bewahren“ leuchtet vielen ein, auch wenn sie nicht viel mit dem Glauben an Gott anfangen können. Es geht vielen, auch den Aktivisten von „Fridays for Future“ darum, zu verhindern, dass sich das Weltklima drastisch ändert. Es geht darum, die Verhältnisse, die wir auf der Erde vorgefunden haben, möglichst zu erhalten. „Unser Klima erhalten“ hat eine große Nähe zu „Schöpfung bewahren“. Damit ist in der Tat etwas ganz Wichtiges angesprochen, worauf das Wort „Schöpfung“ zielt.

Schöpfung und Natur – ein Spannungsverhältnis

Andererseits einmal wirkt das Wort „Schöpfung“ veraltet, aus der Zeit gefallen. Wer „Schöpfung“ sagt, muss doch auch einen „Schöpfer“ annehmen, wer von der „Schöpfung“ redet, redet auch von Gott, den Schöpfer. Doch genau das fällt immer mehr Menschen in unserer Zeit sehr schwer. In früheren Zeiten war die Rede von der Schöpfung eine allgemein akzeptierte Weise, von der Welt zu reden. Die christliche Rede von der Schöpfung war eng verbunden mit den Vorstellungen der klassischen griechischen Philosophie. Im Mittelalter waren sie die schlüssigsten Weltbeschreibungen, die man kannte.

Doch das änderte sich mit dem Aufkommen der Naturwissenschaften in der frühen Neuzeit. Nun entstanden Theorien über die Welt, die nicht so leicht mit der christlichen Überlieferung vereinbaren ließen. In den ersten Jahrhunderten gab es nicht wenige Naturforscher, die die Hoffnung hatten, beides, das Christentum und die Wissenschaft mit zu einem harmonischen Ganzen  vereinen zu können. Dazu gehörten viele führende Forscher wie Isaak Newton oder Johannes Kepler. Doch spätestens im 19. Jahrhundert brach diese Verbindung ab. Nun standen auf der einen Seite die Naturwissenschaften und auf der anderen Seite die christlichen Überlieferungen. Die große Mehrzahl der Christinnen und Christen entziehen sich seitdem dieser Spannung, indem sie den Glauben als etwas Subjektives, als etwas Individuelles beschreiben. Es kommt danach vor allem auf die eigenen persönlichen Erfahrungen an, die man macht. Das ermöglicht, den Glauben zu bewahren, auch wenn man auf der anderen Seite als moderner Mensch den Naturwissenschaften Recht gibt.

Die Rede von der Schöpfung bleibt unverzichtbar

Eine Ausnahme stellt dann die moralische, die appellative Rede dar: „Wir müssen die Schöpfung bewahren!“. Doch wenn man dann nachfragt, was genau unter der Schöpfung zu verstehen ist, dann ist damit oft nichts anderes gemeint, als das, was die Naturwissenschaften beschreiben, es geht dann etwa um das 2 Grad Ziel. Meiner Ansicht nach, reicht eine solche mahnende Rede von der Schöpfung nicht aus. Wenn die biblischen Texte von der Schöpfung reden, meinen sie viel mehr. Sie weisen auf eine ganz eigene Dimension von Wirklichkeit, die nicht subjektiv ist, die aber auch von den Naturwissenschaften nicht erfasst werden kann. Wie kommt diese Dimension von Wirklichkeit in den Blick? Der entscheidende Punkt ist, auf den zu achten, wer redet. Menschen, die über die Welt reden, sind voll und ganz Teil von dem, worüber sie reden. Diese Ausgangsbedingung dürfen wir nicht ignorieren, denn wenn man sie übersieht, führt das zu Verzerrungen. Die Welt ist kein Gegenüber, sondern umhüllt uns. Wir sind auf das Innigste mit der uns umgebenden Wirklichkeit verbunden. Das belegt jeder Atemzug, die Nahrung, die Wärme, ohne die wir nicht existieren können.

Die Naturwissenschaften beschreiben dagegen die Welt, als ob die Wissenschaftler als Beobachter nicht dazu gehörten. Das ist der Kern des Erfolgs der Wissenschaften: Sie erkennen nur, indem sie strenge Methoden anwenden. Methoden aber sind ein geregeltes Verfahren, um etwas auf Abstand zu bringen. Wenn man einen klaren Nachthimmel mit einer überwältigenden Zahl von Sternen sieht, kann man ganz ehrfürchtig werden. So reagieren auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Doch dürfen sie nicht bei dem Staunen stehen bleiben, wenn sie die Wissenschaft ernst nehmen, sondern müssen dann nüchtern und kontrolliert eine Fülle von Details untersuchen, die einem laienhaften Blick verborgen bleiben.

Wer aber von der Schöpfung redet, hält an dem Staunen und der Ehrfurcht fest. Denn auch das Staunen und die Ehrfurcht zeigen etwas über diese Welt. Das ist so, gerade weil wir Menschen uns nicht auf die Rolle eines neutralen Beobachters beschränken können. Wir sind Teil von dem, was wir betrachten. Als im letzten Sommer für längere Zeit in Deutschland der Regen ausblieb, beschlich nicht wenige Menschen eine starke Irritation. Die scheinbar bekannten Landschaften, die Felder und Wälder zeigten sich mit einem Mal in einem neuen Licht: Sie waren durch die Trockenheit gefährdet, die Ernte war gering oder blieb ganz aus, Waldbrandgefahr an allen Orten. In solchen Situationen erkennen wir mit aller Intensität, wenn abhängig wir sind von unserer Umgebung, von der uns umgebenden Wirklichkeit.

Die Schöpfung weist auf den Schöpfer

Es geht hier um Abhängigkeit, um Verletzlichkeit, um Verbundenheit. Auf diese Dimension der Wirklichkeit will der Begriff der Schöpfung weisen! Das steht im Zentrum der biblischen Texte. Es geht auch nicht um eine Welttheorie, sondern um das Verhältnis, das wir leibliche Menschen zu unserer Umwelt haben. Auch in der naturwissenschaftlich und technisch bestimmten Moderne haben wir uns nicht von der Abhängigkeit lösen können. Die Abhängigkeit und die Verbundenheit gehören zum Menschsein, solange Menschen leben.

Soweit können auch säkulare Menschen, die dem Glauben fern stehen, zustimmen, ohne dass sie deshalb die Natur Schöpfung nennen müssten. Der Abhängigkeit und Verbundenheit mit der Wirklichkeit wird von Christinnen und Christen nun aber mit dem Wort der Schöpfung beschrieben. Denn die Verbundenheit mit der uns umgebenden Natur ist nur ein Hinweis auf die noch  tiefere Verbundenheit mit Gott. Das kommt zum Ausdruck, wenn Gott Noah verspricht: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22) In der Verbundenheit mit der Natur kann die tiefere Verbundenheit mit Gott entdeckt werden. Das kommt auch zum Ausdruck, wenn Jesus auf die Lilie auf dem Felde weist: „Schaut die Lilien auf dem Felde an! (…) Wenn nun Gott das Gras auf dem Feld so kleidet, das doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird, sollte er nicht viel mehr für euch tun, ihr Kleingläubigen?“ (Mt 5, 28.30)

Wer von der Schöpfung redet, sieht sich bewusst als ein endlicher und verletzlicher Mensch. Der Hinweis auf die Schöpfung ist eine Möglichkeit, Spuren Gottes in der Welt zu entdecken. Genau das tun die Naturwissenschaften nicht, das können und wollen sie nicht, gerade weil sie methodisch kontrolliert die Welt betrachten. Es gibt ein weiteres Indiz, dass die Rede von der Schöpfung von derselben Wirklichkeit redet und doch etwas ganz anderes meint als die Naturwissenschaften. Die Zuwendung Gottes in der Schöpfung zeigt sich immer konkret in diesem oder jenem Lebewesen. Die Liebe ist immer konkret, nie abstrakt allgemein. Doch einzelne Wesen sind in der Regel in den Naturwissenschaften irrelevant. Denn das, was das einzelne Lebewesen, auch den einzelnen Menschen betrifft, ist nie allgemein, sondern immer konkret. Die Naturwissenschaften interessieren sich nur dann für einzelne Wesen, wenn sie von ihnen aus Allgemeines ableiten können.

Wir reden von der Schöpfung, wenn wir in konkreten Begegnungen sind, wenn wir uns selbst nicht aus der Beziehung herausnehmen. Dann reden wir in Dankbarkeit oder auch als Klage, aber nie neutral so wie in theoretischen Ansätzen. Die Dankbarkeit wie auch die Klage wird Gott gegenüber geäußert als dem Schöpfer der Schöpfung.

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