(7) Apokalyptische Hoffnung?

Auf erstem Blick wirken beide Begriffe der Überschrift wie ein Widerspruch: Die Apokalyptik befasst sich mit Endzeitschlachten, mit Weltuntergangsszenarien, mit Zerstörung und Vernichtung. Ganz anders dagegen die Hoffnung, die doch bei dem Positiven ansetzt, auf das Gute in der Zukunft vertraut. Wie sollten beide zu vereinen sein, wie sollte es „apokalyptische Hoffnung“ geben können?

Der populäre Begriff Apokalypse

Wenn nun diejenigen Geschichten, die in Kinofilmen und manchen Romanen unter Apokalyptik zusammen gefasst werden, das Maß für Apokalyptik darstellen, dann sind mit ihr tatsächlich nahezu hoffnungslose Geschichten bezeichnet. Anders ist es allerdings, wenn mit Apokalypse jenes Buch der Bibel gemeint ist, dass einem Johannes von Patmos zugeschrieben wird: Die Offenbarung des Johannes, das letzte Buch der Bibel.

Zu dem Begriff Apokalypse

Eine kurze Erläuterung zum Begriff der Apokalyptik: Von der Offenbarung des Johannes ist auch die Gattungsbezeichnung abgeleitet: Apokalyptik. „apokalyptein“ ist griechisch und bedeutet so viel wie „aufdecken, offenbaren“. Die Stilmittel dieser Apokalypse sind in manchen antiken jüdischen und christlichen Texten identifiziert worden, worauf der Sammelbegriff Apokalyptik entstand.

Der Anfang der Offenbarung des Johannes

Wieso sollte die Offenbarung des Johannes eine andere Perspektive auf das Thema Hoffnung eröffnen? Der Text beginnt mit den Worten: „Dies ist die Offenbarung Jesu Christi.“ (Kapitel 1 Vers 1) Das heißt, von Beginn an knüpft der Text an das Zeugnis von Jesus Christus an, an das Evangelium, die Frohe Botschaft. Schon im dritten Vers heißt es: „Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben steht; denn die Zeit ist nahe.“ (Kapitel 1, Vers 3) So beginnt kein Weltuntergangsszenario, keine Geschichte, die Angst und Panik schürt, sondern eine Darstellung, die zum Durchhalten aufruft, die die Hörenden und die Lesenden als die Seligen anspricht.

Schwache Stimmen der Hoffnung

Was dann folgt, ist allerdings heftig, leidvoll und auch atemberaubend zerstörerisch. Das macht verständlich, warum viele mit diesem Buch in der Bibel hadern: So viel Leid, so viel Zerstörung. Wozu das Ganze, möchte man ausrufen! Aber mitten im Zerstörungsrausch kommt eine Stimme zu Wort, die das Lied des Lammes singen, ein Lobpsalm: „Groß und wunderbar sind Deine Werke, allmächtiger Gott.“ (Kapitel 13, Vers 3). Dieses Lied steht wie ein großes Dennoch gegenüber den Plagen und Kriegen und Zerstörungen.

Das große Hoffnungsbild

Schließlich endet die Offenbarung des Johannes mit dem großen Finale: „Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen.“ (Kapitel 21 Vers 1) Zu hören ist eine Stimme: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen (…) und Gott wird abwischen alle Tränen.“ (Kapitel 21 Verse 3,4) So reiht sich das Buch schließlich ein in das Evangelium von dem Auferstandenen, der frohen Botschaft, die eine neue Schöpfung verkündet.

Hoffnung auch im Angesicht von Leid

Dennoch bleiben die drastischen Darstellungen. Das macht diese Hoffnungsgeschichte sperrig und schwer verdaulich. Wenn es schon so viel Leid in der Welt gibt, wer will dann das auch noch lesen? Vielleicht aber steckt gerade in dem Aussprechen des Leides auch eine Stärke des Textes!? Denn an dem Leid der Welt sieht er nicht vorbei. Wenn Hoffnung nur wäre, wenn wir die Augen vor dem Leiden und den Zerstörungen verschließen, dann ist Hoffnung doch das, was Religionskritiker ihr immer vorgeworfen haben: Eine Flucht aus der Realität, eine Vertröstung auf ein diffuses Jenseits. Es ist gerade eine Stärke des Textes, nicht zu kaschieren und schön zu malen.

Die großen Gefahren der apokalyptischen Bilder

Doch Gutes und Schlechtes sind hier nah beieinander. Ohne Zweifel kann der Text leicht missbraucht werden, um Gewalt zu bagatellisieren oder, noch schlimmer, um sie als notwendig zu erklären. Von diesem Text geht deshalb eine Gefahr aus.

Es gibt eine weitere, wichtige Einschränkung: Das Böse und die Gewalt üben eine eigentümliche Faszination aus. Jesus Christus als das Lamm Gottes, oft dargestellt in Kirchen, kommt im Text an mehreren Stellen vor, wirkt aber weniger interessant. Viel interessanter erscheinen der Drache, das Tier mit den Hörnern, die Hure Babylon. Gerade das hat in der breiten Rezeption viel Aufmerksamkeit gefunden. Doch im Mittelpunkt steht das Lamm, Jesus Christus, mit ihm beginnt der Text und mit ihm endet er auch.

Trotzige Hoffnung

Die Offenbarung des Johannes ist eine sperrige, eine trotzige , sicherlich auch eine gefährliche Hoffnungsgeschichte. So ist sie auch Teil der biblischen Tradition. Vielleicht kann sie helfen, christliche Hoffnung und ihre Dimensionen noch einmal anders zu entdecken? Eine Hoffnung, die bestehen bleibt, auch wenn wir die Augen aufmachen und die Welt in ihren Verwerfungen sehen?

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(6) Gegen Hoffnung auf Hoffnung hin

In den bisherigen Beiträgen zur Hoffnung wurde deutlich: die Haltung der Hoffnung ist nicht für gute Zeiten reserviert. Wenn alle Prognosen auf eine gute Zukunft weisen, bedarf es nicht viel Hoffnung. Da reichen schon die Informationen, ein wenig Informiertheit, ein wenig Zuversicht. Hoffnung erweist sich als eine Kraft, die gerade dann stark wird, wenn die Prognosen nicht so gut sind.

Die Hoffnung des Abraham in der Hebräischen Bibel

Das wird auch in biblischen Texten hervorgehoben. Ein prägnantes Vorbild ist Abraham. Nach der Darstellung im ersten Buch Mose waren Abraham und Sarah, seine Frau, schon alt und betagt, als Gott ihnen Nachkommen verhieß. Die realistischen Prognosen waren sehr schlecht. Ein Text spricht davon, dass Abraham 100 Jahre und Sarah 90 Jahre alt waren, also biologisch jenseits aller Möglichkeiten noch eigene Nachkommen zu haben. Die Erzählung der Erzeltern ist komplex, die Verheißungen Gottes an Abraham beginnen im 12. Kapitel, sie werden im 15. Kapitel wiederholt, im 17. Kapitel erfolgt der Bundesschluss, erst das 21. Kapitel schildert dann die Geburt des Sohnes Isaak.

Abraham in der Interpretation des Paulus

Paulus greift diese Erzählung auf, um die Vorbildlichkeit des Abraham darzustellen, der allein auf Hoffnung hin glaubte. Ein zentraler Vers im vierten Kapitel des Römerbriefs lautet in der Luther Übersetzung von 2017: „Wo keine Hoffnung war, hat er auf Hoffnung hin geglaubt.“  (Vers 18) Die Zürcher Bibel ist näher am griechischen Text: „Wider alle Hoffnung hat er auf Hoffnung hin geglaubt.“ Die Formulierung ist paradox zugespitzt: „gegen die Hoffnung auf Hoffnung hin“.

Diese Formulierung ist für Paulus zentral, um die vorbildliche Kraft des Glaubens bei Abraham hervorzuheben: „Er zweifelte nicht an der Verheißung Gottes durch Unglauben.“ (Vers 20) Im Gegenteil, er war stark in diesem Glauben der Hoffnung. „Er wusste auf das Allergewisseste: Das was Gott verheißt, das kann er auch tun.“ (Vers 21)

Es geht Paulus um die Interpretation des Glaubens. Für diesen Glauben ist die Hoffnung offenkundig eine zentrale Komponente. Die Hoffnung ist ein Festhalten und nicht Zweifeln an der Verheißung Gottes. Der Glaube, den Paulus hier in den Mittelpunkt stellt, ist ein Glaube an die Verheißung und damit zugleich ein Ausdruck der Hoffnung.

Hoffnung wider die Hoffnung? Eine Paradoxie, die keine ist

Die Paradoxie der Hoffnung in dem zitierten Vers von Paulus ist nur auf erstem Blick eine echte Paradoxie, ein unauflösbarer Widerspruch. Tatsächlich lässt sich der Widerspruch recht leicht auflösen. Denn es gibt zwei unterschiedliche Referenzrahmen, aus der heraus Hoffnung begründet werden kann. Der erste Rahmen wird durch die Lebenssituation und das biologische Alter von Abraham und Sarah aufgespannt. Hier ist klar: Alle Erwartungen auf eine positive Wende, auf die Geburt des ersehnten Nachkommens, sind vollkommen unrealistisch und unbegründet. Der zweite Rahmen wird durch die Verheißung Gottes aufgespannt: Da Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde, einen Nachkommen verheißt, kann das Unmögliche möglich werden.

Paulus lobt nun Abraham, weil er den einen Rahmen, den der Verheißung Gottes, dem anderen Rahmen, der nüchternen biologischen Betrachtung vorgezogen hat. Also ein Vorzug von religiösen Erfahrungen gegen eine realistische Einschätzung? Können wir das vorbildlich nennen?

Die Hoffnung jenseits des Realismus

Ja, gerade diese Möglichkeit zeichnet Hoffnung aus! Wer allein die realistische Blickrichtung einnimmt, die oder der braucht keine Hoffnung, sondern fragt nach der exaktesten Prognose. Doch hat die menschliche Geschichte die Eigenschaft, überkomplex zu sein. Die Zukunft lässt sich auch mit den besten Prognosen nicht genau vorhersagen. Und, noch wichtiger: Selbst wenn es in beschränkten Fragen eine eindeutige Prognose gibt, so bleibt offen, wie denn die Entwicklung zu bewerten ist, was sich weiterhin aus ihr ableiten lässt.

Die Hoffnung bindet sich wohlverstanden nicht an realistische und möglichst präzise Prognosen, sondern steht für die religiöse, spirituelle, philosophische Möglichkeit, auf die Grenzen realistischer Prognosen hinzuweisen oder ihre Vorhersagen neu zu bewerten.

Hoffnung sieht mehr

Abraham tat genau das. Hoffnung ist mehr als die Bestätigung einer möglichst realistischen Prognose. Sie ist die Kraft, unentdeckte Kraftlinien der Geschichte zu entdecken und sie ist die Kraft, die realistischen Daten der Geschichte neu zu bewerten. Dazu können Träume, kulturelle Ahnungen über die Tendenzen der Geschichte helfen wie bei Ernst Bloch. Oder es helfen die Verheißungen Gottes. Nach Paulus hat Abraham genau an diesen Verheißungen festgehalten. Darin bestätigt er eine besondere Fähigkeit, die dem christlichen Glauben zukommt.

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(5) Hoffnung hat die Kraft zu Erzählungen

Hoffnung ist nicht einfach der Ausdruck für eine positive Sicht auf die Zukunft. Eine positive Sicht auf die Zukunft kann sich aus einigermaßen sicheren Prognosen ableiten: Morgen scheint die Sonne. Mit guten Daten ist die Wetterprognose heute einigermaßen sicher. Doch ist es ein Ausdruck von Hoffnung, wenn dann jemand aufgrund der Prognose zuversichtlich ist, dass morgen die Sonne scheint? 

Am Anfang ein Defizit

Hoffnung, so das bisherige Ergebnis, ist gerade elementar mit einem Mangel verbunden, mit einem Mangel an Überblick über die Gegenwart, mit einem Mangel an Prognosefähigkeit. Die radikale Hoffnung ist sogar von dem tiefgreifenden Defizit geprägt, dass ein ganzer kultureller Rahmen abbricht und es keinen Zugang mehr gibt zu den vertrauten Erzählungen.

Die Brücke zu künftigem Sinn

Was macht die Hoffnung mit dieser Situation? Sie entwickelt trotz der Einschränkungen die Fähigkeit zu Erzählungen, die in die Zukunft weisen. Erzählungen wiederum unterscheiden sich von Prognosen. Prognosen sind desto besser, je genauer die Datenbasis, je umfassender das Wissen um die Gegenwart ist. Erzählungen bleiben vage. Sie fixieren kein Wunschbild als zukünftigen Zustand. Aber das ist kein Makel, das ist ihre Stärke. Denn mit ihrer Unbestimmtheit eröffnen sie einen Raum für künftige Entwicklungen. Sie bieten ein Gerüst, das nicht darüber bestimmt, was mit welcher Wahrscheinlichkeit eintrifft, sondern das hilft, in den möglichen Entwicklungen Sinn zu finden.

Ein Traum als Brücke

Diese Erzählungen in die Zukunft hinein können sehr bruchstückhaft sein. Sie bieten keine ausgeschmückten, detailverliebten Szenerien. Plenty Coups, der Häuptling der Crow (siehe letzter Blog-Eintrag), leitet die Erzählung, die ihm eine sinnhafte und erfüllte Zukunft der Crow auch nach dem kulturellen Abbruch durch den Einzug in das Reservat ermöglicht, aus einem Traum ab. Der Traum kennzeichnet für ihn den Kontakt mit Kräften, die weiter reichen als das menschliche Vermögen. Der Traum legt damit ein Fundament für eine Erzählung in die Zukunft, die Sinnerwartungen ermöglicht.

Die Meise fordert zum Zuhören auf

Sein Traum ist der von einer Meise, die in einem Baum sitzt. Es kommen Stürme auf, aber die Meise widersteht allen Stürmen, anders als alle anderen Vögel. Ihr wird in dem Traum die Fähigkeit zugeschrieben, genau zuzuhören. Die Weisheit der Meise besteht also nicht darin, selbst wahr und falsch zu unterscheiden, sondern sich ihrer Umgebung zu öffnen und genau hinzuhören und angemessen auf die Umgebung zu reagieren. Diese Haltung weist für Plenty Coups in die Zukunft: Die Pfade der Zukunft sind nicht solche, die sich bruchlos aus der Vergangenheit ableiten lassen, sondern solche, in denen es darauf ankommt, die Umgebung genau zu studieren und flexibel auf diese Kräfte einzugehen.

Plenty Coups hört zu

Plenty Coups versteht dies so, dass er auf die neuen Bedingungen hört, die durch die Anwesenheit der Weißen und ihrer staatlichen Ordnung gegeben sind. Diese Ordnungen sind ihm und den Crow fremd, er übernimmt sie auch nicht einfach. Aber zugleich opponiert er nicht. Er achtet auf die Freiräume, die sich bieten. Er engagiert sich unter den neuen Bedingungen politisch und pflegt die Kontakte nach Washington. Dadurch gelingt es ihm, manche Entscheidungen im Sinne der Crow zu beeinflussen. Aus der traditionellen Erzählstoffen wäre sein Verhalten nicht beschreibbar, in gewisser Weise sinnlos.

Der zukünftige Sinn

Für Plenty Coups galt: Nur wer genau hinhört, überlebt die Stürme der Veränderung. In gewisser Weise bietet der Traum von der Meise eine Brücke. Er partizipiert an der alten Welt der Crow, auch dort hat die Meise eine bestimmte Rolle. Er weist zugleich in die Zukunft, er wird zum Ausdruck radikaler Hoffnung, die über das traditionell Beschreibbare hinaus geht. Hoffnungen bieten mit Erzählungen Brücken zu zukünftigem Sinn.

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(4) Was ist radikale Hoffnung?

Hoffnung ist eine große Kraft in der Gegenwart. Doch diese Kraft bezieht sie weniger aus einer Fülle, sondern eher aus einem Mangel. Davon war schon in den vorigen Blogeinträgen die Rede: Hoffnung ist grundlegend durch einen Mangel an Wissen gekennzeichnet. Anders gesagt: Wer alles weiß, hofft nicht. Es gilt eben nicht die Formel: Mehr Wissen führt zu mehr Hoffnung. Zugleich gilt auch nicht die Formel: Weniger Wissen führt zu mehr Hoffnung. Und doch ist Hoffnung nur möglich, wenn das Wissen begrenzt ist. Der Mangel kann bei der Hoffnung nicht zu weniger, sondern zu mehr Kraft führen!

Hoffnung und Wissen

Nichtwissen ist natürlich schon dadurch gegeben, weil es um die Zukunft geht. Aber das Nichtwissen erfasst bei der Hoffnung auch schon die Gegenwart. Ernst Bloch beschreibt das „Dunkel des gelebten Augenblicks“. Daraus erwächst bei ihm Hoffnung. In dem theologischen Ansatz von Jürgen Moltmann ist es die Verheißung Gottes. Die Menschen wissen nicht, wie die Zukunft aussieht, sie hören auf die Verheißung.  

Radikales Nichtwissen

Was ist dann radikale Hoffnung? Es ist naheliegend zu folgern: Eine radikale Hoffnung ist jene Hoffnung, die Menschen haben, bei denen auch das Nichtwissen radikal wird. Radikale Hoffnung können nur jene Menschen entwickeln, die weder ein noch aus wissen, die keine Zukunft mehr sehen. Diese Definition legt tatsächlich auch das Buch von Jonathan Lear nah: „Radikale Hoffnung. Ethik im Angesicht kultureller Zerstörung“. In einem früheren Blogbeitrag bin ich auf dieses Buch schon eingegangen (link).

Das Schicksal der Crow

Lear untersucht und beschreibt das Schicksal einer bestimmten Volksgruppe der indigenen Bevölkerung Nordamerikas, der Crow. Im Mittelpunkt steht Plenty Coups, jener Häuptling, der in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts darin eingewilligte, dass die Crow in ein ihnen zugewiesenes Reservat umzogen. Im Zentrum von Lears Buch steht ein einprägsamer Satz von Plenty Coups: „Danach ist nichts mehr geschehen.“ Dieser Satz bezieht sich auf den Umzug. Warum sollte nichts nach dem Einzug ins Reservat mehr geschehen sein? Tatsächlich hat Plenty Coups noch viele Jahre erfolgreich Politik gemacht und ist in Washington immer wieder für die Interessen seines Volkes eingetreten.

Dieser Satz weist darauf hin, dass es für das Volk der Crow mit dem Umzug in das Reservat einen völligen kulturellen Umbruch gab. All ihre Symbole, ihre Erzählungen, ihre sozialen Rollen, ihre Ideale funktionierten mit einem Mal nicht mehr. Der Umzug in das Reservat stand für einen tiefgreifenden, für einen radikalen kulturellen Umbruch. Das Neue, das, was die Menschen erwartete, war mit ihren Mitteln nicht beschreibbar, deshalb die Formulierung: Danach ist nichts mehr geschehen.

Umbruch der Lebensformen

Lear macht in nüchterner Distanz deutlich, dass es nicht um eine kurzschlüssige Romantik geht, also darum, die Lebenssituation der Crow vor dem Umzug schön zu malen. Für die Crow gab es zwei bedeutende Ereignisse in ihrem Leben: Die Jagd der Büffel und der ständige Krieg mit den Sioux. „Einen Coup setzen“ bedeutet, einem Todfeind im Kampf eine Grenze zu zeigen und diese mit Einsatz des Lebens zu verteidigen. Lear stellt das Leben der Crow durch und durch kriegerisch dar.

Doch um eine Beurteilung der Lebensform geht es ihm nicht. Es geht ihm um den radikalen kulturellen Einbruch, den die Crow erleben und durchleben mussten durch den Umzug ins Reservat. Wie sollten sie in dieser Situation positiv in eine ihnen völlig unzugängliche Zukunft schauen?   Ihr Wissen um das, was sich von da an entwickeln sollte, war radikal begrenzt. Eine solche Nullpunktsituation ist nach Lear aber zugleich der Ort radikaler Hoffnung.

Radikale Hoffnung als radikale Kraft

Radikale Hoffnung hat nichts mit Optimismus zu tun, nichts mit der treuherzigen Devise: „Es wird schon irgendwie gut gehen.“ Radikale Hoffnung ist eher die Fähigkeit, bei einem totalen Abbruch der Sinnzusammenhänge weiter zu leben und das Leben zu gestalten, neuen Sinn zu schaffen. Das ist eine erstaunliche Fähigkeit, die Selbstaufgabe läge näher. Diese „Tugend“ mussten die Crow ausbilden, um zu überleben. In diesem Sinne kann es offenkundig für Menschen und Gemeinschaften, die vor einem tiefgreifenden kulturellen Neuanfang stehen, den Weg der radikalen Hoffnung geben.  

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(2) Hoffnung, die verzagte Schwester des Optimismus?

Was zeichnet Hoffnung aus? Immer wieder wird gesagt, Menschen könnten heute kaum noch Hoffnung haben, weil doch die Aussichten so schlecht sind. Aber was meint das? Heißt das im Umkehrschluss, dass Hoffnung dann besonders stark und kräftig ist, wenn die Aussichten gut sind? Das wirkt wie eine Trivialität und ist auch eine. Wenn der Blick auf die Zukunft gut ist, wenn es sicher scheint, dass sich die Verhältnisse zum Guten wendet, braucht es dann noch Hoffnung?

Grenzen des Wissens bei Bloch

Im letzten Beitrag ging es um einige Beobachtungen zu Ernst Bloch. Es ist doch sehr aufschlussreich, dass sein Ansatz der Hoffnung gerade mit einer grundlegend unbekannten Gegenwart, dem Dunkel des gelebten Augenblicks korrespondiert. Hier taucht ein Mangel auf. Hoffnung ist gerade dann stark, wenn wir etwas nicht wissen. Bei Bloch ist es die Gegenwart, die wir nicht genau kennen. Denn die Gegenwart ist seiner Ansicht nach nicht ausmessbar, sondern verändert sich ständig, sie gärt, in ihr formt sich Zukünftiges. Hoffnung hat also mit einem Nichtwissen zu tun, das durch die unablässige Veränderung der Welt bestimmt ist. Die Welt selbst ist im steten Wandel. Dementsprechend kennt unser Bewusstsein einen dunklen Punkt. Es fällt leichter, etwas mit Abstand zu beurteilen als aus dem unmittelbaren Geschehen heraus, deshalb ist der Augenblick immer auch unverstanden.

Geschichte als Tendenzwissenschaft

Nach Bloch ist der Wandel der Welt nicht willkürlich, allein durch einen blinden Zufall bestimmt. Es gibt Tendenzen, die sich aus der Geschichte ablesen lassen. Hier knüpft Bloch an den klassischen Marxismus an. Aber auch dann bleibt vieles unverstanden. Diese konzeptionelle Offenheit des Ansatzes von Bloch bietet eine reiche Verbindung zur Kultur, zur Musik und Dichtkunst, weil er ihnen zubilligt, mehr über die Zukunft zum Ausdruck bringen zu können als die simple Berechnung.

Die Ideologie der Berechenbarkeit

Die Einsicht in die sich wandelnde Welt und in unser begrenztes Wissen hilft, sich nicht ganz den Berechnungen und Prognosen zu überlassen und sich an sie zu klammern. Viele Menschen unserer Zeit neigen dagegen dazu, die Welt im Großen und Ganzen für berechenbar zu halten. Dementsprechend gehorcht die Welt festen Gesetzen und entwickelt sich geradlinig in die Zukunft wie auf Schienen. Gäbe es nur Computer, die groß genug wären, gäbe es nur genügend Daten, könnten alle zukünftigen Weltzustände berechnet werden. Und da die Fähigkeit zu Simulationen im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz große Fortschritte gemacht hat, rückt das Ziel einer berechenbaren Welt scheinbar immer näher.

Das ist nach Bloch ein radikaler Irrtum. Es ist im Übrigen auch eine Fehlinterpretation der wissenschaftlichen Beschreibungen der Wirklichkeit, die an vielen Stellen keine letzten Antworten kennen, sondern offene Frage haben. Die Einsicht in den Wandel der Welt wird von einer Unwissenheit begleitet, die nicht aufgehoben werden kann. In Zeiten der Berechnungen und Prognosen wird diese fundamentale Unwissenheit verdrängt. In dieser Zeit gibt es auch wenig Platz für Hoffnung. Der Grund ist aber nicht in erster Linie, dass die Zukunft so düster dasteht, sondern, dass die Ahnung von den Grenzen des eigenen Wissens geschwunden ist.

Ist die Prognose der Hoffnung vorzuziehen?

In einer durchgerechneten Welt gälte: Eine fundierte optimistische Prognose ist auf jeden Fall besser als eine diffuse Hoffnung. Hoffnung ist eher ein Zeichen für eine beklagenswerte Situation: Gibt es keine gute Prognose, lassen sich die verfügbaren Daten nicht mit der Aussicht auf eine gute Zukunft verbinden, dann bleibt nur eine (vage) Hoffnung. Hoffnung ist Optimismus in düsteren Zeiten. „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Aber sie stirbt eben auch. Hoffnung wird dann schnellt zu einer Haltung, sich eine Sache schön zu reden. Dann ist Hoffnung angesichts einer schlechten Prognose so trivial wie auf der anderen Seite ein Optimismus angesichts einer guten Prognose.

Doch, wenn die Wirklichkeit in ihrem Wandel Untiefen hat, die sich nicht einfach ausloten lassen, wenn wir Menschen bei aller Technik und Wissenschaft über begrenztes Wissen verfügen, wenn unsere Gegenwart immer von einem Schleier des Unverstandenen begleitet wird, dann kann die Hoffnung eine ganz andere Rolle spielen. Sie wird zum Ausdruck einer Haltung, die der Gegenwart jene Tendenzen abspürt, die in eine bessere Zukunft weisen. Diese Tendenzen gibt es immer, in jeder noch so verfahrenen Situation. Dann ist die Hoffnung nicht die verzagte Schwester der Prognose, sondern eine ganz eigene existentielle Kraft, die nicht davon lässt, dass es gute Tendenzen in der Geschichte gibt, die es zu verwirklichen gilt.

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