(1) Vertrauen ist notwendig für die menschliche Existenz

Warum vertrauen wir anderen Menschen? Könnten wir es nicht auch sein lassen? So lange wir miteinander handeln, so lange ist Vertrauen eine unumgängliche Dimension unseres Handelns. Und: als Menschen sind wir angewiesen darauf, miteinander zu handeln.

Die Bedingungen der leiblichen Existenz

Ein einzelner Mensch, der völlig autark leben wollte, bräuchte auf erstem Blick kein Vertrauen zu anderen Menschen. In dieser Vorstellung spiegelt sich ein zentrales und sehr mächtiges Leitbild unserer Zeit. Aber, um überleben zu können, braucht jeder Mensch Artefakte, die ihm das Überleben ermöglichen. Ein Einzelner kann nicht alles vollständig neu erfinden. Hier zeigt sich eine fundamentale Abhängigkeit. Diese Abhängigkeit ist Ausdruck unserer leiblichen Existenz. Als leibliche Wesen sind wir bedürftige, verletzlich und so auch abhängige Wesen. Alle Fantasien, die von der Autarkie einzelner Menschen ausgehen, ignorieren diese Bedingungen der leiblichen Existenz.

Menschen als Mängelwesen

Wir Menschen sind Mängelwesen. Unsere dürftige biologische Ausstattung hat zur Folge, dass wir nicht überleben, wenn wir nicht die Unterstützung anderer Menschen, wenn wir eine Unterstützung durch Artefakte zur Verfügung haben. Zu den Artefakten gehört schon die Kleidung, aber auch Werkzeuge und die Fähigkeit, verlässlich Feuer zu machen. Also braucht jeder Mensch entweder direkte Hilfe durch andere Menschen oder aber indirekt durch die Hilfe von Artefakten, die wiederum auch durch andere Menschen entwickelt und bereitgestellt worden sind. Dies gilt ausdrücklich auch für einen fähigen, aktiven erwachsenen Menschen, der sich in vielem auch selbst helfen kann.

Der Mensch in seinen bedürftigen Lebensphasen

Tatsächlich ist unsere menschliche Situation aber noch viel prekärer. Wir kommen auf die Welt als vollständig Abhängige. Die Abhängigkeit in den ersten Lebensjahren kann prinzipiell nicht beseitigt werden. Ohne andere Menschen haben wir nicht einmal die Möglichkeit, den Beschluss zu fassen, unabhängig leben zu wollen. Kann man aber nicht die Fürsorge durch Technik ersetzen? Vielleicht ist das irgendwann möglich, aber dann verlagert sich die Fürsorge nur auf die Gestaltung der Technik, die die unmittelbare Fürsorge ersetzt. Andere Phasen des gesteigerten Angewiesenseins auf andere Menschen sind das Alter und die Krankheit. All das zeigt: Vertrauen ist ein Grundelement menschlicher Existenz.

Vertrauen ermöglicht Kultur

Das Bedeutung des Themas Vertrauen lässt sich nicht nur über die Betonung des Mangels und der Bedürftigkeit deutlich machen, sondern auch über die positive Fähigkeit zur menschlichen Kultur. Der Anthropologe Michael Tomasello hat zeigen können, dass die Fähigkeit zu gemeinsamem Handeln nicht nur der Kompensation von Mängeln geschuldet ist, sondern auch zu einer Explosion menschlicher Möglichkeiten und Fähigkeiten geführt hat. Tomasello nennt dies den Wagenheber Effekt, der die Spezies Mensch von allen anderen Spezies unterscheidet. Der Effekt beruht auf der Fähigkeit der geteilten Intentionalität.

Geteilte Intentionalität

Was heißt das? Tiere können sich auch in ihrem Verhalten auf ein gemeinsames Objekt beziehen. So warnen Vögel Artgenossen durch ihren Ruf, wenn ein Fressfeind sich nähert. Sie beziehen sich auf dasselbe Objekt, auf dasselbe Gegenüber. Beim Menschen aber kommt noch etwas hinzu, nämlich das Wissen darum, dass das Gegenüber die gleiche Intention hat. Dadurch wird die geteilte Intentionalität sehr viel variantenreicher. So ist es möglich, sich in gleicher Weise auf ein imaginäres Objekt zu beziehen. Es ist möglich, sich in gleicher Weise auf ein abwesendes Objekt zu beziehen. Menschen warnen nicht nur aktuell vor Fressfeinden, sondern können auch überlegen, wie sie das nächste Mal ein besseres Warnsystem aufbauen können.

Geteilte Intentionalität als Keimzelle der Kulturentwicklung

Tomasello sieht in der geteilten Intentionalität die Keimzelle menschlicher Kulturentwicklung. Und damit ist von Beginn an das Vertrauen gesetzt. Denn die geteilte Intentionalität könnte ja auch nur vorgetäuscht sein. Jeder Mensch ist sich bewusst, dass die, der andere eine Vorstellung von den eigenen Absichten hat.  So lassen sich die Absichten aber auch vortäuschen, zu den eigenen Gunsten und zum Nachteil der anderen. Jede kulturelle Entwicklung beruht also auch auf dem Vertrauen, dass andere Menschen ihre Intentionalität nicht nur vorspielen.

Vertrauen korreliert mit menschlicher Verbundenheit

In der negativen Wendung (die Bedürftigkeit und Abhängigkeit der Menschen) wie in der positiven Wendung (die Fähigkeit zu einer komplexen kulturellen Entwicklung) zeigt sich, wie elementar das Vertrauen für die menschliche Existenz ist. Sie ist ein Ausdruck unaufhebbarer menschlicher Verbundenheit. Zu der Frage menschlicher Verbundenheit gibt es hier mehr Informationen.

(7) Ist der Himmel transzendent, nicht eher revolutionär?

In den bisherigen Beiträgen in diesem Blog wurde deutlich: Der Himmel ist in den biblischen Texten keine transzendente Größe, kein unbekanntes Jenseits. In ihnen schwingt immer auch jener Himmel mit, den wir sehen, wenn wir nach oben blicken. Auch dieser Himmel über uns erscheint aber immer sehr weit entfernt, insbesondere dann, wenn wir den Sternenhimmel in der Nacht betrachten.

Nahe herbeigekommen?

Anders lautete die Predigt des Jesu von Nazareth: Das Reich Gottes, das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Damit werden die Verhältnisse auf der Erde in Frage gestellt. Jesus steht mit dieser Ansage in einer langen Tradition von Prophetinnen und Propheten.

Spannung von Anfang an

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. So beginnt der Text der Bibel. Von Anfang an also war in der Schöpfung eine Spannung. Nicht alles war gleich gemacht, es gab zunächst den fundamentalen Unterschied von Himmel und Erde. Im weiteren Verlauf der biblischen Erzählungen wird deutlich: Die Erde ist die Sphäre des Menschen, der Himmel ist die Sphäre Gottes.

Sind also nun beide schiedlich, friedlich getrennt? Nein, alle Erzählungen der Bibel haben es immer wieder mit der Interaktion von Himmel und Erde zu tun. Die Menschen wollen hinauf, Turmbau zu Babel, Gott begibt sich immer wieder herunter, Berg Sinai, in der Wolkensäule, der Feuersäule usw.  

Die Schöpfung ist in Unruhe

Das ungeklärte Verhältnis von Nähe und Distanz schafft Unruhe. Die Verhältnisse auf der Erde wirken manchmal starr und unveränderlich. Doch werden sie immer wieder in Bewegung versetzt. Biblisch gesagt: Die Erde bekommt es dann mit dem Himmel zu tun.

Durch das ständige Hin und Her entlädt sich die Spannung immer wieder neu und verändert die Verhältnisse auf der Erde. Auf keinen Fall also ist der Himmel der Bibel in dem Sinne transzendent, dass er mit der Erde nichts zu tun habe.

Himmlische Revolutionen

Ist der Himmel dann nicht eher revolutionär? Die Interaktionen von Himmel und Erde führen doch immer wieder zu tiefgreifenden Veränderungen auf der Erde. Das geschieht etwa durch die Aktionen der Propheten, jenen von Gott auserwählten Menschen, die Gottes Wort und Gottes Willen verkünden. Die Propheten sind nicht die, die die bestehenden Verhältnisse bestätigen. Vielmehr stellen sie sie in Frage. Ihre Aufgabe ist deshalb nicht gerade einfach und auch nicht besonders beliebt. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass Jeremia sich eher widerwillig reagiert, als er von Gott berufen wird.

Die irdischen Verhältnisse zum Tanzen bringen

Deshalb ist auch die Rede des Jesus von Nazareth revolutionär, weil sie das Kommen des Reiches Gottes, das Kommen des Himmelreiches ankündigt. Das Vaterunser greift diese revolutionären Impulse auf: „Dein Reich komme.“ Wenn Gottes Reich kommt, bleibt nicht alles beim Alten, sondern erneuert sich von Grund auf. „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Wiederum: Wenig von dem, was hier auf Erden geschieht, ist doch wohl so, wie Gott es will!? Wahrscheinlich ist die Rede von der Nähe des Himmelreiches revolutionärer als vieles, was in manchen politischen Programmen zum Ausdruck kommt.

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(6) Der Himmel und das Jenseits

In der christlichen Tradition gab es schon sehr früh eine Verbindung des Himmels mit Jenseitserwartungen, mit Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. In den ersten christlichen Gemeinden wird schnell der Himmel zu dem Ort, zu dem der auferstandene Christus aufgefahren ist. Es ist auch der Ort, der den Christinnen und Christen nach der künftigen Auferstehung eine neue Heimat bieten wird: „Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch, der zweite Mensch ist vom Himmel.“ (1 Kor 15,47) Die Vorstellungen über die zukünftige himmlische Existenz werden aber ebenso wenig ausgemalt wie die Existenz des auferstandenen Christus zur Rechten Gottes. Der Himmel hat hier die Funktion des Jenseits.

Der Himmel als Jenseits

Die Vorstellungen des Himmels als Ort des Jenseits, als der Ort, an dem die Toten bei Gott sind, hat sich in der christlichen Tradition immer mehr durchgesetzt. Himmel und Jenseits verschmolzen miteinander. Bernhard Lang und Colleen McDannell haben ein wichtiges umfassendes Buch über die Kulturgeschichte des Himmels in christlichen Vorstellungen geschrieben („Der Himmel. Eine Kulturgeschichte des ewigen Lebens, Frankfurt am Main 1996) Entscheidend ist die Botschaft: Wie auch immer die Existenz nach der Auferstehung sein wird, es wird eine himmlische Existenz in der ungehinderten Nähe Gottes sein, das ewige Leben knüpft an die Vorstellungen vom Himmel an.

Die Vorstellung vom Himmel als Jenseits ist aber eine Engführung gegenüber der Vielfalt der biblischen Vorstellungen. Denn dort überwiegen die Hinweise auf den Himmel als Teil dieser Schöpfung, als deren besonderer Teil, nicht als das etwas Jenseitiges.

Himmel als Nähe Gottes

In den bisherigen Blogbeiträgen war von dem diesseitigen Himmel die Rede, der auch schon eine Nähe und Präsenz Gottes zum Ausdruck bringt.

 Wie verhalten sich die Vorstellungen des Himmels als Jenseits mit den bisher in diesem Blog besprochenen Vorstellungen vom Himmel? In den bisherigen Überlegungen war der Himmel ein Ort der besonderen Nähe Gottes, aber er war ganz klar zugleich Teil der Schöpfung, in der wir jetzt schon leben. Er wies auf die schiere Größe des Universums und damit indirekt auf die Herrlichkeit des Schöpfers, aber er war nicht das unbekannte Jenseits.

Alter Himmel, neuer Himmel?

In der Apokalypse des Johannes zeigt sich, dass die Rede vom Himmel schon in den biblischen Texten nicht einheitlich ist. Am Ende allen Geschehens kommt es zu einer neuen Schöpfung, eines neuen Himmels und einer neuen Erde (Apk 21, 1.2). Bedeutet das aber, dass auch der Himmel veränderungsbedürftig ist, dass es vorher einen „alten“ Himmel gab? Hier ist eine Doppelbedeutung angelegt, die sich bis heute auswirkt.

Ein Kernanliegen dieser Blogbeiträge ist es, jene biblischen Vorstellungen vom Himmel wieder zu entdecken, die nicht gleich mit den Jenseitsvorstellungen überfrachtet werden. Vielleicht ist es ganz gut zwischen Himmel1 und Himmel2 zu unterscheiden.

Himmel1 als Ort der Nähe Gottes in dieser Schöpfung

Himmel1 ist Ort der Nähe Gottes. Er ist Teil der Schöpfung und sehr viele biblische Texte beziehen sich auf ihn. Er ist ein Ort der besonderen Nähe Gottes, er ist aber er steht nicht einfach für das Jenseits. Wenn der Turmbau zu Babel den Himmel zu erreichen versucht, wenn Jakob die Himmelsleiter im Traum sieht, wenn Jesaja im Tempel den Thron Gottes erahnt, der in den Himmel ragt, wenn Mose und Jesus auf hohe Berge steigen, um Gott nah zu sein, dann ist stets der Himmel1 gemeint, jener Himmel, der ganz fraglos Teil der Schöpfung ist als Gegenüber und in steter Spannung zur Erde.

Himmel2 als Jenseits

Wenn im Glaubensbekenntnis von dem Himmel die Rede ist, zu dem der Auferstandene aufsteigt, wenn der Himmel der Ort ist, an dem die Menschen nach ihrem Tode sind, dann ist vom Himmel2 die Rede. Der Himmel2 kann mit dem Jenseits identifiziert werden. Natürlich ist auch da eine Nähe Gottes, sogar auf besondere, auf endgültige Weise. Aber dieses Jenseits steht in keinem definierten Verhältnis zur Schöpfung, in der wir leben.

Beide Reden vom Himmel haben eine Bedeutung. Die Rede vom Himmel1 als Teil der Schöpfung aber hat die Fähigkeit, sogar an die naturwissenschaftliche Beschreibung des Universums anzuknüpfen. Das haben die bisherigen Beiträge gezeigt. Der Himmel2 dagegen will Aussagen über die Existenz nach dem Tode, nach der Auferstehung verorten.

Wäre es also nicht an der Zeit, einmal das wieder zu entdecken, was der Himmel1 meint? Er bezeugt: Die Nähe Gottes beginnt nicht im Jenseits!

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(5) Der Himmel – der faszinierend große Raum über uns.

Der Himmel hat die Menschheit immer schon beschäftigt. Für uns, die Menschen der Moderne, ist er das Fenster zu den gossen Weiten des Universums. Er ist der uns sichtbare Teil eines unglaublich großen Raums.

Das Universum als umfassende Größe

Dieser Raum ist schon deshalb ausgezeichnet, weil es keinen größeren gibt. Die frühen Weltbilder der europäischen Zivilisation waren geozentrisch. Das heißt, die Erde stand im Mittelpunkt des Kosmos, alles war auf sie ausgerichtet. Die modernen Wissenschaften haben diese Vorstellung deutlich relativiert. In gewisser Weise hat nun das Universum die Rolle der Erde übernommen, nun ist es das Universum, das eine letztgültige Bezugsgröße darstellt, die sich etwa in der Datierung des „Urknalls“ und der Ausmessung der Hintergrundstrahlung manifestiert.

Die bleibende Faszination

Auch durch die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Universum ist also der ehrfürchtige Blick der Menschen „nach oben“ nicht passé. Die bleibende Faszination lässt sich auch an der Resonanz ablesen, die neuer Erkenntnisse über das Universum auslösen. Aktuelle astrophysikalische Erkenntnisse wie die Ausmessung ferner schwarzer Löcher finden stets großes Interesse.

Anschauen des Universums

Die bleibende Ehrfurcht vor dem Himmel ist bei weitem nicht immer religiös, aber sie hat eine große Nähe zu religiösen Traditionen. Der Himmel, das von uns „angeschaute Universum“ ist auch für die christliche Religion von großer Bedeutung. Die zentrale These des jungen Theologen Friedrich Schleiermacher in seinen Reden „Über die Religion“, die schon über 200 Jahre alt sind, lautet: „Anschauen des Universums, ich bitte befreundet Euch mit diesem Begriff (…) er ist die allgemeinste und höchste Formel der Religion (…).“

Gottes Schöpfungsmacht

Die biblischen Texte bestätigen die Bedeutung des Himmels. In vielfältiger Variation machen sie deutlich, dass die irdischen Verhältnisse nicht ohne den Bezug zum Himmel verstanden werden können. Der Himmel steht für eine göttliche Nähe in der Schöpfung. Gott ist nicht ein abstrakter Gott (jene höhere Macht, die wir alle verehren…), sondern derjenige, der die Schöpfung in der Zweiteilung von Himmel und Erde geschaffen hat und der in der Gestalt des Jesus von Nazareth auf die Erde gekommen ist.

Unterscheidung von heaven und sky?

Aber muss heute nicht klar zwischen dem wissenschaftlichen Himmel (sky) und dem religiösen Himmel (heaven) unterschieden werden? Die beschriebene Faszination und Ehrfurcht gegenüber dem Universum zeigen: Der Himmel ist auch heute kein neutraler Raum, der die Erde einfach umhüllt. So kann auch der Himmel als wissenschaftlich beschriebenes Universum als Ort göttlicher Präsenz wahrgenommen werden. Es ist dann ein Ausweis für die den Menschen weit übersteigende Dimensionen, sie kann so ein Hinweis sein für die Schöpfermacht Gottes. Wer so auf das Universum blickt, die und der sieht auch das Leben auf der Erde anders.

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(4) Himmel und Erde – ein dauerhaftes Spannungsverhältnis

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Dieser Vers steht ganz am Anfang des biblischen Textes. „Am Anfang“ bedeutet: Gott schuf gleich zu Beginn, als erstes eine Dualität: Himmel UND Erde. Da steht nicht: Gott schuf die Welt. Oder: Gott schuf die Wirklichkeit. Sondern: Gott schuf Himmel und Erde, sowohl das Eine wie auch das Andere. Das Eine ist nicht ohne das Andere.  Der Himmel ist nicht ohne die Erde, aber für uns, die Erdlinge, ist viel wichtiger: Die Erde ist auch nicht ohne den Himmel. Der war von Anfang an da und von Anfang an war die Erde auf den Himmel bezogen.

Himmel und Erde – Gott und Mensch

Und das ist auch heute so. In gewisser Weise schafft diese Dualität, das Gegenüber der Sphäre Gottes und der Sphäre des Menschen eine stete Spannung, auf die die biblischen Texte immer wieder zu sprechen kommen. Die Bezogenheit des Menschen auf Gott, des Geschöpfes auf den Schöpfer, ist in die Wirklichkeit eingeprägt durch die Sphären von Himmel und Erde.

Engel als klassische Mittlerwesen

Engel, die Boten Gottes überqueren regelmäßig die Grenze zwischen Himmel und Erde. Sie überbringen den Menschen göttliche Nachrichten. Sie wirken auf die Verhältnisse auf der Erde ein, aber nie so, dass das Spannungsverhältnis grundsätzlich in Frage gestellt wird.

Orte der Nähe Gottes

Es gibt in dem Rahmen der biblischer Erfahrungswelt Orte auf der Erde, die Gott näher sind, da sind die hohen Berge. Menschen steigen in biblischen Erzählungen auf Berge, um Gott näher zu kommen. Da ist der Berg Horeb, wo sich Gott Mose offenbart und sein Gesetz verkündigt, da ist der Berg in Jerusalem, auf dem der Tempel Gottes steht, da ist der Berg Tabor, an dem Jesus verklärt wird. Menschen können sich, wenn Gott will, dem Himmel nähern, auf Bergen, im Tempel. Versuchen Sie es aber eigenmächtig, so scheitert der Versuch wie beim Turmbau zu Babel.

Himmlische Verhältnisse wirken auf irdische Verhältnisse

Jesus nun verkündet auf neue Weise die Nähe des Reiches Gottes. Diese Nähe revolutioniert die Verhältnisse auf der Erde. Sicher geglaubte Ordnungen werden in Frage gestellt. Das Reich Gottes fügt sich nicht einfach den menschlichen Ordnungen. Besonders deutlich wird das im Magnifikat, mit dem Maria auf die Verkündigung der himmlischen Engel reagiert, dass sie schwanger wird. Sie singt in Dankbarkeit von dem Gott, der irdische Verhältnisse umstürzt.

Und seine Barmherzigkeit währet für und für

bei denen, die ihn fürchten.

Er übt Gewalt mit seinem Arm

und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

Er stößt die Gewaltigen vom Thron

und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern

und lässt die Reichen leer ausgehen. (Lk 1, 50-53)

Der Himmel ist stets präsent

Der Himmel ist so eine in der Bibel stets präsente Dimension der Wirklichkeit. Sie verändert die Verhältnisse auf der Erde. Sie motiviert die Menschen, dementsprechend anders zu handeln. Zweierlei ist bemerkenswert:

  1. Die Erde und ihre Verhältnisse wird nie isoliert betrachtet. Die Welt des Menschen ist nie nur für sich.
  2. Die Dynamik des Verhältnisses von Himmel und Erde ist eindeutig ausgerichtet, sie weist vom Himmel auf die Erde.

Die Moderne eine Zeit ohne Himmel?

In unserer Zeit versuchen die Menschen auf der Erde ohne den Himmel auzukommen. Sie setzen auf die eigene Kraft und Gestaltungsmacht. Wenn etwas gelingt, neue Erfindungen, neue Entdeckungen, fühlt sie sich bestätigt. Doch was ist, wenn etwas misslingt, wenn ihnen ihre eigenen Erfindungen über den Kopf wachsen (Klimawandel, Künstliche Intelligenz)?

Der Mensch zwischen Himmel und Erde

So schwanken wir zwischen Selbstermächtigungsfantasien (Kolonisierung des Mars!, Die Schaffung des neuen Menschen!, Transhumanismus!, Überwindung der Krankheiten und der Sterblichkeit!) und Weltuntergangsfantasien (Klimakatastrophe!, Fremdherrschaft der KI Systeme!, Atomare Kriege und Auslöschung der Menschheit!)

Weder diese Ängste noch diese Hoffnungen führen uns weiter. Wahrscheinlich wären wir eher zu rationalem Handeln fähig wenn wir uns unsere eigene Begrenztheit im Guten wie im Schlechten eingestehen würden. Wir sind leibliche Wesen, Erdlinge. Die biblischen Texte haben die Erde stets begrenzt gesehen durch den Himmel. Aber auch ausgerichtet auf den Himmel. Dieses Zugleich von Verbundenheit mit der Erde und von Verbundenheit mit dem Himmel macht uns selbst zu Mittlerwesen. Wir geraten in Gefahr, wenn wir die eine oder die andere Verbundenheit vernachlässigen.

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